Downhill-Helm für Tourenfahrer?

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Noch sind Integralhelme vor allem auf Downhill-Strecken zu sehen. Foto: VadymShum (iStock)

«Integralhelme haben auf dem Trail nichts verloren», schrieb Herausgeber Thomas Giger neulich im Schweizer Mountainbike-Magazin «Ride». Seine Begründung: Das Image der Biker würde (weiter) beschädigt, da man von anderen Wegnutzern nicht mehr als «normaler» Mountainbiker, sondern «als etwas Fremdes, als etwas Unsympathisches» wahrgenommen würde. Sogenannte Fullface-Helme gehören in Bikeparks und auf Downhill-Strecken, nicht jedoch auf die Trails – mit dieser Aussage polarisiert er. Unverständnis erntet er vor allem von Lesern, die sich schon schwere Verletzungen zugezogen haben, welche mit einem Integralhelm möglicherweise hätten vermieden werden können.

Eine Frage des Einsatzes

Fakt ist, dass wir uns als Mountainbiker oft in anspruchsvollem Gelände bewegen: steil, ausgesetzt, verblockt, rutschig, lose. Unfälle mit Verletzungsfolgen an Kinn und Gesicht sind zwar selten, auszuschliessen sind sie allerdings nicht – auch bei moderater Geschwindigkeit. Ob die Wahl auf Halbschalen- oder Integralhelm fällt, hängt auch von der Art der Tour ab: Wer mit Shuttle oder Gondel aufsteigt, um dann in erster Linie runterzufahren, setzt sich eher den «Komplettschutz» auf als ein Tourenfahrer, der viele Höhenmeter macht und mit Fullface ganz schön ins Schwitzen käme. Eine möglicher Kompromiss könnten die mittlerweile von verschiedenen Herstellern angebotenen Helme mit abnehmbarem Kinnschutz sein.

Geprüfte Sicherheit

Helme, die in der EU und der Schweiz auf den Markt kommen, müssen der europäischen Prüfnorm für Fahrradhelme entsprechen. Diese berücksichtigt allerdings die neuen Helmtypen nicht. Das deutsche Fachmagazin «Bike» testete deshalb im Sommer die Sicherheit der abnehmbaren Kinnbügel im Kölner TÜV-Labor. Von sechs getesteten Modellen wurde nur gerade die Hälfte empfohlen.

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Ein Helm mit abnehmbarem Kinnbügel. Foto: Mirjam Milad

Manche der getesteten Modelle entsprechen zusätzlich der Norm für Downhill-Helme (ASTM F1952). Im Test wird der Helm auf einem Prüfkopf befestigt und aus einer festgelegten Höhe mit einer festgelegten Geschwindigkeit auf einen starren Stahlklotz fallen gelassen. Unterschiedliche Klötze – ein flacher Sockel, eine Halbkugel und eine Bordsteinkante – simulieren verschiedene Geländesituationen.

Imageproblem oder Sicherheit?

Natürlich kann auch der beste Helm nicht vor jeder Verletzung schützen. Auf welchen Helmtyp man vertraut, ist letzten Endes immer auch eine persönliche Entscheidung. Gerade bei Kindern und Jugendlichen entscheiden sich Eltern erfahrungsgemäss lieber für mehr Sicherheit. Und wenn sich jemand für das Sicherheitsplus eines Integralhelms (mit oder ohne abnehmbaren Kinnbügel) entscheidet, sieht ein Wanderer naturgemäss nicht, dass der Biker unter dem Fullface freundlich lächelt.

Aber mal ehrlich: Als bedrohlich wird ein Mountainbiker wahrscheinlich in den meisten Fällen nicht deshalb wahrgenommen, weil Teile seines Gesichts durch einen Kinnbügel abgedeckt werden, sondern weil er sein Überholmanöver nicht frühzeitig akustisch ankündigt oder das Tempo nicht genügend drosselt. Deshalb muss die Frage gestellt sein: Ist die Wahl des Helms tatsächlich ausschlaggebend für die gegenseitige Akzeptanz? Ein faires Miteinander auf den Trails sollte meiner Meinung jedenfalls nicht von der Helmwahl abhängig sein.

6 Kommentare zu «Downhill-Helm für Tourenfahrer?»

  • Roger sagt:

    Ich fühle mich zwar mit Fullface sicherer, trage ihn aber ausschliesslich im Bikepark.
    Es ist definitiv so, dass Leute mehr erschrecken, als wenn man das Gesicht des Bikers sieht. Auch macht halt der Fullface den Anschein, dass man eher rast. Ich bin somit mit Herrn Gigers Aussage absolut einverstanden.

  • Mike Meier sagt:

    Dazu fällt mir folgende Anekdote ein: Vor Jahren bin ich mal leicht abseits eines Bikeparks einen Fussweg runtergefahren, mit Integralhelm, aber sitzend und mit angezogenen Bremsen, weil ich die Fussgänger vor mir ja nicht erschrecken wollte. Beim Anblick meines Darth Vader-Kostüms sind sie dann aber trotzdem fast ins Gebüsch gehechtet. Dass der Integralhelm die Leute eher erschreckt, scheint also schon was dran zu haben. Die gleiche Wirkung haben aus meiner Erfahrung quietschende Scheibenbremsen, ebenfalls unabhängig vom tatsächlichen Tempo.

    Ob man deswegen auf die eigene Sicherheit verzichten will, ist natürlich ne andere Frage. Ich trage den Integralhelm sowieso nur wenn unbedingt nötig, weil mich das eingeschränkte Sichtfeld und die Schwitzerei nerven.

  • Rauschenbach sagt:

    Vielen Dank, Herr Buschor. Der verantwortungslose Kommentar von Hr. Giger in seiner Zeitung ist mir auch schon äusserst sauer aufgestossen. Mein Schutz ist meine private Angelegenheit. Deswegen benutze ich für meine Touren (ich fahre übrigens alles hoch was ich später runter fahre) auch einen Helm mit abnehmbarem Kinnbügel. Bei Fussgängern habe ich keine negativeres Feedback erlebt. Ich denke, manch einer sieht so auch, dass ich durchaus kein lebensmüder Irrer bin, der mit seiner Gesundheit spielt.
    Ich habe bereits üble Kopfverletzungen beim Biken sehen und selbst erleben müssen. Das Argument der Häufigkeit zählt für mich nicht, zumal Hr. Giger es in der gleichen Ausgabe der besagten Zeitung widerlegt hat. Eine Kopfverletzung ist jedoch zudem eher auch eine sehr schwere Verletzung.

  • Roland K. Moser sagt:

    Da bin ich mit Markus Giger einer Meinung, sofern wir unter Trail dasselbe verstehen: Cross-Country- oder Marathon-ähnliche Strecke, welche gleichzeitig auch von Fussgängern benutzt wird

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