Vom Gfrörli zum Winterschwimmer

  • Gegen den Strom: Winterschwimmer unter der Kornhausbrücke in Bern.

  • Nach dem Fussmarsch gehts im kalten Wasser aareabwärts.

  • Bis zum Ausstieg, der gerade noch verkraftbar ist. Fotos: zVg

Es war wie eine Erscheinung. Dick eingepackt in Winterjacke und Mütze, die Hände tief in den Taschen vergraben, eilte ich an einem Januartag vor acht Jahren über den Altenbergsteg in Bern. Der Wind blies über die Aare, und die Kälte drang durch alle Kleiderschichten bis in die Knochen. Da erblickte ich sie: eine Frau, wie sie im Badeanzug sanft in die Aare glitt.

Auch früher schon, in Basel, war mir ein Mann aufgefallen, der mitten im Winter den Rhein hinunterschwamm. Warum tun die sich das an? Ich betrachtete sie mit einer Mischung aus Unverständnis und Bewunderung.

Warmduscher im Zürichsee

Heute weiss ich, warum sie sich das antun. Denn mittlerweile bin auch ich unter die Winterschwimmer gegangen. Noch immer gilt man als Freak – doch wir werden immer mehr: Der Saunameister im Zürcher Seebad Enge – wo man für fünf Franken einen Schwumm im Zürichsee nehmen und danach, ja, etwas warmduschermässig, warm duschen kann – sprach diesen Winter jedenfalls bereits von einem «Trend».

Dass ich, der ich früher gefühlte Stunden brauchte, bis ich in 18 Grad «kaltem» Wasser die Bauchnabelgrenze schaffte, zum Winterschwimmer wurde, hatte nichts mit plötzlichem Heroismus zu tun – der Auslöser war schlicht Trotz. Als passionierter Aareschwimmer ereilte mich und zwei gleichgesinnte Freundinnen Ende August vor viereinhalb Jahren wieder einmal der «Jetzt isch de Summer verbii»-Blues. Aber diesmal wollten wir uns nicht einfach in unser Schicksal ergeben: Wir beschlossen, uns zu weigern, mit Schwimmen aufzuhören.

Zur Belohnung gibts eine Wiedergeburt

So wurde der wöchentliche Schwumm zur Institution, während sich die Aare Woche für Woche um ein halbes bis ein Grad abkühlte. Wir machten die Feststellung, dass die Kälteerfahrung nicht direkt von der absoluten Gradzahl abhängt, sondern relativ ist zur Lufttemperatur und auch zur eigenen Verfassung. Und wir stellten fest: Wer, alle Intuition ignorierend, ins kalte Wasser steigt, wird mit einer Wiedergeburt belohnt. Egal wie gestresst, unruhig oder müde man hineingeht ­– raus kommt man wie neugeboren. Gratis dazu erntet man erstaunte Blicke der Spaziergänger und anerkennende Kommentare. Mit Abstand am meisten fragen sie: «Ist es nicht kalt?»

Doch, es ist kalt, wenn man in 4,6 oder 9,1 oder 13,8 Grad kaltes Wasser steigt. Und es bleibt kalt, auch wenn man noch so viel Übung hat. Aber mit der Zeit stellt sich eine Routine ein. Man lernt, das Gehirn auszuschalten und einfach reinzugehen. Und man weiss: Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich der Körper entspannt und die Stimme verstummt, die «so schnell wie möglich wieder raus – so schnell wie möglich wieder raus – so schnell wie möglich wieder raus» ruft. Es wird einem zwar nicht warm, aber es kommt der Gedanke: Ein Ausstiegstreppchen weiter schaffe ich noch.

Viel Adrenalin mit wenig Ausrüstung

Coole Clique: Teilnehmer der Fête des Baigneurs im Genfersee vor Nyon, Januar 2016. Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

Ob Winterschwimmen nun zu einer Massenbewegung wird? Gründe dafür gäbe es genug. Auf jeden Fall für alle Outdoor-Freaks, die in den Wintermonaten an einer Bürodepression leiden: Mitten in der City bietet es dem adrenalinunterversorgten Städter ein Naturerlebnis par excellence, einen Adrenalinkick, wie er sonst fast nur zu haben ist, wenn man im Fledermauskostüm von einem Berg springt oder mit dem Snowboard senkrechte Felswände hinunterfährt. Was, natürlich, beides so gefährlich wie aufwendig ist.

Für das Winterschwimmen genügt an Ausrüstung eine Badehose (im Seebad Enge braucht es nicht einmal die) und ein Strandtuch, an Zeit eine durchschnittliche Mittagspause. Und wer nicht gerade Mitte Januar zum ersten Mal in die Limmat springt, sollte dabei auch sein Leben nicht riskieren.

Eine Gefahr sei aber doch erwähnt: Winterschwimmen kann süchtig machen. An der Aare trafen wir eines Tages Anouschka, eine Russin, die täglich schwimmen ging. Nicht wie wir zwischen 100 und 300 Meter, sondern die halbe Stadt hinunter, sich entspannt auf dem Rücken treiben lassend. Sie erzählte uns von der schlimmen Zeit, als sie sich das Fussgelenk gebrochen hatte und nicht schwimmen gehen durfte. Ohne ging es aber auch nicht. Also habe sie sich in dieser Zeit einmal täglich ein paar Minuten in die mit eiskaltem Wasser gefüllte Badewanne gelegt.

4 Kommentare zu «Vom Gfrörli zum Winterschwimmer»

  • Vincent F. sagt:

    Ich sage es mal so: ich bin auf jeden Fall ein Adrenalin-Freund! Aber ob ich freiwillig im Winter im kalten Wasser schwimmen gehen würde… das kann ich schlecht einschätzen. Denn ich bin kein großer Fan von kaltem Wasser, noch nicht mal im Sommer. Aber für den Spaß-Faktor würde ich mich wahrscheinlich schon mal zusammen reißen und es ausprobieren. Neben den adrenalin-erfüllenden Aktionen suche ich auch gerne Ortschaften auf, die besonders mit Gemütlichkeit und Entspannung punkten können. Vor kurzem hab ich ein tolles Event Restaurant in Zurich gefunden. Ich liebe es einfach, wenn gutes Essen auf ein tolles Ambiente stößt. Essen und Genuss hatten schon immer in meinem Leben einen hohen Stellenwert. Beste Grüße!

  • Florian Blumer sagt:

    @Val: Im Winter 2014/2015 schwammen wir mit jeweils Freitag Mittag mit Anouschka, die mir eines Tages die Geschichte mit ihrem kaputten Fuss erzählte.

  • maurus candrian sagt:

    ich gehe jede woche 3 mal über mittag kurz, aber sehr intensiv joggen (mit saftigen steigungen), und zweimal davon anschliessend in thur resp. murg baden / schwimmen. macht verd* hart, nicht nur körperlich, sondern auch mental. und: bin nun seit 40 jahren keine stunde mehr krank gewesen; die ärzte und die pharma hassen mich :-)

  • Val sagt:

    Seltsam, ich wohne seit 20 Jahren unten am Altenbergsteg. Ich gehe dort täglich joggen oder mit dem Hund spazieren (bis Worblaufen oder rauf zum Muribad) nur die Anouschka habe ich noch nie gesehen. Aber schöne Geschichte.

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