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«Wir verraten durch ständige Anpassung unsere Werte und Ziele»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 12. Mai 2012
Uwe Böschemeyer

Uwe Böschemeyer

Was hindert uns daran, in Beruf und Privatleben mutiger unsere Ziele zu verfolgen? «Wir neigen zu Egoismus oder Selbstmitleid, haben aber das Mitgefühl mit uns selber verlernt», sagt der Psychotherapeut und Buchautor* Uwe Böschemeyer. Seit 30 Jahren begleitet der heute 73-Jährige Klienten auf dem Weg zu mehr Freiheit, Standhaftigkeit und Lebensfreude. Sein eigener Weg war alles andere als einfach. Download der PDF-Datei 

Herr Böschemeyer, Sie haben als Schüler und Student so stark gestottert, dass Sie kaum sprechen konnten. Heute referieren Sie vor grossem Publikum darüber, wie man freier und mutiger leben kann. Wie haben Sie Ihre Sprachblockade überwunden?
UWE BÖSCHEMEYER: Zwei Dinge waren entscheidend: Erstens habe ich mich ausführlich mit meinen ersten Lebensjahren auseinandergesetzt, um zu verstehen, was mich hat verstummen lassen im fünften Lebensjahr. Man muss die Unfreiheit begreifen und bewusst auf Distanz gehen zu ihr, um frei werden zu können. Zweitens habe ich durch Imaginationsarbeit Teile von mir kennengelernt, die ich nicht gelebt hatte. Ich fühlte, dass meine Identität viele verborgene Aspekte hatte, dass ich viel mehr sein konnte als dieser einsame, in sich gekehrte Schweiger. Ich habe mir vorgestellt, wie es sein wird, wenn ich dereinst vor vielen Menschen darüber spreche, wie sich der Mensch frei entfalten kann. Diese inneren Bilder waren wie Magnete für mich. Ihre Anziehungskraft war so gross, dass die Veränderung in Gang kam.

Sie haben zunächst als Gemeindepfarrer gearbeitet, wurden dann an die Universität berufen, wo Sie systematische Theologie unterrichteten. Warum haben Sie mit gut 40 Jahren Ansehen und Sicherheit gegen ein ungewisses Abenteuer eingetauscht?
Mir war klar geworden, dass ich nicht so weiterfahren darf. Ich hätte den Weg weitergehen können, aber es war eindeutig nicht mehr mein Weg. So gab ich meine sichere Beamtenstelle auf und gründete in Hamburg, Berlin und Salzburg Institute für Logotherapie und Existenzanalyse. Viele Menschen, die mir nahe waren, erklärten mich für verrückt. Ich hatte zwei Kinder zu versorgen und konnte auf keine finanziellen Reserven zurückgreifen. Meine einzige Gewissheit waren ein enorm starker Wunsch und das Zutrauen, dass ich ein guter Psychotherapeut werden kann. Zum Glück habe ich mich darin nicht getäuscht. Dieses Jahr feiern wir mit den Instituten das 30-Jahr-Jubiläum und die Nachfrage ist unverändert gross.

Sie haben mehrere tiefgreifende Veränderungen durchlebt. Viele andere Menschen verharren im Gewohnten, obwohl sie sich nicht wohl fühlen in ihrem Beruf oder in ihrer Beziehung. Was hält diese Menschen zurück?
Die Gründe können sehr unterschiedlich sein. Ich vermute, es gibt so etwas wie eine Seinsfaulheit, einen Mangel an Begeisterung für das Leben. C. G. Jung kam zum Schluss, die Natur des Menschen sei konservativ, er verändere sich nur in der Not. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Natürlich kann Leidensdruck eine grosse Kraft sein – sie hat allerdings den Nachteil, dass sie sich abschwächt, sobald wir uns ein wenig vom Leiden entfernen. Wenn wir uns dagegen auf ein stimmiges Ziel ausrichten, kann daraus eine grosse, wachsende Anziehungskraft resultieren. Vielleicht haben wir verlernt, gross zu denken. Wir richten uns lieber resignativ ein in unserem Unglück und geben gerne anderen die Schuld daran. Oder wir lenken uns mit exzessiver Arbeit und Statussymbolen von der Frage ab, ob wir eigentlich das Richtige tun.

Wie sollen wir wissen, was das Richtige ist?
Dafür braucht es wieder vermehrt etwas jenseits von Egoismus oder Selbstmitleid, nämlich Mitgefühl mit sich selber. Wer sich selbst ein Freund ist und darüber hinaus fähig, auf Distanz zu gehen zu seiner aktuellen realen Existenz, der spürt leichter, was ihm fehlt und was ihm gut täte. Wir sollten endlich begreifen, dass es kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit, sich regelmässig die Frage zu stellen: Wer bin ich und was gehört zu mir? Wer diese existenzielle Frage immer wieder für sich beantwortet, kommt sich selber näher. Dadurch gewinnt er an Standhaftigkeit und Energie. Ich habe so viele Menschen gesehen, die – teilweise von Angst getrieben – über sich selber marschiert sind, die müde und abgekämpft waren vom Gewicht der Masken, die sie trugen. Mangels Freundschaft mit uns selber gehen wir oft den bequemen Weg und verraten durch die ständige Anpassung unsere Werte und Ziele.

Sich selber zu hinterfragen, ist ein einsames Unterfangen. Helfen Gespräche mit Familie und Freunden?
Ja und Nein. Letztlich geht es immer wieder um die Frage, ob wir die kurze Lebensspanne zwischen Geburt und Tod so sinnvoll wie möglich nutzen. Diese Frage können wir nur für uns selber beantworten. Viele Menschen brennen aus, statt vor Lust am Leben zu brennen. Ich bin kein Burnout-Experte, aber ich glaube, dass Burnout oft von einer zu grossen Anpassung an die bestehenden Bedingungen herrührt. In vielen modernen Berufen wird eine geradezu unmenschliche Anpassungsleistung verlangt. Auch Freunde reduzieren uns manchmal auf das, was wir sind, sie wollen uns so sehen, wie sie uns schon kennen. Ein umso grösseres Geschenk ist es, wenn wir auf Menschen treffen, die uns nicht am Ist-Zustand messen, sondern daran, was wir werden können. Bei mir war das Anfang der Siebzigerjahre Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie. Er gab mir mit Worten und Aufträgen zu spüren, welches Potenzial er in mir sieht.

Mit welchen Anliegen kommen Ihre Klienten zu Ihnen in die Beratung?
Es geht um verschiedenste Sinnfragen. Ich verstehe mein Angebot als dritten Weg neben Lebensberatung und Psychotherapie. Im Zentrum stehen nicht pathologische Leiden, sondern existenzielle Leiden. Wenn jemand an seinem Beruf leidet, nicht über den Verlust einer geliebten Person hinwegkommt oder in Beziehungen immer wieder ähnliche Probleme hat, dann ist er nicht krank, aber zurückgeworfen auf die Frage, wer er ist. Oft klaffen Aussensicht und Innensicht weit auseinander. Menschen kommen zu mir und sagen: «Ich habe doch alles, eigentlich müsste ich über die Dächer springen können vor Glück, aber das Gegenteil ist der Fall: Ich weiss nicht wer ich bin und wozu ich da bin. Da ist eine Leere, die mich beelendet.»

Und dann suchen Sie sich in langen Gesprächen nach Antworten?
Ich arbeite stark mit der Werteimagination. Die meisten Menschen wünschen sich mehr Sinn und innere Freiheit. Über die Ratio alleine finden wir da keinen Zugang. Solche Werte sind im Unbewussten verwurzelt. Bei der Werteimagination arbeiten wir mit Symbolen und Gestalten, die uns über verborgene Aspekte unserer Identität Auskunft geben können. Das ist keine Arbeit auf rationaler Ebene, sondern eine mit inneren Bildern, vergleichbar mit jenen Gestalten, denen wir im Traum begegnen. Die Werteimagination erlaubt uns, Denken und Fühlen in Übereinstimmung zu bringen, aufrichtig zu leben und uns unabhängiger zu machen vom Urteil anderer. Es gibt so viele Menschen, die in alten Denk- und Fühlmustern gefangen bleiben, ohne dass ihnen das bewusst wäre. Dies und die pausenlose Zerstreuung tragen dazu bei, dass wir in einer begeisterungslos gewordenen Welt leben, wie der Neurobiologe Gerald Hüther festgestellt hat.

Und Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Ihre Begeisterung fürs Leben zu teilen?
Ja, dieser Wunsch treibt mich an, deswegen bin ich im Alter von 73 Jahren mit so viel Energie unterwegs. Ich erinnere mich noch gut, wie unangenehm mir früher die Vorstellung war, vor anderen zu sprechen. Kürzlich hielt ich in Hamburg vor über 1000 Zuhörern einen Vortrag zum Thema «Begeisterung fürs Leben». Ich habe das nicht nur geschafft, ich konnte es geniessen – weil ich spürte, wie ich das Publikum anstecken konnte mit meinem inneren Feuer. Ein Punkt ist mir noch wichtig: Ich glaube, dass wir auf Dauer nicht stark genug sind, wenn wir uns nicht für die Frage öffnen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Erst diese spirituelle Komponente gibt der Selbstverwirklichung ihren tieferen Sinn.

* Das Buch:
Uwe Böschemeyer: Machen Sie sich bitte frei. Entdecken Sie Ihre Furchtlosigkeit. Ecowin, Salzburg 2012.

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30 Kommentare zu “«Wir verraten durch ständige Anpassung unsere Werte und Ziele»”

  1. stuker sagt:

    Danke, dieser Beitrag ist genau zur richtigen Zeit gekommen und werde noch heute sein Buch in der Stadt kaufen gehen.

  2. Sacha Meier sagt:

    Der gute Herr Böschemeyer scheint irgendwie noch im vorigen Jahrtausend zu leben. Heute haben wir die neoliberale Globalisierung samt Sozialdarwinismus. Nur wer hochgradig angepasst, führbar, willig und billig ist, bekommt einen der immer rarer werdenden Arbeitsplätze in unserer westlichen Zivilisation. Das gilt besonders für Akademiker aus natur- und ingenieurswissenschaftlichen Disziplinen, die nicht das Glück hatten, zur führenden Elite zu gehören, sondern innovativ tätig waren. Wie das funktioniert, sehe ich nicht nur an mir selber, sondern an meinem gesamten Umfeld. Charakterstarke Persönlichkeiten sollten entweder den westlichen Kulturkreis verlassen (solange sie noch können und dürfen) – oder eine der immer zahlreicher werdenden Angebote einer Konformisierungs-Therapie nutzen.

  3. Skeptikus sagt:

    Dass das Leiden zum Menschen gehoert, ist eine alte Erkenntnis.
    Aber Menschen koennen sich auf Grund dieses Leidens verschieden entwickeln.
    Es gibt dynamischere (wie der Interviewte) – und phlegmatischere Naturen…

  4. Hampi Zaugg sagt:

    das ist weisheit vom feinsten. was mir manchmal in schwierigen veränderungsphasen hilft: in 1000 jahren wird niemand mehr wissen, wer gegen oder für dich war. wir leben wenige jahre und dieses geschenk sollten wir so gut wie möglich mit eigenen bedürfnissen füllen. manchmal ein rebell zu sein, tut gut.

  5. lucius mayer sagt:

    Hoch lebe die Seinsfaulheit! Das ursprüngliche Chaos kennt kein Bedürfnis nach Differenzierung. Während der Altsteinzeit, 99 % der Geschichte der Menschheit, wurde rund 1/4 der Wachzeit zum Erwerb des Lebensunterhalts verwendet, also etwa 4 Stunden täglich, vor allem Jagen und Sammeln in der Natur. Die heutige Losung: «15 Stunden täglich schuften oder arbeitslos sein» macht die Menschen kaputt. Schlaft lieber aus!

  6. Sonja Sempacher sagt:

    @lucius mayer: Zum Thema Ausschlafen stimme ich Ihnen zu. Aber! wenn das ursprüngliche Chaos kein Bedürfnis nach Differenzierung kennt, wären Sie nicht da. wir alle stammen aus dem Chaos und haben hochdifferenzierte Körper-/Zellstrukturen.
    Die Differenzierung ist systemimmanent und ständig in Bewegung. Differenzierung ist die Basis der Kreativität des Universums.

  7. Chattanooga sagt:

    Der eigenen Harmonie zuliebe ist es schlicht undenkbar, (immer) harmonisch aufzutreten.

  8. Albert Baer sagt:

    Was mich an solcher Ratgeberliteratur stört ist, dass Probleme personalisiert und psychologisiert werden und die ganze politische Dimension total ausgeblendet wird. Darum ist es auch keine Überraschung, dass die Ratgeberliteratur vor allem aus den total überindividualisierten USA kommen (“It’s all in your head”, “You can do it, if you really want”, “Everything is possible”).

    Wären wir Menschen nur Individuen, bräuchten/hätten wir keine Sprache. Menschen sind vor allem auch soziale Wesen. Das soziale System hat grossen Einfluss auf unser Erleben und Verhalten.
    Ungleichheit in einer Gesellschaft führt zum Beispiel zu erhöhten Stress (durch Kampf um Anerkennung/Wertschätzung bzw. Angst vor dessen Verlust).
    Interessanter Artikel dazu im heutigen Magazin des Tages Anzeigers.

  9. Marcel Fantoni LEADY sagt:

    Begeisterung fürs Leben!
    Was für ein KRAFT, Wohlbefinden und Zuversicht spendendes Interview.
    Herzlichen Dank.

    mein Buchtipp: “Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn”, von Viktor E. Frankl
    PIPER Verlag, Sonderausgabe 2005, München
    ISBN-13: 978-3-492-04818-7

  10. @Albert Baer: Da haben Sie wohl recht, ich möchte ergänzen, dass es eben beide Ansätze braucht, den kollevkitven (sozial/politisch) wie auch den individuellen. Für mich heisst das, wir sollten mehr miteinander kommunizieren im Sinne gegenseitiger Inspiration und nicht indem wir einander beweisen wollen, wer recht hat. Ken Wilber hat ein interessantes Modell entwickelt, welches vier Dimensionen berücksichtigt: Ich (Individuum), Wir (sozial), sie (kollektiv Gesellschaft), es (das Objektive, die Wissenschaft). Um Nachhaltiges zu bewirken, sollten jeweils alle vier Dimensionen berücksichtigt sein.

  11. lucius mayer sagt:

    Sehr geehrte Frau Sempacher, aus Ihrer Blickwinkel bin ich einverstanden. Die Betonung der Ur-Indiffenziertheit hängt aber mit dem Thema «Seinsfaullheit» eng zusammen. Die Passivität, der Schlaf, das Chaos und die Asymmetrie sind gegenüber ihren Gegenteilen keinesfalls minderwertig, wie unsere durch Geldgier zur Hyperaktivität aufgepeitschte Zivilisation uns glauben machen will. Beispiel: KKW betreiben, um nächtliche Lichtverschmutzung zu erzeugen. Irrsinn im Quadrat!

  12. Sonja Sempacher sagt:

    @lucius mayer: Sie sprechen mir aus dem Herzen! Ein herzlicher Gruss von einer begeisterten Schläferin und Teetrinkerin, die dennoch oder gerade deshalb ? kreativ ist:)

  13. Geronimo Kühne sagt:

    Arbeit hat nicht nur den Aspekt des Vergnüglichen. Nur wenige Menschen können dies für sich beanspruchen. Der Strassenarbeiter atmet giftige Dämpfe ein, der Psychotherapeut fährt im Auto darüber, zum nächsten Vortrag in einem der drei aus dem Nichts gegründeten Institute. Der Strassenarbeiter würde vielleicht auch etwas anderes machen. Mit “Seinsfaulheit” hat dies nichts zu tun.
    Der Wunsch zu helfen, ist natürlich edel, und es ist auch schön, dass diese Selbstverwirklichung für manche funktioniert. Daraus zu schliessen, dass es für alle geht, und daraus allgemein gültige Richtlinien zu entwickeln, ist jedoch nicht korrekt. Ein gutes Stück Selbstvermarktung gehört auch dazu. Und dass diese wirkt, zeigen ja auch einige Kommentare …
    Nichts für ungut.

  14. Christian Duerig sagt:

    Neugierige Menschen können diesen Weg nicht gehen. Zu stark motivieren die Naturwissenschaften und Mathematik. Die Glücksgefühle nach dem Erlernten geben neue Impulse, neugierig weiter in die Naturwissenschaften und Mathematik einzutauchen. Viel Energie und Ausdauer, ein gute Gedächtnis, beherrschen der Logiken und der Beweistechniken, Konzentration und selbständiges Arbeiten bringen die Neugierigen weg von dem Alltäglichen. Die Sprache der Forschenden wird nur von wenigen verstanden. Ich bin sehr glücklich über das Internet. Hier kann ich sogar mit amerikanischen Professoren in Kontakt treten. Erstaunlicherweise gratis.
    Über meinen Glauben äussere ich mich nie, sondern helfe anderen Menschen mit meinem Wissen. Ich will sie nicht nur trösten.

  15. @ Lucius Mayer

    In der von Ihnen so bewunderten Jungsteinzeit mit den Daseinsgeniessern hatte ganz Europa kaum mehr als 20’000 Einwohner. Wollen Sie eneh, meneh, muuh abzählen und aussortieren?

  16. Markus sagt:

    Mir geht´s ähnlich wie Hr. Böschemeyer: bin 65 und begeistert von meiner Tätigkeit – lebe “im besten Alter”, das man haben kann. Alles bestens. Nur: das sagen WIR, Leute des “dritten Alters”. Was da wohl an Weisheit drinsteckt für das wachsende Heer von Jungen nach 5, 10, 50 oder 100 erfolglosen Bewerbungsschreiben? Die müssen zuerst mal CHANCEN erhalten, was zu tun, was für andere relevant ist. “Musst halt selbst was anfangen” (dem obigen Artikel gemäss: “was dir entspricht”; doch was entspricht denn mir? ..und mit welchen Mitteln mach ich, was ich möchte?) ist da für die meisten ein billiger Rat, nicht wahr?

  17. Albert Baer sagt:

    @ Wolfgang A. Haas

    Grundsätzlich bin ich mit ihnen einverstanden. Die Ratgeber- und Beratungsflut, sowie die Ausbreitung von diversen “Krankheiten” (Depressionen, Burn-Out, ADHS,…) deuten für mich jedoch darauf hin, dass der “Wurm” aktuell eher in der Umwelt, als in den Individuen zu suchen ist.
    Spätestens wenn 51% der Menschen mit etwas Probleme haben, sollte man sich überlegen, ob die 51% das Problem sind oder die Umwelt, in dem diese Probleme auftauchen.

    Trotzdem viel Erfolg mit Ihrem Beratungsunternehmen.
    😉

  18. Martina sagt:

    @ Albert Baer. Ja – aber die Umwelt gestaltet sich ja zu einem grossen Teil weit durch UNS. Es gibt ja diesen Satz: “Wer die Welt verändern will, sollte bei sich selber anfangen.”
    Und glauben sie nicht auch, dass sich die Umwelt eben nur dadurch umgestalten kann, wenn WIR MENSCHEN uns umgestalten?

  19. Philipp sagt:

    Sinn regiert die Welt? Alter Inhalt, neu (so neu auch nicht mehr) in Psychotherapie verpackt. Frankls Sinnglaube findet einfach seine Gläubiger. Die Folgen sind psychozentrierte Welterklärungen und leider auch entsprechend motivierte praktische Lösungen. Leben ist nicht nur Psyche, Psyche ist nur ein Teil des Lebens. Und man komme jetzt nicht mit dem Dualismus, dass ich wohl die Gefühle meine, die hier nicht gebührend gelten gelassen werden. Der Sinnglaube zentriert alles, alles Individuelle auf sich. Nein, es fehlt an Gefühl (also etwa doch?) vor der Fragmentarität des Lebens.

  20. Albert Baer sagt:

    @Martina

    Ich glaube einfach, dass Menschen grundsätzlich ok sind und nicht therapiert werden müssen und das menschliches Erleben und Verhalten sehr stark von der Umwelt mitbestimmt wird.
    Wenn z. Bsp. 5 Personen in einem Bus sind und eine Person sinkt ohnmächtig zusammen, ist die Chance, dass sich jemand oder alle von den 4 anderen Personen um die bewusstlose Person kümmert/kümmern viel grösser, als wenn sich die gleichen 4 Personen in einem vollen Bus befinden. Die 4 Personen sind in beiden Situationen die gleichen, das Verhalten aber ev. total unterschiedlich.
    Der Ökonomieprofessor Ernst Fehr (Uni Zürich) hat in seinen Forschungen zu Fairness z.B. festgestellt, dass sich die selben Personen je nach Umgebung sehr fair oder aber sehr egoistisch Verhalten können (natürlich gibt es auch Unterschiede von Person zu Person).

  21. Marcel sagt:

    @ Albert Baer: … genau, und dieses Verhalten wird (in der Psychologie) als Zuschauereffekt bezeichnet und kommt u. a. zustande, weil bei mehreren anwesenden Leuten die Furcht vor negativen Bewertungen oder Zweifel an der eigenen Kompetenz durch andere Leute erhöht wird, was den Kreis wieder schliesst und wir wieder beim einzelnen Menschen sind.

    Das Umfeld liefert zwar die Voraussetzung, aber nach meiner Meinung ist der Mensch der entscheidende Faktor in ihrem Beispiel, und ausgestattet mit einem gesunden Selbstvertrauen würden – so wie ich das sehe – wohl doch mehr Leute handeln statt nur zuzuschauen.

    Auch wenn man es sich in einer bestimmten Situation nicht bewusst ist, hat man doch immer die Wahlfreiheit, zu handeln. Wie man mit dem Druck/Erwartungen/usw. von aussen umgehen will, liegt einzig beim Individuum und kann trainiert werden.

    Gute Nacht!

  22. Willem Lammers sagt:

    Interessante Diskussion. Unsere Zivilisation hat es fertiiggebracht, das Individuum auf eine statistische Einheit zu reduzieren – ein ökonomischer Faktor als Konsument oder Produzent. Darüber besteht eine Übereinstimmung unter Globalisierungsbefürwörtern und – merkwürdigerweise auch – unter ihren Gegnern.

    Diese Entwicklung Einhalt zu gebieten ist nur möglich, wenn die auf beiden Seiten verlorengegangene spirituelle Dimension wieder entdeckt wird und eine eigenständige, führende Rolle erhält. Das kann heute nur auf der Basis individueller Entwicklungsprozesse geschehen, denn die Glaubenssysteme, die Werte vorgegeben haben, haben selbst ihre Glaubwürdigkeit verloren.

  23. Heinz Müller sagt:

    Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, das einzige Mittel der eigenen Ausbalanciert ist, sich selber der nächste zu sein.

    Wenn man alle äusseren Lebensumstände wegrechnet, steht man am Schluss relativ Nackt da. Aber man bekommt eine Vorstellung was einem wichtig sein könnte und was nicht.

    Über kurz oder lang sind Überlegungen was der Arbeitgeber und die Gesellschaft von einem erwartet irrelevant.
    Mehr noch: Sie sind ausreden sich die Konsequenzen der eigenen, mit ziemlicher Sicherheit risikoreichen, Lebensumstands-Erwartung nicht bewusst werden zu müssen.

    Schlägt man einen solchen Weg ein, wird man mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit, Geselschaftliche/Zivilisatorische Grenzen Ausloten und sehr viele Leute vor den Kopf stossen und es kann für die unmittelbare Umgebung sehr hart sein.

    Aber das ist es Wert.

    Was hat die Welt von einem unglücklichen Individuum?

  24. Schwarz sagt:

    Die Wertimagination nach Dr. Uwe Böschemyer ist mir sehr vertraut und ich wende sie gerne in der Beratung/Therapie an. Die existenzielle Lebenskrise wird dann um so grösser, wenn wir nicht die Werte leben bzw. verwirklichen, welche wir leben sollten. Durch die Wertimagination werden diese Werte schön sichtbar und der suchende/leidende Mensch kann sich aufmachen um zu verwirklichen, was er wirlich will und soll. Vom 15.– 18. November 2012 bietet das Institut für Sinnzentrierte Führung für interessierte Menschen eine Einführung in die Wertimagination nach Dr. Uwe Böschemyer in Basel an.
    http://www.i-s-f.ch/uploads/media/Einfuehrungsseminar_WI_2012.pdf

  25. Ewald Siegrist sagt:

    Ich hätte meinem Job noch, wenn ich mich angepasst (bzw. der Einschüchterung hingegeben) hätte. Aber den, den ich im Spiegel betrachten “musste”, sagte mir, wenn du dich anpasst , (dich durch Angst führen lassen willst), kenne ich dich nicht mehr. Also habe ich mit 55 meinen Job verloren (wurde nach 13 Jahren “Treue” in einer wunderbaren Familienunternehmung vom neuen CEO freigestellt) und nun mit 59 (inzwischen ausgesteuert) teilen mir auch die Temporärstellenvermittler mit, in ihrem Alter (59) sind sie (für 5’500.00 mtl.) nicht mehr vermittelbar.
    Man ist immer noch unterwegs, die meisten verstehen nicht wie – ich zwischendurch auch nicht mehr – welch eine wunderliche Gesellschaft mit ihren Werten und Zielen.
    Heute stehe ich mit beiden Füssen vor dem Abgrund – ich gehe keinen Schritt mehr in dieser Richtung weiter. Umkehr ist angesagt, bzw. in der für mich richtigen Richtung möchte ich weitergehen.

  26. Am Anfang sollte man darüber nachdenken und auch verstehen dass jeder Mensch ein Individuum ist, seine eigenen Gene aufweist. Das ist auch im gewissen Sinn ein Käfig aus dem schwer auszubrechen ist. Dazu kommt noch die Erziehung die uns eine gewisse Richtung vorgibt. Damit ist keine unbedingte Freiheit uns auf den Lebensweg gegeben worden. Erst im Laufe der Zeit und den selbstgemachten Erfahrungen kann dem zufolge ein Bisschen Weisheit abgetrotzt werden. Das heisst vergiss dich nicht auch selber zu liebe und zu schonen. In der heutigen hektischen Zeit kann das der erste Schritt sein dein Leben selber in die Hand zu nehmen, was heute ein Sprung über deinen eigenen Schatten bedeutet.

  27. Philipp Rittermann sagt:

    die entwicklung ist ein spiegel der gesellschaft. mal ganz banal -> der anspruch auf “faire behandlung gegen gute arbeitsleistung” ist heute – mit steigender tendenz in der globalen (arbeits)-welt, nicht mehr gegeben. faktor 2 sind fehlende ehtische und moralische grundlagen, sowie mangelnde oder gar fehlende glaubwürdigkeit, sowie vorbildfunktion der kader, welche es den mitarbeitern vielfach verunmöglichen, “mit gutem gewissen” und entsprechener motivation ihre tätigkeit auszuführen. ein teufelskreis ist hier vorprogrammiert. ein grossteil des arbeitenden volkes ist durch z.t. verständliche existenzängste dazu verdammt, kritiklos jegliche manipulativen machenschaften der unternehmensleitungen mitzumachen.
    fazit -> wir benötigen wieder vermehrt glaubwürdige und verantwortungsvolle kader, die ihre vorbildfunktionen transparent umsetzen, sowie angestellte mit der bereitschaft zu mehr zivilcourage. nur so wird sich mittelfristig eine verstärkte empathie im umgang auf allen ebenen einstellen.

  28. Schwarz sagt:

    Das Institut für Sinnzentrierte Führung möchte genau an diesem Punkt ansetzten. Eine kommt man zu einer guten Unternehmenskultur und wie kann eine werte-orientierte Führung etabliert werden, damit die Menschen sinnvoll agieren können, dadurch die Innovationskraft des Unternehmens steigern und dabei gesund bleiben.

    In den gängigen Masterlehrgängen manifestieren sich zwei Richtungen:

    a) eine althergebrachte Orientierung am Shareholder Value mit einer einseitigen Zahlenfokussierung

    b) Ausbildungen, die dem Schrei nach Ethik und Werten nach zu kommen versuchen, z.B. in Form von Ethic Codizes (Harvard Business Scool und 120 weitere MBAs)

    Nach unserer Meinung ist anerkennenswert, dass Human- und Wertedefizit in der Wirtschaft erkannt wird. Problematisch erachten wir aber die Tatsache, dass Werte und Ethik weder verordnet noch instrumentalisiert werden können.

    Vor diesem Hintergrund kann auch die zweite gut gemeinte Form unserer Ansicht nach nicht nachhaltig sein.

    Die CRS Aktionen haben gute Intentionen, werden aber in der Praxis als neues Marketingtool instrumentalisiert.

    Zum Unterschied dieser Ansätze verlässt der sinnzentrierte- und wertorientierte Ansatz des ISF die Oberfläche und dringt in die tiefsten Wurzeln menschlicher und wirtschaftlicher Haltungen hinein. Wissenschaftlichen Untersuchungen (Pircher-Friedrich) zur Folge umfasst der Sinnbegriff Viktor Frankls die vier platonischen Kardinal-Tugenden (Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und das rechte Mass), welche als Vorzeichen für den Einsatz der sogenannten Sekundärtugenden (Werte) gelten soll. Auf diesem Gedankengut aufbauend, kann der Sinnkompass (Pircher-Friedrich) eine Grundlage für nachhaltiges wirtschaftliches Entscheiden sein.

    Nachhaltige sinnvolle Entscheidungen orientieren sich demnach:

    am Gesamtnutzen und an der nachhaltigen Wettbewerbssteigerung des Unternehmens am Nutzen aller Stakeholder, an der nachhaltigen Entwicklung unseres Planeten, am Nutzen für den Entscheidungsträger.

    Wir sind der Meinung, dass nur auf einer reflektierten gewissenhaften Überprüfung von Entscheidungen und Werten, nachhaltiges, gesellschaftliches und wirtschaftliches Wachstum möglich ist und die Kluft von Arm und Reich etwas überwunden werden kann. Die Menschenwürde als fundamentaler Wert kann nur vor dem Hintergrund verantwortungsvoller gewissenhafter Entscheidungen respektiert und erhalten werden. Nur auf der Basis von Menschenwürde ist echte, gelebte, Wert-schätzung möglich.

  29. Phililpp Rittermann sagt:

    guten morgen herr schwarz

    klingt intressant und nachhaltig – und der ansatz wirkt plausibel. ich werde mich bezüglich des institutes für sinnzentrierte führung schlau machen und dies, als meines erachtens zentrales thema, mit intresse weiterverfolgen. ich danke ihnen für ihre wertvollen ausführungen.

    bester gruss
    Philipp M. Rittermann

  30. Verena Hunziker sagt:

    Ein interessantes Interview, das mir aber bestätigt, was ich schon in meinem Bekanntenkreis beobachten konnte: Psychologen sind weltfremd! Dr. Böschemeyer gehört zu einer kleinen, privilegierten Gruppe von Menschen, die ein hohes Mass an Selbstbestimmung geniesen, gut verdienen, und Anerkennung für ihre Arbeit bekommen. Warum sollte er depressiv sein? Müsste er aber am Fliessband, auf einer Baustelle, an der Supermarktkasse oder als Müllmann für einen Hungerlohn arbeiten, und müsste er sich immer wieder anhören, er gehöre zur “Unterschicht” – so wäre das vielleicht anders… Auch glaube ich nicht, dass 4,5 Millionen Hartz IV-Empfänger einfach mit einem Seinsfaulheit-Gen auf die Welt gekommen sind. Warum sind so viele Menschen “seinsfaul?”

    Psychotherapien mögen aus individueller Sicht sinnvoll und nützlich sein, sie bringen die Gesellschaft/die Menschheit aber
    nicht weiter. Wie schon ein Vorkommentator meinte – Probleme werden privatisiert und psychologisiert, Politik und Wirtschaft
    dadurch von der Verantwortung entbunden. Ich glaube, damit Menschen sich fürs Leben begeistern können – dafür braucht es
    grundsätzlich keine Psychotherapien, sondern vor allem die entsprechenden Rahmen- und Lebensbedingungen. Wenn viele
    Menschen in den Industrieländern nur mit Hilfe von Psychopharmaka den Alltag schaffen oder die Nacht durchschlafen
    können, schon Jungendliche Depressionen bekommen und immer mehr Menschen aus psychischen Gründen verrentet
    werden (auch schon junge Menschen) – dann muss doch etwas falsch laufen. Therapien – ob mit Psychopharmaka oder als
    Psychotherapie – sind schlussendlich nur Symptombekämpfung, man müsste das System “therapieren”, das uns hetzt,
    zermürbt, abstumpft, gegeneinander ausspielt, und viele Menschen unter unmenschlichen Druck setzt. Ich bin überzeugt – mit
    weniger Hetze und Leistungsdruck sowie anständigen Mindestlöhnen (Ausbeutung bzw. Armut macht häufiger krank und
    depressiv, das belegen Studien) würden sich psychische Probleme bei vielen Menschen von selbst lösen oder erst gar nicht
    entstehen, und die Lebensfreude würde sich auch von selbst einstellen. Wichtig scheint mir auch ein bedingungsloses
    Grundeinkommen, das Existenzängste in der Gesellschaft abbauen würde.