Archiv für die Kategorie „Alpin“

Outdoor

Genug von der Ski-Maschinerie

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 26. März 2015

Ein Gastbeitrag von Malin Auras*

Das französisch-schweizerische Skigebiet Les Portes du Soleil gehört mit 200 Bahnen zu den grössten der Welt: Sessellift in Champéry VS. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Das französisch-schweizerische Skigebiet Les Portes du Soleil gehört mit 200 Bahnen zu den grössten der Welt: Sessellift in Champéry VS. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Grösser, schneller, perfekter – in den Skigebieten wird ausgebaut, erweitert, verbunden und modernisiert. Die Lifte werden schneller und komfortabler, die Pisten perfekt und lückenlos beschneit, die Infrastruktur stetig ausgebaut. Ziel ist es, den Skifahrern möglichst bequem Zugang zu möglichst vielen Pistenkilometern zu verschaffen und ein abwechslungsreiches Drumherum zu bieten. Schliesslich sollen die Gäste in der nächsten Saison wiederkommen – und nicht über Langeweile klagen.

Die Möglichkeit, die knappe Ferienzeit effizient zu nutzen, ist das Gebot der Stunde. Man fährt mit den Ski bis vor die Haustüre, entdeckt an einem Tag diverse Täler und Hunderte, perfekt präparierte Pistenkilometer, lässt sich in beheizten Sesselliften kutschieren und hat alle Einkaufsmöglichkeiten und Wellnessangebote vor Ort.

Klein, aber fein

Trotzdem sind wir mittlerweile nur noch in überschaubaren, wenig überlaufenen Skigebieten unterwegs. Mir genügt ein schöner Skiberg mit ein paar guten Abfahrten und möglichst viel unverbautem, abwechslungsreichem Gelände. Ich entscheide mich bewusst für Gebiete, die nicht aus Pistenautobahnen zwischen endlosen Verbindungswegen und -liften bestehen. Mit einer Ski-Infrastruktur, die sich den Bergen anpasst, statt sie zu überlagern. Ein Gebiet, in dem die Kinder noch «Geheimwege» entdecken, Schanzen finden und Tiefschneeabkürzungen ausprobieren können.

Nirgendwo kann ich mich besser entspannen als im Skiurlaub. Gerade im Winter, wenn man viel zu Hause sitzt, bietet das Skifahren die Möglichkeit, den ganzen Tag draussen zu verbringen. Ich tausche den hektischen Alltag gegen die Einsamkeit der Berge, das perfekt Organisierte gegen das Abenteuerliche, industrialisierten Raum gegen möglichst unverbaute Natur.

Erlebnisbremse

Aber wo bleibt das Abenteuer, wenn die Skigebiete immer besser organisiert sind? Wo bleibt da der Kontrast zu unserem perfekt durchgeplanten Alltag? Finden wir die – in unserer Zeit so propagierte – «Entschleunigung» bei immer schnelleren Liften und endlosen Vergnügungsangeboten? Wo bleiben Ruhe und Erholung, wenn sich tausend Leute auf endlosen Pistenautobahnen tummeln? Und was ist mit der Schönheit der Berge, wenn rundherum nur ein konstruierter Mega-Spielplatz zu sehen ist?

Der Gigantismus in den Skigebieten ist gut für die Liftbetreiber, die Gäste anlocken müssen. Gut für die Hoteliers, die ihre Zimmer vermieten wollen. Gut für alle, die vom Fremdenverkehr abhängig sind. Aber ist immer grösser, schneller, perfekter gut für uns Skifahrer? Brauchen wir das wirklich?

Idylle oder Gigantismus: Was suchen Sie in den Skiferien? Sind kleine, unmoderne Skiresorts noch überlebensfähig? Wie stehen Sie zum weiteren Ausbau der Skigebiete?

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

Outdoor

Wildschutz für die Wirtschaft

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 25. März 2015

Ein Gastbeitrag von Dominik Osswald*

Für ihn gibt es laut Bundesgericht immer «andere Orte»: Tourengänger im Wallis, mit Blick auf das Matterhorn. Foto: JM Fumeau (Flickr)

Für ihn gibt es laut Bundesgericht immer «andere Orte»: Tourengänger im Wallis, mit Blick auf das Matterhorn. Foto: JM Fumeau (Flickr)

In Zinal und in Nendaz wurden neue Seilbahnen gebaut. Die Konzessionen dazu erteilte das Bundesamt für Verkehr (BAV) unter der Bedingung, dass der Kanton Wallis Kompensationsmassnahmen ergreift. Konkret: neue Wildruhezonen. An beiden Orten wurden daraufhin andere Hänge im Tal zu Wildruhezonen erklärt, womit beliebte Touren- und Freeridegebiete von der Landkarte verschwanden. Die lokalen Bergführer und SAC-Sektionen fühlten sich übergangen und zogen den Fall ans Kantonsgericht, das sie abblitzen liess. Weiter gings zum Bundesgericht – auch dort ohne Erfolg.

Der Entscheid lautet: Weder Bergführerverband noch SAC müssen miteinbezogen werden, wenn der Kanton Wallis Wildruhezonen erlässt. Mitreden dürfen nur die lokalen Tourismusvereine. Man kann davon ausgehen, dass das auch für die restliche Schweiz gilt.

Das ist befremdlich. Skigebiete richten einen Umweltschaden an, den jene zu kompensieren haben, die gezielt die Skigebiete meiden wollen. Das Bundesgericht befand, dass die Tourengänger genügend alternative Möglichkeiten hätten. Im Entscheid steht: «(...) ihre Wahl kann ohne weiteres auf andere Orte fallen, ohne dass ihre Freizeitbeschäftigung gefährdet oder stark eingeschränkt wird.» Angesichts der zahlreichen Möglichkeiten in den Bergen tönt das nachvollziehbar.

Wirtschaft, Wohlstand, nicht Naturverbundenheit

Dennoch gibt es einen Denkfehler. Jeder kennt ihn: Man erkläre der Grossmutter, dass ihre Lieblingsbluse morgen in die Kleidersammlung wandert. Man kaufe eine neue. Kann man es verstehen, dass sie das nicht will, weil sie an ihrer Bluse hängt? Rational gesehen, nein. Menschlich gesehen, ja. Und das ist auch die Konstellation, wo Bergsportler und Richter aufeinandertreffen. Das gegenseitige Unverständnis war programmiert. Es verwundert nicht, dass die Gerichte der Ansicht waren, dass die Bergsportler juristisch zu wenig geltend machen konnten, weshalb sie ausgerechnet auf diese Gebiete nicht verzichten können.

Es ist der klassische Interessenkonflikt einer orts- und naturverbundenen Minderheit, die von einem wirtschaftlich motivierten Kollektiv in die Schranken gewiesen wird. Per Kolumbus hat das überall auf der Welt stattgefunden. Spätestens Disney pflanzte uns mit Pocahontas eigentlich das Bewusstsein ein, dass die Sympathie der Minderheit gehört. Doch im echten Leben wollen wir Wirtschaft und Wohlstand, nicht Naturverbundenheit.

Kampf für Gerechtigkeit

Und so wiederholt sich Pocahontas heute unverändert. Zum Beispiel in Malaysia, im Bundesstaat Sarawak. Dort wo unser letzter echter Held, Bruno Manser, sein Leben liess. Er kämpfte um die Regenwälder zusammen mit den einheimischen Indigenen, den Penan. Für Holzproduktion und Palmölplantagen wurde praktisch der ganze Regenwald abgeholzt. Gouverneur Mahmud Taib erteilte Holzschlagkonzessionen – ohne Mitspracherecht der indigenen Minderheiten.

Heute führen Mansers Nachfolger seinen Kampf für Gerechtigkeit fort. Sie helfen den Penan, ihr Anrecht auf den Regenwald vor Gericht geltend zu machen – etwas, das sie bis anhin kaum schafften. Wieso? Das Gericht befand jeweils, dass die Penan nicht begründen konnten, wieso sie nun genau auf diesen oder jenen Urwaldbaum angewiesen waren. Und plötzlich war der Regenwald weg. Dafür gab es Palmölplantagen, Holz für Teakmöbel und eine Menge Geld für den Gouverneur, der seine Entscheide unter dem Deckmantel «Entwicklung des Bundesstaats Sarawak» fällte.

Die Schweizer Verhältnisse mögen heilig sein dagegen. Aber sie sind im Ansatz identisch. Zwar wird hier um Wildschutz gestritten, also eigentlich um das Gegenteil von dem, wonach Mahmud Taib strebt. Doch man darf sich davon nicht täuschen lassen. Man kann es auch beim Namen nennen: Die Entscheide fallen dahin, wo das wirtschaftliche Interesse liegt, egal ob in Malaysia oder in der Schweiz. Palmölplantagen breiten sich auf Kosten der Penan aus. Skigebiete auf Kosten der Tourengänger.

«Wildschutz» heisst der Deckmantel.

Dominik Osswald*Dominik Osswald ist freischaffender Journalist und Alpinist. Er lebt in Basel.

Outdoor

Sprung vom Kilimandscharo

Natascha Knecht am Mittwoch den 18. März 2015

Am 10. Februar 2015 sprang der Russe Valery Rozov als erster Mensch mit Wingsuit und Fallschirm vom Kilimandscharo, dem höchsten Berg Afrikas. Unser Gastautor Thomas Senf* begleitete das russische Team mit der Kamera:

Wie immer war ich für den Funkverkehr mit dem Bodenpersonal kurz vor dem Absprung zuständig. «Noch eine Minute», sagte ich. Das Zeichen, dass alle Kameras laufen müssen und ab jetzt keine weiteren Anweisungen mehr kommen. «Pray to God, nimm das Mikrofon zur Seite», knarzte es aus dem Funkgerät in meiner Jackentasche. Was zum Geier war da unten los? Doch dafür hatte ich jetzt wirklich keine Zeit mehr. Jeden Moment wird Valery Rozov in seinem Fledermauskostüm als erster Mensch vom Kilimandscharo springen. Für mich als Fotograf bedeutet das, dass ich etwa eine Sekunde Zeit habe, um das Foto zu machen, für das sie mich für zwei Wochen nach Tansania geschickt hatten. Valery begann sein «Ready, set …». «Einen Moment», kam es in gebrochenem Englisch von rechts. Alex hielt seine Videokamera etwas ungläubig vor sich. «Meine Speicherkarte ist voll», sagte er seelenruhig. Solcherlei Lappalien brachten mich schon lange nicht mehr um den Verstand. Schliesslich war ich ja nicht zum ersten Mal mit den Russen unterwegs.

Dabei hatte es für unsere Verhältnisse gar nicht schlecht begonnen. Also gut, eigentlich wären wir schon ein Jahr früher gegangen, aber dann hatte Valery sich beim Skifahren die Hüfte gebrochen. In der Luft bewegt er sich eindeutig besser als im Schnee. Unser nächster Versuch war an der russischen Wirtschaftskrise gescheitert. Solche kleine Auf und Ab gehören aber zu Russland wie Wodka und Stöckelschuhe.

Träume von Surferinnen im Biwak

Am Abend vor meinem Abflug hatte ich alles so weit gepackt. Noch schnell Kreditkarten, Telefon und Pass eingepackt. Pass – wo zum Teufel war der jetzt wieder? Nachdem das Haus zum dritten Mal auf den Kopf gestellt worden war, fing ich an zu überlegen, ob ich mir den Arm brechen solle, um eine plausible Begründung zu haben, wieso ich nicht kommen konnte. Doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Er lag auf der Gemeindeverwaltung. Nach einem Telefonat, einem Dankesgebet, in einer 500-Seelen-Gemeinde zu wohnen, und einer guten Flasche Wein aus meinem Keller war ich bereit für Afrika.

Als Bergfotograf hatte ich schon in unzähligen kalten Biwaknächten von einem Surf-Shooting geträumt. Umgeben von schönen Frauen im Bikini. Nur um dann doch immer wieder neben bärtigen und übel riechenden Jungs aufzuwachen. Umso mehr schien mein Leben eine glückliche Wendung zu nehmen, als wir von der lokalen russischen Agentur in Empfang genommen wurden. Lange blonde Haare auf noch viel längeren Beinen wehten im Wind wie in einer Folge von Russlands «Next Topmodel». Schon bald hatte ich aber mit meinen wenigen Brocken Russisch verstanden, dass wir statt der Blondine einen jungen Ukrainer als Guide dabeihaben würden.

Wodka als Erste Hilfe

Im dritten Camp auf 4700 m teilte sich unser Team. Die eine Hälfte würde am Wandfuss warten, um den Flug und die Landung von unten zu dokumentieren. Wir wollten weiter zum Gipfel steigen und einen möglichen Absprungplatz suchen. Allerdings vermissten wir noch unseren ukrainischen Freund, der nicht zum Frühstück erschienen war. Plötzliche laute Rufe auf Russisch und eine gewisse Hektik liessen nichts Gutes vermuten. Tatsächlich war er über Nacht schwer höhenkrank geworden und jetzt fast nicht mehr ansprechbar. Zum Glück hatten wir aber wie bei fast allen Expeditionen Sergei, unseren Doktor, dabei. Bis jetzt hatte er mich nur mit Wodka verarztet, das dafür umso regelmässiger und mit wissenschaftlich fundierten Begründungen. Eine Erste-Hilfe-Flasche trägt er stets griffbereit in der Jackentasche. Wider Erwarten stellte ich aber fest, dass er tatsächlich noch über andere Medikamente verfügte. Mit einer gewaltigen Spritze und einem schnellen Abtransport ins Tal wurde Schlimmeres verhindert. Dabei hatte ich schon die Schlagzeile vor mir gesehen: «Russen ermorden Ukrainer am Kilimandscharo». Der weitere Aufstieg verlief weitestgehend ereignislos.

Die Wand mit dem Absprungplatz war vom letzten Camp nur über den höchsten Punkt zu erreichen. So bestiegen wir in den folgenden drei Tagen den Gipfel fünfmal. Damit sorgten wir für einige Verwirrung am Gipfelkreuz. Immer wieder stiegen wir über eine schuttbedeckte Flanke zum Gipfel, um auf der anderen Seite des Berges wieder zu verschwinden, ohne auch nur den Kopf zu heben. Zurück blieben ein paar verdutzte Gesichter von Gipfelstürmern, welche sich mit Tränen in den Augen in den Armen lagen und fleissig Selfies schossen.

Pray to God

Und jetzt standen wir also hier am Absprung und wechselten erst einmal die Speicherkarte von Alex’ Videokamera. Damit waren alle Sorgen gelöst, und Valery flog einem Vogel gleich dem tansanischen Dschungel entgegen. Stunden später im Camp am Wandfuss, mit der letzten verbliebenen Erste-Hilfe-Flasche des Doktors, löste sich auch noch der rätselhafte Funkspruch auf. Pray to God war der Name des Trägers, der mit einem Kameramann mit einem riesigen Objektiv weiter unten am Berg unterwegs war. Fasziniert von der Technik und der bevorstehenden Action, hielt er das ganze Material fest umklammert und verhinderte damit die freie Bewegung der Kamera. Ein Totalausfall der alles entscheidenden Aufnahme war damit programmiert. Nur die volle Speicherkarte 1500 Meter weiter oben am Berg sorgte für genug Zeit, um die missliche Situation zu lösen.

Alles in allem ein Trip ohne erwähnenswerte Vorkommnisse mit meinen russischen Freunden.

Thomas Senf*Thomas Senf ist Fotograf, Alpinist und diplomierter Bergführer. Mit Freunden gelang ihm u. a. die Erstbegehung der Nordwand am Arwa Tower und der Route Harvest Moon am Thalay Sagar in Indien. Mit der Kamera begleitet er Extremkletterer auf Expeditionen in der ganzen Welt. Er lebt bei Interlaken BE. www.thomassenf.ch

Outdoor

Kanonenweisse Pisten

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 12. März 2015

Gastbeitrag von Malin Auras*

(Keystone/Alessandro Della Bella)

Perfekte Pisten dank Kunstschnee: Schneekanone in Arosa. (Keystone/Alessandro Della Bella)

Es ist schon ziemlich lange her, aber ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es war der wahrscheinlich schneeärmste der schneearmen Winter Anfang der 90er. Ich sehe uns noch ganz genau auf der grauen Steintreppe unserer Schule sitzen – schluchzend vor Enttäuschung. Eine Gruppe 14-jähriger Mädchen, die Gold-Mädchen der Landesmeisterschaft vom Vorjahr, die Skilanglauf-Mannschaft unserer Kleinstadtschule. Und das alles nur, weil die Schul-Skiwettkämpfe im Langlauf wegen Schneemangel abgesagt werden mussten.

Das kann uns heute nicht mehr passieren. Die Schneekanonen werdens richten. Wenn wir alljährlich an Silvester in den Skiurlaub fahren, werde ich schon längst nicht mehr unruhig, wenn kurz vor Weihnachten die Webcam noch grüne Bilder zeigt. Klar, toll ist das nicht, aber irgendwas geht immer.

Dieses Jahr gab es dann aber trotzdem Tränen – bei den Kindern. Dabei war eigentlich alles perfekt. Wir kamen gleichzeitig an. Wir und 1 Meter wunderbarer, lockerer, glitzernder Neuschnee. Das Original von Frau Holle. Ein Traum! Bei der Talabfahrt war dann aber Schluss mit lustig: Die Schneekanonen liefen auf Hochtouren, um zusätzlichen Schnee zu produzieren. Statt mit feinem, weichem Neuschnee wurden wir auf der Talabfahrt mit eisigem Kunstschnee konfrontiert. Das Schlimmste war aber der künstliche Schneesturm, der in den Kindergesichtern wie Nadeln stach und auf den Skibrillen eine dünne Eisschicht hinterliess, die kaum mehr wegzuwischen war. Das Ergebnis: Tränen statt Traumabfahrt.

Waren es früher einzelne, stark beanspruchte Stellen, die mit Schneekanonen fahrbar gemacht wurden, können heutzutage bis zu 100 Prozent der Pisten beschneit werden. Schneeproduzent – bestimmt gibt es dieses Berufsbild schon. Letztens habe ich sogar gelesen, dass mittlerweile satellitengestützte Systeme den Einsatz des teuren Kunstschnees noch effizienter gestalten. Die Pistenraupe erkennt die Dicke der Schneedecke und identifiziert genau diejenigen Stellen, an denen noch was fehlt vom kostbaren Weiss. Das reduziert die Schneeproduktion und damit den Energie- und Trinkwasserverbrauch. Klingt super. In der Theorie.

In der Praxis wird aber immer mehr beschneit, mehr Berglandschaft «umgebaut», um Speicherteiche zu schaffen, Leitungen zu verlegen, Strom zu erzeugen und Trassees anzulegen. Die technische Schnee-Erzeugung ist ein immenser Eingriff in die Natur. Wollen wir, dass aus den unberechenbaren Bergen ein industriell durchorganisierter Vergnügungspark wird? Wollen wir, dass die Bedingungen immer mindestens okay sind? Der Skiurlaub vollständig planbar? Sicherheit statt Naturerlebnis? Der nächste Schritt wäre dann eine Überdachung der Pisten – neben dem Schnee ist ja auch das Wetter ein ziemlicher Unsicherheitsfaktor. Dann wäre es in den Bergen beinahe so kalkulierbar und langweilig wie in einer Skihalle. Mir jedenfalls ist ein Skiurlaub mit echtem Schnee lieber – trotz der möglichen Enttäuschung, wenn die Verhältnisse schlecht sind. Dafür freut man sich dann doppelt über jeden Zentimeter Neuschnee!

Was halten Sie von der künstlichen Beschneiung von Skipisten? Würden Sie auch weniger perfekt präparierte Pisten akzeptieren? Planen Sie Ihren Skiurlaub oder Ihre Skiausflüge lange im Voraus, oder gehören Sie eher zu den Kurzentschlossenen?


Bestritten, aber weit verbreitet: Schneekanonen. (Welt der Wunder/Youtube)

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

Outdoor

Splitboard? Eine geteilte Freude

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 11. März 2015

Ein Beitrag von Jost Fetzer*

Tipps und Tricks im Umgang mit dem Splitboard. Video: Vimeo.

Der Trend kann nicht mehr übersehen werden, denn plötzlich sind sie auf allen Bergspitzen anzutreffen. Wie früher in den 80ern, als plötzlich jeder Hipster einen Monoski fuhr, oder in den 90ern, als ganze Horden von Big-Foot-Fahrern die Après-Ski-Bars bevölkerten und so schnell wieder verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.

13293041585_75e67c7396_o

Halb Board, halb Ski. Bild: Flick.com

Das wirklich heisse Gerät des aktuellen Jahrzehnts aber nennt sich Splitboard: ein längs teilbares Snowboard, das mit entsprechender Bindung und Fellen das Touren wie auf Ski erlauben soll. Bereits Ende des letzten Jahrtausends tauchten Berichte auf über das Board, das die unendliche Freiheit verspricht. Und ebenso lange hält sich das Gerücht, dass ein zersägtes Snowboard nicht doppelte Freude bedeutet, sondern doppeltes Leid. Unterdessen sollen die Splitboards und die Bindungssysteme jedoch so weit ausgereift sein, dass sich selbst ein Skeptiker die Frage stellen muss: Kann das Splitboard die Schneeschuhe ablösen?

Eine Meinung muss her und ein Splitboard! Letzteres kann bei der Zürcher Manufaktur Radical gemietet und ausgiebig getestet werden. Der erste Eindruck ist durchwegs positiv: Die Verarbeitung ist top, die beiden Bretthälften lassen sich passgenau und leicht zusammenfügen, und die montierte Spark-Bindung ist überraschend steif. Auch das Systemgewicht von knapp 6 kg inklusive Fellen ist akzeptabel für ein Brett von 166 cm Länge.

Am Pizol erwarten mich ideale Testbedingungen: Neuschnee, Wind, Wolken und keine Spur auf den Gipfel. Im Aufstieg bis zur Wildseeluggen gewöhne ich mich an die überdimensionierten Ski mit 132 mm unter der Bindung. Die erste Herausforderung ist die kurze Abfahrt mit offener Bindung und Fellen runter zum Wildsee. Ein Umrüsten des Boards für diese kurze Strecke lohnt sich nicht, doch die Fahrt wird kein Vergnügen. «1:0 für die Schneeschuhe», denke ich und ziehe meine Spur über den tief verschneiten See hoch zum Gletscher. Hier spielt das Splitboard seine Trümpfe aus: Kraftsparend gleiten die zwei Hälften über den unberührten Pulverschnee. Mit Schneeschuhen wäre das Spuren eine Qual.

Nebel zieht auf, es beginnt zu schneien, und der Gletscher wird steiler. Beim Traversieren finden die Ski selbst im Neuschnee nur schlecht Halt: Der Kantendruck ist schwach, zu breit sind die Ski und zu indirekt ist die Kraftübertragung von Softboot und -bindung. Am 30 Grad steilen Gipfelhang helfen zuerst noch die Harscheisen. Die Zacken der Schneeschuhe würden locker greifen, die breiten Harscheisen des Splitboards hingegen versagen ihren Dienst im abgeblasenen Hang. Das Vertrauen ins Splitboard schwindet, also kommt das Brett auf den Rücken, und die letzten Höhenmeter bis zum Skidepot müssen zu Fuss zurückgelegt werden.

Noch nicht ganz überzeugt stehe ich auf dem Pizol und baue das Board zusammen. Selbst mit Handschuhen dauert der Umbau nur ein paar Minuten. Nun muss mich die Abfahrt überzeugen, oder das Thema Splitboard ist ein für alle Mal erledigt. Und siehe da, im Tiefschnee spielt das Brett seine Stärken aus, fährt spielerisch und doch mit Biss und hat Auftrieb ohne Ende.

Versöhnt biege ich zum Schluss der Tour auf die Skipiste ein. Vermag das Splitboard auch auf hartem Schnee zu überzeugen? Der Schnitt längs durch das Brett lässt die Nose bei höheren Tempi flattern, und folglich ist der Kantengriff weniger präzis und aggressiv als bei einem vergleichbaren Brett. Ist das Splitboard ein klassisches Zweitboard? Wahrscheinlich ja, doch wer erst mal mit Snowboardtouren angefangen hat, der wird nicht mehr häufig auf die Piste zurückkehren – egal ob mit Splitboard oder mit Schneeschuhen.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Splitboards, oder sind Sie ebenfalls überzeugter Schneeschuh-Snowboarder?

jost *Jost Fetzer ist Bildredaktor beim «Tages-Anzeiger» und passionierter Berggänger.

Outdoor

Eisiger Thriller in der Eigernordwand

Natascha Knecht am Mittwoch den 4. März 2015
Luftige Kletterei: Dani Arnold und sein Sicherungspartner Mario Fullin.

Dani Arnold realisiert die erste Winterbegehung der alpinen Sportkletterroute «Deep Blue Sea» am Genferpfeiler in der Eigernordwand. Links im Bild sein Sicherungspartner Mario Fullin.

Für Kinogänger ist «Deep Blue Sea» ein Horrorthriller. Kletterer dagegen kennen «Deep Blue Sea» als ausgesetzte, sehr steile, anhaltend schwere und sparsam abgesicherte Sportklettertour am Genferpfeiler in der Eigernordwand. Begangen wurde diese 320 Meter lange Route im Schwierigkeitsgrad 7b+ bisher nur im Sommer. Denn selbst an Hitzetagen, wenn das Thermometer im Flachland über 30 Grad Celsius anzeigt, muss man sich hier warm anziehen.

Der Urner Extremalpinist Dani Arnold (31), der sich dort am wohlsten fühlt, wo andere vor Kälte schlottern, hat nun die erste Winterbegehung von «Deep Blue Sea» realisiert. Am 12./13. Februar 2015 kletterte er die neun Seillängen trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt mit Kletterfinken und ohne Handschuhe.

Zwei Tage lang gefroren: Dani Arnold.

Zwei Tage lang gefroren: Dani Arnold.

Mit Socken in die Kletterfinken: Warm wurde es trotzdem nicht.

Mit Socken in die Kletterfinken: Warm wurde es trotzdem nicht.

Dani Arnold, was war Ihre Motivation, «Deep Blue Sea» im Winter anzugehen?
Für mich war es ein Test für künftige Expeditionen. Ich wollte wissen, wie schwer ich in dieser Kälte klettern kann.

Diesen Test hätten Sie auch im Klettergarten machen können.
Klar, aber das wäre mir zu langweilig gewesen. Widrige Bedingungen reizen mich mehr. Der Genferpfeiler ist sehr eindrücklich, man hat schon ab der ersten Seillänge einige Hundert Meter Tiefe.

Wie erreicht man den Einstieg von «Deep Blue Sea» im Winter?
Gleich wie im Sommer. Mit dem Unterschied, dass wir mit den Schneeschuhen von der Station Eigergletscher die Westflanke hochgestiegen sind und dass wegen der hohen Wechten die Abseilstelle etwas schwierig zu finden war.

Die Abseilstelle?
Ja, in gut 3000 Meter Höhe seilt man vom Westgrat etwa 100 Meter in die Nordwand ab und quert dann über ein Felsband hinüber zum Einstieg von «Deep Blue Sea».

Wie lief dann die Kletterei?
Die ersten drei Seillängen (6b+/7a) sind recht einfach. Dann folgt die Schlüsselseillänge (7b+). Am Anfang und am Ende ist sie technisch, das heisst kleine Griffe von etwa 1 Zentimeter. Dazwischen befinden sich zwei boulderartige Stellen, die Kraft erfordern. Diese haben noch gut funktioniert, beim letzten Zug bin ich jedoch aus der Route geflogen. Ich habe dann noch zweimal versucht, diese Seillänge rotpunkt zu klettern, also sturzfrei. Aber ich hatte keine Chance mehr.

Weshalb? Sie klettern 8b-Routen, also einiges schwieriger.
Weil der Fels sehr kalt war und es sich unter den Fingern wie Kondensat anfühlte, klammerte ich wohl etwas zu hart, was in die Unterarme geht. Sie pumpten jedenfalls, und mit meiner Maximalkraft war es vorbei. Zudem erzeugen die Kletterfinken an so kaltem Kalkstein bedeutend weniger Reibung. Insgesamt ist diese Seillänge etwa 25 bis 30 Meter hoch und beinhaltet etwa 2 bis 3 Meter Überhang.

War die Kälte ohne Handschuhe und in Kletterfinken überhaupt auszuhalten?
Sie war das Problem der ganzen Begehung. Am Anfang half es noch, die Arme zu kreisen und zu schütteln. Aber irgendwann waren die Finger so kalt, dass auch das nichts mehr nützte. Nach jeder Seillänge wechselte ich von den Kletterfinken in die Bergschuhe, bis mein Sicherungspartner Mario Fullin ebenfalls aufgestiegen war. Er hatte die Bergschuhe immer anbehalten, arbeitete sich mechanisch am Seil hoch. Insgesamt bekamen wir das ganze Kälteprogramm zu spüren.

Sie biwakierten in der Wand im Portaledge, einer portablen Liege. Warum? Normalerweise dauert die Kletterei für «Deep Blue Sea» sieben Stunden.
In dieser Kälte klettert man deutlich langsamer als im Sommer, und die Tage sind kürzer. Das Portaledge schlugen wir nach der 4. Seillänge auf. Während wir uns einrichteten, kam die Sonne für 15 Minuten. Das war wunderschön, dafür kühlte es danach umso mehr ab.

Schliefen Sie gut?
Nein. Den Rucksack mit der Verpflegung und das Portaledge zogen wir, wie beim Big-Wall-Klettern typisch, am Seil hoch. Um Gewicht zu sparen, nimmt man nur das Nötigste mit. Darum verzichteten wir auch auf Isoliermatten und lagen direkt auf dem dünnen Nylon des Portaledge. Weil das Körpergewicht die Daunen der Schlafsäcke komprimierte, wurde es von unten sehr kalt. Das war mühsam, wir froren die ganze Nacht, obschon es nur etwa minus 5 Grad war.

Ein Portaledge für zwei Personen und schöne Ausicht auf die Grosse Scheidegg und das Wetterhorn (rechts).

Schlafen mit Aussicht: Ein Portaledge für zwei Personen, Panorama mit Grindelwald, Grosser Scheidegg und Wetterhorn (rechts).

Am nächsten Morgen ging es gleich mit zwei 7a+-Seillängen weiter, gefolgt von einer 7b+.
Es war ein Kaltstart. Ohne Möglichkeit zum Aufwärmen. Meine Hände und Füsse waren von der Nacht unterkühlt. Als ich loskletterte, wurde ich aber erstaunlich schnell warm. Weil mir wegen des Sturzes am Vortag die Rotpunktbegehung bei diesem Versuch sowieso nicht gelungen war, machte ich schnell vorwärts, kletterte von Haken zu Haken.

Insgesamt klingt dieses Abenteuer nach vielen Stunden des Leidens. Würden Sie die Tour wiederholen?
Ja, unbedingt. Ich war jetzt der Erste, der «Deep Blue Sea» im Winter versucht hat. Die Begehung ist mir gelungen, aber ich möchte die Route noch sturzfrei klettern.

Damit es als erste Winter-Rotpunktbegehung gilt, müssten Sie das bis zum 21. März schaffen.
Ich hoffe, dass die Verhältnisse in der Wand bis dahin nochmals stimmen und ich mir dann auch zwei Tage freinehmen kann.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen ein anderer zuvorkommt?
Möglich ist alles. Aber es würde der Kletterethik widersprechen. In der Szene weiss man nun, dass ich mir dieses Ziel gesetzt habe. Es ist unüblich und nicht kameradschaftlich, jemandem ein Projekt wegzuschnappen. Anders sieht die Sache aus, sollte ich es in diesem und nächsten Winter nicht schaffen. Und selbst dann darf man davon ausgehen, dass der Anwärter oder die Anwärterin mich erst kontaktieren würde.

Tipp: Extremalpinist Dani Arnold tourt derzeit mit seiner Vortragsreihe «Der Grenzgänger» durch die Schweiz. Am Montag, 16. März 2015, um 19.30 Uhr im Volkshaus Zürich. Tickets und Infos: www.explora.ch / daniarnold.ch

Outdoor

Das wars, ihr schönen Schweizer Berge

Outdoor-Redaktion am Donnerstag den 26. Februar 2015

Von Malin Auras*

Leere Pisten, nur für uns alleine? Skifahrer auf dem Vorab-Gletscher in Laax GR. Foto: Stefan M. (Flickr)

Traum der leeren Pisten: Skifahrer auf dem Vorab-Gletscher in Laax GR. Foto: Stefan M. (Flickr)

Es sieht ganz so aus, als würde ich meine geliebten Schweizer Berge auf unbestimmte Zeit bestenfalls vom Tal aus zu sehen bekommen – bei der Durchreise. Dabei haben wir dem Vorurteil vom unbezahlbaren Urlaub in der Schweiz bisher erfolgreich getrotzt. Obwohl wir lieber dreimal günstig in die Skiferien fahren als einmal teuer. Also lieber Ferienwohnung und Essenskiste von zu Hause als Sternehotel mit Wellness und Vollpension. Die wunderbaren Berge sind uns Wellness genug, und den Kindern schmeckt das Essen von der Mama sowieso am besten.

Erstaunlicherweise waren unsere Schweizer Skitage im Endeffekt gar nicht wirklich teurer als in Österreich und Italien – zumindest solange man sich nicht dazu überreden lässt, auf einer Skihütte dreimal Pommes und Apfelschorle für die Kinder zu bestellen. Die Preise für Ferienwohnung und Skipass lagen bei vergleichbaren Skigebieten plus/minus im gleichen Bereich. Klar, Zermatt ist preislich nicht zu toppen, aber auch nicht zu vergleichen. Den für unsere Skigebietskategorie teuersten Skipass hatten wir sogar im vergangenen Jahr in den Dolomiten, trotz kleinstmöglichem Areal. Dagegen waren unsere Lifttickets in der Zentralschweiz regelrecht günstig: Den 6-Tages-Pass für zwei Erwachsene und drei Kinder rückten die Schweizer immerhin für ganze 60 Euro weniger heraus!

Tja, und in Österreich hat man mittlerweile vielerorts ein Schneeproblem, gerade an Weihnachten/Neujahr. Wer auf die schneesicheren Österreich-Spots ausweicht, zahlt fast genauso viel wie in den Schweizer Edelresorts.

Aber jetzt kommt es richtig dick. Der Wechselkurs. Der ist aus deutscher Sicht eine Katastrophe. Jetzt sind selbst mit viel gutem Willen weder Ferienwohnungs- noch Skipasspreise im grünen Bereich. Ich habe sogar schon ausgerechnet, wie viele Skitage mehr ich zum gleichen Preis in einem vergleichbaren Österreich-Skigebiet bekommen könnte. Das Ergebnis hat mich zunächst einmal überzeugt. Im nächsten Urlaub versuchen wir es irgendwie noch mal mit Österreich. Das wars dann wahrscheinlich, ihr wunderschönen Schweizer Berge.

Ein Hoffnungsschimmer bleibt: Die Schweizer sind ja mittlerweile auch viel in Österreich unterwegs. Letztens habe ich gelesen, dass sie nach den Deutschen und den Holländern auf Platz drei der Österreich-Urlauber stehen. Wer hätte das gedacht. Und jetzt, wo das Euroland für Schweizer ein wahrer Discounter ist, fahren vielleicht noch mehr der Eidgenossen zum Skifahren über die Grenze. Vielleicht sogar viel mehr. Und vielleicht fährt kaum noch jemand aus der Eurozone rein in die Schweiz, weil es einfach viel zu teuer geworden ist. Wenn dann keiner mehr in der Schweiz unterwegs ist ... dann könnten wir ja wieder ... die leeren Pisten, schlangenlosen Gondeln und unverspurten Powderhänge ... nur für uns allein? Das würde ich mir dann was kosten lassen!

Wohin zieht es Sie zum Skifahren? Hat die Aufgabe des Euromindestkurses Einfluss auf Ihr Urlaubsverhalten? Wie sehen Sie die Zukunft der Schweizer Skigebiete?

Malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das deutsche Skimagazin «Planet Snow». Am liebsten – wenn auch viel zu selten – ist sie auf zwei Brettern in den Schweizer Bergen unterwegs.

Outdoor

Klettern digital – so sieht die Zukunft aus

Natascha Knecht am Mittwoch den 25. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*:

In Uster hat meine Kletterlaufbahn begonnen und gleichzeitig meine berufliche. Während meiner Lehrzeit schloss ich mich dort einer Gruppe von passionierten Kletterern an, und bei der Firma Zellweger lernte ich Elektronik. Zellweger gibts nicht mehr, aber Kletterer noch immer – und neuerdings auch eine Kletterhalle, die beides verbindet: Klettern und Elektronik. Ein grauer Klotz im Niemandsland zwischen Spital, Autobahn und Sportplätzen. Eine weite helle Halle, saubere Garderoben, Café, Kinderecke, Besucherbalkons, attraktive Routenauswahl.

«Griffig» heisst das neue Kunstgriff-Eldorado, das auch mit neuer Klettertechnologie aufwartet. Schliesslich hat sich in jüngster Zeit der Verdrängungswettbewerb unter den Kletterhallen verschärft, man braucht also eine USP, eine Unique Selling Proposition. Hier ist es die elektronische Steuerung des Schwierigkeitsgrades an der Kunstwand. Das Neue kommt mit einem einprägsamen Label daher: Climb Led heisst die Wand mit schwarzen Griffen, die mit roten und grünen Leuchtdioden bestückt sind. An einem Touchscreen kann man den Schwierigkeitsgrad wählen, von 5c bis 7a+, entsprechend leuchten die Dioden der erlaubten Griffe auf.

Ein Selbstversuch bleibt mir erspart, es drängt sich gerade eine Gruppe der iPhone-Generation zu den zwei Routen. Die elektronische Steuerung der Kletterwand macht den Jungs und Mädels offenbar genauso Spass wie das Herumtippen auf ihrem Hightech-Allerweltsspielzeug. Vielleicht ist das die Zukunft: Eine ganze Kletterhalle elektronisch bestückt, würde bestimmt Kosten sparen, denn das personalintensive Um- und Neuschrauben von Routen würde wegfallen. Es brauchte nur noch einen Operator hoch oben in einer Schaltzentrale, der die Übersicht behält wie in einem voll automatisierten Produktionsbetrieb.

Das Digitale bleibt uns in keinem Lebensbereich erspart

Vorteil über Vorteil: Ich müsste nicht mehr anstehen, bis eine Route im gewünschten Grad frei ist, denn wo immer ich anpacke, die Schwierigkeit entspricht exakt meinen individuellen Möglichkeiten und Trainingswünschen. Die Testanlage – so wird Climb Led offenbar verstanden – ist sicher nur der erste Schritt der Automatisierung und Digitalisierung des Kunstwandkletterns. Denn das Digitale, wir wissen es, bleibt uns in keinem Lebensbereich erspart. Auch durchs Gebirge bewegen wir uns bereits elektronisch hochgerüstet, und selbst eine Wanderung auf den Bachtel tracken wir per GPS und speichern die Daten im Netz.

Zukünftig wird selbstverständlich auch in der digitalen Halle gespeichert, wer welche Route ehrlich rotpunkt geschafft hat – Sensoren geben ein Pfeifsignal, wenn ich einen unerlaubten Griff berühre. Google klettert mit.

Zukünftige Technologien werden nicht bloss statische Griffe mit Leuchtdioden markieren, sondern beliebige Strukturen dynamisch aus einer künstlichen Wand wachsen lassen. Ich stelle mir eine Art ultraschnellen 3-D-Drucker vor. Und nicht genug: Ganze Klettergebiete oder jedenfalls Vierstern-Routen lassen sich per Copy and Paste 1:1 im Kunstraum abbilden. Heute ist Galerie Amden angesagt, morgen Excalibur in den Wendenstöcken oder der Schwierige Riss am Eiger – auf Wunsch künstlich beschneit oder vereist.

Im Video zu sehen: Für daheim oder im Büro gibt es auch Designerberge: Einfach via Smartphone-App die Kletterrouten aktivieren, z. B. die Route «Mt. Everest». (Quelle: Lunar Europe on Vimeo.)

 

Vielleicht bleiben ein paar Ewiggestrige

Der reale Berg, so ahnen wir, wird zunehmend überflüssig. Per Fingertipp auf dem Touchscreen ist augenblicklich alles online bzw. onface, wozu real eine lange Anreise und ein mühsamer Zustieg erforderlich wäre. Ein ungeahntes Eldorado des Klettersportes steht in Aussicht, und das auch noch solargetrieben und umweltfreundlich mit ÖV erreichbar.

Bestimmt gibts dann doch noch ein paar Ewiggestrige, die sich ins real granitene Eldorado am Grimselsee bemühen und dabei ihren ökologischen Fussabdruck strapazieren. Aber vielleicht steht ja dannzumal dort auch ein Steuerpult am Fuss der Wand, und Leuchtdioden markieren die Griffe bis zum Gipfel.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,*Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer. www.zopfi.ch

Outdoor

50 Shades of Snow

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 18. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Jost Fetzer*

Outdoor

Für so was braucht man gute Skischuhe – und ein wenig Übung. Foto: Garret Grove/Dynafit

Dies ist ein Blog über bedingungslose Liebe, über wechselnde Liebschaften, kurze Seitensprünge und langjährige Partnerschaften. Denn ich gebe es zu: Ich bin seriell monogam und zwischendurch auch mal untreu. Durchschnittlich alle zwei Jahre verliebe ich mich unsterblich und trenne mich gefühlskalt von alten Begleitern. Vector, Matrix, Quadrant, Mercury, Dyna und wie ihr alle geheissen habt – ich möchte die Zeit mit euch nicht missen, aber ihr seid passé.

Jeweils im Frühling juckt es mich unter den Fingern und ich beginne auf einschlägigen Portalen nach neuen Lebensabschnittspartnern zu suchen, in deren Umarmung ich im kommenden Winter glücklich zu werden hoffe. Umarmung? Umfussung müsste es wohl heissen, denn meine aktuelle Liebe heisst kurz und trocken TLT 6, womit allen Alpinisten klar sein dürfte, dass ich hier von meiner Liebschaft zum perfekten Tourenskischuh rede und nicht von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Problemfuss und persönliche Skischuhanpassung? Kenn ich nicht, brauch ich nicht, meine Füsse passen in fast jeden Schuh. Ich bin gar unkompliziert und meiner restlichen Tourenausrüstung über Jahre treu. Meine Snowboardschuhe fahre ich – mangels technischer Innovationen – seit 10 Jahren. Meine Schneeschuhe tun bald 20 Jahre ihren Dienst. Nur bei Skischuhen, da werde ich regelmässig schwach und gehe den Werbeversprechen der Skiindustrie auf den Leim.

Rational ist mein Verhalten kaum erklärbar. Für die Marketingabteilungen der Skiindustrie jedoch bin ich ein Glücksfall. Blind vertraue ich den verheissungsvollen Worten aus deren Munde: Neu, kompromisslos, steif und leicht zugleich bei einer nie dagewesenen Schaftrotation! Und schon bin ich frisch verliebt! Scheinbar gute Gründe für den Neukauf von Tourenschuhen finde ich immer: Der persönliche Fokus verschiebt sich Winter für Winter von Powderhängen über Skitourenrennen zu Hochtouren und wieder zurück. Ob man hierfür je einen Skischuh braucht? Aber sicher doch! Zumal der neue Skischuh 400 Gramm weniger wiegt als der vorherige (und ich 4 Kilo mehr). Nur steif muss er sein. Und leicht. Und zumindest diesen Winter grün! Kann ich auf Ihr Verständnis zählen?

Outdoor

Die perfekten Skischuhe zu finden, ist eine Lebensaufgabe. Foto: Garret Grove/Dynafit

Mein Umfeld weiss nichts von meiner heimlichen Sucht. Geschickt lasse ich die alten Schuhe auf einschlägigen Marktplätzen und im Freundeskreis verschwinden. Braucht jemand einen gut erhaltenen Tourenschuh? Grösse 29 hätte ich im Angebot. Manchmal ist der Neukauf durchaus sinnvoll, denn passende Skitourenschuhe zu finden, ist gar nicht so einfach, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann:

  • Die Schuhe zu gross zu kaufen, ist der typische Anfängerfehler: Was im Laden bequem erscheint, ist nach einigen Stunden Aufstieg meist zu gross. Besser die Schuhe kurz und eng geschnitten kaufen. Der Innenschuh wird sich noch weiten.
  • Skitourenschuhe sind teuer und gebrauchte Schuhe eine gute Alternative. Doch häufig sind sie abgenutzt und der Innenschuh bietet auf der Abfahrt zu wenig Halt.
  • Moderne Skitourenschuhe haben eine Lebensdauer von locker 100'000 Höhenmetern. Irgendwann wird aber jedes Material altersschwach. Und mit kaputten Schuhen am Hang zu stehen, ist das Letzte, was man erleben möchte.
  • Skischuhe für Tourenrennen sind im Aufstieg unschlagbar und bequem wie ein Turnschuh. Doch macht ein Turnschuh beim Freeriden nur wenig Spass und wärmt zu wenig.
  • Es gibt Schuhe, die passen einfach nicht zum Fuss. Auch nicht nach einer Thermoverformung. Nach Möglichkeit gleich wieder umtauschen, denn blutige Füsse machen auf einer Skitourenwoche täglich weniger Spass.

Deswegen: Augen auf beim Skischuhkauf, damit es Ihnen nicht wie mir ergeht und Sie nächstes Jahr bereits wieder neue Skischuhe wollen. Testen Sie Ihr Traummodell im Schnee und nutzen Sie die Umtauschgarantie guter Bergsportgeschäfte, falls die Schuhe auf der ersten Tour nicht den Wünschen entsprechen sollten.

Wie treu sind Sie Ihrer Ausrüstung? Fahren Sie noch den legendären Raichle Concordia oder sind Sie ebenfalls dem Leichtgewichtsfetischismus verfallen?

Jost Fetzer*Jost Fetzer ist Bildredaktor des «Tages-Anzeigers» und passionierter Berggänger.

Outdoor

Was ein Sportler (nicht) alles braucht

Outdoor-Redaktion am Montag den 16. Februar 2015

Ein Gastbeitrag von Franziska Horn*

Outdoor

Eine Jacke für jede Sportart: Materialschlacht an der Ispo in München. Fotos: Messe München International

Die jährliche Ispo München im Februar ist die grösste Sportartikelmesse des Planeten. Und eine kolossale Materialschlacht. Wo man bisher auf Star-Alpinisten setzte, um Soft- oder Hardshells zu verkaufen, scheint jetzt die Epoche der Götter und Gralsritter angebrochen. Karrieretechnisch stehn die ja eines drüber. Die Ispo gibt sich als Showroom der Superlative. Und ist am Ende nur eine Art Götterdämmerung?

Die Pressekonferenz der Scandinavian Outdoor Group (SOG) präsentiert nordische Hersteller im Zweiminutentakt. Haglöfs zeigt eine 600 Euro teure Kapuzenjacke für Freeriderinnen, benannt nach «Skade», nordische Wintergöttin. Das Label Seger, das bedeutet «Sieg», stellt Heizsocken vor. Mit «heating system», per Smartphone via App kontrolliert, ab 300 Euro. Und wo Hanwag bisher Schuhprofile mit «Hypergrip» anbot, ist das Label Icebug einen Schritt weiter: Deren «world leading ice grip» und die «Holy grail midsole» kann nix mehr toppen. Klingt, als ob eine simple Sohle nicht nur alle Laufprobleme lösen kann, sondern die grossen Fragen der Menschheit gleich dazu. Dieses «Naming» klingt mutiger, als den Spallagrat bei Nacht und Nebel zu begehen.

Outdoor

Dieser Tarnanzug könnte auf Skipisten gefährlich sein.

Auf dem Messestand des Labels «Canada Goose» schickt man Besucher mit hochwertigen Hutterer-Daunen in die Kältekammer. Um bei –20 Grad zu überprüfen, dass man im Kanada-Parka auch bei –70 Grad überlebt. Beim Überleben hilft zudem ein kleiner Stoffriegel, aussen, in Höhe der Schultern. Damit kann der Abenteurer per Eishaken aus dem arktischen Meer gefischt werden, sollte er schwankende Schiffsplanken unfreiwillig mit H2O vertauschen. Getragen von urbanen Asphalt-Cowboys, wird der Grossteil dieser Jacken eher die Eiswürfel im Cocktail der Szenebars als das nordische Eismeer erblicken.

Und Patagonia, bisher ernsthaft um Nachhaltigkeit bemüht, versucht mit hochspezialisierten Jacken zu punkten: Ein Modell zum Eisklettern, eines zum Skitourengehen, zum Pistenskifahren ... zum – Eislaufen? Langlaufen? Geocaching? Winter-Biken? Und, wir ahnten es: Siegertypen tragen Siegerpullis. Deswegen legt «Dale of Norway» den Worldcup-Sweater von 1958 knapp 60 Jahre später spasseshalber wieder auf, während Pulli «Glittertind» ein dekorativer Streifen Lachshaut am Kragen schmückt. Irgendwo müssen die Reste vom Mittagessen ja hin. Am Ende ist der Einsatz von Fischleder so was wie gelebte Nachhaltigkeit?

2015 feierte die Ispo Besucherrekorde: 80'000 Menschen pilgerten durch die Pavillons. 2585 Aussteller füllten die ausgebuchten Hallen, 2016 plant man zwei neue dazu. Was macht den Erfolg der Messe aus? Vielleicht das fantasievolle Marketing dieser Produkt-Myriaden. Es gilt: «Attraktiv ist, wer aktiv ist». Funktioniert immer, irgendwie. Auch wenn der Durchschnittskunde das 600-Euro-Arcteryx-Hardshell vor allem von der Couch ins Büro trägt. Vom Leitsatz «Sport macht sexy» lebt eine ganze Branche.

Dabei übersehen die Hersteller: All die vermeintlichen oder tatsächlichen Neuheiten lassen die eigenen Exponate vom Vorjahr ziemlich alt aussehen. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Manchmal kommt die Masse «bahnbrechender» Ideen wie ein Overkill daher. Vieles wirkt überperformt. Brauchen wir Baumhäuser zum Mitnehmen oder Drohnen, die dem Freerider automatisch folgen? Brauchen wir Ganzkörper-Laminate, dynamisch gestretcht in mindestens vier Richtungen? Man fragt sich, wie Hermann Buhl es damals auf den Nanga Parbat schaffte. Doch Materialfetischismus kann eigene alpine Erfahrung nicht ersetzen. Und die macht man im Norwegerstrick ebenso wie mit Ultra-Supra-Techno-Fibres, getestet auf dem Mars. Sich vollklimatisiert über den Berg zu bewegen, nie nass werden, nie schwitzen, das ist absurd. Das hat man doch eh schon im Stadtbüro. Auch wenn es reaktionär klingt: Gehn wir nicht auf den Berg, um überhaupt noch was von der Natur zu spüren?

Outdoor

Das Neue ist immer um Welten besser als das Letztjahresprodukt: Modeschau an der Messe.

Wen man so trifft beim Hallenparcours? Am Komperdellstand klemmen die Huababuam auf Stühlen zwischen Hitech-Teleskopcarbonstöcken. Ein Menschenstrom zieht vorbei, schaut mit stumpfen, irritierten Blicken auf das Überangebot. Kaum einer beachtet die Brüder. Sie wirken, als sei ihnen das sehr recht. Später dann ein Plausch mit Alex Ploner, Mitorganisator des Kiku International Mountain Summit: «Die grossen Alpinhelden und Star-Athleten ziehen nicht mehr so das Publikum an. Es sind eher Menschen vom Berg, wie du und ich, die jetzt mehr interessieren.» Steht das Ende der Überhelden bevor? Am Ende des langen Messetages möchte man all den Produktentwicklern als Wink mit der Stricknadel ein paar Socken stricken. Von Hand, aus natürlicher, selbstfettender Wolle (neudeutsch: «repellent»). Wolle macht das von allein, sie kann nicht anders. Schafe tragen ihren Water-Windproof-Shell ja ein Leben lang, stehen ständig im Windkanal und in der Kältekammer. Sozusagen. Drum tragen die Nordmenschen, die in echter Kälte leben, vor allem: Wolle. Vielleicht sollte die Sportartikelbranche mal dem selbst propagierten Relax-Trend folgen – sich zurücklehnen und ein bisschen entspannen.

Franziska Horn* Franziska Horn schreibt über Design, Architektur, Reise, Alpin- und Outdoorsport. 2014 ist ihre Biografie der Alpinistin Edurne Pasaban erschienen, ein Reise-Band über das Ötztal folgt im März 2015.


Blogs

Blog: Never Mind the Markets Warum Griechenland?

Outdoor Wie man am Joggen den Charakter erkennt
Mamablog Fremdbetreuung hat ihren Preis

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Anzeige

Zeigs Ihnen!

Deine Outdoor Abenteuer live für Freunde und Familie.

Werbung

Ausgang? Agenda!

Kino. Musik. Kunst. Bühne. Literatur. Feste. Und was sonst noch so läuft in der Region.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Publireportage

BLS-Tageskarte

Jeden Tag nur 200 Stück: Sichern Sie sich Ihre BLS-Tageskarte für Ausflüge mit Bahn, Bus und Schiff durch die halbe Schweiz.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Vergleichsdienst

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.