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Archiv für die Kategorie „Alpin“

Outdoor

Die Abhängigkeit der Alpinisten

Natascha Knecht am Mittwoch den 27. August 2014
Outdoor

Grenzenlose Freiheit: Eine Alpendohle kreist über dem Gipfel der Zugspitze bei Grainau. Alpinisten müssen für diesen Ausblick bedeutend mehr Aufwand betreiben. Foto: Keystone

Die meisten von uns erleben gerade keinen ergiebigen Bergsteigersommer. Für grosse Abenteuer waren die Verhältnisse in den Hochalpen zumeist zu schlecht. Statt unvergesslichen Sonnenaufgängen in über viertausend Metern Höhe erlebten wir viele Wochenenden zu Hause im Flachland, buchstäblich vom Regen angepisst  – und im Wissen, dass es dort oben in der kalten Zone oberhalb des Krummholzes schneit, stürmt oder graupelt.

Das Schöne an wüsten Tagen: Man hat Zeit zum Sinnieren. Zum Beispiel über Friedrich Schiller (1759–1805). Er war kein Alpinist im heutigen Sinne, aber ein Dramatiker: «Auf den Bergen ist Freiheit», schrieb er in «Die Braut von Messina». Seither spielt das Wort «Freiheit» bei allen grossen Bergsteigern der Vergangenheit und Gegenwart eine Hauptrolle. Walter Bonatti (1930–2011) sagte: «Das vielfältige Schauspiel der Berge, die Erinnerungen, aber besonders das Gefühl, dem Alltag entflohen zu sein, das Gefühl der Freiheit und der Lebensfreude, waren der Grund meiner Liebe zu den Bergen.»

Wir sitzen also daheim im Lesestuhl, an die Fensterscheibe prasseln Regentropfen. Die Realität führt uns vor Augen, dass es mit besagter Freiheit im Gebirge nicht so einfach funktioniert.

In Wahrheit ist der Alpinist keineswegs frei. Im Gegenteil, er ist stark abhängig:

–    vom Wetter
–    von den Schnee- und Eisverhältnissen
–    von seiner Ausrüstung
–    von seinen Seilpartnern
–    von seiner eigenen körperlichen Verfassung
–    von seinen Fähigkeiten
–    von seiner Tagesform
–    von seiner Agenda
–    etc.

Freiheit für Freiheit

Dennoch: Wie Schiller anno dazumal sehnt sich der heutige Freizeitalpinist nach der Freiheit «auf den Bergen». Nach der Ekstase. Sobald der Bergsteiger auf einem hohen Gipfel steht und ihm die Welt zu Füssen liegt, fühlt er sich frei – befreit von den Verbindlichkeiten des Alltags, weit weg vom Lärm und der ungesunden Stadtluft. Er empfindet Glück und Stolz. Er kann hemmungslos Juchzen, und er verspürt das Bedürfnis, dem Seilpartner um den Hals zu fallen. Vielleicht kullert gar eine Freudenträne über sein Gesicht.

Für diesen berauschenden Moment der Freiheit ist der Alpinist allerdings gezwungen, seine gewohnten Freiheiten einzuschränken:

Am Berg ist der Alpinist ein Niemand. Der Berg bleibt der Chef. Wetter und Verhältnisse sitzen ebenfalls im entscheidenden Komitee. Dem muss sich der Alpinist unterwerfen. Selbst dann, wenn er im Berufsleben einen grossen Konzern mit tausend Angestellten leitet – oder wenn er vergangenen Samstag den Schweizer Rekord-Lottojackpot geknackt hat. Er kann am Gipfeltag nicht einmal aus dem Bett kriechen, wann es ihm genehm ist. Nicht essen, wenn er Hunger verspürt. Nicht rasten, wo ihm drum ist. Kurz: Er muss sich an gewisse Regeln halten, damit er erfolgreich und möglichst unbeschadet zurückkehrt.

Ein alpines Kletterfest

Um die intensiven Reize des Hochgebirges und einen Gipfelrausch erleben zu dürfen, macht sich der Alpinist also schwer abhängig. Unfrei und untertan. Er eifert einem Traum nach, für dessen Erfüllung es mehr braucht als Vorbereitung, Technik, Ausdauer. Zusätzlich ist eben auch viel Geduld nötig. Wie in diesem Sommer. Freude geht anders.

Aber ich habe gute News: Petrus flüsterte mir soeben zu, es gebe einen warmen, goldigen Herbst. Somit können wir unsere Abhängigkeiten und Freiheiten am Berg bald wieder aktiv ausleben. September und Oktober werden ein alpines Kletterfest. Wetten?

Outdoor

Das Kreuz mit dem Gipfelkreuz

Natascha Knecht am Mittwoch den 20. August 2014

Es gibt Leute, die steigen auf einem Berg nicht nur bis zum Gipfelkreuz, sondern gleich noch auf dieses hinauf. Den Moment ihres Glücks halten sie mit der Digitalkamera fest und veröffentlichen dann das beste Foto im Internet. Zur Empörung jener, die ein Gipfelkreuz als religiöses Symbol erachten. Für sie ist eine solche Handlung der Gipfel der Respektlosigkeit. Man gehe schliesslich auch nicht auf den Friedhof und trample dort auf Gräbern herum.

An der Frage, ob man auf ein Gipfelkreuz klettern darf, scheiden sich die Geister. Ist es eine unmoralische Unsitte? Eine Sünde in den Bergen? Oder einfach nur Ausdruck von Freiheit? Die Diskussion wird seit Jahren aktiv geführt. In der Neuzeit natürlich auch mit einschlägigen Facebook-Gruppen. Da postet jeder, der mag, ein Foto von einem Gipfelkreuz. Zumeist höchst langweilige Aufnahmen von einem übergrossen Konstrukt aus Eisen oder Holz in Kreuzform, das nicht selten aus einem Betonfundament in den Himmel ragt. Warum jemand sich die Mühe für eine solche Veröffentlichung macht, ist mir ein Rätsel. Weil man liken und sich in einer Gemeinschaft fühlen kann? Weil manchmal auch ganz Freche auftauchen, die den Gruppenfrieden empfindlich stören, indem sie Bilder posten, auf denen sie auf einem Kreuz stehen und winken?

Ein Stewi für verschwitzte Kleider

Vor einer Woche war das Thema wieder einmal einer Zeitung einen Artikel wert (online leider nicht abrufbar): Die Südtiroler Zeitung «Dolomiten»  zitierte einen Pfarrer. Er bezeichnet es als «schlimm», dass es Leute gibt, die für das Gipfelfoto nicht einfach «brav» vor dem Kreuz stehen, sondern «noch einen draufsetzen» müssen und es «cool» finden, auf dem Kreuz herumzukraxeln oder sportlich auf dessen Querbalken zu posieren. Für den Pfarrer ist ein Gipfelkreuz kein «Turngerät», und er glaubt, dass bei uns jeder so viel Allgemeinbildung haben müsste, dass er weiss, wofür das Kreuz steht.

Nun, ich selber habe es hier im Alpinblog schon einmal geschrieben: Mir persönlich ist es schleierhaft, wozu es auf einem Berg ein Kreuz braucht. Für mich ist ein naturbelassener Gipfel ohne solche Kunstwerke, die mit dem Helikopter hochgeflogen werden mussten, definitiv schöner. Aber wenn eines oben steht, dann steht halt eines oben. Mich irritiert höchstens, wenn Wanderer ihre verschwitzten Shirts zum Trocknen an einem solchen aufhängen. Das ist einfach unappetitlich.

Kommerzielle Respektlosigkeit

Würde ich in meinem privaten Archiv nachschauen, kämen auch Bilder zum Vorschein, auf denen ich auf einem Gipfelkreuz sitze. Zum Beispiel auf der Dufourspitze. Ich war mal im Winter dort. Das grosse Eisenkreuz steckte bis zu den Armen im Schnee, ich setzte mich darauf wie auf ein tiefgelegtes Bänkli und genoss ein paar Minuten die Aussicht. Beschädigt habe ich das Teil nicht. Das Bedürfnis, dieses Gipfelbild im Internet zu veröffentlichen, verspürte ich nie.

Bergbahnen Pillersee: Himmlische Aussichten vom größten Jakobskreuz der Alpen. (seilbahn.net)

Bergbahnen Pillersee: Himmlische Aussichten vom grössten Jakobskreuz der Alpen. (seilbahn.net)

Für diskussionswürdiger halte ich dagegen Bausünden in den Bergen, zum Beispiel das angeblich «grösste begehbare Gipfelkreuz der Welt». Es wurde vor kurzem in der Nähe von Kitzbühel eingeweiht: 29,6 Meter hoch. Eigentlich ist es ein Haus in Kirchenkreuzform. Im Innern bringt ein Personenlift die Besucher auf eine Aussichtsplattform und zu Ausstellungsräumen in 19 und 22 Metern Höhe. Ganz oben wartet eine Panorama-Aussichtsplattform, auf der man herumtrampeln kann.

Für mich verkörpert solche Disney-Land-Infrastruktur den Gipfel der Respektlosigkeit – Respektlosigkeit gegenüber der Natur. Aber möglicherweise ist der Pfarrer und Prediger anderer Meinung.

Manche – wie dieser junge Herr – verwechseln Gipfelkreuze auch mit Fitnessgeräten:
(Quelle: Youtube)

Outdoor

Basejumper gefährden Kletterer

Natascha Knecht am Mittwoch den 13. August 2014
zinnen

Für Basejumper, Kletterer, Alpinisten und Wanderer gleichermassen attraktiv: Die Drei Zinnen in den Dolomiten. Foto: Christian Schirner (Flickr.com)

Ein unglaublicher Vorfall macht derzeit die Runde. «Ein Fall für die Carabinieri», meint ein Kommentarschreiber bei Bergsteigen.com. Zugetragen hat sich die Sache kürzlich in der Nordwand der Grossen Zinne in den Dolomiten. Zwei Kletterer aus Deutschland wollten die Hasse-Brandler-Route durchsteigen, ein ausgesetztes und nicht unschwieriges Abenteuer mit 17 Seillängen. Beim dritten Standplatz angekommen, seien sie von einem Steinregen überrascht worden, der ungefähr eine Stunde angedauert habe. Zwischen fünfzig und hundert «bis zu kopfgrosse Steine stürzten in unmittelbarer Nähe bis zu uns herab», berichtete einer der beiden später, ein 33-jähriger Arzt aus Berlin.

In der exponierten Lage hätten sie versucht, sich in der Wand so gut wie möglich unter Vorsprüngen zu schützen, und bald entschieden, möglichst schnell den Rückzug anzutreten und sich abzuseilen. «Die Situation war unmittelbar lebensgefährlich», sagen die Kletterer. Beide standen – wen wunderts? – Todesängste aus. Einige der Steine, die in rasender Geschwindigkeit aus über 350 Meter Höhe niederprasselten, hätten sie und das Seil nur knapp verfehlt, ein «Querschläger» traf einen von ihnen am Oberschenkel.

Zurück beim Wandfuss, beobachteten sie, wie zwei Basejumper vom Band unterhalb des Gipfels in direkter Falllinie über ihnen einen Absprung machten. «Danach war der Steinschlag schlagartig vorbei.» Deshalb war für die Kletterer eindeutig, dass die beiden Basejumper den Steinhagel ausgelöst hatten, und sie stellten sie dann auf dem Wanderweg zur Rede. Die Basejumper, zwei Italiener, sagten, sie hätten den Sprung «gebucht». «Ein lokaler Anbieter hätte für sie die Absprungstelle ‹freigeräumt und vorbereitet und ‹die Security-Line› installiert», sagt der Arzt. «Völlig fassungslos über die Fahrlässigkeit und die Rücksichtslosigkeit zogen wir uns resigniert zurück.»

Dieses Video zeigt einen Basejump von der Grossen Zinne, zu sehen sind auch Kletterer in der Wand:


Fassungslos – das macht die Geschichte tatsächlich. Fassungslos in verschiedener Hinsicht:

1. Dass es kommerzielle Anbieter von Basejumps gibt, war mir neu. Aber gut, wenn Nicht-Ortskundige aus Sicherheitsgründen Ortskundige beiziehen, ist das durchaus sinnvoll. Nur müssten die Ortskundigen dann auch ortskundig genug sein, um zu wissen, dass sich in der Nähe des Orts noch andere Leute aufhalten könnten, deren Leben man gefährdet, wenn man nicht aufpasst. Wie kann einer ausblenden, dass Kletterer in der berühmten Nordwand der Grossen Zinne keine Seltenheit sind? Wie kann einer einen Startplatz «freiräumen», ohne zu schauen, ob sich unterhalb jemand befindet?

2. Unterhalb des Wandfusses verläuft ein gut frequentierter Wanderweg, er ist Teil der Drei-Zinnen-Umrundung. Der Arzt schreibt in seinem offenen Brief: «Dieser Wanderweg war – ebenso wie wir – dem Steinhagel ausgesetzt. Es war alleine dem Zufall geschuldet, dass dort unten niemand erschlagen wurde.»

3. Man möchte hoffen, dass der Vorfall frei erfunden sei. Doch dem scheint nicht so. Die Südtiroler Zeitungen haben das Thema aufgegriffen, die Sektion Koblenz des Deutschen Alpenvereins hat den Bericht des Kletterers auf sozialen Medien weiterverbreitet.

4. Als Auslöser des Steinschlags hat sich bisher noch kein «kommerzieller Anbieter» bekannt respektive entschuldigt. Zurück bleibt im Moment die Frage: Was ist das? Egoismus pur? Geldgier? Dummheit? Tatsächlich ein Fall für die Carabinieri?

5. Die Grosse Zinne ist definitiv nicht der einzige Berg, an dem sich Basejumper, Kletterer, Alpinisten und Wanderer tummeln. Aber hat man schon jemals von einer solchen Verantwortungslosigkeit gehört?

SCHWEIZ LAUTERBRUNNEN BASEJUMPING

Basejumper müssen wissen, ob andere in der Nähe sind, die sie gefährden könnten: Sprung in Lauterbrunnen. Foto: Photopress, Keystone

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Das Wunder aus dem Kraftraum

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 6. August 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

OB

Ganz so viele Muckis hat sich unser Autor (noch) nicht antrainiert. Aber die Arbeit im Kraftraum hat sich im Fels bereits ausbezahlt. Foto: Istolethetv/flickr

Kraftraum – nein danke! So dachte ich bis vor kurzem, und wenn ich mal durch ein Fenster in so eine Trainingshalle blickte, kamen mir die Menschen, die sich an diesen seltsamen Maschinen abstrampelten, vor wie Androiden in einem Science-Fiction-Film – während draussen die Sonne schien, der Flieder duftete und die fernen Berge im Frühlingsschnee glänzten. Bis vor kurzem, sage ich. Denn inzwischen bin ich bekehrt.

Training war für uns junge Kletterer in den Sechzigerjahren ein Begriff, der vielleicht für Fussballer oder Marathonläufer Bedeutung besass, aber doch nicht für Bergsteiger. Wir schwebten in höheren Sphären, denn Bergsteigen war «mehr als Sport» – ich glaube, diese Auffassung herrschte sogar im Alpen-Club vor. Training würde diese hehre Beschäftigung mit dem Gebirge irgendwie ins Profane herunterholen, das Klettern auf die gleiche Stufe stellen wie Waffenlauf oder Kugelstossen. Ein ehemals berühmter Bergsteiger, der einiges älter war als wir, kletterte zwar gelegentlich nach Feierabend beim Bahnübergang in Uster an einem Nagelfluhwändchen herum. Skurril, aber na ja, der Mann war schon über vierzig und seine grossen Tagen waren Geschichte.

Der Gedanke einer Kletterhalle lag ferner als die Antarktis

Der Winter war für Skitouren da, im Frühling luchsten wir mit dem Feldstecher ins Wägital, und wenn sich unter den Bockmattlifelsen ein aperer Fleck zeigte, gings los zur ersten Klettertour. Und die war stets die Hölle. Im Herbst waren wir noch locker durch die Namenlose Südwand geturnt, im Frühling quälten wir uns wieder von Haken zu Haken und litten anschliessend eine Woche lang unter Muskelkater. Erst gegen Sommer kamen wir so richtig auf Touren, falls es nicht den ganzen Frühling geregnet hatte. So ging das Jahr für Jahr. Kletterhallen gab es nicht, selbst der Gedanke, dass wir dereinst an Plastikgriffen in einer alten Industriehalle in der Agglo, umtobt von Kindergeschrei und heiser vom Magnesiastaub, unsere Muskeln und Fingerkraft stählen würden, lag uns ferner als die Antarktis. Selbst der Klettergarten auf der Mettmenalp, wo damals schon SAC-Sektionen und Naturfreunde über Pfingsten an den Felsblöcken übten, war weit unter unserer Würde. Unser Klettergarten war das Bockmattli mit der 400 Meter hohen Nordwand.

Es gab Freunde, die das Klettern aufgaben, als die Kletterfinken aufkamen und uns die Jungen leichtfüssig um die Ohren tänzelten. Zürcher Freaks trabten am Feierabend auf den Uetliberg, hängten sich in die Fingerlöcher der Nagelfluhblöcke unter dem Kulm, trainierten wie wild und brachten so Begriffe ins Spiel wie «all free» oder «rotpunkt». Im Bockmattli eröffneten sie Routen, wo wir nicht einmal den ersten Haken erreicht hätten. Das war hart, aber mit der Zeit bin ich doch so etwas wie ein Sportkletterer geworden und klettere, wenns geht, «rotpunkt». Doch mit den Jahren begann sich die Leistungskurve nach unten zu neigen, während – alterstypisch – die Ehrgeizkurve steil nach oben ausschlug. Was tun?

Eine Bekannte – sie ist auch schon über siebzig – schwärmte während einer Einladung bei Wein und feinem Essen vom Kraftraum, den sie seit zwei Jahren besuche. Ich meldete mich an, wurde von einer sportlichen Dame an den Maschinen instruiert und schaffte letzthin im Fels nach langer Zeit wieder mal eine 6c – «on sight», wohlverstanden.


Quelle: Youtube

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer.

 

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Best of Outdoor: Die unvergessliche Schlüsselstelle

Natascha Knecht am Mittwoch den 30. Juli 2014

Liebe Leserinnen und Leser, in den Sommerferien erlauben wir uns einen Blick zurück und präsentieren Ihnen in den nächsten Tagen einige unserer Highlights aus dem vergangenen Jahr. Viel Vergnügen! Die Redaktion.

Folgender Beitrag ist von Natascha Knecht, Erstpublikation: 19. Juni 2013.

Mönch Lauperroute

Prächtige Aussicht aus dem Felsdach in der Mönch-Nordwand, unter anderem direkt auf den Nachbar Eiger.

Beim Bergsteigen oder Klettern gibt es Schlüsselstellen, die bleiben auf ewig in Erinnerung. Oft sind das nicht unbedingt jene, die technisch abartig schwierig waren, oder psychisch besonders herausforderten. Sondern jene, die richtig speziell sind. Einer solchen begegnete ich vergangene Woche entlang der Lauper-Route am Mönch. Nach einigen hundert Höhenmetern Stapferei durch den Schnee und einer kurzen Kletterei durch einen Felsriss kamen wir zum berühmten Felsdach. Als ich am Abend die Bilder auf meinen Computer geladen hatte, musste ich lachen. Es war eine ernsthafte Tour, aber so lustige Fotos brachte ich noch nie nach Hause:

Mönch Lauperroute

Der Berg zeigt mir mal wieder deutlich, wer grösser ist. Wie um Himmels Willen soll ich über dieses Felsdach kommen, mehr als ein Kopf höher als ich? Im Tourenführer wird ein Schulterstand empfohlen. Wie ein solcher mit Steigeisen gehen sollte, ist mir ein Rätsel. Zum Glück hängt eine Schlinge. Ich befestige meine Eisgeräte am Gurt und versuche, meine Bedenken zu ignorieren.

Mönch Lauperroute

Hände hoch und die Frontzacken der Steigeisen in die Schlinge stecken. Hoffentlich hält sie, hoffentlich rutsche ich mit den Handschuhen nicht ab.

Mönch Lauperroute

Andere machen es sicher besser und eleganter. Ich versuche es mit Hauruck: Mit dem rechten Bein das Körpergewicht hochdrücken, gleichzeitig mit den Händen Halt suchen und mit Körperspannung irgendwie das Gleichgewicht kontrollieren.

Mönch Lauperroute

Der Oberkörper ist schon mal drüber, jetzt gehts nur noch um die Beine. Ich nehme sofort ein Eisgerät vom Gurt, um mich zu damit halten zu können. Oben auf dem Fels klebt Wassereis. Hätte ich weniger Schnee an den Schuhen, wäre ich wahrscheinlich ein gefühltes Kilo leichter. Aber das sehe ich erst später auf dem Foto.

Mönch Lauperroute

Mit dem Knie abzustützen bringt hier nichts, das Goretex würde auf dem Eis abschlipfen. Ich muss das Steigeisen raufbringen. Das schaffe ich mit Krafteinsatz kombiniert mit einem ordentlichen Schwung. Ich bieste und schnaufe. Huch! Dann ist der Spuk vorbei. Ich stehe auf dem Dach und kann es kaum fassen.

Mönch LauperrouteAnsonsten ist die Lauperroute am Mönch durchgehend steil, oder sehr steil. Erstbegangen wurde sie im Juli 1921 von Hans Lauper und Max Liniger. Im Bild: Die Seilschaft hinter uns, gleich unterhalb des Felsdachs. Wir sind an diesem Tag die einzigen in dieser Route.

Mönch LauperrouteKein Zickzack, immer Direttissima. Ich mag das. Die Hangneigung beträgt plus/minus 50 Grad. Hier, im oberen Teil des Bergs, ist der Schnee an diesem Tag kompakter als unten, also weniger anstrengend. Streng bleibts dennoch unentwegt, aber immerhin angenehm kühl.

Mönch LauperrouteDen Grat und die Sonne erreicht, gefolgt von der anderen Seilschaft (siehe Aufstiegsspur in der Bildmitte). Unten markant sichtbar: Der Schatten der steilen Mönch-Nordwand. Jetzt Brille montieren und Gesicht mit Faktor 50 eincremen. Von mir aus könnte der Gipfel hier sein, aber vor uns haben wir noch 150 Höhenmeter. Ich merke die dünne Luft, das letzte Mal war ich vor fünf Wochen in solcher Höhe, bin also schlecht akklimatisiert. Der Schneegrat zum Gipfel ist von der Sonne aufgeweicht, ich sinke mehr als ein Mal bis zu den Oberschenkeln ein, spule an Ort und Stelle, frage mich zeitweilig, was ich hier eigentlich mache – und das noch freiwillig. Zum Glück schwächelt mein ekelhafter innerer Schweinehund mehr als meine Beine. Und mein Kopf bleibt stark wie der eines Berner Oberländer Muni.

Mönch LauperrouteSieben Stunden nachdem wir von der Guggihütte aufgebrochen waren, stehen wir auf dem Mönch-Gipfel (4107 m.ü.M.). Die Anstrengung ist wie auf Knopfdruck vergessen. Hier die letzten Meter unseres Aufstiegs.

Mönch LauperrouteMein Grinsen ist so breit, dass es rundum ginge, hätte ich keine Ohren. Darum zeige ich lieber die fantastische Aussicht. Unten der Jungfraufirn und der Konkordiaplatz. Der grosse weisse Berg vorne rechts ist das Aletschhorn.

Mönch LauperrouteGuten Tag, schöne Jungfrau! Rechts unten das Jungfraujoch und die Sphinx.

Mönch LauperrouteDen Abstieg nehmen wir über den Normalweg. Vorne sehen wir drei Personen mit Ski auf dem dem Buckel aufsteigen. Als wir sie später kreuzen erfahren wir, dass sie über den Nollen abfahren wollen. Die Verhältnisse könnten kaum besser sein – es ist der 13. Juni 2013!

Mönch LauperrouteZurück bei der Station Eigergletscher, wo wir unser Abenteuer am Vortag gestartet haben. Blick auf den Mönch (links) und unsere Route über die Nordwandrippe. Danke an Dres Abegglen, Bergführer aus Grindelwald, dass er mir diese Tour vorgeschlagen hat. Ohne seine Lockerheit, Kollegialität und vor allem Zuversicht, dass ich genug «Reserve» mitbringe, hätte ich mich nie im Leben getraut. Ausserdem: Respekt an den SAC Interlaken, der die unbewartete Guggihütte so gepflegt hält.

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Überfunktion und Super-Performance

Natascha Knecht am Mittwoch den 23. Juli 2014
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Kann der Mensch mit der Technik noch mithalten? Eine Messeteilnehmerin posiert an der «Outdoor»-Messe in Friedrichshafen mit ihrem Ausstellungsobjekt. Alle Fotos: www.outdoor-show.de

Man stelle sich das vor: Im Moment beträgt der Umsatz der Outdoor-Industrie alleine in Europa zehn Milliarden Euro. Die Branche hat vorige Woche kommuniziert, der Markt boome und wirtschaftlich würden ihr weiterhin «schöne Aussichten» winken. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Umsatzwachstum bewegt sich nicht mehr im zweistelligen Bereich wie noch vor wenigen Jahren – 2013 betrug es «lediglich» 3,1 Prozent. Darum wollen die Unternehmen nun raschestmöglich neue Wege angehen, um die Millionen Gegenstände für jede Art von Freiluftabenteuer an die Kundschaft zu bringen. Soeben fand in Friedrichshafen die «Outdoor» statt, die grösste Fachmesse der Branche auf dem Kontinent. Präsentiert wurde wie immer das Neuste, Beste, Schrillste, Nützlichste, Innovativste, Revolutionärste.

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Marketing-Kauderwelsch: Ein «Approach-Schuh für anspruchsvolle Aktivitäten», er hat «separate Stretchliner» und ist «in Low- und warmer Midversion erhältlich».

Die Outdoor-Industrie forscht natürlich auch intensiv, wie sie ihrer wirtschaftlichen Stagnation entgegenwirken kann. Für uns sogenannte «Endverbraucher» sind einige Strategien positiv, andere weniger. Genannt wird zum Beispiel:

Aus einem Trend einen «Megatrend» machen, und noch mehr Leute für ein Outdoor-Hobby gewinnen: Uns aktiven «Endverbrauchern» graut es, wenn wir daran denken, dass sich bald noch mehr Volk in den Rückzugsgebieten tummelt. Aber ich glaube, so weit wird es nicht kommen. Besitzt ein potenzieller «Endverbraucher» heute im «Zurück zur Natur»-Zeitalter noch keine Grundausrüstung, wird aus ihm wahrscheinlich nie ein leidenschaftlicher Outdoorer, ergo wird er auch nicht oft draussen sein – und wenig Ausrüstung kaufen. Gut für uns und die Natur, schlecht für die Wirtschaft. In Europa ist der Outdoor-Markt zudem schon ziemlich gesättigt. In zu vielen Garderoben hängen Goretex-Jacken, die für teures Geld angeschafft und selten getragen wurden. Anders in Ländern wie Japan, Russland oder in Osteuropa. Dort kommt der Outdoor-Boom erst auf und lässt die Branche auf ein «kräftiges Wachstum» hoffen.

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Eines sieht aus wie das andere: Besucherin an der «Outdoor»-Messe.

Konkurrenz fördert das Geschäft: Als «Endverbraucher» haben wir nicht selten den Eindruck, es spiele gar keine Rolle, ob wir eine Hose nun von dieser oder jener Marke wählen. Die meisten sind ziemlich ebenbürtig, zudem auch ähnlich in Design und Farbe. Eine Saison ist alles grün und gelb, in der nächsten orange und blau. Beim Kauf entscheidet vielleicht, wie nachhaltig ein Produkt hergestellt wurde, aber am wichtigsten bleibt meistens der Preis.

Überfunktion und Super-Performance: Mein Bedürfnis als «Endverbraucherin» wäre im Prinzip klar. Ich will warm, atmungsaktiv, robust, leicht, langlebig etc., und alles am liebsten unkompliziert in der Anwendung. Aber die ständig neu kreierten technischen Kraftausdrücke, mit denen die Produkte heute behaftet werden, machen mir die Outdoor-Welt zuweilen unverständlich. Was bedeutet «progressives Design», oder «spritzwasserfester YKK-RV»? Sind «Hybrid Shell» und «Rolling Concept» in der Wildnis überlebenswichtig? Und erst die Wassersäulen! Sie variieren zwischen 800 und 30'000 mm. Schön für sie! Aber was heisst das für mich? Wie viel Funktionalität und Super-Performance ist in unseren Breitengraden nötig?

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Schreckliche Erinnerung ans Matterhorn

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 16. Juli 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

GEOGRAFIE, ALPEN, NATIONALES, SYMBOL, WOLKE, WALD, BERG, WAHRZEICHEN

In einer Sekunde kann sich Glück in Unglück wandeln: Vor fünfzig Jahren kam am Matterhorn der Bergführer Anselm Biffiger ums Leben. (Foto: Keystone)

Es ist der 19. Juli 1964. Schon früh weckt uns das Poltern, Klirren und Murmeln der Bergsteiger, die zum Matterhorn wollen. Das Wettrennen um die ersten Plätze am Hörnligrat beginnt bereits im Massenlager, setzt sich fort an den Tischen, um die man dicht gedrängt und verschlafen das Frühstück in sich hineinstopft. Die ersten Seilschaften brechen auf, Lichtpunkte in der Nacht. Wir nehmen es gelassener, wollen zum Zmuttgrat, müssen uns nicht in die Karawane der Führerpartien einreihen. Vor uns eine einzige Seilschaft, der Bergführer Anselm Biffiger mit seiner Verlobten. In drei Wochen soll Hochzeit sein, haben wir in der Hütte gehört.

Schon in der Seilbahn zum Schwarzsee ist mir das Paar aufgefallen. Der kräftige, braun gebrannte Bergführer mit der schönen jungen Begleiterin auf den Knien. Sie unterhalten sich auf Französisch, aber wir verstehen: Arête de Zmutt. Ich beneide die beiden ein bisschen, wie gern wäre ich mit einer Freundin auf Berge gestiegen. Aber ich bin im Militärdienst in Bern, und meine Begleiter, drei Berner, kenne ich kaum.

Anselm3

Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, als er verunglückte.

Bei den Felsstufen am Fuss des Eisfeldes, das auf den Gletscherbalkon unter der Nordflanke führt, überholen wir den Bergführer und seine Begleiterin. Sie haben Probleme mit einem Steigeisen, doch dann schliessen sie rasch auf. Anselm steht ein paar Meter unter mir, als es hoch über uns in den Felsen kracht. Vom Hörnligrat stürzt ein Felsbrocken auf uns zu, wohl ausgelöst von einer Seilschaft, die sich verstiegen hat, er reisst eine Steinlawine mit sich. Ich stehe in einer Rinne, kralle mich an den Pickel, höre Schreie, spüre Steine auf Schultern und Arme prasseln. Sekunden wie Stunden, ich fühle mich in einer andern Welt, entrückt und schwerelos. Kein Schmerz, nichts. Fast ein Traum, ein Albtraum.

Eine seltsame bleischwere Stille macht sich breit. Ich schaue hinab, sehe am Fuss der Wand zwei Körper langsam, wie in Zeitlupe, durch den Schnee rutschen. Sie bleiben liegen. Verbunden durch das Seil. Jenseits des Tals fällt das erste Licht auf die Gipfel der Dent Blanche und des Zinalrothorns.

Anselm hatte keine Chance

Blick nach oben. Mein Seilpartner hängt kopfüber im Eishang, klammert sich mit einer Hand an einen Riss, den er im Rutschen fassen konnte. Der Felsblock hat seinen Rucksack aufgerissen. Wir haben überlebt, auch unsere zwei Gefährten, die hinter Anselm eingestiegen sind.

Überlebt hat auch die junge Frau, schwer verletzt liegt sie im Schnee, wir schützen sie mit Tüchern vor der Sonne. Anselm, vom Felsblock direkt getroffen, hatte keine Chance. Warten, warten, ein strahlender Tag, gleissendes Licht. Nach sechs Stunden landet auf dem kleinen Feld, das wir gestampft haben, ein Helikopter, gesteuert vom Gletscherpiloten Hermann Geiger. Es ist nicht die erste Rettung an diesem Morgen.

Ein hervorragender Bergsteiger

Warum ich das erzähle? Weil es genau fünfzig Jahre her ist vielleicht und mich die Bilder jener Sekunden und Stunden nie mehr losgelassen haben. Weil ich nach Jahren, durch einen Zufall, mit einem Neffen von Anselm in Kontakt kam. So erfuhr ich einiges über sein Leben.

Anselm4

Jede freie Minute verbrachte Biffiger am Berg.

Anselm Biffiger war 34 Jahre alt, stammte aus St. Niklaus im Mattertal. Er war Mitglied im lokalen Bergführerverein, im Hauptberuf Mechaniker beim Cern. Mit Freunden vom Kletterclub Amis Montagnards kletterte er jede freie Minute an der Salève bei Genf. Ein Foto zeigt ihn in einem Überhang, in Strickleitern stehend, wie damals üblich. Ein anderes auf dem Gipfel der Aiguille Verte nach der Nordwand. Und kürzlich habe ich, seltsamerweise auf einer österreichischen Website, gelesen, dass ihm 1962 die 31. Begehung der klassischen Nordwandroute am Matterhorn glückte. Ein hervorragender Bergsteiger also, in den besten Jahren, wie man sagt, und am Beginn seines Lebens als Ehemann, als Vater vielleicht.

Ich frage nicht nach dem Warum, weil es doch keine Antwort gibt. Erfahren habe ich damals, wie sich Glück in einer Sekunde in Unglück wandeln kann. Vor allem auch in unseren geliebten Bergen.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,* Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer.

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Ueli Steck auf der «Roten Liste»

Natascha Knecht am Mittwoch den 9. Juli 2014
Von Natur aus überlegen: Extrembergsteiger Ueli Steck im Oktober 2013. (Foto: Nicola Pitaro)

Von Natur aus überlegen: Extrembergsteiger Ueli Steck im Oktober 2013. (Foto: Nicola Pitaro)

Was wird Ueli Steck durch den Kopf gegangen sein, als er die jüngste Ausgabe von «Bergundsteigen» gelesen hat? Die grundsätzlich absolut empfehlenswerte Fachzeitschrift «für Risikomanagement im Bergsport» gehört sprichwörtlich zur todernsten Sorte, einzig auf der letzten Seite publiziert sie jeweils einen «Fachartikel zum Thema schräg». Dieses Mal ist es eine Parodie auf unsere «Swiss Machine». Es geht um die Geschichte, welche sich vor einem Jahr am Everest zugetragen hat, als Ueli Steck und Simone Moro von Sherpas vertrieben wurden.

Unter dem Titel «Rote Liste» erklärt das Magazin, was ein «Extremer Höhenbergsteiger» ist: Die äusserst leistungsfähige und höhenangepasste Gattung des «homo everestus uelimoro extremis» stamme in direkter Linie vom «Klassischen Everestbezwinger» (lat. homo everestus hillaris edmundus) ab, wobei die entscheidenden evolutionären Impulse die O2-tolerante Zwischengattung «homo everestus reinholdis» setze. Erkennbar sei «uelimoro extremis» äusserlich an der von Firmenlogos überwucherten Aussenhaut und an der leichtfüssigen Fortbewegung aufgrund der minimalen Ausrüstung: Mittel zur Dokumentation der Unternehmungen opfere er dabei gern dem ihm angeborenen Gewichtsfetischismus.

Aus dem Fachmagazin «Bergundsteigen», Nummer 2/14, Seite 90.

Aus dem Fachmagazin «Bergundsteigen» 2/14, S. 90.

(Anm: Mit «Mittel zur Dokumentation opfern» spielt der Verfasser wohl darauf an, dass Ueli u.a. von seiner Begehung der äusserst anspruchsvollen Annapurna-Südwand in schier übermenschlich schnellen 28 Stunden keinen eindeutigen Beweis vorweisen kann.)

«Leck mi» und «Raudi»

Was unter einer «von Firmenlogos überwucherten Aussenhaut» zu verstehen sein soll, zeigt die Zeichnung zum Text: Man sieht einen Speedbergsteiger, der u.a. mit Ueli Stecks Sponsoren abgedeckt ist. Leki heisst darauf «Leck mi», Audi wird zu «Raudi», Pezl zu «Brezl», PowerBar zu «BauernBar» etc.

Bevorzugter Lebensraum des «Extremen Höhenbergsteigers» sei das Himalaja-Gebirge, in dem er, hoch spezialisiert und ohne natürliche Fressfeinde, auf Beutezug gehe. Gerade jedoch in der namengebenden Region, am Mount Everest, werde «uelimoro extremis» in den letzten Jahren immer mehr von sich seuchenartig vermehrenden Populationen des «Everest-Touristen» (lat. homo everestus commercialis, auch homo porcus monetis) verdrängt und sei dort mittlerweile vom Aussterben bedroht.

Denn mit seiner ausgeprägten Höhenresistenz sowie der hervorragenden Konstitution und Kletterveranlagung sei der «uelimoro extremis» dem «everestus commercialis» (der in der Regel kaum bergsteigerische Fähigkeiten aufweise) in den Höhenregionen zwar von Natur aus weit überlegen, die Überzüchtung mache ihn aber auch anfällig für jegliche Änderungen in seinen angestammten Lebensräumen. Das massenhafte Auftreten des «everestus commercialis» sowie die damit verbundenen Lärm- und Schadstoffemissionen, aber auch dessen zuhauf zu findenden technischen Hindernisse wie Fixseile, Aluleitern u.ä. würden die Zugänge zu den Habitaten für den eher scheuen «uelimoro extremis» verstärkt unpassierbar machen. Gelegentlich bis in die Gipfelregion vordringende, besonders hartnäckige Vertreter der Gattung «Everest-Tourist» mit ihren «Hochträgern» (lat. sherpanus provisor oxygenius) blockierten darüber hinaus durch ihr schneckengleiches Vorankommen sämtliche Fluchtwege.

Als Folge dieser Verdrängung werde sich «uelimoro extremis» wohl auf die abgelegenen Gebiete zurückziehen und, ähnlich dem «Yeti» (lat. ursus fatamorganis messneri), nur noch sehr selten zu beobachten sein.

Was meinen Sie?

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Wenn Bergsteiger einander die Schuhe klauen

Natascha Knecht am Mittwoch den 2. Juli 2014
Bergschuhe

Können auch mal verschwinden: Schuhe auf der Tour de Mont Blanc. (Foto: Heather Cowper/Flickr)

Wer die folgende Meldung liest, greift sich an den Kopf: Ein Bergsteiger musste mit dem Rettungshelikopter ausgeflogen werden, weil ihm in der Goûter-Hütte auf 3835 m ü. M. jemand die Schuhe gestohlen hatte.

Das Refuge de Goûter am Mont Blanc.

Das Refuge de Goûter am Mont Blanc.

Wir können es nicht schönreden: Auch unter Alpinisten gibt es Kriminelle, in Hütten wird geklaut, sogar Materialdepots am Berg sind schon geplündert worden. Aber wer einmal in einem grossen und voll belegten Schutzhaus übernachtet hat, der kennt das Chaos: Am Morgen will jeder so rasch wie möglich los. Im engen, stinkigen Schuhraum herrscht Gedränge, und ungefähr jedes dritte Paar Schuhe hat die gleiche Farbe und Marke. Ich habe meine Schuhe auch schon in einer ganz anderen Ecke wiedergefunden als dort, wo ich sie am Vortag hingestellt hatte – wie von Geisterhand versetzt.

Stellen wir uns die Gôuter-Hütte vor. Das neu gebaute, futuristisch aussehende Bauwerk ist ein Magnet für Bergsteiger, genau wie der Mont Blanc selber. Die Hütte bietet Schlafplätze für 120 Personen. Ob an Spitzentagen noch immer zusätzliche Personen auf dem Fussboden schlafen dürfen, weiss ich nicht. Aber es stehen also mindestens 240 Stück Schuhe dort, nebst all dem anderen Ausrüstungszeug.

Für den Vorfall von vergangener Woche gibt es mehrere Erklärungen:

  • Jemand war tatsächlich dreist genug, ein Paar Schuhe zu stehlen. Ausgeschlossen ist das nicht, dennoch scheint es mir irgendwie unwahrscheinlich. Der Dieb hätte seine eigenen Schuhe ebenfalls mitnehmen respektive in der nächsten Gletscherspalte verschwinden lassen müssen. Denn hätte er das nicht gemacht, wären seine Schuhe am Ende in der Hütte übrig geblieben, und man hätte möglicherweise Rückschlüsse ziehen können.
  • Jemand war blöd genug, die Schuhe zu verwechseln. Das kommt zwar nicht sehr häufig vor, aber es kommt vor. Dann hätten in der Hütte ein Paar Schuhe mit ähnlicher Grösse übrig bleiben müssen.

Im Gebirge tummeln sich allerlei Leute; allein am Mont Blanc sind es jedes Jahr 30'000. Darunter auch solche, die ihre Ausrüstung mieten und morgens um zwei Uhr keinen Schimmer mehr haben, wie ihre Mietschuhe aussehen. Wäre ich Unternehmerin, ich würde mich dieser Goldgrube annehmen und in eine Neuerfindung investieren, zum Beispiel in automatische Fussschweiss-Erkennungssensoren für Bergschuhe. Steigt dann einer versehentlich in fremde Schuhe, ginge der Alarm los. Macht er es mutwillig, bekäme er einen Stromschlag.

Was meinen Sie? Was erzählt uns obige Geschichte?

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Blöd gelaufen: Ein Bergsteiger am Mont Blanc musste mangels Schuhwerk mit dem Helikopter ausgeflogen werden. (Archivbild: Reuters)

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Welche Art «Drecksack» sind Sie?

Natascha Knecht am Mittwoch den 25. Juni 2014
Vom Aussterben bedroht: Die guten alten «Dirtbags» aus dem Yosemite-Valley, Kalifornien, in den 1970er-Hippie-Jahren. Sie haben das Big-Wall-Kettern erfunden.  (Foto: Reel Rock Filmtour 2014, «V

Vom Aussterben bedroht: Die guten alten «Dirtbags» aus dem Yosemite-Valley, Kalifornien, in den 1970er-Jahren.  (Foto: Reel Rock Filmtour 2014, «Valley Uprising», www.explora.ch)

Alex Honnold (28) verdient sein Geld, indem er alleine und ungesichert durch schwierigste Felswände klettert. Auf dem Sparkonto hätte er genug, um luxuriös hausen zu können. Aber was macht er? Er lebt seit bald zehn Jahren in einem Van. Am Abend isst er immer dasselbe: einen Mac-Cheese und Ton aus der Büchse. Zum Frühstück drei Eier. «Früher waren es vier. Jetzt drei», sagte er dem «Adventure-Journal». Sein Geschirr spült er nie ab. «Wozu auch?» Tasse und Teller besitzt er nicht, nur einen Kochtopf, eine Bratpfanne und eine Gabel. Gemüse isst er roh, Fleisch seit einiger Zeit nicht mehr, und er trinkt nur Wasser. Keinen Kaffee, keinen Alkohol, auch kein Bier. Seine einzige kulinarische «Schwäche»: Süsses.

Wenn einer von der Kletterszene «Dirtbag» – also «Drecksack» – genannt wird, dann ist das ein grosses Kompliment, dann hat er es zu etwas gebracht. Er stellt das dar, was den echten, wahren, richtigen Kletterer ausmacht. Er liebt den Sport und die Natur so sehr, dass er dafür alles aufgibt. Ein «Dirtbag» im vollkommensten Sinn ist ein Kletterer erst dann, wenn er sein Dasein ganz und gar seiner Leidenschaft widmet, weder festen Job noch festen Wohnsitz hat, von der Hand in den Mund lebt, wild campiert, in seinem klapprigen Auto schläft, das Essen aus Abfallcontainern fischt, Leergut einsammelt, um das Pfand zu kassieren, und schmuddelige Kleider trägt. Ein Rebell. Geld ist ihm egal. Er will nichts anderes als klettern und dabei glücklich sein.

Alex Honnold: Ausnahmekletterer, «Dirtbag», Model-Athlet und Werbestar. (Foto: Screenshot aus «Behind the Scenes», Cover-Shooting für das Outside Magazin, auf Vimeo)

Alex Honnold: Ausnahmekletterer, «Dirtbag», Modellathlet und Werbestar. (Foto: Screenshot aus «Behind the Scenes», Cover-Shooting für das «Outside Magazin», auf Vimeo)

Der gesponserte Landstreicher

«Dirtbagging» ist eine Bewegung, die in den 1970er-Jahren im Yosemite-Valley in Kalifornien mit den damaligen Helden der Vertikalen begonnen und sich in alle Kletter-Eldorados ausgebreitet hat. Auch in die Schweiz. Heute, 2014, droht diese Spezies jedoch ernsthaft auszusterben. Wer will es ihnen verübeln? Honnold lebt zwar wie ein Landstreicher, aber dank seiner Sponsoren verfügt er stets über die neuste Ausrüstung, die wärmste Daunenjacke, die besten Kletterfinken und gut gedeckte Kreditkarten. Somit ist er kein richtiger, ursprünglicher «Dirtbag» mehr.

Alex Honnold macht es mit seinem Lifestyle vor. Wie in jeder Elitegemeinschaft haben sich auch im «Dirtbagging» Unterkategorien entwickelt. Wie vielfältig die Typen inzwischen geworden sind, hat das Magazin «The Climbing Zine» in einem «Dirtbag-Lexikon» zusammengetragen. Hier ein gekürzter Auszug (möglicherweise werden Sie sich selber oder einen Ihrer Kumpel wiedererkennen):

  • Workbag: Ein «Dirtbag» mit einer Vollzeitstelle. Man findet ihn in allen Landesteilen, auf dem Land und in der Stadt. Sobald er frei hat, stürmt er in die Berge. Man nennt ihn auch «Wochenend-Dirtbag».
  • Classbag: Ein «Dirtbag» mit Klasse. Diese Person hat einen Job mit flexiblen Arbeitszeiten. Sie verdient gut und führt ein Doppelleben. Ihre Freunde kennen sie als «Dirtbag», ihre Vorgesetzten als seriösen Mitarbeiter mit Krawatte und gebügeltem Hemd.
  • Familien-Dirtbag: «Dirtbags» mit Kindern. Sie nehmen ihren Nachwuchs mit in die Klettercamps, ihre Zelte sind so gross wie ein Massenlager in einer SAC-Hütte. Manchmal werden ihre Kinder Topkletterer.
  • Bürostuhl-Dirtbag: Ein Kletterer, der Überstunden schiebt, um sich wenigstens zwischendurch ein «Dirtbag»-Leben leisten zu können. Trotzdem nimmt er sich nie eine längere Auszeit. Eine schöne Wohnung und finanzielle Sicherheit sind ihm wichtiger. Der «Bürostuhl-Dirtbag» startet seinen «Dirtbag»-Traum als Rentner.
  • Poser-Dirtbag: Einer, der wie ein «Dirtbag» leben möchte, das aber aus verschiedenen Gründen nicht kann. Er liest Outdoor-Magazine und erzählt allen, er mache bald einen Klettertrip, obschon er dies nie tun wird. Dennoch kleidet er sich wie ein «Dirtbag». Viele Outdoor-Marken führen heute eine «Dirtbag»-Linie. Der «Poser-Dirtbag» besitzt eine umfangreiche Ausrüstung, geht aber selten in die freie Natur.
  • Sauberer Dirtbag: Ein «Dirtbag», der nie dreckig sein oder stinken will. Er nimmt Desinfektionsmittel für die Hände mit und Feuchttücher. Geht ihm ausnahmsweise einmal das Toilettenpapier aus, ist das für ihn eine Grenzerfahrung.

Haben Sie sich wiedererkannt? Welchen «Dirtbag»-Faktor haben Sie?

Aktuell wird das Thema diskutiert, weil im Herbst der Film «Valley Uprising» mit der «Reel Rock»-Tour um den Globus tingeln wird. Hier der Trailer: