Berge in Hochglanz

Outdoor

Man möchte gleich mitmarschieren, so schön ist das Bild. Foto: simonkr (iStock)

Der Himmel ist grau, die Spätherbststimmung melancholisch. Ich sitze auf dem Sofa, greife mir eine Zeitschrift vom Stapel, und schon strahlen mir die verschneiten Berge in Hochglanz entgegen. Der Pulverschnee stiebt im Steilhang, die Eisgeräte krallen sich ins Blau eines gefrorenen Wasserfalls. Ich blättere und lasse mich von der Reportage eines bekannten Alpinautors in ferne Gebirge entführen. «Die Sehnsucht wächst mehr und mehr!» Der Satz des Redaktors trifft mich ins Herz. Bin ich gerüstet? Mehr oder weniger. Neue Skistöcke könnte ich brauchen, ich plane zwar nicht eine Skitour zum Damawand oder Denali, mir reicht der Dürrspitz im Zürcher Oberland. Dazu benötige ich weder das neuste Lawinensuchgerät noch einen Airbag.

Alpines Glanzpapier hat Konjunktur. Ab und zu liegt eines der schön gestalteten Hefte im Briefkasten, gratis und franko, erzählt spannende Geschichten, ausgestattet mit atemberaubenden Bildern. Unerhört, was die alpinen Fotoprofis auf sich nehmen; nach tagelangen Märschen durch Eis und Sturm klettern sie in die steilsten Wände, um dem Glanz der Geschichte den letzten Schliff zu verleihen und uns im Sofa zum Staunen zu bringen.

Der Weg zum Berg ist eine Materialschlacht

Ob ich nun das PR-Heft eines Outdoor-Ausrüsters oder Detaillisten oder die Zeitschrift «Die Alpen» des Schweizer Alpen-Clubs in Händen halte: Der Unterschied ist gering. Über ein Drittel der Clubzeitschrift mit 150-jähriger Tradition ist Produktewerbung, dazu ins Heft geklebt oder gelegt diverse Beilagen von Herstellern, Kletterschulen, Uhrenmarken, Banken, Versicherungen. Gelegentlich beklagen Mitglieder in Leserbriefen das Übermass an Werbung in dem Heft, das sich einst mit wortlastigen Tourenberichten, Informationen zu Erstbegehungen und einem gelegentlichen Bild begnügte. Nachzulesen ab der ersten Nummer von 1864 bis heute auf der Website des Clubs. Ein Blick zurück in die werbefreie Zeit lohnt sich, die digitalisierte Publikation ist ein fantastisches Archiv der Alpingeschichte, in dem man blättern kann wie in einem E-Book oder nach Stichworten recherchieren.

Dabei stellt man auch fest, dass sich die ehrwürdige Zeitschrift des Clubs und die trendigen Broschüren der Sportartikelbranche immer mehr angleichen. PR-Reportagen, Werbung und redaktionelle Beiträge sind auf den ersten Blick fast nicht mehr zu unterscheiden durch ihre Bildsprache, ihre Themen, ihre Material- und Markenbotschaft. Sie erzählen nicht nur von den Bergen der Welt, sondern von einem Weltmarkt. Über zehn Milliarden Euro sollen laut einer Studie der European Outdoor Group Wanderer und Bergsteiger jährlich für Outdoor-Ausrüstung ausgeben. Ein grosser Schweizer Hersteller, der allerdings kaum mehr in der Schweiz produziert, setzt eine Viertelmilliarde um. Der Weg zum Berg ist zur Materialschlacht geworden, unsere Rüstung ist die perfekte Ausrüstung.

«Auf, zu neuen Zielen!», lese ich in einem Heft. Erhebe mich aus dem Sofa. Ich brauche neue Skistöcke, ganz gewöhnliche, weder mit Teleskopauszug noch Sicherheitsauslösung am ergonomischen Griff noch Speed-Tellern mit Kugelmechanismus. Ich will ja nur auf den Dürrspitz.

2 Kommentare zu «Berge in Hochglanz»

  • Peter S. Grat sagt:

    Naja, „die Alpen“ finde ich schon sehr gut gemacht – ein grosses Kompliment an die Redaktoren. Ich mag die ruhigen und sachlichen Beitraege. Werbung und Publireportagen koennen auch informativ sein. Das ein solches Heft zu diesem Preis nicht ohne Werbung produzierbar ist versteht sich von selbst. Trotzdem mochte ich den Blogartikel irgendwie. Die Referenz an die alten SAC-Heftchen ist ein Blick ins „Frueher“, wo aus Sicht des Autors alles noch einfach und ueberschaubar war. Er kommt mir vor, wie wenn er gerade auf dem Sofa aus seinem 50-jaehrigen Babyboomer-Wirtschaftswunder-Hochkonjunktur-jedem-sogar-Schriftsteller-gehts-gut Schlaf erwacht waere und nun verdutzt bemerkt, dass sich die Welt ein wenig veraendert hat. Das meine ich nicht boese, im Gegenteil es macht den Autor sympatisch.

  • Heini sagt:

    Die Zeitschrift braucht Werbung wie andere Medien auch, um die hohen Abonnementskosten erträglich zu halten. Man kann das Magazin auch abbestellen (habe ich auch gemacht). Im Übrigen richtet sich die SAC-Zeitschrift an den grossen Durchschnitt der Berggänger/innen, die LVS und andere sicherheitsrelevante Ausrüstungen auf etwas anspruchsvolleren Touren durchaus zu schätzen wissen.

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