24 Stunden Auszeit vom Alltag

Von Kopf bis Fuss

Einfach mal etwas länger liegen bleiben tut gut – vor allem in der kalten Jahreszeit. Foto: DeanDrobot (iStock)

Es ist Jahresanfang, und um mich herum herrscht bereits wieder emsiges Treiben. Meine Freundin ist dabei, ihre Wohnung auszumisten. «Ballast loswerden» nennt sie das. Im Gegensatz dazu wird in der Stadt eingekauft, als ob es kein Morgen gäbe.

Irgendwas ist doch immer.

Nicht bei mir.

Ich liege, wohlig eingebettet, auf meinem Sofa und beobachte, welch faszinierendes Muster die Sonnenstrahlen auf der gegenüberliegenden Wand bilden. Ich weiss nicht, ob ich seit zwei Minuten auf dieses Bild starre oder seit zehn. Spielt auch keine Rolle. Denn ich lebe zurzeit ein seelisches Detoxprogramm. Ich bin für 24 Stunden offline, und zwar auf allen Kanälen. Mein Ziel: alleine dem Müssiggang frönen.

Me, myself and I.

In den letzten Wochen war mir alles ein bisschen zu viel: zu viele Einladungen, zu üppige Dekorationen, zu reichhaltiges Essen. Jetzt sehne ich mich nach Einfachheit, nach Ruhe, nach der Leere.

Es ist zwei Uhr mittags, und mein Experiment ist gerade ein paar Stunden alt, sprich, ich habe an diesem normalen Mittwoch noch nichts gemacht, ausser lange geschlafen. Meine Energie reichte gerade dafür, die Zähne zu putzen und ein Joghurt zu essen. Nicht gerade üppig für eine, die sonst auf ihr Multitasking stolz ist.

Das Faulenzen tut mir gut. Das finden allerdings nicht alle. Das liegt vor allem in der gesellschaftlichen Angst begründet, alles gehe den Bach runter, würden die Menschen mit der ewigen Betriebsamkeit aufhören. Denn auch wenn sie sich nur bewegen wie der Hamster im Rad, Hauptsache, sie stehen nicht still. Denn Stillstand bedeutet bekanntlich Rückschritt – eine Todsünde in unserer schnelllebigen Welt.

Die Langeweile sagt kurz Hallo

Ich döse ein weiteres Stündchen vor mich hin, und als ich aufwache, gilt meine einzige Überlegung der Gemüsesuppe, die ich mir am Abend zubereiten will. Denn nicht nur die Sinne sollen detoxen, auch mein Magen verdient nach allen verspeisten Köstlichkeiten ein bisschen Ruhe.

Wenig später ist es bereits am Eindunkeln. Ein seltsames Gefühl überkommt mich. Normalerweise bin ich um diese Zeit sehr aktiv, arbeite, gehe einkaufen oder bin mit meinen Hunden draussen. Jetzt sitze ich alleine auf dem Sofa in einer immer dunkler werdenden Stube. Ist das etwa die Einsamkeit, die mir unangenehm den Rücken hinaufkriecht?

Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, dieses Experiment im Sommer zu machen, wenn die Tage länger sind? Ich schüttle die unangenehmen Gefühle ab und beginne in der Küche damit, das Gemüse zu rüsten. Diese fast meditative Tätigkeit gefällt mir. Wann habe ich das letzte Mal bewusst und nicht husch, husch eine Mahlzeit zubereitet? Eine halbe Stunde später sitze ich vor einem Teller dampfender Suppe. Fast überkommt mich ein Hochgefühl, als ich beginne, diese Löffel für Löffel zu essen. Wie wunderbar sie doch schmeckt! Nach allen Filets im Teig, Fondues und Schwarzwäldertorten geniesse ich diese Einfachheit doppelt.

Der Abwasch ist schnell gemacht. Und was jetzt?

Ich beschliesse, einen kleinen Abendspaziergang zu machen. Als ich draussen auf der Strasse bin und in die hellen Fenster schaue, hinter denen ich traute Zweisamkeit vermute, überkommt mich wieder Melancholie. Mein Mann ist geschäftlich im Ausland, die dunkle Wohnung, in die ich wenig später zurückkehre, macht mein Herz auch nicht fröhlicher. Und plötzlich sehne ich mich ganz stark nach Ablenkung, nach Menschen und deren Wärme. Ich bin nahe daran, mein Experiment abzubrechen, den Fernseher anzustellen oder wenigstens kurz auf Facebook zu schauen, was in der Welt draussen vor sich geht. Denn in meiner kleinen Welt ist es momentan doch recht trist.

Bewusster Genuss

Aber halt! Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht 24 Stunden in selbst gewählter Einsamkeit verbringen könnte! Ich gewähre mir etwas Musik und zünde ein paar Kerzen an. Während Bob Dylan über den Sinn des Lebens philosophiert, schaue ich mir alte Fotoalben an. Auch etwas, das ich seit Jahren nicht mehr gemacht habe. Die alten Bilder und Erinnerungen, die in mir aufsteigen, tauchen mich in ein Bad wohliger Sentimentalität. Als ich wenig später, es ist erst 21 Uhr, ins Bett schlüpfe, fühle ich mich geborgen.

Acht Stunden später erwache ich. Ich habe traumlos geschlafen und fühle mich voller Tatendrang. Noch vor dem Frühstück mache ich eine halbe Stunde Pilates. Ich dusche und wasche mir die Haare. Endlich einmal kein Stress bei der Schönheitspflege. Danach verbringe ich zwei Stunden mit dem Lesen eines dicken Schmökers, etwas, das in meinem Alltag immer zu kurz kommt. Ich merke, wie es mich inspiriert, wieder einmal ungestört in eine fremde Welt einzutauchen. Zum Mittagessen genügen mir ein Honigbrot und ein Kaffee; beides geniesse ich ganz bewusst.

Die Einsamkeit, die mich gestern gestreift hat, ist verschwunden. Ich geniesse die Zeit mit mir alleine, und ich bin erstaunt, dass ich nichts vermisse. Weder Facebook, die Nachrichten noch die üblichen Telefonate. Nur meine Liebsten natürlich.

4 Kommentare zu «24 Stunden Auszeit vom Alltag»

  • Lisa sagt:

    Hallo liebe Silvia,
    habe selten so einen schönen und interessanten Artikel gelesen!
    Nur wenige gönnen sich eine 24-Studen-Auszeit vom Alltagsstress – Bei mir selbst beläuft sich die Entspannung und das bewusste „Nichts tun“ meist auf wenige Stunden in der Woche.
    Am besten geht das mit meinem Kater George vorm gemützlichen Kaminfeuer, einer Tasse Tee und einem Sudokorätsel. Wenn die eigenen Gedanken permanent durch eine interessante Beschäftigung abgelenkt werden, die Spaß macht und fesselt, ist das mit die beste Alternativmedizin vom Alltagsstress abstand zu nehmen und abzuschalten. Ab und an, kann auch ein kleiner Gewinn vom Lottospielschein ( https://www.deutsche-sportlotterie.de/ ), die miese Stimmung aufhellen 🙂 bei der letzten Ziehung war ich leider nicht dabei 🙁

  • Matthias Kägi sagt:

    Wie recht Sie haben! Der Mensch (die Menschen) lebt vom Rhythmus. Ist ja gfürchig, dass die ständige Betriebsamkeit schon so sehr von uns Besitz ergriffen hat, dass Sie das überhaupt schreiben müssen. Schon der liebe Gott hat am siebten Tag einfach ausgeruht. Und er hat uns diesen Rhythmus wärmstens ans Herz gelegt. Seit ich mich wieder daran halte, brauche ich kaum mehr über Stress zu klagen.

  • Trudi sagt:

    …und was ist mit den Hunden geschehen, während die Autorin gedöst hat…?
    Haben die auch 24 Stunden Auszeit genommen…?

Kommentar

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