Meine Tschingelei

Diese Woche von der Tschinglen-Alp auf dem Schluchtweg hinab nach Elm (GL)

Elm bezaubert mich immer wieder. Die jahrhundertealten geschwärzten Blockhäuser. Das Kirchlein, gedrungen und selbstbewusst, und vom Kirchhof der Blick hinauf zum Martinsloch. Die Erinnerung an den Generalissismus Suworow, der 1799 durchzog samt seinen Kosaken und in Elm nächtigte; seither gibt es im Dorf ein Suworowhaus.

Rundum aber schliessen sich die Berge zum Kreis – die Pässe, über die man aus dem Kessel kommt, habe ich alle mehrmals gemacht; Foo, Panixer, Richetli, Wildmadfurggeli. Und den Segnes hinüber nach Flims; man kommt dabei den Tschingelhörnern nah, die mich schon beim ersten Anblick vor Jahrzehnten an Hexenhüte gemahnten.

Der Horrorschlitz

Als ich diesmal nach Elm reise, habe ich in der Tat die Tschingelhörner im Visier. Aber nur als Hintergrund, ich will nicht hinauf zu ihnen und hinüber ins Bündnerland gehen, das wäre tagfüllend, und ich bin gerade erkältet und nicht so fit. Eine Leichtroute tut not.

Von der Bushaltestelle «Station», deren Name daran erinnert, dass bis 1969 die Sernftalbahn von Schwanden hinauf nach Elm fuhr, folge ich den Schildern zur Tschinglenbahn. Das dauert eine Viertelstunde und spielt sich auf einem Nebensträsschen ab. Das blaue Kabinchen düst grad ab, als ich ankomme, und ich freue mich über den Fortschritt. Das letzte Mal, als ich vorbeikam, verkehrte eine offene Holzkiste.

Schon sind wir dran, ich und drei andere füllen die Kabine, ab gehts. Acht Minuten dauert die Fahrt und ist ein Spektakel: unter uns ein Gruselschlitz, die Tschinglenschlucht.

Oben Lieblichkeit: ein Bergkessel, senkrechte Wände, Blumen, Sprudelbäche. So stellt man sich eine Alp vor. Aber wo ist das Restaurant der Tschinglen-Alp? Es liegt versteckt in der Senke unterhalb. Fünf Minuten dauert der sanfte Abstieg, ein Hüttenweiler zeigt sich mit einem guten Dutzend Knusperhäuschen; es sind Ferienhäuschen der Einheimischen oder auch Jägerunterkünfte.

Vor der Miniwirtschaft lasse ich mich nieder, bestelle einen Kafi. Und ein Käsesandwich. Es ist nicht mini, sondern maxi. Und sehr gut.

Ahnung des Schreckens

Nun wird gewandert. Die satte Stunde hinab nach Elm ist ein Abenteuer im Kleinen. Wäre der Bergweg durch die Tschinglenschlucht Literatur, so eine Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, dem Meister der gepflegten Gruselei. Im Mittelteil zieht sich der Pfad – schön breit ist er übrigens – nah am Abgrund. Ein Geländer gibt es nicht, doch sind die heikleren Abschnitte mit Ketten versehen. Ich bin froh darum, der Boden ist feucht, bröckelig, rutschig. Der Grund der Schlucht mit dem Tschinglenbach ist zum guten Teil nicht sichtbar, was auf das Gemüt des Wanderers wirkt: Die Ahnung des Schreckens ist schrecklicher als dessen direkte Präsenz.

Beim roten Bänkli endet die Schluchtpassage, doch noch ist einige Höhe zu vernichten. Wieder unten bei der Talstation habe ich die Wahl, ob ich retour zur Station halten will oder links abbiege zum Dorf. Wahl? Ein Besuch in Elm ist zwingend. Meine Visite endet auf der Terrasse der Sonne, wo ich meine Erlebnisse Revue passieren lasse. Doch, die Tschingelei war grossartig.

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Route: Tschinglen-Alp, Bergstation der Seilbahn – Tschinglen-Alp, Wirtschaft – Tschinglenschlucht – Abzweiger vor der Seilbahn-Talstation. Hier hat man die Wahl: kürzer in gut 10 Minuten zur Busstation «Elm, Station» oder leicht länger ins Dorf Elm (dort verkehrt derselbe Bus Richtung Schwanden SBB).

Wanderzeit: Knapp 1 1/2 Stunden für die leicht längere Variante.

Höhendifferenz: 580 Meter abwärts, 37 abwärts.

Wanderkarte: 247 T Sardona, 1:50’000.

Anreise: Mit dem Bus von Schwanden SBB nach «Elm, Station». Von dort in 15 Minuten zu Fuss zur Talstation der Tschinglenbahn und mit dieser auf die Tschinglen-Alp.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Von Elm-Dorf oder von der Station Elm wieder nach Schwanden SBB.

Charakter: Kurze Wanderung. Lieblichkeit auf der Tschinglen-Alp, herrliche Einkehr. Auf der Alp können Familien gut spazieren. Unter- und oberhalb aber definitiv kein Turnschuhgelände. Der Tschinglenschlucht-Weg ist (je nach Definition) knapp noch nicht oder sehr leicht ausgesetzt, er ist stellenweise steil und glitschig. Ketten helfen. Vorsicht mit Kindern, bei und nach Regen meiden.

Höhepunkte: Das Schweben im Bähnli über der Tschinglenschlucht. Die Einkehr im idyllischen Alp-Wirtschäftchen. Der Anblick der Felsbastionen rundum. Das Abenteuer Tschinglenschlucht. Und immer wieder: Elm.

Kinder: In der Schlucht muss man sie unbedingt beaufsichtigen!

Hund: Keine Probleme.

Einkehr: Mehrere Möglichkeiten in Elm. Auf der Tschinglen-Alp das Alp-Wirtschäftchen. Es hat auch ein Massenlager.

Länger wandern: Viele Möglichkeiten sind denkbar. Gute Beratung bietet die Website der Seilbahn.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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