Die beste aller Frühförderungen

Outdoor Jungbrunnen

«Früh übt sich …» gilt auch fürs Velofahren. (Bild: Martin Platter)

In meinem Veloclub steigt das Durchschnittsalter. Das an sich ist nichts Aussergewöhnliches. Doch mir fällt auf, wie unsicher sich meine älteren Vereinskollegen plötzlich auch zu Fuss bewegen, wenn sie aufgehört haben, Velo zu fahren. Sie gehen viel wackliger und geraten leichter aus dem Gleichgewicht. Kurzum: Sie bewegen sich plötzlich wie alte Menschen. Für mich ist das der Beweis, dass Velofahren weit mehr ist als reiner Sport. Velofahren trainiert auch das Gehirn und die Koordination, also das Zusammenspiel von Auge, Mittelohr (Gleichgewicht), Armen und Beinen. Als Erwachsener Velo fahren zu lernen, ist deshalb nicht ganz einfach.

Früh übt sich

Von meiner Tätigkeit und den Beobachtungen als Jugend-und- Sport-Leiter Mountainbike weiss ich: Die Basis für die koordinativen Fähigkeiten eines Menschen wird im Alter von etwa 1 bis 14 Jahren gelegt. Wobei das Lernen danach natürlich nicht aufhört, sich aber markant verlangsamt. In der Zeit vor und bis zu Beginn der Pubertät gehen komplexe Bewegungsabläufe kinderleicht in Fleisch und Blut über. Deshalb muss in vielen Sportarten, die grosse koordinative Fähigkeiten verlangen – Kunstturnen zum Beispiel –, in frühster Kindheit begonnen werden, will man später mit den Besten mithalten können. Auch verschiedene Disziplinen des Velofahrens gehören zu dieser Kategorie.

Deshalb beginnen Rennserien im Mountainbike Cross-Country und auch im Radquer bei den Jüngsten mit sogenannten Hindernisparcours. Dabei müssen die Kids bezüglich Ausdauer noch keine Spitzenleistungen erbringen, denn die würden über eine längere Zeitdauer ausgeübt den noch wachsenden Organen Schaden zufügen. Gefragt ist Gleichgewichtsgefühl und Koordination. Das kann, aber muss man nicht extra trainieren. Velofahren genügt. Velofahren ist der spielerische Umgang mit physikalischen Gesetzen.

Velofahren für mehr Sicherheit im Strassenverkehr

Wie lernfähig – auch im negativen Sinn – der Mensch ist, zeigt sich bei Kindern, wenn sie von Eltern auf Kindervelos mit Stützrädern gesetzt werden. Entfernt man die Hilfsräder nach einer gewissen Zeit, sitzen die Kids genauso scheps auf dem Velo, wie wenn die Stützräder noch montiert wären. Deshalb ist ein Like-a-Bike die weit bessere Alternative. So lernen die Kleinen intuitiv, das Gleichgewicht auch auf zwei Rädern zu halten. (Ich habe übrigens gerade eines für meine Nichte gekauft, die Ende November zweijährig wird und ein echter Wirbelwind ist.)

Wer früh mit Velofahren beginnt, ist später fitter für den Strassenverkehr. (Bild: Martin Platter)

Wer früh mit Velofahren beginnt, ist später fitter für den Strassenverkehr.
(Bild: Martin Platter)

Die Meldung, dass Kinder und Jugendliche immer weniger Velo fahren, ist deshalb nicht nur aus Sicht des Bewegungsmangels nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Es geht auch darum, dass man früh lernt, sich selbst, Geschwindigkeiten und Distanzen richtig einzuschätzen, und hautnah erlebt, welche Auswirkungen heisses Wetter, Regen und Schnee aufs Velofahren haben.

Deshalb halte ich es für sehr gefährlich, wenn Menschen, die selber nie Rad gefahren sind, plötzlich Auto oder sogar Töff fahren. Sie kennen fahrdynamische Zusammenhänge nur aus der Theorie, können sich nicht in den Velofahrer hineindenken und sind überrascht, wenn er oder sie plötzlich einen Schwenker macht. Auch die Vorstellung, dass man mit dem Velo in der Stadt oft schneller unterwegs ist als mit dem Auto – und welch gutes Gefühl das auslöst! –, ist ihnen nicht geläufig. Oder sie können nicht nachvollziehen, dass der Radfahrer auf der Strasse bleibt, weil auf dem Radweg eine Baustelle, eine Familie mit Kinderwagen, Reiter oder Hundehalter den Weg zum gefährlichen Spiessrutenlauf machen. Das löst Frustrationen und Rechthaberei aus, die nicht selten in Aggression umschlägt. Deshalb müssen Kinder unbedingt wieder mehr Velo fahren!

17 Kommentare zu «Die beste aller Frühförderungen»

  • Felix sagt:

    Unser Sohn hat mit 1,5 Jahren auf dem Laufrad angefangen, zum 3. Geburtstag gabs ein Velo und seit er 3,5 Jahre alt ist fährt er nur noch damit zum Kindergarten. Auch kleine Ausflüge (3-4km) sind kein Problem. Das macht Freude..

  • Union MTB-Club Koppl Salzburg | Österreich sagt:

    Ich kann dies als Vereinsobmann nur bestätigen.
    Wir sehen dies auch in unserer Kinder und Jugendarbeit im Verein.

    Bei der jährlichen Vorbereitung zur Radfahrer-Prüfung kommen Kinder, die können für die Richtungsanzeige nicht einmal die Hand heben, weil ihnen der Gleichgewichtssinn fehlt. :-(

    Ich habe mit der Kinder und Jugendarbeit vor 6 Jahren mit 6 Kindern begonnen, heute haben wir in unserem Verein ca. 45 Kinder.

  • Reto sagt:

    Dafür können die Kinder schon mit dem iPhone spielen und wie die grossen mit dem Zeigefinger auf Sachen klicken. Ist doch auch was!

  • Helena sagt:

    Schaut Euch unbedingt mal diesen Film an.
    https://youtu.be/aaY3gz5tJSk
    Ein an Parkinson-erkrankter Mann, der ohne Hilfe kaum mehr alleine laufen kann und vom Tremor richtig geschüttelt wird, kann dennoch ohne Probleme weiterhin velofahren!

  • Bionic Hobbit sagt:

    Ich weiss nicht, wo das her kommt, dass man meint, weniger Kinder können Velo fahren. Weil sie keinem Club beitreten? Vor kurzem wurde moniert, dass sie keinen Purzelbaum mehr können. Gibt es Zahlen, wieviele Kinder was genau können, heute, vor 10 oder 20 Jahren? I don’t think so. Der Link des Autors zur „Meldung“ weist genau auf das, nämlich eine Meldung und keine Quelle. Ich behaupte, das seien nur Behauptungen.
    Wo ich wohne, können alle Kinder Velo fahren und Purzelbaum.

  • anja sagt:

    Also bitte setzt euch alle ein für mehr sichere Velostrecken!!

  • Vierauge sagt:

    das Like-a-Bike (oder ähnliche Fahrzeuge) kann ich aus eigener Anschauung sehr empfehlen! Unser älterer Sohn hatte zuerst ein kleines Velo mit Stützrädern und tat sich recht schwer, genau wie im Artikel beschrieben. Beim jüngeren haben wir es dann mit Like-a-Bike probiert, da ging das Lernen viel schneller und lustbetonter. Und wem es zu teuer ist: die Dinger gibt’s auch Occasion, oder man kann sie weiterverkaufen.
    Allerdings sollte man unbedingt den Helm auch gleich richtig aufsetzen – auf dem Fotos sitzt er zu weit hinten, was den Schutz des Gesichts stark vermindert!

  • Thomas Jobs sagt:

    Es ist wie mit vielen Dingen: was früh und stetig trainiert wird, hilft einem beim älter werden!
    Leider unterlassen wir es heute aus bequemlichkeit, unser Gleichgewichtsgefühl stetig zu trainieren. Das rächt sich dann einmal im Alter: man geht aus Angst zu fallen weniger raus (im Winter fast gar nicht mehr) und die sozialen Kontakte verkümmern somit auch eher.

  • Daniel Meister sagt:

    Als Stadtzürcher werde ich mich hüten meiner Tochter zum Velofahren zu pushen. Mit all den Psychopathen (Velo-, Auto- und ÖV-Fahrer) ist mir das Risiko mittlerweile einfach zu gross.

    • Thomas Jobs sagt:

      @ Dankel Meister:
      …und somit wäre dann also laut dem Artikel der Grundstein für die nächste Generation ihrer Aufgezählten gelegt…

      • Helena sagt:

        Warum werden Sie nicht Mitglied bei Pro Velo und setzen sich für sichere Radwege ein? Wie bewegt sich denn Ihre Tochter nun fort, wenn Auto-, ÖV und Velo nur von Psychopathen gefahren werden? Beamen Sie sie zur Schule oder machen Sie doch immer noch Chauffeur und gefährden so alle anderen Kinder, die noch radfahren oder zu Fuss gehen?

  • tina sagt:

    aber ich bin einig damit, dass es gut wäre für alle und in sehr vielen belangen, wenn mehr velo gefahren würde

  • tina sagt:

    wenn kinder velofahren lernen wollen, können sie es sehr schnell, so wie ich das beobachtete. gleichgewicht lernen sie ja auch bei anderen dingen, es muss kein likeabike sein. viele kinder haben zum beispiel ja auch trottis und balancieren gern auf mäuerchen, baumstämmen usw. und sei es nur eine linie am boden. skateboarden, schittschüenle.
    meine jungs weigerten sich ja, velofahren zu lernen. als sie es wollten, konnten sie es auch nach 3 versuchen. das alter habe ich vergessen. und darum ist es auch unwichtig: man vergisst es sowieso und rückblickend ist es sowas von egal, ob das kind 3 oder 8 war.

  • Anton Meier sagt:

    Sachlicher Fehler: Das Innenohr, nicht das Mittelohr ist das Geleichgewichtsorgan.

  • Thomas sagt:

    Als ich so 18 Jahre alt war, bekam ich ein Einrad und fuhr viel damit herum. Im Winter bemerkte ich , dass ich viel besser Ski fahre, weil ich meinen Gleichgewichtssinn auf dem Einrad trainiert hatte.

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