Habe ich, weiblich, Sex wie ein Mann?

Klare Vorstellung: Aggressiv und wild die einen, sanft und demütig die anderen. Foto: Raisa Durandi

Ich kann gut ohne Liebe Sex haben. Sex ist für mich eine Art Ventil. Ich kann danach besser entspannen und negative Emotionen abbauen. Manchmal habe ich deshalb das Gefühl, dass ich Sex habe «wie ein Mann». Weshalb ist das so?

Ich rate Ihnen dringend davon ab, in Geschlechtsstereotypen zu denken. Gerade bei Aussagen wie «Sex wie ein Mann haben» werde ich hellhörig. Denn was soll das heissen, Sex wie ein Mann zu haben? Und wie haben sich in diesem Schema Frauen im Schlafzimmer zu verhalten? Aggressiv und wild die Männer, zart und unterwürfig die Frauen?

Seit jeher dient das Geschlecht in fast allen Kulturen als wichtige Kategorie für die soziale Differenzierung, auch was die Sexualität angeht. Mit diesen Stereotypen verbinden wir eine Reihe von geschlechtsbezogenen Erwartungen, welche wir schon früh im Kindesalter lernen – so eben auch, was typisch «männlich» oder «weiblich» sein soll und welches Verhalten vor diesem Hintergrund abweichend scheint. Später setzen wir uns zwar kritischer mit solchen Normen auseinander, dennoch halten sich viele davon weiterhin hartnäckig. Leider!

Denn solch starren, weit verbreiteten Vorstellung können unser Selbstwertgefühlmindern. So werden gerade in der Sexualität Menschen, welche ein nicht stereotyp-konformes Verhalten zeigen, kritisch beäugt und oft auch diskreditiert, mit Haltungen wie: «Er hat keine Lust auf Sex? Was stimmt nicht mit dem Typen?», oder «Sie hat mit drei Männern in einem Monat geschlafen? Sie ist halt eine Billige!»

Ihrer Frage entnehme ich, dass auch in Ihnen solche Vorstellungen darüber, wie Sie sich als Frau in sexuellen Belangen zu verhalten haben, vorherrschen. Etwa, dass Frauen Sex und Liebe nicht trennen können, sondern das dies nur auf Männer zutrifft. Kuscheln, Blümchen-Sex und das Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung sind dagegen für das «schwache Geschlecht» bestimmt. Solche Stereotypen gilt es unbedingt zu durchbrechen und zu entlarven, damit auch Sie für sich eine unbelastete Sexualität geniessen können, frei nach dem Motto: Alles ist erlaubt, hauptsache, es fühlt sich für SIE gut an – egal, was andere denken mögen.

Auch wenn es tatsächlich Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt und geschlechtstypische Tendenzen vorliegen, so gibt es mindestens genauso viele Dinge, die bei beiden gleich sind. Studien zufolge scheint es sogar so zu sein, dass Männer und Frauen in Bezug auf Sexualität und Liebe viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.

Versuchen Sie, sich von stereotypen Vorstellungen zu befreien und den Kreis aus sich aufrechterhaltender Einstellungen zu durchbrechen. Dieser wirkt unserer Selbstverwirklichung entgegen – und schränkt somit bloss unser Leben ein.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet einmal wöchentlich eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.