Archiv für die Kategorie „Alpin“

Outdoor

«Horn blasende Idioten»

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 26. November 2014

Ein Gastbeitrag von Daniel Foppa*

Die Engländer hatten Zeit. Unendlich viel Zeit. In den gehobenen Kreisen Grossbritanniens gehörte es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum guten Ton, ein paar Wochen am Fuss eines Drei- oder Viertausenders zu verbringen. Und ganze Sommermonate dem Nichtstun zu frönen. Die ambitionierten Gäste heuerten jedoch Einheimische als Führer und Träger an, um die bedeutenden Alpengipfel zu besteigen. Es war das «Goldene Zeitalter des Alpinismus», als von 1855 bis 1865 Berge wie die Dufourspitze, das Weisshorn und das Matterhorn erstbestiegen wurden.

Mit von der Partie ist in vielen Fällen der Haslitaler Melchior Anderegg. Als Knecht im Grimsel-Hospiz kommt er erstmals in Kontakt mit englischen Gästen, die ihn für eine Gletschertour über den Strahleggpass anheuern. Anderegg erweist sich als besonders bergkundig und geschickt – eine der bemerkenswertesten Karrieren der Schweizer Alpin­geschichte beginnt. Wie die Journalistin und TA-Bloggerin Natascha Knecht in einer neuen Publikation aufzeigt, nimmt Anderegg eine herausragende Position in der Pionierzeit des Alpinismus ein.

Mit Virginia Woolfs Vater am Seil

Pionier und Gentleman der Alpen – Melchior Anderegg

«Pionier und Gentleman der Alpen. Das Leben der Berg­führerlegende Melchior Anderegg» von Natascha Knecht. Limmat Verlag, Zürich 2014. 208 Seiten, 54 Fotografien, Karten und Abbildungen, ca 36 Franken. www.limmatverlag.ch
Für SAC-Mitglieder 29 Franken über www.sac-cas.ch

Der 1828 in Meiringen geborene Anderegg ist einer der ersten Schweizer Bergführer überhaupt. Sein Können eignet er sich autodidaktisch an, und bald schon ist er über die Landesgrenzen hinaus bekannt. «Melchior ist auf seine Art auch ein Kaiser, ein Fürst unter den Führern. Sein Reich ist der ewige Schnee, sein Szepter der Eispickel», schreibt Matterhorn-Erstbesteiger Edward Whymper.

Mit Whymper ist Anderegg nie unterwegs, dafür umso häufiger mit Leslie Stephen – dem Vater von Virginia Woolf. Der Schriftsteller ist einer jener spleenigen viktorianischen Gelehrten, die den Anstoss zur Erstbesteigung zahlreicher Alpengipfel geben. Mit Anderegg gelingt ihm die Erstbesteigung des Zinalrot­horns und des Rimpfischhorns. Autorin Knecht schildert mit viel alpinistischem Wissen, wie die Pioniere mit rudimen­tärer Ausrüstung, Brachialtechnik und reichlich Alkoholika im Gepäck in Gebiete vordringen, die vor ihnen noch niemand betreten hat. Es gibt weder Clubhütten noch verlässliches Kartenmaterial – sondern nur eine alpine Terra incognita. «Man darf uns mit Raupen ver­gleichen, die sich krümmen und dann wieder strecken», beschreibt Stephen in seinem Klassiker «Playground of Europe» die Kletterei am Zinalrothorn-Nordgrat. Anderegg führt seine Gäste jeweils sicher auf den Gipfel und zurück, spornt an, unterbindet Leichtsinn, zieht Stephen auch schon mal aus einer Gletscherspalte.

Über den alpinistischen Aspekt hinaus, und das macht Knechts Buch besonders lesenswert, bietet Andereggs Leben Einblicke in die Mentalitäts- und Tourismusgeschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert. Die Aufklärung scheint noch nicht in jedes Bergtal vorgestossen, und Anderegg und seine Gäste müssen gegen Misstrauen ankämpfen. Es dauert seine Zeit, bis Alpinisten als Einkunftsquelle erkannt werden und Argwohn dem Geschäftssinn weicht.

Kein Respekt für Eingeborene

Bemerkenswert sind dabei Schilderungen aus zeitgenössischen Reiseführern: «Geduld und kleine Münzen sind im Berner Oberland unentbehrlich», schreibt Karl Baedecker und warnt vor Bettlern und Gauklern. Eine Teilnehmerin der ersten von Thomas Cook 1863 organisierten Pauschalreise hält fest: «Das Wallis ist das erbärmlichste und betrübendste Gebiet im nördlichen Europa, weil dort Aberglaube, Ignoranz, Armut und schmutzige Sitten herrschen». Und Edward Whymper beschwert sich über Echos in Lauterbrunnen, «die von Horn blasenden Idioten vorgeführt werden». Die gut dokumentierte Publikation entwirft so ein unterhaltsames Panoptikum aus der Pionierzeit des Alpintourismus.

Der Respekt der Engländer vor den Eingeborenen ist dabei nicht eben gross. Man warnt sich gegenseitig vor unzuverlässigen Trägern und inkompetenten Führern. Ausnahmen bilden Könner wie Melchior Anderegg, der über Jahre hinweg ausgebucht ist und regelmässig für Aufsehen sorgt. So besteigt unter seiner Führung die Engländern Lucy Walker als erste Frau das Matterhorn.

Seine Gäste laden Anderegg zu einem Besuch in London ein – eine amüsante Episode, die an die Reise von Crocodile Dundee nach New York erinnert: Die Engländer überlassen Anderegg mitten in London sich selbst, um zu schauen, ob er zurück in ihre Wohnung findet. Der Orientierungssinn des Haslitalers funktioniert auch in der Metropole, und Anderegg ist vor seinen mit der Kutsche fahrenden Gästen wieder in der Wohnung. Die Episode soll im britischen Alpine Club noch Jahrzehnte erzählt worden sein – zu Ehren des «King of the Guides».

Hörprobe aus «Pionier und Gentleman der Alpen» (© Radio SRF1)

foppa_150p*Daniel Foppa ist Ressortleiter Schweiz beim «Tages-Anzeiger» und passionierter Skitourengeher.

Outdoor

Faszination Alpinismus

Natascha Knecht am Mittwoch den 19. November 2014

Sie rennen, klettern, wandern und biken. Unsere Outdoorblogger sind leidenschaftlich in dem, was sie tun. Was treibt unsere vier Autoren an? Was lässt sie staunen? Wir zeigen die Blogger diese Woche von ihrer persönlichen Seite. Natascha Knecht über die Faszination des Alpinismus und was ihr am Berg wichtig ist. Viel Spass!

Video: Lea Koch


 

Happy Birthday, Blogs! 15 verschiedene Blogs, mehrere Tausend Beiträge und weit über eine Million Kommentare: Da stehen wir nach fünf Jahren. Die Blogs gehören heute zum festen Inventar von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Nationale Bekanntheit haben nicht nur die Klassiker wie der Mama- oder der Sweet-Home-Blog erlangt. Auch neuere Blogs, wie etwa Manage Your Boss oder Welttheater, fanden schnell Anklang bei den Leserinnen und Lesern. Grund genug, um nach fünf Jahren Geburtstag zu feiern. In den kommenden zehn Tagen feiern wir unsere Blogs mit speziellen Postings. Und in Videos und weiteren Blogpostings gewähren wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen, porträtieren Autoren – und schreiben über unseren Umgang mit Kommentaren und Kommentarschreibern. Fehlt noch was? Ja! Erst durch die Kommentare von Ihnen, liebe Userinnen und User, entstehen spannende Diskussionen und Debatten. Ein herzliches Dankeschön dafür. Sie finden alle Jubiläumsbeiträge hier.

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Fertig Schoggi für die Superkletterer

Natascha Knecht am Mittwoch den 12. November 2014


Alex Honnold, der König der Free-Solo-Kletterer, in der 15-Seillängen-Route El Sendero Luminoso (5.12d). Die Big Wall befindet sich in der Nähe von Monterrey, Mexiko.

Die Empörung in der Kletterszene scheint gross zu sein, jedenfalls gipfelte sie übers Wochenende in einem regelrechten Shitstorm. Im Fokus steht die amerikanische Firma Clif Bar, die mit Energie- und Regenerationsriegeln für Sportler eine halbe Milliarde Dollar Jahresumsatz generiert. Zur Promotion ihrer Produkte hat Clif Bar gegen zwanzig Top-Kletterer unter Vertrag. Doch damit soll nun Schluss sein. Fünf von ihnen sollen offenbar aus dem Ambassadoren-Team fliegen. Es sind dies Alex Honnold, Dean Potter, Steph Davis, Cedar Wright und Timmy O'Neill. Warum? Weil diese «Free Solo» klettern, also ungesichert im Alleingang und im Hochrisikobereich.

Zwar hat Clif Bar den fünffachen «Rauswurf» (noch) nicht offiziell bestätigt, aber auf der Team-Website tauchen die fünf nicht mehr auf. Und gegenüber dem Magazin «Rock and Ice», welches die Sache publik machte, sagte der Pressesprecher, Clif Bar wolle künftig wieder traditionelle Stilformen sponsern, also die Clean-Kletterer, Boulderer, Alpinisten oder Sportkletterer. Mit anderen Worten: die «Braven» wie Chris Sharma, meint Bergsteigen.com.

8a.nu glaubt, da Honnold der berühmteste Free-Solo-Kletterer der Welt sei, könne es sich nur um ein Missverständnis handeln. Weniger diplomatisch sind viele Kommentare in den Internetforen. Da wird reihenweise wüst gegen Clif Bar ausgeteilt – in allen Weltsprachen. Aber Free-Solo-Klettern finden bei weitem nicht alle gut. Es ist eine Spielform, die polarisiert.


Alex Honnold in der Route «Heaven» (5.12d), im Yosemite Valley, Kalifornien.

Wie viel Kommerz braucht der Alpinsport?

Meine Einstellung dazu ist ambivalent. Einerseits finde ich es zu viel des Guten, wenn ein Alex Honnold ungesichert eine Big Wall klettert, Hunderte von Metern Luft unter dem Hintern. Jeder Fehler wäre sein letzter. Dies entspricht wirklich nicht dem, was ich unter Klettern oder Alpinismus verstehe. Andererseits schaue ich seine Videos trotzdem. Man muss ja nicht immer alles verstehen.

Honnolds Können und vor allem seine mentale Stärke sind überirdisch – nicht nur in meinem Empfinden. Millionenfach werden seine Videos angeklickt. Und genau darin steckt die Krux: Was nicht fassbar ist, finden viele Leute absonderlich, sinnlos, blöd, überflüssig. Statt zu akzeptieren, dass es Mitmenschen gibt, die um Welten besser und mutiger sind, reagieren sie mit Neid, Aggression, Beleidigung und offenbar auch mit der Drohung, keine Riegel von Clif Bar mehr zu kaufen. Aber wo wären wir heute, hätte es nie Pioniere gegeben, die Dinge wagen, die für die breite, angepasste und ängstliche Masse zu extrem sind?

Trotzdem finde ich es richtig respektive dringend nötig, dass dieses «Weiter, Höher, Schneller» diskutiert und hinterfragt wird. Der eigentliche Skandal ist meiner Meinung nämlich ein anderer: Es gibt Kletterer und Alpinisten, die als Team Ausserordentliches leisten, nur interessiert das inzwischen kaum noch irgendwen. Die Stars unter den Free-Solo-Kletterern stehen allen anderen in der Sonne. Inzwischen meint der Normalbürger, die Eigernordwand sei ein Spaziergang und die grösste Gefahr am Mount Everest seien die Sherpas.

Statt gegen einen Hersteller von Schoggiriegeln Energie zu verschwenden, könnte die Szene auch kritisch darüber nachdenken, wie viel Kommerz, Selbstverliebtheit und undurchsichtige Inszenierung der Alpinsport überhaupt verträgt.

Was ist Ihre Meinung?

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Der Uetli- ist auch ein Kletterberg

Natascha Knecht am Mittwoch den 5. November 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

Der letztes Jahr verstorbene Zürcher Extrembergsteiger und Bergführer Walter Müller ist am Fuss des Uetlibergs aufgewachsen. Als Jugendlicher begann er zu klettern, an den Nagelfluhblöcken unterhalb des Wegs, der vom Staffel westlich am Gipfel des Uetli vorbeiführt. Walter hängte sich in die Fingerlöcher der Nagelfluh, klammerte sich an die glatten, ins Konglomerat eingebackenen Flusskiesel und verinnerlichte mit grosser Beharrlichkeit die harten Bewegungsabläufe. Das konsequente Training machte ihn zu einem der ersten Freikletterer der Schweiz, dem äusserst schwierige Erstbegehungen und Wiederholungen in den Alpen gelangen.

Schon in den 30er-Jahren, heisst es, hätten die Zürcher Gebrüder Amstad, Erstbegeher unter anderem des Salbit Südgrats, auf dem Uetli trainiert. Ein Kletterfreund erzählte mir, dass ein paar Zürcher Extreme in den 60er-Jahren sogar im Winter auf den Uetli trabten und sich in den vereisten und verschneiten Felsen die Finger blau kletterten. Anschliessend wärmten sie sich auf dem Kulm mit einem Bier auf und wälzten Pläne von grossen Nordwänden, Winter-Erstbegehungen und Himalayaexpeditionen.

Nacktklettern am «Schnudernäsli»

Jetzt haben wir einen warmen Herbst, doch mein eigener Versuch an einer kleingriffigen und zum Teil mit Tropfstein überzogenen, etwa zehn Meter hohen Wand endet mangels Fingerkraft und Sicherung ziemlich kläglich. Hier wäre sogar ein Vorstieg möglich. Im Fels stecken Haken verschiedener Generationen, auch neue Bohrhaken, die zeigen, dass es trotz Kletterhallen und unzähligen Klettergärten noch immer Uetli-Kletterfreaks gibt. Pfeile weisen an verschiedenen Blöcken die Einstiege zu Boulderproblemen.

In den 80er-Jahren machte der legendäre Kletterclub Uetliberg KCÜ Furore. Mitglieder des wilden Haufens wie Martin Scheel oder Roland Heer wurden schliesslich hervorragende Kletterer und Bergsteiger. Heer, inzwischen als Schriftsteller bekannt geworden, schreibt: «Die damalige Hauptbedingung für einen Eintritt in das Klübli war seilfrei den Uetlibergturm hochzuklettern.» Den Routen und Felsen gab man Namen wie «Schnudernäsli-Direkte», «Müllerwändli», «Rollstuhlüberhang», «Matterhörnli» oder «Spinnenwändli» – auch Nacktklettern gehörte zum Programm. Die KCÜ-Freaks wohnten in WGs und gehörten zur anarcho-dadaistischen Szene der Zürcher Jugendbewegung der 80er, die so einprägsame Slogans schaffte wie «Nieder mit den Alpen – freie Sicht aufs Mittelmeer». Die Alpen blieben dann aber zum Glück doch stehen, und so konnte Martin Scheel als einer der Ersten Routen von Sportkletterniveau in den Alpen erschliessen, 1980 etwa den «Supertramp» in der Bockmattli-Nordwand.

Zwölf neue Routen am Uetli

An der senkrechten Felsstufe direkt unter der Westseite des Gipfels finden sich Spuren einer weiteren «Renaissance» des Uetlikletterns: dicke Bohrhaken, Ketten, Schlingen und künstliche Griffe im Wasser überronnenen und zum Teil bewachsenen Fels. Ein düsterer Winkel, an dem kaum mehr jemand klettert. Vor zwanzig Jahren richteten hier Junge vom SAC Uto zwölf Routen im fünften bis achten Grad ein. Pascal Siegrist zeichnete ein liebevolles Topo, das auch mal im Internet auftauchte. Inzwischen trainiert der Mitinhaber der trendigen Boulderhalle Minimum in Altstetten wohl lieber an der Kunstwand für grosse Unternehmen in den Alpen, etwa die Erstbegehung von «Out of Space» in der Südostwand des Chalchschijen, einer Route im zehnten Grad.

Für ein erweitertes Nagelfluh-Klettertraining lohnt sich eine Fahrt nach Bregenz zum «Känzele» am Gebhardsberg, dem «Uetliberg» der Vorarlberger Hauptstadt. Konglomeratsüchtige pilgern schliesslich zum Montserrat bei Barcelona – dort hat auch Martin Scheel Routen erschlossen. Sicher erinnerte er sich dabei an seine Anfänge auf dem Uetliberg.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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Kann man im SAC-Massenlager eigentlich Sex haben?

Natascha Knecht am Mittwoch den 29. Oktober 2014
Immer wieder eine willkommene Anregung für Männerphantasien: Massenlager in einer SAC-Hütte (hier die Saoseo-Hütte im Puschlav). Foto: Keystone

Immer wieder eine willkommene Anregung für Männerfantasien: Massenlager in einer SAC-Hütte (hier die Saoseo-Hütte im Puschlav). Foto: Keystone

Kürzlich an einem Apéro bei Bekannten daheim: Es waren etwa zwanzig Leute da, die meisten hatte ich davor noch nie gesehen. Für diese Anzahl Gäste war die Stadtwohnung relativ eng, darum standen wir uns in der Küche, im Wohnzimmer und auf dem Balkon auf den Füssen rum. Und wie es so geht: Man kommt ins Gespräch. Man fragt sich gegenseitig oberflächliches Zeug. Was man arbeitet. Wo man wohnt. Was man von Veganern hält und was von Ecopop. In welchem Fitnesscenter man trainiert.

Einer der Ersten, mit denen ich an diesem Abend einen Small Talk führte, hiess Remo*. Er trainiert im Holmes. Ich sagte, ich trainiere in der Kletterhalle und gehe gerne bergsteigen. Später entschloss ich mich, dass ich künftig an solchen Anlässen meine Leidenschaft für die Hochalpen verheimlichen werde. Die Fragen, die mir nämlich gestellt werden, sind immer etwa die gleich dummen. Der Dialog geht etwa so:

Wirklich, du gehst bergsteigen?
Ja.

So richtig? Mit Seil und allem?
Ja.

Echt jetzt?
Ja.

Warst du schon auf dem Matterhorn?
Ja.

Ist das nicht gefährlich?
Es geht so.

Weshalb machst du das?
Das frage ich mich auch.

Remo und ich stehen in der Küche, sein Freund Ralf* kommt rein.

Hey Ralf, hast du gehört: Sie geht bergsteigen, so richtig mit Seil.

Jetzt ist Ralf dran mit seinen Fragen.

Echt? Warst du schon auf dem Matterhorn?
Ja.

Ist das nicht gefährlich?
Es geht so.

Das könnte ich nie. Ich habe fürchterliche Höhenangst. Mich graust es schon, wenn ich auf dem Balkon stehe.
Oje.

Kennst du Ueli Steck?
Ja.

Wie findest du ihn?
Cooler Typ.

Aber der hat nicht alle Tassen im Schrank, oder?
Findest du?

Ich habe mal ein Video gesehen, wie er durch die Eigernordwand rannte. So einer hat doch einen Flick weg.

Remo mischt sich wieder ins Gespräch ein.

Ich habe kürzlich im TV einen Dokumentarfilm über einen Kletterer gesehen. Jetzt weiss ich gerade nicht mehr, wie er geheissen hat, aber es war krass.
Ich schaue fast nie TV.

Du, darf ich dir eine peinliche Frage stellen?
Klar.

Wie macht man das eigentlich, wenn man mitten in einer Felswand auf die Toilette muss?
Man macht sich einfach in die Hose.

Wir lachen.

Zwei Stunden später treffe ich Remo auf dem Balkon wieder. Er hat in der Zwischenzeit mindestens zwei Bier getrunken, ist jetzt in Flirtstimmung, stellt sich eng neben mich und fragt wieder.

Wenn du schon auf dem Matterhorn warst, dann hast du sicher schon oft in SAC-Hütten übernachtet.
Schon sehr oft.

Kann man im Massenlager eigentlich Sex haben?
Sicher, was denn sonst?

Hast du auch schon?
Fast jedes Mal.

Echt?
Echt!

Anmerkung: *Die Namen Remo und Ralf sind fiktiv, aber nicht die Fragen. Ich schwöre, sie sind mir schon unzählige Male gestellt worden. Dass ein Massenlager bei Männern gewisse Fantasien hervorruft, kann ich entfernt nachvollziehen. Aber warum ist es so wichtig, ob man auf dem Matterhorn war? Das verstehe ich beim besten Willen nicht.

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Eine Erstbesteigung in der Arktis von einem Segelboot aus

Natascha Knecht am Mittwoch den 15. Oktober 2014
Ostgrönland: Ralph Villiger und Harald Fichtinger sind die ersten Menschen auf dem Kirken. Obwohl der Gipfel auf der Karte falsch eingezeichnet ist, lässt das Felstürmchen keinen Zweifel daran, das dies William Scoresby’s Church Mount ist. (Alle Bilder: Ralph Villiger und Harald Fichtinger)

Ostgrönland: Ralph Villiger und Harald Fichtinger sind die ersten Menschen auf dem Kirken. Obwohl der Gipfel auf der Karte falsch eingezeichnet ist, lässt das Felstürmchen keinen Zweifel daran, dass dies William Scoresbys «Church Mount» ist. (Alle Bilder: Ralph Villiger und Harald Fichtinger)

Seinen Namen hat der Kirken nicht von ungefähr. Kirken bedeutet auf Dänisch Kirche – und genau wie eine solche sieht dieser Berg aus. Markant ragen seine steilen Felswände in den Himmel,  der Doppelgipfel zeigt verblüffende Ähnlichkeit mit einem Kirchendach und einem Kirchenturm. Entdeckt wurde dieser Felsberg in Ostgrönland vor 200 Jahren vom englischen Arktisforscher William Scoresby jr. Er nannte ihn Church Mount. Bestiegen hat ihn allerdings noch nie jemand – bis nun im August der Basler Ralph Villiger (38) und der Österreicher Harald Fichtinger (40) kamen. Eine eingespielte Seilschaft, über die wir im Outdoor-Blog schon berichteten.

Vom Meer gesehen: Der Kirken ist der auffälligste Berg von Liverpool Land. Er sieht aus wie eine Kirche.

Vom Meer gesehen: Der Kirken ist der auffälligste Berg von Liverpool Land. Er sieht aus wie eine Kirche.

Wie so oft bei einer Erstbesteigung in abgelegenen, wilden Gegenden entwickelte sich auch bei diesem Grönlandabenteuer die Kletterei als «nur» eine von vielen Herausforderungen. Villiger und Fichtinger hatten sich vorgenommen, den Mount Kirken im Kleinstteam «sauber» zu besteigen, das heisst, auch auf Flugzeug (zumindest ab Island) und Helikopter  zu verzichten. Also segelten sie zu zweit ab Island an die Küste von Liverpool Land, eine Halbinsel etwas nördlich vom Scoresby Sound. Diese Seereise dauerte vier Tage.

Auf der Überfahrt nach Grönland segeln sie an einem etwa 400 Meter langen, von Nebel umhüllten Eisberg vorbei.

Auf der Überfahrt nach Grönland segeln sie an einem etwa 400 Meter langen, von Nebel umhüllten Eisberg vorbei.

Angaben zum Kirken hatten die beiden wenig. Lange kannten sie den Granitturm lediglich von einem Bild aus einem Buch. «Später kamen zwei Fotos auf Google Earth hinzu.» In einer unbeschriebenen Bucht, die in keiner Karte eingezeichnet ist, gingen sie vor Anker. «Die Schwierigkeiten lagen in der Abgeschiedenheit des Berges und unserem Expeditionsstil», sagt Villiger. «Mit einem Segelschiff erreicht man solch entlegene Gebiete, allerdings muss für das Schiff auch eine sichere Ankerbucht gefunden werden – insbesondere bei der Konstellation als Zweierteam, die kein Personal für eine Ankerwache übrig lässt.» Was passiert, würde sich das Boot losreissen, aufs offene Meer treiben, oder auf die Steine an der Küste, will man sich nicht ausdenken.

Das Boot liegt sicher vor Anker in einer Bucht im Norden der Kirken. Der Berg ist allerdings nicht direkt einsehbar, was die Routenfindung erschwert.

Das Boot liegt sicher vor Anker in einer Bucht im Norden des Kirken. Der Berg ist allerdings nicht direkt einsehbar, was die Routenfindung erschwert.

Eine Ankerbucht fanden die beiden nur im Norden des Berges vor. Von hier ist der Einstieg in der avisierten Felswand hinter einem Zwischengrat versteckt, der Weg führt über einen Gletscher. Kommt hinzu, dass der Kirken auf verschiedenen Karten falsch eingezeichnet ist. Prompt gingen Villiger und Fichtinger den «falschen» Berg an.

Ralph Villiger sitzt am ersten Tag auf dem falschen Gipfel. Der Kirken ist im Hintergrund.

Ralph Villiger sitzt am ersten Tag auf dem falschen Gipfel. Der Kirken ist im Hintergrund.

«Beim zweiten Versuch fanden wir den richtigen Zustieg, allerdings nur nach einem weiteren Verhauer.» Den Hauptgipfel des Kirken erreichten die beiden dann über sechs Seillängen (6b) in festem Granit. Von Boot zu Boot brauchten sie 16 Stunden. «Eine merklich leichtere Route scheint uns von keiner Seite aus möglich.»

Jetzt auf den richtigen Berg, den Kirken: Harald Fichtinger im Vorstieg. Die Kletterei ist im Schwierigkeitsgrad 6b in meist solidem Granit.

Jetzt auf den richtigen Berg, den Kirken: Harald Fichtinger im Vorstieg. Die Kletterei ist im Schwierigkeitsgrad 6b in meist solidem Granit.

Die Kletterei habe ihn an Chamonix erinnert, so Villiger. «Allerdings als wären die Alpen auf 3000 m ü. M. überflutet.» Offiziell sei der Kirken 1209 Meter hoch. «Eine eigene Messung ergab jedoch lediglich 1108 Meter.» Auch dies ein Indiz, wie verlassen und wenig erkundet diese Region noch immer sei. Aufgrund der Beschreibungen von Scoresby sind sie sich aber sicher, dass sie auf dem Church Mount standen. Koordinate: 71° 07.4'N 021° 48.8'W. Eine kombinierte Gletscher-Schnee-Fels-Tour im Niemandsland.

Nach der Besteigung segelten die beiden wieder zurück nach Island, wo Fichtinger von Bord ging. Villiger segelte noch einhand nach Schottland, wo das Boot über den Winter bleibt und auf das nächste Abenteuer wartet.

Outdoor

Brüggler – eine «Marke» im Klettersport

Natascha Knecht am Dienstag den 7. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

Die zwei jungen Zürcher haben Grosses vor. «Das nächste Mal klettern wir am Brüggler drei Routen hintereinander», verkünden sie lautstark am Fuss der Wand, «das macht dann drei mal sieben also einundzwanzig Seilängen.» Also fast eine Bigwall. Heute reichts nur noch für eine Länge und am ersten Haken hängt der Vorsteigende schon im Seil. Der Brüggler ist zwar nicht besonders steil, aber stellenweise ziemlich glatt. Wir sind wieder mal einen alten Klassiker gegangen, die «Flugroute», plaisirtauglich, aber da und dort fehlen einfach die Griffe. Wer’s kann, legt einen lockeren Spitzentanz bis zum nächsten Briefkastenschlitz hin. Die Flugroute vermeidet geschickt die Föhren und Graspolster, die die Wand zum botanischen Paradies machen. Jetzt gerade ist sie gespickt mit flammenden Feuerlilien. Auf andern Routen ist man auch wieder froh, wenn sich nach der Plattenstelle ein Grasputsch oder eine Wurzel als Rettungsgriff anbietet.

Test für die neue Freundin

Brüggler? Wir Bockmattlikönige der Sechzigerjahre hatten für die schräge Platte drüben im Schwändital nur ein müdes Lächeln übrig. Der «Föhrenweg» war gerade gut genug, die neue Freundin ins Klettern einzuführen. Schaffte sie den Überhang ohne Seilzug, bestand Aussicht auf eine längere Beziehung und eine «richtige» Tour, etwa die «Namenlose» im Bockmattli. Mit den neuen Kletterfinken und den Bohrhaken wurden schliesslich auch die glatten Platten der geneigten Wand kletterbar und so reihte sich allmählich Route an Route. Kein Riss, kein Wulst und schon gar keine Platte blieb vor dem Angriff der Akkubohrmaschine verschont. Selbst Stellen, die sich perfekt mit Sanduhrschlingen, Friends oder Keilen absichern lassen, sind heute eingebohrt. Die Föhren mit ihren felsenfest verankerten Wurzeln sind von ihrer einstigen Funktion als perfekte Standsicherung entlastet.

Ich gebe zu, als Oldie geniesse ich es, dass ich mich nur noch einklinken kann und an einer glatten Stelle unter mir ein nagelneuer Bohrhaken steckt, statt ein kleiner Klemmkeil. Es sind ja auch Freunde von mir, die die Brügglerwand zu einer Art Kletterhalle in freier Natur umgebaut haben – mit viel Arbeit, Zeitaufwand und Kosten. Dazu noch Täfelchen mit den Routennamen am Einstieg angebracht, damit man ganz sicher auf den richtigen Pfad gerät. Gelegentlich kann man gar farbigen Markierungen folgen, wenn sich die Wege kreuzen. Und da, meine ich, hat man doch des Guten etwas zuviel geleistet. Von den 32 Routen, die der Führer GL Climb von Felix Ortlieb beschreibt, ist nach meinem Empfinden nur ein Teil wirklich lohnend.

Südlage und fester Fels

Trotzdem: Der Brüggler ist ein bleibender Wert im Klettersport geblieben, während andere Top-in-Gebiete schnell wieder vergessen gegangen sind. Es ist halt doch immer wieder ein schönes Erlebnis, nicht nur das Klettern, auch die Landschaft, der feste Fels, die Südlage, der Zustieg über die Alpweiden und der Gipfel – falls man sich nicht am überdimensionierten Gipfelkreuz stört. Dass es auch sehr leichte und interessante Routen für Anfänger gibt, stärkt ebenfalls die «Marke Brüggler».

Und wie die jungen Zürcher festgestellt haben: Man kann ja auch dreimal am Tag vom Einstieg zum Gipfel klettern, dann wird aus den gut hundert Metern Wandhöhe ein Bigwall-Erlebnis der vergnüglichen Art.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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Ueli Steck oder die Formel 1 des Skibergsteigens

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 1. Oktober 2014

Was das Lawinenunglück am Shishapangma und der Skiunfall von Michael Schumacher gemeinsam haben. Ein Gastbeitrag von Jost Fetzer*

Als Michael Schumacher letzten Winter beim Skifahren in Méribel im Tiefschnee stürzte und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, waren die Spötter und Besserwisser nicht weit: Selber schuld, hiess es eilends, wer sein Leben lang mit Vollgas im Kreis fahre, müsse ja mal den Kopf anschlagen. Die Spötter verstummten schnell, als Details über den tragischen Unfall bekannt wurden.

Wo ein Schicksal ist, da ist in Zeiten von Twitter, Facebook und Leserkommentaren auch schnell eine Meinung. Nur hat die Masse nicht immer recht, insbesondere nicht, wenn sie von Skifahren so viel Ahnung hat wie von Formel-1-Boliden; vom Zuschauen alleine wird man eben nicht schlauer.

Letzte Woche trafen die negativen Kommentare nicht Michael Schumacher, sondern den Extrembergsteiger Ueli Steck, der sich in Nepal spontan einer deutsch-italienischen Ski-Expedition auf den Achttausender Shishapangma angeschlossen hatte und kurz vor dem Gipfel mit ansehen musste, wie eine Lawine drei seiner Bergkameraden mitriss und zwei von ihnen tödlich verschüttete.

Die Formel 1 des Skibergsteigens

Seither prasseln negative Kommentare auf Steck ein, die ihm im besten Falle raten, vom Bergsteigen die Finger zu lassen. Andere werfen ihm eine Mitschuld am Tod seiner Bergkameraden und die Gefährdung von unbeteiligten Dritten vor, obwohl momentan noch so gut wie nichts über den Unfall oder auch nur über Ueli Stecks spontane Teilnahme an der Expedition Double 8 bekannt ist. Die negativen Kommentare haben gar den «Spiegel» als Medienpartner der Expedition bewogen, eine Rechtfertigung für die geplante Berichterstattung zu publizieren: «Welche Verantwortung bringt eine so intensive Berichterstattung mit sich? Befeuern wir gar durch die Aufmerksamkeit einen Trend – höher, schneller, weiter, riskanter? (...) Wir hätten sie nicht aufhalten können.»

Nein, weder der «Spiegel» noch irgendein Leserkommentar hätte die Expedition aufhalten können. Denn das Expeditionsteam rund um den deutschen Bergsteiger Benedikt Böhm wäre auch ohne Medienpartner aufgebrochen. Böhm, der Geschäftsführer eines internationalen Bergsportausrüsters ist und seinen leichten und schnellen Expeditionsstil als «die Formel 1 des Skibergsteigens» bezeichnet, benötigt keinen «Spiegel» für Hochleistungen im Hochgebirge – für Werbung kam das Magazin aber sicher gelegen. Selbst Steck hätte die erfahrenen Extrembergsteiger nicht aufhalten können.

Das Restrisiko auf einem Achttausender ist deutlich höher als auf einem Modeberg in den Alpen

Ueli Steck brachte mit seiner Gipfelerfahrung am Shishapangma – so ironisch dies im Nachhinein klingen mag – der Expedition Double 8 Sicherheit. Böhm vermeldete nach dem ersten, gescheiterten Aufstiegsversuch frohgemut einen zweiten und letzten Versuch: «This time Ueli Steck joined us and we are happy to have one of the strongest climbers in our team now!»

Der Aufstieg auf den Shishapangma gilt für einen Achttausender als relativ einfach, da er über weite Strecken über lediglich 30 Grad steile Schnee- und Eisflanken verläuft, jedoch unterbrochen ist von deutlich steileren Eis- und Felsbändern. Der Berg ist ideal geeignet für eine Begehung mit Ski – oder wie es Böhm nennt: Im Speedski-Stil in hohem Tempo auf den Gipfel spurten und den Abstieg schnell auf Skis hinter sich bringen. Spätestens seit John Kraukauers Tatsachenbericht «In  eisige Höhen» weiss jeder Bergsteiger, dass jede eingesparte Stunde in der Todeszone das Expeditionsrisiko verkleinert.

Die Voraussetzungen sind fast schon ideal: Ein relativ einfacher Berg, ein schlanker und schneller Expeditionsstil und ein erfahrenes Team. Und dennoch geht das Vorhaben schief. Jeder Skitourengänger weiss, dass in Hängen ab 30 Grad das Lawinenrisiko zunimmt, und trifft geeignete Massnahmen, um die Gefahr zu verkleinern. Doch manchmal schlägt das Restrisiko zu, wie es dies auch auf den Schweizer Strassen tut, wo trotz Via sicura fast täglich Menschen sterben. Klar ist auch, dass das Restrisiko bei einer Skitour auf einen Achttausender deutlich höher ist als auf einen Modeberg in den Alpen. Dieses Risiko einzugehen, gehört zur Rekordjagd dazu, denn ohne eine gehörige Portion Mut, ja Übermut, gäbe es weder eine Formel 1, noch wäre je einer der 14 Achttausender bestiegen, geschweige denn ein Fuss auf den Mond gesetzt worden.

Es ist einfach, vom Flachland aus auf Bergsteiger in zehnfacher Höhe zu zielen

Was aber lässt uns die einen feiern und die anderen verteufeln? Ist es nur der Erfolg? Hätten wir Steck und Böhm nach erfolgreicher Rückkehr vom Shishapangma bejubelt? Wohl kaum, denn die wenigsten Leser interessieren sich für Gipfelerfolge. Auf viel mehr Resonanz stossen die persönlichen Misserfolge – ob am Berg oder im Privaten. Zumindest aber hätten wir Steck und dem Team den Erfolg gegönnt, ohne sie gleich als verantwortungslose potenzielle Selbstmörder zu brandmarken, wie dies viele Onlinekommentare nach der Berichterstattung über den Lawinenabgang am Shishapangma taten.

Es ist einfach, vom Flachland aus auf Bergsteiger in zehnfacher Höhe zu zielen. Insbesondere da Ueli Steck letztes Jahr wegen seines Verhaltens und seiner Äusserungen über die Schlägerei mit Sherpas am Mount Everest medial massiv in die Kritik geriet. Die Wahrnehmung Stecks kippte schlagartig vom geerdeten Bergsteiger der Nation hin zum selbstsüchtigen Extremisten, der seinen Zielen alles andere unterordne. Vergessen ging und geht dabei, dass sowohl Steck 2008 am Annapurna wie auch Böhm 2012 am Manaslu ihre eigenen Expeditionen abbrachen, um fremden Bergsteigern in Lebensgefahr zu helfen.

Wer sich als Berufsbergsteiger in diesen extremen Höhen bewegt, wurde mit dem Tod bereits mehrmals konfrontiert und muss sich der Gefährdung seines eigenen Lebens bewusst sein. Daraus eine Schuld für den Tod von anderen Bergsteigern abzuleiten, insbesondere wenn es sich wie bei Benedikt Böhm und dem verunfallten Basti Haag um engste Freunde und langjährige Bergpartner handelt, scheint mir leichtfertig und zumindest beim jetzigen Wissensstand unangebracht.

Manchmal frage ich mich, wo die Luft dünner ist: zu Hause vor dem Computer oder im Himalaja. Was ist Ihre Meinung?

Jost Fetzer*Jost Fetzer ist Bildredaktor des «Tages-Anzeigers» und passionierter Berggänger.

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E-Sixpack in Sicht

Silvan Grütter am Montag den 29. September 2014
Dieses Kribbeln im Bauch: Der Compex Wireless setzt Muskeln unter Strom. Foto: PD

Dieses Kribbeln im Bauch: Der Compex Wireless setzt Muskeln unter Strom. Foto: PD

Tief in meinem Inneren hatte ich es immer gewusst: Die Zeit vor dem Fernseher ist nicht komplett verloren. Was ich an diesem Abend sah, war nicht weniger als eine Offenbarung, der Heilige Gral aller Sportler. Training ohne Bewegung, fit vor dem TV, Muskeln ohne Schweiss. Das Zauberwort: Elektrostimulation. Das Prinzip, so sah ich im Fernsehbeitrag, ist denkbar einfach: Mit einem Stromimpuls wird der Muskel zur Kontraktion angeregt, der Muskel wächst, der Sportler ist glücklich.

Tönt bequemer als eine Stunde im Kraftraum. Eine Internetrecherche später bin ich wirklich elektrisiert: «Ist das Doping?», fragt Elektrostimulationsgerätehersteller Compex auf der eigenen Webseite. Die Antwort ist vielversprechend: «Die Elektrostimulation ist nicht mit einer Dopingtechnik gleichzusetzen.» Sehr gut. Für mich tönt das wie: «Okay, es ist ein bisschen wie Doping – aber eben nicht so richtig.» Anders gesagt: Genau das Richtige für mich. Ich gehöre zu den Läufern, die froh sind, wenn sie ihr Laufpensum einigermassen über die Runden kriegen.

Das Problem: Alle Muskelgruppen oberhalb der Hüfte sind ein bisschen wie die EU-Osterweiterung – stark vernachlässigte Zonen. Das schreit förmlich nach einem Wundermittel wie Elektrostimulation. Fünf Tage später sitze ich mit einem brandneuen Compex Wireless, dem Ferrari unter den Elektrostimulationsgeräten, auf dem Sofa. Die Einheit besteht aus einem Steuergerät, etwa so gross wie ein Handy, den Modulen, aus denen der Strom fliessen wird, und den Elektroden, die auf die Haut kommen. Kabel gibt es nicht, das Teil funktioniert drahtlos. Frau und Tochter schauen mich mit einer Mischung aus Neugierde und Mitleid an. Mit den Elektroden auf dem Bauch sehe ich ein bisschen aus wie ein Patient bei «Emergency Room».

Die Module sind angeschlossen, auf dem Display wähle ich das Programm «Festigung 1». Das Lesen der Gebrauchsanweisung spare ich mir, das ist verlorene Zeit, gute Geräte lassen sich intuitiv bedienen. Tatsächlich führt einen das Gerät via Bildschirm ganz ordentlich durch die einzelnen Schritte und Programme. Vom Anordnen der Elektroden bis zur Wahl des Trainingsprogramms. Dann also Start. Ein leichtes Kribbeln. Nicht unangenehm. Aber ich will mehr. Ich schraube hoch. Ein Schlag wie aus der Steckdose. Die verkümmerte Bauchmuskulatur zuckt und windet sich wie ein überfahrener Regenwurm auf der Strasse. Die Tochter schaut entsetzt, die Frau entgeistert. Nach zwei Sekunden lassen Schock und Stromstärke nach. Meine Augen sind immer noch geweitet, der Mund offen. Dann der nächste Intervall. Ein weiterer Peitschenhieb auf die Bauchdecke.

Ich bin begeistert, die Tochter immer noch verstört, die Frau will ein Handyfoto von mir machen. Was solche Schmerzen verursacht, denke ich mir, kann nicht falsch sein, das wussten schon die alten Masochisten. Obwohl Schmerz das falsche Wort ist. Es ist eher ein überstarker Reiz, der den Muskel schlagartig zusammenziehen lässt. Und zwar so, wie ich es noch bei keinem Krafttraining erlebt habe. Nach dem zehnten Intervall weicht die Panik einem ungläubigen Staunen. Meine Bauchmuskulatur zuckt, zittert und krampft ganz ohne mein Zutun. Und ohne Schweiss, abgesehen von ein paar Tropfen Angstschweiss. Nach 18 Minuten ist automatisch Schluss. Begeisterung. Bis die selbstklebenden Elektroden wieder vom Bauch runter müssen. Jetzt rächt sich, dass ich noch aus einer Generation komme, in der sich Männer nicht ganzkörperrasieren. Der Schmerz beim Entfernen der Elektroden übertrifft den des Trainings bei weitem. Aber immer noch besser als das Leiden im Kraftraum.

Inzwischen benutze ich den Compex seit über einem Monat. Und es gibt wenig Muskelgruppen an meinem Körper, die vom Strom verschont geblieben sind. Schmerzprogramm am Rücken, Entspannungsmassage am Nacken, Kräftigungsprogramm der Oberschenkel, Straffung am Bauch. Aus den vorinstallierten 23 Trainingsprogrammen lässt sich für jede Körperpartie etwas finden. Schmerzen? Höchstens noch beim Entfernen der Elektroden. Klar, Elektrostimulation ersetzt das Training nicht. Aber es unterstützt es auf angenehme und punktgenaue Art.

Die Bauchmuskulatur, so stelle ich fest, ist straffer geworden, die Rückenschmerzen lassen sich mit dem entsprechenden Programm kurzfristig erfreulich unterdrücken. Nicht zu unterschätzen ist der Zeitaufwand. Das Training eines Muskels dauert locker eine Viertelstunde. Was beim klassischen Bauch, Beine, Po auch eine Dreiviertelstunde macht. Und: Das Training hat seinen Preis. Der Wireless kostet mit 1650 Franken so viel wie ein Jahresabo im Fitnesscenter. Darin inbegriffen sind beim Compex dafür Massage, Physio und Reha. Rund um die Uhr. Fazit: Der Compex macht Spass, das Sofa wird tatsächlich zum Kraftraum. Ein grosser Pluspunkt ist die Bedienerfreundlichkeit: Vor dem Training ist kein Aktenstudium nötig, jeder Schritt wird auf dem Display erklärt und entsprechend bebildert. Schade: Die Box, in der sich das Steuerungsgerät und die Strommodule aufladen lassen, kommt in ihrer Plastikaufmachung etwas gar billig daher.

grütter

Silvan Grütter lebt in Zürich, ist Läufer und Unterhaltungschef der «Schweizer Illustrierten».

Outdoor

Villigerpfeiler – Traumroute oder Schinderei?

Natascha Knecht am Mittwoch den 24. September 2014

Heute ein Gastbeitrag von Emil Zopfi* mit Bildern von Robert Steiner:

Am Abend vor der Tour finde ich keinen Schlaf. Hans Berger, Bergführer und Hüttenwart der Salbithütte, hat uns am Abend eingeheizt: Der Villigerpfeiler werde nur noch selten geklettert. Die Route sei vor zwanzig Jahren saniert, die Bohrhaken aber nicht durchwegs sinnvoll und sicher gesetzt worden. Der berüchtigte Kamin sei eine Schinderei. Er liebe die Route eigentlich nicht. Im Salbit-Kletterführer, den er vor Jahren mitverfasst hat, klingt es noch anders: «Die Traumkletterei im Salbitgebiet schlechthin. Galt lange Zeit als Markstein für jeden Extremkletterer. Trotz der perfekten Absicherung bleibt diese Tour auch heute noch ein schwieriges und langes Unternehmen.»

Villigerpfeiler am Zwillingsturm des Salbitschijen-Südgrats, Traum meiner Jugend – und jetzt meines Alters. Eine der schwierigsten Kletterrouten der Sechzigerjahre, 1959 erstbegangen von Fritz Villiger und Kurt Grüter. Jahre dauerte es, bis eine Wiederholung gelang, das Gerücht von einem grifflosen Kamin ohne Sicherungsmöglichkeit und einem Stand an Holzkeilen weckte Albträume. Der legendäre Fritz Villiger selber machte uns Mut: «Ihr Jungen schafft das!» Nach zwei Versuchen gelang uns 1967 etwa die zehnte Begehung – ein Jahr zuvor machte der heute stadtbekannte Zürcher Gastronom Fredi Müller die siebte.

Nach dem Sturz kopfüber in der Wand

Der Morgen ist bewölkt, trotz bestem Wetterbericht, kalter Wind treibt Nebelschwaden die Wand hoch. Mein Freund übernimmt die Führung, ich staune, wie schnell und sicher er Friends und Keile legt, wie flink er am Stand das Material übernimmt und gleich weitersteigt. Robert Steiner ist ein Schriftstellerkollege und Extremkletterer mit grosser Erfahrung in Bigwalls und kombinierten Wänden in aller Welt. Neben ihm komme ich mir etwas unbeholfen vor, benutze auch gelegentlich eine Expressschlinge als Griff. Die Risse und Platten sind durchgehend steil und schwer, viel kraftraubende Piaztechnik.

«Wie habt ihr das damals nur geschafft?», fragt mich Robert nach der Schlüsselstelle. Die Erinnerung ist blass, viele Holzkeile, Schlaghaken, zum Teil technische Kletterei mit den damals üblichen kurzen Strickleitern, viel Erfahrung im Rissklettern – und ein genialer Kletterpartner, der den glatten Kamin vorstieg. 1986 kletterte ich die Route nochmals, mit Kletterfinken und modernem Sicherungsmaterial. Unauslöschlich in der Erinnerung, wie ich an der Schlüsselstelle ausrutschte, mit einem Fuss in einer Schlinge hängen blieb und dann kopfüber in der Wand hing. Wie ich anschliessend die Seillänge schaffte, ist mir heute ein Rätsel.

Der Traum erfüllt sich

Höher oben wird der Fels rutschig, feine Sandkörner unter den Sohlen machen uns zu schaffen. Man merkt, dass hier nur noch selten jemand klettert. Auch viele andere grosse Routen am Salbitschijen werden nur noch wenig begangen, am häufigsten noch Süd- und Westgrat. Der schönste Kletterberg im Gotthardgebiet scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Solche Routen klettern lernt man nicht in der Halle. «Ohne die Hängebrücke zu den Salbittürmen und ins Voralptal, die viele Wanderer anzieht, hätte ich die Hütte diesen Sommer zugemacht», sagt Hans Berger.

Robert ermutigt mich, die Seillänge am grossen Überhang vorzusteigen, der die markante Verschneidung abschliesst. Die Stelle sieht von weiter unten fast unmöglich aus, gelber Fels, aus der Nähe wirkt sie einigermassen griffig. Ich spreize hoch, turne um die Kante, dann folgen Schuppen, die gut zu klettern wären, wenn nicht alles feucht und rutschig wäre. Als ich den Stand erreiche, beginnt es zu regnen. Die nassen und mit Flechten überzogenen Platten sind uns zu riskant, wir verzichten auf die letzten zwei Längen und seilen ab. Mein Traum hat sich trotzdem erfüllt.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch


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