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Archiv für die Kategorie „Alpin“

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Vom Hüttenschauder zum Hüttenzauber

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 16. April 2014

Heute ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

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Keine Spur mehr von Wolldecken-Miefigkeit: Die Terrihütte auf der Greina im Bündner Oberland. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Es war ein wolkenloser 1. August vor vielen Jahren. Wir vier jungen Bergsteiger kehrten aus einer kleinen Nordwand zurück zur Hütte, erschöpft und mächtig stolz. Die Terrasse war überfüllt mit Wandervolk. Wir waren hungrig und brachten ein Paket Spaghetti in die Küche. Als Mitglieder der SAC-Jugend dachten wir, Suppe oder Teigwaren zum Kochen abzugeben, gehöre zur alpinen Kultur. Die Spaghetti kamen auf den Tisch, verkocht und verklebt. Peter – heute ein erfolgreicher Architekt und Politiker – beklagte sich lautstark über die Kochkünste der überforderten Hüttenmann- oder -frauschaft. Da trat Hüttenwart G., ein Bündner Raubein, an unsern Tisch: «Verschwindet aus meiner Hütte! Und zwar sofort und auf Nimmerwiedersehen.» Wir fanden schliesslich im Tal Unterkunft bei italienischen Bauarbeitern in einer Baracke – und das am Nationalfeiertag.

G. gehörte zu den gefürchteten Hüttenkönigen, die damals in den alpinen Unterkünften regierten. Seine Grobheit war legendär, übertroffen nur noch von seinem Kollegen und Spinnefeind M. auf der anderen Seite des Bergs, der für seine verbalen Ausfälle vor allem gegenüber Ausländern bekannt war. Es gab auch Hüttenwartinnen mit Haaren auf den Zähnen, etwa W., Witwe eines abgestürzten Bergführers, die streng und sauertöpfisch in ihrem Reich waltete. Eine eigentliche Legende war M., denn um seine Hütte konnte ein Schneesturm noch so heftig toben, bevor es Frühstück gab, mussten die Wolldecken im Freien und unter seiner Aufsicht ausgeschüttelt und präzis gefaltet werden. Schweizerkreuz oben und Etikett «Füsse» unten.

Es gibt Leute, die der alten Hüttenromantik nachweinen

Dass ich über 20 Jahre lang keinen Fuss mehr in eine SAC-Hütte setzte, hatte sicher auch andere Gründe als die paar unerfreulichen Erfahrungen. Es gab ja auch damals schon die freundlichen Hütten, die man gern besuchte – besonders jene der hübschen Hüttenwartin L. Als ich nach langer Absenz wieder einmal den Versuch wagte, in einer SAC-Hütte zu nächtigen, hatte sich die Welt verändert. Wir wurden von einer fröhlichen Studentin mit einem Cüpli aus eigenem Holundersirup begrüsst. Dann gabs draussen auf der Terrasse Cafè corretto und frisch gebackenen Zitronencake. Zum Viergangmenü wurde die Weinkarte gereicht. Der Hüttenwart – promovierter Germanist und passionierter Alpinist – setzte sich nach dem Dessert an den Tisch, begeisterte uns für den Klettergarten, den er in der Nähe eingerichtet hatte, und schwärmte vom Kulturprogramm der Hütte, mit Bergtheater, Lesungen, Hüttenkonzerten und einer Kunstaktion. Nachts schlummerten wir unter Daunenduvets in einem nach frischem Nadelholz duftenden Viererzimmer. Zum Frühstück gabs Müesli, Butterzopf, Honig, Käse, Eier, Schinken. Alles bio natürlich, appetitlich angerichtet, und auf jedem Tisch stand ein Sträusslein Alpenrosen. Als wir von der Tour zurückkamen, duftete es schon von weitem nach Aprikosenwähe und dem «Kaffee Hüttenzauber» mit Kirsch und Schlagrahmhaube.

Ich weiss, es gibt Leute, die der alten Hüttenromantik nachweinen, den kratzenden Wolldecken, den durchwachten Nächten in dumpfen Massenschlägen, der Erbs-mit-Sago-Suppe vor den verkochten Hörnli, dem sauren Veltliner und dem Pfeifenqualm. Für Nostalgiker gibt es sicher irgendwo noch die eine oder andere Hütte im Retro-Chic mit einem bärbeissigen Hüttenwart, der von alten Heldentaten erzählt. Zum Beispiel, wie sein Vater einst vier junge Grossmäuler aus dem Unterland an einem 1. August aus der Hütte jagte.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,* Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. Am 10. Mai 2014 organisiert er in Amden das 6. Treffen für Alpine Literatur, Bergfahrt 2014. Programm und Anmeldung: www.bergliteratur.ch/bergfahrt2014

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Uetliberg-Besteigung: Danke an die grosszügigen Spender!

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 9. April 2014

Heute ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*:

Im Herbst letzten Jahres präsentierte Natascha Knecht an dieser Stelle den Bericht über unsere Extremexpedition «Die Erstbesteigung des Üetlibergs mit Sauerstoff – Erfahrungen aus der Todeszone». Gegen einen Unkostenbeitrag von fünf Franken konnte man den Bericht bestellen. Im Vorfeld hatten wir mit Natascha vereinbart, den Restposten von 30 Exemplaren aus der ersten Auflage gratis abzugeben und im unwahrscheinlichen Falle eines grösseren Interesses einige Exemplare zu kopieren. Reichlich naiv, wie wir im Nachhinein gestehen müssen. Natascha bestand auf einem wenigstens symbolischen Verkaufspreis, denn was nichts koste, sei nichts wert.

Die Broschüre «Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff» von Thomas Hürzeler und Suzanne Maier.

Die Broschüre «Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff» von Thomas Hürzeler und Suzanne Maier.

Es kam, wie sie es vorausgesagt hatte: Die Bestellungen donnerten auf uns nieder wie die Eis- und Bierdosenlawinen in der Eigernordwand. Bereits nach drei Tagen war klar, dass wir im grösseren Umfang nachdrucken müssen. Die Bestellungen wie auch die nachfolgenden Zahlungen waren zum grossen Teil begleitet von netten, lustigen Zeilen. Von freundlichen Bitten bis hin zu mehrseitigen alpinen Lebensläufen mit detaillierten Schilderungen etwa der Winterbesteigung des Berner Gurten oder einer geplanten Expedition auf den Zürcher Lindenhof war alles vertreten. So erhielten wir auch manche Anregung für weitere extreme Lebenserfahrungen. Als Beispiel sei eine Zugfahrt von Zürich nach Bern ohne Smartphone, Tablet oder Laptop genannt. Eine Reise also, die völlig isoliert, von der Welt abgeschnitten, in absoluter Einsamkeit ablaufen würde. Eine Grenzerfahrung, die man sich schrecklicher kaum auszumalen vermag.

Es wurden total 1230 Broschüren bestellt. Echt. Wir wurden völlig überrannt vom Wissensdurst der angehenden Extremalpinisten, von deren dringendem Verlangen, aus unseren Erfahrungen lernen zu dürfen. Für Wochen konnten wir im Basislager zwei Sherpas nur mit dem Versand der Broschüren beschäftigen. Eine willkommene Überraschung für unser regionales Arbeitszentrum, denn in den Wintermonaten läuft hier in Sachen Extremexpeditionen meistens nicht wirklich viel.

Leser spenden 2378.55 Franken für Ärzte ohne Grenzen

Das Grösste für uns ist aber die Spendenbereitschaft unserer Leser. Im Begleitbrief zu den Broschüren mit den Zahlwegen hatten wir versprochen, dass wir jeden Betrag, der über den Fünfliber pro Exemplar hinausgeht, der Institution Médecins sans Frontières weiterleiten würden. Die Aufrundungen bewegten sich zwischen 55 Rappen und 150 Franken: im Schnitt 35 Prozent zusätzlich zum Broschürenpreis. Es kam so ein Betrag von CHF 2378.55 zusammen, den wir den Ärzten ohne Grenzen überwiesen. Wir bedanken uns stellvertretend im Namen der unzähligen Patienten und Kriegsopfer weltweit für diese Grosszügigkeit und werden auch allfällig noch eintreffende Beiträge vollumfänglich weiterleiten. Selbstverständlich haben wir keinen Rappen aus den Spenden zur Deckung unseres Defizits verwendet. Auf keinen Fall sollte jemand mit seiner Spende die Schulden anderer Bergfreunde bezahlen.

Denn etwas weniger begeisterte uns die Tatsache, dass sich rund 40 Besteller der «Geiz-ist-geil-Seilschaft» anschlossen und 80 Broschüren trotz freundlicher Mahnungen nicht bezahlten. Zum Beispiel auch jene Bergkameradin nicht, die kurz vor Weihnachten ziemlich ultimativ eine sofortige Expresslieferung mehrerer Exemplare verlangte. Für Weihnachtsgeschenke. Ein echtes Schnäppchen! Wir wissen jetzt, warum der Onlinehandel nur auf Vorauszahlung liefert — eine Geschäftspolitik, die wir bis anhin für etwas arrogant hielten. Und vor allem haben wir jetzt Namen und Adressen einiger Trantüten, die vielleicht verantwortlich sind, wenn uns in den SAC-Hütten die Sauerstoffflaschen und das Studentenfutter aus den Rucksäcken geklaut werden. Vielleicht braucht es eben für einige unter uns doch ein Betriebswirtschaftsstudium, um sich auszurechnen, dass der bescheidene Fünfliber niemals unsere Selbstkosten deckt. Tja.

Natascha Knecht hat die Sache in einem Artikel im «Tages-Anzeiger» vom 27. März 2014 sehr treffend ausgeführt: «Bergsteiger gelten als bescheiden und darum als besonders ehrliche und anständige Leute. Geht es aber um Ruhm, Ehre oder Geld, verhalten sich manche von ihnen nicht anders als ganz normale Menschen.»

Wie auch immer: Die Freude über so viele begeisterte Leserinnen und Leser überwiegt. Wir sind überrascht, wie viele Leute trotz oder vielleicht wegen des Facebook-Twitter-Social-Media-Hypes, trotz der unsinnlichen E-Book-Reader noch etwas mit gedruckten Medien anfangen können und wollen. Wie viele Menschen immer noch mühsam von Hand Seiten umblättern. Für diese Leute haben wir unsere Expedition niedergeschrieben. Und für euch werden wir auch über unsere nächste todesmutige Unternehmung berichten. Versprochen. Denn wir wollen dazu beitragen, dass trotz des täglichen Leistungsdrucks, des weltweiten alpinen Konkurrenzdenkens, des gnadenlosen Ernstes des Lebens der gehobene Unsinn bzw. der höhere Blödsinn nicht ganz auf der Strecke bleibt. Ebenfalls versprochen.

Sie können die Broschüre «Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff» weiterhin für 5 Franken pro Stück bestellen. Per E-Mail bei Thomas Hürzeler: thomas@huerzeler.ch

Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. Ausserdem sieht er sich eisern jede Extremalpin-Dokumentation im TV an. Darum gelang ihm 2003 die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

Outdoor

Höhen und Tiefen der Patrouille-des-Glaciers-Vorbereitung

Outdoor-Redaktion am Samstag den 5. April 2014

Dritter Teil der Serie über die Patrouille des Glaciers (PDG). Heute: Seriöses Training entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. An der diesjährigen Austragung des Rennens wird ein Team des «Tages-Anzeigers» teilnehmen. Gastautor Jost Fetzer* wird in lockerer Folge darüber berichten:

Wie konnte ich nur so blöd sein und die Teilnahme am härtesten Skitourenrennen der Welt auf dem Outdoorblog öffentlich machen? Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich muss an die PDG, die 53 Kilometer und 4000 Höhenmeter von Zermatt nach Verbier auf Skiern meistern. Der soziale Druck ist riesig: Die ganze Welt würde von unserem Scheitern lesen.

Etwas Gutes hat der soziale Druck immerhin: Er lässt die Erkenntnis reifen, dass dieses Vorhaben ohne anständiges Training nicht erfolgreich enden kann. Lediglich mehr Treppen gehen und weniger Bier trinken reichen für die PDG nicht. Ich beschliesse, etwas zu tun, das ich bis anhin nur mit Verachtung gestraft habe: Joggen.

Ein Problem eines jeden Jungvaters ist, dass neben der Familie und der Arbeit gar keine Zeit mehr für individuelle Tätigkeiten übrig bleibt. Das hat sicher seine guten Seiten – der Alkoholkonsum unter Freunden nimmt drastisch ab – aber ebenso fehlt die Zeit für sportliche Betätigung. Ausser – frühmorgens, bevor die Familie erwacht. Da sehe ich meine Chance für ein regelmässiges Training.

«In meinem ganzen Leben warst du noch nie joggen»

Der Entschluss ist gefasst, die Sportschuhe stehen bereit, die Familie schläft und der Wecker reisst mich zu einer Unzeit aus dem Schlaf. Jetzt nur nicht wieder einschlafen; raus in die Kälte! Einsam drehe ich meine Runden auf der dunklen Finnenbahn. Die Euphorie übermannt mich: Noch eine Runde, noch ein bisschen schneller – das macht ja richtig Spass. Bis das Telefon klingelt und am anderen Ende eine vorwurfsvolle Stimme ertönt: «Wieso gehst du so früh aus dem Haus, ich hab dich in der ganzen Wohnung gesucht und überhaupt, wo bist du eigentlich mitten in der Nacht! Joggen? In meinem ganzen Leben warst du noch nie joggen!»

Ja, aber in meinem Leben, da war ich bereits einmal joggen. Ich mag mich zumindest an ein Mal in der RS erinnern, vor mehr als einer Dekade muss das gewesen sein und so alt dürften auch meine Sportschuhe sein. Meine Familie bleibt skeptisch, erteilt mir im Folgenden aber die Bewilligung für regelmässiges, frühmorgendliches Joggen. Nun renne ich also im Dunklen durch den Wald, Kilometer um Kilometer und nach dem dritten Auslauf schmerzen meine Knie dermassen, dass ich nicht mal mehr normal gehen kann.

Trainingstipps und Trainingsfehler

Die Diagnose ist schnell gefällt: typische Anfängerfehler. Zu schnell zu viel gewollt und dies in ungeeignetem Schuhwerk. Zurück auf Start lautet die Devise oder in meinem Fall: Mitten im Winter passende Joggingschuhe kaufen. Und so stehe ich alsbald an der Bahnhofstrasse in einem edlen Sportgeschäft, obwohl ich noch vor Tagen geschworen hätte, niemals einen Fuss da reinzusetzen und für ein kleines Vermögen Joggingschuhe zu kaufen. Immerhin sind die Knieschmerzen seither verschwunden.

Unterdessen spricht sich mein sportliches Vorhaben im Freundeskreis herum und obwohl alle am Gelingen zweifeln, hat jeder seine ganz persönlichen Trainingstipps auf Lager:

  • Möglichst viel bergauf laufen, denn im Flachen joggen erhält höchstens die bisherige Fitness, steigert diese aber nicht.
  • Das Training in den Alltag einbauen, täglich ins Büro joggen und unterwegs ein zwei Treppenhäuser von Hochhäusern hochrennen.
  • Mit dem Velo zur Arbeit fahren, jedoch den Sattel abmontieren. Das gibt fesche Waden.
  • Jeden Abend nach der Arbeit eine Skitour auf den Hausberg unternehmen.

Ich gebe zu, die Ideen sind gut, alleine an der Umsetzung hapert es. Die lokalen Hausberge sind zu klein für anständige Bergläufe, geschweige denn für allabendliche Skitouren. Quer durch den Pendlerverkehr joggen und unterwegs den Prime Tower erklimmen ist nicht mein Ding. Und Velofahren ohne Sattel habe ich ausprobiert, aber nebst der optischen Fragwürdigkeit ist das wirklich anstrengend. Zu anstrengend für meinen Arbeitsweg.

Gefahren und Chancen auf dem Heimweg

Es müssen kreativere Trainingseinheiten gefunden werden. Zum Glück bietet der lokale Alpenclub ein Fitnesstraining an, das in meinem Freundeskreis liebevoll «Altherrenturnen» genannt wird. Doch die vorwiegend älteren Besucher und das Training haben es in sich, der Muskelkater ist vorprogrammiert. Richtig schlimm wird es, wenn die Runde nach dem Training auf ebendieses anstossen möchte und in die Kneipe auf halbem Heimweg steuert, wo Barkeeper Werner aus Freude über unseren Besuch sogleich eine Runde Hausschnaps spendiert. Der Kater am nächsten Morgen ist dann nicht mehr eindeutig dem Training zuzuordnen und der Trainingseffekt marginalisiert.

Also muss doch das Potenzial des Arbeitsweges, der immerhin rund 100 Meter Höhendifferenz aufweist, für ein regelmässiges Training genutzt werden: Anstatt mit dem leichten Rennvelo zur Arbeit zu fahren, wird nun eben das schwergewichtige Transportvelo ausgefahren und die Ladefläche entweder mit Kind und Kegel beschwert oder aber mit Gewichten gefüllt. So bewege ich nun täglich ein Fahrrad von rund 70 Kilogramm durch die Stadt und komme dabei ordentlich ins Schwitzen.

Verfolgen Sie uns auf Schritt und Tritt

Dass dieses Bike-Training auch wirklich wirkt, zeigt sich bei unserem nächsten Rennen in Disentis, wo wir als Dreierteam an der Trofea Péz Ault teilnehmen. Die gefühlte Leistungssteigerung ist frappant, bei genauem Hinschauen ist aber nicht sicher, ob hierfür der Muskelaufbau oder der Gewichtsabbau verantwortlich ist. Denn unterdessen verfügen wir über top Skitourenmaterial von Dynafit, das nur noch halb so schwer ist wie die alte Ausrüstung: Lediglich rund vier Kilogramm wiegen Skischuhe, Skis und Bindung inklusive Felle.

Über Ostern erwartet uns ein letztes Höhentraining bei einem alten Bekannten: Auf dem einzigen Bündner 4000er, dem Piz Bernina, und seinen kleineren Geschwistern Piz Zupò, Piz Palü, Piz Glüschaint und Piz Roseg werden wir uns an die dünne Luft in grosser Höhe und das Skifahren am Seil gewöhnen, bevor es nach Zermatt geht, wo wir in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai an der PDG starten werden.
Mit der Patrouille-des-Glaciers-App für iPhone und Android können Sie uns dabei auf Schritt und Tritt verfolgen.

Jost Fetzer*Jost Fetzer ist Bildredaktor des «Tages-Anzeigers» und passionierter Berggänger.

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Seldwyla im Hoch-Ybrig

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 3. April 2014

Ein Gastblog von Daniel Foppa*

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Umsatzeinbusse von 30 Prozent: Druesberghütte in der Nähe des Skigebiets Hoch-Ybrig. Foto: Thomas Widmer

Tourengeher, kommst du nach Hoch-Ybrig, achte auf Bergbahnangestellte, die dir hinter Schneehaufen versteckt auflauern. Denn Bergbahn-Chef Wendelin Keller hat seine Angestellten angewiesen, Jagd auf Skitourengeher und Schneeschuhläufer zu machen. Keller ist sauer aufgestossen, dass der SAC gegen ein Bahnprojekt Einsprache ergriffen hat. Als Retourkutsche verfügte er, dass der Parkplatz der Bergbahnen nur noch für Benutzer derselben gratis ist. Alle anderen werden neu mit zehn Franken zur Kasse gebeten.

Nun ist es nichts Aussergewöhnliches, dass Bergbahnen Parkplatzgebühren erheben. Besonders wird die Situation im Hoch-Ybrig jedoch dadurch, dass sie als Schikane aufgezogen ist. So verzichtet Keller bewusst darauf, einen Ticketautomaten aufzustellen. Und informiert die Parkplatzbenutzer nur rudimentär mit einer kryptischen Tafel über das neue Regime. Hinweise, wo man ein Parkticket lösen kann, fehlen. Gleichzeitig berichten Tourengeher, wie Bergbahnangestellte aus Verstecken heraus spähen, wer Tourenski, Schneeschuhe oder Schlitten aus dem Kofferraum lädt – um sie anschliessend zu verzeigen. Wer dies vermeiden will, muss sich in die Schlange der Liftbenutzer einreihen und ein Ticket für zehn Franken lösen. Tourengeher, die vor Öffnung der Ticketschalter unterwegs sind, müssen sich am Vorabend anmelden. «Ich hätte die Gebühr bezahlt, wenn ich davon gewusst hätte», schreibt einer von zahlreichen empörten Tourengehern in einem Internetforum. Stattdessen sei er beobachtet, notiert und verzeigt worden – ohne, dass ihn jemand auf das neue Regime hingewiesen hätte.

Weil es sich beim Parkplatz um Privatgrund handelt, setzt es für säumige Zahler eine Strafanzeige ab. Laut der Staatsanwaltschaft Innerschwyz sind seit Anfang Jahr rund 50 Fahrzeughalter verzeigt worden. Im Regelfall müssen sie eine Busse von mindestens 50 Franken sowie Gebühren und Polizeikosten von bis zu 200 Franken bezahlen. Die Polizei ermittelt jeweils den Lenker. Dabei ist es laut Betroffenen vorgekommen, dass Tourenfahrer auf den Polizeiposten geladen oder gar zu Hause von bewaffneten Polizisten aufgesucht wurden. Für die Staatsanwaltschaft Innerschwyz führt das neue Parkregime entsprechend zu Mehraufwand. Laut Staatsanwalt Remo Ulrich habe man das Gespräch mit Bergbahnchef Keller gesucht, jedoch keine Lösung gefunden.

Leidtragender der ganzen Posse ist Sepp Herger, Wirt der bei Skitourengehern und Winterwanderern beliebten Druesberghütte. Laut Herger ist der Umsatz um 30 Prozent eingebrochen. «Viele Stammgäste kommen nicht mehr, weil sie sich nicht schikanieren lassen wollen», sagt Herger. Er wäre bereit, den Bergbahnen eine Pauschale für seine Gäste zu entrichten. Aber Bergbahnchef Keller will davon nichts wissen. Auf Anfrage zieht Keller in nicht druckreifen Worten über die Kritiker des neuen Parkregimes her und erklärt, wer nicht nach Hoch-Ybrig kommen wolle, solle es eben bleiben lassen.

Beim Tourismusverein macht man derweil auf Schadensbegrenzung. Man versuche, eine Lösung zu finden, sagt Marketingverantwortliche Christine Hubli, habe aber keinen Einfluss auf den privaten Parkplatz. Wir empfehlen dem Tourismusverein, Kellers Worte als neuen Werbeslogan zu verwenden. Im Vergleich zum altbackenen bisherigen («Geniessen Sie erholsame Stunden und besuchen Sie uns!») wäre der Region damit Aufmerksamkeit sicher.

foppa_150p*Daniel Foppa ist Ressortleiter Schweiz beim «Tages-Anzeiger» und passionierter Skitourengeher.

Outdoor

Ein Junge namens Eiger – warum Naturnamen für Kinder im Trend sind

Natascha Knecht am Mittwoch den 2. April 2014


Was für eine Aussicht – fast wie von einem Hochalpengipfel! Die amerikanische Bestsellerautorin und Trendforscherin Pamela Satran prophezeit, dass die künftige Generation Eltern ihren Babys Berg- und naturnahe Namen geben wird. Everest zum Beispiel soll so populär werden wie heute bei uns Noah und Mia. In  Mode kommen auch Nile, Oceana und Season, schreibt Satran auf Nameberry.com. Erwartende Väter und Mütter diskutieren schon jetzt in englischsprachigen Foren, ob sie ihren Sohn Beach (Strand) oder Beech (Buche) taufen sollen. Mit beiden verbinden sie schöne Erinnerungen und romantische Gefühle.

Mich wundert dieser Trend nicht. In Zeiten von Dichtestress, Lärm und Ozonbelastung zieht es die Leute wieder zurück zur Natur. Man sehnt sich nach frischer Luft, nach dem Geruch von Moos, nach glücklichen Murmeltieren, nach Heidelbeeren, Ruhe und Entschleunigung. An Wochenenden flüchten geplagte Städter und zubetonierte Agglobewohner in die Berge. Unter der Woche lesen sie das Erfolgsmagazin Schweizer LandLiebe, dessen wunderschöne Abbildungen von Magnolien den Duft von Frühling ins Wohnzimmer zaubern. Man träumt vom eigenen Kräutergarten und von seltenen, bis vor kurzem ausgestorbenen Früchte- und Gemüsesorten, die man selber züchtet, dann einmacht oder stundenlang auf tiefer Flamme zu Konfitüre verkocht. Meine Mutter im Berner Oberland macht Letzteres tatsächlich.

Friede und Freiheit

Für Pamela Satrans Prophezeiung spricht, dass sie mit ihren Prognosen schon früher recht hatte. 1988 schrieb sie, dass die Eltern nach der Jahrtausendwende die Namen für ihre Kinder auf der Landkarte suchen würden. Und tatsächlich: Savannah, Dakota und Adelaide sind zurzeit in den USA extrem beliebt. Prominente taufen ihren Nachwuchs Brooklyn (Beckham), San Diego (Pooth Feldbusch), Paris (Hilton), Kingston (Stefani), Ireland (Basinger). Nicht zu vergessen unsere Pipilotti Rist, deren Sohn Himalaya heisst. Namen mit Naturbezug haben ebenfalls schon Hochkonjunktur. Die jüngste Tochter von  Michelle Hunziker heisst Sole (Sonne), jene von Gwyneth Paltrow Apple (Apfel) und jene von Bob Geldof Peaches (Pfirsich). Und eben, George Lucas, Macher von «Star Wars» und «Indiana Jones», präsentierte Anfang Jahr den Medien sein herziges Töchterchen Everest.

Natürlich muss und soll man nicht jeden Trend mitmachen. Aber die Vorstellung, dass Kinder künftig nach Bergen genannt werden, finde ich super. Er entspricht dem allgemeinen Bedürfnis nach Frieden und Freiheit. Weshalb also Namen aus der Bibel wählen, aus einer Welt, wo vieles Sünde ist? Wo man sich nichts gönnen darf ausser Verzicht? Wer tauft sein Kind noch – sorry – Johannes? Nach einem, der den Leuten den Kopf unter Wasser gedrückt hat und dessen Zeremonie bis heute neun von zehn Babys zum Schreien bringt, wenn ihnen der Pfarrer eine Kelle kaltes Wasser über das flaumige Haupt giesst.

Ein Trend wie geschaffen für die Schweiz

Everest klingt toll, aber in der Schweiz bekommt er als Berg-Babyname Konkurrenz. Ohne jetzt auf Nationalstolz pochen zu wollen, aber angesichts unserer Neigung, selbst in Coop, Migros und Lidl Produkte aus der Region zu kaufen, werden die hiesigen Eltern kaum zu Gipfeln in anderen Kontinenten greifen. Denken wir also nach:

Das Matterhorn ist unsere Aushängeerhöhung, sein Kosename lautet Horu. Klingt doch wunderbar für ein Kind. «Horu, hör jetzt auf!» Tipptopp! Will man seinem Kind schon bei Geburt den Weg für eine bürgerliche Politkarriere ebnen, wählt man Herrliberg. Für Bildungsbewusste wäre der Uetliberg etwas. «Uetzgi, hast du deine Ufzgi schon gemacht?» Frauen, die ungewollt schwanger wurden, können diese Erfahrung mit dem wunderschönen Schreckhorn verewigen. «Schrecki, du darfst deine Gspähnli im Sandkasten nicht hauen!» Für solche, die total auf kurze Namen stehen, eignen sich Dom und Rigi. Für werdende Eltern von Zwillingen würde Pollux und Castor auf der Hand liegen. Und für Drillinge Eiger, Mönch und Jungfrau.

Mein persönlicher Favorit wäre Eiger. Ein ewiger Traumberg, der mir schon etliche harte, aber herzliche Erlebnisse geschenkt hat. Seine Figur ist unheimlich sexy, sein Bauch ein Waschbrett. Würde ich morgen einen Mann treffen, der Eiger heisst, ja, ich liesse mich wahrscheinlich sofort auf ein Abenteuer ein. Jedenfalls schneller als mit einem Rüdiger. Eiger eignet sich wie Everest auch als Mädchenname – finde ich. Und welcher Alpinist würde nicht gerne daheim seine eigene Eiger besteigen – am liebsten als Allererster? Als Eltern sollte man ja daran denken, die Bébés kommen irgendwann aus dem Schutzalter raus.

Nach welchem Berg würden Sie Ihr Baby nennen?

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Galeriesucht

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 26. März 2014

Heute ein Gastbeitrag von *Emil Zopfi.


Jedes Mal, wenn ich auf dieser Leiste stehe, ziemlich geschafft schon vom weiten Zug zuvor, dann frage ich mich: Warum? Warum tue ich mir das an, als Siebzigjähriger. Ich weiss ja, das Schwerste kommt erst noch. Durchatmen, Finger ins Magnesiasäcklein, dabei das Gleichgewicht halten. Dann los, den Zangengriff links packen, dann übergreifen in den Zweifinger-Untergriff. Warum tue ich mir das an? Dutzende Male, vielleicht schon hundert Mal. Es gibt nur eine Erklärung: die Sucht. Galeriesucht.

Angefixt vor fünfundzwanzig Jahren. Heinz schleppte mich mit aufs Dach der Galerie über der Strasse von Weesen nach Amden. Er war zu Besuch bei uns auf der andern Seite des Walensees. Es war nur Horror. Am Abend sagte ich zu Christa, dort drüben haben wir nichts verloren. Und jetzt versuche ich, den Zangengriff zu halten, von dem vor ein paar Jahren ein Stück weggebrochen ist. Seither gilt «Pizzabauch» als 7a. Ich setze die Schuhspitze in den Halbmondtritt links und versuche, während des Übergreifens nicht wegzukippen, und dabei denke ich an Thomas, der jetzt irgendwo in Thailand Kühe züchtet. Es ist seine Route. So hat alles seine Geschichte, auch der winzigste Griff in einer Felswand.

Freaks mit Doktortitel

Einst war ich, wie man damals sagte, ein Extremkletterer. Vergiss alles, lernte ich schon bald, als ich zusammen mit Freunden und Frau und Tochter mit dem Klettern auf der Galerie begann. Anfangs schafften wir nur «Anfängerglück», immer und immer wieder. Erich, der sie eingerichtet hat, ist ein beruflicher Aufsteiger, wie viele Kletterer. Oft hängen hier mehr Freaks mit Doktortitel herum als ohne. Erich hat mich auch mal von der Galerie heruntergestützt, als ich auf «Kopp ab» stürzte und den Fuss brach.

Die Galerie ist nicht nur ein Klettergarten, sie ist ein soziales Ereignis. Man grüsst sich mit Handschlag und Küsschen, fragt nach, gibt Tipps, holt vergessene Express herunter oder hängt einem ein Seil zum Toprope. Inzwischen hatten wir uns in hartem Ringen den lokalen Stil der kleinen Griffe und kniffligen Abläufe erarbeitet. Wir waren dabei, gehörten zur Familie mit Ruedi und Katja und Mike und Anna und Ernst und Luzi und vielen andern und dem lieben Marcel, der nicht mehr unter uns weilt. Man trifft sich im Winter über Mittag, wenn rundum die Berge gleissen wie Himalayariesen und der See so seltsam spiegelt. Oder die Sommerabende, Cumuluswolken türmen sich über dem Glärnisch, wir warten ungeduldig auf den Schatten für ein Projekt, und wenn es endlich kühl wird, sind wir schon durchgeklettert und lechzen nach Bratwurst und Bier im Lago Mio. Ein Geheimtipp die kühlen und stillen Morgenstunden im Hochsommer, wir klettern, bis gegen Mittag die Sonne um die Kante strahlt, dann hinab durch den Wald zum Baden im See und zu Kaffee und Nussgipfel.

Jedem Süchtigen wird einmal der Stoff entzogen

Viel hat sich verändert in einem Vierteljahrhundert Galerie, neue Routen zuhauf, neue Haken, wo früher keine steckten, neue Gesichter. Es gab Tränen, Trennungen, Glücksmomente. Auch alpine Legenden tauchten gelegentlich auf. Da war jener Winter, als der berühmte Beat Kammerlander «Lit Marveil» unzählige Male versuchte und immer wieder mit lautem Schrei ins Seil stürzte. Ob er die Route je schaffte, weiss ich nicht. Jahre später sah man einen jungen Zürcher Jusstudenten, der sie gleich zweimal hintereinander zog und zwischendurch auf eine Prüfung büffelte. Irgendwann begannen uns junge Leute mit Sie anzureden. Andere gaben sich schüchtern als Leserinnen oder Leser meiner Bücher zu erkennen. Ein Jahr lang war die Galerie gesperrt wegen Sanierungsarbeiten, eine Zeit des Leidens für mich. Und jetzt ist wieder Sperre, bis Ende März wird unter der Woche Holz geschlagen im Wald oberhalb. Die Wochenenden überlassen wir den Jungen und Werktätigen.

Klar weiss ich, wie jeder Süchtige: Einmal wird dir der Stoff entzogen. Wenn ich «Ikarus» nicht mehr schaffe, höre ich auf, prahlte ich früher. Inzwischen bin ich bescheidener geworden. Bald wird mir «Anfängerglück» wieder genügen, dazu die Sonne, die Aussicht über den See in die Berge – und die Erinnerung.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR, *Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. Am 10. Mai 2014 organisiert er in Amden das 6. Treffen für Alpine Literatur Bergfahrt 2014. Programm und Anmeldung: www.bergliteratur.ch/bergfahrt2014

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Klettern ist nicht Bankdrücken

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 19. März 2014

Heute ein Gastblog von *Thomas Senf,  Alpinfotograf und Bergsteiger.


Ein grimmiger Blick ist die einzige Reaktion auf unser Hallo. Egal, was solls. Schliesslich sind wir in den Ferien. Von der nächsten Seilschaft gibt es immerhin eine gebrummelte Antwort. Dennoch, Freude sieht irgendwie anders aus. Mit einem guten Freund bin ich für ein paar Tage aus dem grauen Winter daheim zum Klettern nach Siurana in Spanien geflüchtet. Von Sonne gibt es zwar auch hier keine Spur, aber deswegen lassen wir uns die Laune nicht verderben. Ausser uns sind in dieser Jahreszeit nicht viele Kletterer da. Und diese gehören eher zur ernsthaften Gattung. Was so viel bedeutet wie: Der Schwierigkeitsgrad ist alles, was zählt, und von der erfolgreichen Begehung des Projekts hängt die Laune des Tages ab. Allerdings ist es meistens zu kalt oder zu warm, der Schlüsselzug ein Zwergenschreck oder für Kleine einfacher (je nach Körpergrösse). Das Schlimmste aber sind für sie gutgelaunte Kletterer. Durch Lachen und Heiterkeit verhindern sie die nötige Fokussierung am Fels. Wenn sie dann auch noch besser klettern, ist der Tag endgültig im Eimer.

Wilde Geschichten

Mit meinen Anfang dreissig bin ich eigentlich viel zu jung, um von den «guten alten Zeiten» zu reden. Doch dieser Trend gibt mir immer mehr zu denken. Einige Gebiete sind so stark davon betroffen, dass es mir auch schon die Freude am Klettertag genommen hat. Mittlerweile findet das Klettern immer mehr in der Halle statt. Dagegen ist grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden. Aber hält dieser Fitnessstudio-Groove nun auch am Fels Einzug? Ist deshalb der Schwierigkeitsgrad alles, was zählt, und hat gute Laune ohne starke Performance keinen Platz mehr? Auch ich klettere für meine Verhältnisse gerne schwer und versuche, mein Limit zu verschieben. Aber Klettern ist für mich eben noch viel mehr: Das Draussensein mit Freunden, Lachen (auch mal über sich selber) und die Freude an der Bewegung. Wenn dann noch eine Route klappt, umso besser. Wenn ein anderer sein Projekt klettern kann, ebenso gut. Ob das jetzt eine 6a oder 8a ist, spielt doch gar keine Rolle.

Ich habe im Elbsandstein (Deutschland) mit dem Klettern begonnen. Dort ist die Absicherung der Routen im besten Fall mässig, häufig dürftig. Jeder kommt relativ schnell an sein Limit. Eher psychisch als physisch. Wer schon mal weit über dem Haken die Hosen voll hatte und nur noch hoffte, irgendwie heil aus der Situation rauszukommen, weiss, wie sich das anfühlt. Egal, welcher Schwierigkeitsgrad im Kletterführer angegeben ist. Immer sind wir als grosse bunte Bande losgezogen und am Sonntagabend dreckig und zerschunden mit einem Rucksack wilder Geschichten heimgekehrt.

Die kleinen Dinge geniessen

Vor einiger Zeit fand ich diese Stimmung am Fels wieder. In Indian Creek in Utah (USA). Die Risskletterei dort ist absolut kompromisslos und holt jeden erst einmal auf den Boden der Tatsachen zurück. Je nach Handgrösse sind Routen irgendwo zwischen möglich und unmöglich angesiedelt. Und so kann es vorkommen, dass eine Gruppe Weltklassekletterer sich die Seele aus dem Leib brüllt, um jemanden seinen ersten 5.10a-Riss hochzuschreien. Die «ernsthaften Kletterer» kommen auch, allerdings verschwinden sie spätestens nach einem Tag wieder. Im 6b zu scheitern, ist einfach zu viel der Frustration.

Interessant finde ich, dass viele der älteren Klettergeneration meine Auffassung teilen. Oft wissen die, welche erst in den letzten Jahren mit dem Klettern begonnen haben, gar nicht, wovon ich spreche. Sie haben es nicht anders kennen gelernt. Ich wünsche mir einfach, dass das, was den Reiz des Kletterns für mich ausmacht, nicht ganz verloren geht. Hier und da mal über sich selbst hinauswachsen und ansonsten all die kleinen Dinge links und rechts der Bohrhaken geniessen. Ein freundliches Hallo am Wandfuss wäre doch schon mal ein guter Anfang.

Thomas Senf *Thomas Senf ist Fotograf und diplomierter Bergführer. Mit Freunden gelang ihm u. a. die Erstbegehung der Nordwand am Arwa Tower und der Route Harvest Moon am Talay Sagar, beide Indien, die Wintererstbesteigung des Torre Egger in Patagonien oder die Begehung von Ulvetanna und Holtanna in der Antarktis. Mit der Kamera begleitet er Extremkletterer auf Expeditionen in aller Welt. Er lebt in Ringgenberg BE. www.thomassenf.ch

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Ab auf den Berg!

Jürg Buschor am Mittwoch den 12. März 2014
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Die Bahn macht die Anreise unkompliziert: Skifahrer und Touristen auf der Kleinen Scheidegg. (Foto: Keystone/Martin Rütschi)

«Nächste Haltestelle auf Verlangen: Station Eigergletscher» – so oder so ähnlich könnte es bei der auf 2320 Metern gelegenen Bahnstation am Rand des Eigergletschers heissen. Und in einer halben Stunde stünde man am Einstieg zur legendären Eiger Nordwand. Daniel Arnold oder Ueli Steck wären natürlich etwas schneller dort und würden nur noch als kleine Farbtupfer in der Eiger Nordwand auszumachen sein, wenn die normalsterblichen Alpinisten noch ehrfürchtig unten am Wandfuss stünden. Egal, welcher Gipfel das Ziel ist und egal, ob als Sportgerät die Eispickel, die Skitourenski, die Schneeschuhe, Wanderschuhe oder das Mountainbike genutzt werden – die Chance ist relativ gross, dass der Startpunkt in der Schweiz mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist.

Unvergleichliche Infrastruktur

Würden die Schienenstränge aller Eisenbahnen, Trams, Zahnrad- und Standseilbahnen aneinandergereiht, wäre die Strecke über 5500 Kilometer lang. Endstation wäre quasi auf dem auf dem Jungfraujoch, wo die Geleise auf 3454 Meter über Meer enden. Wo keine Geleise hinführen, wartet manchmal eine Bergbahn oder steht noch öfter ein gelbes Postauto bereit. Und wenn auch dessen Dreiklanghorn verstummt, hilft seit einiger Zeit eines von rund 300 Alpentaxis weiter, das Bergsportler «von der letzten öffentlichen Verkehrs-Haltestelle noch näher zum Berg – und auch wieder zurückbringt», wie es auf der Website heisst. Und weiter: «So erreichen Sie umweltfreundlich mit lokalen Taxis, Rufbussen und Seilbahnen auch entlegenste Bergregionen.»

Wir sind Weltmeister

Die Schweizer fahren im Jahresdurchschnitt rund 2250 mit dem Zug und verweisen damit die Japaner mit etwas über 1900 Kilometern locker auf Platz zwei. Die meisten Zug-Kilometer werden auf dem täglichen Weg zur Arbeit zurückgelegt. Aber sind wir immer noch Weltmeister, wenn es darum geht, den Startpunkt zur Ski- oder Klettertour zu erreichen? Ist das einmalige Umsteigen im Zug nicht für manchen schon ein Grund, das Auto aus der Garage zu holen und den Skitourenkrempel in den Kofferraum zu schmeissen?

Das Schweizer Tourenplanungsspezialist Bergportal (mit den Webseiten www.bergportal.ch, www.gipfelbuch.ch, www.snowboardtouren.ch, www.bergtour.ch) hat letztens eine User-Umfrage durchgeführt, im Rahmen derer die Webseiten-Besucher Fragen zur Mobilität beantworteten. Das Resultat: 13 Prozent fahren immer mit öffentlichen Verkehrsmittel, 25 Prozent häufig und 50 Prozent gelegentlich. Nur gerade 11 Prozent nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel nie. Was aus der Umfrage ebenfalls hervorgeht, ist das Anforderungsprofil der Nutzer an die öffentlichen Verkehrsmittel: Die Verbindung soll möglichst direkt und schnell sein, unnötiges Umsteigen vermieden werden. Genau an diesem Punkt setzt ein neuer Bergportal-Service an: Jeder Portal-Nutzer kann in seinem persönlichen Nutzerprofil die eigene «Heimat-Haltestelle» hinterlegen. Wird danach auf einer der vier Portale ein Tourenvorschlag ausgewählt, wird automatisch die Anreisezeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die beste Verbindung angezeigt. Die neue Funktionalität ermöglicht auch die Suche nach Bergtouren (Sportklettern, Klettersteig, Hochtouren, Skitouren, etc.), die für die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr besonders gut geeignet sind. Ausgehend vom persönlichen Startpunkt können die Nutzer die maximale Anreisezeit, Art und Schwierigkeit sowie gewünschte physische Anforderung der Tour definieren und erhalten danach eine Trefferliste mit den entsprechenden Routenvorschlägen.

Ob das Grund genug ist, sein eigenes Auto das nächste Mal in der Garage stehen zu lassen? Sicher ist, dass sich in der Routenplanung plötzlich ganz neue Möglichkeiten eröffnen, wenn die Tour nicht wieder am Parkplatz enden muss. Und wer sagt denn, dass das Tourenziel immer schon feststehen muss? Wer spontan entscheiden kann, gewinnt nicht nur unzählige Wahlmöglichkeiten dazu, sondern eine komplett neue Tourenerfahrung.

Wie reisen Sie zum Berg? Mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto? Wovon hängt die Wahl jeweils ab? Welche zusätzlichen Angebote wünschen Sie?

Outdoor

Trainieren und optimieren für die Patrouille des Glaciers

Outdoor-Redaktion am Samstag den 8. März 2014

Zweiter Teil der Miniserie über die Patrouille des Glaciers. Heute: Die Teambildung ist schwieriger als gedacht. An der diesjährigen Austragung des Rennens wird ein Team des «Tages-Anzeigers» teilnehmen. Gastautor Jost Fetzer* wird in lockerer Folge darüber berichten:


Die Zusage war schnell, vielleicht zu schnell, gegeben: eine Einladung von Dynafit zum Skitourenrennen Patrouille des Glaciers, kurz PDG, von Zermatt nach Verbier? Aber sicher bin ich mit dabei! Ich höre nur das Wort «Skitour» und verdränge den zweiten Wortteil «Rennen», auch wenn mir als langjährigem Tourengänger dieses klassische Rennen selbstverständlich ein Begriff ist. Dass es jedoch über 53 Kilometer und 4000 Höhenmeter geht, ist mir im Moment der Zusage nur sehr vage bewusst. Vielmehr sehe ich vor meinem Auge endlose Abfahrten im Pulverschnee und tausend Gründe, Woche für Woche auf Skitouren zu gehen: Sorry, ich kann nicht an den Kindergeburtstag von Krippengspänli XY. Ich muss in die Berge und trainieren. Meine Familie wird das bestimmt verstehen. Zumindest rede ich mir dies ein.

Die Suche nach dem Team

Erstaunlicherweise kommen von meiner Familie positive Signale. Immerhin von ihr, denn alle anderen greifen sich bei der Verkündung meines Vorhabens erst einmal an den Kopf und zweifeln an meinen Erfolgschancen. Dabei sollte ich doch dringend Teamkollegen finden, mit denen ich am Seil, im Schneetreiben und in der Dunkelheit von Zermatt nach Verbier touren werde. Denn so viel ist unterdessen klar: Ein Sonntagsspaziergang wird das nicht.

Skitouren und insbesondere Hochtouren sind auch eine Frage des Vertrauens, und so ist der Kreis der möglichen und gewünschten Teammitglieder recht überschaubar. Alle Angefragten zeigen kritische Bewunderung für das Vorhaben, doch ist ihnen der Weg zu weit, die Höhendifferenz zu gross oder der Trainingsaufwand zu hoch. Ich wende mich hoffnungsvoll an die beiden bekanntesten Skitourengeher auf der Tagi-Redaktion. Doch auch dort erwarten mich nur Absagen: Der eine hat bereits zweimal an der PDG teilgenommen, und das reiche nun auch mal, der andere würde nie im Leben eine Startnummer anziehen, geschweige denn freiwillig an einem Anlass der Schweizer Armee teilnehmen. Skitouren? Ja, gerne. Rennen? Nein, danke!

Willst du mit mir gehen?

Und so droht das Vorhaben zu scheitern, bevor es richtig begonnen hat. Ich brauche dringend Teamkollegen, ansonsten läuft die Anmeldefrist ab. Eine letzte Anfrage sende ich per SMS an Ralph: «Willst du mit mir an die PDG gehen?» Die Antwort kommt innerhalb von Sekunden und ist positiv. Auf alte Tourenkollegen ist eben doch Verlass.

Ralph wollte sowieso an die PDG, fand aber ebenfalls keine Teamkollegen, da seine Freunde diesen Winter ihre Energie in die Familienplanung investieren und nicht in Skitouren. Ich versichere ihm, dem Kinderlosen, dass Kinderkriegen für uns Väter keine Anstrengung sei im Vergleich dazu, Kinder zu haben, und ich als zweifacher Vater nicht wisse, wann ich noch Zeit für das Training finden könne. Selbst diese Worte lassen Ralph nicht von seiner Zusage abbringen, und wir komplettieren unser Team mit Papa Thomas I. und dem werdenden Vater Thomas II. als Ersatzmann: vier Männer, vier Kinder, ein Ziel – die PDG.

700 Höhenmeter pro Stunde

Nun stehe ich hier wie der Ochs vorm Berg und sollte hoch, so schnell es geht. Hoch auf den Pizol, auf den Berg, auf dem ich in der Kindheit das Skifahren und in der Jugend das Snowboarden erlernt habe, wo meine Leidenschaft für den Schnee gewachsen ist und wo ich meine Knochen diverse Male bei der Ausübung derselben gebrochen habe. Unzählige Tage habe ich auf diesem Berg verbracht, immer hoch und runter, nur, diesmal ist alles ein wenig anders. Diesmal geht es vor allem hoch.

Wir sind hier nicht zum Pistenplausch, sondern für einen ersten Test unseres Teams am traditionellen Skitourenrennen Pizol Altiski. Dass wir uns unter den drei Kategorien für die Variante «Extreme» mit 21 Kilometern Distanz und 2222 Höhenmetern Aufstieg entschieden haben, versteht sich von selbst. Bei der PDG erwartet uns die doppelte Strecke und Höhendifferenz – und wegen der dünnen Luft in der Höhe wird die Anstrengung um ein Vielfaches grösser sein.

Am Start zum Pizol Altiski ziehen all die Profis und ambitionierten Amateure in ihren hautengen Rennanzügen und ultraleichten Ausrüstungen an uns vorbei. Der Schnellste wird uns nach gut der Hälfte unseres Aufstieges bereits wieder entgegenkommen und nach 1 Stunde 55 Minuten das Ziel erreichen. Obwohl wir 1 Stunde 30 Minuten langsamer als der Sieger sind, sind wir zufrieden mit dem Resultat. Rund 700 Höhenmeter haben wir pro Stunde zurückgelegt – mehr als erwartet. Rein rechnerisch wären wir bei der PDG im gleichen Tempo nach rund 7 Stunden im Ziel. Wir rechnen jedoch realistisch mit mindestens 14 Stunden für den Weg von Zermatt nach Verbier.

Trainieren und optimieren

Beim Weissbier im Ziel lässt sich das im Vergleich zu unseren Mitstreitern am Pizol Altiski langsame Abschneiden wunderbar mit externen Faktoren begründen: Die Tourenausrüstung der Profis wiegt mit 5 Kilogramm – inklusive der Ski, der Bindungen, Felle, Schuhe, des Rucksacks und der obligatorischen Sicherheitsausrüstungen wie LVS, Schaufel, Sonde und Helm – nicht halb so viel wie die unsrige.

Und weil Optimieren weniger anstrengend ist als Trainieren, melden wir uns gleich nach dem ersten Testrennen bei unserem Mister Q von Dynafit und bestellen eine Skitouren-Rennausrüstung, die in einer vergleichbaren Gewichtsklasse spielt. Ob diese Ski auch bei der Abfahrt etwas taugen, werden wir ja sehen. Damit ist jedoch der Punkt erreicht, wo meine Familie findet: «Du machst das doch nur wegen der neuen Skitourenausrüstung!» Ganz unrecht haben sie ja nicht.

Jost Fetzer*Jost Fetzer ist Bildredaktor des «Tages-Anzeigers» und passionierter Berggänger.

Outdoor

Das anstrengendste Baby der Schweiz

Natascha Knecht am Mittwoch den 5. März 2014
Tummelplatz der internationalen Eis-Cracks: Die Breitwangfluh oberhalb von Kandersteg. Alle Routen sind schwierig oder sehr-sehr schwierig. Der «einfachste» Eisfall heisst «Crack Baby» (in der Fluh der zweite von rechts). Um diesen Extremklassiker einmal zu erleben, reisen Kletterer aus allen Herren Länder an. (Fotos: Dani Arnold / Natascha Knecht)

Tummelplatz der internationalen Eis-Cracks: Die Breitwangfluh oberhalb von Kandersteg. Alle Routen sind schwierig oder sehr, sehr schwierig. Der «einfachste» Eisfall heisst «Crack Baby» (in der Fluh der zweite von rechts). Um diesen Extremklassiker einmal zu erleben, reisen Kletterer aus aller Herren Ländern an. (Fotos: Dani Arnold / Natascha Knecht)

Liebe Freunde der Berge

Heute ein Blog in Bildern. Zur Inspiration für alle, die zwar Winterfans sind, aber nicht unbedingt Skitourenfanatiker – so wie Dani Arnold (und ich). Der Urner Profialpinist, Speedrekordhalter in der Eigernordwand und diplomierter Bergführer, zeigte mir, was man im Winter sonst noch so ins Auge fassen kann. Zum Beispiel den monströsen Eisfall «Crack Baby» im Berner Oberland oder die steile Mixed-Route «Coulette Vent du Dragon» auf der Nordseite der Aiguille du Midi, Chamonix, Frankreich. Vier Touren, jede anders. Vier unvergessliche Tage.

Dani Arnold.

Dani Arnold – zurzeit ist er auch im Kino zu sehen im Film «Berge im Kopf», Infos hier

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TAG 1 - TRAINING

So sieht ein Trainingstag mit Dani Arnold aus! Wenn man ihm zuschaut, könnte man glauben, die Kletterei sei einfach. Oeschinenwald, Kandersteg, 8. Februar 2014.

So sieht ein Trainingstag mit Dani Arnold aus! Wenn man ihm zuschaut, könnte man glauben, die Kletterei sei einfach. «Arbonium» (WI5-) und «Pingu» (WI5+), Oeschinenwald, Kandersteg, 8. Februar 2014.

Nach dieser Trainingstour ist Dani Arnold einige Tage in Italien. Im Südtirol klettert er mit seinem Bruder Mario unter anderem «Pustertaler Halbgefrorenes», eine Mixed-Route, die Christoph Hainz und Kurt Astner vor 14 Jahren erstbegangen haben. Seither ist sie nie wiederholt worden. Dani weiss jetzt warum – lesen Sie seinen Bericht hier.

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TAG 2 – CRACK BABY

Crack Baby Nacht

Fertig mit Training: Zurück aus dem Südtirol startet Dani Arnold mit mir mitten in der Nacht die Tour meiner Träume: «Crack Baby», ein unheimlich schöner Eisfall auf der Breitwangfluh. Laut Tourenführer 300 Meter hoch, acht Seillängen, vier davon anhaltend 90 Grad, Schwierigkeiten bis WI6. Mit anderen Worten: So lang, steil und schwierig bin ich noch gar nie geklettert. Aber ich habe lange davon fantasiert, und vor etwa einem Jahr – nach unserem Besuch in der Eigernordwand – war ich mutig genug, Dani meinen «Crack Baby»-Wunsch anzuvertrauen. Das Problem mit Traumtouren: Nebst den objektiven Gefahren der Natur, bergen sie auch das Risiko zu scheitern – selbst im Nachstieg versteht sich. Denn die meisten Traumtouren sind grösser als alles, was man bisher gemacht hat. Man kann sich überschätzen, nicht gut genug sein – was lange am Ego kratzt. Darum fehlt vielfach der Mut, man lässt Traumtour gerne Traum bleiben. Jetzt sind wir aber auf dem Weg – in Realität. Ich bin aufgeregt. Das sei gut, sagt Dani. Vom Parkplatz in Mitholz bis zum Einstieg von «Crack Baby» müssen wir 1000 Höhenmeter durch den Winterwald hinaufstapfen. Viel Schweiss, bevor überhaupt Eis in Sicht kommt! 20. Februar 2014.

Crack Baby 1

Endlich, 300 Meter Eis warten! Wir erreichen den Einstieg des monströsen Eisfalls gegen 7 Uhr – als erste Seilschaft. Gefolgt von zwei Briten. Sie tun mir etwas leid. Ob man hier als zweite oder dritte Seilschaft einsteigen will, überlegt man sich gut: Eisschlaggefahr. Die Briten entscheiden vernünftig. Sie kehren um und nehmen die 1000 Höhenmeter hinab zum Parkplatz unverrichteter Dinge unter die Füsse. Wer nicht zu den hartgesottenen Eis-Cracks gehört, hat auf der Breitwangfluh nur «Crack Baby» zur Auswahl (wie ich). Alle anderen Routen sind schwieriger und Spielplatz der Extremen wie Dani Arnold. Vor einem Jahr kletterte er hier «Flying Circus», «Mach 3» und «Crack Baby» in einem Tag – siehe Video. Und auch heute ist Dani wieder im Rekordtempo unterwegs (Bild oben links). Wie man so schnell vorsteigen und so wenige Sicherungen schrauben kann, bleibt mir ein Rätsel. Ich folge so rasch es eben geht (Bild oben rechts).

Crack Baby 4Nach drei Seillängen stehen wir in dieser Eishöhle. Obschon noch nicht einmal die Hälfte unter uns liegt, ist die Tiefe schon recht imposant – finde ich. Ab hier wird die Kletterei erst richtig steil.

Crack Baby 2Dani startet die Schlüssellänge, 55 Meter lang, die Neigung des Eises bleibt anhaltend 90 Grad. Bei ihm sieht es wiederum aus, als wäre es nichts.

Crack Baby 3Ich klettere und klettere – inzwischen in einer Art Trancezustand. Über diesem Abgrund habe ich selbst im Nachstieg keine Lust aus dem Eis zu fallen. «Crack Baby» ist definitiv das anstrengendste Baby der Schweiz.

Crack Baby 5Wir sind noch lange nicht durch! Dani sagt, nach diesem steilen Eiszapfen hier werde es bald  «flach». Ich bin erleichtert, merke aber bald, dass Dani und ich nicht die gleiche Vorstellung von «flach» haben. Die 6. und 7. Seillänge bleiben steil.

Crack Baby 7Es hört nicht auf: Meine Waden surren, meine Unterarme pumpen, mein Kreislauf rotiert und mein Hirn hat wahrscheinlich ein paar Funktionen ausgeschaltet.

Crack Baby 6

Ende in Sicht: Dani in der letzten Seillänge. Irgendwann komme ich dann ganz oben an und kann es nicht fassen. Nicht fassen. Nicht fassen!

Crack Baby AbseilenZum Abschluss 300 Höhenmeter abseilen, zum Teil überhängend. Ich komme mir vor wie im Traum.

Ohne Dani Arnold hätte ich weder «Crack Baby», noch die nächsten Touren geschafft. Geholfen hat nebst seinem Können und seiner Erfahrung auch seine mentale Unterstützung. Danke, Dani!

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TAG 3 – «Coulette Le Vent du Dragon», Aiguille du Midi, Chamonix

Aiguille du MidiWenige Tage später: Dani Arnold steht mit mir auf dieser Passerelle auf der Aiguille du Midi, 3842 Meter über Meeresspiegel. Praktisch, dass man mit der Seilbahn von Chamonix bis auf den Gipfel fahren kann. Unpraktisch dagegen, dass man sich dann schon zuoberst befindet und nicht mehr weit klettern kann. Wir müssen erst abseilen – und zwar vom Geländer dieser Passerelle! 25. Februar 2014.

PasserelleDiesen Ausblick bekommt man, wenn man von ebendieser Passerelle über das Eisengeländer (ganz rechts im Bild) bergab schaut. Jetzt da rübersteigen und abseilen? Dani tut es einfach, ganz schnell.

AbseilenIch kann Dani dort unten ja nicht alleine lassen und folge ihm... Mein Herz flattert! Zur Stärkung der Nerven hätte ich zum Frühstück ein Berocca nehmen sollen.

CouloirWir seilen noch ein paar weitere Längen ab und kommen zum Fuss dieses steilen Couloirs (Bildmitte) auf der Nordseite der Aiguille du Midi. Hier schiesst die Route «Le Vent du Dragon» hoch: 250 Meter, 85 Grad abfallend. Fels und Eis. Wild und schön! Die M5-Schlüsselstelle besteht aus einer harmlos aussehenden, ca. 2,5 Meter hohen, vertikalen Felsplatte. Dani sagt, ich hätte 15 Minuten gebraucht, um darüber zu klettern. Shame on me.

Cosmiques-GratAusstieg erreicht! Im Hintergrund der König der Alpen, der Mont Blanc. Kein Wunder zählt das «Coulette Le Vent du Dragon» zu den «Les plus belles courses» im Gebiet. Von hier klettern wir über den Cosmiques-Grat zurück zur Bergstation auf der Aiguille du Midi. Un-ver-gesslich.

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TAG 4 – Petite Aiguille Verte

Tag 4

Wer findet Dani? Tipp: Ungefähr in der Bildmitte, gelbe Jacke.

Am nächsten Tag: Winterbergsteigen wie im Bilderbuch. Es schneit, es ist kalt und wir ertüchtigen uns auf über 3000 Meter über Meer. Dani Arnold hat die perfekte Tour vorgeschlagen für solche Verhältnisse: Mit der Seilbahn von Argentière (Chamonix) auf die Aiguille des Grands Montets. Mit den Ski über den Gletscher auf die Nordseite der Petite Aiguille Verte. Dort warten zahlreiche Couloirs zum Klettern. Laut Prognose soll der Wind stark werden, deshalb wählt Dani eines der Couloirs unweit der markierten Skipiste. Falls nötig, können wir hier sehr rasch abbrechen, erklärt er. An schönen Tagen blickt man auf die Aiguille du Dru, Aiguille Verte oder Aiguilles de Chamonix. Heute sind wir froh, wenn wir uns im Nebel gegenseitig noch sehen. Trotzdem, oder gerade deswegen, wieder ein unvergesslicher Tag. Am Ende folgt noch die lange Skiabfahrt über die Freeridepisten von Les Grands Montet. Und dann die Heimfahrt. 26. Februar 2014

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Haben Sie auch einen Traum, der unerreichbar scheint?