Warum machen Dicke keinen Sport?

«Guck mal, die Dicke»: Unsere Bloggerin Alexandra Baumann (links) sagt der Stigmatisierung von Übergewichtigen den Kampf an.

Als übergewichtige Person bin ich immer wieder mit den Stigmas konfrontiert, die uns umgeben: Wir seien zu faul für Sport, hätten keinen Willen und müssten uns nur einen kleinen Ruck geben. Ich glaube, bei vielen Übergewichtigen steckt ein treibender Faktor hinter dem «nicht Sport machen», über den kaum jemand je spricht.

Lähmendes Schamgefühl

Eine Turnhalle in den 80er-Jahren: Ich war ein fröhliches, unbekümmertes Kind, welches sich eigentlich gern bewegte. Bis ich das erste Mal einen Klassenkameraden hören sagte: «Guck mal, die Dicke, da schwabbelt ja alles, wenn sie rennt.» Lange bevor Begriffe wie «Bodyshaming» überhaupt geboren waren, wurde ich das erste Mal damit konfrontiert. Und es hat meine ganze Bewegungslaufbahn stark geprägt: Ich habe in dieser Entwicklungsphase ein Schamgefühl entwickelt, das teilweise lähmende Ausmasse annahm.

Sporttage wurden zur Qual, die Schwimmstunden hätte ich am liebsten ausgelassen, und ich wurde während meiner ganzen Schulzeit nie in ein Team gewählt, sondern einfach immer als Letzte auf dem Feld in eine Mannschaft eingeteilt. Schwabbel-Bemerkungen und Hänseleien in den Turnstunden blieben für mich an der Tagesordnung, ohne dass ich mich je wirklich dagegen gewehrt hätte. Denn die «Plagebuben» waren nicht nur in der Überzahl, sondern auch schneller und stärker. So entwickelte sich über die ganze Schulzeit hinweg dieses ohnmächtige Gefühl in mir, dass ich a) komplett untauglich bin für Sport und b) sowieso jederzeit mit verbalen Angriffen rechnen muss.

Einfach nur unglaublich schade

Spulen wir 25 Jahre vor: Seit bald 5 Jahren gehe ich regelmässig walken, wir machen mit einem Trainer Kräftigungsübungen und nehmen öfters an Laufveranstaltungen teil. Was sich vor einigen Jahrzehnten in der Turnhalle abspielte, ist auch heute unter Erwachsenen nicht viel anders: Einmal rückte eine ältere Dame in der Fitness-Umkleidekabine weg von mir und sagte unüberhörbar: «So etwas ‹Gruusiges› möchte ich mir nicht ansehen müssen, wenn ich ins Fitness gehe.» Bei einem Lauf wurde ich «fette Sau» genannt und auch schon angehalten, gefälligst aus dem Weg zu gehen. Eine weitere Bemerkung, die mir in Erinnerung blieb, war: «So Leute wie ihr habt an Sportveranstaltungen absolut nichts zu suchen.» In der Onlinewelt sind die bösen Plagebuben aus der Turnhalle von einst jetzt gerne mal aktiv beim Verfassen von Kommentaren wie «Fette sollen keinen Sport machen, die sollen zuerst mal abnehmen». Ich bin grundsätzlich eine schlagfertige Person – doch wenn mich beim Sport jemand so unerwartet beleidigt, macht mich das jeweils kurz sprachlos.

Ich bin mir bewusst, dass sich dieses Gefühl nicht auf dicke Menschen beschränkt und es unzählige Menschen gibt, die aus Schamgründen nicht ins Fitnesscenter und in Hallenbäder gehen. Weil sie sich den starrenden Blicken, dem hämischen Gelächter und den fiesen Kommentaren nicht aussetzen möchten. Ob dick, dünn, gross oder klein, jung oder alt: Das ist doch einfach nur unglaublich schade. Darum mein Appell: Eine Prise mehr Respekt und eine Portion Einfühlungsvermögen kosten rein gar nichts. Ein paar positive Worte, ein Daumen hoch oder auch einfach nur ein Lächeln während einer sportlichen Begegnung können eine unglaublich ermutigende Message senden. Um es in den Worten der legendären Aretha Franklin zu sagen: All I’m asking is for a little R.E.S.P.E.C.T.