«Die erste Bestellung eines Ladens fühlte sich an wie der erste Kuss»

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 15. Juni 2019
BB

Ein Unternehmen aufzubauen sei eine Persönlichkeitsschule, sagt Jutta Jertrum. Foto: PD

Geschäftsführerin in einem Schloss oder Erfinderin und Unternehmerin? Vor gut zwei Jahren hat sich Jutta Jertrum gegen Luxus und Sicherheit entschieden und auf das Abenteuer eingelassen, ein eigenes Produkt auf den Markt zu bringen. Zuerst erntete sie Spott und Unverständnis, jetzt spürt die 49-Jährige zunehmend Rückenwind.

Frau Jertrum, Sie waren Geschäftsführerin im Schloss Rapperswil und haben diese Stelle aufgegeben, um eine eigene Erfindung patentieren zu lassen und zu vermarkten. Hat sich der mutige Schritt gelohnt?
Finanziell hat es sich bisher nicht ausbezahlt, aber was ich als Unternehmerin alles gelernt habe, ist nicht mit Geld aufzuwiegen. Ich habe noch keinen Moment bereut, das Abenteuer in Angriff genommen zu haben vor gut zwei Jahren. Auch wenn damals viele Leute fürchteten, ich hätte den Verstand verloren.

War Ihnen die Hotelbranche verleidet?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin da früh hineingerutscht – meine Eltern führten ein kleines Hotel mit Restaurant auf der Schwäbischen Alb, und ich habe schon als kleines Mädchen mit angepackt und mir ein Taschengeld verdient. Für mich war klar, dass ich auch das Hotelfach erlerne. Später arbeitete ich während dreier Wintersaisons in Klosters, wurde Hausdame am Bayrischen Hof, war als Receptionistin in London und als Serviceleitung in Lausanne tätig und verantwortete schliesslich nach einem Abstecher ins Catering die Eventsparte im Schloss Rapperswil. Dann erhielt ich die Chance, dort die Geschäftsführung zu übernehmen. Ich genoss es sehr, mit einem kleinen, guten Team diese tolle Bühne zu bespielen.

Und diese Aufgabe haben Sie zurückgelassen, um einen Holzstab zu entwickeln, der Duschabflussrohre reinigt?
Klingt verrückt, ich weiss – mein Mann hat mich auch ausgelacht, als ich ihm davon erzählte. Aber manchmal muss man auf sein Bauchgefühl hören und all die vernünftigen Ratschläge und Bedenken in den Wind schlagen. Ich hatte zunächst selber Probleme mit einem verstopften Abflussrohr und fand mithilfe des Schreiners und des Drechslers eine einfache Lösung. Fünf Monate später war ich mit meinem Team auf Städtereise in Prag. Eine gute Kollegin kam aus dem Bad und sagte, wir müssten den Hausdienst anrufen, das Wasser in der Dusche laufe nicht ab. Da hats bei mir geklingelt und ich wusste: Mein Problem ist sehr verbreitet. Und mein gefräster Holzstab ist die perfekte Lösung dafür.

Und die kritischen Stimmen haben Sie nicht verunsichert?
Mir war zum Glück damals schon bewusst: Wenn jemand sagt, etwas sei nicht möglich, spricht er nicht über mein Projekt, sondern über seine Grenzen. Mir war klar, dass ich auf Luxus und Privilegien verzichte, wenn ich Unternehmerin werde, aber ich wusste auch, dass man mit einem guten Angestelltenlohn viele Dinge kauft, die man nicht wirklich braucht – weil man damit einen Mangel an Erleben und an Freiheit zu kompensieren versucht. Deshalb hatte ich Lust, mich auf das Abenteuer Unternehmertum einzulassen, inklusive der Erlaubnis, damit zu scheitern. Die Startinvestition war überschaubar. Ich erhielt ein Darlehen von meinen Eltern für die Firmengründungs-, Anwalt- und Patentkosten, das Logo und die Website machte mein Sohn für mich, alles in allem kostete es inklusive einer ersten Produktion ein paar Zehntausend Franken.

Wie gewannen Sie erste Kunden als unbekannte Kleinunternehmerin? Es gibt ja seit langem Produkte für die Abflussrohrreinigung.
Die meisten Produkte enthalten viel Chemie, Plastik oder sind mühsam in der Anwendung. Meine gefrästen Holzstäbchen sind einfach in der Handhabung, ökologisch hergestellt und verpackt und biologisch abbaubar. Ich begann damit, sie im Familien- und Freundeskreis zu verteilen, dann berichtete die Lokalzeitung darüber, was an einem Tag 70 Bestellungen auslöste, und bald darauf wurde ich in einem ersten Haushaltgeschäft in der Rapperswiler Altstadt gelistet. Zunächst kauften sie nur 10 Stück, und ich musste versprechen, dass ich die Ware zurücknehme, wenn sie keinen Absatz findet, aber die erste Listung war trotzdem ein spezieller Moment, ungefähr so wie der erste Kuss. Und als ich dann bei Manufactum ins Sortiment kam, wurde ich selbstbewusster im Auftritt und weniger verletzlich durch negative oder gleichgültige Rückmeldungen.

Wars emotional eine Achterbahnfahrt in der Anfangszeit?
Ja, weil man so viel Energie und Liebe hineinsteckt und sich mit vielen Themen beschäftigen muss, in denen man sich nicht auskennt, nimmt man auch Kritik persönlicher. Manchmal muss man sich davor schützen, indem man sich die Menschen genau aussucht, mit denen man sich austauscht. Eine schöne Erfahrung ist: Immer, wenn man gegen eine verschlossene Tür rennt, geht an einem anderen Ort unverhofft eine Tür auf. So war ich unglaublich aufgeregt, Teil der Erfindershow «Wie genial ist das denn?» auf Sat 1 zu sein. Ich fuhr die Produktion hoch, um parat zu sein für sehr viele Bestellungen nach der Ausstrahlung. Nachdem der Beitrag mit mir abgedreht war, erfuhr ich, dass die Sendung ausgesetzt wurde wegen schlechter Quoten. Ich fürchtete, auf meinen Lagerbeständen sitzen zu bleiben.

Und welche Tür ging auf?
Ich besuchte wenig später einen Workshop bei der Drogeriemarktkette dm mit dem tollen Nebeneffekt, dass sie mich später ins Sortiment aufnahmen. Dank meiner Vorkehrungen hatte ich keine Probleme, in den knappen Fristen die 2000 dm-Filialen zu beliefern. Die Stäbe werden in Tschechien und in Bayern produziert und in der Pfalz in einer Behindertenwerkstätte verpackt, die Wege sind entsprechend kurz. Später gingen weitere Türen auf, als ich für verschiedene Unternehmerpreise nominiert war und, vor wenigen Wochen, den «German Innovation Award» gewann.

Ist es Ihnen in den zwei Jahren noch nie verleidet, dass sich das ganze Berufsleben um simple Holzstäbchen dreht?
Nein, überhaupt nicht – ich liebe mein Produkt und würde es nicht verkaufen, auch wenn mir jemand zwei Millionen dafür bieten würde. Jede Etappe bietet so viele Gelegenheiten zum Lernen, nicht nur Fachwissen über das Produkt und den Markt, sondern auch in eigener Sache. Ein Unternehmen aufzubauen, ist eine Persönlichkeitsschule. Man lernt sich kennen, entdeckt mutige Seiten in sich, von denen man wenig wusste, lernt sich abgrenzen, zu verhandeln, Rückschläge wegzustecken. So wachse ich mit meinem Produkt. Verkaufen ist also kein Thema, aber ich würde gerne einen im Handel gut vernetzten Partner finden, der mit vergleichbarer Begeisterung mitzieht und mich bei der internationalen Vermarktung unterstützt. Im Hinblick auf die Teilnahme an der Sendung «Höhle der Löwen» habe ich erstmals einen Businessplan gemacht – ich denke sonst eher in Bildern als in Zahlen. So sehe ich nun auch, wie viel ich schon investiert habe ins Unternehmen und wann ich mir einen vollwertigen Lohn auszahlen kann.

Weitere Produkte sind kein Thema?
Doch, ich werde ja ständig danach gefragt (lacht). Es gibt eine zweite Idee. Sie ist noch nicht ganz spruchreif, zielt aber darauf ab, etwas gegen den inflationären Gebrauch von Plastik zu tun. Und dann trage ich noch etwas Drittes mit mir herum, das mein Herz höherschlagen lässt. Dafür bräuchte ich aber dreimal so viel Mut wie heute – und deshalb hab ich bis heute keinem Menschen davon erzählt.


So funktioniert Jutta Jertrums Erfindung. Video: Youtube

Kontakt und Information: info@twistout.ch oder www.twistout.ch

«Die Höhle der Löwen»: Die Sendung mit Jutta Jertrum wird am Dienstag, 25. Juni, ab 20.15 Uhr auf TV 24 ausgestrahlt.

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