Archiv für die Kategorie „Alpin“

Outdoor

Jenseits gesunden Menschenverstandes

Natascha Knecht am Mittwoch den 29. Juli 2015
Unverhoffte Hauptrolle eines Umweltskandals: Scott Jurek cremt beim a.  (John Roark/ AP)

Unverhoffte Hauptrolle eines Umweltskandals: Scott Jurek beim Appalachian-Trail. (AP/John Roark)

In der Schweiz müsste sich eigentlich jeder den Namen Scott Jurek merken. Denn seine unglaubliche Umweltverschmutzungsgeschichte könnte uns die Augen öffnen in der Diskussion um das Littering im öffentlichen Raum:

Scott Jurek (43) gehört zu Amerikas stärksten und bekanntesten Ultramarathonläufern. Seit 1999 lebt er vegan, und sein Buch «Eat and Run» verkauft sich wie heisse Weggli. Aber seit einigen Tagen hat das Idol ein «Alkoholproblem». Jurek stellte auf dem Appalachian-Trail einen neuen Zeitrekord auf. Es ist einer der ältesten Weitwanderwege der USA, führt von Georgia durch vierzehn Bundesstaaten bis hinauf nach Maine. 3500 Kilometer. Diese bewältigte Jurek in 46 Tagen, acht Stunden und sieben Minuten. Im Schnitt legte er pro Tag 80 Kilometer zurück, manchmal bei 40 Grad Celsius, manchmal bei starkem Regen.

Der Skandal ereignete sich dann am Ziel auf dem 1606 Meter hohen Mount Katahdin im streng regulierten Naturschutzgebiet Baxter State Park. Jurek und sein Team feierten den Erfolg mit einer Flasche Champagner. Man stelle sich das vor! Sie liessen den Korken knallen, und dummerweise sprudelten ein paar Tropfen auf den Boden. Ein Ranger stürmte an – nicht, um mit ihm anzustossen, sondern um ihm gleich drei Anzeigen auszuhändigen. 1. Weil im Park nur Gruppen bis zwölf Personen erlaubt sind. Um Jurek waren aber ungefähr 35 Personen versammelt. 2. Weil im Park ein Alkoholverbot herrscht, und Jurek hatte mutwillig Champagner getrunken. 3. Wegen Littering, da eben einige Tropfen aus der Flasche auf den Boden gespritzt sind. Der Ranger begründete, man wolle nicht, dass es im Park rieche wie in einer Bar.

Kaum zu glauben, oder? Typische lächerliche amerikanische Verhältnisse, könnte man sagen. Aber bei uns wird derzeit auch ernsthaft darüber diskutiert, ob das achtlose Wegwerfen eines Zigarettenstummels «fern jeden Anstands und einer rechten Erziehung» mit einer Busse «von nicht unter hundert Franken» bestraft werden soll. Weshalb soll eine Geldstrafe für einen verspritzten Tropfen Champagner absurd sein, aber für einen Zigarettenstummel die richtige Erziehungsmassnahme? Wo führt das hin? In ein Outdoor-Gefängnis? Wollen wir das? Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

Was ist Ihre Meinung?

Outdoor

10 Gründe, warum man das Gebirge derzeit meiden sollte

Natascha Knecht am Mittwoch den 22. Juli 2015

1. Es ist schrecklich, die überwältigende Schönheit der Hochalpen zu ertragen. Leidenswille und Schmerztoleranz müssen deshalb extrem hoch sein.

Aussicht vom Wetterhorn im Berner Oberland auf Jungfrau, Mönch und Eiger.

Aussicht vom Wetterhorn im Berner Oberland auf Jungfrau, Mönch und Eiger.

2. Um auf einen hohen Gipfel zu steigen, muss man nicht nur in der Nacht aufstehen. Man wird dafür auch noch mit dem Drama eines Sonnenaufgangs bestraft. Fürchterlich!

Der Mont Blanc im ersten Sonnenlicht. Gesehen vom Rochefortgrat.

Der Mont Blanc im ersten Sonnenlicht. Gesehen vom Rochefortgrat.

3. Unter dem Wolkenmeer wäre man nicht der direkten Sonne ausgesetzt. Man könnte sich das Geld für die teuren Cremen sparen.

Das Mattertal vom Zmuttgrat am Matterhorn gesehen.

Das Mattertal vom Zmuttgrat am Matterhorn gesehen.

4. Statt in der Badi die Seele baumeln zu lassen, muss man sich im Gebirge unentwegt konzentrieren. Man darf nicht einmal stolpern.

Eine Seilschaft beim Abstieg vom Bietschhorn, Wallis.

Eine Seilschaft beim Abstieg vom Bietschhorn, Wallis.

5. In den Hütten ist die Freiheit auch nicht mehr wie früher. Schnarchen ist heutzutage unerwünscht.

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Nicht schnarcheln: Schild in einer Hütte.

6. Grosses Pech, wenn man als Seilschaft ganz allein auf einem Viertausender steht. Wie langweilig!

Auf dem Matterhorngipfel.

Auf dem Matterhorngipfel.

7. Mühsam, wenn eine Route keine Bohrhaken oder Fixseile hat. Alles muss man selber machen! Selbstsicherung legen – und diese dann auch noch entfernen.

Keil und Friend.

Keil und Friend.

8. Eis, Schnee und kalte Finger auch im Hochsommer.

Am Younggrat zum Breithornzwilling, Wallis.

Am Younggrat zum Breithornzwilling, Wallis.

9. Ärgerliche Regeln in den Hütten und Biwakschachteln, die man einhalten sollte. Betonung auf «sollte».

Eine grossgeschriebe Bitte im Arben-Biwak.

Eine grossgeschriebe Bitte im Arben-Biwak.

10. Die Probleme beginnen hier oben, schon bevor der Tag anbricht. Kaum ist eines gelöst, stellt sich das nächste. Es hört nicht auf, bis man endlich wieder zu Hause ist.

Am Rotgrat auf den Alphubel, Wallis.

Am Rotgrat auf den Alphubel, Wallis. Bilder: © Archiv Natascha Knecht

Weshalb meiden Sie das Hochgebirge im Sommer?

Outdoor

Und wenn die Erde doch eine Scheibe ist?

Blog-Redaktion am Montag den 20. Juli 2015

Ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*


Ist der Grund für das gerissene Seil bei der Erstbesteigung so wahnsinnig wichtig? «Tatort Matterhorn» in der 90-Minuten-Version. Video: SRF

Wann immer grosse Ereignisse die Menschheit bewegen, sind Verschwörungstheorien nicht weit: Die Mondlandung wurde in einem Filmstudio gedreht, weil auf dem Mond die US-Fahne nicht im Wind flattern konnte. 9/11 geht auf das Konto der CIA. Prinzessin Diana donnerte mit Zutun des britischen Geheimdienstes in die Tunnelwand und die Herren in Bern machen sowieso, was sie wollen.

Und jetzt ist also das Matterhorn an der Reihe. Rechtzeitig zum 150-Jahr-Jubiläum der tragischen Erstbesteigung. SRF ging in der Pseudo-Dokumentation «Tatort Matterhorn» der weltbewegenden Frage nach, ob das berühmteste Seil der Alpingeschichte gerissen ist oder durchgeschnitten wurde. Den zweiten Platz belegt übrigens das Hanfseil des Toni Kurz in der Eigernordwand, das er wegen Kuhnagels in den Fingern nicht aufknüpfen konnte. Bloss ist dazu meines Wissens noch keine Verschwörungstheorie aufgetaucht.

Vorsicht, Verschwörungstheorie! Der Abstieg in «TatortMatterhorn». Screenshot: SRF

Vorsicht, Verschwörungstheorie! Der Abstieg in «Tatort Matterhorn». Screenshots: SRF

Im besagten Film von SRF also war in gefühlten zwanzig Wiederholungen zu sehen, wie das Seil über einer scharfen Felskante zerriss. Darauf erklärte ein Forensiker im dramatischen Gegenlicht am Mikroskop, das Seil sei zweifelsfrei zerschnitten worden. Ganz im Stil der unsäglichen US-Reality-Soaps, in denen Officer Bruce Willis aus Milwaukee im Brustton des aufopfernden Gesetzeshüters erklärt, wie er den Schurken beim Pinkeln am Strassenrand erwischte. Täglich auch zu sehen in den unzähligen CSI-Folgen, in denen ein Kriminaltechniker aus einem Blutstropfen im UV-Licht einen ganzen Tathergang zurück bis ins 18. Jahrhundert rekonstruiert. Zudem wurde in Empa-Tests die Bruchfestigkeit der damaligen dünnen und dicken Seile ermittelt. Alles wahnsinnig interessant.

Hinterlistig oder lebensrettend durchgeschnitten: Das Seil, um das sich Legenden drehen. Screenshot: SRF

Hinterlistig oder lebensrettend durchgeschnitten? Das Seil, um das sich Legenden drehen.

In der Folge dieser Erstbesteigung, und bis heute, wird hitzig diskutiert, ob das Seil tatsächlich riss oder von Bergführer Taugwalder, je nach persönlichem Standpunkt hinterlistig oder lebensrettend, durchgeschnitten wurde.

Eine absolut sinnlose Diskussion, die letztlich nicht nur Taugwalders, sondern auch Whympers Leben ruinierte. Das gerissene oder zerschnittene Seilstück – ausgestellt als Devotionalie im Zermatter Bergsteigermuseum – gelangte gemäss SRF-Dok zuerst nach London zum British Alpine Club und von dort wieder zurück nach Zermatt. Ob es sich dabei tatsächlich um das Originalseil oder um einen Kalberstrick aus einem Walliser oder britischen Bauernhof handelt, scheint bis heute ungeklärt.

Ein paar Fotos aus dem Weltall, die unsere Erde als Kugel zeigen, können doch nicht wirklich als Beweis dafür gelten, dass die Erde keine Scheibe ist – Photoshop machts möglich. Und es wird nie jemand nachweisen können, was mit diesem Seil am Matterhorn passierte. Ob unser aller Ueli tatsächlich auf der Annapurna und Toni Egger auf dem Torre Egger war, ob das berühmte Seil riss oder zerschnitten wurde: Ist das so wahnsinnig wichtig?

Daher mein Vorschlag: Jede und jeder soll sich diejenige Version aussuchen, die ihm am besten zusagt, und damit die unsäglichen Diskussionen beenden. Die Berge sind doch zum Besteigen, Bewandern, Bewundern, Fotografieren da. Ganz sicher nicht, um intellektuelle Verschwörungstheorien und abstruse Legenden daraus zu basteln.

*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

Outdoor

Was Outdoor-Hipster diesen Sommer tun

Natascha Knecht am Mittwoch den 15. Juli 2015

Gehören Sie zu dieser urbanen Subkultur, die noch immer Vollbart und Holzfällerhemd trägt, an Dachterrassenpartys geht und Hugo trinkt? Dann hören Sie damit auf. Es ist out. In diesem Sommer geht der Outdoor-Hipster einen Schritt weiter. Er wird mutiger und verwegener. Er ersetzt den Vollbart durch einen Hippie-Bus (hier finden sich die «steilsten») und wagt sich damit über die Stadtgrenze hinaus. Idealerweise stilecht in einem kultigen T1 von VW, die Fenster beim Fahren heruntergekurbelt. Man sieht sie derzeit überall. Auf der Autobahn, auf der Überlandstrasse, an den Pässen, auf den Alpen. Im Fahrzeug sitzen vornehmlich junge, leicht bekleidete Menschen. Es ist schliesslich warm in dieser alten Karosse ohne Klimaanlage. Trotzdem trägt mindestens eine(r) der Gruppe – zumeist der Fahrer – eine coole Wollmütze. Selbst bei 35 Grad im Schatten.

Outdoor ohne Schweiss, dafür mit viel Genuss

Was Trends und Booms im Sommer angeht, ist die gigantische «Outdoor»-Messe in Friedrichshafen jeweils ein aufschlussreicher Indikator. Wie sich das «Outdoor-Verhalten» der Konsumgesellschaft verändert respektive beeinflussen lässt, weiss niemand besser als die Experten der Industrie, die sich dort versammeln. Nehmen wir zum Beispiel Camping. «Das stand früher für Isomatten, nasse Zelte bei Regenwetter und Essen aus der Dose, aber auch für Flexibilität und günstigen Familienurlaub», berichtet das Magazin «Outdoor». Damals passte ein Zelt noch in einen Veloanhänger, «zumindest aber sicher in den Kofferraum». Aber diese «Art von herkömmlichem Camping» gelte inzwischen in manchen Kreisen als veraltet. Angesagt sei heute «Glamping», eine Abkürzung für «glamorous camping». Es bedeute «Outdoor ohne Schweiss, dafür mit viel Genuss».

Das Problem: Die umfassende Komfortausrüstung für Glamping passt nicht mehr in den Kofferraum. Dafür braucht es nun einen Kleintransporter oder einen Reiseanbieter, der den Aufenthalt auf dem Glampingplatz organisiert und die Infrastruktur zur Verfügung stellt. Dort kann der gestresste Hipster dann in der Natur entspannen und muss trotzdem nicht auf richtige Betten, WLAN, Steckdosen, Küche und Kühlschrank verzichten. Heute bieten Zelte mehrere Schlaf- und Aufenthaltskabinen.

Die Produkte sind der eigentliche Anlass für die Tour

Primus, Hersteller von «rucksacktauglichen und in jeder Extremsituation verlässlichen Kochern», hat die Entwicklung von Nachfrage und Angebot analysiert und präsentiert nun «eine völlig neue Produktlinie». Sie heisst Campfire und erinnert fast schon an die Küche eines Sternekochs. Die bisherigen Kocher, so Primus, nehme man mit, weil sie verlässliche Partner seien und weil man sie brauche. «Die Campfire-Produkte sind dagegen der eigentliche Anlass für die Tour.»

Heute braucht es also ein Produkt, damit die Leute motiviert sind, outdoor zu gehen. Einen Luxusgrill, den sie in die Seitentäler transportieren können. Einen Hippie-Bus, mit dem man von Parkplatz zu Parkplatz fährt. Es ist wie mit diesen Spielplätzen vor (ungefähr) jedem Berghaus der Schweiz. Es gäbe Wiesen, Wälder und vieles zu entdecken, aber die Kinder toben sich in der Plastikhüpfburg aus. Wird irgendwo eine Hängebrücke in die Landschaft gebaut, ist der Besucheransturm garantiert. Seilbahnen mit neuen Drehgondeln wirken wie ein Magnet. Ebenso Gipfelgebäude, die von Stararchitekten entworfen wurden. Die Natur allein wäre zu unspektakulär.

Was denken Sie über dieses Outdoor-Verhalten?

Outdoor

Willkommen am Tessiner Fels

Blog-Redaktion am Mittwoch den 8. Juli 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

«Benvenuti al Canyon» steht auf dem Täfelchen, das an einem Baum hängt. So freundlich sind wir noch nie in einem Klettergebiet begrüsst worden. Canyon heisst ein Sektor der Falesie di Gudo. Die Felsen hoch über der Magadinoebene sind vor wenigen Jahren von Tessiner Kletterern erschlossen worden. Der Weg vom Parkplatz durch den Kastanienwald ist sorgfältig angelegt, alle paar Meter weist ein rot-weisser Pfeil die Richtung – selbst in Gegenrichtung, man muss ja auch den Rückweg wieder finden. Unter den rötlichen und grauen Gneisformationen ist ein Rastplatz mit Tisch und Bänken eingerichtet, selbst der Aschenbecher aus Granit fehlt nicht. Die Routen sind weithin sichtbar in gelber Farbe und grossen Buchstaben angeschrieben, samt Schwierigkeitsgrad. Bohrhaken, Umlenkungen – hier stimmt alles, auch das Ambiente. Zwischen den Birken und Kastanien streift der Blick über die Ebene zum Ceneri, am Himmel kreist ein Raubvogel, am Fuss der Wand windet sich eine junge Ringelnatter und verschwindet unter Steinen. Mit Sorgfalt und Hingabe haben lokale Enthusiasten einen kleinen Felsfreizeitpark erschlossen und für die Klettergemeinde zur Verfügung gestellt.

Einst bildeten die Tessiner Kletterer eine verschworene Gemeinschaft, die sich dezidiert gegen die Felssportler aus dem Norden abgrenzte und Routenbeschreibungen und neue Klettergebiete geheim hielt. «Ein auswärtiges Kletterführerprojekt zwingt zum einstimmigen Widerstand», schreibt Marco Volken in einem historischen Abriss über seinen 1964 gegründeten Kletterclub Scoiattoli dei Denti della Vecchia. Tempi passati. Über die Website Scoiattoli.ch veröffentlicht die Gruppe heute neue Routen, Gebiete und weitere Informationen zum Klettern im Tessin. Unter anderem kann man hier die Beschreibung der Falesie di Gudo herunterladen.

«La roccia, sebbene non sia fra le migliori de Cantone, offre vie molto variate e mai banali», heisst es da. Das klingt nicht gerade hinreissend, ist jedoch ehrlich und entspricht etwa unserer Erfahrung. Heikle Einzelstellen, glatte Auflegergriffe, die Bewertung ziemlich hart. Das Gebiet ist sicher gewöhnungsbedürftig. Die gute Information zeigt jedenfalls, wie sich die Szene im Tessin gewandelt hat in den vergangenen Jahren. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass sich die Felsen auf privatem Grund befinden, «un comportamento rispettoso» sei angezeigt.

Das erinnert an den Sektor Il Gufetto in Arcegno, wo uns vor drei Jahren kein «Benvenuti» empfing, sondern der Schriftzug «PRIVATO CHIUSA», in Riesenbuchstaben auf den Fels gepinselt. Die untersten Haken waren ausgerissen, ein Fixseil am Zugangsweg entfernt. Über die Gründe dieser privaten Felssperrung gibt es verschiedene Versionen. Der Besitzer des nahen Rusticos, zu dessen Grundstück offenbar auch der Wald und die Felsen gehören, habe sich über Müll und menschliche Exkremente beklagt. Laut anderen Gerüchten war es sein Hund, der sich mit den Felssportlern nicht vertragen habe. Die Tessiner Scoiattoli hätten das Gespräch gesucht, aber offensichtlich ohne Erfolg.

Der Aschenbecher bei den Felsen von Gudo ist wohl als Mahnung gedacht, sich anständig zu benehmen und nicht einmal eine Zigarettenkippe liegen zu lassen. Damit nicht auch hier eines Tages «PRIVATO CHIUSA» steht statt des freundlichen «Benvenuti».

SCHRIFTSTELLER, AUTOR, *Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

Outdoor

Möbel auf dem Vrenelisgärtli

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 17. Juni 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*:

Wir hoffen, wie jeden Sommer, dass uns doch das Schneefeld auf dem Vrenelisgärtli erhalten bleibe, das sagenumwobene. Das im Hitzesommer 2003 verschwand, weggeschmolzen, und seither noch zwei weitere Male. Was ist denn der Glärnisch ohne die weisse Krone des «Vreneli»? Ein graues Mahnmal des Klimawandels.

Die Geschichte der jungen Frau, die auszog, das Unmögliche zu wagen, im ewigen Eis einen Garten zu pflanzen, ist gewiss eine der stärksten Alpensagen. Ihr Ursprung ist kompliziert, eine Spur führt zu Leuca, einer keltischen Schneegöttin, eine andere in die Verenaschlucht bei Solothurn. Vom Teufel vertrieben, fuhr die Einsiedlerin Verena auf einem Mühlestein – altes Sexsymbol – auf der Aare hinab und den Rhein hinauf nach Zurzach, das zum Hauptort des Verenakultes wurde. «S isch äbe e Mönsch uf Ärde», singt Stefan Eicher, auch das Vreneli ab em Guggisbärg gehört in den Verena-Komplex. Stäfa am Zürichsee trägt Verena im Wappen mit Wasserkrug und Läusekamm: Heilerin und Wassergöttin.

Wenn bloss nicht das ganze Schneefeld zu Wasser wird in der Sommerhitze. Ich werde zwar ohnehin nicht hinaufsteigen, nicht mehr. Es dauerte lange, bis ich einmal oben war, allein vom Tal auf den Gipfel wie die sagenhafte Verena. Zum Glück kein Schneesturm wie einst, als drei Burschen aus Schwanden mitten im Sommer dort oben erfroren. Kein Kreuz war da, nur ein Schuttgrat, auf der Nordseite das viereckige Schneefeld, die Aussicht atemberaubend, ein ergreifender Augenblick. Ich hatte den Berg gemieden, weil ich als Jugendlicher kurz unter dem Gipfel Augenzeuge eines tödlichen Unglücks geworden war. Der Glärnisch ist ein gefährlicher Berg, dem Wetter ausgesetzt und lockeres Gestein.

UBS sponsert Steinbank auf dem Gipfel

Aber nun meide ich ihn aus anderen Gründen. Inzwischen ist der Gipfel des Vrenelisgärtli «möbliert» worden, ein massives Gipfelkreuz musste her, samt Blitzableiter. Eine Büchse mit Gipfelbuch daran geschraubt, dekoriert mit einem fünfzackigen Stern. Seltsame Symbolik. Dazu hängt ein Glöcklein am Kreuz, ein Kübel ist obendrauf gestülpt. Wohl weil das Vreneli in der Sage ein Käsekessi über den Kopf hielt, als es zu schneien begann. Vielleicht als Beschwörung, dass es doch wieder mal genügend Schnee gebe dort oben? Übrigens ist auch Frau Holle irgendwie verwandt mit der sagenhaften Verena.

Wo der Kitsch hinfällt, bleibt er bekanntlich nicht lange allein. Glarner Touristiker liessen im Juni 2010 eine tonnenschwere Steinbank per Heli auf den Gipfel fliegen, gesponsert von der Grossbank UBS. «Geschenk von Glarus Süd an Zürich», also von meiner Heimat- an meine Wohngemeinde. Darüber hinaus schenkten die Glarner den Zürchern grosszügig auch noch einen Quadratmeter schotterigen Heimatboden. Ein Blumengärtlein wächst da bestimmt nicht. Zur Einweihung stiegen Zürichs Stadtpräsidentin und eine Glarner Regierungsrätin mit Bergführern und einem Tross von Glarner und Zürcher Politkern und Politikerinnen und weiteren Notabeln auf den Gipfel. Freude herrschte.

Bei mir hält sie sich in Grenzen. Ich kann mich mit dem Klimbim auf dem sagenhaften Gipfel nicht befreunden, muss ich ja auch nicht. Mir genügt der Blick vom Zürichberg zum Glärnisch. Wenn nur der Schnee dort oben nicht schmilzt, diesen Sommer.

Ihre Meinung interessiert uns. Wie denken Sie über die Möblierung des sagenhaften Gipfels?

SCHRIFTSTELLER, AUTOR, *Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

Outdoor

Porno – die neue Rhetorik am Berg

Natascha Knecht am Mittwoch den 10. Juni 2015
Das findet, wer Climbingporn sucht: Bilder aus dem Mad-Rock-Katalog (l.) oder den Kanarraville Falls, Zion National Park, Utah (r.). Fotos via Twitter und Reddit

Wer nach Climbing-Porn sucht, findet unter anderem das: Bilder aus dem Mad-Rock-Katalog (l.) oder den Kanarraville Falls, Zion National Park, Utah. Fotos via Twitter und Reddit

«Ski-Porn» oder «Climbing-Porn» – man mag es seltsam finden, unter welchen Schlagwörtern die heutigen Freerider und Kletterer ihre «geilsten» Linien ins Netz stellen. Die Bilder und Videos zeigen keine klassische Pornografie, sondern lediglich Menschen in steilen Tiefschneehängen oder Felswänden. Erotisch aufgeladene Formulierungen haben in der alpinistischen Literatur Tradition. Sie lösten die militärische Rhetorik ab, die vor 150 Jahren gebräuchlich war, als das Freizeitbergsteigen in Mode kam. Der damals neu gegründete SAC fungierte als «Generalstab» der Alpinisten. Eine Vereinstour war ein «Feldzug» mit dem Ziel, einen Gipfel «anzugreifen» und zu «erobern».

Zwar hält sich der Ausdruck «einen Berg bezwingen» hartnäckig, allerdings praktisch nur noch in den Medien, geschrieben von Leuten, die sich wohl noch nie über die Waldgrenze hinausgewagt haben. Denn die Alpinisten begriffen schnell, dass sie im Gebirge oft einen «Kampf» führen, aber vor allem mit sich selber, nicht gegen den Berg. Dieser lässt sich nicht «besiegen», er bleibt immer stärker. Die schlauere Taktik ist also, sich behutsam an einen Gipfel «heranzumachen», wie bei einem zwischenmenschlichen Flirt. Bei zu aggressiver Methode ist der Fehltritt programmiert. Liebe und Leid stehen auch im Gebirge nahe beieinander.

Berge sind attraktiv, Alpinisten ebenfalls

Nun liegt es aber in der Natur des typischen Alpinisten, dass er sich unheimlich stark glaubt. Er trotzt Wind, Wetter, Gefahren und nimmt sein Leben «hart in die Hand». In seiner Logik sind sein gesunder, widerstandsfähiger Körper, sein Mut und sein Tun hochattraktiv. Inmitten der Gipfelwelt kommt er sich vor wie der Held in der Disco. So wundert es wenig, dass die Berge seit jeher «als Objekte des bergsteigerischen libidinösen Begehrens» inszeniert werden, wie Dagmar Günther in ihrem wissenschaftlichen Werk «Alpine Quergänge» feststellt.

In Tourenberichten liest man ständig von «Liebhabern der Höhen», die «leidenschaftlich» ins Gebirge «eindringen». Mit «Ausdauer» und aus reiner «Manneskraft». Beim Ausleben dieses «Triebs» verspüren sie «intime Gefühle». Sie «begehren» die Berge und haben das «brennende Verlangen» nach einer «Besteigung», am liebsten eines «unberührten» Gipfels. Auf dem «Höhepunkt» erfahren sie «tiefe Befriedigung».

«Gefesselt» von den «Reizen» der «Spalten» und «Ritzen» lassen sie sich von «unstillbarer Sehnsucht» leiten. Der Anblick von «schön geformten» Felsen «erregt» sie. Ein «blanker Vorbau» macht sie «schwach», sie können nicht «widerstehen». Besonders dann, wenn Wolken vor dem Auge des Alpinisten «hoch und höher ziehen», die Flanken «entschleiern» und diese in «vollendeter Herrlichkeit» «verführerisch» herübergrüssen. Je abweisender sie sich geben, desto grösser das Ansehen des Alpinisten, der sie «bekommt». Das verursacht natürlich auch «Versagensängste». Aber nach der geglückten Tour dank der «richtigen Technik» sind ihr «Selbstwert» und die «Sensibilität» gesteigert.

Während früher in den alpinistischen Schilderungen lediglich erotisch konnotierte Metaphern gewählt wurden, kommen die jungen Wilden nun ohne Umschweife zur Sache. Das neue Porno-Vokabular ist sozusagen eine sprachliche Weiterentwicklung des «immer schneller, höher, krasser» im Bergsport, angepasst an das 21. Jahrhundert.

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Was Sportkletterer wollen

Natascha Knecht am Mittwoch den 3. Juni 2015
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Plaisir bedeutet Genuss: Lorena in der Route «Biceps» in Oetz. (Foto: Mike Gabl)

Früher war alles besser? Punkto Sportklettern stimmt das nur bedingt. Steile Felswände blieben vor noch nicht allzu langer Zeit «Freaks» vorbehalten. Sie waren Alpinisten, die mehr oder weniger ihr ganzes Leben den Bergen verschrieben hatten. Jeder Sturz bedeutete Schmerzen, wenn nicht gebrochene Knochen. Inzwischen ist das anders. Die Ausrüstung hat sich enorm weiterentwickelt. Sportklettern ist eine massentaugliche Freizeitbeschäftigung geworden, der man relativ risikofrei nach Feierabend frönen kann. Kletterhallen mit perfekt abgesicherten Routen boomen. Hier spielt das Wetter keine Rolle, man kann mit dem Auto bequem vor dem Gebäude parkieren, Erfahrung am Berg ist nicht Voraussetzung.

Trotz der «Konsumkritik» der alteingesessenen Traditionalisten: Schlecht sind diese Veränderungen nicht. Niemand muss in die Halle. In der Schweiz gibt es Tausende von Felsrouten. Gut oder sparsam abgesicherte. Jeder findet, was er sucht. Welche Vorstellungen, Wünsche, Anforderungen und Motivation die heutigen Kletterer haben, weiss Sandro von Känel. Er veröffentlichte soeben zwei Kletterführer: «Plaisir Ost» und «Extrem Sud». Wie vom altbewährten Filidor-Verlag gewohnt, sind die Neuauflagen im handlichen A5-Format und bieten übersichtlich alle nötigen Informationen zu den einzelnen Routen: Skizzen, Charakter, vorhandene Absicherung, welche Ausrüstung empfohlen ist, wie man den Einstieg erreicht etc.

Aber die frisch gedruckten Auflagen zeigen nicht nur, wo neue Routen erschlossen wurden. Ein Vergleich mit den alten Ausgaben gibt auch interessante Einblicke in die Entwicklung des Sportkletterns.


«Schweiz Plaisir Ost» umfasst die Klettergärten und Mehrseillängenrouten vom Berner Oberland über die Innerschweiz bis zum Alpstein – und neu auch das Ötztal in Österreich:

umschlag_OST_2015_kleinInsgesamt sind im neuen 372-Seiten-Band mehr als 20 neue Gebiete zu finden, zum Beispiel Lunghin oberhalb des Malojapasses im Engadin. Weggefallen ist dagegen etwa der Westgrat am 2981 Meter hohen Salbitschjen im Kanton Uri. Obschon der maximale Schwierigkeitsgrad mit «nur» 6a angegeben ist, entspricht er nicht mehr der heutigen Definition von «Plaisir», also Genussklettern. «Plaisir hat sich verändert», sagt Sandro von Känel. «Heute gibt es viele, die im Klettergarten ein 6a locker bewältigen. Aber der Salbit-Westgrat ist eine ernsthafte Tour mit 30 Seillängen, nimmt 12 Stunden in Anspruch und verlangt alpine Erfahrung.» Manche schauen bei der Planung nur auf die angegebene Kletterschwierigkeit, nicht aber auf die weiteren Herausforderungen.»

«Plaisir-Klettern» bedeutet heute: sehr gut abgesicherte Routen, familienfreundlich, gemütliches Ambiente, ungefährliche und kurze Zustiege. Ein Rückzug ist auch bei Mehrseillängenrouten fast jederzeit möglich.


«Schweiz Extrem Sud» richtet sich dagegen an ambitionierte Kletterer, die sich auch selber absichern können:

umschlag_extrem_SUD_kleinDer neue 358-Seiten-Band umfasst Gebiete im Tessin und dem angrenzenden Italien. Einige davon waren bei uns in der Deutschschweiz noch wenig bekannt, weil sie bis vor wenigen Jahren von manchen Tessinern «geheim» gehalten werden wollten. «Ihre Einstellung hat sich inzwischen geändert», sagt von Känel. «Sie sind durchaus interessiert, dass ihre Routen geklettert werden.» Besonders lohnenswert, jedoch weniger bekannt als das Tessin, sei das Ossola-Tal. «In der Schweiz gibt es keine vergleichbare Risskletterei.» Für die Zustiege benötigt man gegen zwei Stunden. «Dafür herrscht dort nie viel Betrieb.» Näher ist der Fels etwa am Comersee oder am Lago di Lecco.

Sandro von Känel klettert «möglichst viele» Routen selber, bevor er sie in seine Führer aufnimmt. Darum kennt er die Gebiete sehr genau, ebenso die stets wachsende Szene. «Es gibt zwar immer mehr Leute, die sich fürs Sportklettern begeistern. Der grösste Teil bleibt jedoch in den Hallen. An den Felsen hat es immer noch etwa gleich viele Leute wie vor fünf Jahren.»

Wer verspürt da nicht schon beim blossen Gedanken an Granit, Kalk oder Gneis ein Kribbeln in den Fingern?

Hinweis: Die neuen Führer «Plaisir Ost» und «Extrem Sud» gibt es in den meisten Bergsportgeschäften – und direkt via Filidor.ch.

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Dichtestress zu Lande, zu Wasser und in der Luft

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 20. Mai 2015

Ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*:

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Hier ist Rücksichtnahme fehl am Platz: Schwimmbad Oberer Letten in Zürich. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Ich gestehe, wohl nahezu als einziger Alpinist auf unseren Strassen, dass ich schlecht Auto fahre. 30 Jahre Unfallfreiheit sind doch ein untrügliches Zeichen dafür, dass es mir für den herrschenden Verkehrskrieg an Aggressivität fehlt, dass ich zu geduldig bin, mein Vortrittsrecht nicht eisern durchsetze und mich nicht konsequent an der Verkehrserziehung meiner Mitmenschen beteilige. Man müsste mir, kurz gesagt, endlich das Billett wegnehmen.

Am Sonntagabend, auf der Rückkehr von einer Bergtour, fuhr ich auf die einspurige Oberlandautostrasse, die mit 80 km/h beschildert ist, und setzte wie immer bei 85 km/h den Tempomaten. Es dauerte nur kurz, bis mir einer der unzähligen rasend guten Autofahrer mit Dauerhupe und Scheinwerfern aufhockte und mir mit obszönen Gesten zu verstehen gab, wie schlecht ich Auto fahre. Meine Frau forderte mich auf, schneller zu fahren, damit der Gutmensch uns in Ruhe lässt. Dies mündete, nebst einer Ehekrise, darin, dass ich vorzeitig die Ausfahrt Jona nahm und meine Frau ans Steuer liess, da sie viel besser fährt als ich.

Am folgenden Montag fuhr ich mit dem Velo von Dietlikon nach Regensdorf zur Arbeit. Abgesehen von den üblichen Bagatellen, etwa einem riesigen Offroad-Kampfpanzer, der mir über die Stoppstrasse den Weg abschnitt, verlief die Fahrt recht entspannt. Für den Rückweg wählte ich den Glattuferweg und bummelte auf dem menschenleeren Pfad gemütlich vor mich hin. Bis mich ein nervöses Dauerklingeln aufschreckte. Ich drehte den Kopf und sah einen kleinen Cancellara mit aerodynamischem Strassenrennhelm auf einem Carbon-Singletrail-Fully-Suspended-Mountainbike an mein Hinterrad geklebt. Sofort drückte ich mich nach rechts in die Brennnesseln. Ferdy Kübler zeigte mir im Vorbeirauschen den Stinkefinger, begleitet von einem keuchenden, aber durchaus herzhaften «Lueg doch, wott härefaarsch, du Idiot!!»

Was jetzt? Auto fahren kann ich nicht, Velo fahren offensichtlich auch nicht. Am Berg nestle ich manchmal so lange an den Karabinern rum, bis die Nachfolgenden schon mal ihren Biwaksack oder das Portaledge bereit machen. Als Gleitschirmpilot hocken mir jeweils die schnelleren Deltas auf und schiessen mich aus dem Thermikschlauch raus. Bleibt nur noch das Wasser. Wenn Sie also diesen Sommer von einem Idioten auf einer Luftmatratze in Ihrem Geltungsdrang behelligt werden, dann rufen Sie einfach irgendwas Obszönes. Ich werde sofort den Stöpsel rausziehen und mich ersäufen.

Um Ihnen Platz zu machen. Gute Fahrt!

Thomas Hürzeler.

Thomas Hürzeler.

*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

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Warum die Everest-Touristen nerven

Natascha Knecht am Mittwoch den 13. Mai 2015
Bis hier schafft es jeder: Gruppenbild im Basislager. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Bis hier schafft es jeder: Gruppenbild im Basislager. Foto: Sam Hawley (Flickr)

Mit dem grossen Mount Everest ist es schon so weit, dass eigentlich jede Neuigkeit von diesem Berg nervt. Der erste 83-Jährige, der erste HIV-Positive, der erste Einbeinige. Für sie heisst das Ziel nicht Gipfel, sondern Eintrag ins «Guinnessbuch der Rekorde». Um dies zu erreichen, sind sie bereit, an gefrorenen Leichen vorbeizustampfen, Müll zu hinterlassen und andere unmenschliche Dinge zu tun. Jedenfalls ist das Image der «Pistenalpinisten» am höchsten Erdengipfel ramponiert.

Hier bei uns – weit weg vom Himalaja – brennt sich die Vorstellung ein, die Teilnehmer einer organisierten Everest-Expedition seien keine Bergsteiger, sondern dekadente Egoisten. Die Sherpas müssten sie hinauf- und hinuntertragen. Weil die «Ice Doctors» Brücken und Leitern durch den Khumbu-Eisbruch legen, weil der Weg bis auf den Gipfel tipptopp gespurt und mit Fixseilen versehen wird, sei das keine respektable Leistung. Nicht zu vergessen der künstliche Sauerstoff. Damit ist eine Besteigung ohnehin «nicht richtig». Doping, Beschiss. Mit diesen Hilfsmitteln komme jeder rauf. Eben auch der 83-Jährige, der HIV-Positive, der Einbeinige.

Die Geringschätzung der «Everest-Touristen» ist nach dem Erdbeben nochmals gewachsen. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Die Geringschätzung der Touristen ist nach dem Beben gewachsen. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Die verbreitete Geringschätzung der «Everest-Touristen» ist in diesem Frühling nochmals gewachsen. In Nepal starben durch das Erdbeben 8000 Personen, Tausende wurden verletzt, Millionen obdachlos. Am Everest befanden sich zum Zeitpunkt des Bebens 100 Bergsteiger, Sherpas und Köche im Lager 1. Alle blieben körperlich unversehrt, aber es gab Nachbeben, sie fürchteten einen Wetterumschwung, und die präparierte «Piste» zurück durch das Khumbu-Gletscherlabyrinth war zerstört. Sie konnten nicht mehr absteigen, waren auf 6100 Meter gestrandet. Unten im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine, auch Einheimische.

Die News, dass die «Everest-Touristen» ausgeflogen wurden, bevor die Helikopter in Nepals verwüstete Gebiete flogen, bewirkte weltweit eine Flut empörter Kommentare und Leserbriefe. Reinhold Messner sprach von Zynismus und «Zweiklassenrettung» – womit er selbstverständlich recht hat. Geld spielte den Expeditionen offenbar keine Rolle. Zumindest im Moment. In der Eile handelten sie nämlich keinen verbindlichen Preis für die Rettungsflüge aus. «Macht euch keine Sorgen um den Preis», habe das Helikopter-Unternehmen Fishtail Air gesagt, und präsentiert jetzt eine saftige Rechnung. 12’000 Dollar pro Rotation, die je 4 Minuten dauerte. Zehnmal so viel wie üblich. «Es ist mies, dass die Firma aus unserer Notlage Profit schlagen will», lässt sich ein amerikanischer Expeditionsleiter vom «Spiegel» zitieren.

Im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine, auch Einheimische. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Klar ist das mies. Trotzdem hält sich das allgemeine Mitleid in Grenzen. Warum wohl? Persönlich hege ich grosses Verständnis, dass die Bergsteiger keine Lust hatten, auf 6100 Meter auszuharren. Aber wie will man das Luxusleid am Everest ernst nehmen, solange Betroffene frischfröhlich twittern, Videos ins Netz stellen, via Satellitentelefon Interviews geben – und am Ende jammern, sie seien für die Rettung übers Ohr gehauen worden? Muss das sein? Was ist Ihre Meinung?

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