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Der perfekte Skischuh

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 29. Januar 2015

Heute ein Gastbeitrag von Christian Penning*.

Vielleicht schlägt er ja doch noch mal richtig zu, der Winter. Dick Neuschnee – und dann ab in die Berge. Das weiche Weiss in vollen Zügen geniessen. Ähm, ja, ... wären da nicht diese klobigen Plastikdinger. Skischuhe. Teufelszeug. Aber ohne sie lassen sich die Bretter nun mal schlecht an die Füsse schnallen. Angeblich werden sie von Saison zu Saison komfortabler. Mag sein. Dann werden wir Freizeitbrettathleten in unserem Schmerzempfinden wohl jedes Jahr sensibler. Mal sind die Hightechboots zu gross, zu weit, zu weich, und man hat das Gefühl, in Booten zu stehen, die sich nur wenig besser manövrieren lassen als ein Supertanker. Mal sind sie zu klein, zu eng, zu hart, und sie entpuppen sich als sportives Folterwerkzeug für Zehen, Knöchel und Schienbeinansatz. Es zwickt, es zwackt. Nur selten passen die Skischuhe perfekt. Mancher Hobbyskiläufer hat deshalb seine Skikarriere schon beendet.

«Einmal passend machen, bitte!»

Zugegeben, es gab eine Zeit, da spielte ich hin und wieder mit ähnlichen Gedanken – die ich allerdings Zähne zusammenbeissend spätestens mit Anrollen der nächsten Schneefront wieder verwarf. So ging das jahrelang, bis ich eines Tages einen Teil meines Kontos plünderte und bei einem Skischuhexperten aufschlug. Bitte: Einmal passend machen, koste es, was es wolle. Ich gönnte mir das volle Programm: schäumen, Schale fräsen, eine Innensohle nach Mass. Am Ende der Behandlung sah der Schuh aus wie Michael Jackson nach dem x-ten Lifting, an das Original erinnerte er nur noch entfernt – zum Glück auch, was Passform und Komfort betraf. Der nächste Skitag war ... eine Offenbarung!

Um die teils konträren Anforderungen an Komfort und Performance auch nur annähernd zu erfüllen, ist es nötig, den Fuss «gleichermassen fest wie komfortabel zu umschliessen», erläutert der Berner Orthopädietechniker und Skischuhexperte Chris Kohler. «Das ist aber nur möglich, wenn man den Schuh möglichst perfekt der individuellen Fussform anpasst.» Häufig kauften Skifahrer ihre Schuhe, die genau wie Ski und Bindung Teil des Sportgeräts seien, zu gross. Die Folge: Der Fuss verkrampft beim Versuch, Halt im Schuh zu finden. Also werden die Schnallen fester gezogen. Nicht selten resultieren daraus schmerzhafte Druckstellen und kalte Füsse, weil die Durchblutung behindert wird.

Fast vergessenes Schweizer Handwerk

Ähnlich wie beim Autokauf bieten Kohler und andere Skischuhexperten komfortable Sonderausstattungen für Skischuhe gegen Aufpreis. Klingt sehr progressiv, ist eigentlich aber nichts Neues. Skischuhanpassung ist eine Schweizer Domäne mit Tradition. Der älteste noch aktive Skischuhbauer der Welt kommt aus Davos. Vor fast 130 Jahren schusterte Franz Heierling nach norwegischem Muster seine ersten Skischuhe – nach Mass.

Lohnt sich der Aufwand? «Ein gut angepasster Skischuh ist doch die Grundvoraussetzung, um überhaupt ein sehr guter Skifahrer werden zu können», meint Chris Kohler. Und dann nennt er fünf entscheidende Vorteile einer Anpassung nach Mass: «Erstens: wärmere Füsse – die Blutzirkulation wird erhöht. Zweitens: bequemerer Sitz – der Tragekomfort steigt. Drittens: feinfühligere Steuerung – durch ein sensibleres Gespür für Ski und Untergrund. Viertens: mehr Leistungsfähigkeit – besseres Aufkanten und Gleiten. Fünftens: eine spürbare Kraftersparnis – die Bewegungsabläufe werden harmonischer.»

Eine Investition, die sich lohnt – Saison für Saison

Neuartige thermoverformbare Materialien ermöglichen es mittlerweile, nicht nur die Innenschuhe, sondern auch die Schale individuell an die Fussform anzupassen. Ein Meilenstein in puncto problemloser, individueller Passform.

Welche Massnahmen Sinn machen, klären Skischuhexperten in einem ausführlichen Beratungsgespräch.

Für einen perfekt angepassten Skischuh mit geschäumtem Innenschuh und angepasster Schale muss man komplett mit rund 1200 Schweizer Franken rechnen. Das ist nicht wenig. Dabei sollte man aber bedenken, dass ein geschäumter Innenschuh deutlich länger hält als ein konventioneller Innenschuh von der Stange. Und so amortisiert sich die Investition mit jeder Skisaison. Kleinere Tuning-Massnahmen sind freilich schon deutlich günstiger zu bekommen.

 

Skischuhexperten in der Schweiz

Eine kleine Auswahl von Experten, die für optimalen Sitz sorgen:

Zwischen Genuss und Trauma – wie nehmen Sie dem Skischuh den Schrecken? Ist eine professionelle Anpassung das Geld wert?

Outdoor Christian Penning* Christian Penning steht seit seinem dritten Lebensjahr mit Begeisterung auf Ski – egal ob Ski alpin, Skitour, Freeriden oder Langlauf. Der ehemalige Chefredaktor verschiedener Skimagazine arbeitet heute als freier Journalist und Fotograf und ist beruflich wie privat, sooft es geht, in den Bergen unterwegs. 

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Alles halb so Wild

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 28. Januar 2015

Ein Gastbeitrag von Dominik Osswald*

greg westfall

Sieht ein Skifahrer ein Tier in Not, sollte er helfen. Foto: Greg Westfall, Flickr.

Meine Skitour am Uetliberg hat hohe Wellen geworfen. Viele Leute hatten den Eindruck, dass mein Bruder und ich der Tierwelt Schaden zugefügt hätten, als wir mit Ski durch den Wald fuhren. Geschätzte zwanzig Mal wurde ich angesprochen auf das «arme Wild». Wildfremde Leute und sogar der «Blick am Abend» zeigten sich besorgt.

Nun, wir sind ja nicht durch die Masoalahalle gefahren, und so haben wir denn auch all das Wild nicht gesehen, das nun postuliert wird. Aber natürlich, ich weiss: Es geht ums Prinzip. Dieses in Ehren – man könnte die Diskussion in alle Himmelsrichtungen führen und keiner hätte am Ende recht:

Sind denn die Jäger besser?
Aha, sie regulieren den Bestand, klar, das geht natürlich in Ordnung.
Und die Hundebesitzer, die im Wald spazieren?
Aha, die hats schon immer gegeben, geht auch in Ordnung.
Die Skigebiete?
Aha, die Wirtschaft, na das ist natürlich ein Argument!

Ein guter Eingriff

Ich will aber eigentlich gar nicht diskutieren, denn da dreht man sich schnell im Kreis. Ich will lieber eine Geschichte erzählen, die auch etwas mit Kreisen zu tun hat:

Es war an Weihnachten 2012 und wie jedes Jahr waren wir auf Weihnachtsskitour. Vor mir geht Michel, ich kann die Weissweinflaschen in seinem Rucksack klimpern hören, noch weiter vorne Andres, er hat seine Peugeot-Pfeffermühle dabei, denn so schmecke sein Steinpilzrisotto am besten. Ich stell jetzt aber nicht alle vor, die dabei waren, denn darum gehts nicht. Einen noch: Zuvorderst geht Jonas und singt in den hellsten Tönen «Maria durch den Dornwald ging».

Doch plötzlich verstummt sein Gesang. Wir sind schon weit oberhalb der Waldgrenze. Da ist eine kleine Mulde, hüfthoher Schnee … eine Gämse! Sie hat einen irren Blick, starre Augen, sie keucht, denn sie rennt – im Kreis! Wir schauen verdutzt zu, wie sie Runde um Runde dreht, ohne uns wahrzunehmen, und dabei durch den gnadenlosen Schnee immer mehr an Kräften verliert. Es ist ein trauriges Naturschauspiel, denn sie wird an Ort und Stelle aus Erschöpfung verenden, dessen sind wir uns sicher.

Aber wir sind ja keine Tierfilmer. Also greifen wir ein. Wir müssen die Gämse zurück in den Wald lotsen. Sonst hat sie keine Überlebenschance. Wir reden ihr gut zu und treiben sie, nur wenns nicht anders geht, mit unseren Skistöcken in die richtige Richtung. Wir singen ihr auch mal ein Weihnachtslied und wir freuen uns über jeden Meter, den wir zum Wald hin schaffen.

Wir haben davon nichts dokumentiert. Hier aber ein ähnlicher Fall von anderen bösen Offpiste-Rowdys (Video: The Telegraph):

Ich weiss nicht, was aus unserer Gämse geworden ist. Ich habe sie nie mehr getroffen, obschon ich mich seither viel im Wald aufhielt. Am Uetliberg war sie auch nicht.

Der Wildhüter dankte uns damals aber für unseren Einsatz, sie sei wohl an Gamsblindheit erkrankt gewesen, was sie aber überleben kann, solange sie Schutz findet.

RespekTIERE deine Grenzen

Ich respektiere meine Grenzen, so wie es der Bund von mir verlangt. Wenn ich einem Tier ausweichen soll, dann tu ich es, und wenn ich einem helfen kann, tu ich es auch. Dass man sich dazu in die Natur begeben muss, versteht sich von selbst. Der Uetliberg fällt nicht in eine Schutzzone, wir achteten trotzdem darauf, so wenig wie möglich im Wald (abseits eines Weges) zu fahren.

Ich bin überzeugt davon, dass das Tun eines Skitourengängers nicht schädlicher ist als das irgendeines anderen Wintersportlers. Dass Skitourengänger einen weit sensibleren Umgang mit der Natur pflegen als jedes Skigebiet, das Schneisen schlägt und Rohre für künstliche Beschneiung durch den Berg zieht. Dass alle je unternommenen Skitouren vielleicht einen Bruchteil jenes Trubels verursachen, den etwa ein Skirennen macht, das schon nur als Vorprogramm Kampfjets und einen Passagierflieger durch die Berge jagt.

Wieso sorgt sich keiner um das arme Wild dort, wo die Sorge angebracht wäre?

Dominik Osswald*Dominik Osswald ist freischaffender Journalist und Alpinist. Er lebt in Basel.

Outdoor

«Der Gipfel des Wahnsinns»

Natascha Knecht am Mittwoch den 21. Januar 2015
Yosemite Climb

Plötzlich Helden: Die US-Kletterer Tommy Caldwell (l.) und Kevin Jorgeson erzählen den Medien, wie sie die Dawn Wall am El Capitan bezwangen (15. Januar 2015). Foto: Eric Paul Zamora (AP, Keystone)

Für Kletterinteressierte war es ein gefundenes Humorfestival: 19 Tage brauchten zwei US-Freeclimber, um die Dawn Wall am El Capitan als erste Menschen rotpunkt zu klettern. Damit machten Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson nicht nur am Fels das Unmögliche möglich. Sie generierten via Livestream, Twitter, Facebook, Instagram und so weiter einen ungeheuerlichen Medienhype – was für diesen Nischensport natürlich toll ist. Doch es gab auch einige Irrungen und Verwirrungen. Hier sind die Highlights:

Lang lebe Kyrbekistan! (Quelle: Tagesanzeiger)

Ein Hoch auf Kyrzbekistan! Es liegt unmittelbar neben Absurdistan. Karikatur: Ruedi Widmer («Tages-Anzeiger»)

Ein erfundenes Land: Bevor die Kletterei am El Capitan losging, gab Tommy Caldwell der «New York Times» ein exklusives Interview. Da erzählte er, wie er 2000 in Zentralasien gekidnappt und gerettet wurde – und zwar in der Republik Kyrzbekistan. Die Redaktion dachte sich wohl, wenn einer in der Vertikalen Unmenschliches vollbringen kann, dann weiss er auch, in welchen Ländern er reist. Jedenfalls hat bei der NYT niemand gemerkt, dass es Kyrzbekistan nicht gibt. Inzwischen existiert das «irrtümlich erfundene Land» – im Internet. «Der neue Staat twittert, hat einen Schwarzmarkt für Pizza und träumt vom Sieg des Fussballvereins Traktor Bishkent über Real Madrid», schreibt «Der Standard». Der «Tages-Anzeiger» schickt «Greetings from Kyrzbekistan!» Auch das ist ein Kletterrekord.

Weshalb benutzen die Seile, wenn es Freeclimbing ist? (Bild: AP Photo/Tom Evans, elcapreport)

Weshalb benutzen die Seile, wenn es Freeclimbing ist? Foto: Tom Evans (AP, Keystone)

Was bedeutet «Freiklettern»? Das gemeine Publikum verwechselte Freeclimbing mit Free-Soloklettern und reagierte in den Kommentarspalten etwas enttäuscht, weil da am El Capitan ein Sicherungsseil im Spiel war («Na ja, 50 Meter am Tag klettern, dann noch angeseilt . . .»). Oder Freiklettern wurde so erklärt, dass es jeder versteht: «Wenn der Vorsteiger zum Beispiel ein wenig traversieren muss und dann zur Seite nicht mehr weiterkommt, aber dann entdeckt, dass er 5 Meter weiter unten dies wunderbar tun kann, dann darf er sich auch nicht einfach dahin abseilen, sondern muss dort hinunterklettern.»

Hier gehts zum ARD-Beitrag: http://www.tagesschau.de/ausland/yosemite-klettern-101.html

Nur mit Händen und Füssen und Seilen aus Stahl: Auch die Kletterfans begriffen nicht immer, was da in Sensationssprache vermittelt werden wollte. Zum Beispiel im Beitrag der «Tagesschau» der ARD: «915 Meter senkrecht nach oben – noch niemand hat die Granitwand des El Capitan im Yosemite-Nationalpark ohne Hilfsmittel bezwungen. Zwei US-Freeclimber wollen das ändern. Nur mit Händen und Füssen und Nerven aus Stahl sind sie auf dem Weg nach oben.» Es sei «der Gipfel des Wahnsinns», so der Sprecher. Es sei «die Ente des Tages», antwortete das «Climax Magazine» auf Facebook. Denn der El Capitan wurde schon von x Kletterern frei «bezwungen», es geht hier um eine Route. Und Klettern.de schreibt: «Ich hätte auch gerne Füsse aus Stahl.» Wer nicht?

Der Herr links sieht aus wie Alex Honnold. Aber laut «Bild» ist es Kevin Jorgeson.

Der Herr links sieht aus wie Alex Honnold. Aber laut «Bild» ist es Kevin Jorgeson.

Wer weiss, wie Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson aussehen? Ist doch egal. Die «Bild»-Zeitung verwendet ein Foto von Alex Honnold, dem vielleicht berühmtesten Kletterer der Welt, und schreibt darunter, er sei Jorgeson. Merkt ja keiner. Um das Missgeschick abzurunden, führt ABC News ein Interview mit Alex Honnold, nennt ihn aber durchgehend «Alex Honnlove». Honnold wurde von einem Journalisten gar gefragt, ob er den El Capitan auch schon frei geklettert sei – und das, obschon die anderen beiden diesen Berg ja gerade als Erste mit Hand und Fuss und Nerven und Seil klettern. (Für alle, die es nicht wissen: «Honnlove» ist besonders bekannt für ungesicherte Solotouren, besonders am El Capitan.)

Google jpgMit Hand und Fuss. Wer auf Google nach Kevin Jorgeson suchte, erhielt während rund einer Woche diese Information (siehe oben). «Praktisch jedes Detail ist falsch», schreibt Climbing.com. Erstens wieder die fast überall verbreitete Mär, die beiden seien die Ersten, die «nur mit Händen und Füssen» auf den El Capitan klettern wollen. Aus Tommy Caldwell machte Google Tom Evans. Und ist das wirklich Jorgeson auf dem Foto?

«Wir». Der US-Präsident ist jetzt auch offiziell ein Kletterfan: Barack Obama gratulierte den beiden Freeclimbern persönlich via Twitter: «So stolz auf Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson, dass sie den El Capitan erobert haben. Ihr erinnert uns daran, dass alles möglich ist.» Genau. «Yes, we can», sofern man nur will, führen 1000 Meter Big Wall zur ersten Mondlandung. Nicht alle fanden den Tweet aus dem Weissen Haus gut. Er generierte Neid.

Ist das der Dank für die Anstrengung?

Ist eine solche Schlagzeile am Ende der Dank für die Anstrengung und die überwundenen Gefahren? Ja! Es ist der Ritterschlag.

«Zwei Idioten». Am Ende bleibt die Frage: Hat sich dieser Medienhype für den Nischensport Klettern gelohnt? Wie hat die breite Öffentlichkeit auf diesen historischen Erfolg reagiert? «Vielleicht soll der Leser auch mal an die Bergwacht denken, die bei einem Absturz die Leichen bergen muss.» Oder: «Ich geh davon aus, die verwenden kleine recycelbare Tüten und sammeln ihr grosses Geschäft mit dem Papier ein und entsorgen es dann, wenn sie wieder am Boden sind, in den entsprechenden Toiletten (wie Camper auch)», kommentiert einer auf Spiegel.de. Die Freude hielt sich insgesamt in Grenzen, was das britische Satiremagazin «The Daily Mash» dazu veranlasste, in einem schlanken (lesenswerten) Artikel das zu sagen, was etwa 92,6 Prozent der Nichtkletterer dachten, aber nicht so charmant formulieren konnten: «Two idiots climb big thing for some stupid reason.»

Ihre Meinung?

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Skitour auf den Uetliberg? Abgefahren!

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 14. Januar 2015

Heute ein Gastbeitrag von Dominik Osswald*. Auch das Video stammt von ihm:

Wir hatten Grosses vor im Tessin. Wir wollten mit Ski den Campo Tencia überschreiten. Doch es wurde nichts. Der bissige Nordwind trieb uns zurück in die Sponda-Hütte, wo wir frustriert an einer ungarischen Salami kauten und uns anschwiegen. Die Stimmung war nicht gut. Wir schwiegen noch immer, als mein Bruder Marc, der in Zürich wohnt, sagte: «Eigentlich hätte es ja in Zürich mehr Schnee als hier.»

Es waren böse Worte. Salz in die Wunde! Denn was uns bevorstand: die Ski wieder ins Tal tragen und dann im Stau stehen, nachdem wir kaum einen Meter unseres Vorhabens gemeistert hatten. Doch er machte weiter: «Wetten, dass der Uetliberg uns mehr geboten hätte?»

Ich wurde hässig. Ja, ich war für die (zugegeben schlechte) Tourenplanung verantwortlich – aber wagte jetzt mein Bruder, der wie ich aus Basel stammt, mir den Uetliberg schmackhaft zu machen? Zürichs Hausberg … der von sich behauptet, der schönste der Schweiz zu sein, was gar nicht stimmt, denn unser Gempen ist mindestens so schön, und dort kann man auch noch klettern. Im Fels! Ich sagte also entnervt: «Dein Uetliberg kann mir gestohlen bleiben, und überhaupt, das ist gar nicht der schönste Hausberg der Schweiz!»

«Ach ja? Warst du überhaupt schon oben?», forderte er mich heraus. Und ich: «Ja, mit dem Bike. Der Singletrail ist übrigens keinen Deut besser als jener am Gempen.» Daraus wurde ein veritables Basel-Zürich-Kräftemessen, für einmal auf dem Buckel der Hausberge:

«Der Uetliberg ist höher!» – «Die Aussicht vom Gempen ist trotzdem besser.» – «Der Uetli hat einen Turm!» – «Der Gempen auch, sogar einen beleuchteten!» – «Das Restaurant auf dem Gempen ist eine Knille!» – «Nicht mehr, seit es den neuen Wirt hat, aber das Uto Kulm ist eine Schickimickibude!» – «Der Uetli wurde schon mit Sauerstoff bestiegen.» – «Am Gempen ist schon ein Flugzeug zerschellt … also in der Nähe.»

Es wurde immer absurder, bis wir am Ende abmachten: Wir gehen nach Zürich, bringen Silvester über die Bühne und steigen am Neujahrstag auf den Uetliberg – mit Ski. Ich wollte sehen, was der bieten kann, und versprach: Wenn ich auf einem Gipfel stehe und vier Schwünge im Schnee mache, dann zieh ich den Hut!

Gesagt, getan. Am folgenden Morgen fahren wir durch das von rauschenden Festen noch schlafende Zürich über die Hardbrücke, vorbei am zweithöchsten Gebäude der Schweiz zum Uetliberg. Es hat ordentlich Schnee, und ich bin nun doch neugierig. Zumindest auf der Karte sieht die Nordostseite echt interessant aus.

Am Triemli beginnen wir den Aufstieg, eine alte Dame erklärt: «Obä schiint d Sunnä, ja de Üezgi isch äifach de schöönschti Platz uf de Wält!»

Sicher doch.

Aber es hat was. Wir spuren durch schön verschneiten Tannenwald, lassen einmal das rote Züglein vorbeifahren und sind bald oben. Da findet Marc tatsächlich so eine Art Gipfel: einen Fels, der aus lauter zusammengekleisterten Kieseln besteht, man nennt es Konglomerat, aber Marc redet schwungvoll vom «Uetliberg Real Summit» (siehe Video).

Dann die Abfahrt. Wir halten uns zunächst an den Singletrail, rauschen einmal über eine Treppe, stechen dann in einen steilen Wald mit einer schönen Schneise. Der Wald ist schon lustig. Aber die Schneise! Da kann man richtig Ski fahren! Wir steigen sie nochmals auf und nochmals. Man wähnt sich hier kein bisschen in der Nähe einer Grossstadt. Ich bin begeistert!

Wieder beim Triemli, gönnen wir uns zufrieden eine Bratwurst vom Grill. Uetliberg … ich ziehe den Hut. Aber aufgepasst, ich habe schon die Karte studiert: Sollte der Winter noch nach Basel kommen, dann sind wir gewappnet. Der Gempen und ich.

 

dominik_150*Dominik Osswald ist freischaffender Journalist und Alpinist. Er lebt in Basel.

 

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Die Gefahr der Hightech-Ausrüstung

Natascha Knecht am Mittwoch den 7. Januar 2015
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Ungeduld ist ein schlechter Ratgeber im Wintersport: Wer es zu eilig hat, in die Natur zu kommen, übersieht möglicherweise die Gefahr, die dort lauert. Foto: Olivier Maire (Keystone)

Da geben Bergsportler also Tausende von Franken für Ausrüstung aus. Dann schneit es das erste «Schäumchen», und schon erreichen uns Nachrichten wie: «Rega-App rettet Tourenskifahrer». Bei diesem Unglück geriet ein Mann in eine Lawine, stürzte über mehrere Felsstufen 700 Meter in die Tiefe – und überlebte! Angeblich weil er mit Airbag ausgerüstet war, die Rega-App auf seinem Smartphone installiert hatte, so Rettung anfordern und dank der präzisen Koordinaten rasch lokalisiert werden konnte.

Glück im Unglück nennt man das – aber der Vorfall regt zum Nachdenken an. Hätte der Mann ohne Lawinen-Airbag überlebt? Hätte er sich ohne diesen überhaupt in die Situation begeben? Muss ich jetzt auch noch einen Airbag kaufen?

«Vollkasko-Mentalität»

Ohne diesem Tourenskifahrer in irgendeiner Weise Leichtsinn, Risikoappetit, schlechte Vorbereitung oder sonst etwas unterstellen zu wollen – ich kenne die Hintergründe nicht, die zum Unfall geführt haben –, erinnert mich der Fall doch sehr stark an das, was in der Fachsprache «Vollkasko-Mentalität» genannt wird. Man ist Rega-Mitglied, hat eine Unfallversicherung, besitzt die neuste und teuerste Hightechausrüstung. Man hat jetzt Ferien oder frei, man hat jetzt Bock auf eine Tour, man will jetzt das volle Programm und keinen Bubi-Ausflug. Jetzt. Nicht nächstes Wochenende, wenn die Verhältnisse vielleicht besser sind. Vielleicht.

Ungeduld, Egoismus und Selbstüberschätzung sind allerdings bei weitem keine Phänomene, die nur bei Alpinisten auftreten. Vergangenen Freitag vermeldete die Nachrichtensendung «10vor10», der Anteil an Knochenbrüchen als Folge von Wintersportunfällen habe laut Suva zugenommen. Gründe dafür seien die perfekt präparierten Pisten, das bessere Material und der harte Kunstschnee. Der Sicherheitschef der Titlisbahnen wünsche sich darum die Buckelpisten zurück, damit das Tempo gedrosselt werden müsse.

Immer schneller, besser und perfekter – damit hadern selbst die Helden der Pisten, die Skirennfahrer. Darum sollen sie künftig im Weltcup einen Airbag («D-Air Ski») tragen dürfen, der ihnen im Falle eines Sturzes Hals, Schlüsselbeine und den Schulterbereich «intelligent» schütze, was «die Sicherheit markant» erhöhe. Wie lange wird es dauern, bis auch Otto Normalskifahrer mit einem solchen Airbag auf der Piste aufkreuzt? Wäre es nicht intelligenter, intelligent zu fahren, als sich intelligent zu schützen?

Die Gefahren bleiben dieselben

Aber zurück zum unpräparierten Gelände. «Bergundsteigen», die Zeitschrift für Risikomanagement im Bergsport, publizierte einmal folgende Formel:

Mangelnde Ausbildung × kein Risikobewusstsein × fehlende Eigenverantwortung = Unkenntnis zum Quadrat + Pech = Unfall

Wobei «mangelnde Ausbildung»: Bei ungefähr zwei von drei Berichten über alpine Unfälle steht jeweils, beim Verunglückten habe es sich um einen «erfahrenen» Alpinisten gehandelt. Was auch immer «erfahren» bedeuten mag. Stirbt ein grosser Bergsteiger, heisst es zudem fast immer, er sei ein besonnener, ganz lieber Mensch gewesen und der beste Kamerad, den man sich habe wünschen können.

Trotz der stets besseren Ausrüstung und dem vielen Geld, das wir dafür ausgeben, bleiben die Gefahren am Berg immer dieselben. Sicherheit kann man nicht kaufen. Und nicht alles, was viel kostet, schützt. Das Hirn einzuschalten, wäre zum Beispiel gratis und dennoch ziemlich effizient. Doch das vergisst der eine oder andere ab und zu.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, ein gesundes und glückliches neues Jahr, mit vielen schönen Abenteuern in der freien Natur.

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Ponte Brolla, Plaisirklettern im Winter

Natascha Knecht am Mittwoch den 17. Dezember 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

1334: Was für ein Geschenk: Emil Zopf klettert an seinem 70. Geburtstag die Route «Wilde Sofie».

Gutes Omen: Emil Zopfi stürzt an seinem 70. Geburtstag in der Route «Mammut Longlife» – und bleibt unverletzt. (Bild: Emil Zopfi)

Es ist nicht gerade die Superdestination für die Kletterelite des Landes, eher etwas für Einsteiger und Geniesser. «Das Mekka für Plaisirkletterer», lese ich in einem Führerbuch. Oft herrscht auf dem Felssporn am Zusammenfluss von Maggia und Melezza tatsächlich ein Gedränge wie an einem Wallfahrtsort. Trotzdem: Ponte Brolla ist unsere Sonnenecke im Wintergrau, perfekter Tessiner Gneis, schön rau, kleingriffige Platten, gelegentlich auch etwas steiler und immer schön sonnig und warm. Also fast immer.

Wie an einem Wallfahrtsort: Gedränge am obersten Band. (Bild: Emil Zopfi)

Wie am Wallfahrtsort: Gedränge am obersten Band. (Bild: Emil Zopfi)

Wir hangeln uns den Ketten eines Klettersteigs entlang aufs oberste der von Bändern durchzogenen Wand der «Rovine del Castelliere», dort ist das Klettergelände so, als sei es für uns erfunden worden. Griffig und knifflig und nicht allzu kraftraubend. Dazu haben unsere Lieblingsrouten sehr schöne Namen: «Wilde Sofie» zum Beispiel, «Il ponte arcobaleno» oder «Anarchia sotto l’albero di natale». Wahrscheinlich haben die Erstbegeher oder Einbohrer dabei an den Anarchisten Michail Bakunin gedacht, der gegen Ende seines Lebens in der Gegend wohnte. Viele der Routen hat der Berner Oberländer Bergführer Häns Müller eingerichtet. Pesche Wüthrich, auch er ein Berner, hat im «Settore Est» eine Reihe von zum Teil sehr schwierigen Routen erschlossen. Ein Kränzlein also für die Berner – Tessiner Kletterer haben offenbar wenig Interesse gezeigt an einem ihrer schönsten Felsen.

Locarno, die erste Schlüsselstelle

Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand des Kletterers ist das Auto, sagten wir, als wir noch in den Bergen wohnten. Heute, als urbane Oldies mit GA, suchen wir Klettergärten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind – und das sind nicht besonders viele. Da drängt sich Ponte Brolla geradezu auf. Aussteigen und einsteigen sozusagen, falls man den Zielbahnhof überhaupt erreicht. Denn das Abenteuer beginnt schon im Zug. Mal bleibt der Intercity schon in Thalwil stecken, ein andermal blockieren ein entgleister Regionalzug, ein Felssturz oder eine Fahrleitungsstörung die Strecke. Sind wir glücklich und rechtzeitig in Locarno angekommen, ist die erste Schlüsselstelle geschafft.

Ab Airolo haben wir bang zum Himmel geschaut, der oft bedeckt ist, obwohl Meteo Schweiz lachende Sünneli auf die diversen Onlinewetterseiten platziert hat. Ich weiss nicht, ob Ticino Turismo da irgendwie die Hände im Spiel hat. Jedenfalls sind wir letzthin in Locarno im Café Al Porto hängen geblieben, weil statt der angekündigten 80 bis 100 Prozent Sonne etwa gleich viel schwarze Wolken den Himmel bedeckten – immerhin ist die Patisserie im Al Porto vom Feinsten. Unvergesslich auch jener Tag, als der angeblich milde Nordföhn so eisig tobte, dass wir gleich in der Centovallibahn sitzen blieben und Erinnerungen an Schulreisen auffrischten. Das GA ist ja freundlicherweise für die Strecke über Domodossola bis Brig gültig. Dass zwischendurch die Geleise von einem Erdrutsch verschüttet waren, erhöhte noch etwas den Abenteuereffekt. Nun ja, auch im Auto kommt man nicht immer ans Ziel.

Wenns dann aber klappt und wir an einem wolkenlosen Januartag auf den warmen Gneisplatten hoch über dem Pedemonte klettern, dann ist das Glück vollkommen. Vor zwei Jahren zum Beispiel, an einem runden Geburi, wurde ich so übermütig, dass ich buchstäblich ins neue Lebensjahrzehnt stürzte – das heisst ins Seil. Die schöne Route gehört zu den steileren der Wand, und ich blieb unverletzt. Sie heisst übrigens «Mammut Longlife». Wenn das kein Omen ist!

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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Berge sind in der Regel katholisch

Natascha Knecht am Mittwoch den 10. Dezember 2014

Nur unwesentlich höher als manch anderer Berg: Der Mont Blanc, von Genf aus fotografiert. Foto: Reuters

Wussten Sie, dass viele Berge römisch-katholisch sind? «Wenn man auf den Gipfel eines Berges geht, trifft man dort häufig ein Kreuz an, das als Hinweis auf christlichen Glauben dient.» Berge haben ausserdem «keine Geschlechtsorgane und pflanzen sich (so wie Bakterien) mithilfe von Zellteilung fort.» Und Berge «verdecken Dinge im Flachland, die man nicht sehen soll». Auf dieses – mir bisher völlig unbekannte – Wissen stiess ich zufällig auf Stupidedia.org. Es ist eine freie Enzyklopädie, welche genau wie Wikipedia.org funktioniert, mit dem Unterschied, dass die Stupidedianer angeblich «nicht Bescheid wissen», worüber sie da schreiben. Ein satirisches «Nonsense-Lexikon».

Hier einige alphabetisch geordnete Textauszüge von Stupidedia.org mit weiterführenden Links, was die hochwohlgeborenen Autoren dort über Klettern und die damit verbundenen Begriffe witzeln:

→ Ein Berg ist «eine rufende Erhebung der Erdoberfläche, welche durch Glauben versetzt werden kann».

→ Freude «(lat. mordsgaudi) kommt von irgendwoher, man weiss es nicht und egal ist es ebenfalls».

→ Klettern «(wissenschaftlich korrekt Vrachophilie) ist eine auch Affizismus genannte Tätigkeit, zu der sich der Homo sapiens sapiens von den gemeinen Affen inspirieren liess».

→ Kannibalismus: «Der Kletterer ist einer der wenigen Eigenkannibalen der Welt. Während ein normaler Kannibale andere Menschen isst, so isst der Kletterer sich selbst. Besonders bevorzugt er die Haut seiner Fingerkuppen, die er sich an rauem Fels abstreift, und Fleisch aus Knie und Ellbogen. Normalerweise isst er es roh und ungewürzt, in besonderen Fällen wird mit einer Prise Magnesia nachgewürzt.»

→ Der grösste Feind des Kletterers ist der Boden. «Boden ist eine besonders aggressive Landform, die man oft in der Nähe von natürlichen und unnatürlichen Kletterwänden findet. Viele Kletterer sind schon aufgrund des blossen Kontaktes (besonders nach einem Sturzflug) gestorben. Ansonsten kommt man selten ohne Knochenbrüche und Verstauchung weg, wenn man sich unvorsichtig dem Boden nähert.»

→ Die Häufigkeit der Berge richtet sich jeweils «nach der Häufigkeit von suchtkranken bzw. intelligenzlosen Halbtoten. Das heisst, je mehr suchtkranke intelligenzlose Halbtote, desto mehr Berge sind vorhanden. Die meisten Berge sind in der Schweiz und in Österreich anzutreffen. Aber auch in Deutschland gibt es Berge.»

→ Der Mont Blanc ist «ein riesiger Berg, der angeblich eine Art europäischer Turmbau zu Babel war. Man wollte höher und höher hinaus, gab dem Berg einen schicken, modischen Weissanstrich und brachte das grosse Werk aus ungeklärter Sache nie zum Abschluss. Der Mont Blanc wurde nur unwesentlich höher als manch anderer Berg.»

Muskelkraft ist «im Allgemeinen ein Massstab, wie stark ein Mensch oder Tier ist. Gilt in vielen Zivilisationen als Symbol für Männlichkeit».

→ Der Schweiss ist «besonders beliebt, weil er ohne jeglichen Einsatz von Tierversuchen hergestellt werden kann. Man kann daher oft sehr gut am Duft erkennen, dass es sich bei der parfümierten Person um einen Tierschützer oder einen umweltbewussten Öko handelt».

Transportmittel für Kletterferien im Süden: «Da der Kletterer seinen Sport meist nicht alleine ausübt, hat er oft noch vier Freunde mit dem gleichen Gepäck. Nun kommt die geeignete Wahl des Transportmittels. Nach kurzer Betrachtung der einzelnen Fahrzeuge kommt heraus, dass alle Kletterer eine Vorliebe für Kleinwagen haben. Also entscheidet man sich für den grössten der kleinen, einen Ford Fiasco. Der Kofferraum ist in der Regel nach der Beladung mit der Kletterausrüstung und den Getränken voll. In die wenigen Zwischenräume werden nun das Essen und die Wechselwäsche gestopft. Nun schliesst man den Kofferraum und bittet die Rückbankbesetzer, zuerst einzusteigen, da man auf ihrem Schoss die restlichen zwei Kubikmeter Klamotten unterbringen muss. Nun ist das arme Auto hinten erst mal um zehn Zentimeter tiefergelegt. … Zwei Stunden später, wenn man die Gewichtsverteilung geändert und den abgerissenen Auspuff wieder eingehängt hat, gehts dann tatsächlich los.»

www.stupidedia.org

Sind Sie auch so kreativ und humorvoll wie die Stupidedianer?

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Finalefels

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 3. Dezember 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*


Es ist Mitte November, das Wetter wolkenlos und warm. Kurz vor unserer Ankunft hat es in Finale Ligure stark geregnet, doch nun sind die Felsen trocken. Also hinauf zum Monte Sordo, über den der Lokalmatador Andrea Gallo im Kletterführer schreibt: «Eines der schönsten Massive des Gebietes, hervorragender Fels, traumhafte Landschaft, phantastische Routen in allen Schwierigkeitsgraden, kurz, ein Muss.»

Wir beginnen mit der «Placca delle bimbe», einer Aufwärmroute, die aber schon recht in die Finger geht. Der Fels ist löchrig, scharf und steil, Finalefels eben. Auch wenn die Route für kleine Mädchen gedacht ist, wie der Name suggeriert, muss man zupacken.

Dann trifft ein junges Paar ein, es spricht Deutsch und erkundigt sich, was wir klettern. Der Mann blättert im Führerbuch, mit farbigen Klebern sind Seiten markiert. «Ah, hier sind wir also!» Er entledigt sich des T-Shirts, seilt sich an. Es ist warm genug, und ein trainierter Oberkörper macht sich immer gut. Wir wundern uns, dass er sich nur für eine 5c entscheidet.

Man will halt Spass haben: Unbekannter Oben-ohne-Kletterer. Foto: Maria Ly (Flickr)

Man will halt Spass haben: Unbekannter Oben-ohne-Kletterer. Foto: Maria Ly (Flickr)

L'arco dei guaitechi, den bogenförmigen Riss, der sich durch den zentralen Pfeiler zieht. Der Name erinnert an die Hunde, die früher auf dem Bauernhof unten im Tal tagaus, tagein jaulten und winselten (guaire). Es war die erste, die logische Route, im Juni 1973 erstbegangen von Gianni Calcagno, einem der bedeutendsten italienischen Alpinisten, der 1992 am Denali verunglückte. Ein Kletterpionier auch sein Seilpartner Alessandro Grillo, der für seine Erschliessertätigkeit im Finalese von Finale Ligure mit dem Premio «Una vita per Finale» ausgezeichnet worden ist. Die Route ist also ein Klassiker im historischen Sinn wie auch im Stil: Risskletterei, spreizen, stemmen, piazzen.

Der junge Sportsmann mit der nackten Brust schafft die Länge mit etwas hängen und scharren, seine Begleiterin schüttelt den Kopf. «Gefällt mir nicht!» Nun gut, man will ja Spass haben, sich nicht aus Pietät vor der historischen Bedeutung einer Route die Finger kaputt machen oder die Knie beim Rissklettern schinden.

Der Junge, nun wieder im T-Shirt und auf festem Boden, setzt zu einer Schimpftirade an, die kein Ende nehmen will und von der wir vor allem das immerzu wiederholte Wort «Scheisse» vernehmen. Es ist also eine Scheissroute und Finale überhaupt totale Scheisse mit diesem Scheissfels und den Scheisslöchern (ich fasse zusammen). Zum Glück, denke ich, ist der Berg «sordo», also gehörlos, wie sein Name sagt, sonst würde er vielleicht ein paar Steine auf die frustrierten Besucher fallen lassen.

Nervöses Blättern im Führerbuch, dann Beratung. «Wohin könnten wir denn fahren, wo der Fels nicht so scheisslöchrig und scheissabgespeckt und überhaupt ist?», fragt sich das junge Paar. Das hier habe, höre ich, überhaupt nichts mit Sportklettern zu tun. Auch der Kletterführer bekommt schliesslich noch sein Fett ab: «Scheisse.»

Nun habe ich eigentlich nichts gegen das Wort, auch der Duden kennt es. Ich habe es mal in einem Text verwendet, für den ich vom Schweizer Alpen-Club einen Literaturpreis erhielt, obwohl ein Mitglied der Jury fand, ein Beitrag mit diesem Wort dürfe nicht ausgezeichnet werden. Am Monte Sordo, diesem feinen Kletterberg, und in diesem Übermass hat es mich doch etwas gestört.

Wir klettern weiter, während beide Jungen zusammenpacken und still und leise davonziehen. Wohin, haben wir nicht verstanden, hoffen einfach, dass sie irgendwann doch noch Felsen finden, die so sind, wie sie sich das zu Hause vorgestellt haben, als sie das Führerbuch studierten und mit farbigen Klebern die Wunschrouten markierten. Und wenn nicht, dann gibt es ja auch Kletterhallen, da ist der Fels bestimmt nicht scheisse, denn es gibt gar keinen.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

Outdoor

«Horn blasende Idioten»

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 26. November 2014

Ein Gastbeitrag von Daniel Foppa*

Die Engländer hatten Zeit. Unendlich viel Zeit. In den gehobenen Kreisen Grossbritanniens gehörte es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum guten Ton, ein paar Wochen am Fuss eines Drei- oder Viertausenders zu verbringen. Und ganze Sommermonate dem Nichtstun zu frönen. Die ambitionierten Gäste heuerten jedoch Einheimische als Führer und Träger an, um die bedeutenden Alpengipfel zu besteigen. Es war das «Goldene Zeitalter des Alpinismus», als von 1855 bis 1865 Berge wie die Dufourspitze, das Weisshorn und das Matterhorn erstbestiegen wurden.

Mit von der Partie ist in vielen Fällen der Haslitaler Melchior Anderegg. Als Knecht im Grimsel-Hospiz kommt er erstmals in Kontakt mit englischen Gästen, die ihn für eine Gletschertour über den Strahleggpass anheuern. Anderegg erweist sich als besonders bergkundig und geschickt – eine der bemerkenswertesten Karrieren der Schweizer Alpin­geschichte beginnt. Wie die Journalistin und TA-Bloggerin Natascha Knecht in einer neuen Publikation aufzeigt, nimmt Anderegg eine herausragende Position in der Pionierzeit des Alpinismus ein.

Mit Virginia Woolfs Vater am Seil

Pionier und Gentleman der Alpen – Melchior Anderegg

«Pionier und Gentleman der Alpen. Das Leben der Berg­führerlegende Melchior Anderegg» von Natascha Knecht. Limmat Verlag, Zürich 2014. 208 Seiten, 54 Fotografien, Karten und Abbildungen, ca 36 Franken. www.limmatverlag.ch
Für SAC-Mitglieder 29 Franken über www.sac-cas.ch

Der 1828 in Meiringen geborene Anderegg ist einer der ersten Schweizer Bergführer überhaupt. Sein Können eignet er sich autodidaktisch an, und bald schon ist er über die Landesgrenzen hinaus bekannt. «Melchior ist auf seine Art auch ein Kaiser, ein Fürst unter den Führern. Sein Reich ist der ewige Schnee, sein Szepter der Eispickel», schreibt Matterhorn-Erstbesteiger Edward Whymper.

Mit Whymper ist Anderegg nie unterwegs, dafür umso häufiger mit Leslie Stephen – dem Vater von Virginia Woolf. Der Schriftsteller ist einer jener spleenigen viktorianischen Gelehrten, die den Anstoss zur Erstbesteigung zahlreicher Alpengipfel geben. Mit Anderegg gelingt ihm die Erstbesteigung des Zinalrot­horns und des Rimpfischhorns. Autorin Knecht schildert mit viel alpinistischem Wissen, wie die Pioniere mit rudimen­tärer Ausrüstung, Brachialtechnik und reichlich Alkoholika im Gepäck in Gebiete vordringen, die vor ihnen noch niemand betreten hat. Es gibt weder Clubhütten noch verlässliches Kartenmaterial – sondern nur eine alpine Terra incognita. «Man darf uns mit Raupen ver­gleichen, die sich krümmen und dann wieder strecken», beschreibt Stephen in seinem Klassiker «Playground of Europe» die Kletterei am Zinalrothorn-Nordgrat. Anderegg führt seine Gäste jeweils sicher auf den Gipfel und zurück, spornt an, unterbindet Leichtsinn, zieht Stephen auch schon mal aus einer Gletscherspalte.

Über den alpinistischen Aspekt hinaus, und das macht Knechts Buch besonders lesenswert, bietet Andereggs Leben Einblicke in die Mentalitäts- und Tourismusgeschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert. Die Aufklärung scheint noch nicht in jedes Bergtal vorgestossen, und Anderegg und seine Gäste müssen gegen Misstrauen ankämpfen. Es dauert seine Zeit, bis Alpinisten als Einkunftsquelle erkannt werden und Argwohn dem Geschäftssinn weicht.

Kein Respekt für Eingeborene

Bemerkenswert sind dabei Schilderungen aus zeitgenössischen Reiseführern: «Geduld und kleine Münzen sind im Berner Oberland unentbehrlich», schreibt Karl Baedecker und warnt vor Bettlern und Gauklern. Eine Teilnehmerin der ersten von Thomas Cook 1863 organisierten Pauschalreise hält fest: «Das Wallis ist das erbärmlichste und betrübendste Gebiet im nördlichen Europa, weil dort Aberglaube, Ignoranz, Armut und schmutzige Sitten herrschen». Und Edward Whymper beschwert sich über Echos in Lauterbrunnen, «die von Horn blasenden Idioten vorgeführt werden». Die gut dokumentierte Publikation entwirft so ein unterhaltsames Panoptikum aus der Pionierzeit des Alpintourismus.

Der Respekt der Engländer vor den Eingeborenen ist dabei nicht eben gross. Man warnt sich gegenseitig vor unzuverlässigen Trägern und inkompetenten Führern. Ausnahmen bilden Könner wie Melchior Anderegg, der über Jahre hinweg ausgebucht ist und regelmässig für Aufsehen sorgt. So besteigt unter seiner Führung die Engländern Lucy Walker als erste Frau das Matterhorn.

Seine Gäste laden Anderegg zu einem Besuch in London ein – eine amüsante Episode, die an die Reise von Crocodile Dundee nach New York erinnert: Die Engländer überlassen Anderegg mitten in London sich selbst, um zu schauen, ob er zurück in ihre Wohnung findet. Der Orientierungssinn des Haslitalers funktioniert auch in der Metropole, und Anderegg ist vor seinen mit der Kutsche fahrenden Gästen wieder in der Wohnung. Die Episode soll im britischen Alpine Club noch Jahrzehnte erzählt worden sein – zu Ehren des «King of the Guides».

Hörprobe aus «Pionier und Gentleman der Alpen» (© Radio SRF1)

foppa_150p*Daniel Foppa ist Ressortleiter Schweiz beim «Tages-Anzeiger» und passionierter Skitourengeher.

Outdoor

Faszination Alpinismus

Natascha Knecht am Mittwoch den 19. November 2014

Sie rennen, klettern, wandern und biken. Unsere Outdoorblogger sind leidenschaftlich in dem, was sie tun. Was treibt unsere vier Autoren an? Was lässt sie staunen? Wir zeigen die Blogger diese Woche von ihrer persönlichen Seite. Natascha Knecht über die Faszination des Alpinismus und was ihr am Berg wichtig ist. Viel Spass!

Video: Lea Koch


 

Happy Birthday, Blogs! 15 verschiedene Blogs, mehrere Tausend Beiträge und weit über eine Million Kommentare: Da stehen wir nach fünf Jahren. Die Blogs gehören heute zum festen Inventar von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Nationale Bekanntheit haben nicht nur die Klassiker wie der Mama- oder der Sweet-Home-Blog erlangt. Auch neuere Blogs, wie etwa Manage Your Boss oder Welttheater, fanden schnell Anklang bei den Leserinnen und Lesern. Grund genug, um nach fünf Jahren Geburtstag zu feiern. In den kommenden zehn Tagen feiern wir unsere Blogs mit speziellen Postings. Und in Videos und weiteren Blogpostings gewähren wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen, porträtieren Autoren – und schreiben über unseren Umgang mit Kommentaren und Kommentarschreibern. Fehlt noch was? Ja! Erst durch die Kommentare von Ihnen, liebe Userinnen und User, entstehen spannende Diskussionen und Debatten. Ein herzliches Dankeschön dafür. Sie finden alle Jubiläumsbeiträge hier.


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