Archiv für die Kategorie „Alpin“

Outdoor

Wenn Abstürzen Spass macht

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 26. August 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

(iStock)

Besser klettern dank Sturztraining? Das richtige Ins-Seil-Springen will gelernt sein. (iStock)

Kürzlich bin ich wieder mal ins Seil geflogen. Als ich eben mit zwei Fingern die schmale Leiste hoch oben erreichte, rutschte ein Fuss weg. Shit… Der Fels flitzt vorbei … die harten Meter der Schlüsselstelle … dann spannt sich das Seil. Nichts passiert, Glück gehabt. Ich hangle mich wieder hinauf.

Ich habe Erfahrung im Stürzen, obwohl ich nie ein Sturztraining absolviert habe. Dass es so etwas gibt, habe ich erst vor wenigen Jahren in einer Kletterhalle festgestellt. Eine Gruppe von Anfängern übte dort unter Anleitung nicht nur klettern, sondern auch ins Seil springen. Ich fand das ziemlich komisch, aber inzwischen gehört es offenbar zur Grundausbildung im Klettersport. Zum Beispiel für den Erwerb eines Kletterscheins des Deutschen Alpenvereins (DAV).

Angstfrei ans Limit dank Sturztraining?

Ich gehöre noch zur Generation, die nicht stürzen durfte. Die Felshaken waren nicht durchwegs zuverlässig, die Abstände weit, jeder Sturz konnte fatal enden. Später, als Sportkletterer, habe ich mich ans gelegentliche Stürzen gewöhnt. Man klettert immer wieder mal an der Grenze, um sich zu steigern – oder das Niveau zu halten. Wie im realen Leben in einer Leistungsgesellschaft, denn auch da heisst es: Nur wer etwas riskiert, hat Erfolg. Sturztraining dient der Leistungssteigerung, aber auch der Sicherheit. Der Kletternde trainiert sich die Sturzangst weg, der Partner oder die Partnerin übt den korrekten Umgang mit dem Sicherungsgerät.

«Als Sportkletterer weiss ich, wie viel eleganter und schwerer ich klettere, wenn ich angstfrei ans Limit gehen kann», preist ein Klettertrainer des DAV das Sturztraining. Um zwei Schwierigkeitsgrade könne man sich damit verbessern. Ist wohl ein bisschen übertrieben, denke ich. Um vom Fünfer- zum Siebnerkletterer zu werden, braucht es etwas mehr als den Mut, ins Seil zu springen.

Mittlerweile gibt es Anleitungen fürs Sturztraining zuhauf auf Websites, Youtube oder auch im Ausbildungshandbuch «Bergsport Sommer» des SAC. Selbst die Bergsteigergruppe Alpina BGA, ein Elitekletterclub mit Tradition, publizierte eine umfangreiche Studie zum Thema. Vom «Sensorarm» des Sichernden ist da die Rede, der erfühlen soll, wann die Dynamik des Bremsvorgangs einzuleiten ist.

Richtig stürzen «macht sehr viel Spass»

Meine Kletterpartnerin macht zum Glück auch ohne Sturztraining alles richtig. Auch diesmal hat sie meinen Sturz perfekt weich gebremst, nur ein Kratzer am Arm ist mir geblieben. Anders vor Jahren, als ein schmales Felsband meinen Fall störte. Die Spitze des Kletterschuhs schlug auf, das Sprunggelenk wurde zum Bremsgerät. Den schlecht verheilten Bruch spüre ich noch immer. Ob ich mit Sturztraining geschickter gefallen wäre, weiss ich nicht. Viel Zeit zum Überlegen bleibt einem nicht, wenn Finger oder Sohlen rutschen, die Kraft wegbleibt oder ein Griff ausbricht.

Stürzen im Fels ist jedenfalls nicht so harmlos, wie der Autor einer Website behauptet: «Beim richtigen Stürzen und Sichern ist der Sturz nicht gefährlich.» Wenn man es kann, schreibt er, «macht es sehr viel Spass.» Über stürzende Spassvögel ärgere ich mich gelegentlich in der Kletterhalle. Sie hängen die Umlenkung am Ende der Route nicht ein, sondern springen ins Seil.

Der Spass kann blutig enden

In der Halle mag das angehen, im Fels allerdings ist damit nicht zu spassen. Klettere ich über einem Felsband, ist Stürzen keine Option, wie mich mein Fuss täglich erinnert. Ebenso in Bodennähe bis über den zweiten Haken. Leider sind nicht alle Routen intelligent eingebohrt, der erste Haken zu hoch oder zu tief – oder nach statt vor der Schlüsselstelle. Bohrhaken haben eine begrenzte Lebensdauer, sitzen oft nicht so fest, wie sie scheinen – oder waren schon von Anfang an schlecht gebohrt.

Der Begriff «Plaisir» für gut abgesicherte leichtere Routen scheint mir ebenfalls problematisch. Gerade im weniger steilen, strukturierten Gelände kann ein Sturz zu schweren Verletzungen führen. Und selbst wenn alle Haken und Stricke halten, sich jedoch ein Fuss im Seil verfängt, wird der Sturz zum Salto. Mit weniger Angst klettern dank Sturztraining ist sicher gut, wenn dabei der Respekt vor dem Fels nicht verloren geht. Sonst kann aus dem Spass auch blutiger Ernst werden.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

Outdoor

Fleece und die kaputte Welt

Natascha Knecht am Mittwoch den 19. August 2015
Vleece: Weil der Stoff so kuschlig ist, erfreut er sich grosser Beliebtheit. (Foto: Alessandro Valli via flickr.com)

Vleece: Auch weil der Stoff so kuschlig ist, erfreut er sich grosser Beliebtheit. (Foto: Alessandro Valli/flickr.com)

Als Alpinisten wissen wir, wie man in jeder Situation stoisch reagiert. Dank der vielen langen und ausdauernden Touren ist unser Ruhepuls sehr tief. Folglich treibt uns nichts so schnell auf die Palme. Wirft man uns zum Beispiel vor, wir seien Kranke, die einer sinnlosen Beschäftigung nachgehen und den Adrenalinkick suchen – ja, dann reagieren wir mit einem müden Lächeln.

Zugleich sind wir Meister des Verdrängens. Zwar ärgert es uns, dass wir im Handel praktisch nur noch wind- und wetterfeste Jacken und Hosen finden, die von Mutter Natur nie mehr abgebaut werden können, weil sie mit giftigen Chemikalien behandelt wurden. Aber hey, was sollen wir tun? Etwa drei Schichten halbleinige Hosen überziehen, wie die Pioniere der Hochalpen vor 150 Jahren? Schliesslich wissen wir heute im 21. Jahrhundert, dass Baumwolle auch ganz schlecht ist für die Umwelt. Eigentlich noch schlechter als synthetische Fasern. Weil die Baumwolle enorme Wassermengen benötigt, um zu gedeihen. Und Wasser ist bekanntlich ein knappes Gut.

Darum nervt es ein bisschen, dass gewisse Medien aktuell die alte Fleece-Diskussion wieder aufflammen lassen und uns ein schlechtes Gewissen einreden. Fleece – dieser lieblich-flauschig-wärmende Stoff – ist nämlich eine ganz üble Sache. Fleece ist Plastik! Faserpelz ist sozusagen ein Wolf im Schafspelz, eine PET-Flasche in Jackenform. Kommt Fleece in die Waschmaschine, verliert es jeweils ein paar Fasern. Dadurch gelangen unsichtbare Partikel ins Abwasser, von dort ins Meer, in die Fische, Eisbären und Meeresfrüchte. Am Ende landen sie dann auf unserem Teller. Fleecepullis belasten also die Ernährungskette, was wiederum unsere Gesundheit gefährdet.

Mikroplastik überall: Je grösser die orangen Punkte, desto mehr Partikel im Wasser. (Bild via Adventurers and Scientists for Conservation / National Geographics)

Mikroplastik überall: Je grösser die orangen Punkte, desto mehr Partikel im Wasser. (Bild via Adventurers and Scientists for Conservation / National Geographic)

Aber wir Alpinisten leben nach dem Grundsatz: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Wir gehen davon aus, dass sich der menschliche Körper irgendwann an das Polyester in den Spaghetti Vongole gewöhnt. Übermässige Hygiene finden wir ohnehin absurd. Jedem Kind tut es gut, mal eine Handvoll Dreck zu essen. Klar, die Partikel aus unseren Fleecejacken nehmen wir durchaus ernst. Haftbar machen kann man uns dafür aber nicht. Wir Alpinisten sind eine Mikro-Gemeinschaft, viel zu klein, um die Erde unter den Boden zu bringen.

Denken wir bloss an die Wanderer. Von denen gibt es bedeutend mehr an der Zahl. Sie besitzen ebenfalls eine oder mehrere Fleecejacken. Ebenso die Skifahrer, Fischer, Biker, Camper, Golfer, Spaziergänger. 99 von 100 Outdoorern besitzen Fleece. Selbst Stubenhocker lieben es, sich am Abend vor dem Fernseher in eine flauschige Decke zu kuscheln. Sowieso: Jeder, der die Zähne mit Zahnpasta putzt und sich beim Duschen mit Gel einseift, schwemmt bedenkliche Mengen Mikroplastik in die Atmosphäre. Das Zeug sitzt schliesslich nicht nur im Fleece. Es lauert überall.

Somit versteht sich von selber, wer an der Umweltverschmutzung schuld ist. Wie in den Ferien: Da sind auch immer die anderen die Touristen. Wir sind die Alpinisten. Die stoische Frage lautet darum: Wem ist Naturschutz ebenso wichtig wie Fleece?

Was ist Ihre Meinung?

Outdoor

Merinowolle und sieben stinkende Tage

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 12. August 2015

Ein Beitrag von Thomas Hürzeler*

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Trägt keine Merinowolle: Simon Pegg in «Run Fatboy Run». Foto: PD.

Nein, ich bin kein Rennmuffel. Eigentlich mache ich recht gerne Jogging, Walking, Trail Running, Nordic Walking, Half-Marathoning, oder was immer die Outdoor-Industrie als bahnbrechenden Trend für das simple «Rennen» im Kampf um neue Absatzfelder erfindet. Aber ich ekelte mich immer vor mir selber, vor den stinkenden T-Shirts. Und ich wollte mein Leben nicht je zur Hälfte unter der Dusche und vor der Waschmaschine verbringen. So reduzierte ich mein Lauf- und Bergsteiger-Pensum immer stärker.

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Ein Merinoschaf (hoffentlich) kurz vor der Schur. Foto: PD

Bis ich auf einen Artikel über Merinowolle stiess. T-Shirts aus diesem Material, so hiess es, seien antibakteriell, also unstinkbar. Ein Wanderer, Läufer, Bergsteiger in diesem T-Shirt stinke niemals. Im Outdoorladen meines Vertrauens entdeckte ich schnell, dass die Auswahl an Merino-Shirts nicht wirklich berauschend und eine Firma «Icebreaker» offensichtlich marktführend ist. Ich entschied mich für ein leichtes T-Shirt in Anthrazit, das mir gegen ein horrendes Entgelt über die Theke gereicht wurde.

Tag 1: Am Morgen zum letzten Mal geduscht und das neue Shirt angezogen. Fühlt sich gut an. Im Tram zur Arbeit. Über Mittag eine lockere Runde am Seebecken. Abends im Tram nach Hause. Nachtessen und im Merino-Shirt ins Bett.

Tag 2: Abends auf den Uetliberg gejoggt. Recht heiss und schweisstreibend. Im gut besetzten Restaurant Albisgüetli macht mir eine Jassrunde Platz, überlässt mir den ganzen Tisch. Nette Leute.

Tag 3: Wieder auf den Uetliberg. Wie ich in den Anhänger des Trams einsteige, wechseln alle Fahrgäste in den Triebwagen. Sehr zuvorkommend: Scheint ein Ritual zu sein.

Tag 4: Nach der abendlichen Runde müde, aber zufrieden ins Bett. Meine Frau hat schlimme Migräne. Geht zum Schlafen ins Gästezimmer. Na ja, es muss ja nicht jeden Tag sein.

Tag 5: Nach der grossen Nachmittags-Joggingrunde erhalte ich die Brötchen in meiner Bäckerei gratis. Die Verkäuferin hält sich so komisch die Hand vor die Nase, wendet sich ab und erklärt, das gehe aufs Haus. Die arme Frau scheint an einer bösen Infektion zu leiden.

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So macht Joggen Spass: Ben Stiller in «Starsky & Hutch». Foto: PD.

Tag 6: Mein Chef bietet mir völlig unerwartet per E-Mail ein Einzelbüro an. Und erkundigt sich fürsorglich, wann wohl bei mir zu Hause die Dusche wieder funktioniere. Hallo? Ist meine Dusche defekt? Weiss ich nicht, brauche sie ja seit 6 Tagen nicht mehr. Dank Merino.

Tag 7: Die Katastrophe: Nach der Joggingrunde auf den Pfannenstiel kommt mir bellend ein Hund entgegen. Zwar weicht er kurz vor mir jaulend zurück, aber ich reisse mir beim Ausweichen an einem Dornenbusch ein Loch ins Merino-Shirt. Das wars dann wohl. Schon wieder ein neues Icebreaker-Shirt kann ich mir schlicht nicht leisten. Aber schön wars.

Zu Hause erklärt mir meine Frau – etwas nasal wegen der Nasenklammer – bei Merino stinke nur das Shirt nicht. Wer aber im Shirt stecke, der stinke nach sieben Tagen Jogging oder Bergsteigen so was von zum Himmel. Merino hin oder her. Und wenn ich nicht aufs Nullkommaplötzlichste in der Dusche verschwinde, dann könnte sich ihre Migräne zur chronischen Krankheit ausweiten.

Fazit: Wer es sich leisten kann, dem kann ich Merino-Shirts vorbehaltslos empfehlen. Sie sind tatsächlich wesentlich unstinkiger als die üblichen Kunstfaserleibchen. Allerdings ersparen sie die Dusche nicht. Nur schon wegen der häuslichen Harmonie.

Thomas Huerzeler*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

Outdoor

Jenseits gesunden Menschenverstandes

Natascha Knecht am Mittwoch den 29. Juli 2015
Unverhoffte Hauptrolle eines Umweltskandals: Scott Jurek cremt beim a.  (John Roark/ AP)

Unverhoffte Hauptrolle eines Umweltskandals: Scott Jurek beim Appalachian-Trail. (AP/John Roark)

In der Schweiz müsste sich eigentlich jeder den Namen Scott Jurek merken. Denn seine unglaubliche Umweltverschmutzungsgeschichte könnte uns die Augen öffnen in der Diskussion um das Littering im öffentlichen Raum:

Scott Jurek (43) gehört zu Amerikas stärksten und bekanntesten Ultramarathonläufern. Seit 1999 lebt er vegan, und sein Buch «Eat and Run» verkauft sich wie heisse Weggli. Aber seit einigen Tagen hat das Idol ein «Alkoholproblem». Jurek stellte auf dem Appalachian-Trail einen neuen Zeitrekord auf. Es ist einer der ältesten Weitwanderwege der USA, führt von Georgia durch vierzehn Bundesstaaten bis hinauf nach Maine. 3500 Kilometer. Diese bewältigte Jurek in 46 Tagen, acht Stunden und sieben Minuten. Im Schnitt legte er pro Tag 80 Kilometer zurück, manchmal bei 40 Grad Celsius, manchmal bei starkem Regen.

Der Skandal ereignete sich dann am Ziel auf dem 1606 Meter hohen Mount Katahdin im streng regulierten Naturschutzgebiet Baxter State Park. Jurek und sein Team feierten den Erfolg mit einer Flasche Champagner. Man stelle sich das vor! Sie liessen den Korken knallen, und dummerweise sprudelten ein paar Tropfen auf den Boden. Ein Ranger stürmte an – nicht, um mit ihm anzustossen, sondern um ihm gleich drei Anzeigen auszuhändigen. 1. Weil im Park nur Gruppen bis zwölf Personen erlaubt sind. Um Jurek waren aber ungefähr 35 Personen versammelt. 2. Weil im Park ein Alkoholverbot herrscht, und Jurek hatte mutwillig Champagner getrunken. 3. Wegen Littering, da eben einige Tropfen aus der Flasche auf den Boden gespritzt sind. Der Ranger begründete, man wolle nicht, dass es im Park rieche wie in einer Bar.

Kaum zu glauben, oder? Typische lächerliche amerikanische Verhältnisse, könnte man sagen. Aber bei uns wird derzeit auch ernsthaft darüber diskutiert, ob das achtlose Wegwerfen eines Zigarettenstummels «fern jeden Anstands und einer rechten Erziehung» mit einer Busse «von nicht unter hundert Franken» bestraft werden soll. Weshalb soll eine Geldstrafe für einen verspritzten Tropfen Champagner absurd sein, aber für einen Zigarettenstummel die richtige Erziehungsmassnahme? Wo führt das hin? In ein Outdoor-Gefängnis? Wollen wir das? Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

Was ist Ihre Meinung?

Outdoor

10 Gründe, warum man das Gebirge derzeit meiden sollte

Natascha Knecht am Mittwoch den 22. Juli 2015

1. Es ist schrecklich, die überwältigende Schönheit der Hochalpen zu ertragen. Leidenswille und Schmerztoleranz müssen deshalb extrem hoch sein.

Aussicht vom Wetterhorn im Berner Oberland auf Jungfrau, Mönch und Eiger.

Aussicht vom Wetterhorn im Berner Oberland auf Jungfrau, Mönch und Eiger.

2. Um auf einen hohen Gipfel zu steigen, muss man nicht nur in der Nacht aufstehen. Man wird dafür auch noch mit dem Drama eines Sonnenaufgangs bestraft. Fürchterlich!

Der Mont Blanc im ersten Sonnenlicht. Gesehen vom Rochefortgrat.

Der Mont Blanc im ersten Sonnenlicht. Gesehen vom Rochefortgrat.

3. Unter dem Wolkenmeer wäre man nicht der direkten Sonne ausgesetzt. Man könnte sich das Geld für die teuren Cremen sparen.

Das Mattertal vom Zmuttgrat am Matterhorn gesehen.

Das Mattertal vom Zmuttgrat am Matterhorn gesehen.

4. Statt in der Badi die Seele baumeln zu lassen, muss man sich im Gebirge unentwegt konzentrieren. Man darf nicht einmal stolpern.

Eine Seilschaft beim Abstieg vom Bietschhorn, Wallis.

Eine Seilschaft beim Abstieg vom Bietschhorn, Wallis.

5. In den Hütten ist die Freiheit auch nicht mehr wie früher. Schnarchen ist heutzutage unerwünscht.

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Nicht schnarcheln: Schild in einer Hütte.

6. Grosses Pech, wenn man als Seilschaft ganz allein auf einem Viertausender steht. Wie langweilig!

Auf dem Matterhorngipfel.

Auf dem Matterhorngipfel.

7. Mühsam, wenn eine Route keine Bohrhaken oder Fixseile hat. Alles muss man selber machen! Selbstsicherung legen – und diese dann auch noch entfernen.

Keil und Friend.

Keil und Friend.

8. Eis, Schnee und kalte Finger auch im Hochsommer.

Am Younggrat zum Breithornzwilling, Wallis.

Am Younggrat zum Breithornzwilling, Wallis.

9. Ärgerliche Regeln in den Hütten und Biwakschachteln, die man einhalten sollte. Betonung auf «sollte».

Eine grossgeschriebe Bitte im Arben-Biwak.

Eine grossgeschriebe Bitte im Arben-Biwak.

10. Die Probleme beginnen hier oben, schon bevor der Tag anbricht. Kaum ist eines gelöst, stellt sich das nächste. Es hört nicht auf, bis man endlich wieder zu Hause ist.

Am Rotgrat auf den Alphubel, Wallis.

Am Rotgrat auf den Alphubel, Wallis. Bilder: © Archiv Natascha Knecht

Weshalb meiden Sie das Hochgebirge im Sommer?

Outdoor

Und wenn die Erde doch eine Scheibe ist?

Blog-Redaktion am Montag den 20. Juli 2015

Ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*


Ist der Grund für das gerissene Seil bei der Erstbesteigung so wahnsinnig wichtig? «Tatort Matterhorn» in der 90-Minuten-Version. Video: SRF

Wann immer grosse Ereignisse die Menschheit bewegen, sind Verschwörungstheorien nicht weit: Die Mondlandung wurde in einem Filmstudio gedreht, weil auf dem Mond die US-Fahne nicht im Wind flattern konnte. 9/11 geht auf das Konto der CIA. Prinzessin Diana donnerte mit Zutun des britischen Geheimdienstes in die Tunnelwand und die Herren in Bern machen sowieso, was sie wollen.

Und jetzt ist also das Matterhorn an der Reihe. Rechtzeitig zum 150-Jahr-Jubiläum der tragischen Erstbesteigung. SRF ging in der Pseudo-Dokumentation «Tatort Matterhorn» der weltbewegenden Frage nach, ob das berühmteste Seil der Alpingeschichte gerissen ist oder durchgeschnitten wurde. Den zweiten Platz belegt übrigens das Hanfseil des Toni Kurz in der Eigernordwand, das er wegen Kuhnagels in den Fingern nicht aufknüpfen konnte. Bloss ist dazu meines Wissens noch keine Verschwörungstheorie aufgetaucht.

Vorsicht, Verschwörungstheorie! Der Abstieg in «TatortMatterhorn». Screenshot: SRF

Vorsicht, Verschwörungstheorie! Der Abstieg in «Tatort Matterhorn». Screenshots: SRF

Im besagten Film von SRF also war in gefühlten zwanzig Wiederholungen zu sehen, wie das Seil über einer scharfen Felskante zerriss. Darauf erklärte ein Forensiker im dramatischen Gegenlicht am Mikroskop, das Seil sei zweifelsfrei zerschnitten worden. Ganz im Stil der unsäglichen US-Reality-Soaps, in denen Officer Bruce Willis aus Milwaukee im Brustton des aufopfernden Gesetzeshüters erklärt, wie er den Schurken beim Pinkeln am Strassenrand erwischte. Täglich auch zu sehen in den unzähligen CSI-Folgen, in denen ein Kriminaltechniker aus einem Blutstropfen im UV-Licht einen ganzen Tathergang zurück bis ins 18. Jahrhundert rekonstruiert. Zudem wurde in Empa-Tests die Bruchfestigkeit der damaligen dünnen und dicken Seile ermittelt. Alles wahnsinnig interessant.

Hinterlistig oder lebensrettend durchgeschnitten: Das Seil, um das sich Legenden drehen. Screenshot: SRF

Hinterlistig oder lebensrettend durchgeschnitten? Das Seil, um das sich Legenden drehen.

In der Folge dieser Erstbesteigung, und bis heute, wird hitzig diskutiert, ob das Seil tatsächlich riss oder von Bergführer Taugwalder, je nach persönlichem Standpunkt hinterlistig oder lebensrettend, durchgeschnitten wurde.

Eine absolut sinnlose Diskussion, die letztlich nicht nur Taugwalders, sondern auch Whympers Leben ruinierte. Das gerissene oder zerschnittene Seilstück – ausgestellt als Devotionalie im Zermatter Bergsteigermuseum – gelangte gemäss SRF-Dok zuerst nach London zum British Alpine Club und von dort wieder zurück nach Zermatt. Ob es sich dabei tatsächlich um das Originalseil oder um einen Kalberstrick aus einem Walliser oder britischen Bauernhof handelt, scheint bis heute ungeklärt.

Ein paar Fotos aus dem Weltall, die unsere Erde als Kugel zeigen, können doch nicht wirklich als Beweis dafür gelten, dass die Erde keine Scheibe ist – Photoshop machts möglich. Und es wird nie jemand nachweisen können, was mit diesem Seil am Matterhorn passierte. Ob unser aller Ueli tatsächlich auf der Annapurna und Toni Egger auf dem Torre Egger war, ob das berühmte Seil riss oder zerschnitten wurde: Ist das so wahnsinnig wichtig?

Daher mein Vorschlag: Jede und jeder soll sich diejenige Version aussuchen, die ihm am besten zusagt, und damit die unsäglichen Diskussionen beenden. Die Berge sind doch zum Besteigen, Bewandern, Bewundern, Fotografieren da. Ganz sicher nicht, um intellektuelle Verschwörungstheorien und abstruse Legenden daraus zu basteln.

*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

Outdoor

Was Outdoor-Hipster diesen Sommer tun

Natascha Knecht am Mittwoch den 15. Juli 2015

Gehören Sie zu dieser urbanen Subkultur, die noch immer Vollbart und Holzfällerhemd trägt, an Dachterrassenpartys geht und Hugo trinkt? Dann hören Sie damit auf. Es ist out. In diesem Sommer geht der Outdoor-Hipster einen Schritt weiter. Er wird mutiger und verwegener. Er ersetzt den Vollbart durch einen Hippie-Bus (hier finden sich die «steilsten») und wagt sich damit über die Stadtgrenze hinaus. Idealerweise stilecht in einem kultigen T1 von VW, die Fenster beim Fahren heruntergekurbelt. Man sieht sie derzeit überall. Auf der Autobahn, auf der Überlandstrasse, an den Pässen, auf den Alpen. Im Fahrzeug sitzen vornehmlich junge, leicht bekleidete Menschen. Es ist schliesslich warm in dieser alten Karosse ohne Klimaanlage. Trotzdem trägt mindestens eine(r) der Gruppe – zumeist der Fahrer – eine coole Wollmütze. Selbst bei 35 Grad im Schatten.

Outdoor ohne Schweiss, dafür mit viel Genuss

Was Trends und Booms im Sommer angeht, ist die gigantische «Outdoor»-Messe in Friedrichshafen jeweils ein aufschlussreicher Indikator. Wie sich das «Outdoor-Verhalten» der Konsumgesellschaft verändert respektive beeinflussen lässt, weiss niemand besser als die Experten der Industrie, die sich dort versammeln. Nehmen wir zum Beispiel Camping. «Das stand früher für Isomatten, nasse Zelte bei Regenwetter und Essen aus der Dose, aber auch für Flexibilität und günstigen Familienurlaub», berichtet das Magazin «Outdoor». Damals passte ein Zelt noch in einen Veloanhänger, «zumindest aber sicher in den Kofferraum». Aber diese «Art von herkömmlichem Camping» gelte inzwischen in manchen Kreisen als veraltet. Angesagt sei heute «Glamping», eine Abkürzung für «glamorous camping». Es bedeute «Outdoor ohne Schweiss, dafür mit viel Genuss».

Das Problem: Die umfassende Komfortausrüstung für Glamping passt nicht mehr in den Kofferraum. Dafür braucht es nun einen Kleintransporter oder einen Reiseanbieter, der den Aufenthalt auf dem Glampingplatz organisiert und die Infrastruktur zur Verfügung stellt. Dort kann der gestresste Hipster dann in der Natur entspannen und muss trotzdem nicht auf richtige Betten, WLAN, Steckdosen, Küche und Kühlschrank verzichten. Heute bieten Zelte mehrere Schlaf- und Aufenthaltskabinen.

Die Produkte sind der eigentliche Anlass für die Tour

Primus, Hersteller von «rucksacktauglichen und in jeder Extremsituation verlässlichen Kochern», hat die Entwicklung von Nachfrage und Angebot analysiert und präsentiert nun «eine völlig neue Produktlinie». Sie heisst Campfire und erinnert fast schon an die Küche eines Sternekochs. Die bisherigen Kocher, so Primus, nehme man mit, weil sie verlässliche Partner seien und weil man sie brauche. «Die Campfire-Produkte sind dagegen der eigentliche Anlass für die Tour.»

Heute braucht es also ein Produkt, damit die Leute motiviert sind, outdoor zu gehen. Einen Luxusgrill, den sie in die Seitentäler transportieren können. Einen Hippie-Bus, mit dem man von Parkplatz zu Parkplatz fährt. Es ist wie mit diesen Spielplätzen vor (ungefähr) jedem Berghaus der Schweiz. Es gäbe Wiesen, Wälder und vieles zu entdecken, aber die Kinder toben sich in der Plastikhüpfburg aus. Wird irgendwo eine Hängebrücke in die Landschaft gebaut, ist der Besucheransturm garantiert. Seilbahnen mit neuen Drehgondeln wirken wie ein Magnet. Ebenso Gipfelgebäude, die von Stararchitekten entworfen wurden. Die Natur allein wäre zu unspektakulär.

Was denken Sie über dieses Outdoor-Verhalten?

Outdoor

Willkommen am Tessiner Fels

Blog-Redaktion am Mittwoch den 8. Juli 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

«Benvenuti al Canyon» steht auf dem Täfelchen, das an einem Baum hängt. So freundlich sind wir noch nie in einem Klettergebiet begrüsst worden. Canyon heisst ein Sektor der Falesie di Gudo. Die Felsen hoch über der Magadinoebene sind vor wenigen Jahren von Tessiner Kletterern erschlossen worden. Der Weg vom Parkplatz durch den Kastanienwald ist sorgfältig angelegt, alle paar Meter weist ein rot-weisser Pfeil die Richtung – selbst in Gegenrichtung, man muss ja auch den Rückweg wieder finden. Unter den rötlichen und grauen Gneisformationen ist ein Rastplatz mit Tisch und Bänken eingerichtet, selbst der Aschenbecher aus Granit fehlt nicht. Die Routen sind weithin sichtbar in gelber Farbe und grossen Buchstaben angeschrieben, samt Schwierigkeitsgrad. Bohrhaken, Umlenkungen – hier stimmt alles, auch das Ambiente. Zwischen den Birken und Kastanien streift der Blick über die Ebene zum Ceneri, am Himmel kreist ein Raubvogel, am Fuss der Wand windet sich eine junge Ringelnatter und verschwindet unter Steinen. Mit Sorgfalt und Hingabe haben lokale Enthusiasten einen kleinen Felsfreizeitpark erschlossen und für die Klettergemeinde zur Verfügung gestellt.

Einst bildeten die Tessiner Kletterer eine verschworene Gemeinschaft, die sich dezidiert gegen die Felssportler aus dem Norden abgrenzte und Routenbeschreibungen und neue Klettergebiete geheim hielt. «Ein auswärtiges Kletterführerprojekt zwingt zum einstimmigen Widerstand», schreibt Marco Volken in einem historischen Abriss über seinen 1964 gegründeten Kletterclub Scoiattoli dei Denti della Vecchia. Tempi passati. Über die Website Scoiattoli.ch veröffentlicht die Gruppe heute neue Routen, Gebiete und weitere Informationen zum Klettern im Tessin. Unter anderem kann man hier die Beschreibung der Falesie di Gudo herunterladen.

«La roccia, sebbene non sia fra le migliori de Cantone, offre vie molto variate e mai banali», heisst es da. Das klingt nicht gerade hinreissend, ist jedoch ehrlich und entspricht etwa unserer Erfahrung. Heikle Einzelstellen, glatte Auflegergriffe, die Bewertung ziemlich hart. Das Gebiet ist sicher gewöhnungsbedürftig. Die gute Information zeigt jedenfalls, wie sich die Szene im Tessin gewandelt hat in den vergangenen Jahren. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass sich die Felsen auf privatem Grund befinden, «un comportamento rispettoso» sei angezeigt.

Das erinnert an den Sektor Il Gufetto in Arcegno, wo uns vor drei Jahren kein «Benvenuti» empfing, sondern der Schriftzug «PRIVATO CHIUSA», in Riesenbuchstaben auf den Fels gepinselt. Die untersten Haken waren ausgerissen, ein Fixseil am Zugangsweg entfernt. Über die Gründe dieser privaten Felssperrung gibt es verschiedene Versionen. Der Besitzer des nahen Rusticos, zu dessen Grundstück offenbar auch der Wald und die Felsen gehören, habe sich über Müll und menschliche Exkremente beklagt. Laut anderen Gerüchten war es sein Hund, der sich mit den Felssportlern nicht vertragen habe. Die Tessiner Scoiattoli hätten das Gespräch gesucht, aber offensichtlich ohne Erfolg.

Der Aschenbecher bei den Felsen von Gudo ist wohl als Mahnung gedacht, sich anständig zu benehmen und nicht einmal eine Zigarettenkippe liegen zu lassen. Damit nicht auch hier eines Tages «PRIVATO CHIUSA» steht statt des freundlichen «Benvenuti».

SCHRIFTSTELLER, AUTOR, *Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

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Möbel auf dem Vrenelisgärtli

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 17. Juni 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*:

Wir hoffen, wie jeden Sommer, dass uns doch das Schneefeld auf dem Vrenelisgärtli erhalten bleibe, das sagenumwobene. Das im Hitzesommer 2003 verschwand, weggeschmolzen, und seither noch zwei weitere Male. Was ist denn der Glärnisch ohne die weisse Krone des «Vreneli»? Ein graues Mahnmal des Klimawandels.

Die Geschichte der jungen Frau, die auszog, das Unmögliche zu wagen, im ewigen Eis einen Garten zu pflanzen, ist gewiss eine der stärksten Alpensagen. Ihr Ursprung ist kompliziert, eine Spur führt zu Leuca, einer keltischen Schneegöttin, eine andere in die Verenaschlucht bei Solothurn. Vom Teufel vertrieben, fuhr die Einsiedlerin Verena auf einem Mühlestein – altes Sexsymbol – auf der Aare hinab und den Rhein hinauf nach Zurzach, das zum Hauptort des Verenakultes wurde. «S isch äbe e Mönsch uf Ärde», singt Stefan Eicher, auch das Vreneli ab em Guggisbärg gehört in den Verena-Komplex. Stäfa am Zürichsee trägt Verena im Wappen mit Wasserkrug und Läusekamm: Heilerin und Wassergöttin.

Wenn bloss nicht das ganze Schneefeld zu Wasser wird in der Sommerhitze. Ich werde zwar ohnehin nicht hinaufsteigen, nicht mehr. Es dauerte lange, bis ich einmal oben war, allein vom Tal auf den Gipfel wie die sagenhafte Verena. Zum Glück kein Schneesturm wie einst, als drei Burschen aus Schwanden mitten im Sommer dort oben erfroren. Kein Kreuz war da, nur ein Schuttgrat, auf der Nordseite das viereckige Schneefeld, die Aussicht atemberaubend, ein ergreifender Augenblick. Ich hatte den Berg gemieden, weil ich als Jugendlicher kurz unter dem Gipfel Augenzeuge eines tödlichen Unglücks geworden war. Der Glärnisch ist ein gefährlicher Berg, dem Wetter ausgesetzt und lockeres Gestein.

UBS sponsert Steinbank auf dem Gipfel

Aber nun meide ich ihn aus anderen Gründen. Inzwischen ist der Gipfel des Vrenelisgärtli «möbliert» worden, ein massives Gipfelkreuz musste her, samt Blitzableiter. Eine Büchse mit Gipfelbuch daran geschraubt, dekoriert mit einem fünfzackigen Stern. Seltsame Symbolik. Dazu hängt ein Glöcklein am Kreuz, ein Kübel ist obendrauf gestülpt. Wohl weil das Vreneli in der Sage ein Käsekessi über den Kopf hielt, als es zu schneien begann. Vielleicht als Beschwörung, dass es doch wieder mal genügend Schnee gebe dort oben? Übrigens ist auch Frau Holle irgendwie verwandt mit der sagenhaften Verena.

Wo der Kitsch hinfällt, bleibt er bekanntlich nicht lange allein. Glarner Touristiker liessen im Juni 2010 eine tonnenschwere Steinbank per Heli auf den Gipfel fliegen, gesponsert von der Grossbank UBS. «Geschenk von Glarus Süd an Zürich», also von meiner Heimat- an meine Wohngemeinde. Darüber hinaus schenkten die Glarner den Zürchern grosszügig auch noch einen Quadratmeter schotterigen Heimatboden. Ein Blumengärtlein wächst da bestimmt nicht. Zur Einweihung stiegen Zürichs Stadtpräsidentin und eine Glarner Regierungsrätin mit Bergführern und einem Tross von Glarner und Zürcher Politkern und Politikerinnen und weiteren Notabeln auf den Gipfel. Freude herrschte.

Bei mir hält sie sich in Grenzen. Ich kann mich mit dem Klimbim auf dem sagenhaften Gipfel nicht befreunden, muss ich ja auch nicht. Mir genügt der Blick vom Zürichberg zum Glärnisch. Wenn nur der Schnee dort oben nicht schmilzt, diesen Sommer.

Ihre Meinung interessiert uns. Wie denken Sie über die Möblierung des sagenhaften Gipfels?

SCHRIFTSTELLER, AUTOR, *Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

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Porno – die neue Rhetorik am Berg

Natascha Knecht am Mittwoch den 10. Juni 2015
Das findet, wer Climbingporn sucht: Bilder aus dem Mad-Rock-Katalog (l.) oder den Kanarraville Falls, Zion National Park, Utah (r.). Fotos via Twitter und Reddit

Wer nach Climbing-Porn sucht, findet unter anderem das: Bilder aus dem Mad-Rock-Katalog (l.) oder den Kanarraville Falls, Zion National Park, Utah. Fotos via Twitter und Reddit

«Ski-Porn» oder «Climbing-Porn» – man mag es seltsam finden, unter welchen Schlagwörtern die heutigen Freerider und Kletterer ihre «geilsten» Linien ins Netz stellen. Die Bilder und Videos zeigen keine klassische Pornografie, sondern lediglich Menschen in steilen Tiefschneehängen oder Felswänden. Erotisch aufgeladene Formulierungen haben in der alpinistischen Literatur Tradition. Sie lösten die militärische Rhetorik ab, die vor 150 Jahren gebräuchlich war, als das Freizeitbergsteigen in Mode kam. Der damals neu gegründete SAC fungierte als «Generalstab» der Alpinisten. Eine Vereinstour war ein «Feldzug» mit dem Ziel, einen Gipfel «anzugreifen» und zu «erobern».

Zwar hält sich der Ausdruck «einen Berg bezwingen» hartnäckig, allerdings praktisch nur noch in den Medien, geschrieben von Leuten, die sich wohl noch nie über die Waldgrenze hinausgewagt haben. Denn die Alpinisten begriffen schnell, dass sie im Gebirge oft einen «Kampf» führen, aber vor allem mit sich selber, nicht gegen den Berg. Dieser lässt sich nicht «besiegen», er bleibt immer stärker. Die schlauere Taktik ist also, sich behutsam an einen Gipfel «heranzumachen», wie bei einem zwischenmenschlichen Flirt. Bei zu aggressiver Methode ist der Fehltritt programmiert. Liebe und Leid stehen auch im Gebirge nahe beieinander.

Berge sind attraktiv, Alpinisten ebenfalls

Nun liegt es aber in der Natur des typischen Alpinisten, dass er sich unheimlich stark glaubt. Er trotzt Wind, Wetter, Gefahren und nimmt sein Leben «hart in die Hand». In seiner Logik sind sein gesunder, widerstandsfähiger Körper, sein Mut und sein Tun hochattraktiv. Inmitten der Gipfelwelt kommt er sich vor wie der Held in der Disco. So wundert es wenig, dass die Berge seit jeher «als Objekte des bergsteigerischen libidinösen Begehrens» inszeniert werden, wie Dagmar Günther in ihrem wissenschaftlichen Werk «Alpine Quergänge» feststellt.

In Tourenberichten liest man ständig von «Liebhabern der Höhen», die «leidenschaftlich» ins Gebirge «eindringen». Mit «Ausdauer» und aus reiner «Manneskraft». Beim Ausleben dieses «Triebs» verspüren sie «intime Gefühle». Sie «begehren» die Berge und haben das «brennende Verlangen» nach einer «Besteigung», am liebsten eines «unberührten» Gipfels. Auf dem «Höhepunkt» erfahren sie «tiefe Befriedigung».

«Gefesselt» von den «Reizen» der «Spalten» und «Ritzen» lassen sie sich von «unstillbarer Sehnsucht» leiten. Der Anblick von «schön geformten» Felsen «erregt» sie. Ein «blanker Vorbau» macht sie «schwach», sie können nicht «widerstehen». Besonders dann, wenn Wolken vor dem Auge des Alpinisten «hoch und höher ziehen», die Flanken «entschleiern» und diese in «vollendeter Herrlichkeit» «verführerisch» herübergrüssen. Je abweisender sie sich geben, desto grösser das Ansehen des Alpinisten, der sie «bekommt». Das verursacht natürlich auch «Versagensängste». Aber nach der geglückten Tour dank der «richtigen Technik» sind ihr «Selbstwert» und die «Sensibilität» gesteigert.

Während früher in den alpinistischen Schilderungen lediglich erotisch konnotierte Metaphern gewählt wurden, kommen die jungen Wilden nun ohne Umschweife zur Sache. Das neue Porno-Vokabular ist sozusagen eine sprachliche Weiterentwicklung des «immer schneller, höher, krasser» im Bergsport, angepasst an das 21. Jahrhundert.

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