Archiv für die Kategorie „Alpin“

Outdoor

Ponte Brolla, Plaisirklettern im Winter

Natascha Knecht am Mittwoch den 17. Dezember 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

1334: Was für ein Geschenk: Emil Zopf klettert an seinem 70. Geburtstag die Route «Wilde Sofie».

Gutes Omen: Emil Zopfi stürzt an seinem 70. Geburtstag in der Route «Mammut Longlife» – und bleibt unverletzt. (Bild: Emil Zopfi)

Es ist nicht gerade die Superdestination für die Kletterelite des Landes, eher etwas für Einsteiger und Geniesser. «Das Mekka für Plaisirkletterer», lese ich in einem Führerbuch. Oft herrscht auf dem Felssporn am Zusammenfluss von Maggia und Melezza tatsächlich ein Gedränge wie an einem Wallfahrtsort. Trotzdem: Ponte Brolla ist unsere Sonnenecke im Wintergrau, perfekter Tessiner Gneis, schön rau, kleingriffige Platten, gelegentlich auch etwas steiler und immer schön sonnig und warm. Also fast immer.

Wie an einem Wallfahrtsort: Gedränge am obersten Band. (Bild: Emil Zopfi)

Wie am Wallfahrtsort: Gedränge am obersten Band. (Bild: Emil Zopfi)

Wir hangeln uns den Ketten eines Klettersteigs entlang aufs oberste der von Bändern durchzogenen Wand der «Rovine del Castelliere», dort ist das Klettergelände so, als sei es für uns erfunden worden. Griffig und knifflig und nicht allzu kraftraubend. Dazu haben unsere Lieblingsrouten sehr schöne Namen: «Wilde Sofie» zum Beispiel, «Il ponte arcobaleno» oder «Anarchia sotto l’albero di natale». Wahrscheinlich haben die Erstbegeher oder Einbohrer dabei an den Anarchisten Michail Bakunin gedacht, der gegen Ende seines Lebens in der Gegend wohnte. Viele der Routen hat der Berner Oberländer Bergführer Häns Müller eingerichtet. Pesche Wüthrich, auch er ein Berner, hat im «Settore Est» eine Reihe von zum Teil sehr schwierigen Routen erschlossen. Ein Kränzlein also für die Berner – Tessiner Kletterer haben offenbar wenig Interesse gezeigt an einem ihrer schönsten Felsen.

Locarno, die erste Schlüsselstelle

Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand des Kletterers ist das Auto, sagten wir, als wir noch in den Bergen wohnten. Heute, als urbane Oldies mit GA, suchen wir Klettergärten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind – und das sind nicht besonders viele. Da drängt sich Ponte Brolla geradezu auf. Aussteigen und einsteigen sozusagen, falls man den Zielbahnhof überhaupt erreicht. Denn das Abenteuer beginnt schon im Zug. Mal bleibt der Intercity schon in Thalwil stecken, ein andermal blockieren ein entgleister Regionalzug, ein Felssturz oder eine Fahrleitungsstörung die Strecke. Sind wir glücklich und rechtzeitig in Locarno angekommen, ist die erste Schlüsselstelle geschafft.

Ab Airolo haben wir bang zum Himmel geschaut, der oft bedeckt ist, obwohl Meteo Schweiz lachende Sünneli auf die diversen Onlinewetterseiten platziert hat. Ich weiss nicht, ob Ticino Turismo da irgendwie die Hände im Spiel hat. Jedenfalls sind wir letzthin in Locarno im Café Al Porto hängen geblieben, weil statt der angekündigten 80 bis 100 Prozent Sonne etwa gleich viel schwarze Wolken den Himmel bedeckten – immerhin ist die Patisserie im Al Porto vom Feinsten. Unvergesslich auch jener Tag, als der angeblich milde Nordföhn so eisig tobte, dass wir gleich in der Centovallibahn sitzen blieben und Erinnerungen an Schulreisen auffrischten. Das GA ist ja freundlicherweise für die Strecke über Domodossola bis Brig gültig. Dass zwischendurch die Geleise von einem Erdrutsch verschüttet waren, erhöhte noch etwas den Abenteuereffekt. Nun ja, auch im Auto kommt man nicht immer ans Ziel.

Wenns dann aber klappt und wir an einem wolkenlosen Januartag auf den warmen Gneisplatten hoch über dem Pedemonte klettern, dann ist das Glück vollkommen. Vor zwei Jahren zum Beispiel, an einem runden Geburi, wurde ich so übermütig, dass ich buchstäblich ins neue Lebensjahrzehnt stürzte – das heisst ins Seil. Die schöne Route gehört zu den steileren der Wand, und ich blieb unverletzt. Sie heisst übrigens «Mammut Longlife». Wenn das kein Omen ist!

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

Outdoor

Berge sind in der Regel katholisch

Natascha Knecht am Mittwoch den 10. Dezember 2014

Nur unwesentlich höher als manch anderer Berg: Der Mont Blanc, von Genf aus fotografiert. Foto: Reuters

Wussten Sie, dass viele Berge römisch-katholisch sind? «Wenn man auf den Gipfel eines Berges geht, trifft man dort häufig ein Kreuz an, das als Hinweis auf christlichen Glauben dient.» Berge haben ausserdem «keine Geschlechtsorgane und pflanzen sich (so wie Bakterien) mithilfe von Zellteilung fort.» Und Berge «verdecken Dinge im Flachland, die man nicht sehen soll». Auf dieses – mir bisher völlig unbekannte – Wissen stiess ich zufällig auf Stupidedia.org. Es ist eine freie Enzyklopädie, welche genau wie Wikipedia.org funktioniert, mit dem Unterschied, dass die Stupidedianer angeblich «nicht Bescheid wissen», worüber sie da schreiben. Ein satirisches «Nonsense-Lexikon».

Hier einige alphabetisch geordnete Textauszüge von Stupidedia.org mit weiterführenden Links, was die hochwohlgeborenen Autoren dort über Klettern und die damit verbundenen Begriffe witzeln:

→ Ein Berg ist «eine rufende Erhebung der Erdoberfläche, welche durch Glauben versetzt werden kann».

→ Freude «(lat. mordsgaudi) kommt von irgendwoher, man weiss es nicht und egal ist es ebenfalls».

→ Klettern «(wissenschaftlich korrekt Vrachophilie) ist eine auch Affizismus genannte Tätigkeit, zu der sich der Homo sapiens sapiens von den gemeinen Affen inspirieren liess».

→ Kannibalismus: «Der Kletterer ist einer der wenigen Eigenkannibalen der Welt. Während ein normaler Kannibale andere Menschen isst, so isst der Kletterer sich selbst. Besonders bevorzugt er die Haut seiner Fingerkuppen, die er sich an rauem Fels abstreift, und Fleisch aus Knie und Ellbogen. Normalerweise isst er es roh und ungewürzt, in besonderen Fällen wird mit einer Prise Magnesia nachgewürzt.»

→ Der grösste Feind des Kletterers ist der Boden. «Boden ist eine besonders aggressive Landform, die man oft in der Nähe von natürlichen und unnatürlichen Kletterwänden findet. Viele Kletterer sind schon aufgrund des blossen Kontaktes (besonders nach einem Sturzflug) gestorben. Ansonsten kommt man selten ohne Knochenbrüche und Verstauchung weg, wenn man sich unvorsichtig dem Boden nähert.»

→ Die Häufigkeit der Berge richtet sich jeweils «nach der Häufigkeit von suchtkranken bzw. intelligenzlosen Halbtoten. Das heisst, je mehr suchtkranke intelligenzlose Halbtote, desto mehr Berge sind vorhanden. Die meisten Berge sind in der Schweiz und in Österreich anzutreffen. Aber auch in Deutschland gibt es Berge.»

→ Der Mont Blanc ist «ein riesiger Berg, der angeblich eine Art europäischer Turmbau zu Babel war. Man wollte höher und höher hinaus, gab dem Berg einen schicken, modischen Weissanstrich und brachte das grosse Werk aus ungeklärter Sache nie zum Abschluss. Der Mont Blanc wurde nur unwesentlich höher als manch anderer Berg.»

Muskelkraft ist «im Allgemeinen ein Massstab, wie stark ein Mensch oder Tier ist. Gilt in vielen Zivilisationen als Symbol für Männlichkeit».

→ Der Schweiss ist «besonders beliebt, weil er ohne jeglichen Einsatz von Tierversuchen hergestellt werden kann. Man kann daher oft sehr gut am Duft erkennen, dass es sich bei der parfümierten Person um einen Tierschützer oder einen umweltbewussten Öko handelt».

Transportmittel für Kletterferien im Süden: «Da der Kletterer seinen Sport meist nicht alleine ausübt, hat er oft noch vier Freunde mit dem gleichen Gepäck. Nun kommt die geeignete Wahl des Transportmittels. Nach kurzer Betrachtung der einzelnen Fahrzeuge kommt heraus, dass alle Kletterer eine Vorliebe für Kleinwagen haben. Also entscheidet man sich für den grössten der kleinen, einen Ford Fiasco. Der Kofferraum ist in der Regel nach der Beladung mit der Kletterausrüstung und den Getränken voll. In die wenigen Zwischenräume werden nun das Essen und die Wechselwäsche gestopft. Nun schliesst man den Kofferraum und bittet die Rückbankbesetzer, zuerst einzusteigen, da man auf ihrem Schoss die restlichen zwei Kubikmeter Klamotten unterbringen muss. Nun ist das arme Auto hinten erst mal um zehn Zentimeter tiefergelegt. … Zwei Stunden später, wenn man die Gewichtsverteilung geändert und den abgerissenen Auspuff wieder eingehängt hat, gehts dann tatsächlich los.»

www.stupidedia.org

Sind Sie auch so kreativ und humorvoll wie die Stupidedianer?

Outdoor

Finalefels

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 3. Dezember 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*


Es ist Mitte November, das Wetter wolkenlos und warm. Kurz vor unserer Ankunft hat es in Finale Ligure stark geregnet, doch nun sind die Felsen trocken. Also hinauf zum Monte Sordo, über den der Lokalmatador Andrea Gallo im Kletterführer schreibt: «Eines der schönsten Massive des Gebietes, hervorragender Fels, traumhafte Landschaft, phantastische Routen in allen Schwierigkeitsgraden, kurz, ein Muss.»

Wir beginnen mit der «Placca delle bimbe», einer Aufwärmroute, die aber schon recht in die Finger geht. Der Fels ist löchrig, scharf und steil, Finalefels eben. Auch wenn die Route für kleine Mädchen gedacht ist, wie der Name suggeriert, muss man zupacken.

Dann trifft ein junges Paar ein, es spricht Deutsch und erkundigt sich, was wir klettern. Der Mann blättert im Führerbuch, mit farbigen Klebern sind Seiten markiert. «Ah, hier sind wir also!» Er entledigt sich des T-Shirts, seilt sich an. Es ist warm genug, und ein trainierter Oberkörper macht sich immer gut. Wir wundern uns, dass er sich nur für eine 5c entscheidet.

Man will halt Spass haben: Unbekannter Oben-ohne-Kletterer. Foto: Maria Ly (Flickr)

Man will halt Spass haben: Unbekannter Oben-ohne-Kletterer. Foto: Maria Ly (Flickr)

L'arco dei guaitechi, den bogenförmigen Riss, der sich durch den zentralen Pfeiler zieht. Der Name erinnert an die Hunde, die früher auf dem Bauernhof unten im Tal tagaus, tagein jaulten und winselten (guaire). Es war die erste, die logische Route, im Juni 1973 erstbegangen von Gianni Calcagno, einem der bedeutendsten italienischen Alpinisten, der 1992 am Denali verunglückte. Ein Kletterpionier auch sein Seilpartner Alessandro Grillo, der für seine Erschliessertätigkeit im Finalese von Finale Ligure mit dem Premio «Una vita per Finale» ausgezeichnet worden ist. Die Route ist also ein Klassiker im historischen Sinn wie auch im Stil: Risskletterei, spreizen, stemmen, piazzen.

Der junge Sportsmann mit der nackten Brust schafft die Länge mit etwas hängen und scharren, seine Begleiterin schüttelt den Kopf. «Gefällt mir nicht!» Nun gut, man will ja Spass haben, sich nicht aus Pietät vor der historischen Bedeutung einer Route die Finger kaputt machen oder die Knie beim Rissklettern schinden.

Der Junge, nun wieder im T-Shirt und auf festem Boden, setzt zu einer Schimpftirade an, die kein Ende nehmen will und von der wir vor allem das immerzu wiederholte Wort «Scheisse» vernehmen. Es ist also eine Scheissroute und Finale überhaupt totale Scheisse mit diesem Scheissfels und den Scheisslöchern (ich fasse zusammen). Zum Glück, denke ich, ist der Berg «sordo», also gehörlos, wie sein Name sagt, sonst würde er vielleicht ein paar Steine auf die frustrierten Besucher fallen lassen.

Nervöses Blättern im Führerbuch, dann Beratung. «Wohin könnten wir denn fahren, wo der Fels nicht so scheisslöchrig und scheissabgespeckt und überhaupt ist?», fragt sich das junge Paar. Das hier habe, höre ich, überhaupt nichts mit Sportklettern zu tun. Auch der Kletterführer bekommt schliesslich noch sein Fett ab: «Scheisse.»

Nun habe ich eigentlich nichts gegen das Wort, auch der Duden kennt es. Ich habe es mal in einem Text verwendet, für den ich vom Schweizer Alpen-Club einen Literaturpreis erhielt, obwohl ein Mitglied der Jury fand, ein Beitrag mit diesem Wort dürfe nicht ausgezeichnet werden. Am Monte Sordo, diesem feinen Kletterberg, und in diesem Übermass hat es mich doch etwas gestört.

Wir klettern weiter, während beide Jungen zusammenpacken und still und leise davonziehen. Wohin, haben wir nicht verstanden, hoffen einfach, dass sie irgendwann doch noch Felsen finden, die so sind, wie sie sich das zu Hause vorgestellt haben, als sie das Führerbuch studierten und mit farbigen Klebern die Wunschrouten markierten. Und wenn nicht, dann gibt es ja auch Kletterhallen, da ist der Fels bestimmt nicht scheisse, denn es gibt gar keinen.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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«Horn blasende Idioten»

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 26. November 2014

Ein Gastbeitrag von Daniel Foppa*

Die Engländer hatten Zeit. Unendlich viel Zeit. In den gehobenen Kreisen Grossbritanniens gehörte es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum guten Ton, ein paar Wochen am Fuss eines Drei- oder Viertausenders zu verbringen. Und ganze Sommermonate dem Nichtstun zu frönen. Die ambitionierten Gäste heuerten jedoch Einheimische als Führer und Träger an, um die bedeutenden Alpengipfel zu besteigen. Es war das «Goldene Zeitalter des Alpinismus», als von 1855 bis 1865 Berge wie die Dufourspitze, das Weisshorn und das Matterhorn erstbestiegen wurden.

Mit von der Partie ist in vielen Fällen der Haslitaler Melchior Anderegg. Als Knecht im Grimsel-Hospiz kommt er erstmals in Kontakt mit englischen Gästen, die ihn für eine Gletschertour über den Strahleggpass anheuern. Anderegg erweist sich als besonders bergkundig und geschickt – eine der bemerkenswertesten Karrieren der Schweizer Alpin­geschichte beginnt. Wie die Journalistin und TA-Bloggerin Natascha Knecht in einer neuen Publikation aufzeigt, nimmt Anderegg eine herausragende Position in der Pionierzeit des Alpinismus ein.

Mit Virginia Woolfs Vater am Seil

Pionier und Gentleman der Alpen – Melchior Anderegg

«Pionier und Gentleman der Alpen. Das Leben der Berg­führerlegende Melchior Anderegg» von Natascha Knecht. Limmat Verlag, Zürich 2014. 208 Seiten, 54 Fotografien, Karten und Abbildungen, ca 36 Franken. www.limmatverlag.ch
Für SAC-Mitglieder 29 Franken über www.sac-cas.ch

Der 1828 in Meiringen geborene Anderegg ist einer der ersten Schweizer Bergführer überhaupt. Sein Können eignet er sich autodidaktisch an, und bald schon ist er über die Landesgrenzen hinaus bekannt. «Melchior ist auf seine Art auch ein Kaiser, ein Fürst unter den Führern. Sein Reich ist der ewige Schnee, sein Szepter der Eispickel», schreibt Matterhorn-Erstbesteiger Edward Whymper.

Mit Whymper ist Anderegg nie unterwegs, dafür umso häufiger mit Leslie Stephen – dem Vater von Virginia Woolf. Der Schriftsteller ist einer jener spleenigen viktorianischen Gelehrten, die den Anstoss zur Erstbesteigung zahlreicher Alpengipfel geben. Mit Anderegg gelingt ihm die Erstbesteigung des Zinalrot­horns und des Rimpfischhorns. Autorin Knecht schildert mit viel alpinistischem Wissen, wie die Pioniere mit rudimen­tärer Ausrüstung, Brachialtechnik und reichlich Alkoholika im Gepäck in Gebiete vordringen, die vor ihnen noch niemand betreten hat. Es gibt weder Clubhütten noch verlässliches Kartenmaterial – sondern nur eine alpine Terra incognita. «Man darf uns mit Raupen ver­gleichen, die sich krümmen und dann wieder strecken», beschreibt Stephen in seinem Klassiker «Playground of Europe» die Kletterei am Zinalrothorn-Nordgrat. Anderegg führt seine Gäste jeweils sicher auf den Gipfel und zurück, spornt an, unterbindet Leichtsinn, zieht Stephen auch schon mal aus einer Gletscherspalte.

Über den alpinistischen Aspekt hinaus, und das macht Knechts Buch besonders lesenswert, bietet Andereggs Leben Einblicke in die Mentalitäts- und Tourismusgeschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert. Die Aufklärung scheint noch nicht in jedes Bergtal vorgestossen, und Anderegg und seine Gäste müssen gegen Misstrauen ankämpfen. Es dauert seine Zeit, bis Alpinisten als Einkunftsquelle erkannt werden und Argwohn dem Geschäftssinn weicht.

Kein Respekt für Eingeborene

Bemerkenswert sind dabei Schilderungen aus zeitgenössischen Reiseführern: «Geduld und kleine Münzen sind im Berner Oberland unentbehrlich», schreibt Karl Baedecker und warnt vor Bettlern und Gauklern. Eine Teilnehmerin der ersten von Thomas Cook 1863 organisierten Pauschalreise hält fest: «Das Wallis ist das erbärmlichste und betrübendste Gebiet im nördlichen Europa, weil dort Aberglaube, Ignoranz, Armut und schmutzige Sitten herrschen». Und Edward Whymper beschwert sich über Echos in Lauterbrunnen, «die von Horn blasenden Idioten vorgeführt werden». Die gut dokumentierte Publikation entwirft so ein unterhaltsames Panoptikum aus der Pionierzeit des Alpintourismus.

Der Respekt der Engländer vor den Eingeborenen ist dabei nicht eben gross. Man warnt sich gegenseitig vor unzuverlässigen Trägern und inkompetenten Führern. Ausnahmen bilden Könner wie Melchior Anderegg, der über Jahre hinweg ausgebucht ist und regelmässig für Aufsehen sorgt. So besteigt unter seiner Führung die Engländern Lucy Walker als erste Frau das Matterhorn.

Seine Gäste laden Anderegg zu einem Besuch in London ein – eine amüsante Episode, die an die Reise von Crocodile Dundee nach New York erinnert: Die Engländer überlassen Anderegg mitten in London sich selbst, um zu schauen, ob er zurück in ihre Wohnung findet. Der Orientierungssinn des Haslitalers funktioniert auch in der Metropole, und Anderegg ist vor seinen mit der Kutsche fahrenden Gästen wieder in der Wohnung. Die Episode soll im britischen Alpine Club noch Jahrzehnte erzählt worden sein – zu Ehren des «King of the Guides».

Hörprobe aus «Pionier und Gentleman der Alpen» (© Radio SRF1)

foppa_150p*Daniel Foppa ist Ressortleiter Schweiz beim «Tages-Anzeiger» und passionierter Skitourengeher.

Outdoor

Faszination Alpinismus

Natascha Knecht am Mittwoch den 19. November 2014

Sie rennen, klettern, wandern und biken. Unsere Outdoorblogger sind leidenschaftlich in dem, was sie tun. Was treibt unsere vier Autoren an? Was lässt sie staunen? Wir zeigen die Blogger diese Woche von ihrer persönlichen Seite. Natascha Knecht über die Faszination des Alpinismus und was ihr am Berg wichtig ist. Viel Spass!

Video: Lea Koch


 

Happy Birthday, Blogs! 15 verschiedene Blogs, mehrere Tausend Beiträge und weit über eine Million Kommentare: Da stehen wir nach fünf Jahren. Die Blogs gehören heute zum festen Inventar von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Nationale Bekanntheit haben nicht nur die Klassiker wie der Mama- oder der Sweet-Home-Blog erlangt. Auch neuere Blogs, wie etwa Manage Your Boss oder Welttheater, fanden schnell Anklang bei den Leserinnen und Lesern. Grund genug, um nach fünf Jahren Geburtstag zu feiern. In den kommenden zehn Tagen feiern wir unsere Blogs mit speziellen Postings. Und in Videos und weiteren Blogpostings gewähren wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen, porträtieren Autoren – und schreiben über unseren Umgang mit Kommentaren und Kommentarschreibern. Fehlt noch was? Ja! Erst durch die Kommentare von Ihnen, liebe Userinnen und User, entstehen spannende Diskussionen und Debatten. Ein herzliches Dankeschön dafür. Sie finden alle Jubiläumsbeiträge hier.

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Fertig Schoggi für die Superkletterer

Natascha Knecht am Mittwoch den 12. November 2014


Alex Honnold, der König der Free-Solo-Kletterer, in der 15-Seillängen-Route El Sendero Luminoso (5.12d). Die Big Wall befindet sich in der Nähe von Monterrey, Mexiko.

Die Empörung in der Kletterszene scheint gross zu sein, jedenfalls gipfelte sie übers Wochenende in einem regelrechten Shitstorm. Im Fokus steht die amerikanische Firma Clif Bar, die mit Energie- und Regenerationsriegeln für Sportler eine halbe Milliarde Dollar Jahresumsatz generiert. Zur Promotion ihrer Produkte hat Clif Bar gegen zwanzig Top-Kletterer unter Vertrag. Doch damit soll nun Schluss sein. Fünf von ihnen sollen offenbar aus dem Ambassadoren-Team fliegen. Es sind dies Alex Honnold, Dean Potter, Steph Davis, Cedar Wright und Timmy O'Neill. Warum? Weil diese «Free Solo» klettern, also ungesichert im Alleingang und im Hochrisikobereich.

Zwar hat Clif Bar den fünffachen «Rauswurf» (noch) nicht offiziell bestätigt, aber auf der Team-Website tauchen die fünf nicht mehr auf. Und gegenüber dem Magazin «Rock and Ice», welches die Sache publik machte, sagte der Pressesprecher, Clif Bar wolle künftig wieder traditionelle Stilformen sponsern, also die Clean-Kletterer, Boulderer, Alpinisten oder Sportkletterer. Mit anderen Worten: die «Braven» wie Chris Sharma, meint Bergsteigen.com.

8a.nu glaubt, da Honnold der berühmteste Free-Solo-Kletterer der Welt sei, könne es sich nur um ein Missverständnis handeln. Weniger diplomatisch sind viele Kommentare in den Internetforen. Da wird reihenweise wüst gegen Clif Bar ausgeteilt – in allen Weltsprachen. Aber Free-Solo-Klettern finden bei weitem nicht alle gut. Es ist eine Spielform, die polarisiert.


Alex Honnold in der Route «Heaven» (5.12d), im Yosemite Valley, Kalifornien.

Wie viel Kommerz braucht der Alpinsport?

Meine Einstellung dazu ist ambivalent. Einerseits finde ich es zu viel des Guten, wenn ein Alex Honnold ungesichert eine Big Wall klettert, Hunderte von Metern Luft unter dem Hintern. Jeder Fehler wäre sein letzter. Dies entspricht wirklich nicht dem, was ich unter Klettern oder Alpinismus verstehe. Andererseits schaue ich seine Videos trotzdem. Man muss ja nicht immer alles verstehen.

Honnolds Können und vor allem seine mentale Stärke sind überirdisch – nicht nur in meinem Empfinden. Millionenfach werden seine Videos angeklickt. Und genau darin steckt die Krux: Was nicht fassbar ist, finden viele Leute absonderlich, sinnlos, blöd, überflüssig. Statt zu akzeptieren, dass es Mitmenschen gibt, die um Welten besser und mutiger sind, reagieren sie mit Neid, Aggression, Beleidigung und offenbar auch mit der Drohung, keine Riegel von Clif Bar mehr zu kaufen. Aber wo wären wir heute, hätte es nie Pioniere gegeben, die Dinge wagen, die für die breite, angepasste und ängstliche Masse zu extrem sind?

Trotzdem finde ich es richtig respektive dringend nötig, dass dieses «Weiter, Höher, Schneller» diskutiert und hinterfragt wird. Der eigentliche Skandal ist meiner Meinung nämlich ein anderer: Es gibt Kletterer und Alpinisten, die als Team Ausserordentliches leisten, nur interessiert das inzwischen kaum noch irgendwen. Die Stars unter den Free-Solo-Kletterern stehen allen anderen in der Sonne. Inzwischen meint der Normalbürger, die Eigernordwand sei ein Spaziergang und die grösste Gefahr am Mount Everest seien die Sherpas.

Statt gegen einen Hersteller von Schoggiriegeln Energie zu verschwenden, könnte die Szene auch kritisch darüber nachdenken, wie viel Kommerz, Selbstverliebtheit und undurchsichtige Inszenierung der Alpinsport überhaupt verträgt.

Was ist Ihre Meinung?

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Der Uetli- ist auch ein Kletterberg

Natascha Knecht am Mittwoch den 5. November 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

Der letztes Jahr verstorbene Zürcher Extrembergsteiger und Bergführer Walter Müller ist am Fuss des Uetlibergs aufgewachsen. Als Jugendlicher begann er zu klettern, an den Nagelfluhblöcken unterhalb des Wegs, der vom Staffel westlich am Gipfel des Uetli vorbeiführt. Walter hängte sich in die Fingerlöcher der Nagelfluh, klammerte sich an die glatten, ins Konglomerat eingebackenen Flusskiesel und verinnerlichte mit grosser Beharrlichkeit die harten Bewegungsabläufe. Das konsequente Training machte ihn zu einem der ersten Freikletterer der Schweiz, dem äusserst schwierige Erstbegehungen und Wiederholungen in den Alpen gelangen.

Schon in den 30er-Jahren, heisst es, hätten die Zürcher Gebrüder Amstad, Erstbegeher unter anderem des Salbit Südgrats, auf dem Uetli trainiert. Ein Kletterfreund erzählte mir, dass ein paar Zürcher Extreme in den 60er-Jahren sogar im Winter auf den Uetli trabten und sich in den vereisten und verschneiten Felsen die Finger blau kletterten. Anschliessend wärmten sie sich auf dem Kulm mit einem Bier auf und wälzten Pläne von grossen Nordwänden, Winter-Erstbegehungen und Himalayaexpeditionen.

Nacktklettern am «Schnudernäsli»

Jetzt haben wir einen warmen Herbst, doch mein eigener Versuch an einer kleingriffigen und zum Teil mit Tropfstein überzogenen, etwa zehn Meter hohen Wand endet mangels Fingerkraft und Sicherung ziemlich kläglich. Hier wäre sogar ein Vorstieg möglich. Im Fels stecken Haken verschiedener Generationen, auch neue Bohrhaken, die zeigen, dass es trotz Kletterhallen und unzähligen Klettergärten noch immer Uetli-Kletterfreaks gibt. Pfeile weisen an verschiedenen Blöcken die Einstiege zu Boulderproblemen.

In den 80er-Jahren machte der legendäre Kletterclub Uetliberg KCÜ Furore. Mitglieder des wilden Haufens wie Martin Scheel oder Roland Heer wurden schliesslich hervorragende Kletterer und Bergsteiger. Heer, inzwischen als Schriftsteller bekannt geworden, schreibt: «Die damalige Hauptbedingung für einen Eintritt in das Klübli war seilfrei den Uetlibergturm hochzuklettern.» Den Routen und Felsen gab man Namen wie «Schnudernäsli-Direkte», «Müllerwändli», «Rollstuhlüberhang», «Matterhörnli» oder «Spinnenwändli» – auch Nacktklettern gehörte zum Programm. Die KCÜ-Freaks wohnten in WGs und gehörten zur anarcho-dadaistischen Szene der Zürcher Jugendbewegung der 80er, die so einprägsame Slogans schaffte wie «Nieder mit den Alpen – freie Sicht aufs Mittelmeer». Die Alpen blieben dann aber zum Glück doch stehen, und so konnte Martin Scheel als einer der Ersten Routen von Sportkletterniveau in den Alpen erschliessen, 1980 etwa den «Supertramp» in der Bockmattli-Nordwand.

Zwölf neue Routen am Uetli

An der senkrechten Felsstufe direkt unter der Westseite des Gipfels finden sich Spuren einer weiteren «Renaissance» des Uetlikletterns: dicke Bohrhaken, Ketten, Schlingen und künstliche Griffe im Wasser überronnenen und zum Teil bewachsenen Fels. Ein düsterer Winkel, an dem kaum mehr jemand klettert. Vor zwanzig Jahren richteten hier Junge vom SAC Uto zwölf Routen im fünften bis achten Grad ein. Pascal Siegrist zeichnete ein liebevolles Topo, das auch mal im Internet auftauchte. Inzwischen trainiert der Mitinhaber der trendigen Boulderhalle Minimum in Altstetten wohl lieber an der Kunstwand für grosse Unternehmen in den Alpen, etwa die Erstbegehung von «Out of Space» in der Südostwand des Chalchschijen, einer Route im zehnten Grad.

Für ein erweitertes Nagelfluh-Klettertraining lohnt sich eine Fahrt nach Bregenz zum «Känzele» am Gebhardsberg, dem «Uetliberg» der Vorarlberger Hauptstadt. Konglomeratsüchtige pilgern schliesslich zum Montserrat bei Barcelona – dort hat auch Martin Scheel Routen erschlossen. Sicher erinnerte er sich dabei an seine Anfänge auf dem Uetliberg.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

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Kann man im SAC-Massenlager eigentlich Sex haben?

Natascha Knecht am Mittwoch den 29. Oktober 2014
Immer wieder eine willkommene Anregung für Männerphantasien: Massenlager in einer SAC-Hütte (hier die Saoseo-Hütte im Puschlav). Foto: Keystone

Immer wieder eine willkommene Anregung für Männerfantasien: Massenlager in einer SAC-Hütte (hier die Saoseo-Hütte im Puschlav). Foto: Keystone

Kürzlich an einem Apéro bei Bekannten daheim: Es waren etwa zwanzig Leute da, die meisten hatte ich davor noch nie gesehen. Für diese Anzahl Gäste war die Stadtwohnung relativ eng, darum standen wir uns in der Küche, im Wohnzimmer und auf dem Balkon auf den Füssen rum. Und wie es so geht: Man kommt ins Gespräch. Man fragt sich gegenseitig oberflächliches Zeug. Was man arbeitet. Wo man wohnt. Was man von Veganern hält und was von Ecopop. In welchem Fitnesscenter man trainiert.

Einer der Ersten, mit denen ich an diesem Abend einen Small Talk führte, hiess Remo*. Er trainiert im Holmes. Ich sagte, ich trainiere in der Kletterhalle und gehe gerne bergsteigen. Später entschloss ich mich, dass ich künftig an solchen Anlässen meine Leidenschaft für die Hochalpen verheimlichen werde. Die Fragen, die mir nämlich gestellt werden, sind immer etwa die gleich dummen. Der Dialog geht etwa so:

Wirklich, du gehst bergsteigen?
Ja.

So richtig? Mit Seil und allem?
Ja.

Echt jetzt?
Ja.

Warst du schon auf dem Matterhorn?
Ja.

Ist das nicht gefährlich?
Es geht so.

Weshalb machst du das?
Das frage ich mich auch.

Remo und ich stehen in der Küche, sein Freund Ralf* kommt rein.

Hey Ralf, hast du gehört: Sie geht bergsteigen, so richtig mit Seil.

Jetzt ist Ralf dran mit seinen Fragen.

Echt? Warst du schon auf dem Matterhorn?
Ja.

Ist das nicht gefährlich?
Es geht so.

Das könnte ich nie. Ich habe fürchterliche Höhenangst. Mich graust es schon, wenn ich auf dem Balkon stehe.
Oje.

Kennst du Ueli Steck?
Ja.

Wie findest du ihn?
Cooler Typ.

Aber der hat nicht alle Tassen im Schrank, oder?
Findest du?

Ich habe mal ein Video gesehen, wie er durch die Eigernordwand rannte. So einer hat doch einen Flick weg.

Remo mischt sich wieder ins Gespräch ein.

Ich habe kürzlich im TV einen Dokumentarfilm über einen Kletterer gesehen. Jetzt weiss ich gerade nicht mehr, wie er geheissen hat, aber es war krass.
Ich schaue fast nie TV.

Du, darf ich dir eine peinliche Frage stellen?
Klar.

Wie macht man das eigentlich, wenn man mitten in einer Felswand auf die Toilette muss?
Man macht sich einfach in die Hose.

Wir lachen.

Zwei Stunden später treffe ich Remo auf dem Balkon wieder. Er hat in der Zwischenzeit mindestens zwei Bier getrunken, ist jetzt in Flirtstimmung, stellt sich eng neben mich und fragt wieder.

Wenn du schon auf dem Matterhorn warst, dann hast du sicher schon oft in SAC-Hütten übernachtet.
Schon sehr oft.

Kann man im Massenlager eigentlich Sex haben?
Sicher, was denn sonst?

Hast du auch schon?
Fast jedes Mal.

Echt?
Echt!

Anmerkung: *Die Namen Remo und Ralf sind fiktiv, aber nicht die Fragen. Ich schwöre, sie sind mir schon unzählige Male gestellt worden. Dass ein Massenlager bei Männern gewisse Fantasien hervorruft, kann ich entfernt nachvollziehen. Aber warum ist es so wichtig, ob man auf dem Matterhorn war? Das verstehe ich beim besten Willen nicht.

Outdoor

Eine Erstbesteigung in der Arktis von einem Segelboot aus

Natascha Knecht am Mittwoch den 15. Oktober 2014
Ostgrönland: Ralph Villiger und Harald Fichtinger sind die ersten Menschen auf dem Kirken. Obwohl der Gipfel auf der Karte falsch eingezeichnet ist, lässt das Felstürmchen keinen Zweifel daran, das dies William Scoresby’s Church Mount ist. (Alle Bilder: Ralph Villiger und Harald Fichtinger)

Ostgrönland: Ralph Villiger und Harald Fichtinger sind die ersten Menschen auf dem Kirken. Obwohl der Gipfel auf der Karte falsch eingezeichnet ist, lässt das Felstürmchen keinen Zweifel daran, dass dies William Scoresbys «Church Mount» ist. (Alle Bilder: Ralph Villiger und Harald Fichtinger)

Seinen Namen hat der Kirken nicht von ungefähr. Kirken bedeutet auf Dänisch Kirche – und genau wie eine solche sieht dieser Berg aus. Markant ragen seine steilen Felswände in den Himmel,  der Doppelgipfel zeigt verblüffende Ähnlichkeit mit einem Kirchendach und einem Kirchenturm. Entdeckt wurde dieser Felsberg in Ostgrönland vor 200 Jahren vom englischen Arktisforscher William Scoresby jr. Er nannte ihn Church Mount. Bestiegen hat ihn allerdings noch nie jemand – bis nun im August der Basler Ralph Villiger (38) und der Österreicher Harald Fichtinger (40) kamen. Eine eingespielte Seilschaft, über die wir im Outdoor-Blog schon berichteten.

Vom Meer gesehen: Der Kirken ist der auffälligste Berg von Liverpool Land. Er sieht aus wie eine Kirche.

Vom Meer gesehen: Der Kirken ist der auffälligste Berg von Liverpool Land. Er sieht aus wie eine Kirche.

Wie so oft bei einer Erstbesteigung in abgelegenen, wilden Gegenden entwickelte sich auch bei diesem Grönlandabenteuer die Kletterei als «nur» eine von vielen Herausforderungen. Villiger und Fichtinger hatten sich vorgenommen, den Mount Kirken im Kleinstteam «sauber» zu besteigen, das heisst, auch auf Flugzeug (zumindest ab Island) und Helikopter  zu verzichten. Also segelten sie zu zweit ab Island an die Küste von Liverpool Land, eine Halbinsel etwas nördlich vom Scoresby Sound. Diese Seereise dauerte vier Tage.

Auf der Überfahrt nach Grönland segeln sie an einem etwa 400 Meter langen, von Nebel umhüllten Eisberg vorbei.

Auf der Überfahrt nach Grönland segeln sie an einem etwa 400 Meter langen, von Nebel umhüllten Eisberg vorbei.

Angaben zum Kirken hatten die beiden wenig. Lange kannten sie den Granitturm lediglich von einem Bild aus einem Buch. «Später kamen zwei Fotos auf Google Earth hinzu.» In einer unbeschriebenen Bucht, die in keiner Karte eingezeichnet ist, gingen sie vor Anker. «Die Schwierigkeiten lagen in der Abgeschiedenheit des Berges und unserem Expeditionsstil», sagt Villiger. «Mit einem Segelschiff erreicht man solch entlegene Gebiete, allerdings muss für das Schiff auch eine sichere Ankerbucht gefunden werden – insbesondere bei der Konstellation als Zweierteam, die kein Personal für eine Ankerwache übrig lässt.» Was passiert, würde sich das Boot losreissen, aufs offene Meer treiben, oder auf die Steine an der Küste, will man sich nicht ausdenken.

Das Boot liegt sicher vor Anker in einer Bucht im Norden der Kirken. Der Berg ist allerdings nicht direkt einsehbar, was die Routenfindung erschwert.

Das Boot liegt sicher vor Anker in einer Bucht im Norden des Kirken. Der Berg ist allerdings nicht direkt einsehbar, was die Routenfindung erschwert.

Eine Ankerbucht fanden die beiden nur im Norden des Berges vor. Von hier ist der Einstieg in der avisierten Felswand hinter einem Zwischengrat versteckt, der Weg führt über einen Gletscher. Kommt hinzu, dass der Kirken auf verschiedenen Karten falsch eingezeichnet ist. Prompt gingen Villiger und Fichtinger den «falschen» Berg an.

Ralph Villiger sitzt am ersten Tag auf dem falschen Gipfel. Der Kirken ist im Hintergrund.

Ralph Villiger sitzt am ersten Tag auf dem falschen Gipfel. Der Kirken ist im Hintergrund.

«Beim zweiten Versuch fanden wir den richtigen Zustieg, allerdings nur nach einem weiteren Verhauer.» Den Hauptgipfel des Kirken erreichten die beiden dann über sechs Seillängen (6b) in festem Granit. Von Boot zu Boot brauchten sie 16 Stunden. «Eine merklich leichtere Route scheint uns von keiner Seite aus möglich.»

Jetzt auf den richtigen Berg, den Kirken: Harald Fichtinger im Vorstieg. Die Kletterei ist im Schwierigkeitsgrad 6b in meist solidem Granit.

Jetzt auf den richtigen Berg, den Kirken: Harald Fichtinger im Vorstieg. Die Kletterei ist im Schwierigkeitsgrad 6b in meist solidem Granit.

Die Kletterei habe ihn an Chamonix erinnert, so Villiger. «Allerdings als wären die Alpen auf 3000 m ü. M. überflutet.» Offiziell sei der Kirken 1209 Meter hoch. «Eine eigene Messung ergab jedoch lediglich 1108 Meter.» Auch dies ein Indiz, wie verlassen und wenig erkundet diese Region noch immer sei. Aufgrund der Beschreibungen von Scoresby sind sie sich aber sicher, dass sie auf dem Church Mount standen. Koordinate: 71° 07.4'N 021° 48.8'W. Eine kombinierte Gletscher-Schnee-Fels-Tour im Niemandsland.

Nach der Besteigung segelten die beiden wieder zurück nach Island, wo Fichtinger von Bord ging. Villiger segelte noch einhand nach Schottland, wo das Boot über den Winter bleibt und auf das nächste Abenteuer wartet.

Outdoor

Brüggler – eine «Marke» im Klettersport

Natascha Knecht am Dienstag den 7. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

Die zwei jungen Zürcher haben Grosses vor. «Das nächste Mal klettern wir am Brüggler drei Routen hintereinander», verkünden sie lautstark am Fuss der Wand, «das macht dann drei mal sieben also einundzwanzig Seilängen.» Also fast eine Bigwall. Heute reichts nur noch für eine Länge und am ersten Haken hängt der Vorsteigende schon im Seil. Der Brüggler ist zwar nicht besonders steil, aber stellenweise ziemlich glatt. Wir sind wieder mal einen alten Klassiker gegangen, die «Flugroute», plaisirtauglich, aber da und dort fehlen einfach die Griffe. Wer’s kann, legt einen lockeren Spitzentanz bis zum nächsten Briefkastenschlitz hin. Die Flugroute vermeidet geschickt die Föhren und Graspolster, die die Wand zum botanischen Paradies machen. Jetzt gerade ist sie gespickt mit flammenden Feuerlilien. Auf andern Routen ist man auch wieder froh, wenn sich nach der Plattenstelle ein Grasputsch oder eine Wurzel als Rettungsgriff anbietet.

Test für die neue Freundin

Brüggler? Wir Bockmattlikönige der Sechzigerjahre hatten für die schräge Platte drüben im Schwändital nur ein müdes Lächeln übrig. Der «Föhrenweg» war gerade gut genug, die neue Freundin ins Klettern einzuführen. Schaffte sie den Überhang ohne Seilzug, bestand Aussicht auf eine längere Beziehung und eine «richtige» Tour, etwa die «Namenlose» im Bockmattli. Mit den neuen Kletterfinken und den Bohrhaken wurden schliesslich auch die glatten Platten der geneigten Wand kletterbar und so reihte sich allmählich Route an Route. Kein Riss, kein Wulst und schon gar keine Platte blieb vor dem Angriff der Akkubohrmaschine verschont. Selbst Stellen, die sich perfekt mit Sanduhrschlingen, Friends oder Keilen absichern lassen, sind heute eingebohrt. Die Föhren mit ihren felsenfest verankerten Wurzeln sind von ihrer einstigen Funktion als perfekte Standsicherung entlastet.

Ich gebe zu, als Oldie geniesse ich es, dass ich mich nur noch einklinken kann und an einer glatten Stelle unter mir ein nagelneuer Bohrhaken steckt, statt ein kleiner Klemmkeil. Es sind ja auch Freunde von mir, die die Brügglerwand zu einer Art Kletterhalle in freier Natur umgebaut haben – mit viel Arbeit, Zeitaufwand und Kosten. Dazu noch Täfelchen mit den Routennamen am Einstieg angebracht, damit man ganz sicher auf den richtigen Pfad gerät. Gelegentlich kann man gar farbigen Markierungen folgen, wenn sich die Wege kreuzen. Und da, meine ich, hat man doch des Guten etwas zuviel geleistet. Von den 32 Routen, die der Führer GL Climb von Felix Ortlieb beschreibt, ist nach meinem Empfinden nur ein Teil wirklich lohnend.

Südlage und fester Fels

Trotzdem: Der Brüggler ist ein bleibender Wert im Klettersport geblieben, während andere Top-in-Gebiete schnell wieder vergessen gegangen sind. Es ist halt doch immer wieder ein schönes Erlebnis, nicht nur das Klettern, auch die Landschaft, der feste Fels, die Südlage, der Zustieg über die Alpweiden und der Gipfel – falls man sich nicht am überdimensionierten Gipfelkreuz stört. Dass es auch sehr leichte und interessante Routen für Anfänger gibt, stärkt ebenfalls die «Marke Brüggler».

Und wie die jungen Zürcher festgestellt haben: Man kann ja auch dreimal am Tag vom Einstieg zum Gipfel klettern, dann wird aus den gut hundert Metern Wandhöhe ein Bigwall-Erlebnis der vergnüglichen Art.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch


Blogs

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