So bewegen wir unsere Facebook-Freunde

Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Gratwanderung am Bietschhorn, September 2012. Fotos: Natascha Knecht (Facebook)

Bestimmt haben Sie es auch schon erlebt: Einer Ihrer Facebook-Freunde postet einen vermeintlich rechtlich verbindlichen Kettenbrief, in dem er das soziale Netzwerk daran erinnert, seine dort veröffentlichten persönlichen «Bilder, Zeichnungen, Texte etc.» seien geistiges Eigentum. Um die Daten kommerziell nutzen zu dürfen, sei für Facebook «zu allen Zeiten zuerst eine schriftliche Genehmigung erforderlich». Reflexartig posten andere Freunde den Text ebenfalls. Weil: Man sei dann «unter Urheberrecht». Auch Europe 1 und Sat 1 hätten das heute Morgen bestätigt.

Wenn ich solches lese, muss ich immer schmunzeln. Selbst würde ich niemals einen derartigen Kettenbrief veröffentlichen. Im Gegenteil: Ich warte nämlich seit Jahren darauf, dass Facebook meine Freizeitfotos endlich für Werbung nutzt.

Wandern durch ein Weltkulturerbe: Lavaux, September 2015.

Wozu sonst mache ich mir all die Mühe und steige auf die schönsten Berge? Stehe bei den strahlendsten Sonnenaufgängen auf den grossartigsten Gipfeln? Unternehme atemberaubende Skitouren? Suche Bilderbuchhütten im tiefsten Tannenwald? Klettere durch die steilsten Felswände? Wandere über die buntesten Frühlingsblumenwiesen? Wozu fotografiere ich das alles und poste es dann auch noch?

Kein Aufwand ist mir zu gross, kein Schweisstropfen zu schade, um den Werbern von Facebook eine vielfältige Auswahl zu bieten. Genützt hat es nichts: Bisher haben sie kein einziges meiner schönen Bilder genommen. Mir ist das unverständlich, und ich bin enttäuscht, Herr Zuckerberg! Let’s make the mountains big again!

Positiver Effekt für die Gesundheit

Vor etwa einem Jahr gelangte ich dann an den Punkt, an dem ich aufgeben wollte. Wozu soll ich diesen Aufwand mit dem Posten betreiben, wenn Facebook ohnehin nicht anbeisst?

Ein Geheimtipp: Traumhafter Saoseo-See im Puschlav, Juni 2014.

Just dann flatterte mir das SAC-Mitgliedermagazin «Die Alpen» ins Haus, und in einem Artikel las ich, dass meine Mühen doch nicht ganz umsonst seien: Eine Forscherin aus Norwegen fand heraus, dass es einen positiven Effekt habe, wenn wir unsere Freizeiterlebnisse teilen. Denn sobald unsere Facebook-Freunde sehen, wie schön es in der Natur ist, wie blau der Himmel, wie weiss der Schnee, wie grün die Weiden, wie bäumig der Wald und wie glücklich unsere Gesichter, bekommen die Freunde auch Lust darauf – und gehen offenbar tatsächlich vermehrt an die frische Luft. Darum glaubt die Forscherin, in Social Media stecke «ein grosses Potenzial für die Gesundheitsförderung.»

Macht Sinn. Denn wenn ich Outdoor-Bilder meiner Facebook-Freunde sehe, freue ich mich immer. Sie beeinflussen meine Stimmung positiv und motivieren mich manchmal sogar, reale Freunde anzurufen, um die nächste Bergtour zu planen. Darum gebe ich mir jetzt noch mehr Mühe und poste öfter als früher. Im Dienste der Volksgesundheit fühle ich mich seit dem SAC-Artikel sozusagen dazu verpflichtet. Wenn ich in die Berge gehe, tue ich meinem eigenen Wohlbefinden einen Gefallen – und auch dem meiner Facebook-Freunde, indem ich meine Bilder veröffentliche.

Gezielter als Katzenvideos

Damit die positive Wirkung auf dem sozialen Netzwerk nicht verpufft, glaube ich jedoch, dass weniger mehr ist. Ein Posting alle paar Wochen reicht. Sonst sind wir bald so weit wie mit den Katzenvideos, die zwar herzig, aber zu viele sind, um sie alle anzuschauen. Und wer weiss, vielleicht fallen meine Bilder auch dem Herrn Zuckerberg und seiner Werbecrew irgendwann auf. Würde mir gefallen! Urheberrecht hin oder her.

Oben ist besser als unten: Schneeschuhtour auf den Creux du Van mit Blick über das Nebelmeer, Januar 2015.

1 Kommentar zu «So bewegen wir unsere Facebook-Freunde»

  • Megge sagt:

    So weit habe ich noch gar nicht nachgedacht. Dachte FB dient vor allem der Selbstdarstellung. Wobei so schlecht deine Bilder nicht sind, dass keine Anfragen kommen könnten. Hm, dass der eine oder andere Beitrag aber FB-Freunde/innen vielleicht animieren auch was zu tun oder auszuprobieren kann schon sein. Ist auch so, dass aktuelle Informationen über Verhältnisse auch über diesen Kanal mittgeteilt werden. In einem extra dafür geschaffenen Portal findet man oft wenig wirklich Aussagekräftiges.

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