Archiv für die Kategorie „Alpin“

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Dichtestress zu Lande, zu Wasser und in der Luft

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 20. Mai 2015

Ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*:

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Hier ist Rücksichtnahme fehl am Platz: Schwimmbad Oberer Letten in Zürich. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Ich gestehe, wohl nahezu als einziger Alpinist auf unseren Strassen, dass ich schlecht Auto fahre. 30 Jahre Unfallfreiheit sind doch ein untrügliches Zeichen dafür, dass es mir für den herrschenden Verkehrskrieg an Aggressivität fehlt, dass ich zu geduldig bin, mein Vortrittsrecht nicht eisern durchsetze und mich nicht konsequent an der Verkehrserziehung meiner Mitmenschen beteilige. Man müsste mir, kurz gesagt, endlich das Billett wegnehmen.

Am Sonntagabend, auf der Rückkehr von einer Bergtour, fuhr ich auf die einspurige Oberlandautostrasse, die mit 80 km/h beschildert ist, und setzte wie immer bei 85 km/h den Tempomaten. Es dauerte nur kurz, bis mir einer der unzähligen rasend guten Autofahrer mit Dauerhupe und Scheinwerfern aufhockte und mir mit obszönen Gesten zu verstehen gab, wie schlecht ich Auto fahre. Meine Frau forderte mich auf, schneller zu fahren, damit der Gutmensch uns in Ruhe lässt. Dies mündete, nebst einer Ehekrise, darin, dass ich vorzeitig die Ausfahrt Jona nahm und meine Frau ans Steuer liess, da sie viel besser fährt als ich.

Am folgenden Montag fuhr ich mit dem Velo von Dietlikon nach Regensdorf zur Arbeit. Abgesehen von den üblichen Bagatellen, etwa einem riesigen Offroad-Kampfpanzer, der mir über die Stoppstrasse den Weg abschnitt, verlief die Fahrt recht entspannt. Für den Rückweg wählte ich den Glattuferweg und bummelte auf dem menschenleeren Pfad gemütlich vor mich hin. Bis mich ein nervöses Dauerklingeln aufschreckte. Ich drehte den Kopf und sah einen kleinen Cancellara mit aerodynamischem Strassenrennhelm auf einem Carbon-Singletrail-Fully-Suspended-Mountainbike an mein Hinterrad geklebt. Sofort drückte ich mich nach rechts in die Brennnesseln. Ferdy Kübler zeigte mir im Vorbeirauschen den Stinkefinger, begleitet von einem keuchenden, aber durchaus herzhaften «Lueg doch, wott härefaarsch, du Idiot!!»

Was jetzt? Auto fahren kann ich nicht, Velo fahren offensichtlich auch nicht. Am Berg nestle ich manchmal so lange an den Karabinern rum, bis die Nachfolgenden schon mal ihren Biwaksack oder das Portaledge bereit machen. Als Gleitschirmpilot hocken mir jeweils die schnelleren Deltas auf und schiessen mich aus dem Thermikschlauch raus. Bleibt nur noch das Wasser. Wenn Sie also diesen Sommer von einem Idioten auf einer Luftmatratze in Ihrem Geltungsdrang behelligt werden, dann rufen Sie einfach irgendwas Obszönes. Ich werde sofort den Stöpsel rausziehen und mich ersäufen.

Um Ihnen Platz zu machen. Gute Fahrt!

Thomas Hürzeler.

Thomas Hürzeler.

*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

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Warum die Everest-Touristen nerven

Natascha Knecht am Mittwoch den 13. Mai 2015
Bis hier schafft es jeder: Gruppenbild im Basislager. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Bis hier schafft es jeder: Gruppenbild im Basislager. Foto: Sam Hawley (Flickr)

Mit dem grossen Mount Everest ist es schon so weit, dass eigentlich jede Neuigkeit von diesem Berg nervt. Der erste 83-Jährige, der erste HIV-Positive, der erste Einbeinige. Für sie heisst das Ziel nicht Gipfel, sondern Eintrag ins «Guinnessbuch der Rekorde». Um dies zu erreichen, sind sie bereit, an gefrorenen Leichen vorbeizustampfen, Müll zu hinterlassen und andere unmenschliche Dinge zu tun. Jedenfalls ist das Image der «Pistenalpinisten» am höchsten Erdengipfel ramponiert.

Hier bei uns – weit weg vom Himalaja – brennt sich die Vorstellung ein, die Teilnehmer einer organisierten Everest-Expedition seien keine Bergsteiger, sondern dekadente Egoisten. Die Sherpas müssten sie hinauf- und hinuntertragen. Weil die «Ice Doctors» Brücken und Leitern durch den Khumbu-Eisbruch legen, weil der Weg bis auf den Gipfel tipptopp gespurt und mit Fixseilen versehen wird, sei das keine respektable Leistung. Nicht zu vergessen der künstliche Sauerstoff. Damit ist eine Besteigung ohnehin «nicht richtig». Doping, Beschiss. Mit diesen Hilfsmitteln komme jeder rauf. Eben auch der 83-Jährige, der HIV-Positive, der Einbeinige.

Die Geringschätzung der «Everest-Touristen» ist nach dem Erdbeben nochmals gewachsen. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Die Geringschätzung der Touristen ist nach dem Beben gewachsen. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Die verbreitete Geringschätzung der «Everest-Touristen» ist in diesem Frühling nochmals gewachsen. In Nepal starben durch das Erdbeben 8000 Personen, Tausende wurden verletzt, Millionen obdachlos. Am Everest befanden sich zum Zeitpunkt des Bebens 100 Bergsteiger, Sherpas und Köche im Lager 1. Alle blieben körperlich unversehrt, aber es gab Nachbeben, sie fürchteten einen Wetterumschwung, und die präparierte «Piste» zurück durch das Khumbu-Gletscherlabyrinth war zerstört. Sie konnten nicht mehr absteigen, waren auf 6100 Meter gestrandet. Unten im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine, auch Einheimische.

Die News, dass die «Everest-Touristen» ausgeflogen wurden, bevor die Helikopter in Nepals verwüstete Gebiete flogen, bewirkte weltweit eine Flut empörter Kommentare und Leserbriefe. Reinhold Messner sprach von Zynismus und «Zweiklassenrettung» – womit er selbstverständlich recht hat. Geld spielte den Expeditionen offenbar keine Rolle. Zumindest im Moment. In der Eile handelten sie nämlich keinen verbindlichen Preis für die Rettungsflüge aus. «Macht euch keine Sorgen um den Preis», habe das Helikopter-Unternehmen Fishtail Air gesagt, und präsentiert jetzt eine saftige Rechnung. 12'000 Dollar pro Rotation, die je 4 Minuten dauerte. Zehnmal so viel wie üblich. «Es ist mies, dass die Firma aus unserer Notlage Profit schlagen will», lässt sich ein amerikanischer Expeditionsleiter vom «Spiegel» zitieren.

Im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine, auch Einheimische. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Im Basislager starben 19 Personen in einer Lawine. Foto: Kyle Taylor (Flickr)

Klar ist das mies. Trotzdem hält sich das allgemeine Mitleid in Grenzen. Warum wohl? Persönlich hege ich grosses Verständnis, dass die Bergsteiger keine Lust hatten, auf 6100 Meter auszuharren. Aber wie will man das Luxusleid am Everest ernst nehmen, solange Betroffene frischfröhlich twittern, Videos ins Netz stellen, via Satellitentelefon Interviews geben – und am Ende jammern, sie seien für die Rettung übers Ohr gehauen worden? Muss das sein? Was ist Ihre Meinung?

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Gehören Leuchtraketen mit auf die Bergtour?

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 6. Mai 2015

Ein Beitrag von Jost Fetzer*

Ich packe in meinen Rucksack ... Feuerwerk? Wanderer im Mt Cook National Park, Neuseeland. Foto: True New Zealand Adventures (Flickr)

Ich packe in meinen Rucksack ... Feuerwerk? Wanderer im Mount Cook National Park, Neuseeland. Foto: True New Zealand Adventures (Flickr)

Leuchtraketen retten Tourengeher aus Bergnot! Die Meldung in den «Oberösterreichischen Nachrichten» klingt so dramatisch wie überraschend. Eine Gruppe von Schneeschuhläufern war bei der Höllengebirgsüberschreitung im Salzkammergut in Bergnot geraten. Ausgepowert waren nicht nur die Bergsportler, auch die Akkus der Mobiltelefone waren leer. Nur durch wiederholtes Zünden von Leuchtraketen konnte die Gruppe auf ihre missliche Lage aufmerksam machen. «Die müssen ein ganzes Arsenal von Leuchtraketen dabeigehabt haben, und das war auch ihr Glück», vermeldet der Bergrettungsdienst Ebernsee nach erfolgreichem Rettungseinsatz.

Leuchtraketen? Muss ich nun zur Sicherheit neben meinem Handy auch noch Raketen mit auf Touren nehmen? 2456 Personen gerieten in der Schweiz letztes Jahr in Bergnot und mussten von der Alpinen Rettung Schweiz oder der Rega gerettet werden. Feuerwerk dürfte bei der Alarmierung jedoch nicht im Spiel gewesen sein. Die Rega meint hierzu: «Leuchtende Handybildschirme, Taschenlampen, Feuer oder eben Leuchtraketen leisten in der Dunkelheit bestimmt gute Dienste. Allerdings setzen solche Alarmierungsmöglichkeiten voraus, dass eine Drittperson aufmerksam ist und die richtigen Schlüsse aus den Signalen zieht. Sich darauf zu verlassen, ist nicht empfehlenswert.»

Lieber, weil zuverlässiger, ist den Rettungsorganisationen die Alarmierung per Telefon über die Rega-Nummer 1414 oder die Sanitätsnotrufzentrale 144. Und noch besser sei die Verwendung der Smartphone-App iRega, da diese bei jedem Notruf automatisch die Koordinaten übermittelt. Innerhalb von 4 Jahren wurde die App knapp 1 Million Mal heruntergeladen und bei über 1000 Alarmierungen eingesetzt.

Was aber, wenn das Tourengebiet ausserhalb des Mobilnetzes liegt? Muss ich dann doch Leuchtraketen mitnehmen? Besser als Feuerwerkskörper wäre ein Rega-Funkgerät, ein Notfunkgerät, über welches direkt die Rega kontaktiert werden kann. 42 Relaisstationen über die ganze Schweiz verteilt leiten das Signal weiter an die Einsatzzentrale am Flughafen Zürich. Die Abdeckung des Notfunknetzes ist deutlich grösser als beim Mobilfunknetz, doch bleiben auch hier einige wenige Gebiete ohne Funkkontakt – meine Wohnung mitten in Zürich zum Beispiel. Trotzdem bewegen sich die Alarmierungen über Funk nur gerade im Promillebereich. Das liegt daran, dass die teuren Funkgeräte eigentlich nur bei Bergrettern, Bergführern und ambitionierten Bergsteigern Verbreitung gefunden haben, während sich das Gros der Alpinisten auf die trügerische Sicherheit ihres Mobiltelefons verlässt.

Soll der sicherheitsaffine Bergsteiger ein weiteres, batteriebetriebenes Gerät in seinen Rucksack packen und in ein Notfunkgerät investieren? Das kann nicht verkehrt sein, doch stellt sich eher die Frage, ob es ein Funkgerät oder gleich ein Satellitentelefon sein soll. Für Letzteres spricht die – je nach Anbieter – fast weltumspannende Anwendbarkeit, sofern Sichtkontakt zum Satelliten besteht. Dagegen sprechen die hohen Telefontarife und der Stromverbrauch. Ein Rega-Funkgerät, einmal aufgeladen, hält praktisch die ganze Saison lang durch, kann dafür nur in der Schweiz, in der Haute-Savoie und im Aostatal gebraucht werden.

Ich bleibe bei meinem Sicherheitskonzept: Feuerwerk höchstens zu Feiertagen, dafür stets ein geladenes Mobiltelefon und als Back-up ein Rega-Funkgerät im Rucksack, denn ausserhalb von Zürich funktioniert das Funkgerät tadellos.

jost *Jost Fetzer ist Bildredaktor beim «Tages-Anzeiger» und passionierter Berggänger.

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Klettern ja – flirten nein

Natascha Knecht am Montag den 4. Mai 2015
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Beim Klettern lernt man eigentlich viele attraktive Leute kennen. Foto: Veveren, Flickr.

Es heisst, nirgendwo sonst in der Schweiz leben auf so engem Raum so viele ewige Singles wie in der Stadt Zürich. Sie trampeln sich praktisch auf den Füssen rum, aber sie kommen sich trotzdem nicht näher. Warum? Weil die Männer schlecht flirten, schreibt die «Sonntags-Zeitung». Der «Tages-Anzeiger» kontert postwendend, schuld an der «Eishöhle» seien die Frauen. Für Zürcher Männer liege die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flirt eiskalt abgewiesen zu werden, bei ca. 99 Prozent. Grund? Die Zürcher Frau sehe den Flirt als Angriff. Er verunsichere sie. «Sie denkt: Was will der von mir? Seinen Penis in mich reinstecken?»

Ja, werte Sportsfreunde, Sie haben richtig gelesen: «Penis» – und «reinstecken». Mon dieu! Wer macht denn heutzutage noch so was? Für die coolen Zürcher doch viel zu retro.

Nun, liebe Singles in Zürich City. Als Heidi vom Bergtal gebe ich Ihnen hier und jetzt ein paar Denkanstösse. Ich verkehre in der Kletterszene. Ein Mikrokosmos, der über alle Kantons- und Landesgrenzen hinweg familiär und unkompliziert funktioniert. Man lernt sich kennen, man plaudert ungeniert. Ausser natürlich in Zürich.

Genau wie draussen in der City ist auch in den hiesigen Kletterhallen ein beachtlicher Anteil der Frauen und Männer Single. Aber fast alle flirten lieber auf Internet-Datingseiten, statt sich an Ort und Stelle zuzuzwinkern! Irgendwie schräg, oder? Denn in der Vertikalen würde man sofort durchschauen, mit welchem Charakter man/frau es später in der Horizontalen zu tun bekäme.

Zeig mir, wie du kletterst, und ich sage dir, wie du flirtest.

Nehmen wir Peter*. Er ist ambitionierter Sportkletterer, bewegt sich stets an seiner Sturzgrenze – und er stürzt oft (ins Seil). Das ist ihm nicht peinlich, sondern egal. An Schlüsselstellen bleibt er dran, bis er sie meistert. Für jede Route hat er einen Plan. Auf diese Weise ging er auch seine Suche nach einer neuen Lebenspartnerin an – im Internet. Strukturiert, erfolgsorientiert und ohne panische Angst, auf die Schnauze zu fallen. Er weiss genau, was er will. Und das hat er nun auch gefunden: eine Frau, die ihn glücklich macht.

Dann gibt es Tim*. Er könnte stärker klettern, wenn er wollte. Aber er wählt bewusst Routen in seinem Wohlfühlbereich und stürzt selten bis nie. Umso härter war der Aufprall, als ihn seine Internetbekanntschaft nach einer Woche Amour fou fallen liess. Für ihn völlig unerwartet. Noch heute, ein halbes Jahr später, plagt ihn der Kummer.

Oder Sonja*. Sie klettert nie im Wohlfühlbereich. Sie mag die harte Tour. Aber sie hat ihre Grenzen. Schlüsselstellen, bei denen ein Sturz wahrscheinlich wäre, lässt sie bleiben. Resultat: Sie ist Dauer-Single, und auf das Thema Männer sollte man sie besser nicht ansprechen.

Kommen wir zu Katy*. Sie klettert locker und taucht unregelmässig in der Halle auf. Genauso pflegt sie seit einigen Monaten eine Beziehung zu einem Expat in Zürich, den sie im Internet kennen gelernt hat. Sie spricht ganz ungezwungen über ihre Gefühle. Darum wissen wir in unserem Mikrokosmos, dass sie zu jenen Retro-Zürchern gehört, die dieses «Penis»-Ding praktizieren – und sogar davon schwärmen!

*Name geändert

Was ist Ihre Meinung?

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Der Indianerschmuck des Extremkletterers

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 29. April 2015

* Von Emil Zopfi

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Der einstmals «berühmte» Holzkeil vom Salbit-Westgrat. Foto: Marcel Dettling.

Letzthin fragte jemand vom Alpinen Museum in Bern an, ob ich aus früheren Kletterzeiten noch einen Holzkeil besitze. Man suche so ein Ding für eine Ausstellung mit historischem Material. Leider habe ich keinen mehr, doch dachte ich gleich an Holzkeile, als ich kürzlich in der NZZ den bemerkenswerten Satz las: «Den Wandel der Zeit erkennt man auch an Dingen, die nutzlos werden und darum gerade noch sentimentale Erinnerungen wecken.»

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Emil Zopfi in einem Holzkeil hängend an der Aiguille-du-Midi-Südwand, circa 1965.

Zu meiner Zeit war der Holzkeil das unabdingbare Werkzeug, um sich in Felsstrukturen mit breiten glatten Rissen fortzubewegen, wo das Schlagen von gewöhnlichen Haken nicht mehr möglich war. Vor allem im Gotthardgranit sind solche Risse häufig. Heute klemmt man an diesen Stellen einen «Friend» in den Riss, klick, und weiter gehts.

Einen Holzkeil platzieren war ein delikates Handwerk. Erst mal musste er in den Riss passen, dann hiess es sachte hämmern, sodass sich das Holz nicht spaltete, der Keil aber trotzdem «anbiss» und hielt. Also so gut ein Holzkeil eben halten konnte – mit einem Bohrhaken ist eine solche Sicherung nicht zu vergleichen. Traf man auf einen alten Keil, so war besondere Vorsicht geboten. Holz trocknet und schrumpft bekanntlich. Sich also ja nicht am lotternden Keil festhalten und vorsichtig nachschlagen vor dem Einhängen. In der Südostwand des Turms 2 im Salbit-Westgrat, einer eigentlichen Holzkeilorgie aus den Sechzigerjahren, flog mein Freund mitsamt einem alten Keil aus der Wand. Zum Glück hielt der nächste Haken, den Keil fanden wir im folgenden Jahr am Wandfuss: ein etwa 15 Zentimeter dickes Teil aus Lindenholz mit Drahtschlinge. In irgendeiner vergessenen Route steckt er vielleicht immer noch.

Begleitmusik der Kletterei

Fachdiskussionen zum Thema Holzkeil bescherten uns an manchen Hüttenabenden heisse Köpfe. Draht- oder Reepschnurschlinge? Linden- oder Buchenholz, oder etwa gar Fichte? Halten zwei Keile nebeneinander geschlagen in ganz breiten Rissen? Holzkeile waren meist Eigenfabrikat und schonten das Portemonnaie von uns Lehrlingen. Haken hatte damals jeder Kletterer dabei, aber ein Bündel Holzkeile, nach Grösse assortiert und möglichst dicke darunter, war der Indianerschmuck des Extremkletterers. Das trockene Klöppeln der Keile am Tragband, wenn wir auszogen, untermalt vom Klirren und Klimpern der Felshaken, das war die Begleitmusik einer zünftigen Kletterei.

Holzkeil-Anekdoten gab es ohne Ende. Zum Beispiel die Geschichte jener Kletterer, die ein Notbiwak nur überlebten, weil sie mit den Holzkeilen ein Feuer machen konnten. Wahrscheinlich nicht wahr, aber gut erfunden. Das Gerücht von einem Schlingenstand an Holzkeilen vor der Schlüsselstelle am Villigerpfeiler jagte uns Schauer über den Rücken. Mein eindrücklichstes Holzkeilerlebnis war der Ausstieg aus der Scheienfluh-Westwand. Zu äusserst an der Kante des Schlussüberhangs steckte der Keil und ragte zur Hälfte aus dem Riss. Ich hängte eine Trittleiter, stand vorsichtig hinein. Der alte Keil knirschte und ächzte, unter mir dreihundert Meter Luft. Ich sandte ein Stossgebet in den blauen Himmel, die dünne Schlinge aus Hanfschnur riss nicht, und auch der Keil hielt.

Vor ein paar Jahren an der Tofana in den Dolomiten begegnete ich meinem letzten Holzkeil «live» in einem steilen Riss. Mir kamen fast Tränen vor Rührung, dass es so etwas noch gab, hängte das Seil ein. Und setzte dann doch noch einen Friend Nummer 4 daneben. Sentimentale Erinnerung ist schön, aber ein «Friend» ist doch sicherer.

*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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Die 5 grössten Gefahren am Uetliberg

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 22. April 2015

Ein Beitrag von Thomas Hürzeler*:

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Wer in der Natur Zärtlichkeiten austauscht, sollte sich der Gefahren bewusst sein. Foto: Georgi Licovski (Keystone)

Mit dem Einzug des Sommers häufen sich wieder die Fälle von Bergnot am Uetliberg. Erst kürzlich musste die Rega an einem Tag drei Personen retten, die weder vor noch zurück wussten. Wir wollen hier einige Ursachen dieser Unglücksfälle nennen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit dem Ziel, grundsätzlich auf die nicht zu unterschätzenden Gefahren am Uetliberg hinzuweisen.

Mit der Erfindung der GPS-Geräte wurde die gute alte Wanderkarte zum bibliophilen Sammelstück. War schon das Lesen einer Karte nicht jedem Wanderer gegeben, so sind die Ansprüche mit dem digitalen Hilfsmittel nochmals erheblich gestiegen. Oft führt eine einzige falsche Einstellung oder ein missweisender Track ins Elend. So wurde ein tragischer Fall bekannt, in dem ein erfahrener Wanderer vom Tram überfahren wurde. Als er sich gemäss GPS-Anzeige auf dem Planetenweg befand.

Neben der Überprüfung der Alkoholvorräte bildet eine genaue Abklärung der Wetterverhältnisse die Basis für jede Wanderung. Am Berg kann das Wetter innert Minuten umschlagen. Wer sich nur auf das «Uetliberg hell»-Schild am Tram verlässt, kann sehr schnell im dicken Nebel stehen. Im Nebel vom Weg abzukommen, das schafft nun wirklich jeder. Und bringt sich selber und die Rettungskolonne in höchste Gefahr.

Der masslosen Selbstüberschätzung fallen immer wieder auch scheinbar routinierte Wandersleut’ zum Opfer: Dem Vernehmen nach sollen einzelne unbedarfte Flachlandwanderer sogar versucht haben, die legendäre Extrembesteigung des Uetlibergs mit Sauerstoff zu wiederholen. Es kann nicht genug gewarnt werden: Auch diesem Berg, und mag er sich noch so harmlos geben, ist mit Respekt und Ehrfurcht zu begegnen.

In dasselbe Kapitel fällt auch das Thema der Akklimatisation: Wer eben von Tauch- oder Badeferien am Toten Meer zurückgekehrt ist, muss sich zwingend auf Zürichsee-Höhe akklimatisieren, bevor er den Uetzgi-Gipfel in Angriff nimmt. Orientierungslosigkeit ist eines der ersten und gefährlichsten Symptome der gefürchteten Höhenkrankheit.

Gerade im Frühjahr und bei Paaren spielt auch das Balzverhalten mit. Der humane Hormonhaushalt, wissenschaftlich auch als «Kopulationsperiodizität» bezeichnet, scheint seine Hand und mehr im Spiel zu haben. Zwar präsentieren heute etliche Leute des öffentlichen Desinteresses ihre amourösen Taten im Scheinwerferlicht der Medien. Aber der gemeine Homo sapiens zieht es noch immer vor, sich zum Werkeln am Fortbestand der Menschheit ins Unterholz zu schlagen. Wie leicht kann es da im Taumel der Sinne geschehen, dass sich jemand an einem sicheren Ast festhält, der sich im Nachhinein als menschliches Weichteil entpuppt.

Und Sie? Wie halten Sie es mit den Gefahren am Uetliberg?
Diskutieren Sie mit Ihren Wanderkameraden, und suchen Sie weitere Beispiele.

Thomas Hürzeler.*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff. Sein Expeditionsbericht erschien soeben in 5. Auflage und kann wieder bestellt werden (hier nachzulesen).

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Wenn Berge neue Namen bekommen

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 15. April 2015

Ein Beitrag von Emil Zopfi*:


Der Wunsch des Bundespräsidenten stiess bei der Gemeinde Zermatt auf offene Ohren: Die Ostspitze des Monte-Rosa-Massivs heisst seit letztem Oktober Dunantspitze, zu Ehren des Gründers des Roten Kreuzes Henry Dunant. Auch der höchste Schweizer Gipfel nebenan trägt den Namen einer historischen Persönlichkeit: 1863, im Gründungsjahr des Schweizer Alpen-Clubs, wurde das Gornerhorn mit dem Segen des Bundesrates zur Dufourspitze. Der Kartograf und General im Sonderbundskrieg ist damit sozusagen zum «höchsten Schweizer aller Zeiten» erhoben.

Die Walliser, die damals zum besiegten Sonderbund gehörten, haben sich damit abgefunden. Auch dass ein anderer ihrer Gipfel, das Ulrichshorn in der Mischabelgruppe, nach dem Zürcher Melchior Ulrich benannt ist, einem reformierten Theologen aus der «Üsserschwiiz», der bei der Erstbesteigung 1848 dabei war.

Louis Agassiz, Gletscherforscher und Rassist

Es gibt in den Schweizer Alpen etwa dreissig Gipfel, die nach Persönlichkeiten benannt sind, vor allem nach Alpenpionieren und Gletscherforschern aus dem «Goldenen Zeitalter des Alpinismus» nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Berner Oberland erzählen unter anderen Altmann, Agassizhorn, Hugihorn, Scheuchzerhorn und Studerhorn von diesem Tauffest der Alpenpioniere. Im Glarnerland beehrten sich Gründungsmitglieder des Alpen-Clubs mit dem Speichstock und dem Hauserhorn.

Die Verewigung bedeutender und weniger bedeutender Persönlichkeiten in den Gipfelnamen gab jedoch immer wieder zu Diskussionen Anlass – besonders auch in jüngster Zeit. Zum Beispiel als ruchbar wurde, dass Louis Agassiz nicht nur ein Gletscherforscher war, sondern auch ein ausgekochter Rassist. Nach Amerika ausgewandert, wollte er unter anderem durch die Fotografie eines Sklaven namens Renty die Minderwertigkeit schwarzer Menschen «beweisen». Die Kampagne «Démonter Louis Agassiz» und ein Vorstoss im Parlament forderten 2007 vom Bundesrat die Umbenennung des Agassizhorns in Rentyhorn. Der verwies auf die zuständigen Kantone und Gemeinden im Berner Oberland und Wallis, doch die sagten «Nein!».

Im Namen der Berge

Die Initianten präsentierten in der Folge einen neuen Vorschlag: Das Agassizhorn sollte seinen rassistisch befleckten Namen behalten, ein noch unbenannter Gipfel in der Nachbarschaft zum Rentyhorn erkoren werden, Pt. 3745 gemäss Landeskarten. Also Täter und Opfer in Ewigkeit versteinert und vereint. Die weise Lösung passte nun aber einigen Walliser Politikern nicht in den Kram. Im November lancierten sie die Idee, das Agassizhorn nach dem fast vergessenen Walliser Gletscherforscher Jean-Pierre Perraudin (1767–1858) zu benennen. Sicher eine gute und politisch korrekte Wahl.

Aber soll man überhaupt Berge um- und neu benennen? Ihre Namen sind in einem historischen Kontext entstanden, sie erzählen Geschichte, und die Geschichte wird bekanntlich nicht besser, wenn man sie nachträglich korrigiert. Löscht man das Agassizhorn aus den Landeskarten, so müsste man konsequenterweise auch alle anderen Berge mit Personennamen auf ihre politische Korrektheit prüfen. Zum Beispiel die Gertrudspitze in den Engelhörnern, auf eigenen Wunsch nach der britischen Alpinistin und Archäologin Gertrude Bell (1868–1926) benannt. Als Geheimdienstmitarbeiterin nahm die «ungekrönte Königin des Irak», wie man sie nannte, wesentlichen Einfluss auf die britische Kolonialpolitik im Nahen Osten. Wohin diese schliesslich führte, sehen wir heute.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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Eine EU-Flagge provoziert Hüttengäste

Natascha Knecht am Mittwoch den 8. April 2015
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Skitourenparadies: Die Fornohütte (SAC) steht im Grenzgebiet von Oberengadin und Bergell. Fotos: zvg

Erst reist man auf den Malojapass im Kanton Graubünden. Dort klebt man die Felle auf die Tourenski, marschiert vier Stunden durch eine Bilderbuchlandschaft bergan und erreicht so die Fornohütte. Wie viele SAC-Hütten steht sie oberhalb des Gletschers auf einem Felssporn. Aber anders als vor anderen SAC-Hütten weht hier zur Begrüssung keine Schweizer Fahne im Wind, sondern eine Europaflagge – und dieser Umstand gibt zu reden.

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Seit Sommer 2013 Fornohüttenwart: Beat Kühnis.

Immer wieder wird Beat Kühnis, der 29-jährige Schweizer Fornohüttenwart, darauf angesprochen. Die EU-Flagge hier oben war seine Idee. Er hisst sie eigenhändig und mit Überzeugung. «Sie ist ein Willkommenszeichen für unsere Gäste aus dem gesamtmitteleuropäischen Raum», so Kühnis. «Eigentlich dürfen sich von der Flagge auch alle Schweizer als Europäer angesprochen fühlen, zumindest geografisch. Doch das tun offenbar nicht alle.»

Kühnis sagt, die Flagge polarisiere überraschend stark, «insbesondere unter den Schweizer Gästen». Manche finden sie toll und sympathisch, andere komplett deplatziert. Zwei Meinungen, zwei Lager. Auch auf Facebook: «Was soll denn die Kriegsflagge? Unpassend!», schreibt einer.

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Sieht man nicht alle Tage: EU-Flagge vor einer SAC-Hütte.

«Wir sind international hier oben»

Vor seiner Hütte auf 2574 Meter über Meer eine Europafahne zu montieren, beschloss Beat Kühnis nach der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vor einem Jahr. «Wir haben rund fünfzig Prozent ausländische Gäste hier oben. Wir sind international. Die Grenze zu Italien ist nur einen Kilometer entfernt, und das Abstimmungsresultat war mir gegenüber unseren Gästen peinlich. Mit der Flagge will ich signalisieren, dass bei uns alle vorbehaltlos willkommen sind.» Kommt hinzu, dass die Fornohütte letzten Sommer ihr 125-jähriges Bestehen feierte und ihre alte, zerfetzte Schweizer Fahne ersetzt werden sollte.

Dass seine Kritiker grundsätzlich ausländerfeindlich eingestellt sind, glaubt Kühnis nicht. Es seien eher «Schweiz-Verbundene», welche die Bergwelt noch als heiligen, idyllischen Rückzugsort betrachten würden, als Urschweiz, ein Überbleibsel aus Heimatfilmen. Und in dieser Vorstellung hat die rot-weisse Fahne einen traditionellen Wert. Er selber, betont Kühnis, sei politisch neutral gesinnt. «Die Flagge bedeutet nicht, dass ich für einen EU-Beitritt bin.»

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«Auf Forno ist der Himmel immer blau.»

Keine Weisung vom SAC

Die Fornohütte gehört der SAC-Sektion Rorschach, Kühnis ist Pächter und kann selber entscheiden, welche Flagge vor seiner Hütte weht. «Vom SAC gibt es keine Weisung und von der Sektion auch nicht», sagt er. Und es sei für ihn trotz der Diskussion kein Thema, die gelb-blaue Flagge auszutauschen. Sie ist sein Markenzeichen geworden, mit dem er auch wirbt. Etwa: «Auf Forno ist der Himmel immer blau» – das sei eine klare Anspielung, sagt er.

Manche finden das «mal was anderes». Für andere ist die himmelblaue Farbe auf dem Stück Stoff im Schweizer Hochgebirge eine Provokation. Wobei die Einstellung keine Frage der Generationen sei, sagt Kühnis. «Dass ältere Bergsteiger konservativer sind als junge, ist ein Vorurteil.»

So sah es früher bei der Fornohütte mit der Schweizer Fahne aus: hier anklicken.

Was ist Ihre Meinung?

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Expedition ins Datengebirge Wikipedia

Natascha Knecht am Mittwoch den 1. April 2015

Von Emil Zopfi*

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Der Alpinismus droht seine Geschichte zu verlieren: Dieses Bild stammt aus den Schweizer Bergen. Mehr ist nicht bekannt.  Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Rentner sollten Freiwilligenarbeit leisten, heisst es. Und so hat sich der Rentner aufgemacht, sein Wissen über die Berge, ihre Besteiger(innen) und Beschreiber(innen) ins Wissen der Welt zu übersetzen, das da heisst: Wikipedia! «Die freie Enzyklopädie», wie sich das Online-Lexikon nennt, ist auch eine Art Gebirge, ein Datengebirge mit über dreissig Millionen Einträgen weltweit. Aufgehäuft von einem Heer von fleissig und freiwillig Daten sammelnden Ameisen.

Den Ausschlag gab eine Bekannte, die über ihren Vater einen Eintrag verfasst hatte. Er war ein Bergsteiger, dessen Namen vergessen ist, der jedoch zur Kletteravantgarde der Nachkriegszeit gehörte und unter anderem die Erstbesteigung des Ruchenfensterturms in den Urner Alpen schaffte.

Alpinismus droht allmählich zu einer geschichtslosen Disziplin zu werden: Speedrekorde und extreme Höchstleistungen auf allen Kanälen, alles andere Schnee von gestern. Man muss nur mal durch alte Kletterführer blättern und sie mit neuen vergleichen. Einst waren es literarisch-kulturelle Werke mit Informationen zu Geschichte, Geografie, Geologie, Pflanzen und Tieren eines Gebiets, dazu mit Beiträgen über Erstbegeher und Erstbegehungen und kunstvoll gestalteten Routenskizzen. Heute muss man froh sein, wenn neben mehr oder weniger sorgfältig ausgearbeiteten Topos die Namen der Erschliesser noch aufgeführt sind, der Vorname nur als Buchstabe, vom Datum allenfalls die Jahreszahl. In der nächsten Ausgabe fehlt dann auch das.

Gratisarbeit in einem Ameisenstaat

Wer kennt noch einen Alfred Amstad, Hans Haidegger, Seth Abderhalden oder John Salathé, wer den Gründer des Schweizer Alpen-Clubs oder prominente Kletterpionierinnen wie Loulou Boulaz, Mäusi Lüthy oder Silvia Metzeltin? Wikipedia? Fehlanzeige – bis vor kurzem. Denn inzwischen hat der Wikipedia-besessene Rentner zugeschlagen, das heisst, einiges nachgetragen. Gut siebzig Beiträge bisher – und die Liste ist noch lang. Viel Gratisarbeit, denn Lohnschreiberei widerspricht der Wikipedia-Ethik.

Eine Expedition ins Datengebirge ist ein harter Lernprozess. Das Gebirge ist ziemlich zerklüftet, die Routenbeschreibungen oft wenig hilfreich. Auf Schritt und Tritt überwachen einen Killerameisen, die sich auf jeden neuen Eintrag stürzen, ihn begutachten, verbessern, verschlimmbessern oder eben killen. Wer Herrscher ist in diesem Schattenreich, ist schwer auszumachen. Es gibt sogenannte Administratoren, die irgendwie gewählt oder auserwählt werden, doch scheint die Wikipedia-Demokratie ähnlich zu funktionieren wie die Befehlskette im Ameisenstaat.

Shitstorm wegen «Kletterclub Üetliberg»

Nun gut, der Rentner hat Glück. Die meisten seiner Einträge sind vom Schattenkabinett der Ameisenkönigin gnädigst für Wikipedia-würdig befunden und stehen gelassen worden. Diskussionen gab es etwa um den Begriff «Goldenes Zeitalter des Alpinismus». Laut hiesigen Alpinhistorikern begann es 1855 mit der Erstbesteigung der Dufourspitze und endete mit dem Matterhorn 1865, was ja eigentlich Sinn macht. Der Versuch, das auch im englischsprachigen Wikipedia zu synchronisieren, wurde mit wüsten Beschimpfungen abgewehrt. Die britischen Mountaineers setzen den Beginn aufs Jahr 1854 und die nicht so bedeutende Viertbesteigung des Wetterhorns durch Sir Alfred Wills und zwei Grindelwalder Bergführer.

Einen veritablen Shitstorm entfachte das Ansinnen, den historisch interessanten «Kletterclub Üetliberg» wikipediamässig zu verewigen. «Nicht relevant!», knurrte ein anonymer Ameisenbär aus der Schweiz, der sich als Experte für Eisenbahnen in der Wiki-Hierarchie hochgedient hatte. Also offenbar als kompetent galt für Fragen des Uetlibergs – da führt ja schliesslich eine Bahn hinauf. Der Eintrag wurde gelöscht. Ein hilfreicher Geist, vermutlich ein Sachse, fand dann doch noch eine salomonische Lösung. Wer sie erfahren will, der google!

Meine Einträge sind hier einsehbar.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Rentner, Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

Outdoor

Genug von der Ski-Maschinerie

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 26. März 2015

Ein Gastbeitrag von Malin Auras*

Das französisch-schweizerische Skigebiet Les Portes du Soleil gehört mit 200 Bahnen zu den grössten der Welt: Sessellift in Champéry VS. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Das französisch-schweizerische Skigebiet Les Portes du Soleil gehört mit 200 Bahnen zu den grössten der Welt: Sessellift in Champéry VS. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Grösser, schneller, perfekter – in den Skigebieten wird ausgebaut, erweitert, verbunden und modernisiert. Die Lifte werden schneller und komfortabler, die Pisten perfekt und lückenlos beschneit, die Infrastruktur stetig ausgebaut. Ziel ist es, den Skifahrern möglichst bequem Zugang zu möglichst vielen Pistenkilometern zu verschaffen und ein abwechslungsreiches Drumherum zu bieten. Schliesslich sollen die Gäste in der nächsten Saison wiederkommen – und nicht über Langeweile klagen.

Die Möglichkeit, die knappe Ferienzeit effizient zu nutzen, ist das Gebot der Stunde. Man fährt mit den Ski bis vor die Haustüre, entdeckt an einem Tag diverse Täler und Hunderte, perfekt präparierte Pistenkilometer, lässt sich in beheizten Sesselliften kutschieren und hat alle Einkaufsmöglichkeiten und Wellnessangebote vor Ort.

Klein, aber fein

Trotzdem sind wir mittlerweile nur noch in überschaubaren, wenig überlaufenen Skigebieten unterwegs. Mir genügt ein schöner Skiberg mit ein paar guten Abfahrten und möglichst viel unverbautem, abwechslungsreichem Gelände. Ich entscheide mich bewusst für Gebiete, die nicht aus Pistenautobahnen zwischen endlosen Verbindungswegen und -liften bestehen. Mit einer Ski-Infrastruktur, die sich den Bergen anpasst, statt sie zu überlagern. Ein Gebiet, in dem die Kinder noch «Geheimwege» entdecken, Schanzen finden und Tiefschneeabkürzungen ausprobieren können.

Nirgendwo kann ich mich besser entspannen als im Skiurlaub. Gerade im Winter, wenn man viel zu Hause sitzt, bietet das Skifahren die Möglichkeit, den ganzen Tag draussen zu verbringen. Ich tausche den hektischen Alltag gegen die Einsamkeit der Berge, das perfekt Organisierte gegen das Abenteuerliche, industrialisierten Raum gegen möglichst unverbaute Natur.

Erlebnisbremse

Aber wo bleibt das Abenteuer, wenn die Skigebiete immer besser organisiert sind? Wo bleibt da der Kontrast zu unserem perfekt durchgeplanten Alltag? Finden wir die – in unserer Zeit so propagierte – «Entschleunigung» bei immer schnelleren Liften und endlosen Vergnügungsangeboten? Wo bleiben Ruhe und Erholung, wenn sich tausend Leute auf endlosen Pistenautobahnen tummeln? Und was ist mit der Schönheit der Berge, wenn rundherum nur ein konstruierter Mega-Spielplatz zu sehen ist?

Der Gigantismus in den Skigebieten ist gut für die Liftbetreiber, die Gäste anlocken müssen. Gut für die Hoteliers, die ihre Zimmer vermieten wollen. Gut für alle, die vom Fremdenverkehr abhängig sind. Aber ist immer grösser, schneller, perfekter gut für uns Skifahrer? Brauchen wir das wirklich?

Idylle oder Gigantismus: Was suchen Sie in den Skiferien? Sind kleine, unmoderne Skiresorts noch überlebensfähig? Wie stehen Sie zum weiteren Ausbau der Skigebiete?

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

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