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«Angst ist hinderlich, aber Respekt ist überlebenswichtig»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 28. April 2012

Eveline Winterberger

Eveline Winterberger

Nach Bergunfällen ist sie als erste vor Ort: Rega-Ärztin Eveline Winterberger betreut ihre Patienten oft unter schwierigsten Bedingungen. Die 43-Jährige empfindet es als Privileg, eingreifen zu können, wenn andere in Gefahr sind. Manchmal kann sie allerdings nur noch feststellen, dass jede Hilfe zu spät kommt. Dann sucht sie das Gespräch mit den Toten.


Frau Winterberger, Sie haben als Rega-Ärztin regelmässig mit Schwerverletzten zu tun und müssen immer damit rechnen, dass sie einem Patienten nicht mehr helfen können. Ist das nicht ein enorm belastender Beruf?
EVELINE WINTERBERGER: Nein, für mich ist es sehr befriedigend. Entscheidend ist, dass ich etwas Nützliches tun kann, dass ich direkt eingreifen kann. Selbst wenn alle Hilfe zu spät kommt, ist es für mich am einfachsten, wenn ich selber an Ort und Stelle bin. Ich habe gute Kollegen verloren. Es ist für mich einfacher, ihren Tod zu akzeptieren, wenn ich involviert war und mit eigenen Augen gesehen habe, dass alles Menschenmögliche getan worden ist, um sie zu retten.

Sie sind als Rega-Ärztin für die medizinische Erstbetreuung zuständig, verarzten Verletzte in der Bergwand, in Höhlen oder im Wald. Ist Ihr Job beendet, sobald der Patient in ein Spital eingeliefert wird?
Im Prinzip schon. Manchmal kann ich die Patienten im Spital weiterbetreuen, da ich auch als Oberärztin Anästhesie im Kantonsspital Luzern arbeite. In den anderen Fällen rufe ich oft im Spital an, um zu erfahren, was mit den Patienten passiert ist. Ich muss mich aber auch abgrenzen. Manchmal informiere ich den Rega-Sozialdienst, damit sich jemand anderes um die Patienten oder auch um deren Angehörige kümmert. Vor einigen Wochen wurde ich zu einem Patienten geflogen, der halbseitig gelähmt im Schnee lag. Ich war mir sicher, dass der Mann überlebt. Wir flogen ihn ins Spital, aber kurz nach der Einlieferung erlag er seiner Hirnblutung.

Erschüttert sie so etwas oder erleben Sie das mit professioneller Distanz?
Ich bin dankbar, dass ich bei der Betreuung der Angehörigen entlastet werde, dadurch bin ich weniger stark persönlich involviert. Aber es gibt immer wieder Fälle, die mir nahe gehen. Oft taucht die Frage auf, ob ich etwas hätte besser machen können. Die Rückmeldungen der Rettungssanitäter, die vor Ort waren, und die Gespräche mit Medizinkollegen sind deshalb wichtig für mich. Glücklicherweise musste ich mir in diesen zehn Jahren nie den Vorwurf machen, bleibende Schäden verursacht zu haben oder gar für den Tod eines Patienten verantwortlich zu sein.

Geht es bei vielen Rega-Einsätzen auf Leben und Tod oder ist der Grossteil der Arbeit eher unspektakulär?
Im Winter gibt es viele Routineeinsätze, ausgerenkte Schultern, Beinbrüche, einfachere Rückenverletzungen. Diese Patienten könnte man auch mit dem Schlitten ins Tal bringen, aber das wäre weniger komfortabel und würde zum Teil die Rehabilitation verlängern. Bei Mehrfachfrakturen und inneren Blutungen dagegen kommt es auf jede Minute an, ebenso bei Patienten, die zusammenbrechen und reanimiert werden müssen. Ich mag es, wenn das ganze Team gefordert ist. Würden wir immer nur Präventiveinsätze fliegen, wäre mein Beruf weniger spannend. Eine Schwierigkeit ist, dass man im Moment des Alarms nie genau weiss, was einen am Unfallort erwartet. Es kommt vor, dass der Rettungsruf eher harmlos klingt, und vor Ort muss ich feststellen, dass ich nicht mehr viel tun kann. Wenn das Hirn zu lange nicht arbeitet, kann man dem Patienten nicht mehr helfen, aber seine Organe retten vielleicht anderen Menschen das Leben.

Ärgert es Sie, wenn sich herausstellt, dass Alpinisten, die sich überschätzt haben, die Rega für einen bequemen Abstieg gerufen haben?
Es ist mir lieber, einen Erschöpften am späten Nachmittag mit dem Helikopter zu bergen, als ihn in der Nacht in der Wand zu suchen. Vor einiger Zeit haben wir tagelang vermisste Bergsteiger am Wetterhorn gesucht. Offenbar hatte die Seilschaft den Gipfel nicht erreicht und versucht abzusteigen. Wir konnten sie nur noch tot bergen. Hätten sie doch frühzeitig die Rega gerufen…

Muss man selber angstfrei sein, um unter so schwierigen Bedingungen konzentriert arbeiten zu können?
Angst ist hinderlich, aber Respekt ist überlebenswichtig. Ich habe in den zehn Jahren bei der Rega gelernt, auf mein Bauchgefühl und meine Erfahrung zu hören und auch einmal «Stopp» zu sagen. Das Risiko besteht, dass wir Ärzte den Blick so sehr auf den Patienten gerichtet haben, dass wir die Gefahr für uns selber nicht mehr sehen. Ich erinnere mich daran, wie ich mich einmal zu einem Bauern vorkämpfte, der unter seinem Traktor eingeklemmt war. Kurz darauf holte mich der Rettungssanitäter da raus und machte mir klar, dass es viel zu gefährlich war, da der Traktor ungesichert und instabil in der Luft hing.

Gab es andere gefährliche Situationen?
Unvergessen bleibt für mich eine Höhlenrettung in der Schrattenfluh. Ich brauchte keine zehn Minuten, um zum verunfallten Höhlenforscher zu gelangen, aber wir hatten keine Chance, ihn da rauszubringen, weil er mit seinem kaputten Bein unmöglich durch die eine enge Stelle durchgekommen wäre. Bei Höhleneinsätzen fühlt man sich 200 Jahre zurückversetzt: Man ist zu Fuss unterwegs, hat keinen Funk- oder Handykontakt, bewegt sich allein in einer feuchten, engen, kalten Welt. Man ist vermutlich nirgendwo so alleine wie wenn man in einer Höhle festsitzt. Obwohl der Höhlenforscher schwer verletzt war, blieb er sehr ruhig, er wartete und sagte nicht viel, ausser wenn der Schmerz wieder zu stark wurde. Ich fand es sehr beklemmend, dort unten bis tief in die Nacht auf die Sprengung zu warten und darauf zu vertrauen, dass die Kollegen alles richtig berechnet hatten.

Kann man sich daran gewöhnen, dass gelegentlich ein Patient stirbt oder man ein Unfallopfer nur noch tot zu bergen vermag?
Ich habe seit Beginn des Medizinstudiums viele Tote gesehen. Die ersten in der Pathologie, die waren in Formalin eingelegt, Leichen ohne Eigengeruch, ohne Blut. Später im Studium und im Beruf hatte ich mit den ersten Toten zu tun, die ich noch zu Lebzeiten gekannt und betreut hatte, da fällt das Abstrahieren schwerer – bei manchen war ich einfach dankbar, dass sie erlöst worden waren. Ganz anders ist es, wenn stark versehrte Unfallopfer in den Schockraum gebracht werden oder wenn ich als Rega-Ärztin an einer Absturzstelle eintreffe. Diese Toten sind oft verunstaltet, das warme Blut riecht nach Eisen, ein sehr unangenehmer Geruch. Als ich zum ersten Mal zu einem Unfallopfer kam, das weit in die Tiefe gestürzt war, machte mir dieser Anblick schon zu schaffen. Ich stellte mir vor, wie dieser Mensch vor einer halben Stunde noch mitten im Leben gestanden hatte, und fand die Situation sehr beklemmend. Ich habe mir angewöhnt, in solchen Situationen mit den Toten zu reden, ihnen etwas von mir zu erzählen – schweigend würde ich es nicht gut aushalten.

Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, auf einen anderen, weniger belastenden Beruf umzusatteln?
Ich weiss nicht, wie lange ich diesem Beruf körperlich gewachsen sein werde – aber im Moment ist es mein Traumberuf. Ich kann für andere Menschen da sein, mit eigenen Händen etwas tun, was sofort Besserung bringt, abwechslungsweise in den Bergen und im Spital arbeiten… das ist ein grosses Privileg.

Das Buch zu 60 Jahren Rega:
Franziska Schläpfer: 1414. Die Erfolgsgeschichte der Rega und ihre Gesichter. Wörterseh Verlag 2012. 318 Seiten.



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4 Kommentare zu “«Angst ist hinderlich, aber Respekt ist überlebenswichtig»”

  1. Susanna sagt:

    Chapeau! Danke, dass Sie sich für Leute in Not so immens und toll engagieren!

  2. Charles Pfister sagt:

    Menschen die sich so für andere engagieren zollen meinen grössten Respekt. Ohne Furcht sich selber in Gefahr zu bringen
    bewältigen sie tagtäglich allergrösste Leistungen. Danke für diese Meisterleistungen.
    Charles Pfister

  3. Fischer sagt sagt:

    Hier kann man nur Danke sagen, denn die Arbeiten die unter schwierigsten Bedingungen täglich geleistet wird ist immens. eigentlich gehört der Dank allen Milizeinheiten, denn nur gemeinsam ist der Kampf täglich aufrecht zu halten. dies müssten eigentlich auch einmal andere erkennen, was lebensrettenden Massnahmen heissen.

  4. Es war Sonntag,den 5. Feb. 2005, als ich beim Skifahren (Rohthorn-Lenzerheit) verunfallte.
    So ich mich, nach 7 Jahren noch recht erinnere,(auf Grund des Fotos), wurde ich von dieser Arztin, mit der Rega geborgen und nach Chur geflogen?
    Sie hat sich gegen den Entscheid des Piloten, für meinen damals noch nicht 8 jähriger Sohn eingestzt, (der mit mir ganz alleine war), dass er doch noch mit mir, ins Spital Chur, mitfliegen durfte. (hatte er doch damals erst eine Scheidung mit erleben müssen.)
    So mächte ich,( bitte weierleiten) bei dieser Gelegenheit, Frau Dr. E. Winterberger noch nachträglich meinen herzlichen Dank aussprechen, dass sie neben ihrer kompetenter ärzlichen Hilfe, Sie noch so viel Mitgefühl, für die Situation meies Sohnes hatte !!.
    Leider kann ich seit dem nie mehr Skifahren, Langlaufen, Velofahren, usw, denn ich bin am linken Fuss und an der linken Schulter/ Arm (trotz 7 Monate Spital) behindert.
    Mit freubdlichen Grüssen Ch. Bücheli