Die Schweine-Verschwörung

Eklig und unrein – das steckt keine Sau weg. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Eklig und unrein – die Beleidigung grunzt keine Sau weg. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Man müsste mal den Zentralverband der Paarhufer zum Knackpunkt der Flüchtlingsproblematik befragen, also zum Schweinebratenstreit, den deutsche Politiker aus Furcht um ihre Kultur losgetreten haben. Als Mitteleuropäer stellt man sich das ja im ersten Reflex so vor, dass der Mensch und das Schwein in der Frage Hand in Hand oder vielmehr Hand in Huf stehen, weil es für das Schwein sicher nicht schön ist, von Angehörigen anderer Gattungen, Kulturen und Religionen eklig und unrein gefunden zu werden. Bei genauerer Betrachtung ist es allerdings für das Schwein auch nicht gerade von Vorteil, lecker gefunden zu werden. Auch der gemeine Schweizer mag ja die Sau eher tot und filetiert, was eine mindestens ambivalente Form der Wertschätzung ist.

Die Chinesen wussten schon immer, dass der Mensch der Welt vor allem mit dem Mund begegnet: Die Bevölkerung, das sind für sie die «Menschenmünder», renkou. Der Fremde ist im Chinesischen der shengren, der «Rohe» oder «Ungegarte; der Vertraute aber, das ist der shouren, der «Gekochte», einer, der «durch» ist. Dass die Leitkultur kulinarisch definiert wird, ist aber auch bei uns nichts Neues. Es gab Zeiten, da fühlte sich der Deutsche zum Beispiel vom «Spaghetti» bedroht, vom «Kümmeltürken», generell vom «Knoblauchfresser», auch musste er sich selbst als «Kraut» oder «Kartoffel» verspotten lassen. Und zu Beginn des Jahrtausends verlangten die Wahlkämpfer von der CDU aus Angst um ihr Gulasch tatsächlich «Rinder statt Inder», weil, wie man weiss, der Inder ja jedem an die Gurgel geht, der Hand an seine heilige Kuh legt.

Moment, Pandapedia sagt, das waren «Kinder», nicht «Inder». Im Ernst? «Kinder statt Rinder»?

Nüchtern ist jedenfalls zu konstatieren, dass wir die Bedrohung durch Spaghetti, Kümmel und Knoblauch ganz gut überstanden haben. Generell wird die Integrationsleistung von Kraut und Rüben und ihre Bereicherung fürs Gastland im Nachhinein klarer gesehen. Auch hier lohnt ein Blick nach China. Seit Jahrtausenden schluckt der Chinese mit Begeisterung alles, was ihm die Nachbarwelt über die Mauer wirft. Dabei verpasste er dem Zuwanderungsgemüse stets Namen, welches die Herkunft aus der Fremde ausweist: Unsere Zwiebel zum Beispiel heisst in China bis heute yang cong, «Lauch aus Übersee», die Karotte ist die hu luobo, die «fremde Rübe». Und im Namen der Tomate verschmelzen die beiden Pole des Barbarischen und Exotischen, zwischen denen alles Fremde weltweit generell verortet wird, die Chinesen tauften sie nämlich genüsslich schmatzend auf fanqie, «Barbaren-Aubergine».

Was Gelassenheit in Zeiten des Ansturms Fremder angeht, nehme man sich ein Beispiel am Beamten Jia Yi (200 bis 168 vor Christus). Er schlug dem Han-Kaiser vor, die damals anreitenden Hunnen mit chinesischem Essen zu zähmen: Statt noch mehr Garnisonen solle man lieber Chinarestaurants an der Grenze eröffnen. Chinas Eintöpfe, Reisgerichte und Fleischkasserolen würden die Hunnen von alleine entwaffnen; die sofortige und freiwillige Unterwerfung unter die chinesische Leitkultur sei logisch und unvermeidlich. Und es kam dann ja in den nächsten zwei Jahrtausenden oft genug genau so. Den Deutschen und auch den Schweizern wiederum ist wohl auch deshalb so bang, weil ihnen dieses Vertrauen in die Stärke der eigenen Esskultur in Wirklichkeit abgeht. Schweinebraten und Cervelat halt. Das europäische Hausschwein, nehme ich mal an, arbeitet derweil weiter heimlich an der Islamisierung des Abendlandes.

8 Kommentare zu «Die Schweine-Verschwörung»

  • Roger sagt:

    Der Schlusssatz ist bringt’s auf den Punkt 😉

  • Ruedi sagt:

    Besser ist vegan und Mitgefühl anstatt militanten, radikalen Grausamkeiten gegenüber wehrlosen, unschuldigen und fühlenden Lebewesen.

  • yves baumann sagt:

    Worum geht’s in diesem Artikel überhaupt?

    • Stefan sagt:

      Um die Lächerlichmachung unserer Sorgen vor der Politik, die wahnsinnig geworden ist und uns die von ihr verursachten gewaltigen, mittlerweile schon tödlichen Probleme als Alternativlos anpreist. Darum geht es.

    • will williamson sagt:

      Angeblich um das Schwein!

  • peter sagt:

    Hören wir doch einfach damit auf, Schweine, Hüher, Hunde und Katzen zu behandeln, als wären sie Sellerie. Schlachthäuser gehören abgeschafft.

  • Martin sagt:

    Witziger Artikel. Ich bin selbst seit über 20 Jahren Chinesisch Mediziner (TCM) und kann ein bisschen Chinesisch. Während vieler Jahre besuchte ich mit einer Kollegin verschiedene Weiterbildungen, die zu Beginn nicht immer so Spitze waren. Wenn ein Referent wieder mal Unsinn erzählte, blickten wir einander an und bezeichneten das eben gesagte als Doufu (Bei uns „Tofu“), was so viel heisst, wie Bohnenquark. Der Typ erzählt Bohnenquark, oder weniger nett: Stuss.

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