«Porn faces» auf Instagram

Kylie Jenner produziert sich mit pseudo-erotischen Posen auf Instagram und promotet so auch ihre eigene Beauty-Linie. (Foto: Instagram/ Kylie Jenner)

Weiblich, androgyn, geschminkt, pur, üppig, knabenhaft, langhaarig oder mit rasiertem Kopf: Noch nie, so scheint es, hatten Frauen so viele Möglichkeiten, ihre eigene Schönheit auszudrücken und dies auch abseits gesellschaftlicher Konventionen. Und in den sozialen Medien wird gejubelt, wenn Plus-Size-Model Ashley Graham freimütig ihre Cellulite zelebriert, Sängerin Alicia Keys ungeschminkt performt, und die Schauspielerin und Moderatorin Barbara Schöneberger ohne einen Hauch von Farbe im Gesicht als Covergirl ihrer Zeitschrift «Barbara» posiert. Frei nach dem Motto: Wer ehrlich mit sich selber ist, schaut der Wahrheit ins Gesicht.

Doch diese Wahrheit ist bei der Instagram-Generation alles andere als gefragt. Hier ist ausschliesslich Konformität und geschönte Perfektion erwünscht. Denn, wenn es um Follower und Likes geht, haben Pickel, Augenringe oder sichtbare Poren keinen Platz. Und schaut man sich die wichtigsten Influencerinnen auf Instagram wie Chiara Ferragni, Caro Daur oder Xenia van der Woodsen an, fällt auf, wie sehr sich ihr durchaus ansprechender Stil gleicht. Lange, (dunkel-)blonde Haare, ausgeprägte Augenbrauen, blass geschminkte Lippen.

Comic-hafte Erotik. (Bild: Kylie Jenner)

Um einiges krasser zeigt sich der überzeichnete Beauty-Trend bei Instagram-Queen Kylie Jenner, der von Millionen von jungen Frauen kopiert wird. Deren einheitlicher Make-up-Stil wird vom Magazin «Cosmopolitan» als «Porn face» bezeichnet. Mit geschürzten Lippen und laszivem Blick wird eine solch dümmliche Erotik zelebriert, der beinahe etwas Comic-haftes anhaftet. Jenner lancierte sogar eine eigene Kosmetiklinie, die in den USA ein Renner ist, in Deutschland letztes Jahr allerdings verboten wurde, da die Produkte nicht den Anforderungen der Kosmetikverordnung entsprechen.

«Die sozialen Medien haben schablonenhafte Schönheitsideale hervorgebracht, einen Einheitsbrei – zum Verzweifeln», sagt Terry Barber, leitender Make-up-Artist beim Kosmetikkonzern MAC. Der US-Konzern ist dafür bekannt, individuelle Schönheit durch alle Gesellschaftsschichten zu fördern. «All Ages, All Races, All Sexes» lautet das Leitbild. Und eigentlich sollte das Schminken genau das beinhalten: das Experimentieren mit verschiedenen Stilen und Möglichkeiten.

Ganz anders die uniforme «Porn face»-Anatomie: die stets geschürzten (aufgespritzten) Schlauchbootlippen werden mit üppig Farbe garniert, die Fake-Wimpern konkurrenzieren mit den konturierten und gehighlighteten Wangen und den Balken-Augenbrauen. Dank Filtern wird so jeder Hauch von Natürlichkeit getilgt. Natürlich hat jede Generation ihre Schönheitsideale, und auch andere waren schon nicht über jeden Zweifel erhaben. Dicker Eyeliner, Mascara-Fliegenbeine, überpuderter Teint, künstliche Föhnwellen oder dunkel umrandete Lippen gehören zum Glück der Vergangenheit an. Aber noch nie haben so viele Frauen künstliche Identifikationsfiguren imitiert, deren Leben und Looks überhaupt nichts mit den eigenen Lebensumständen zu tun haben.

 

10 Kommentare zu ««Porn faces» auf Instagram»

  • Tina Balmer sagt:

    Ich finds spannend, dass man das hier diskutiert, wo ziemlich sicher keine Person mitliest, welche auf den Quark reinfällt, zumindest hoffe ich das. Jedoch habe ich gestern beim Aufräumen Bilder von mir Anfang 20 gefunden, wo ich rückblickend verdammt „heiss“ ausgesehen habe und war dann kurz etwas betreten über den (gefühlt) eher lauwarmen aktuellen Zustand. Glücklicherweise hat mich mein Gedächtnis dann daran erinnert, dass ich mich damals überhaupt nicht toll fand und Unmengen an Geld und Zeit in die optische Optimierung gesteckt habe – #bodygoals quasi als Lebensinhalt. Da ist eine „Malen nach Zahlen“ Anleitung relativ attraktiv und marketingtechnisch sowieso ein Jackpot. Niemand sieht so aus, welch Elend, also kaufen, kaufen, kaufen, damit man wenigstens ein bisschen „genügt“.

  • Daniel Slamanig sagt:

    Also, ich kenne niemanden, dem das gefällt. Null Ausstrahlung, lebende Plastikpuppen, erinnert mich an das Buch „living Dolls“.

  • Peter Lorenz Kunz sagt:

    Und immer wieder gewinnen die Männer. Vor allem hier. Denn diese Frauen haben es noch nicht gespannt, dass ihre produzierten Gesten aus der Wunschkiste der Männer stammen. Nichts feminines also. Leider. Denn genau das möchte ich sehen und erleben.

  • Stefan sagt:

    Wenn man halt ausser Schön sein nicht viel anderes hat, findet man heute per Internet genug Fans die einem das Leben finanzieren. Von dem her besser als gar nichts. Eine gewisse Cleverness lässt sich diesem Lebensmodell nicht abstreiten. Tragisch finde ich eher die Tatsache, dass das zum Idol, zum Vorbild erklärt wird. Siehe GNTM mit dieser unsäglichen Klum. Und wer dem dann nicht entspricht wird gnadenlos ausgegrenzt. Tendenziell sieht man das am Besten in der Gruppe der 12-20 jährigen Frauen. Die Männer sind jedoch mächtig am aufholen bzw in anderen Bereichen genau gleich. Es scheint mir, heute ist der Schein wichtiger als das Sein. Zieht sich durch die ganze Gesellschaft, inkl. den sog. Topmanager mit Millionen Boni ohne je auch nur 1.– Gewinn erwirtschaftet zu haben. Schein…

    • Dina sagt:

      Aber, aber. In der heutigen Zeit gibt es viele verschiedene Schönheitsideale:

      Künstliche Porno-Schönheit Kylie Jenner: „fette Brüste, Schenkel und grosser Po, stark geschminkt, operiert, üppig, sexbereit“

      Victoria-Secret Models: „Sehr schlank aber muskulös, sportlich“

      Natürlich kurvige Frauen wie Ashley Graham: „Voller Busen, Schenkel, volles Gesicht, sehr sexy aber nicht vulgär“

      klassischer Modeltyp: „sehr jung, kindlich, brav, feenhaft“

      irgendwie gehören alle zu einer Gruppe. Schönheitsideale gab es immer und wird es immer geben. Ein Weltuntergang ist das nicht. Spätestens ab 25 Jahren verliert man sowieso das Interesse daran. Und ich kenne keinen solchen Manager. Mein Chef hat bis fast zum Umfallen gearbeitet, dass die Firma lief. Komische Menschen kennen Sie da.

  • die andere Tina sagt:

    @Graf: Doch, es war früher etwas anders. Vor etwa 25 Jahren, als ich zur Schule ging, war die Mode etwas weniger entblössend. Frauen trugen tatsächlich Kleidungsstücke, die Körperteile bedeckten. Wenn Sie heute Werbung und Filme anschauen, ist das heute kaum noch der Fall. Letzthin war ich an einem Jazz-Konzert. Die Sängerin war gut. Aber etwas war anders an ihr. Ich brauchte ein paar Minuten, um zu merken, dass sie a n g e z o g e n war, also ein Kleid trug, dass knapp bis zum Knie reichte, einen dezenten Ausschnitt hatte und nicht zwei Nummern zu eng war. Es war eine Wohltat, für einmal kein entblösstes Fleisch ins Gesicht geschmissen zu kriegen.

    • Werner Graf sagt:

      Klar, die Mode war anders.
      Aber der Mitmach-, oder eben Nachmacheffekt war grundsätzlich gleich.
      Es war nicht das Internet, aber neben BRAVO war die DISCO mit Ilia extrem wichtig.
      Halt eben die raren Popsendungen am Fernsehen, anstatt Youtube, Twitter und co.
      Was hätte ich damals gegeben, für solch coole, unten weite Hosen mit farbigen Einsätzen.
      Doch, zwei Dinge waren anders. Wir konnten uns diese Dinge nicht kaufen, weil es keine Industrie hatte, die uns mit den Produkten der Stars spotbillig versorgte. Und die Schminkversuche der Mädchen waren von weit her als unbeholfene Erstversuche zu erkennen, denn es gab keine detailierte fachgerechte Anleitung auf Youtube.

  • Corine Studer sagt:

    Das gab es doch schon immer, nur war es nicht so sichtbar.
    Ist ja auch eine einfache Logik dahinter: Wer selbst nicht weiss, wer er/sie ist, muss eben „imitieren“, dann fühlt man sich irgendwo zugehörig und gut oder besonders. Und gerade junge Menschen, wissen eben noch nicht, wer sie sind und welche Qualitäten sie haben.
    Oder warum sind wir in den 80er mit so komischen Haaren rumgelaufen? Das war ja auch nicht unsere Idee, sondern wir haben’s nachgemacht. Nicht sehr kreativ.
    Aber heute ist die Auswahl schon grösser, finde ich. 🙂

  • Laila Gutmann sagt:

    Man muss ja auch nicht jeden Mode-Gag mitmachen. Und hat dadurch auch mehr Zeit, sich anderem zuzuwenden. Mit besserer Lebensqualität. Wie etwa den Garten wieder einmal jäten, und Neues anpflanzen.

  • Werner Graf sagt:

    Das imitieren von Vorbildern, welche fremd und unerreichbar sind ist jetzt wirklich nichts neues.
    Fast jedes Mädchen hat die Prinzessinnenphase. Filmstars, Popstars, Comic und Mädchenromanfiguren, die Beispiele lassen sich fast unendlich aufzählen und haben eines gemeinsam, sie haben und hatten nichts mit dem realen Leben der Fans zu tun. Eine von hundert Millionen kann vielleicht in diese Höhe aufsteigen.
    Also frage ich mich was die Aufregeung soll.
    Es war nie anders, nur heute haben wir halt den Multiplikator Internet.
    Früher war es das BRAVO Heftli.

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