Blogs

Archiv für die Kategorie „Alpin“

Outdoor

Eine Erstbesteigung in der Arktis von einem Segelboot aus

Natascha Knecht am Mittwoch den 15. Oktober 2014
Ostgrönland: Ralph Villiger und Harald Fichtinger sind die ersten Menschen auf dem Kirken. Obwohl der Gipfel auf der Karte falsch eingezeichnet ist, lässt das Felstürmchen keinen Zweifel daran, das dies William Scoresby’s Church Mount ist. (Alle Bilder: Ralph Villiger und Harald Fichtinger)

Ostgrönland: Ralph Villiger und Harald Fichtinger sind die ersten Menschen auf dem Kirken. Obwohl der Gipfel auf der Karte falsch eingezeichnet ist, lässt das Felstürmchen keinen Zweifel daran, dass dies William Scoresbys «Church Mount» ist. (Alle Bilder: Ralph Villiger und Harald Fichtinger)

Seinen Namen hat der Kirken nicht von ungefähr. Kirken bedeutet auf Dänisch Kirche – und genau wie eine solche sieht dieser Berg aus. Markant ragen seine steilen Felswände in den Himmel,  der Doppelgipfel zeigt verblüffende Ähnlichkeit mit einem Kirchendach und einem Kirchenturm. Entdeckt wurde dieser Felsberg in Ostgrönland vor 200 Jahren vom englischen Arktisforscher William Scoresby jr. Er nannte ihn Church Mount. Bestiegen hat ihn allerdings noch nie jemand – bis nun im August der Basler Ralph Villiger (38) und der Österreicher Harald Fichtinger (40) kamen. Eine eingespielte Seilschaft, über die wir im Outdoor-Blog schon berichteten.

Vom Meer gesehen: Der Kirken ist der auffälligste Berg von Liverpool Land. Er sieht aus wie eine Kirche.

Vom Meer gesehen: Der Kirken ist der auffälligste Berg von Liverpool Land. Er sieht aus wie eine Kirche.

Wie so oft bei einer Erstbesteigung in abgelegenen, wilden Gegenden entwickelte sich auch bei diesem Grönlandabenteuer die Kletterei als «nur» eine von vielen Herausforderungen. Villiger und Fichtinger hatten sich vorgenommen, den Mount Kirken im Kleinstteam «sauber» zu besteigen, das heisst, auch auf Flugzeug (zumindest ab Island) und Helikopter  zu verzichten. Also segelten sie zu zweit ab Island an die Küste von Liverpool Land, eine Halbinsel etwas nördlich vom Scoresby Sound. Diese Seereise dauerte vier Tage.

Auf der Überfahrt nach Grönland segeln sie an einem etwa 400 Meter langen, von Nebel umhüllten Eisberg vorbei.

Auf der Überfahrt nach Grönland segeln sie an einem etwa 400 Meter langen, von Nebel umhüllten Eisberg vorbei.

Angaben zum Kirken hatten die beiden wenig. Lange kannten sie den Granitturm lediglich von einem Bild aus einem Buch. «Später kamen zwei Fotos auf Google Earth hinzu.» In einer unbeschriebenen Bucht, die in keiner Karte eingezeichnet ist, gingen sie vor Anker. «Die Schwierigkeiten lagen in der Abgeschiedenheit des Berges und unserem Expeditionsstil», sagt Villiger. «Mit einem Segelschiff erreicht man solch entlegene Gebiete, allerdings muss für das Schiff auch eine sichere Ankerbucht gefunden werden – insbesondere bei der Konstellation als Zweierteam, die kein Personal für eine Ankerwache übrig lässt.» Was passiert, würde sich das Boot losreissen, aufs offene Meer treiben, oder auf die Steine an der Küste, will man sich nicht ausdenken.

Das Boot liegt sicher vor Anker in einer Bucht im Norden der Kirken. Der Berg ist allerdings nicht direkt einsehbar, was die Routenfindung erschwert.

Das Boot liegt sicher vor Anker in einer Bucht im Norden des Kirken. Der Berg ist allerdings nicht direkt einsehbar, was die Routenfindung erschwert.

Eine Ankerbucht fanden die beiden nur im Norden des Berges vor. Von hier ist der Einstieg in der avisierten Felswand hinter einem Zwischengrat versteckt, der Weg führt über einen Gletscher. Kommt hinzu, dass der Kirken auf verschiedenen Karten falsch eingezeichnet ist. Prompt gingen Villiger und Fichtinger den «falschen» Berg an.

Ralph Villiger sitzt am ersten Tag auf dem falschen Gipfel. Der Kirken ist im Hintergrund.

Ralph Villiger sitzt am ersten Tag auf dem falschen Gipfel. Der Kirken ist im Hintergrund.

«Beim zweiten Versuch fanden wir den richtigen Zustieg, allerdings nur nach einem weiteren Verhauer.» Den Hauptgipfel des Kirken erreichten die beiden dann über sechs Seillängen (6b) in festem Granit. Von Boot zu Boot brauchten sie 16 Stunden. «Eine merklich leichtere Route scheint uns von keiner Seite aus möglich.»

Jetzt auf den richtigen Berg, den Kirken: Harald Fichtinger im Vorstieg. Die Kletterei ist im Schwierigkeitsgrad 6b in meist solidem Granit.

Jetzt auf den richtigen Berg, den Kirken: Harald Fichtinger im Vorstieg. Die Kletterei ist im Schwierigkeitsgrad 6b in meist solidem Granit.

Die Kletterei habe ihn an Chamonix erinnert, so Villiger. «Allerdings als wären die Alpen auf 3000 m ü. M. überflutet.» Offiziell sei der Kirken 1209 Meter hoch. «Eine eigene Messung ergab jedoch lediglich 1108 Meter.» Auch dies ein Indiz, wie verlassen und wenig erkundet diese Region noch immer sei. Aufgrund der Beschreibungen von Scoresby sind sie sich aber sicher, dass sie auf dem Church Mount standen. Koordinate: 71° 07.4'N 021° 48.8'W. Eine kombinierte Gletscher-Schnee-Fels-Tour im Niemandsland.

Nach der Besteigung segelten die beiden wieder zurück nach Island, wo Fichtinger von Bord ging. Villiger segelte noch einhand nach Schottland, wo das Boot über den Winter bleibt und auf das nächste Abenteuer wartet.

Outdoor

Brüggler – eine «Marke» im Klettersport

Natascha Knecht am Dienstag den 7. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

Die zwei jungen Zürcher haben Grosses vor. «Das nächste Mal klettern wir am Brüggler drei Routen hintereinander», verkünden sie lautstark am Fuss der Wand, «das macht dann drei mal sieben also einundzwanzig Seilängen.» Also fast eine Bigwall. Heute reichts nur noch für eine Länge und am ersten Haken hängt der Vorsteigende schon im Seil. Der Brüggler ist zwar nicht besonders steil, aber stellenweise ziemlich glatt. Wir sind wieder mal einen alten Klassiker gegangen, die «Flugroute», plaisirtauglich, aber da und dort fehlen einfach die Griffe. Wer’s kann, legt einen lockeren Spitzentanz bis zum nächsten Briefkastenschlitz hin. Die Flugroute vermeidet geschickt die Föhren und Graspolster, die die Wand zum botanischen Paradies machen. Jetzt gerade ist sie gespickt mit flammenden Feuerlilien. Auf andern Routen ist man auch wieder froh, wenn sich nach der Plattenstelle ein Grasputsch oder eine Wurzel als Rettungsgriff anbietet.

Test für die neue Freundin

Brüggler? Wir Bockmattlikönige der Sechzigerjahre hatten für die schräge Platte drüben im Schwändital nur ein müdes Lächeln übrig. Der «Föhrenweg» war gerade gut genug, die neue Freundin ins Klettern einzuführen. Schaffte sie den Überhang ohne Seilzug, bestand Aussicht auf eine längere Beziehung und eine «richtige» Tour, etwa die «Namenlose» im Bockmattli. Mit den neuen Kletterfinken und den Bohrhaken wurden schliesslich auch die glatten Platten der geneigten Wand kletterbar und so reihte sich allmählich Route an Route. Kein Riss, kein Wulst und schon gar keine Platte blieb vor dem Angriff der Akkubohrmaschine verschont. Selbst Stellen, die sich perfekt mit Sanduhrschlingen, Friends oder Keilen absichern lassen, sind heute eingebohrt. Die Föhren mit ihren felsenfest verankerten Wurzeln sind von ihrer einstigen Funktion als perfekte Standsicherung entlastet.

Ich gebe zu, als Oldie geniesse ich es, dass ich mich nur noch einklinken kann und an einer glatten Stelle unter mir ein nagelneuer Bohrhaken steckt, statt ein kleiner Klemmkeil. Es sind ja auch Freunde von mir, die die Brügglerwand zu einer Art Kletterhalle in freier Natur umgebaut haben – mit viel Arbeit, Zeitaufwand und Kosten. Dazu noch Täfelchen mit den Routennamen am Einstieg angebracht, damit man ganz sicher auf den richtigen Pfad gerät. Gelegentlich kann man gar farbigen Markierungen folgen, wenn sich die Wege kreuzen. Und da, meine ich, hat man doch des Guten etwas zuviel geleistet. Von den 32 Routen, die der Führer GL Climb von Felix Ortlieb beschreibt, ist nach meinem Empfinden nur ein Teil wirklich lohnend.

Südlage und fester Fels

Trotzdem: Der Brüggler ist ein bleibender Wert im Klettersport geblieben, während andere Top-in-Gebiete schnell wieder vergessen gegangen sind. Es ist halt doch immer wieder ein schönes Erlebnis, nicht nur das Klettern, auch die Landschaft, der feste Fels, die Südlage, der Zustieg über die Alpweiden und der Gipfel – falls man sich nicht am überdimensionierten Gipfelkreuz stört. Dass es auch sehr leichte und interessante Routen für Anfänger gibt, stärkt ebenfalls die «Marke Brüggler».

Und wie die jungen Zürcher festgestellt haben: Man kann ja auch dreimal am Tag vom Einstieg zum Gipfel klettern, dann wird aus den gut hundert Metern Wandhöhe ein Bigwall-Erlebnis der vergnüglichen Art.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

Outdoor

Ueli Steck oder die Formel 1 des Skibergsteigens

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 1. Oktober 2014

Was das Lawinenunglück am Shishapangma und der Skiunfall von Michael Schumacher gemeinsam haben. Ein Gastbeitrag von Jost Fetzer*

Als Michael Schumacher letzten Winter beim Skifahren in Méribel im Tiefschnee stürzte und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, waren die Spötter und Besserwisser nicht weit: Selber schuld, hiess es eilends, wer sein Leben lang mit Vollgas im Kreis fahre, müsse ja mal den Kopf anschlagen. Die Spötter verstummten schnell, als Details über den tragischen Unfall bekannt wurden.

Wo ein Schicksal ist, da ist in Zeiten von Twitter, Facebook und Leserkommentaren auch schnell eine Meinung. Nur hat die Masse nicht immer recht, insbesondere nicht, wenn sie von Skifahren so viel Ahnung hat wie von Formel-1-Boliden; vom Zuschauen alleine wird man eben nicht schlauer.

Letzte Woche trafen die negativen Kommentare nicht Michael Schumacher, sondern den Extrembergsteiger Ueli Steck, der sich in Nepal spontan einer deutsch-italienischen Ski-Expedition auf den Achttausender Shishapangma angeschlossen hatte und kurz vor dem Gipfel mit ansehen musste, wie eine Lawine drei seiner Bergkameraden mitriss und zwei von ihnen tödlich verschüttete.

Die Formel 1 des Skibergsteigens

Seither prasseln negative Kommentare auf Steck ein, die ihm im besten Falle raten, vom Bergsteigen die Finger zu lassen. Andere werfen ihm eine Mitschuld am Tod seiner Bergkameraden und die Gefährdung von unbeteiligten Dritten vor, obwohl momentan noch so gut wie nichts über den Unfall oder auch nur über Ueli Stecks spontane Teilnahme an der Expedition Double 8 bekannt ist. Die negativen Kommentare haben gar den «Spiegel» als Medienpartner der Expedition bewogen, eine Rechtfertigung für die geplante Berichterstattung zu publizieren: «Welche Verantwortung bringt eine so intensive Berichterstattung mit sich? Befeuern wir gar durch die Aufmerksamkeit einen Trend – höher, schneller, weiter, riskanter? (...) Wir hätten sie nicht aufhalten können.»

Nein, weder der «Spiegel» noch irgendein Leserkommentar hätte die Expedition aufhalten können. Denn das Expeditionsteam rund um den deutschen Bergsteiger Benedikt Böhm wäre auch ohne Medienpartner aufgebrochen. Böhm, der Geschäftsführer eines internationalen Bergsportausrüsters ist und seinen leichten und schnellen Expeditionsstil als «die Formel 1 des Skibergsteigens» bezeichnet, benötigt keinen «Spiegel» für Hochleistungen im Hochgebirge – für Werbung kam das Magazin aber sicher gelegen. Selbst Steck hätte die erfahrenen Extrembergsteiger nicht aufhalten können.

Das Restrisiko auf einem Achttausender ist deutlich höher als auf einem Modeberg in den Alpen

Ueli Steck brachte mit seiner Gipfelerfahrung am Shishapangma – so ironisch dies im Nachhinein klingen mag – der Expedition Double 8 Sicherheit. Böhm vermeldete nach dem ersten, gescheiterten Aufstiegsversuch frohgemut einen zweiten und letzten Versuch: «This time Ueli Steck joined us and we are happy to have one of the strongest climbers in our team now!»

Der Aufstieg auf den Shishapangma gilt für einen Achttausender als relativ einfach, da er über weite Strecken über lediglich 30 Grad steile Schnee- und Eisflanken verläuft, jedoch unterbrochen ist von deutlich steileren Eis- und Felsbändern. Der Berg ist ideal geeignet für eine Begehung mit Ski – oder wie es Böhm nennt: Im Speedski-Stil in hohem Tempo auf den Gipfel spurten und den Abstieg schnell auf Skis hinter sich bringen. Spätestens seit John Kraukauers Tatsachenbericht «In  eisige Höhen» weiss jeder Bergsteiger, dass jede eingesparte Stunde in der Todeszone das Expeditionsrisiko verkleinert.

Die Voraussetzungen sind fast schon ideal: Ein relativ einfacher Berg, ein schlanker und schneller Expeditionsstil und ein erfahrenes Team. Und dennoch geht das Vorhaben schief. Jeder Skitourengänger weiss, dass in Hängen ab 30 Grad das Lawinenrisiko zunimmt, und trifft geeignete Massnahmen, um die Gefahr zu verkleinern. Doch manchmal schlägt das Restrisiko zu, wie es dies auch auf den Schweizer Strassen tut, wo trotz Via sicura fast täglich Menschen sterben. Klar ist auch, dass das Restrisiko bei einer Skitour auf einen Achttausender deutlich höher ist als auf einen Modeberg in den Alpen. Dieses Risiko einzugehen, gehört zur Rekordjagd dazu, denn ohne eine gehörige Portion Mut, ja Übermut, gäbe es weder eine Formel 1, noch wäre je einer der 14 Achttausender bestiegen, geschweige denn ein Fuss auf den Mond gesetzt worden.

Es ist einfach, vom Flachland aus auf Bergsteiger in zehnfacher Höhe zu zielen

Was aber lässt uns die einen feiern und die anderen verteufeln? Ist es nur der Erfolg? Hätten wir Steck und Böhm nach erfolgreicher Rückkehr vom Shishapangma bejubelt? Wohl kaum, denn die wenigsten Leser interessieren sich für Gipfelerfolge. Auf viel mehr Resonanz stossen die persönlichen Misserfolge – ob am Berg oder im Privaten. Zumindest aber hätten wir Steck und dem Team den Erfolg gegönnt, ohne sie gleich als verantwortungslose potenzielle Selbstmörder zu brandmarken, wie dies viele Onlinekommentare nach der Berichterstattung über den Lawinenabgang am Shishapangma taten.

Es ist einfach, vom Flachland aus auf Bergsteiger in zehnfacher Höhe zu zielen. Insbesondere da Ueli Steck letztes Jahr wegen seines Verhaltens und seiner Äusserungen über die Schlägerei mit Sherpas am Mount Everest medial massiv in die Kritik geriet. Die Wahrnehmung Stecks kippte schlagartig vom geerdeten Bergsteiger der Nation hin zum selbstsüchtigen Extremisten, der seinen Zielen alles andere unterordne. Vergessen ging und geht dabei, dass sowohl Steck 2008 am Annapurna wie auch Böhm 2012 am Manaslu ihre eigenen Expeditionen abbrachen, um fremden Bergsteigern in Lebensgefahr zu helfen.

Wer sich als Berufsbergsteiger in diesen extremen Höhen bewegt, wurde mit dem Tod bereits mehrmals konfrontiert und muss sich der Gefährdung seines eigenen Lebens bewusst sein. Daraus eine Schuld für den Tod von anderen Bergsteigern abzuleiten, insbesondere wenn es sich wie bei Benedikt Böhm und dem verunfallten Basti Haag um engste Freunde und langjährige Bergpartner handelt, scheint mir leichtfertig und zumindest beim jetzigen Wissensstand unangebracht.

Manchmal frage ich mich, wo die Luft dünner ist: zu Hause vor dem Computer oder im Himalaja. Was ist Ihre Meinung?

Jost Fetzer*Jost Fetzer ist Bildredaktor des «Tages-Anzeigers» und passionierter Berggänger.

Outdoor

E-Sixpack in Sicht

Silvan Grütter am Montag den 29. September 2014
Dieses Kribbeln im Bauch: Der Compex Wireless setzt Muskeln unter Strom. Foto: PD

Dieses Kribbeln im Bauch: Der Compex Wireless setzt Muskeln unter Strom. Foto: PD

Tief in meinem Inneren hatte ich es immer gewusst: Die Zeit vor dem Fernseher ist nicht komplett verloren. Was ich an diesem Abend sah, war nicht weniger als eine Offenbarung, der Heilige Gral aller Sportler. Training ohne Bewegung, fit vor dem TV, Muskeln ohne Schweiss. Das Zauberwort: Elektrostimulation. Das Prinzip, so sah ich im Fernsehbeitrag, ist denkbar einfach: Mit einem Stromimpuls wird der Muskel zur Kontraktion angeregt, der Muskel wächst, der Sportler ist glücklich.

Tönt bequemer als eine Stunde im Kraftraum. Eine Internetrecherche später bin ich wirklich elektrisiert: «Ist das Doping?», fragt Elektrostimulationsgerätehersteller Compex auf der eigenen Webseite. Die Antwort ist vielversprechend: «Die Elektrostimulation ist nicht mit einer Dopingtechnik gleichzusetzen.» Sehr gut. Für mich tönt das wie: «Okay, es ist ein bisschen wie Doping – aber eben nicht so richtig.» Anders gesagt: Genau das Richtige für mich. Ich gehöre zu den Läufern, die froh sind, wenn sie ihr Laufpensum einigermassen über die Runden kriegen.

Das Problem: Alle Muskelgruppen oberhalb der Hüfte sind ein bisschen wie die EU-Osterweiterung – stark vernachlässigte Zonen. Das schreit förmlich nach einem Wundermittel wie Elektrostimulation. Fünf Tage später sitze ich mit einem brandneuen Compex Wireless, dem Ferrari unter den Elektrostimulationsgeräten, auf dem Sofa. Die Einheit besteht aus einem Steuergerät, etwa so gross wie ein Handy, den Modulen, aus denen der Strom fliessen wird, und den Elektroden, die auf die Haut kommen. Kabel gibt es nicht, das Teil funktioniert drahtlos. Frau und Tochter schauen mich mit einer Mischung aus Neugierde und Mitleid an. Mit den Elektroden auf dem Bauch sehe ich ein bisschen aus wie ein Patient bei «Emergency Room».

Die Module sind angeschlossen, auf dem Display wähle ich das Programm «Festigung 1». Das Lesen der Gebrauchsanweisung spare ich mir, das ist verlorene Zeit, gute Geräte lassen sich intuitiv bedienen. Tatsächlich führt einen das Gerät via Bildschirm ganz ordentlich durch die einzelnen Schritte und Programme. Vom Anordnen der Elektroden bis zur Wahl des Trainingsprogramms. Dann also Start. Ein leichtes Kribbeln. Nicht unangenehm. Aber ich will mehr. Ich schraube hoch. Ein Schlag wie aus der Steckdose. Die verkümmerte Bauchmuskulatur zuckt und windet sich wie ein überfahrener Regenwurm auf der Strasse. Die Tochter schaut entsetzt, die Frau entgeistert. Nach zwei Sekunden lassen Schock und Stromstärke nach. Meine Augen sind immer noch geweitet, der Mund offen. Dann der nächste Intervall. Ein weiterer Peitschenhieb auf die Bauchdecke.

Ich bin begeistert, die Tochter immer noch verstört, die Frau will ein Handyfoto von mir machen. Was solche Schmerzen verursacht, denke ich mir, kann nicht falsch sein, das wussten schon die alten Masochisten. Obwohl Schmerz das falsche Wort ist. Es ist eher ein überstarker Reiz, der den Muskel schlagartig zusammenziehen lässt. Und zwar so, wie ich es noch bei keinem Krafttraining erlebt habe. Nach dem zehnten Intervall weicht die Panik einem ungläubigen Staunen. Meine Bauchmuskulatur zuckt, zittert und krampft ganz ohne mein Zutun. Und ohne Schweiss, abgesehen von ein paar Tropfen Angstschweiss. Nach 18 Minuten ist automatisch Schluss. Begeisterung. Bis die selbstklebenden Elektroden wieder vom Bauch runter müssen. Jetzt rächt sich, dass ich noch aus einer Generation komme, in der sich Männer nicht ganzkörperrasieren. Der Schmerz beim Entfernen der Elektroden übertrifft den des Trainings bei weitem. Aber immer noch besser als das Leiden im Kraftraum.

Inzwischen benutze ich den Compex seit über einem Monat. Und es gibt wenig Muskelgruppen an meinem Körper, die vom Strom verschont geblieben sind. Schmerzprogramm am Rücken, Entspannungsmassage am Nacken, Kräftigungsprogramm der Oberschenkel, Straffung am Bauch. Aus den vorinstallierten 23 Trainingsprogrammen lässt sich für jede Körperpartie etwas finden. Schmerzen? Höchstens noch beim Entfernen der Elektroden. Klar, Elektrostimulation ersetzt das Training nicht. Aber es unterstützt es auf angenehme und punktgenaue Art.

Die Bauchmuskulatur, so stelle ich fest, ist straffer geworden, die Rückenschmerzen lassen sich mit dem entsprechenden Programm kurzfristig erfreulich unterdrücken. Nicht zu unterschätzen ist der Zeitaufwand. Das Training eines Muskels dauert locker eine Viertelstunde. Was beim klassischen Bauch, Beine, Po auch eine Dreiviertelstunde macht. Und: Das Training hat seinen Preis. Der Wireless kostet mit 1650 Franken so viel wie ein Jahresabo im Fitnesscenter. Darin inbegriffen sind beim Compex dafür Massage, Physio und Reha. Rund um die Uhr. Fazit: Der Compex macht Spass, das Sofa wird tatsächlich zum Kraftraum. Ein grosser Pluspunkt ist die Bedienerfreundlichkeit: Vor dem Training ist kein Aktenstudium nötig, jeder Schritt wird auf dem Display erklärt und entsprechend bebildert. Schade: Die Box, in der sich das Steuerungsgerät und die Strommodule aufladen lassen, kommt in ihrer Plastikaufmachung etwas gar billig daher.

grütter

Silvan Grütter lebt in Zürich, ist Läufer und Unterhaltungschef der «Schweizer Illustrierten».

Outdoor

Villigerpfeiler – Traumroute oder Schinderei?

Natascha Knecht am Mittwoch den 24. September 2014

Heute ein Gastbeitrag von Emil Zopfi* mit Bildern von Robert Steiner:

Am Abend vor der Tour finde ich keinen Schlaf. Hans Berger, Bergführer und Hüttenwart der Salbithütte, hat uns am Abend eingeheizt: Der Villigerpfeiler werde nur noch selten geklettert. Die Route sei vor zwanzig Jahren saniert, die Bohrhaken aber nicht durchwegs sinnvoll und sicher gesetzt worden. Der berüchtigte Kamin sei eine Schinderei. Er liebe die Route eigentlich nicht. Im Salbit-Kletterführer, den er vor Jahren mitverfasst hat, klingt es noch anders: «Die Traumkletterei im Salbitgebiet schlechthin. Galt lange Zeit als Markstein für jeden Extremkletterer. Trotz der perfekten Absicherung bleibt diese Tour auch heute noch ein schwieriges und langes Unternehmen.»

Villigerpfeiler am Zwillingsturm des Salbitschijen-Südgrats, Traum meiner Jugend – und jetzt meines Alters. Eine der schwierigsten Kletterrouten der Sechzigerjahre, 1959 erstbegangen von Fritz Villiger und Kurt Grüter. Jahre dauerte es, bis eine Wiederholung gelang, das Gerücht von einem grifflosen Kamin ohne Sicherungsmöglichkeit und einem Stand an Holzkeilen weckte Albträume. Der legendäre Fritz Villiger selber machte uns Mut: «Ihr Jungen schafft das!» Nach zwei Versuchen gelang uns 1967 etwa die zehnte Begehung – ein Jahr zuvor machte der heute stadtbekannte Zürcher Gastronom Fredi Müller die siebte.

Nach dem Sturz kopfüber in der Wand

Der Morgen ist bewölkt, trotz bestem Wetterbericht, kalter Wind treibt Nebelschwaden die Wand hoch. Mein Freund übernimmt die Führung, ich staune, wie schnell und sicher er Friends und Keile legt, wie flink er am Stand das Material übernimmt und gleich weitersteigt. Robert Steiner ist ein Schriftstellerkollege und Extremkletterer mit grosser Erfahrung in Bigwalls und kombinierten Wänden in aller Welt. Neben ihm komme ich mir etwas unbeholfen vor, benutze auch gelegentlich eine Expressschlinge als Griff. Die Risse und Platten sind durchgehend steil und schwer, viel kraftraubende Piaztechnik.

«Wie habt ihr das damals nur geschafft?», fragt mich Robert nach der Schlüsselstelle. Die Erinnerung ist blass, viele Holzkeile, Schlaghaken, zum Teil technische Kletterei mit den damals üblichen kurzen Strickleitern, viel Erfahrung im Rissklettern – und ein genialer Kletterpartner, der den glatten Kamin vorstieg. 1986 kletterte ich die Route nochmals, mit Kletterfinken und modernem Sicherungsmaterial. Unauslöschlich in der Erinnerung, wie ich an der Schlüsselstelle ausrutschte, mit einem Fuss in einer Schlinge hängen blieb und dann kopfüber in der Wand hing. Wie ich anschliessend die Seillänge schaffte, ist mir heute ein Rätsel.

Der Traum erfüllt sich

Höher oben wird der Fels rutschig, feine Sandkörner unter den Sohlen machen uns zu schaffen. Man merkt, dass hier nur noch selten jemand klettert. Auch viele andere grosse Routen am Salbitschijen werden nur noch wenig begangen, am häufigsten noch Süd- und Westgrat. Der schönste Kletterberg im Gotthardgebiet scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Solche Routen klettern lernt man nicht in der Halle. «Ohne die Hängebrücke zu den Salbittürmen und ins Voralptal, die viele Wanderer anzieht, hätte ich die Hütte diesen Sommer zugemacht», sagt Hans Berger.

Robert ermutigt mich, die Seillänge am grossen Überhang vorzusteigen, der die markante Verschneidung abschliesst. Die Stelle sieht von weiter unten fast unmöglich aus, gelber Fels, aus der Nähe wirkt sie einigermassen griffig. Ich spreize hoch, turne um die Kante, dann folgen Schuppen, die gut zu klettern wären, wenn nicht alles feucht und rutschig wäre. Als ich den Stand erreiche, beginnt es zu regnen. Die nassen und mit Flechten überzogenen Platten sind uns zu riskant, wir verzichten auf die letzten zwei Längen und seilen ab. Mein Traum hat sich trotzdem erfüllt.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

Outdoor

Leiden Alpinisten an Geltungsdrang?

Natascha Knecht am Mittwoch den 17. September 2014
Outdoor

Zumindest Reinhold Messmer leidet ziemlich sicher darunter: Geltungsdrang scheint unter Alpinisten ein verbreitetes Phänomen. Archivbild: Keystone

Es gab mal eine Zeit, da genossen Grafologen grosse Popularität. Ihre «Lehre von der Handschrift als Ausdruck des Charakters» war von Relevanz. Es sei denn, sie «erfrechten» sich, öffentlich über die Persönlichkeit von Bergsteigern zu schreiben. Das musste der Deutsche Heinrich Steinitzer erfahren. Er publizierte 1907 den Essay «Zur Psychologie des Alpinisten» und wurde in der Folge von diesen kritisiert. Was weiss ein Stubenhocker wie ein Grafologe schon davon, was «in der Seele eines Bergfahrers» vorgeht?

Zum Beispiel schrieb Steinitzer provokativ:

«Es ist zweifellos, dass der Alpinismus so gut wie aufhören würde, wenn es auf irgendeine Weise gelänge, dem Alpinismus jede Möglichkeit zu nehmen, andere von seinen Leistungen zu unterrichten.»

Stimmt das? Leiden Bergsteiger an Geltungsdrang? Falls ja: Hat sich dieser mit den heutigen Kommunikationsmitteln noch verstärkt?

Stellt man solche Fragen den heutigen Profialpinisten, reagieren sie leicht pikiert. Auch wenn ihre Motivation sicher eine hochkomplexe ist, geht es ihnen am Ende darum, tolles Bild- und Filmmaterial nach Hause zu bringen. Dazu erzählen sie eine Gänsehaut verursachende Geschichte, wie sie das Unmögliche möglich machten. Okay, die Profis müssen das, wenn sie davon leben wollen. Aber würde wirklich einer von ihnen eine Hochrisikotour ausführen, wenn er danach die Öffentlichkeit nicht darüber informieren könnte?

Fotos, Filme, Internet

Und wie verhält sich die Sachlage bei uns «habituellen» Bergsteigern? Auch wenn wir unsere grossen Touren nicht an die grosse Glocke hängen, nehmen wir doch in 99 Prozent der Fälle eine Fotokamera mit und halten die Fotos später jedem unter die Nase, der sie sehen will. Im Netz gibt es Plattformen, die genau darauf ausgerichtet sind, damit sich Freizeitalpinisten wichtig fühlen können. Viele Hobbybergsteiger und Kletterer haben eine eigene Website, wo sie stolz ihre Touren auflisten. Auf Youtube gibt es Videos, die mit der Helmkamera gemacht wurden und Alpinisten in allen Lebenslagen zeigen, etwa wie eine Seilschaft am Eiger über den scharfen Mittellegigrat schnauft. Sind solche Selbstdarstellungen ein blosses Heischen nach Anerkennung?

Nervige Neidkultur

Die Frage, weshalb einer überhaupt die Mühseligkeit auf sich nimmt, einen hohen Gipfel zu erklimmen, wird man wohl nie abschliessend klären können. Aber Steinitzers Analyse, dass es auch damit zusammenhängen könnte, um sich damit irgendwie zu profilieren, ist sicher nicht ganz an den Haaren herbeigezogen. Die einen tun es mehr, die anderen weniger.

Aber ist das schlimm? Nein. Der Wunsch nach Anerkennung entspricht nicht einfach der «Psychologie des Alpinisten», sondern der Psychologie des Menschen generell. Dazu reicht schon nur ein flüchtiger Blick ins Facebook. Dort posten Leute ihre Joggingrunden via Runtastic, sie zeigen Bilder, wie sie an einem Strand faulenzen, was sie gerade gekocht oder gebacken oder gar, wie sie gerade den Backofen mit Selbstreinigungsschaum eingesprayt haben – und auch sie kassieren dafür «Likes». Irgendjemand findet sich immer, der irgendeine Leistung gut findet. Und das ist doch schön! Jedenfalls lobenswerter als diese allgegenwärtige Kritisier- und Neidkultur, um von seinem eigenen Unvermögen oder seiner eigenen Trägheit abzulenken.

Was ist Ihre Meinung?

Outdoor

Show-Alpinismus zum Fremdschämen

Natascha Knecht am Mittwoch den 10. September 2014

Falls sie beim Aufstieg auf den Mont Blanc vor Anstrengung tot zusammenbreche, sollten die Bergführer wenigstens noch ihren Leichnam auf den Gipfel tragen. Diesen Wunsch äusserte die französische Adelige Henriette d’Angeville, bevor sie 1838 als erst zweite Frau den höchsten Berg der Alpen bestieg. Trotz Höhenkrankheit schaffte sie die weite Tour aus eigener Körperkraft, kehrte erfolgreich zurück nach Chamonix und ging in die Geschichte ein.

Ähnlichen Durchhaltewillen wollte letzte Woche Sam Branson am Matterhorn beweisen. Wie d’Angeville damals verfügt der 27-jährige Engländer über schier endlose Finanzmittel. Er ist, wie die internationale Öffentlichkeit nun erfahren hat, Sohn des Virgin-Multimilliardärs Richard Branson und verkehrt mit den Sprösslingen aus dem Buckingham Palast. In solchen Kreisen gehört es zum guten Ton, sportlich, abenteuerlustig und wohltätig zu sein. So auch Sam. Im Rahmen der Benefizaktion Virgin Strive Challenge – mit Marathons, Radfahren und Rudern durch den Ärmelkanal – nahm er zum Abschluss der Benefizaktion das 4478 Meter hohe Zermatter Wahrzeichen in Angriff – ein Berg, so prestigeträchtig und berühmt wie der Mont Blanc. Ohne sich genügend an die Höhe zu akklimatisieren, begann er mit zwei englischen Bergführern und einem Kamerateam den Aufstieg am Hörnligrat.

Zweihundert Meter unter dem Gipfel wurde der Neo-Bergsteiger unpässlich. Angeblich litt er unter starken Kopfschmerzen, konnte nicht atmen und musste ständig würgen. Seine Bergführer interpretierten die Symptome als Anzeichen von Höhenkrankheit und schlugen ihm vor, den Helikopter zu ordern. Sam wollte nicht. Obschon er «nicht atmen» konnte, würgte er sich auf wundersame Weise weiter bergauf. Auf dem Gipfel sank er vor laufender Kamera erschöpft in die Knie und sagte später, er habe sich mehrmals übergeben. Zu sehen ist jetzt in HD-Qualität lediglich ein kleines Spucken. Aber Bruno Jelk von der Air Zermatt musste kommen, Sam flog vom Gipfel zurück ins Tal, wo es ihm sofort wieder gut ging.

Das Würgen der Alpinisten

Ein Würgen verspürten auch viele Alpinisten, als sie von dieser Geschichte hörten. Weshalb steigt Sam Branson höher und höher, wenn er ernsthaft von Höhenkrankheit geschwächt ist? Jeder andere hätte in dieser Situation den Rückzug angetreten. Erstens, weil man auch in den Alpen an Höhenkrankheit sterben kann. Zweitens, weil man auf dem Gipfel noch die Kraft haben sollte für den Abstieg. Bricht man aber schon unterhalb zusammen, dann wird es weiter oben sicher nicht besser. Eine Rettung ist am Matterhorn nicht nur vom Gipfel möglich. Waren Kopfweh, Atemnot und Brechreiz vielleicht gar nicht so schlimm?

Sam wollte einfach ums Verrecken auf den Matterhorngipfel. Wohl ganz nach dem Motto: «Only the Horn matters.» Denn dort oben nahm die Virgin-Benefizaktion ihr Ende. Wie er zurück nach Zermatt gelangte, spielte im Drehbuch offenbar keine Rolle – und für die Fans auch nicht. In den Internetforen gratulieren sie ihm. Für sie ist er ein Held, der sich trotz Höhenkrankheit tapfer auf den Gipfel gekämpft hat.

Für die mediale Dramaturgie waren Sams Würgen und die Helikopterrettung sicher dienlich. Aber mit Alpinismus hat das nichts zu tun, es ist eher ein Reality-Fall zum Fremdschämen. Ein Gipfelerfolg gilt nur als solcher, wenn man aus eigener Körperkraft auf- und absteigt, wie Tausende vor ihm. Oder wie Henriette d’Angeville damals am Mont Blanc – und Tausende nach ihr. Hätte Sam zweihundert Meter unter dem Gipfel den Rückzug zu Fuss angetreten, wäre seine Leistung aus alpinistischer Sicht höher zu werten, gerade bei den momentan herrschenden Verhältnissen am Matterhorn.

Was ist Ihre Meinung?

 

 

Outdoor

Der Mann, der klettert wie ein Affe

Natascha Knecht am Mittwoch den 3. September 2014

Er ist 26-jährig, stammt aus Südindien, und seine Biografie bewegt sich irgendwo zwischen einem Sozialmärchen à la «Slumdog-Millionär» und «Der mit dem Wolf tanzt». Mit dem Unterschied, dass Jyothi Raj noch keine Millionen scheffelt und nicht tanzt, sondern klettert – und zwar wie ein Affe. Sie sind seine Lehrer, seine Vorbilder. Deshalb wird Raj auch «Affenkönig» genannt. Touristen filmen seine akrobatischen Kletterkünste seit Jahren, auf Videoportalen wie Youtube finden die Videos millionenfach Zuschauer. Mehr als jene der bei uns berühmten Profikletterer.

Er wollte nicht mehr leben

Angefangen hat sein Leben im Elend. In ärmsten Verhältnissen wächst Raj als Waisenkind in Tamil Nadu bei einem Ziehvater auf, der ihn misshandelt. Mit sieben denkt der Bub an Suizid. Er läuft weg, schlägt sich alleine durch, kommt schliesslich als Haushilfe zu einer Familie, die ihn dann bezichtigt, Geld gestohlen zu haben. Raj wird depressiv, will sich das Leben nehmen und «landet» im Chitradurga Fort, einer historischen Festung nordwestlich von Bangalore. Das Bauwerk liegt malerisch eingebettet in einer Stein- und Felslandschaft. Raj sucht sich einen Felsen aus, von dem er sich hinabzustürzen gedenkt. Aber er kommt nicht hinauf, die Kletterei ist zu schwierig. «Dann kam ein Affe und machte es mir vor.»

Raj übt – und er schafft es bis ganz hinauf. Fort-Besucher beobachten ihn, applaudieren und feuern ihn begeistert an. Vor der angesammelten Menschenmenge traut er sich dann nicht mehr, in den Tod zu springen. «Unten fragten mich die Leute, ob ich ein ‹Champion Rock Climber› sei. Sie sagten, sie hätten noch nie jemanden gesehen, der ungesichert so hoch geklettert ist.» Erstmals im Leben wird freundlich mit ihm gesprochen. Das war 2007.


Mit solch wackeligen Aufnahmen wurde Raj als «Monkey Man» ein kleiner Youtube-Star.

Seither lebt Raj im Chitradurga Fort und gilt dort als Besucherattraktion. Gegen ein Entgelt klettert er für die Touristen Free Solo an den altehrwürdigen Steinmauern auf und ab. In der internationalen Kletterszene erregt er Aufsehen, wenn er zum Beispiel ungesichert den zweithöchsten Wasserfall Indiens über nasse Felsen hinaufklettert (ca. 250 Höhenmeter), oder neuerdings mit seinen «Spider-Man»-Aktionen an den Fassaden hoher Gebäude in Grossstädten. Inzwischen macht das Gerücht die Runde, Raj sei in einem früheren Leben ein Affe gewesen, anders sei seine Furchtlosigkeit nicht zu erklären. «Ich habe nie Angst», sagt er. «Ein Kletterer kann nicht sterben. Sein Körper kann tot sein, aber seine Leistungen leben für immer weiter.» Raj will noch in tausend Jahren leben. Seine Hochrisiko-Aktionen führt er durch, um auf die hohe Suizidrate aufmerksam zu machen.


Raj ungesichert im Fels, das Publikum klatscht.

Die Gefahren seines Tuns sind ihm bewusst. Raj trainiert hart und hatte schon etliche Unfälle, beide Beine gebrochen, die Hand, den unteren Rücken, den Schädel. Das ist ihm egal. Schmerzen spüre er keine. «Ich werde endlich als Mensch wahrgenommen. Die Leute im Dorf behandeln mich wie ihren Sohn.»

Im Dorf hat er eine Kletterschule gegründet, aber kopieren wird ihn keiner können. Sein Kletterstil und seine extremen Projekte machen Raj einzigartig. In Indien ist er bereits eine «Marke», wurde vergangenes Jahr als Schauspieler in einer grossen Produktion engagiert, und wie es heisst, soll jetzt auch sein Leben verfilmt werden. Vielleicht kommt er durch seinen Tanz mit den Affen doch noch zu Millionen und wird ein Bollywood-Star. Man würde es ihm gönnen.


Der Trailer seines Films.

Outdoor

Die Abhängigkeit der Alpinisten

Natascha Knecht am Mittwoch den 27. August 2014
Outdoor

Grenzenlose Freiheit: Eine Alpendohle kreist über dem Gipfel der Zugspitze bei Grainau. Alpinisten müssen für diesen Ausblick bedeutend mehr Aufwand betreiben. Foto: Keystone

Die meisten von uns erleben gerade keinen ergiebigen Bergsteigersommer. Für grosse Abenteuer waren die Verhältnisse in den Hochalpen zumeist zu schlecht. Statt unvergesslichen Sonnenaufgängen in über viertausend Metern Höhe erlebten wir viele Wochenenden zu Hause im Flachland, buchstäblich vom Regen angepisst  – und im Wissen, dass es dort oben in der kalten Zone oberhalb des Krummholzes schneit, stürmt oder graupelt.

Das Schöne an wüsten Tagen: Man hat Zeit zum Sinnieren. Zum Beispiel über Friedrich Schiller (1759–1805). Er war kein Alpinist im heutigen Sinne, aber ein Dramatiker: «Auf den Bergen ist Freiheit», schrieb er in «Die Braut von Messina». Seither spielt das Wort «Freiheit» bei allen grossen Bergsteigern der Vergangenheit und Gegenwart eine Hauptrolle. Walter Bonatti (1930–2011) sagte: «Das vielfältige Schauspiel der Berge, die Erinnerungen, aber besonders das Gefühl, dem Alltag entflohen zu sein, das Gefühl der Freiheit und der Lebensfreude, waren der Grund meiner Liebe zu den Bergen.»

Wir sitzen also daheim im Lesestuhl, an die Fensterscheibe prasseln Regentropfen. Die Realität führt uns vor Augen, dass es mit besagter Freiheit im Gebirge nicht so einfach funktioniert.

In Wahrheit ist der Alpinist keineswegs frei. Im Gegenteil, er ist stark abhängig:

–    vom Wetter
–    von den Schnee- und Eisverhältnissen
–    von seiner Ausrüstung
–    von seinen Seilpartnern
–    von seiner eigenen körperlichen Verfassung
–    von seinen Fähigkeiten
–    von seiner Tagesform
–    von seiner Agenda
–    etc.

Freiheit für Freiheit

Dennoch: Wie Schiller anno dazumal sehnt sich der heutige Freizeitalpinist nach der Freiheit «auf den Bergen». Nach der Ekstase. Sobald der Bergsteiger auf einem hohen Gipfel steht und ihm die Welt zu Füssen liegt, fühlt er sich frei – befreit von den Verbindlichkeiten des Alltags, weit weg vom Lärm und der ungesunden Stadtluft. Er empfindet Glück und Stolz. Er kann hemmungslos Juchzen, und er verspürt das Bedürfnis, dem Seilpartner um den Hals zu fallen. Vielleicht kullert gar eine Freudenträne über sein Gesicht.

Für diesen berauschenden Moment der Freiheit ist der Alpinist allerdings gezwungen, seine gewohnten Freiheiten einzuschränken:

Am Berg ist der Alpinist ein Niemand. Der Berg bleibt der Chef. Wetter und Verhältnisse sitzen ebenfalls im entscheidenden Komitee. Dem muss sich der Alpinist unterwerfen. Selbst dann, wenn er im Berufsleben einen grossen Konzern mit tausend Angestellten leitet – oder wenn er vergangenen Samstag den Schweizer Rekord-Lottojackpot geknackt hat. Er kann am Gipfeltag nicht einmal aus dem Bett kriechen, wann es ihm genehm ist. Nicht essen, wenn er Hunger verspürt. Nicht rasten, wo ihm drum ist. Kurz: Er muss sich an gewisse Regeln halten, damit er erfolgreich und möglichst unbeschadet zurückkehrt.

Ein alpines Kletterfest

Um die intensiven Reize des Hochgebirges und einen Gipfelrausch erleben zu dürfen, macht sich der Alpinist also schwer abhängig. Unfrei und untertan. Er eifert einem Traum nach, für dessen Erfüllung es mehr braucht als Vorbereitung, Technik, Ausdauer. Zusätzlich ist eben auch viel Geduld nötig. Wie in diesem Sommer. Freude geht anders.

Aber ich habe gute News: Petrus flüsterte mir soeben zu, es gebe einen warmen, goldigen Herbst. Somit können wir unsere Abhängigkeiten und Freiheiten am Berg bald wieder aktiv ausleben. September und Oktober werden ein alpines Kletterfest. Wetten?

Outdoor

Das Kreuz mit dem Gipfelkreuz

Natascha Knecht am Mittwoch den 20. August 2014

Es gibt Leute, die steigen auf einem Berg nicht nur bis zum Gipfelkreuz, sondern gleich noch auf dieses hinauf. Den Moment ihres Glücks halten sie mit der Digitalkamera fest und veröffentlichen dann das beste Foto im Internet. Zur Empörung jener, die ein Gipfelkreuz als religiöses Symbol erachten. Für sie ist eine solche Handlung der Gipfel der Respektlosigkeit. Man gehe schliesslich auch nicht auf den Friedhof und trample dort auf Gräbern herum.

An der Frage, ob man auf ein Gipfelkreuz klettern darf, scheiden sich die Geister. Ist es eine unmoralische Unsitte? Eine Sünde in den Bergen? Oder einfach nur Ausdruck von Freiheit? Die Diskussion wird seit Jahren aktiv geführt. In der Neuzeit natürlich auch mit einschlägigen Facebook-Gruppen. Da postet jeder, der mag, ein Foto von einem Gipfelkreuz. Zumeist höchst langweilige Aufnahmen von einem übergrossen Konstrukt aus Eisen oder Holz in Kreuzform, das nicht selten aus einem Betonfundament in den Himmel ragt. Warum jemand sich die Mühe für eine solche Veröffentlichung macht, ist mir ein Rätsel. Weil man liken und sich in einer Gemeinschaft fühlen kann? Weil manchmal auch ganz Freche auftauchen, die den Gruppenfrieden empfindlich stören, indem sie Bilder posten, auf denen sie auf einem Kreuz stehen und winken?

Ein Stewi für verschwitzte Kleider

Vor einer Woche war das Thema wieder einmal einer Zeitung einen Artikel wert (online leider nicht abrufbar): Die Südtiroler Zeitung «Dolomiten»  zitierte einen Pfarrer. Er bezeichnet es als «schlimm», dass es Leute gibt, die für das Gipfelfoto nicht einfach «brav» vor dem Kreuz stehen, sondern «noch einen draufsetzen» müssen und es «cool» finden, auf dem Kreuz herumzukraxeln oder sportlich auf dessen Querbalken zu posieren. Für den Pfarrer ist ein Gipfelkreuz kein «Turngerät», und er glaubt, dass bei uns jeder so viel Allgemeinbildung haben müsste, dass er weiss, wofür das Kreuz steht.

Nun, ich selber habe es hier im Alpinblog schon einmal geschrieben: Mir persönlich ist es schleierhaft, wozu es auf einem Berg ein Kreuz braucht. Für mich ist ein naturbelassener Gipfel ohne solche Kunstwerke, die mit dem Helikopter hochgeflogen werden mussten, definitiv schöner. Aber wenn eines oben steht, dann steht halt eines oben. Mich irritiert höchstens, wenn Wanderer ihre verschwitzten Shirts zum Trocknen an einem solchen aufhängen. Das ist einfach unappetitlich.

Kommerzielle Respektlosigkeit

Würde ich in meinem privaten Archiv nachschauen, kämen auch Bilder zum Vorschein, auf denen ich auf einem Gipfelkreuz sitze. Zum Beispiel auf der Dufourspitze. Ich war mal im Winter dort. Das grosse Eisenkreuz steckte bis zu den Armen im Schnee, ich setzte mich darauf wie auf ein tiefgelegtes Bänkli und genoss ein paar Minuten die Aussicht. Beschädigt habe ich das Teil nicht. Das Bedürfnis, dieses Gipfelbild im Internet zu veröffentlichen, verspürte ich nie.

Bergbahnen Pillersee: Himmlische Aussichten vom größten Jakobskreuz der Alpen. (seilbahn.net)

Bergbahnen Pillersee: Himmlische Aussichten vom grössten Jakobskreuz der Alpen. (seilbahn.net)

Für diskussionswürdiger halte ich dagegen Bausünden in den Bergen, zum Beispiel das angeblich «grösste begehbare Gipfelkreuz der Welt». Es wurde vor kurzem in der Nähe von Kitzbühel eingeweiht: 29,6 Meter hoch. Eigentlich ist es ein Haus in Kirchenkreuzform. Im Innern bringt ein Personenlift die Besucher auf eine Aussichtsplattform und zu Ausstellungsräumen in 19 und 22 Metern Höhe. Ganz oben wartet eine Panorama-Aussichtsplattform, auf der man herumtrampeln kann.

Für mich verkörpert solche Disney-Land-Infrastruktur den Gipfel der Respektlosigkeit – Respektlosigkeit gegenüber der Natur. Aber möglicherweise ist der Pfarrer und Prediger anderer Meinung.

Manche – wie dieser junge Herr – verwechseln Gipfelkreuze auch mit Fitnessgeräten:
(Quelle: Youtube)