Archiv für die Kategorie „Alpin“

Outdoor

Das wars, ihr schönen Schweizer Berge

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 26. Februar 2015

Von Malin Auras*

Leere Pisten, nur für uns alleine? Skifahrer auf dem Vorab-Gletscher in Laax GR. Foto: Stefan M. (Flickr)

Traum der leeren Pisten: Skifahrer auf dem Vorab-Gletscher in Laax GR. Foto: Stefan M. (Flickr)

Es sieht ganz so aus, als würde ich meine geliebten Schweizer Berge auf unbestimmte Zeit bestenfalls vom Tal aus zu sehen bekommen – bei der Durchreise. Dabei haben wir dem Vorurteil vom unbezahlbaren Urlaub in der Schweiz bisher erfolgreich getrotzt. Obwohl wir lieber dreimal günstig in die Skiferien fahren als einmal teuer. Also lieber Ferienwohnung und Essenskiste von zu Hause als Sternehotel mit Wellness und Vollpension. Die wunderbaren Berge sind uns Wellness genug, und den Kindern schmeckt das Essen von der Mama sowieso am besten.

Erstaunlicherweise waren unsere Schweizer Skitage im Endeffekt gar nicht wirklich teurer als in Österreich und Italien – zumindest solange man sich nicht dazu überreden lässt, auf einer Skihütte dreimal Pommes und Apfelschorle für die Kinder zu bestellen. Die Preise für Ferienwohnung und Skipass lagen bei vergleichbaren Skigebieten plus/minus im gleichen Bereich. Klar, Zermatt ist preislich nicht zu toppen, aber auch nicht zu vergleichen. Den für unsere Skigebietskategorie teuersten Skipass hatten wir sogar im vergangenen Jahr in den Dolomiten, trotz kleinstmöglichem Areal. Dagegen waren unsere Lifttickets in der Zentralschweiz regelrecht günstig: Den 6-Tages-Pass für zwei Erwachsene und drei Kinder rückten die Schweizer immerhin für ganze 60 Euro weniger heraus!

Tja, und in Österreich hat man mittlerweile vielerorts ein Schneeproblem, gerade an Weihnachten/Neujahr. Wer auf die schneesicheren Österreich-Spots ausweicht, zahlt fast genauso viel wie in den Schweizer Edelresorts.

Aber jetzt kommt es richtig dick. Der Wechselkurs. Der ist aus deutscher Sicht eine Katastrophe. Jetzt sind selbst mit viel gutem Willen weder Ferienwohnungs- noch Skipasspreise im grünen Bereich. Ich habe sogar schon ausgerechnet, wie viele Skitage mehr ich zum gleichen Preis in einem vergleichbaren Österreich-Skigebiet bekommen könnte. Das Ergebnis hat mich zunächst einmal überzeugt. Im nächsten Urlaub versuchen wir es irgendwie noch mal mit Österreich. Das wars dann wahrscheinlich, ihr wunderschönen Schweizer Berge.

Ein Hoffnungsschimmer bleibt: Die Schweizer sind ja mittlerweile auch viel in Österreich unterwegs. Letztens habe ich gelesen, dass sie nach den Deutschen und den Holländern auf Platz drei der Österreich-Urlauber stehen. Wer hätte das gedacht. Und jetzt, wo das Euroland für Schweizer ein wahrer Discounter ist, fahren vielleicht noch mehr der Eidgenossen zum Skifahren über die Grenze. Vielleicht sogar viel mehr. Und vielleicht fährt kaum noch jemand aus der Eurozone rein in die Schweiz, weil es einfach viel zu teuer geworden ist. Wenn dann keiner mehr in der Schweiz unterwegs ist ... dann könnten wir ja wieder ... die leeren Pisten, schlangenlosen Gondeln und unverspurten Powderhänge ... nur für uns allein? Das würde ich mir dann was kosten lassen!

Wohin zieht es Sie zum Skifahren? Hat die Aufgabe des Euromindestkurses Einfluss auf Ihr Urlaubsverhalten? Wie sehen Sie die Zukunft der Schweizer Skigebiete?

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

Outdoor

Klettern digital – so sieht die Zukunft aus

Natascha Knecht am Mittwoch den 25. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

In Uster hat meine Kletterlaufbahn begonnen und gleichzeitig meine berufliche. Während meiner Lehrzeit schloss ich mich dort einer Gruppe von passionierten Kletterern an, und bei der Firma Zellweger lernte ich Elektronik. Zellweger gibts nicht mehr, aber Kletterer noch immer – und neuerdings auch eine Kletterhalle, die beides verbindet: Klettern und Elektronik. Ein grauer Klotz im Niemandsland zwischen Spital, Autobahn und Sportplätzen. Eine weite helle Halle, saubere Garderoben, Café, Kinderecke, Besucherbalkons, attraktive Routenauswahl.

«Griffig» heisst das neue Kunstgriff-Eldorado, das auch mit neuer Klettertechnologie aufwartet. Schliesslich hat sich in jüngster Zeit der Verdrängungswettbewerb unter den Kletterhallen verschärft, man braucht also eine USP, eine Unique Selling Proposition. Hier ist es die elektronische Steuerung des Schwierigkeitsgrades an der Kunstwand. Das Neue kommt mit einem einprägsamen Label daher: Climb Led heisst die Wand mit schwarzen Griffen, die mit roten und grünen Leuchtdioden bestückt sind. An einem Touchscreen kann man den Schwierigkeitsgrad wählen, von 5c bis 7a+, entsprechend leuchten die Dioden der erlaubten Griffe auf.

Ein Selbstversuch bleibt mir erspart, es drängt sich gerade eine Gruppe der iPhone-Generation zu den zwei Routen. Die elektronische Steuerung der Kletterwand macht den Jungs und Mädels offenbar genauso Spass wie das Herumtippen auf ihrem Hightech-Allerweltsspielzeug. Vielleicht ist das die Zukunft: Eine ganze Kletterhalle elektronisch bestückt, würde bestimmt Kosten sparen, denn das personalintensive Um- und Neuschrauben von Routen würde wegfallen. Es brauchte nur noch einen Operator hoch oben in einer Schaltzentrale, der die Übersicht behält wie in einem voll automatisierten Produktionsbetrieb.

Das Digitale bleibt uns in keinem Lebensbereich erspart

Vorteil über Vorteil: Ich müsste nicht mehr anstehen, bis eine Route im gewünschten Grad frei ist, denn wo immer ich anpacke, die Schwierigkeit entspricht exakt meinen individuellen Möglichkeiten und Trainingswünschen. Die Testanlage – so wird Climb Led offenbar verstanden – ist sicher nur der erste Schritt der Automatisierung und Digitalisierung des Kunstwandkletterns. Denn das Digitale, wir wissen es, bleibt uns in keinem Lebensbereich erspart. Auch durchs Gebirge bewegen wir uns bereits elektronisch hochgerüstet, und selbst eine Wanderung auf den Bachtel tracken wir per GPS und speichern die Daten im Netz.

Zukünftig wird selbstverständlich auch in der digitalen Halle gespeichert, wer welche Route ehrlich rotpunkt geschafft hat – Sensoren geben ein Pfeifsignal, wenn ich einen unerlaubten Griff berühre. Google klettert mit.

Zukünftige Technologien werden nicht bloss statische Griffe mit Leuchtdioden markieren, sondern beliebige Strukturen dynamisch aus einer künstlichen Wand wachsen lassen. Ich stelle mir eine Art ultraschnellen 3-D-Drucker vor. Und nicht genug: Ganze Klettergebiete oder jedenfalls Vierstern-Routen lassen sich per Copy and Paste 1:1 im Kunstraum abbilden. Heute ist Galerie Amden angesagt, morgen Excalibur in den Wendenstöcken oder der Schwierige Riss am Eiger – auf Wunsch künstlich beschneit oder vereist.

Im Video zu sehen: Für daheim oder im Büro gibt es auch Designerberge: Einfach via Smartphone-App die Kletterrouten aktivieren, z. B. die Route «Mt. Everest». (Quelle: Lunar Europe on Vimeo.)

 

Vielleicht bleiben ein paar Ewiggestrige

Der reale Berg, so ahnen wir, wird zunehmend überflüssig. Per Fingertipp auf dem Touchscreen ist augenblicklich alles online bzw. onface, wozu real eine lange Anreise und ein mühsamer Zustieg erforderlich wäre. Ein ungeahntes Eldorado des Klettersportes steht in Aussicht, und das auch noch solargetrieben und umweltfreundlich mit ÖV erreichbar.

Bestimmt gibts dann doch noch ein paar Ewiggestrige, die sich ins real granitene Eldorado am Grimselsee bemühen und dabei ihren ökologischen Fussabdruck strapazieren. Aber vielleicht steht ja dannzumal dort auch ein Steuerpult am Fuss der Wand, und Leuchtdioden markieren die Griffe bis zum Gipfel.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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50 Shades of Snow

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 18. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Jost Fetzer*

Outdoor

Für so was braucht man gute Skischuhe – und ein wenig Übung. Foto: Garret Grove/Dynafit

Dies ist ein Blog über bedingungslose Liebe, über wechselnde Liebschaften, kurze Seitensprünge und langjährige Partnerschaften. Denn ich gebe es zu: Ich bin seriell monogam und zwischendurch auch mal untreu. Durchschnittlich alle zwei Jahre verliebe ich mich unsterblich und trenne mich gefühlskalt von alten Begleitern. Vector, Matrix, Quadrant, Mercury, Dyna und wie ihr alle geheissen habt – ich möchte die Zeit mit euch nicht missen, aber ihr seid passé.

Jeweils im Frühling juckt es mich unter den Fingern und ich beginne auf einschlägigen Portalen nach neuen Lebensabschnittspartnern zu suchen, in deren Umarmung ich im kommenden Winter glücklich zu werden hoffe. Umarmung? Umfussung müsste es wohl heissen, denn meine aktuelle Liebe heisst kurz und trocken TLT 6, womit allen Alpinisten klar sein dürfte, dass ich hier von meiner Liebschaft zum perfekten Tourenskischuh rede und nicht von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Problemfuss und persönliche Skischuhanpassung? Kenn ich nicht, brauch ich nicht, meine Füsse passen in fast jeden Schuh. Ich bin gar unkompliziert und meiner restlichen Tourenausrüstung über Jahre treu. Meine Snowboardschuhe fahre ich – mangels technischer Innovationen – seit 10 Jahren. Meine Schneeschuhe tun bald 20 Jahre ihren Dienst. Nur bei Skischuhen, da werde ich regelmässig schwach und gehe den Werbeversprechen der Skiindustrie auf den Leim.

Rational ist mein Verhalten kaum erklärbar. Für die Marketingabteilungen der Skiindustrie jedoch bin ich ein Glücksfall. Blind vertraue ich den verheissungsvollen Worten aus deren Munde: Neu, kompromisslos, steif und leicht zugleich bei einer nie dagewesenen Schaftrotation! Und schon bin ich frisch verliebt! Scheinbar gute Gründe für den Neukauf von Tourenschuhen finde ich immer: Der persönliche Fokus verschiebt sich Winter für Winter von Powderhängen über Skitourenrennen zu Hochtouren und wieder zurück. Ob man hierfür je einen Skischuh braucht? Aber sicher doch! Zumal der neue Skischuh 400 Gramm weniger wiegt als der vorherige (und ich 4 Kilo mehr). Nur steif muss er sein. Und leicht. Und zumindest diesen Winter grün! Kann ich auf Ihr Verständnis zählen?

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Die perfekten Skischuhe zu finden, ist eine Lebensaufgabe. Foto: Garret Grove/Dynafit

Mein Umfeld weiss nichts von meiner heimlichen Sucht. Geschickt lasse ich die alten Schuhe auf einschlägigen Marktplätzen und im Freundeskreis verschwinden. Braucht jemand einen gut erhaltenen Tourenschuh? Grösse 29 hätte ich im Angebot. Manchmal ist der Neukauf durchaus sinnvoll, denn passende Skitourenschuhe zu finden, ist gar nicht so einfach, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann:

  • Die Schuhe zu gross zu kaufen, ist der typische Anfängerfehler: Was im Laden bequem erscheint, ist nach einigen Stunden Aufstieg meist zu gross. Besser die Schuhe kurz und eng geschnitten kaufen. Der Innenschuh wird sich noch weiten.
  • Skitourenschuhe sind teuer und gebrauchte Schuhe eine gute Alternative. Doch häufig sind sie abgenutzt und der Innenschuh bietet auf der Abfahrt zu wenig Halt.
  • Moderne Skitourenschuhe haben eine Lebensdauer von locker 100'000 Höhenmetern. Irgendwann wird aber jedes Material altersschwach. Und mit kaputten Schuhen am Hang zu stehen, ist das Letzte, was man erleben möchte.
  • Skischuhe für Tourenrennen sind im Aufstieg unschlagbar und bequem wie ein Turnschuh. Doch macht ein Turnschuh beim Freeriden nur wenig Spass und wärmt zu wenig.
  • Es gibt Schuhe, die passen einfach nicht zum Fuss. Auch nicht nach einer Thermoverformung. Nach Möglichkeit gleich wieder umtauschen, denn blutige Füsse machen auf einer Skitourenwoche täglich weniger Spass.

Deswegen: Augen auf beim Skischuhkauf, damit es Ihnen nicht wie mir ergeht und Sie nächstes Jahr bereits wieder neue Skischuhe wollen. Testen Sie Ihr Traummodell im Schnee und nutzen Sie die Umtauschgarantie guter Bergsportgeschäfte, falls die Schuhe auf der ersten Tour nicht den Wünschen entsprechen sollten.

Wie treu sind Sie Ihrer Ausrüstung? Fahren Sie noch den legendären Raichle Concordia oder sind Sie ebenfalls dem Leichtgewichtsfetischismus verfallen?

Jost Fetzer*Jost Fetzer ist Bildredaktor des «Tages-Anzeigers» und passionierter Berggänger.

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Was ein Sportler (nicht) alles braucht

Outdoor-Redaktion am Montag den 16. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Franziska Horn*

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Eine Jacke für jede Sportart: Materialschlacht an der Ispo in München. Fotos: Messe München International

Die jährliche Ispo München im Februar ist die grösste Sportartikelmesse des Planeten. Und eine kolossale Materialschlacht. Wo man bisher auf Star-Alpinisten setzte, um Soft- oder Hardshells zu verkaufen, scheint jetzt die Epoche der Götter und Gralsritter angebrochen. Karrieretechnisch stehn die ja eines drüber. Die Ispo gibt sich als Showroom der Superlative. Und ist am Ende nur eine Art Götterdämmerung?

Die Pressekonferenz der Scandinavian Outdoor Group (SOG) präsentiert nordische Hersteller im Zweiminutentakt. Haglöfs zeigt eine 600 Euro teure Kapuzenjacke für Freeriderinnen, benannt nach «Skade», nordische Wintergöttin. Das Label Seger, das bedeutet «Sieg», stellt Heizsocken vor. Mit «heating system», per Smartphone via App kontrolliert, ab 300 Euro. Und wo Hanwag bisher Schuhprofile mit «Hypergrip» anbot, ist das Label Icebug einen Schritt weiter: Deren «world leading ice grip» und die «Holy grail midsole» kann nix mehr toppen. Klingt, als ob eine simple Sohle nicht nur alle Laufprobleme lösen kann, sondern die grossen Fragen der Menschheit gleich dazu. Dieses «Naming» klingt mutiger, als den Spallagrat bei Nacht und Nebel zu begehen.

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Dieser Tarnanzug könnte auf Skipisten gefährlich sein.

Auf dem Messestand des Labels «Canada Goose» schickt man Besucher mit hochwertigen Hutterer-Daunen in die Kältekammer. Um bei –20 Grad zu überprüfen, dass man im Kanada-Parka auch bei –70 Grad überlebt. Beim Überleben hilft zudem ein kleiner Stoffriegel, aussen, in Höhe der Schultern. Damit kann der Abenteurer per Eishaken aus dem arktischen Meer gefischt werden, sollte er schwankende Schiffsplanken unfreiwillig mit H2O vertauschen. Getragen von urbanen Asphalt-Cowboys, wird der Grossteil dieser Jacken eher die Eiswürfel im Cocktail der Szenebars als das nordische Eismeer erblicken.

Und Patagonia, bisher ernsthaft um Nachhaltigkeit bemüht, versucht mit hochspezialisierten Jacken zu punkten: Ein Modell zum Eisklettern, eines zum Skitourengehen, zum Pistenskifahren ... zum – Eislaufen? Langlaufen? Geocaching? Winter-Biken? Und, wir ahnten es: Siegertypen tragen Siegerpullis. Deswegen legt «Dale of Norway» den Worldcup-Sweater von 1958 knapp 60 Jahre später spasseshalber wieder auf, während Pulli «Glittertind» ein dekorativer Streifen Lachshaut am Kragen schmückt. Irgendwo müssen die Reste vom Mittagessen ja hin. Am Ende ist der Einsatz von Fischleder so was wie gelebte Nachhaltigkeit?

2015 feierte die Ispo Besucherrekorde: 80'000 Menschen pilgerten durch die Pavillons. 2585 Aussteller füllten die ausgebuchten Hallen, 2016 plant man zwei neue dazu. Was macht den Erfolg der Messe aus? Vielleicht das fantasievolle Marketing dieser Produkt-Myriaden. Es gilt: «Attraktiv ist, wer aktiv ist». Funktioniert immer, irgendwie. Auch wenn der Durchschnittskunde das 600-Euro-Arcteryx-Hardshell vor allem von der Couch ins Büro trägt. Vom Leitsatz «Sport macht sexy» lebt eine ganze Branche.

Dabei übersehen die Hersteller: All die vermeintlichen oder tatsächlichen Neuheiten lassen die eigenen Exponate vom Vorjahr ziemlich alt aussehen. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Manchmal kommt die Masse «bahnbrechender» Ideen wie ein Overkill daher. Vieles wirkt überperformt. Brauchen wir Baumhäuser zum Mitnehmen oder Drohnen, die dem Freerider automatisch folgen? Brauchen wir Ganzkörper-Laminate, dynamisch gestretcht in mindestens vier Richtungen? Man fragt sich, wie Hermann Buhl es damals auf den Nanga Parbat schaffte. Doch Materialfetischismus kann eigene alpine Erfahrung nicht ersetzen. Und die macht man im Norwegerstrick ebenso wie mit Ultra-Supra-Techno-Fibres, getestet auf dem Mars. Sich vollklimatisiert über den Berg zu bewegen, nie nass werden, nie schwitzen, das ist absurd. Das hat man doch eh schon im Stadtbüro. Auch wenn es reaktionär klingt: Gehn wir nicht auf den Berg, um überhaupt noch was von der Natur zu spüren?

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Das Neue ist immer um Welten besser als das Letztjahresprodukt: Modeschau an der Messe.

Wen man so trifft beim Hallenparcours? Am Komperdellstand klemmen die Huababuam auf Stühlen zwischen Hitech-Teleskopcarbonstöcken. Ein Menschenstrom zieht vorbei, schaut mit stumpfen, irritierten Blicken auf das Überangebot. Kaum einer beachtet die Brüder. Sie wirken, als sei ihnen das sehr recht. Später dann ein Plausch mit Alex Ploner, Mitorganisator des Kiku International Mountain Summit: «Die grossen Alpinhelden und Star-Athleten ziehen nicht mehr so das Publikum an. Es sind eher Menschen vom Berg, wie du und ich, die jetzt mehr interessieren.» Steht das Ende der Überhelden bevor? Am Ende des langen Messetages möchte man all den Produktentwicklern als Wink mit der Stricknadel ein paar Socken stricken. Von Hand, aus natürlicher, selbstfettender Wolle (neudeutsch: «repellent»). Wolle macht das von allein, sie kann nicht anders. Schafe tragen ihren Water-Windproof-Shell ja ein Leben lang, stehen ständig im Windkanal und in der Kältekammer. Sozusagen. Drum tragen die Nordmenschen, die in echter Kälte leben, vor allem: Wolle. Vielleicht sollte die Sportartikelbranche mal dem selbst propagierten Relax-Trend folgen – sich zurücklehnen und ein bisschen entspannen.

Franziska Horn* Franziska Horn schreibt über Design, Architektur, Reise, Alpin- und Outdoorsport. 2014 ist ihre Biografie der Alpinistin Edurne Pasaban erschienen, ein Reise-Band über das Ötztal folgt im März 2015.

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Lattensalat an Carbonstreifen: Diätkur für die Ski

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 12. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Titus Arnu*

ISPO sport equipment fair

Leicht, leichter, noch viiiiel leichter: Ski an der Münchner Sportartikelmesse Ispo. Foto: Sven Hoppe (EPA, Keystone)

Jedes Jahr im Februar nerven Frauenzeitschriften und Gesundheitsblogs mit ihren absurden Abnehmideen. Paläo-Diät. Glyx-Diät. Bier-Diät. Ganz neu im Angebot: die Jake-Gyllenhaal-Diät. Für seine Rolle in «Nightcrawler» hat der Schauspieler 30 Kilogramm abgenommen. Sein Diätprogramm bestand aus drei Teilen: täglich 25 Kilometer joggen, Grünkohl essen, Kaugummis kauen.

Diätwahn ist eine schlimme Sache. Aber leider greift der Zwang zum Abnehmen immer weiter um sich. Er war auch auf der Ispo in München zu beobachten, der grössten Sportartikelmesse der Welt. Gewicht spielt dort eine Riesenrolle. Nicht unbedingt beim breiten Publikum. Der Durchschnittsbesucher kommt gerne mit dem Auto, fährt mit der Rolltreppe in den ersten Stock und futtert in der Pause Grillwurst in der Semmel.

Aber bei den Produkten! Da scheint sich, vor allem im Wintersportbereich, das Light-Prinzip durchzusetzen: je leichter, desto besser. Das gilt besonders für Touren- und Freeride-Ausrüstungen. Es erscheint ja auch sinnvoll, möglichst wenig auf den Gipfel zu schleppen, um Kraft zu sparen. Um Gewicht zu reduzieren, verwenden die Hersteller Paulownia- und Balsaholz wie im Modellbau. Oder Titan- und Carbonmixturen, die aus der Raumfahrttechnologie kommen. Und sie verändern die Geometrie der Wintersportgeräte so, dass noch ein paar Gramm weniger auf der Waage sind.

Mit einem der leichtesten Pistenski startet Fischer in den nächsten Winter. Sein Holzkern ist um 25 Prozent leichter als bisher, Titanaleinlagen und eine abgeflachte Seitenwange sparen ebenfalls Gewicht. Head setzt bei seiner Monster-Kollektion auf Graphen, ein Material, das auch in Tennisschlägern verwendet wird und als leichtestes und zugleich stabilstes Element der Welt gilt. Bei Atomic hat man sich ein Carbon-Tank-Mesh-Gewebe ausgedacht, das die Ski steifer und zugleich leichter machen soll.

Breiter heisst nicht mehr besser
Der Trend zu superbreiten Powder-Latten scheint dagegen sein Limit erreicht zu haben: Bei 120 Millimeter Breite unter der Bindung ist meistens Schluss. Noch fettere Ski braucht man höchstens in Alaska oder Nordjapan, und die Zahl der Leute, die sich einen Skiurlaub dort leisten können, ist doch sehr begrenzt. Es ist jedoch zu früh, in diesem Bereich von einem Schlankheitswahn zu sprechen.

Es gibt ultraleichte Minibindungen für den Skitouren-Rennsport, die man allerdings nicht ernsthaft als Sicherheitsbindungen bezeichnen kann. Es gibt ultraleichte Skihelme, die nur 320 Gramm auf die Waage bringen, aber dafür muss man Angst haben, dass sie bei der nächsten Windböe vom Schädel geblasen werden. Auch bei den Tourenskistiefeln unterbieten sich die Hersteller gegenseitig im Gewicht. Der neue Backland Carbon von Atomic ist atmungsaktiv, wasserdicht und superleicht, er wiegt nur noch 987 Gramm. Der derzeit leichteste Schnallenschuh kommt von Dynafit: Der RC 1 ist lediglich 500 Gramm schwer, allerdings ist es ein reiner Rennschuh zum Bergaufhetzen. Der schlanke Schlappen kostet voraussichtlich über 2000 Schweizer Franken.

Es ist wie bei einer Luxusdiätkur: Je weniger man bekommt, desto mehr zahlt man dafür. Dem normal- bis übergewichtigen Beobachter stellt sich die Frage: Wäre es nicht gesünder und zudem wirtschaftlicher, täglich 25 Kilometer zu joggen, Grünkohl zu essen und Kaugummi zu kauen – und dann auf die superteuren Hightech-Light-Produkte zu verzichten? Dann würde zumindest der Geldbeutel nicht so schnell abnehmen.

Was halten Sie vom Gewichtswahn der Skiindustrie? Sind Sie bereit, die Leichtigkeit teuer zu bezahlen?

Titus Arnu100* Titus Arnu, geboren in Laufenburg (Schweiz) und aufgewachsen im Südschwarzwald, hat mit drei Jahren die ersten Skiversuche hinter dem Elternhaus unternommen. Heute lebt er südlich von München, schreibt für die «Süddeutsche Zeitung», «Geo Spezial», «Natur» und andere Magazine, am liebsten über Natur und Kultur. Wann immer es geht, ist er in den Bergen unterwegs.

Outdoor

Süchtig nach Kicks und Klicks

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 11. Februar 2015

Von Gabriela Braun*
Quelle: Youtube

Er rast den Berg hinunter, auf direktem Weg. Blocht mit den Ski über eine Piste, quer durch ein laufendes Skirennen, um neben der Piste weiterzurasen. Der Fahrer ist schnell und springt weit, sehr weit, über mehrere Meter hohe Schanzen und erstaunte Skifahrer hinweg. Einmal fliegt er gar gefährlich nah über einen Verunfallten auf einem Rettungsschlitten und dessen zwei Betreuer. Wusch, zisch, Jump. Tempo. Speed!

Man wähnt sich auf einer irren Fahrt in einem Game. Avatar goes crazy, ein irr gewordener Typ mit der Einstellung «Nach mir die Sintflut». Ein Unfall, Crash, mögliche Opfer? Ist doch egal, dann beginnen wir eben wieder von vorne.

Beeindruckt, aber auch schockiert

SUISSE RIP CURL FREESKI EVENT HALFPIPE

Candide Thovex in Aktion in Saas Fee. Foto: Keystone

Doch nein, es ist kein virtuelles Game, sondern eines in echt. Die beschriebenen Szenen spielen sich in einem verrückten Youtube-Film ab, der seit Mitte Januar schon über 13 Millionen Mal angeschaut wurde. Der französische Skiprofi Candide Thovex nahm die Szenen aus der Fahrerperspektive mit einer Go-Pro-Kamera auf. Die Reaktionen darauf sind gespalten: Zahlreiche Viewer zeigen sich seit der Veröffentlichung begeistert, beeindruckt und gratulieren ihm. Andere decken ihn in der Kommentarspalte mit Schimpf und Schande ein. Sie heissen ihn unverantwortlich, gemeingefährlich. «Was, wenn du in einen Unbeteiligten gerast wärst?», fragt ein User. Wenn Thovex auf einem seiner Sprünge über die Schanze oder die Bergstation des Sessellifts in andere Fahrer gecrasht wäre?

Das sind auch meine Gedanken. Der Kurzfilm ärgert mich, auch wenn mir klar ist, dass es sich dabei teils um inszenierte Szenen und geschnittenes Material handelt. Doch es ist offensichtlich, dass der Freestyle-Fahrer für seine Action-Aufnahmen erhebliche Risiken in Kauf nahm und andere Skifahrer gefährdete. Wie irrsinnig und blöd! Es kann doch nicht sein, dass ein Crack mit hundert Sachen die Piste runterrast und allein für atemberaubende Aufnahmen mögliche Unfälle provoziert. Das ist crank!

Go-Pro-Filme lassen Narzissten höhere Risiken eingehen

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So sieht er ohne Helm und Kamera aus: Candide Thovex. Foto: www.powder.com

Damit man mich richtig versteht: Ich liebe Wintersport, fahre leidenschaftlich gerne Ski und Snowboard und bin gerne zügig unterwegs. Freestyle-Videos schaue ich seit Teenager-Tagen mit Hingabe: Snowboardern und Freeskiern zuzusehen, die in Endlosschleife den Berg runterpowdern, hat etwas Meditatives und gehört zum Entspannendsten überhaupt.

Aufnahmen für Go-Pro-Filme wie jene von Candide Thovex aber gehören für mich in die Kategorie «hirnverbrannt». Sie verursachen meiner Meinung nach aktuell die grössten Risiken auf Skipisten. Die vielen Fahrer mit der Kamera auf dem Helm wollen eine Aufnahme haben, die kein anderer hat. Deshalb tasten sie sich immer weiter an ihre Grenzen heran. Die Selbstinszenierung in Ton und Bild mündet schnell in Selbstüberschätzung. Narzissten gehen höhere Risiken ein und gefährden damit nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen. Denn immer nur geradeaus filmen interessiert keinen. Welche Videos top sind und welche ein Flop, entscheidet das Publikum auf Youtube. Klicks bekommen vor allem jene, die alles bisher Gefilmte übertreffen.

Quelle: Youtube

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So entstehen die wilden Filme: Extremskifahrer mit auf den Helm montierter Go-Pro-Kamera. Foto: Youtube

 

*Gabriela Braun zieht heute auf der Skipiste ihre Spuren in den Schnee. Sie schreibt in der Regel für den Mamablog und ist redaktionelle Leiterin der Blogs.

 

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Über Lawinen, Leichtsinn und Besserwisser

Natascha Knecht am Mittwoch den 4. Februar 2015
Der Schweizer Freerider Jérémie Heitz am «Xtreme de Verbier» 2014. Foto: Maxime Schmid (Keystone)

Der Schweizer Profi-Freerider Jérémie Heitz am Xtreme de Verbier 2014. Der aktuelle Stopp der Freeride World Tour in Fieberbrunn wurde gestern aufgrund der prekären Lawinensituation abgesagt. Foto: Maxime Schmid (Keystone)

Das Wort «Leichtsinn» war schnell hergeholt, nachdem Ende vergangener Woche elf Personen in den Schweizer Alpen den Lawinentod fanden. Doch was bedeutet Leichtsinn? Laut Duden: Mangel an Überlegung und Vorsicht. Und so leid es mir tut: Bevor man vorschnell mit Kritik und Besserwisserei aufwartet, sollte man ebenfalls überlegen und vorsichtig sein. Was wissen wir schon darüber, was sich die verunfallten Skitouren- und Variantenfahrer überlegt haben, bevor sie sich in diese Schneehänge begeben haben? Vielleicht tatsächlich nichts. Vielleicht aber sehr viel.

Zu urteilen und verurteilen ist zwar leicht, aber wem hilft das?

«Dem Unglück anderer sollten wir mit Respekt begegnen, daraus zu lernen versuchen und nicht mit Überheblichkeit reagieren.»

Dieses Zitat stammt von Klaus Hoi, ich habe es aus dem «3x3 Lawinen» von Experte Werner Munter – und ich denke, es trifft den Nagel auf den Kopf. Munter selber sagt auf Anfrage: «Ich kommentiere keinen Unfall, solange ich die Details nicht kenne.»

Paradox und traurig

Vor dem Wochenende gab es in diesem Winter in der Schweiz sieben Lawinenunfälle mit je einem Todesopfer, fünf davon ereigneten sich bei Gefahrenstufe 3 (erheblich). Kein Hahn hat danach gekräht. Offenbar braucht es alle paar Jahre ein Grossereignis – oder eben elf Lawinentote innert drei Tagen –, damit eine Diskussion aufflammt und dem Hintersten und Letzten wieder auffällt, dass das Gebirge kein gesicherter Funpark ist – trotz unserer Superausrüstung.

In den kommenden Tagen und Wochen werden die Leute wahrscheinlich sehr defensiv in den Schneehängen unterwegs sein – oder sich überhaupt nicht mehr ins freie Gelände wagen. Auch das ist nicht zwingend richtig. Es gibt genügend Orte, wo das Risiko vertretbar wäre – auch bei Gefahrenstufe 3. Nur sind diese Hänge halt nicht spektakulär und für manche allenfalls zu langweilig. Nach einer gewissen Zeit ist dann alles wieder beim Alten und man liest wieder von Unfällen mit einem oder zwei Opfern.

Empfindliche Wissenslücken

Wer kann die Komplexität des freien Geländes richtig einschätzen? Foto:  Gergely Csatari (Flickr)

Wer kann die Komplexität des freien Geländes einschätzen? Foto: Gergely Csatari (Flickr)

Man fragt sich: Ist der Skitourengeher, Variantenfahrer und Freerider beschränkt lernfähig? Ich kann versuchen, es an meinem eigenen Beispiel zu erklären. Pro Winter bin ich ungefähr 20 Tage auf Skitour, dazu kommen ein paar Tage Variantenfahren und Eisklettern (wo die Lawinengefahr ebenfalls nicht zu unterschätzen ist). Ich habe Fachliteratur gelesen und einen mehrtägigen Lawinenkurs besucht. Als Journalistin werde ich regelmässig zu «Auffrischungs»-Workshops eingeladen, zum Beispiel als Nachmittagsprogramm bei der Freeride World Tour. Ich kann wahnsinnig kräftig schaufeln, ich kann die Sonde rasch zusammenstecken und damit im Schnee herumstechen. Ich weiss, wie man mit dem Pieps einen Verschütteten sucht. Ich weiss, bei welcher Lawinengefahrenstufe welche Hangneigung und welche Exposition kritisch ist. Ich habe sogar gelernt, mit den Skistöcken die Hangneigung zu messen.

Toll, nicht? Aber kann ich deswegen die Komplexität des freien Geländes einschätzen? Ich bin in den Bergen aufgewachsen, meine erste Skitour unternahm ich in der Jugend – und trotz meiner doch immerhin mehreren Hundert Tagen Erfahrung alleine im Winter bin ich manchmal extrem unsicher. Mein Wissen würde ich maximal als Halbwissen einstufen – mit empfindlichen Wissenslücken. Oft bleibt mir nichts anderes übrig, als meinem Bauchgefühl zu vertrauen. Wenn ich Angst verspüre, tendiere ich zur Umkehr. Auch wenn ich mich damit bei meinen Tourengspänli unbeliebt mache und diese nie mehr mit mir aufbrechen. Auch das habe ich schon erlebt. Ich muss mich hier im Alpinblog von gewissen Lesern gar herablassend belächeln lassen, weil ich zuweilen mit Bergführer unterwegs bin.

Es kann auch mich erwischen

Ich akzeptiere, dass ich keine Expertin bin. Sondern lediglich eine kleine Freizeitalpinistin, die manchmal mehr als staunt. Etwa wenn ich aus dem trockenen und nebligen Zürich ins Gebirge reise und dort nicht nur Sonnenschein erlebe, sondern auf Schneeverhältnisse stosse, die komplett anders sind, als ich sie mir vorgestellt habe – obschon ich die Bulletins und Berichte anderer genau studiert oder mit Freunden telefoniert hatte, die gerade unterwegs sind oder waren.

In einer Lawine zu ersticken, oder über eine Felswand zu stürzen, stelle ich mir grauenhaft vor. Und trotz meiner ausgeprägten Vernunft und Vorsicht bin ich mir bewusst: Es kann auch mich erwischen, vielleicht schon beim nächsten Mal. Ein Restrisiko bleibt immer. Sollte es je so weit kommen, kann man mir meinetwegen auch Leichtsinn vorwerfen. Ob das korrekt ist, überlasse ich den ewigen Besserwissern.

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Der perfekte Skischuh

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 29. Januar 2015

Ein Gastbeitrag von Christian Penning*

Er schlägt noch mal richtig zu, der Winter. Dick Neuschnee – und ab in die Berge. Das weiche Weiss in vollen Zügen geniessen. Wären da nicht diese klobigen Plastikdinger. Skischuhe. Teufelszeug. Aber ohne sie lassen sich die Bretter nun mal schlecht an die Füsse schnallen. Angeblich werden sie von Saison zu Saison komfortabler. Mag sein. Dann werden wir Freizeitbrettathleten in unserem Schmerzempfinden wohl jedes Jahr sensibler. Mal sind die Hightechboots zu gross, zu weit, zu weich, und man hat das Gefühl, in Booten zu stehen, die sich nur wenig besser manövrieren lassen als ein Supertanker. Mal sind sie zu klein, zu eng, zu hart, und sie entpuppen sich als sportives Folterwerkzeug für Zehen, Knöchel und Schienbeinansatz. Es zwickt, es zwackt. Nur selten passen die Skischuhe perfekt. Mancher Hobbyskiläufer hat deshalb seine Skikarriere schon beendet.

«Einmal passend machen, bitte!»

Zugegeben, es gab eine Zeit, da spielte ich hin und wieder mit ähnlichen Gedanken – die ich allerdings Zähne zusammenbeissend spätestens mit Anrollen der nächsten Schneefront wieder verwarf. So ging das jahrelang, bis ich eines Tages einen Teil meines Kontos plünderte und bei einem Skischuhexperten aufschlug. Bitte: Einmal passend machen, koste es, was es wolle. Ich gönnte mir das volle Programm: schäumen, Schale fräsen, eine Innensohle nach Mass. Am Ende der Behandlung sah der Schuh aus wie Michael Jackson nach dem x-ten Lifting, an das Original erinnerte er nur noch entfernt – zum Glück auch, was Passform und Komfort betraf. Der nächste Skitag war ... eine Offenbarung!

Um die teils konträren Anforderungen an Komfort und Leistung auch nur annähernd zu erfüllen, ist es nötig, den Fuss «gleichermassen fest wie komfortabel zu umschliessen», erläutert der Berner Orthopädietechniker und Skischuhexperte Chris Kohler. «Das ist aber nur möglich, wenn man den Schuh möglichst perfekt der individuellen Fussform anpasst.» Häufig kauften Skifahrer ihre Schuhe, die genau wie Ski und Bindung Teil des Sportgeräts seien, zu gross. Die Folge: Der Fuss verkrampft beim Versuch, Halt im Schuh zu finden. Also werden die Schnallen fester gezogen. Nicht selten resultieren daraus schmerzhafte Druckstellen und kalte Füsse, weil die Durchblutung behindert wird.

Fast vergessenes Schweizer Handwerk

Ähnlich wie beim Autokauf bieten Kohler und andere Skischuhexperten komfortable Sonderausstattungen für Skischuhe gegen Aufpreis. Klingt sehr progressiv, ist eigentlich aber nichts Neues. Skischuhanpassung ist eine Schweizer Domäne mit Tradition. Der älteste noch aktive Skischuhbauer der Welt kommt aus Davos. Vor fast 130 Jahren schusterte Franz Heierling nach norwegischem Muster seine ersten Skischuhe – nach Mass.

Lohnt sich der Aufwand? «Ein gut angepasster Skischuh ist doch die Grundvoraussetzung, um überhaupt ein sehr guter Skifahrer werden zu können», meint Chris Kohler. Und dann nennt er fünf entscheidende Vorteile einer Anpassung nach Mass: «Erstens: wärmere Füsse – die Blutzirkulation wird erhöht. Zweitens: bequemerer Sitz – der Tragekomfort steigt. Drittens: feinfühligere Steuerung – durch ein sensibleres Gespür für Ski und Untergrund. Viertens: mehr Leistungsfähigkeit – besseres Aufkanten und Gleiten. Fünftens: eine spürbare Kraftersparnis – die Bewegungsabläufe werden harmonischer.»

Eine Investition, die sich lohnt – Saison für Saison

Neuartige thermoverformbare Materialien ermöglichen es mittlerweile, nicht nur die Innenschuhe, sondern auch die Schale individuell an die Fussform anzupassen. Ein Meilenstein in puncto problemloser, individueller Passform.

Welche Massnahmen Sinn machen, klären Skischuhexperten in einem ausführlichen Beratungsgespräch.

Für einen perfekt angepassten Skischuh mit geschäumtem Innenschuh und angepasster Schale muss man komplett mit rund 1200 Schweizer Franken rechnen. Das ist nicht wenig. Dabei sollte man aber bedenken, dass ein geschäumter Innenschuh deutlich länger hält als ein konventioneller Innenschuh von der Stange. Und so amortisiert sich die Investition mit jeder Skisaison. Kleinere Tuning-Massnahmen sind freilich schon deutlich günstiger zu bekommen.

Skischuhexperten in der Schweiz

Eine kleine Auswahl von Experten, die für optimalen Sitz sorgen:

Zwischen Genuss und Trauma – wie nehmen Sie dem Skischuh den Schrecken? Ist eine professionelle Anpassung das Geld wert?

Outdoor Christian Penning* Christian Penning steht seit seinem dritten Lebensjahr mit Begeisterung auf Ski – egal ob Ski alpin, Skitour, Freeriden oder Langlauf. Der ehemalige Chefredaktor verschiedener Skimagazine arbeitet heute als freier Journalist und Fotograf und ist beruflich wie privat, sooft es geht, in den Bergen unterwegs. 

Outdoor

Alles halb so Wild

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 28. Januar 2015

Ein Gastbeitrag von Dominik Osswald*

greg westfall

Sieht ein Skifahrer ein Tier in Not, sollte er helfen. Foto: Greg Westfall, Flickr.

Meine Skitour am Uetliberg hat hohe Wellen geworfen. Viele Leute hatten den Eindruck, dass mein Bruder und ich der Tierwelt Schaden zugefügt hätten, als wir mit Ski durch den Wald fuhren. Geschätzte zwanzig Mal wurde ich angesprochen auf das «arme Wild». Wildfremde Leute und sogar der «Blick am Abend» zeigten sich besorgt.

Nun, wir sind ja nicht durch die Masoalahalle gefahren, und so haben wir denn auch all das Wild nicht gesehen, das nun postuliert wird. Aber natürlich, ich weiss: Es geht ums Prinzip. Dieses in Ehren – man könnte die Diskussion in alle Himmelsrichtungen führen und keiner hätte am Ende recht:

Sind denn die Jäger besser?
Aha, sie regulieren den Bestand, klar, das geht natürlich in Ordnung.
Und die Hundebesitzer, die im Wald spazieren?
Aha, die hats schon immer gegeben, geht auch in Ordnung.
Die Skigebiete?
Aha, die Wirtschaft, na das ist natürlich ein Argument!

Ein guter Eingriff

Ich will aber eigentlich gar nicht diskutieren, denn da dreht man sich schnell im Kreis. Ich will lieber eine Geschichte erzählen, die auch etwas mit Kreisen zu tun hat:

Es war an Weihnachten 2012 und wie jedes Jahr waren wir auf Weihnachtsskitour. Vor mir geht Michel, ich kann die Weissweinflaschen in seinem Rucksack klimpern hören, noch weiter vorne Andres, er hat seine Peugeot-Pfeffermühle dabei, denn so schmecke sein Steinpilzrisotto am besten. Ich stell jetzt aber nicht alle vor, die dabei waren, denn darum gehts nicht. Einen noch: Zuvorderst geht Jonas und singt in den hellsten Tönen «Maria durch den Dornwald ging».

Doch plötzlich verstummt sein Gesang. Wir sind schon weit oberhalb der Waldgrenze. Da ist eine kleine Mulde, hüfthoher Schnee … eine Gämse! Sie hat einen irren Blick, starre Augen, sie keucht, denn sie rennt – im Kreis! Wir schauen verdutzt zu, wie sie Runde um Runde dreht, ohne uns wahrzunehmen, und dabei durch den gnadenlosen Schnee immer mehr an Kräften verliert. Es ist ein trauriges Naturschauspiel, denn sie wird an Ort und Stelle aus Erschöpfung verenden, dessen sind wir uns sicher.

Aber wir sind ja keine Tierfilmer. Also greifen wir ein. Wir müssen die Gämse zurück in den Wald lotsen. Sonst hat sie keine Überlebenschance. Wir reden ihr gut zu und treiben sie, nur wenns nicht anders geht, mit unseren Skistöcken in die richtige Richtung. Wir singen ihr auch mal ein Weihnachtslied und wir freuen uns über jeden Meter, den wir zum Wald hin schaffen.

Wir haben davon nichts dokumentiert. Hier aber ein ähnlicher Fall von anderen bösen Offpiste-Rowdys (Video: The Telegraph):

Ich weiss nicht, was aus unserer Gämse geworden ist. Ich habe sie nie mehr getroffen, obschon ich mich seither viel im Wald aufhielt. Am Uetliberg war sie auch nicht.

Der Wildhüter dankte uns damals aber für unseren Einsatz, sie sei wohl an Gamsblindheit erkrankt gewesen, was sie aber überleben kann, solange sie Schutz findet.

RespekTIERE deine Grenzen

Ich respektiere meine Grenzen, so wie es der Bund von mir verlangt. Wenn ich einem Tier ausweichen soll, dann tu ich es, und wenn ich einem helfen kann, tu ich es auch. Dass man sich dazu in die Natur begeben muss, versteht sich von selbst. Der Uetliberg fällt nicht in eine Schutzzone, wir achteten trotzdem darauf, so wenig wie möglich im Wald (abseits eines Weges) zu fahren.

Ich bin überzeugt davon, dass das Tun eines Skitourengängers nicht schädlicher ist als das irgendeines anderen Wintersportlers. Dass Skitourengänger einen weit sensibleren Umgang mit der Natur pflegen als jedes Skigebiet, das Schneisen schlägt und Rohre für künstliche Beschneiung durch den Berg zieht. Dass alle je unternommenen Skitouren vielleicht einen Bruchteil jenes Trubels verursachen, den etwa ein Skirennen macht, das schon nur als Vorprogramm Kampfjets und einen Passagierflieger durch die Berge jagt.

Wieso sorgt sich keiner um das arme Wild dort, wo die Sorge angebracht wäre?

Dominik Osswald*Dominik Osswald ist freischaffender Journalist und Alpinist. Er lebt in Basel.

Outdoor

«Der Gipfel des Wahnsinns»

Natascha Knecht am Mittwoch den 21. Januar 2015
Yosemite Climb

Plötzlich Helden: Die US-Kletterer Tommy Caldwell (l.) und Kevin Jorgeson erzählen den Medien, wie sie die Dawn Wall am El Capitan bezwangen (15. Januar 2015). Foto: Eric Paul Zamora (AP, Keystone)

Für Kletterinteressierte war es ein gefundenes Humorfestival: 19 Tage brauchten zwei US-Freeclimber, um die Dawn Wall am El Capitan als erste Menschen rotpunkt zu klettern. Damit machten Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson nicht nur am Fels das Unmögliche möglich. Sie generierten via Livestream, Twitter, Facebook, Instagram und so weiter einen ungeheuerlichen Medienhype – was für diesen Nischensport natürlich toll ist. Doch es gab auch einige Irrungen und Verwirrungen. Hier sind die Highlights:

Lang lebe Kyrbekistan! (Quelle: Tagesanzeiger)

Ein Hoch auf Kyrzbekistan! Es liegt unmittelbar neben Absurdistan. Karikatur: Ruedi Widmer («Tages-Anzeiger»)

Ein erfundenes Land: Bevor die Kletterei am El Capitan losging, gab Tommy Caldwell der «New York Times» ein exklusives Interview. Da erzählte er, wie er 2000 in Zentralasien gekidnappt und gerettet wurde – und zwar in der Republik Kyrzbekistan. Die Redaktion dachte sich wohl, wenn einer in der Vertikalen Unmenschliches vollbringen kann, dann weiss er auch, in welchen Ländern er reist. Jedenfalls hat bei der NYT niemand gemerkt, dass es Kyrzbekistan nicht gibt. Inzwischen existiert das «irrtümlich erfundene Land» – im Internet. «Der neue Staat twittert, hat einen Schwarzmarkt für Pizza und träumt vom Sieg des Fussballvereins Traktor Bishkent über Real Madrid», schreibt «Der Standard». Der «Tages-Anzeiger» schickt «Greetings from Kyrzbekistan!» Auch das ist ein Kletterrekord.

Weshalb benutzen die Seile, wenn es Freeclimbing ist? (Bild: AP Photo/Tom Evans, elcapreport)

Weshalb benutzen die Seile, wenn es Freeclimbing ist? Foto: Tom Evans (AP, Keystone)

Was bedeutet «Freiklettern»? Das gemeine Publikum verwechselte Freeclimbing mit Free-Soloklettern und reagierte in den Kommentarspalten etwas enttäuscht, weil da am El Capitan ein Sicherungsseil im Spiel war («Na ja, 50 Meter am Tag klettern, dann noch angeseilt . . .»). Oder Freiklettern wurde so erklärt, dass es jeder versteht: «Wenn der Vorsteiger zum Beispiel ein wenig traversieren muss und dann zur Seite nicht mehr weiterkommt, aber dann entdeckt, dass er 5 Meter weiter unten dies wunderbar tun kann, dann darf er sich auch nicht einfach dahin abseilen, sondern muss dort hinunterklettern.»

Hier gehts zum ARD-Beitrag: http://www.tagesschau.de/ausland/yosemite-klettern-101.html

Nur mit Händen und Füssen und Seilen aus Stahl: Auch die Kletterfans begriffen nicht immer, was da in Sensationssprache vermittelt werden wollte. Zum Beispiel im Beitrag der «Tagesschau» der ARD: «915 Meter senkrecht nach oben – noch niemand hat die Granitwand des El Capitan im Yosemite-Nationalpark ohne Hilfsmittel bezwungen. Zwei US-Freeclimber wollen das ändern. Nur mit Händen und Füssen und Nerven aus Stahl sind sie auf dem Weg nach oben.» Es sei «der Gipfel des Wahnsinns», so der Sprecher. Es sei «die Ente des Tages», antwortete das «Climax Magazine» auf Facebook. Denn der El Capitan wurde schon von x Kletterern frei «bezwungen», es geht hier um eine Route. Und Klettern.de schreibt: «Ich hätte auch gerne Füsse aus Stahl.» Wer nicht?

Der Herr links sieht aus wie Alex Honnold. Aber laut «Bild» ist es Kevin Jorgeson.

Der Herr links sieht aus wie Alex Honnold. Aber laut «Bild» ist es Kevin Jorgeson.

Wer weiss, wie Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson aussehen? Ist doch egal. Die «Bild»-Zeitung verwendet ein Foto von Alex Honnold, dem vielleicht berühmtesten Kletterer der Welt, und schreibt darunter, er sei Jorgeson. Merkt ja keiner. Um das Missgeschick abzurunden, führt ABC News ein Interview mit Alex Honnold, nennt ihn aber durchgehend «Alex Honnlove». Honnold wurde von einem Journalisten gar gefragt, ob er den El Capitan auch schon frei geklettert sei – und das, obschon die anderen beiden diesen Berg ja gerade als Erste mit Hand und Fuss und Nerven und Seil klettern. (Für alle, die es nicht wissen: «Honnlove» ist besonders bekannt für ungesicherte Solotouren, besonders am El Capitan.)

Google jpgMit Hand und Fuss. Wer auf Google nach Kevin Jorgeson suchte, erhielt während rund einer Woche diese Information (siehe oben). «Praktisch jedes Detail ist falsch», schreibt Climbing.com. Erstens wieder die fast überall verbreitete Mär, die beiden seien die Ersten, die «nur mit Händen und Füssen» auf den El Capitan klettern wollen. Aus Tommy Caldwell machte Google Tom Evans. Und ist das wirklich Jorgeson auf dem Foto?

«Wir». Der US-Präsident ist jetzt auch offiziell ein Kletterfan: Barack Obama gratulierte den beiden Freeclimbern persönlich via Twitter: «So stolz auf Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson, dass sie den El Capitan erobert haben. Ihr erinnert uns daran, dass alles möglich ist.» Genau. «Yes, we can», sofern man nur will, führen 1000 Meter Big Wall zur ersten Mondlandung. Nicht alle fanden den Tweet aus dem Weissen Haus gut. Er generierte Neid.

Ist das der Dank für die Anstrengung?

Ist eine solche Schlagzeile am Ende der Dank für die Anstrengung und die überwundenen Gefahren? Ja! Es ist der Ritterschlag.

«Zwei Idioten». Am Ende bleibt die Frage: Hat sich dieser Medienhype für den Nischensport Klettern gelohnt? Wie hat die breite Öffentlichkeit auf diesen historischen Erfolg reagiert? «Vielleicht soll der Leser auch mal an die Bergwacht denken, die bei einem Absturz die Leichen bergen muss.» Oder: «Ich geh davon aus, die verwenden kleine recycelbare Tüten und sammeln ihr grosses Geschäft mit dem Papier ein und entsorgen es dann, wenn sie wieder am Boden sind, in den entsprechenden Toiletten (wie Camper auch)», kommentiert einer auf Spiegel.de. Die Freude hielt sich insgesamt in Grenzen, was das britische Satiremagazin «The Daily Mash» dazu veranlasste, in einem schlanken (lesenswerten) Artikel das zu sagen, was etwa 92,6 Prozent der Nichtkletterer dachten, aber nicht so charmant formulieren konnten: «Two idiots climb big thing for some stupid reason.»

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