Warum Dr. Google nicht so schlecht ist wie sein Ruf

Hauptsache, man glaubt nicht alles, was man im Internet so zu den eigenen Symptomen erfährt. Foto: iStock

Das Bein tat mir schon seit einigen Tagen weh. Da es aber weder geschwollen noch gerötet war, sah ich darin kein Alarmzeichen. Bei meiner kurzen Recherche im Internet konnte ich ausschliessen, dass es sich um eine Thrombose handelte. Da die Schmerzen vom Rücken ausgingen, brachte ich sie mit meinem zurückliegenden Bandscheibenvorfall in Verbindung.

Ich beschloss trotzdem, die Sache abklären zu lassen. Da mein Hausarzt in den Ferien war, landete ich bei seiner Vertretung. Auf die Fragen nach meinen Symptomen schilderte ich kurz meine Beschwerden und wies auch auf meine Bandscheibe hin, worauf er mich anbluffte: «Aha, wieder ein Fall von Doktor Google. Ihr jungen Leute seid doch alle gleich, nervt mich mit eurem Halbwissen!»

Hoppla, es war ja schmeichelhaft, dass mich der Doc, der kaum zehn Jahre älter war als ich, noch zur Gruppe der jungen Leute zählte, aber musste ich seine ruppige Art akzeptieren? Nun ja, es blieb mir nicht viel anderes übrig – dass man nur mit einer Unterhose bekleidet dasteht, mindert das Selbstbewusstsein ungemein.

Ärzte finden informierte Patienten problematisch

Viele Ärzte scheint zu stören, dass ein Quacksalber wie Dr. Google in ihrem Sprechzimmer sitzt. Wie eine deutsche Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, finden von 800 niedergelassenen Ärzten 54 Prozent informierte Patienten problematisch, 30 Prozent meinen, das Gelesene im Internet würde die Patienten eher verwirren, jeder Vierte rät sogar von der Suche ab.

Bei Dr. Shepherd (Patrick Dempsey) aus «Grey’s Anatomy» würden wir sogar auf die Google-Recherche verzichten. Leider hat er die Serie verlassen. (© Mary Evans Picture Library/Picture Alliance)

Teilweise kann ich diese Abwehr verstehen, denn wenn man sich in den Tiefen des Netzes begibt, kann man sich schnell in Horrorszenarien verlieren. Und ich kann auch verstehen, dass es viele Ärzte nervt, wenn die Patienten wie aufgescheuchte Hühner ihre Selbstdiagnosen vorbringen. Doch am Ende des Tages ist es doch beruhigend, wenn der Arzt die roten Hautflecken als Allergie diagnostiziert und nicht als den befürchteten Hautkrebs.

Kein Gott in Weiss

Ich bin überzeugt, dass ein gut informierter Patient eine Behandlung zuverlässiger durchzieht und dass Menschen mit mehr Gesundheitswissen mehr für die Prävention gegen Krankheiten tun. Denn sie übernehmen Verantwortung für sich und ihren Körper. Zudem beruht für mich eine positive Arzt-Patienten-Verbindung auf einer vertrauensvollen Basis und einer guten Kommunikation. Ein guter Arzt ist für mich immer noch eine Autorität, aber er ist für mich kein Gott im weissen Kittel, der mich abkanzelt.

Bei einem Untersuch wurde mein Bandscheibenverdacht übrigens bestätigt. Das musste auch der ruppige Doc gestehen. Ich für meinen Teil war froh, als mein Hausarzt aus den Ferien zurück war, denn bei ihm fühle ich mich ernst genommen. Selbst wenn ich ihn mal mit einer selbst recherchierten Diagnose konfrontiere.

34 Kommentare zu «Warum Dr. Google nicht so schlecht ist wie sein Ruf»

  • Evhe sagt:

    Dr. Google hat mir schon einige Artztbesuche erspart. Ich konnte z.b. meinen Drehschwindel ganz allein mit dem im Internet gefundenen Manöver heilen, seltsame Pickel als Warzen identifizieren und behandeln, etc. etc. Absurd wird es, wenn der Arzt vor meinen eigenen Augen selber googelt…

  • G.Frey sagt:

    Was mich am meisten stört, dass der Arzt das Rezept in einem anderen Namen ausstellt obwohl auf der Packung der richtige Name gross geschrieben steht und erst darunter der Lat.Name. Die Sprechstundenhilfe schreibt das so auf die Packung u. erst noch den Kleber über die deutsche Seite somit muss ich das ital. lesen können. Ist eine Zumutung aber der Patient bezahlt doch und auch hat er ein Recht darauf so informiert zu werden, dass er weiss was Sache ist. Von der herablassenden Art gewisser Ärzte ganz zu schweigen. Auch Auskunft über das Resultat bekommt man nicht trotz fragen. Da soll an noch vertrauen?

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    Ich ging zu meiner Hausärztin und erklärte, immer wieder einen Reflux zu haben.
    Sie lächelte und meinte: „jetzt kommen die Leute aus dem Internet mit der fertigen Diagnose“. Wenn ich also künftig in die Sprechstunde gehe, sage ich, immer so ein komisches Brennen im Hals zu haben.

  • Hanspeter Müller sagt:

    1) Das Problem ist doch einfach, dass nicht jener Patient der in Extenso herumgoogelt ein informierter Patient ist. Das hat miteinander nichts zu tun. Ein vernünftiger Arzt will hören was der Patient zu erzählen hat und nicht was er im Netz nachgelesen hat. Er will hören wo es wie im Bein weh tut und nicht dass die Recherche im Netz ein Bandscheibenvorfall ergeben hat. Und schon gar nicht sinnvoll ist, dann all die Untersuchungen zu verlangen, die da vorgeschlagen werden. Dr. Google und die diversen „Gesundheitssendungen“ sind massive Kostentreiber, weil alle möglichen Seltenheiten mit allen möglichen teuren Untersuchungen abgeklärt werden um dann mit den teuersten Methoden behandelt zu werden. Und die Patienten fordern das dann beim Arzt ein. Schliesslich hat man ja eine Versicherung.

    • Hanspeter Müller sagt:

      2) Informiert ist der Patient wenn er ein Gespräch hatte mit dem Arzt, der nach Gespräch und Untersuchung eine Diagnose stellt und mit dem Patienten Diagnose und mögliche Behandlungen diskutiert hat. Wer dann noch zuviel Zeit hat und sich auf gesponserten und damit versteckt bezahlten Werbeseiten herumtummeln will kann das dann ja tun. In wie fern das dann die Genesung fördern soll habe ich noch nie erlebt.

  • Thomas Trachsel sagt:

    1.: Ob es den Ärzten gefällt oder nicht: Die Patienten informieren sich im Internet über mögliche Ursachen zu den Symptomen und über Nebenwirkungen von Therapien.
    2. Immer mehr Ärzte checken während der Behandlung selber in Datenbanken nach Möglichkeiten, die sie vielleicht übersehen haben. Dafür schämen sie sich nicht und sie akzeptieren auch, wenn Patienten es tun.
    3. Als Patient darf man Erkenntnisse aus eigenen Recherchen diskret einbringen, wenn diese in der Diagnose des Arztes nicht erwähnt werden. Lasst aber Besserwisserei gegenüber den Ärzten sein und kommt nicht schon am Anfang damit.

  • Trudi Müller sagt:

    betr. Älterwerden für Anfängerinnen bin ich mit Jahrgang 25 längst überfällig – doch werde ich mich auch hüten meiner lieben Hausärztin nochmals mein Mini-Wissen gemäss „Gesundheit heute“ im TV SRF kundzutun ! Seither ist etwas Rauch im Dach…!

  • Böser Wolf sagt:

    Wieso gehen Sie überhaupt noch zum Arzt, wenn Sie schon wissen, was das Problem ist? Ist ja nicht so, dass er irgendwas dagegen unternehmen könnte.
    Solche Wehwehchen sind der Grund für die EXPLOSION der Gesundheitskosten.

    • Ralf Schrader sagt:

      Beim Arzt entstehen keine Gesundheits-, nur Krankheitskosten. Aber auch die wachsen nur linear und explodieren nicht. Weil die Schweizer nun aber sehr, sehr selten zum Arzt gehen, ganze 3.9 x im Jahr (OECD- Schnitt 6.6), sind in diesem Segment die Ursachen für das Kostenwachstum nicht zu finden.

    • H.P. Widmer sagt:

      Nee böser Wolf die Explosion der GKosten kommen daher, weil 50% der Leute selbst Schuld sind an ihren Krankheiten und der Dr. sie ja nicht abweisen kann/darf, sonst verdient er nichts 🙁

  • Hotel Papa sagt:

    Was mich immer am meisten freut: Ärzte, die das Patientengespräch abkürzen, und dafür viel Diagnostik betreiben. (Ist halt lukrativer so…)

    Sorry, Doc. Ich kenne meinen Körper am besten. Ich SPÜRE ihn. Da könntest Du Dir viel Information abholen, was in dem Menschen abläuft. Du musst aber hinhören.

    • Ralf Schrader sagt:

      Bei den meisten und den wichtigsten Krankheiten spielt der Körper nur eine Nebenrolle. Den eigenen Geist können die meisten Menschen aber nicht spüren.

      • Hotel Papa sagt:

        Aber auch den erfahre ich direkter als der Doc. Bin vielleicht nicht ehrlich in der Beurteilung, aber hier noch mehr als beim Körper ist das Urteil für den Aussenstehenden nur im Dialog zu finden.

      • Monika Diethelm sagt:

        Das trifft so nicht zu. Wenn man Patienten dabei unterstützt, können sie durchaus auch ihren Geist und ihre Seele spüren. Sonst würde Psychotherapie ja nicht wirksam sein.

      • Hanspeter Niederer sagt:

        „Bei den meisten und den wichtigsten Krankheiten spielt der Körper nur eine Nebenrolle.“ Da bin ich aber gespannt auf die Begründung für diese abenteuerliche Behauptung, wonach scheinbar der „Geist“ den Körper formt.

    • H.P. Widmer sagt:

      Genau, dieser Ansicht bin ich ebenfalls. Ich kenne meinen Körper besser als der Dr.!

    • Monika Diethelm sagt:

      Leider werden Ärzte, die v.a. zuhören und nicht viel Technik einsetzen, nicht nur schlechter bezahlt, sondern auch am wenigsten geachtet.

    • Hanspeter Müller sagt:

      Solange Du beschreibst was Du spührst höre ich zu. Aber wenn Du erzählst, was Du im Internet gelesen hast wechsle ich im Kopf zu meiner Einkaufsliste, der Ferienplanung oder irgend sowas. Das ist der Unterschied zwischen Patient ernst nehmen und Patient beruhigen dass nicht alles stimmt was Dr. Google so auf Lager hat.

  • Ein Simulant sagt:

    Eine Ärztin wollte mich mal mit Diagnose „verstauchtem Rücken“ zum Chiropraktiker schicken. Den Termin habe ich dank Abraten einer Bekannten Zahnärztin nicht wahrgenommen. Nach 4 Monaten (von jener Ärztin als simuliert bezeichneten) „Quengelns“ meinerseits schickte sie mich endlich zur Rückenklinik. Es stellte sich heraus, dass es ein Wirbelbruch war. Wer weiss, was der Chiropraktiker mit einem geübten „Knacks“ damals angestellt hätte. Ob ich noch gehen könnte? Ärzte sollten alle künstliche Intelligenz, Internet und online Datenbanken, welche von der heutigen Technologie ermöglicht werden, zur Unterstützung nutzen. Sonst werden sie in 5 Jahren alle von Dr. Watson ersetzt.

  • Bruno Müller sagt:

    Ich halte mit meiner Recherche zurück und lasse den Arzt in Ruhe seine Arbeit machen. Der Arzt hat jahrelange Erfahrung und eine Intuition, die man sich mit Recherche nie aneignen kann, wenn er gut ist. Es gibt wie in allen Berufen auch schlechte und unfähige Aerzte, und für die sind die Zeiten zum Glück härter geworden. Wenn ich also Zweifel an der Kompetenz des Arztes kriege – und da hilft mir meine Recherche, das zu beurteilen – dann bin ich schnell weg.

  • Extrem Googler sagt:

    Bei allem was man sehen kann ist Dr Google schon ok – Pilz, Hautausschläge usw. – sobald die Beschwerden aber diffuser sind, z.B. ständiges Kotzen oder „irgendwas in der Schulter“ – ist Google nutzlos. Um mit Google als Laie ans Ziel zu kommen braucht es schon sehr einfach kategorisierbare Äusserungen der Beschwerden. Dazu kommt, dass ein Arzt zur Informationsbeschaffung auf MIttel zurückgreifen kann, die einer Privatperson nicht offenstehen, z.B. Röntgen oder Blutanalyse.

  • Martin Frey sagt:

    Abkanzeln geht gar nicht. Aber es ist auch nicht zwingend richtig, dass ein gut (selbst) informierter Dr. Google Patient eine Behandlung zuverlässiger durchzieht. Dass er mehr für Prävention tut, gewiss.
    Im Internet die richtigen Informationen herauszusuchen ist schon mal eine Sache. Insbesondere bei Themen wie Impfungen oder Krebs gibt es da auch ganz viele, teils sehr gut gemachte, gezielte Desinformation für die zu durchschauen es Fachwissen braucht.
    Die ärztliche Kunst liegt aber darin, all das Wissen in einen Kontext zu stellen. Spätestens da führt Dr. Google den Laien öfter halt doch eher zu mehr Verunsicherung als zu etwas anderem.

    • Hans Hegetschweiler sagt:

      Na ja, wenn jemand, der Beinschmerzen hat, eine Praxisvertretung darauf aufmerksam macht, dass sie ein Bandscheibenproblem hat, dann müsste der Arzt eigentlich dankbar sein, weil dadurch die Anamnese und Diagnose beschleunigt wird. Wenn Ärzte böse werden, weil Patienten aus dem Internet oder von früheren Arztbesuchen her, schon eine gewisse differentialdiagnostische Ahnung haben, dann sind sie fehl am Platz. Gleich verhält es sich mit Anwälten die jeden juristischen Input von ihren Klienten ablehnen. Das bedeutet nicht, dass der Arzt/Anwalt davon entbunden wird, zu prüfen, ob das, was der Mandant/Patient sagt, Hand und Fuss hat, aber zuhören soll er.

    • Ralf Schrader sagt:

      Vermutlich findet Dr. Google vor allem Quellen, die so ganz unabhängig von der Pharmawirtschaft unterhalten werden. Ich denke, jeder der Medizin ausreichend gut versteht wird kaum Verwertbares in solchen Recherchen finden. Es fehlt vor allem, wie genannt, die Kontextualität.

  • Hagmann Werner sagt:

    Als Arzt geht es einem doch wie dem Garagisten. Man schätzt es nicht, wenn ein
    Amateur herumbastelt. Aber halt mal, vielleicht hat er ja recht. Ach früher, da
    War die Kommunikation, wenn es überhaupt eine gab, auf Lateinisch oder gar Altgriechisch. Wie in der Kirche. Nun bröckelt es am Halbgott. Der verliert an Wert. Rascher als der Euro. Aber ich schätze es mit meinen Patienten
    Auf Augenhöhe zu sein. Der Google ist eine Reformation.

    • Ralf Schrader sagt:

      Ein Therapeut auf Augenhöhe ist ein schlechter Therapeut.

      • Tobias 2 sagt:

        Lieber Ralph Schrader,
        Ich versuche mit allen Menschen immer auf Augenhöhe zu verkehren, auch mit Ärzten, und fahre damit gut.

      • Ralf Schrader sagt:

        Es gibt einige wenige Berufe, deren Ausübung auf einer Asymmetrie der sozialen Rollen beruhen. Dazu gehören die Ärzte, vor allem die Psychotherapeuten und die Lehrer. Das Arzt- Patient- Verhältnis macht 50% der Heilung, nichts ist für sich so wichtig. Aber nur wenn es nicht auf Augenhöhe stattfindet.

      • Monika Diethelm sagt:

        Fachlich ist der gute Therapeut nicht auf Augenhöhe, da er ja Fachwissen hat, aber menschlich durchaus!

      • Hanspeter Niederer sagt:

        Ich bin Ferndiagnostiker. Ich kann anhand Iherer Kommentare unschwer erkennen, dass Sie an Überheblichkeit leiden. Bitte begeben Sie sich in absehbarer Zeit in kompetente Hände, um diesen Charakterdefekt zu korrigieren.

      • Tobias 2 sagt:

        Auf Augenhöhe kommunizieren bringt Vertrauen.

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