Kluckers Welt

Ein Beitrag von Emil Zopfi*

  • Das Fextal im Oberengadin: Heimat des legendären Bergführers Christian Klucker. Fotos: Emil Zopfi

  • Das «Kluckerhaus» in Fex Platta kann heute als Ferienwohnung gemietet werden.

  • Das ehrwürdige Hotel Fex: Hier tanzt Autor Emil Zopfi Tango.

  • Kluckers Grabstein auf dem Friedhof Fex Crasta: Das Geburtsjahr ist falsch, 1852 statt 1853.

  • Erschliesser der Bergellerberge: Christian Klucker (1853–1928). Fotos: Archiv AS Verlag, Zürich

  • Klucker (rechts) mit dem Erstbegeher der Badilekante Walter Risch.

  • War stets perfekt gekleidet, trug auch auf Klettertouren Jacke und Schlips: Bergführerpionier Christian Klucker.

«Am 29. September sah ich die blauen Seen meines Engadins wieder und öffnete am Abend die Tür in meinen Bau. Das Fextal trug die gelb-roten Farben des Herbstes, und in den Höhen rüstete der Winter sein weisses Kleid.» So wie der legendäre Bergführer Christian Klucker (1853–1928) erleben wir das Fextal in diesen Tagen: die melancholische Klarheit der Herbstfarben, Neuschnee auf den Gipfeln von Piz Fora und Piz Tremoggia im Talabschluss. Klucker war im Herbst 1901 zurückgekehrt nach einer Expedition in die kanadischen Rocky Mountains, unglücklich über das Unternehmen unter der Leitung des unberechenbaren Matterhornpioniers Edward Whymper. Klucker war zu jener Zeit ein international renommierter Bergführer, dem sich Gäste aus aller Welt anvertrauten.

«Ein Mehlsack im Fels»

Auf einem Höhenweg über dem Fextal wandernd, sehen wir tief unter uns in der Ebene von Fex Platta Kluckers «Bau». Ich kenne das kleine, mit Sgraffiti geschmückte Engadinerhaus mit den geschmiedeten Initialen CK an der Tür. Drinnen seine Werkstatt mit Hobelbank und Werkzeug, in der getäferten Stube massive Stabellen, ein Korbstuhl, in den Kammern Bettgestelle aus Holz. Es sieht aus, als hätte Klucker erst gestern und nicht vor 88 Jahren sein Haus verlassen, um in Sils Maria eine Weihnachtsfeier von Schülern zu besuchen. Schwer ging sein Atem an jenem Tag; im Hotel Waldhaus ruhte er kurz, dann schritt er hinab ins Dorf, wo ihn nach einer Tasse Tee in einem Restaurant der Tod einholte, der ihn auf 3000 Bergtouren verschont hatte.

Christian Klucker: Erinnerungen eines Bergführers. Neuausgabe mit Vorwort von Emil Zopfi. AS Verlag, Zürich 2010.

Christian Klucker: Erinnerungen eines Bergführers. Neuausgabe mit Vorwort von Emil Zopfi. AS-Verlag, Zürich 2010.

Eine durchaus tragische Figur, dieser Klucker. Erschliesser der Bergellerberge mit unzähligen Erstbesteigungen, begnadeter Kletterer und virtuoser Eisgeher – nur mit dem Pickel Stufen schlagend durch die steilen Couloirs der Scioragruppe oder die Nordostwand des Lyskamms. Drei Viertel der Nordkante des Piz Badile kletterte er allein und in Socken hinauf und hinab, dreissig Jahre vor der Erstbegehung mit viel Hakeneinsatz – ein Hilfsmittel, das er verachtete. Trotzig behauptete er sich gegen seine Herren, etwa den ehrgeizigen russischen Baron Anton von Rydzewski, nach seinem Urteil ein «Mehlsack» im Fels. Oder gegen den berühmten Whymper, der im Alter ein labiler Alkoholiker geworden war. Andere wurden ihm lebenslange Freunde, darunter John Percy Farrar, Präsident des Londoner Alpine Club, oder der deutsche Chemiker Theodor Curtius, der aus Dankbarkeit die Fornohütte stiftete.

Die Berge bewegen sich im Tango-Takt

Das «Kluckerhaus» in Fex Platta bewahrt sein Andenken, dank einer verständnisvollen Besitzerfamilie, die es aus seinem Nachlass erworben hat, sorgfältig pflegt und als Ferienwohnung vermietet. Selbst den kleinen Postschalter halten die Besitzer in Ehren, denn Klucker betreute nebenbei die Postagentur im Tal. Wenn er auf Tour war, vertrat ihn eine Nachbarin und – es ist ein offenes Geheimnis – gebar dem Junggesellen, der lebenslang einem Anneli aus dem Militärdienst in Thun nachtrauerte, einen Sohn.

So schwingen in dieser Landschaft Geschichten, Erinnerungen an Schicksale, an glückliche und melancholische Tage in den Bergen. Wer kann sie lesen in den Häusern, den Wiesen und Wäldern? Wen interessieren sie noch? Wohl kaum unsere Tangofreunde, mit denen wir im ehrwürdigen Hotel Fex tanzen. Zu Kluckers Zeiten ist es in St. Moritz abgebaut und hinten im Tal wieder errichtet worden. In seinen «Erinnerungen eines Bergführers» verliert er kein Wort darüber – vielleicht gefiel ihm das grosse Hotel nicht, mitten auf den Alpweiden, wo er beim Viehhüten an Felsblöcken die ersten Kletterübungen gemacht hatte. Obwohl er vielleicht auch gerne getanzt hätte, der stattliche Mann, der stets perfekt gekleidet war, selbst auf Klettertouren in Jacke und Schlips. Wir tanzen, und manchmal meinen wir, die Welt stehe still und die Gipfel rund um uns bewegten sich im Takt der Musik.

* Emil Zopfi ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist seit über fünfzig Jahren Bergsteiger und Kletterer, www.zopfi.ch.

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