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Archiv für die Kategorie „Alpin“

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Überfunktion und Super-Performance

Natascha Knecht am Mittwoch den 23. Juli 2014
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Kann der Mensch mit der Technik noch mithalten? Eine Messeteilnehmerin posiert an der «Outdoor»-Messe in Friedrichshafen mit ihrem Ausstellungsobjekt. Alle Fotos: www.outdoor-show.de

Man stelle sich das vor: Im Moment beträgt der Umsatz der Outdoor-Industrie alleine in Europa zehn Milliarden Euro. Die Branche hat vorige Woche kommuniziert, der Markt boome und wirtschaftlich würden ihr weiterhin «schöne Aussichten» winken. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Umsatzwachstum bewegt sich nicht mehr im zweistelligen Bereich wie noch vor wenigen Jahren – 2013 betrug es «lediglich» 3,1 Prozent. Darum wollen die Unternehmen nun raschestmöglich neue Wege angehen, um die Millionen Gegenstände für jede Art von Freiluftabenteuer an die Kundschaft zu bringen. Soeben fand in Friedrichshafen die «Outdoor» statt, die grösste Fachmesse der Branche auf dem Kontinent. Präsentiert wurde wie immer das Neuste, Beste, Schrillste, Nützlichste, Innovativste, Revolutionärste.

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Marketing-Kauderwelsch: Ein «Approach-Schuh für anspruchsvolle Aktivitäten», er hat «separate Stretchliner» und ist «in Low- und warmer Midversion erhältlich».

Die Outdoor-Industrie forscht natürlich auch intensiv, wie sie ihrer wirtschaftlichen Stagnation entgegenwirken kann. Für uns sogenannte «Endverbraucher» sind einige Strategien positiv, andere weniger. Genannt wird zum Beispiel:

Aus einem Trend einen «Megatrend» machen, und noch mehr Leute für ein Outdoor-Hobby gewinnen: Uns aktiven «Endverbrauchern» graut es, wenn wir daran denken, dass sich bald noch mehr Volk in den Rückzugsgebieten tummelt. Aber ich glaube, so weit wird es nicht kommen. Besitzt ein potenzieller «Endverbraucher» heute im «Zurück zur Natur»-Zeitalter noch keine Grundausrüstung, wird aus ihm wahrscheinlich nie ein leidenschaftlicher Outdoorer, ergo wird er auch nicht oft draussen sein – und wenig Ausrüstung kaufen. Gut für uns und die Natur, schlecht für die Wirtschaft. In Europa ist der Outdoor-Markt zudem schon ziemlich gesättigt. In zu vielen Garderoben hängen Goretex-Jacken, die für teures Geld angeschafft und selten getragen wurden. Anders in Ländern wie Japan, Russland oder in Osteuropa. Dort kommt der Outdoor-Boom erst auf und lässt die Branche auf ein «kräftiges Wachstum» hoffen.

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Eines sieht aus wie das andere: Besucherin an der «Outdoor»-Messe.

Konkurrenz fördert das Geschäft: Als «Endverbraucher» haben wir nicht selten den Eindruck, es spiele gar keine Rolle, ob wir eine Hose nun von dieser oder jener Marke wählen. Die meisten sind ziemlich ebenbürtig, zudem auch ähnlich in Design und Farbe. Eine Saison ist alles grün und gelb, in der nächsten orange und blau. Beim Kauf entscheidet vielleicht, wie nachhaltig ein Produkt hergestellt wurde, aber am wichtigsten bleibt meistens der Preis.

Überfunktion und Super-Performance: Mein Bedürfnis als «Endverbraucherin» wäre im Prinzip klar. Ich will warm, atmungsaktiv, robust, leicht, langlebig etc., und alles am liebsten unkompliziert in der Anwendung. Aber die ständig neu kreierten technischen Kraftausdrücke, mit denen die Produkte heute behaftet werden, machen mir die Outdoor-Welt zuweilen unverständlich. Was bedeutet «progressives Design», oder «spritzwasserfester YKK-RV»? Sind «Hybrid Shell» und «Rolling Concept» in der Wildnis überlebenswichtig? Und erst die Wassersäulen! Sie variieren zwischen 800 und 30'000 mm. Schön für sie! Aber was heisst das für mich? Wie viel Funktionalität und Super-Performance ist in unseren Breitengraden nötig?

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Schreckliche Erinnerung ans Matterhorn

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 16. Juli 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

GEOGRAFIE, ALPEN, NATIONALES, SYMBOL, WOLKE, WALD, BERG, WAHRZEICHEN

In einer Sekunde kann sich Glück in Unglück wandeln: Vor fünfzig Jahren kam am Matterhorn der Bergführer Anselm Biffiger ums Leben. (Foto: Keystone)

Es ist der 19. Juli 1964. Schon früh weckt uns das Poltern, Klirren und Murmeln der Bergsteiger, die zum Matterhorn wollen. Das Wettrennen um die ersten Plätze am Hörnligrat beginnt bereits im Massenlager, setzt sich fort an den Tischen, um die man dicht gedrängt und verschlafen das Frühstück in sich hineinstopft. Die ersten Seilschaften brechen auf, Lichtpunkte in der Nacht. Wir nehmen es gelassener, wollen zum Zmuttgrat, müssen uns nicht in die Karawane der Führerpartien einreihen. Vor uns eine einzige Seilschaft, der Bergführer Anselm Biffiger mit seiner Verlobten. In drei Wochen soll Hochzeit sein, haben wir in der Hütte gehört.

Schon in der Seilbahn zum Schwarzsee ist mir das Paar aufgefallen. Der kräftige, braun gebrannte Bergführer mit der schönen jungen Begleiterin auf den Knien. Sie unterhalten sich auf Französisch, aber wir verstehen: Arête de Zmutt. Ich beneide die beiden ein bisschen, wie gern wäre ich mit einer Freundin auf Berge gestiegen. Aber ich bin im Militärdienst in Bern, und meine Begleiter, drei Berner, kenne ich kaum.

Anselm3

Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, als er verunglückte.

Bei den Felsstufen am Fuss des Eisfeldes, das auf den Gletscherbalkon unter der Nordflanke führt, überholen wir den Bergführer und seine Begleiterin. Sie haben Probleme mit einem Steigeisen, doch dann schliessen sie rasch auf. Anselm steht ein paar Meter unter mir, als es hoch über uns in den Felsen kracht. Vom Hörnligrat stürzt ein Felsbrocken auf uns zu, wohl ausgelöst von einer Seilschaft, die sich verstiegen hat, er reisst eine Steinlawine mit sich. Ich stehe in einer Rinne, kralle mich an den Pickel, höre Schreie, spüre Steine auf Schultern und Arme prasseln. Sekunden wie Stunden, ich fühle mich in einer andern Welt, entrückt und schwerelos. Kein Schmerz, nichts. Fast ein Traum, ein Albtraum.

Eine seltsame bleischwere Stille macht sich breit. Ich schaue hinab, sehe am Fuss der Wand zwei Körper langsam, wie in Zeitlupe, durch den Schnee rutschen. Sie bleiben liegen. Verbunden durch das Seil. Jenseits des Tals fällt das erste Licht auf die Gipfel der Dent Blanche und des Zinalrothorns.

Anselm hatte keine Chance

Blick nach oben. Mein Seilpartner hängt kopfüber im Eishang, klammert sich mit einer Hand an einen Riss, den er im Rutschen fassen konnte. Der Felsblock hat seinen Rucksack aufgerissen. Wir haben überlebt, auch unsere zwei Gefährten, die hinter Anselm eingestiegen sind.

Überlebt hat auch die junge Frau, schwer verletzt liegt sie im Schnee, wir schützen sie mit Tüchern vor der Sonne. Anselm, vom Felsblock direkt getroffen, hatte keine Chance. Warten, warten, ein strahlender Tag, gleissendes Licht. Nach sechs Stunden landet auf dem kleinen Feld, das wir gestampft haben, ein Helikopter, gesteuert vom Gletscherpiloten Hermann Geiger. Es ist nicht die erste Rettung an diesem Morgen.

Ein hervorragender Bergsteiger

Warum ich das erzähle? Weil es genau fünfzig Jahre her ist vielleicht und mich die Bilder jener Sekunden und Stunden nie mehr losgelassen haben. Weil ich nach Jahren, durch einen Zufall, mit einem Neffen von Anselm in Kontakt kam. So erfuhr ich einiges über sein Leben.

Anselm4

Jede freie Minute verbrachte Biffiger am Berg.

Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, stammte aus St. Niklaus im Mattertal. Er war Mitglied im lokalen Bergführerverein, im Hauptberuf Mechaniker beim Cern. Mit Freunden vom Kletterclub Amis Montagnards kletterte er jede freie Minute an der Salève bei Genf. Ein Foto zeigt ihn in einem Überhang, in Strickleitern stehend, wie damals üblich. Ein anderes auf dem Gipfel der Aiguille Verte nach der Nordwand. Und kürzlich habe ich, seltsamerweise auf einer österreichischen Website, gelesen, dass ihm 1962 die 31. Begehung der klassischen Nordwandroute am Matterhorn glückte. Ein hervorragender Bergsteiger also, in den besten Jahren, wie man sagt, und am Beginn seines Lebens als Ehemann, als Vater vielleicht.

Ich frage nicht nach dem Warum, weil es doch keine Antwort gibt. Erfahren habe ich damals, wie sich Glück in einer Sekunde in Unglück wandeln kann. Vor allem auch in unseren geliebten Bergen.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,* Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer.

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Ueli Steck auf der «Roten Liste»

Natascha Knecht am Mittwoch den 9. Juli 2014
Von Natur aus überlegen: Extrembergsteiger Ueli Steck im Oktober 2013. (Foto: Nicola Pitaro)

Von Natur aus überlegen: Extrembergsteiger Ueli Steck im Oktober 2013. (Foto: Nicola Pitaro)

Was wird Ueli Steck durch den Kopf gegangen sein, als er die jüngste Ausgabe von «Bergundsteigen» gelesen hat? Die grundsätzlich absolut empfehlenswerte Fachzeitschrift «für Risikomanagement im Bergsport» gehört sprichwörtlich zur todernsten Sorte, einzig auf der letzten Seite publiziert sie jeweils einen «Fachartikel zum Thema schräg». Dieses Mal ist es eine Parodie auf unsere «Swiss Machine». Es geht um die Geschichte, welche sich vor einem Jahr am Everest zugetragen hat, als Ueli Steck und Simone Moro von Sherpas vertrieben wurden.

Unter dem Titel «Rote Liste» erklärt das Magazin, was ein «Extremer Höhenbergsteiger» ist: Die äusserst leistungsfähige und höhenangepasste Gattung des «homo everestus uelimoro extremis» stamme in direkter Linie vom «Klassischen Everestbezwinger» (lat. homo everestus hillaris edmundus) ab, wobei die entscheidenden evolutionären Impulse die O2-tolerante Zwischengattung «homo everestus reinholdis» setze. Erkennbar sei «uelimoro extremis» äusserlich an der von Firmenlogos überwucherten Aussenhaut und an der leichtfüssigen Fortbewegung aufgrund der minimalen Ausrüstung: Mittel zur Dokumentation der Unternehmungen opfere er dabei gern dem ihm angeborenen Gewichtsfetischismus.

Aus dem Fachmagazin «Bergundsteigen», Nummer 2/14, Seite 90.

Aus dem Fachmagazin «Bergundsteigen» 2/14, S. 90.

(Anm: Mit «Mittel zur Dokumentation opfern» spielt der Verfasser wohl darauf an, dass Ueli u.a. von seiner Begehung der äusserst anspruchsvollen Annapurna-Südwand in schier übermenschlich schnellen 28 Stunden keinen eindeutigen Beweis vorweisen kann.)

«Leck mi» und «Raudi»

Was unter einer «von Firmenlogos überwucherten Aussenhaut» zu verstehen sein soll, zeigt die Zeichnung zum Text: Man sieht einen Speedbergsteiger, der u.a. mit Ueli Stecks Sponsoren abgedeckt ist. Leki heisst darauf «Leck mi», Audi wird zu «Raudi», Pezl zu «Brezl», PowerBar zu «BauernBar» etc.

Bevorzugter Lebensraum des «Extremen Höhenbergsteigers» sei das Himalaja-Gebirge, in dem er, hoch spezialisiert und ohne natürliche Fressfeinde, auf Beutezug gehe. Gerade jedoch in der namengebenden Region, am Mount Everest, werde «uelimoro extremis» in den letzten Jahren immer mehr von sich seuchenartig vermehrenden Populationen des «Everest-Touristen» (lat. homo everestus commercialis, auch homo porcus monetis) verdrängt und sei dort mittlerweile vom Aussterben bedroht.

Denn mit seiner ausgeprägten Höhenresistenz sowie der hervorragenden Konstitution und Kletterveranlagung sei der «uelimoro extremis» dem «everestus commercialis» (der in der Regel kaum bergsteigerische Fähigkeiten aufweise) in den Höhenregionen zwar von Natur aus weit überlegen, die Überzüchtung mache ihn aber auch anfällig für jegliche Änderungen in seinen angestammten Lebensräumen. Das massenhafte Auftreten des «everestus commercialis» sowie die damit verbundenen Lärm- und Schadstoffemissionen, aber auch dessen zuhauf zu findenden technischen Hindernisse wie Fixseile, Aluleitern u.ä. würden die Zugänge zu den Habitaten für den eher scheuen «uelimoro extremis» verstärkt unpassierbar machen. Gelegentlich bis in die Gipfelregion vordringende, besonders hartnäckige Vertreter der Gattung «Everest-Tourist» mit ihren «Hochträgern» (lat. sherpanus provisor oxygenius) blockierten darüber hinaus durch ihr schneckengleiches Vorankommen sämtliche Fluchtwege.

Als Folge dieser Verdrängung werde sich «uelimoro extremis» wohl auf die abgelegenen Gebiete zurückziehen und, ähnlich dem «Yeti» (lat. ursus fatamorganis messneri), nur noch sehr selten zu beobachten sein.

Was meinen Sie?

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Wenn Bergsteiger einander die Schuhe klauen

Natascha Knecht am Mittwoch den 2. Juli 2014
Bergschuhe

Können auch mal verschwinden: Schuhe auf der Tour de Mont Blanc. (Foto: Heather Cowper/Flickr)

Wer die folgende Meldung liest, greift sich an den Kopf: Ein Bergsteiger musste mit dem Rettungshelikopter ausgeflogen werden, weil ihm in der Goûter-Hütte auf 3835 m ü. M. jemand die Schuhe gestohlen hatte.

Das Refuge de Goûter am Mont Blanc.

Das Refuge de Goûter am Mont Blanc.

Wir können es nicht schönreden: Auch unter Alpinisten gibt es Kriminelle, in Hütten wird geklaut, sogar Materialdepots am Berg sind schon geplündert worden. Aber wer einmal in einem grossen und voll belegten Schutzhaus übernachtet hat, der kennt das Chaos: Am Morgen will jeder so rasch wie möglich los. Im engen, stinkigen Schuhraum herrscht Gedränge, und ungefähr jedes dritte Paar Schuhe hat die gleiche Farbe und Marke. Ich habe meine Schuhe auch schon in einer ganz anderen Ecke wiedergefunden als dort, wo ich sie am Vortag hingestellt hatte – wie von Geisterhand versetzt.

Stellen wir uns die Gôuter-Hütte vor. Das neu gebaute, futuristisch aussehende Bauwerk ist ein Magnet für Bergsteiger, genau wie der Mont Blanc selber. Die Hütte bietet Schlafplätze für 120 Personen. Ob an Spitzentagen noch immer zusätzliche Personen auf dem Fussboden schlafen dürfen, weiss ich nicht. Aber es stehen also mindestens 240 Stück Schuhe dort, nebst all dem anderen Ausrüstungszeug.

Für den Vorfall von vergangener Woche gibt es mehrere Erklärungen:

  • Jemand war tatsächlich dreist genug, ein Paar Schuhe zu stehlen. Ausgeschlossen ist das nicht, dennoch scheint es mir irgendwie unwahrscheinlich. Der Dieb hätte seine eigenen Schuhe ebenfalls mitnehmen respektive in der nächsten Gletscherspalte verschwinden lassen müssen. Denn hätte er das nicht gemacht, wären seine Schuhe am Ende in der Hütte übrig geblieben, und man hätte möglicherweise Rückschlüsse ziehen können.
  • Jemand war blöd genug, die Schuhe zu verwechseln. Das kommt zwar nicht sehr häufig vor, aber es kommt vor. Dann hätten in der Hütte ein Paar Schuhe mit ähnlicher Grösse übrig bleiben müssen.

Im Gebirge tummeln sich allerlei Leute; allein am Mont Blanc sind es jedes Jahr 30'000. Darunter auch solche, die ihre Ausrüstung mieten und morgens um zwei Uhr keinen Schimmer mehr haben, wie ihre Mietschuhe aussehen. Wäre ich Unternehmerin, ich würde mich dieser Goldgrube annehmen und in eine Neuerfindung investieren, zum Beispiel in automatische Fussschweiss-Erkennungssensoren für Bergschuhe. Steigt dann einer versehentlich in fremde Schuhe, ginge der Alarm los. Macht er es mutwillig, bekäme er einen Stromschlag.

Was meinen Sie? Was erzählt uns obige Geschichte?

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Blöd gelaufen: Ein Bergsteiger am Mont Blanc musste mangels Schuhwerk mit dem Helikopter ausgeflogen werden. (Archivbild: Reuters)

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Welche Art «Drecksack» sind Sie?

Natascha Knecht am Mittwoch den 25. Juni 2014
Vom Aussterben bedroht: Die guten alten «Dirtbags» aus dem Yosemite-Valley, Kalifornien, in den 1970er-Hippie-Jahren. Sie haben das Big-Wall-Kettern erfunden.  (Foto: Reel Rock Filmtour 2014, «V

Vom Aussterben bedroht: Die guten alten «Dirtbags» aus dem Yosemite-Valley, Kalifornien, in den 1970er-Jahren.  (Foto: Reel Rock Filmtour 2014, «Valley Uprising», www.explora.ch)

Alex Honnold (28) verdient sein Geld, indem er alleine und ungesichert durch schwierigste Felswände klettert. Auf dem Sparkonto hätte er genug, um luxuriös hausen zu können. Aber was macht er? Er lebt seit bald zehn Jahren in einem Van. Am Abend isst er immer dasselbe: einen Mac-Cheese und Ton aus der Büchse. Zum Frühstück drei Eier. «Früher waren es vier. Jetzt drei», sagte er dem «Adventure-Journal». Sein Geschirr spült er nie ab. «Wozu auch?» Tasse und Teller besitzt er nicht, nur einen Kochtopf, eine Bratpfanne und eine Gabel. Gemüse isst er roh, Fleisch seit einiger Zeit nicht mehr, und er trinkt nur Wasser. Keinen Kaffee, keinen Alkohol, auch kein Bier. Seine einzige kulinarische «Schwäche»: Süsses.

Wenn einer von der Kletterszene «Dirtbag» – also «Drecksack» – genannt wird, dann ist das ein grosses Kompliment, dann hat er es zu etwas gebracht. Er stellt das dar, was den echten, wahren, richtigen Kletterer ausmacht. Er liebt den Sport und die Natur so sehr, dass er dafür alles aufgibt. Ein «Dirtbag» im vollkommensten Sinn ist ein Kletterer erst dann, wenn er sein Dasein ganz und gar seiner Leidenschaft widmet, weder festen Job noch festen Wohnsitz hat, von der Hand in den Mund lebt, wild campiert, in seinem klapprigen Auto schläft, das Essen aus Abfallcontainern fischt, Leergut einsammelt, um das Pfand zu kassieren, und schmuddelige Kleider trägt. Ein Rebell. Geld ist ihm egal. Er will nichts anderes als klettern und dabei glücklich sein.

Alex Honnold: Ausnahmekletterer, «Dirtbag», Model-Athlet und Werbestar. (Foto: Screenshot aus «Behind the Scenes», Cover-Shooting für das Outside Magazin, auf Vimeo)

Alex Honnold: Ausnahmekletterer, «Dirtbag», Modellathlet und Werbestar. (Foto: Screenshot aus «Behind the Scenes», Cover-Shooting für das «Outside Magazin», auf Vimeo)

Der gesponserte Landstreicher

«Dirtbagging» ist eine Bewegung, die in den 1970er-Jahren im Yosemite-Valley in Kalifornien mit den damaligen Helden der Vertikalen begonnen und sich in alle Kletter-Eldorados ausgebreitet hat. Auch in die Schweiz. Heute, 2014, droht diese Spezies jedoch ernsthaft auszusterben. Wer will es ihnen verübeln? Honnold lebt zwar wie ein Landstreicher, aber dank seiner Sponsoren verfügt er stets über die neuste Ausrüstung, die wärmste Daunenjacke, die besten Kletterfinken und gut gedeckte Kreditkarten. Somit ist er kein richtiger, ursprünglicher «Dirtbag» mehr.

Alex Honnold macht es mit seinem Lifestyle vor. Wie in jeder Elitegemeinschaft haben sich auch im «Dirtbagging» Unterkategorien entwickelt. Wie vielfältig die Typen inzwischen geworden sind, hat das Magazin «The Climbing Zine» in einem «Dirtbag-Lexikon» zusammengetragen. Hier ein gekürzter Auszug (möglicherweise werden Sie sich selber oder einen Ihrer Kumpel wiedererkennen):

  • Workbag: Ein «Dirtbag» mit einer Vollzeitstelle. Man findet ihn in allen Landesteilen, auf dem Land und in der Stadt. Sobald er frei hat, stürmt er in die Berge. Man nennt ihn auch «Wochenend-Dirtbag».
  • Classbag: Ein «Dirtbag» mit Klasse. Diese Person hat einen Job mit flexiblen Arbeitszeiten. Sie verdient gut und führt ein Doppelleben. Ihre Freunde kennen sie als «Dirtbag», ihre Vorgesetzten als seriösen Mitarbeiter mit Krawatte und gebügeltem Hemd.
  • Familien-Dirtbag: «Dirtbags» mit Kindern. Sie nehmen ihren Nachwuchs mit in die Klettercamps, ihre Zelte sind so gross wie ein Massenlager in einer SAC-Hütte. Manchmal werden ihre Kinder Topkletterer.
  • Bürostuhl-Dirtbag: Ein Kletterer, der Überstunden schiebt, um sich wenigstens zwischendurch ein «Dirtbag»-Leben leisten zu können. Trotzdem nimmt er sich nie eine längere Auszeit. Eine schöne Wohnung und finanzielle Sicherheit sind ihm wichtiger. Der «Bürostuhl-Dirtbag» startet seinen «Dirtbag»-Traum als Rentner.
  • Poser-Dirtbag: Einer, der wie ein «Dirtbag» leben möchte, das aber aus verschiedenen Gründen nicht kann. Er liest Outdoor-Magazine und erzählt allen, er mache bald einen Klettertrip, obschon er dies nie tun wird. Dennoch kleidet er sich wie ein «Dirtbag». Viele Outdoor-Marken führen heute eine «Dirtbag»-Linie. Der «Poser-Dirtbag» besitzt eine umfangreiche Ausrüstung, geht aber selten in die freie Natur.
  • Sauberer Dirtbag: Ein «Dirtbag», der nie dreckig sein oder stinken will. Er nimmt Desinfektionsmittel für die Hände mit und Feuchttücher. Geht ihm ausnahmsweise einmal das Toilettenpapier aus, ist das für ihn eine Grenzerfahrung.

Haben Sie sich wiedererkannt? Welchen «Dirtbag»-Faktor haben Sie?

Aktuell wird das Thema diskutiert, weil im Herbst der Film «Valley Uprising» mit der «Reel Rock»-Tour um den Globus tingeln wird. Hier der Trailer:

Outdoor

Wie dumm kann ein Hund sein?

Natascha Knecht am Mittwoch den 18. Juni 2014

Zum Kaltstart das Video:

Allround-Hochrisikosportler und Hundehalter Dean Potter hat eine Welle der Entrüstung ausgelöst – oder zu Neudeutsch: einen Shitstorm. Dass der 42-jährige Amerikaner mit seinen «Kunststücken» immer wieder Aufsehen generiert, wäre nichts Neues: Potter spaziert ungesichert über Highlines. Potter klettert ungesichert 7b+-Mehrseillängenrouten wie «Deep Blue Sea» am Eiger. Und Potter hat die Disziplin «Free-Base» erfunden. Potter steigt in Patagonien free solo auf den Cerro Torre – für diesen mehrtägigen Alleingang hat er sein Gepäck auf ein Minimum reduziert, sogar auf den Gaskocher verzichtet. Deshalb konnte er keinen Schnee schmelzen und trank stattdessen seinen Urin. Man tut alles, um nicht zu verdursten. Dean Potter kommt ab und an mit dem Gesetz in Konflikt, weil er zum Beispiel in einem Nationalpark in Utah «halblegal» eine Steinarche erklommen hat, oder weil Basejumpen mit Flügelanzug in vielen US-Bundesstaaten verboten ist.

Mit seiner Hündin die Grenzen überschritten?

Dean Potter lebt extrem. Nun hat er sich wieder eine Pioniertat ausgedacht: Mit seiner 4-jährigen Hündin Whisper reiste er nach Grindelwald, stieg mit ihr am Eiger über die Westflanke empor bis zum berühmtesten Basejump-Exit der Welt: dem Pilz. Dort schlüpfte er in seinen Flügelanzug, packte Whisper bis zum Hals in einen Spezialrucksack, schulterte sie und stürzte sich mit ihr ins Tal. Wie es Whisper während des Ausflugs gefallen hat, filmte er mit Helmkameras. Kaum war das Video auf Youtube, entfachte sich eine Kontroverse. Tausende von Kommentaren und etliche kritische Artikel wurden geschrieben. Die einen finden diesen «ersten Basejump eines Hundes» cool, die anderen Tierquälerei:

«Riskiere doch dein eigenes Leben. Aber es gibt keine Rechtfertigung dafür, dass man das Leben eines Hundes riskiert. Niemals!» – «Ich glaube nicht, dass der Hund Freude an solchen Sachen hat.» – «Würde das jemand mit einem Kind wagen, wäre die ganze Welt schockiert. Aber mit Tieren?» – «Für Hunde ist das ein enormer Stress und man setzt sie dem nicht unnötig aus. Ich finde das einen Schwachsinn.»  – «Vollkommen sinnbefreit!!»

Hündin Whisper wird am Eiger von der Nordwestwand zum "Pilz" transportiert, eine beliebte Absprungstelle für Basejumper. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Macht sie einen verängstigten Eindruck? Hündin Whisper wird am Eiger von der Nordwestwand zum «Pilz» transportiert, eine beliebte Absprungstelle für Basejumper. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Macht sie einen glücklichen Eindruck? Whisper ist Dean Potters «Baby» und der erste Hund der Welt, der bei einem Basejump mitgeflogen ist. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Macht sie einen glücklichen Eindruck? Whisper ist Dean Potters «Baby» und der erste Hund der Welt, der bei einem Basejump mitgeflogen ist. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Wer will mit wem spielen?

Die Kritiker der Kritiker berichten dagegen von Hunden, die gerne Gleitschirmfliegen – und schier ausflippen vor Freude, wenn sie mitdürfen. Von Hunden, die ihren Kopf aus dem Autofenster strecken, um den Fahrtwind zu geniessen. Dass ein Hund niemals etwas tun würde, was er nicht will. Dass er sich zu nichts zwingen lässt.

Ich selber verstehe nichts von Hunden, habe also keine Vorstellung davon, wie hörig ein solcher seinem Herrchen oder Frauchen sein kann – wer da mit wem spielen will. Aber für Whisper war der Sprung vom Eiger nicht der erste Basejump. Dean Potter hat mit ihr davor sechs Sprünge über Big Walls ausgeführt. Somit wusste sie, was auf sie zukommt. Falls sie Angst gehabt hätte, hätte sie sich doch gewehrt, oder? Ich kann beim besten Willen nicht glauben, dass ein Hund so dumm sein könnte und sich für etwas einspannen lässt, vor dem er sich fürchtet. Tiere haben doch einen guten Instinkt?

Trotzdem bleibt die Frage des Verantwortungsbewusstseins für Tierhalter. Wo liegt die Grenze? Was hat sich wohl Dean Potter gedacht? Sicher nichts Böses. Ich hatte mal am International Mountain Summit in Brixen drei Tage Zeit, mit ihm zu plaudern und zu wandern. Sein Lieblingsthema: Whisper. Was für ein «good girl» Whisper ist, wie sehr er Whisper vermisst und deshalb so schnell wie möglich wieder nach Hause fliegen will. Er erzählte mir, dass er ein Kinderbuch schreibe. Ich sagte zu ihm: «Aber du hast ja gar keine Kinder.» Er antwortete: «Ich habe Whisper, sie ist wie mein Kind.» Auf Instagram postet er Bilder von Whisper und sich beim Klettern. Manchmal trägt er sie im Rucksack, manchmal läuft sie selber, unter anderem auf die 4158 Meter hohe Jungfrau – dann ist sie immer am Seil gesichert. Whisper ist Potters Ein und Alles. Bergsteigende Hunde gab es schon vor 150 Jahren.

«Nur weil ich etwas tun kann, heisst das nicht, dass ich es auch tun soll»:

Dean Potter klettert mit Whisper auf dem Rücken anspruchsvolle Routen free solo. Potter findet das gefährlicher als Basejumpen. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Dean Potter klettert mit Whisper auf dem Rücken anspruchsvolle Routen free solo. Potter findet das gefährlicher als Basejumpen. (Foto: Dean Potter on Instagram)

Ich hatte Potter damals auch gefragt, ob er bei seinen Risiko-Aktionen keine Angst habe. Er sagte: «Klar habe ich Angst. Aber mein Wunsch, es zu machen, ist grösser als die Angst.»

Im vergangenen Jahr sind weltweit fast dreissig Basejumper tödlich verunglückt, auch einer der besten Freunde von Dean Potter. Seither ist er nachdenklicher geworden. In einem Interview mit dem «Outside Magazine» sagt er nun: «Ich weiss nicht, ob es richtig war, mit Whisper zu fliegen.» Bevor er sie wieder zum Basejumpen mitnehme, werde er erst einen neuen, besseren Wingsuit entwickeln. Er habe gelernt: «Nur weil ich etwas tun kann, heisst das nicht, dass ich es auch tun soll.»

Outdoor

Diese Waschmaschine gehört mit an die Eigernordwand

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 11. Juni 2014

Ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*:

Siemens präsentiert mit ihrem Waschvollautomaten «iQ 390» die Revolution im Bereich der Pflege von Outdoor-Klamotten. Anstelle des bisherigen zweistufigen Prozesses von Waschen und Imprägnieren, eines Vorgangs, der angeblich mit immensem Zeitaufwand verbunden ist, tritt das gleichzeitige Waschen und Imprägnieren in einem einzigen Prozess.

Siemens 1

Wie Figura oben zeigt, können sogar blaue Tourenschuhe inklusive Schnürsenkel gleichzeitig gewaschen und neu imprägniert werden. Die aufsehenerregende Technik zeichnet sich dadurch aus, dass das Imprägniermittel direkt, also ohne weitere Umwege, in die Weichspühlkammer der Waschmaschine gefüllt wird. Ein Vorgehen, das mit herkömmlichen Waschmaschinen offensichtlich nicht möglich ist. Genial.

Dazu gibt es am Bedienpanel ein mit «Outdoor/Imprägnierung» beschriftetes Spezialprogramm, welches man wiederum direkt mit der sogenannten Start-Taste aktivieren kann. Bahnbrechend.

Siemens 2Das Einfüllen des Imprägniermittels in die Weichspühlkammer der neuartigen Maschine ist mit nur einer Hand möglich. Nach Ende des Programms kann man seine Funktionstextilien entnehmen. Wer hätte das gedacht.

Sicher gedacht haben die Hersteller an olfaktorisch empfindsame Kletterkameraden. Wer kennt das peinliche Gefühl nicht, wenn man in der Wand vor einem kniffligen Doubletwistedheadoverheels-Griff hängt, vor Angst in die Hosen macht und dann stinkend und breitbeinig im Seil baumelt? Dafür gibt es jetzt keine Ausreden mehr – Unterhosen gehören imprägniert. Beidseitig. Wasser- und geruchsdicht.

Wie bisher sollten die imprägnierten Kleider anschliessend in einem Tumbler getrocknet werden. Wer sich diesen zusätzlichen Arbeitsschritt ersparen möchte – und wer möchte das nicht – der entscheidet sich für den Wasch+Trocken-Vollautomaten «iQ 800». Diese Wundermaschine wäscht, imprägniert UND trocknet Wäsche, Jacke und Schuhe in nur 55 Minuten. Dies eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten.

Siemens 3

Da gemäss Abbildung auch Seile und Steinschlaghelme in dieser Maschine aufbereitet werden können, steht einer zweifachen Diretissima durch die Eigernordwand am selben Tag nichts mehr im Weg. Mit einer Wartezeit von bloss einer knappen Stunde sollte dies zu schaffen sein. Der Weltrekord liegt im Moment bei zweieinhalb Stunden. Mit zweimaligem Waschen und Imprägnieren sollte also sogar eine dreifache Begehung möglich sein. Bevor es dunkel wird. Auch andere Ausrüstungsteile, wie etwa Snowboards inklusive Bindungen, – dies zeigt uns erneut die Abbildung – werden mit der «iQ 800» perfekt gewaschen, imprägniert und getrocknet. Sagenhaft.

Siemens 4

Auf Anfang nächsten Jahres soll das Erweiterungsmodul »Patrouille des Glaciers» in limitierter Auflage erhältlich sein, mit dem gleichzeitig mit dem Waschen auch noch die Tourenski gewachst, geschliffen, auf die korrekte BfÜ-Einstellung überprüft und die Trinkflaschen aufgefüllt werden. Und der Akku des LVS geladen wird. Bis dahin werden wir wohl oder übel weiterhin das Imprägniermittel mit beiden Händen in die Weichspühlkammer unserer hilflos veralteten Waschmaschine schütten, mühsam eine Temperatur zwischen 30 und 40 Grad einstellen und den Startknopf suchen und drücken. Und schon mal kräftig das Sparschwein füttern.

Thomas Hürzeler.

Thomas Hürzeler.

*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. Ausserdem sieht er sich eisern jede Extremalpin-Dokumentation im TV an. Darum gelang ihm 2003 die Erstbesteigung des Üetlibergs MIT Sauerstoff (hier nachzulesen).

Outdoor

Ärgerliche Werbeaktion am Fels

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 4. Juni 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*


Da klettere ich mal wieder eine altbekannte Route auf der Galerie Amden, aber etwas ist anders als sonst. An der schwierigsten Stelle hängt eine Expressschlinge mit glänzendem Karabinerhaken und auffallendem Label. «Die hat einer vergessen», denke ich und freue mich über den Fund. Im Klettersport gilt ja die Seemannsregel: Strandgut gehört dem Finder. Aber diesmal ists kein Strandgut, die Schlinge lässt sich nicht ausklinken, sie ist fix montiert wie in der Kletterhalle. «Was soll das?», denke ich und klettere weiter.

Die Erklärung finde ich auf einem Flyer, der unten am Fels klebt, mit Webadresse und QR-Code. Die Route «Zigerchrapfe» ist eine Station der Crux-Trophy der Firma Transa Backpacking AG – eine PR-Aktion in der Vertikalen also. Ausgeheckt und eingerichtet vom Kletter-Urgestein Pesche Wüthrich, der sich einen Namen gemacht hat mit der Eröffnung von Kletterrouten im Tessin. Nun steht er im Dienst des Outdoor-Ausrüsters, den ich bisher eher mit Zelten und Wanderstöcken assoziiert habe, der nun aber offenbar seinen Geschäftsbereich ins Senkrechte erweitern will.

Wie knipse ich ein Selfie nach Regeln der Sportkletterethik?

In vier Klettergebieten hat Pesche unterschiedlich schwierige Routen mit den auffallenden Fixexpressen ausgerüstet. Wer an der Trophy teilnehmen will, muss hochklettern und dann an der «Crux» – zu Deutsch Schlüsselstelle – «ein Foto von dir und der Schlinge schiessen», wie es in den Spielregeln heisst. Leider habe ich es verpasst, doch frage ich mich, wie das gehen soll. Sich mit einer Hand an einen Griff im Überhang klammern, mit der andern das Smartphone aus der Tasche ziehen und das Selfie knipsen? In die Schlinge hängen darf man sich nicht, das verstösst gegen die Sportkletterethik, beim Hochladen des Fotos auf Facebook würde man sich lächerlich machen. Für einen allfälligen Absturz übernimmt Transa übrigens keine Haftung.

Bei dieser Kampagne fehlt nichts, was moderne PR ausmacht: Mitbeteiligung der Zielgruppe via Social Media, ein Schlussevent mit Kletterwettbewerb, Party, Musik und Tanz im Hauptgeschäft. Eine clevere Strategie und gewiss «low budget». Andere Outdoor-Ausrüster richten mit grösserer Kelle an: Mammut zum Beispiel lässt Dutzende von Alpinisten in uniformem Outfit auf exponierten Felszacken posieren oder hängt sie ästhetisch drapiert in eine Eiswand. Die PR- und Werbelawine, die heutige Bergsportler überrollt, zeigt eines: Wir sind Konsumenten in einem hart umkämpften Megabusiness geworden.

Werden Felswände bald wie Pissoirschüsseln vermietet?

Vorbei die Zeiten, als ein Heinz Bächli oder Max Eiselin Rucksäcke und Seile in der eigenen Wohnung verpackten und per Post verschickten. Heute verschenken Hersteller und Ausrüster professionell gestaltete Hochglanzbroschüren mit Bildern von Spitzenalpinisten in atemberaubenden Schlüsselstellen mit gut sichtbarem Label auf Helm, T-Shirt oder Sturmjacke, von professionellen Fotografen in Szene gesetzt. Die Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs quillt von alpiner Produktwerbung über. Und schliesslich sind wir am Berg alle zu Werbeträgern geworden: Die Labels prangen auf Rucksack, Mütze, Hose und Unterwäsche.

Da kommt die Crux-Trophy geradezu originell daher – und doch ärgert es mich, dass ich selbst mitten in der Felswand noch auf Werbung stossen muss wie heutzutage allüberall, wohin der Blick fällt: im Tram, am Bahnhof und auf jedem Bildschirm. Selbst Pissoirschüsseln werden als Werbeflächen vermietet, die Felswand dagegen ist gratis – vorerst jedenfalls noch.

Ihre Meinung interessiert uns!

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,* Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer.

Outdoor

Was Alpinisten im Museum suchen

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 28. Mai 2014

Alpine Museen haben heutzutage einen schweren Stand. Weshalb eigentlich? Und warum gehen ausgerechnet Bergsteiger höchst selten dahin? Eine Umfrage mit erhellenden Erkenntnissen – von Christine Kopp*

Eins vorweg: Damit Bergsteiger in ein Alpines Museum gehen, sollte es regnen. Zudem ist der Standort wichtig – das zu besuchende Museum sollte sich genau an jenem Ort befinden (etwa in Chamonix oder Cortina), wo sich der bei schlechtem Wetter schnell missmutige Alpinist aufhält. Diese Ergebnisse hat eine kleine Umfrage unter Bergsteigern, -führern, und -autoren ergeben. Frauen inklusive, in allen Kategorien. Im Klartext: Alpinisten gehen wenig in Alpine Museen, ausser das Wetter sei grässlich, sie würden dort von Berufs wegen zu einem Anlass eingeladen oder sie seien in einem so vorgerückten Alter, dass Zeit für anderes bleibt als nur für echte Gipfel und Grate. Einer der Befragten meinte allerdings, er sei noch zu jung für den Besuch eines Alpinen Museum. Er ist 70-jährig.

Wer nun denkt, diese Bestandesaufnahme sei übertrieben oder sarkastisch: Sie scheint ziemlich der Wirklichkeit zu entsprechen. Und die Bergsteiger schämen sich deswegen kaum. Nachstehend zusammengefasst ein paar Erkenntnisse – die Seite und Antworten der Museen müssen wir hier aus Platzgründen weglassen.

Was erwarten Alpinisten?

Zuerst muss gesagt werden, dass viele Alpinisten ein veraltetes Museumsbild haben. Denn ein modernes Haus wie das ALPS, das Alpinen Museum der Schweiz in Bern, bietet sehr viel: Tagungen, Sitzungen, Familien-Führungen, Kindergeburtstage, Museumsnächte, Materialausleihe, Shop, Sektionsbibliothek, Vorträge, Workshops, Vernissagen, Filme, Apéros … Bergsteiger-Happy-Hour im Museum? Durchaus möglich!

Was möchten die Bergsteiger nun aber gerne sehen? Konkret: Emil Zopfi wünscht sich «wenig Bekanntes aus der Alpingeschichte, kontroverse Themen wie Gipfelkreuze, Bergsteigen und Politik, Betrug am Berg usw.; begleitend Veranstaltungen, Lesungen, Filme, Diskussionen». Überhaupt äussern viele Befragte den Wunsch nach Alpingeschichte in verdaubarem Mass: Vorstellung eines Pioniers, Technik gestern und heute, Geschichte eines Bergs oder Massivs, einer Hütte, eines Bergdorfs oder eines Verbandes, Dokumentation eines bergsteigerischen Höhepunktes und aktuelle Themen, die in der Szene diskutiert werden (Soloklettern, Clean Climbing versus Kompressorrouten, Helikopter-Bergsteigen). Dann Emanuel Wassermann: «Entwicklung des Klettersports in den letzten 30 Jahren, Alpingeschichte im gesellschaftlichen Kontext (Unterschiede in verschiedenen Kulturen, tickt ein koreanischer Bergsteiger anders als ein polnischer?).» Michael Pause: «In einem Alpinen Museum möchte ich die Entwicklung des Lebens in den Bergen sehen, und zwar vorrangig aus der Perspektive des Bergsteigers.»

Das alte Wort Museum muss verschwinden

Zusammengefasst möchten die Bergsteiger offenbar vor allem: kleinere, flexible Ausstellungen, dann Bergfilme (wird immer wieder genannt) und bodenständige Kost wie Veranstaltungen mit Protagonisten, aber auch die Aufarbeitung schwierigerer alpiner Fragen. Das ALPS in Bern hat sich in den letzten Jahren sehr dynamisch und positiv genau in diese Richtung entwickelt.

Das zweite Ergebnis aus den Antworten der Befragten, und das, was ich mir selbst am meisten wünschte: Die Alpinen Museen sollten sich noch viel stärker zu Informations- und Begegnungsstätten entwickeln. Vielleicht, wie es Bergführerin Gudrun Weikert sagt, müsste dazu als erstes das Wort «Museum» verschwinden und einem anderen Namen Platz machen: etwa «Haus der Berge». Und dann auf, ihr Kletterinnen und Bergsteiger – es regnet oft genug, damit ihr eure Indoor-Tage auch einmal im Alpinen Museum und nicht nur in der Kletterhalle verbringen könnt!

Ihre Meinung interessiert uns!

Hinweis: Das Alpine Museum der Schweiz in Bern zeigt aktuell die Ausstellung «Himalaya Report – Bergsteigen im Medienzeitalter» – bis 26. Juli 2015. Dazu gibt es neu den Blog: himalayareport.ch

Christine Kopp* Christine Kopp (1967) arbeitet als Übersetzerin und Autorin im Bereich Alpinismus. Ihr letztes Buch «Betsy Berg» enthält 41 Kurzgeschichten aus den Bergen; christine-kopp.ch

Outdoor

Klettern im Tangotakt

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 21. Mai 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

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Tango und Klettern verlangen Körper- und Taktgefühl, hartes Training und Gleichgewicht (körperlich und seelisch): Tangotänzer auf dem Parkett. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

«Tangotime» heisst die Route auf der Galerie Amden, einfach ist sie nicht – 6c. Wer sie klettert, lässt sich am besten vom Takt eines Tango Argentino leiten. Jedenfalls empfiehlt das Mike Schwitter, der die Route eingerichtet hat: «Wenn richtig geklettert, sollten die Bewegungen wie während eines Tangos ausgeführt werden. Bein links, Kreuzzug, Bein rechts und im Rhythmus zu argentinischer Musik … mit etwas Übung im Tanz und im Klettern geht ein ganz neues Feeling auf!» Mike kennt Argentinien, stand auch mal auf dem Cerro Torre in Patagonien und hat dort oben auf dem Eispilz vielleicht vor Freude mit seiner Seilpartnerin zu «La Cumbarsita» eine Molinete getanzt. Das Stück wird oft am Ende einer Milonga gespielt, einer Tango-Tanzveranstaltung. Also passend zum Abschluss des Tanzes in der Vertikalen am Cerro Torre.

Aber passen Tango und Klettern eigentlich zusammen? Wie ich mich wieder mal untergriffig an die überhängende Schuppe von «Tangotime» klammere und die Auflegergriffe hoch oben im gelben Fels anvisiere – Dios mío, wie komme ich da nur hin? –, da fällt mir ein, wie mir meine Partnerin beim Tango immer wieder in Erinnerung ruft: «Bauch rein, Körper spannen!» Ja, das hilft auch im Fels, stelle ich fest, ich wachse einen halben Meter und schnappe den Griff, schaffe den Tango im Überhängenden mit Disociacíon und einem Cruzado. Ein grandioses Feeling, Mike hat recht.

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Wie kommt man da bloss hoch?
Die Route «Tangotime» auf der Galerie Amden. Foto: Emil Zopfi

Bis weit in die Sechzig hätte es kein Traktor geschafft, mich auf eine Tanzfläche zu schleppen. Aber mit den Jahren beginnt man sich so seine Gedanken zu machen. Vielleicht reicht der Bizeps ja nicht ewig für die Vertikale, eventuell gibt es auch in flacherem Gelände noch Herausforderungen. Wie unser Sohn sagt: «Alles im Leben kommt von allein auf dich zu.» So auch der Tango. Verpackt als Weihnachtsgeschenk meiner Kletter- und Ehe- und nun auch Tanzpartnerin.

Tangueros stehen im Geruch des Machismo – und der Kletterer?

Damit sind wir bei den Gemeinsamkeiten zwischen Berg und Parkett: Zum Tanz wie zum Klettern braucht es in der Regel zwei. Wobei einer führt. Beim Tango der Mann – also meistens, obwohl man auf hiesigen Milongas auch schon Männer- oder Frauenpaare sieht. In Buenos Aires? – Da bin ich mir nicht so sicher. Die Emanzipation ist in der Tangoszene noch nicht so weit fortgeschritten wie am Fels. Tangueros stehen im Geruch des Machismo; ein Witz dazu geht so: Wenn sich ein Tangolehrer umbringen will, klettert er auf sein Ego und springt hinunter. Also ich kenne da auch Spitzenkletterer ... aber lassen wir das!

Auch sonst viel Gemeinsames: Tango und Klettern verlangen Körper- und Taktgefühl (im doppelten Wortsinn), hartes Training, Gleichgewicht (körperlich und seelisch), Geduld, Beharrlichkeit, Spürsinn, Hingabe. Man durchschreitet Höhen und Tiefen auf einer Gratwanderung entlang von Abgründen (real und übertragen). Schliesslich erreicht man die Stufe der Passion, sie ist uferlos und lebenslang. Man ist in der Szene angekommen, weltweit unter seinesgleichen, mit tiefem Ernst bei der Sache. Nein, wenn es einen packt, ist fertig lustig. Tango sei getanzte Melancholie, heisst es – Klettern ja vielleicht auch.

Natürlich gibts Unterschiede. Etwa bei den Schuhen, beim Outfit. Beim Klettern kann man bekanntlich zu Tode stürzen, beim Tango vielleicht mal einen Fuss brechen. Oder das Herz. Aber das kann man am Berg ja auch.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,* Emil Zopfi, Schriftsteller, seit über fünfzig Jahren Kletterer, versucht sich seit fünf Jahren als Tangotänzer. Im letzten Herbst erschien sein Zürich-Krimi «Spitzeltango».