Müssen sich Sportler grüssen?

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Eine freundliche Joggerin. (Foto: Flickr/M. Creedon)

Viele Läufer scheinen einen Tunnelblick zu haben: Eine freundliche Joggerin. (Foto: Flickr/M. Creedon)

Wenn ich im Hochgebirge anderen Bergsteigern begegne, wird gegenseitig gegrüsst. Keine Frage. Aber wenn ich – insbesondere hier in Zürich – beim Sport andere Sportler kreuze, dann scheint das komplizierter. Manche grüssen zurück, manche nicht. Weshalb ist das so? Seit Jahren versuche ich zu analysieren, welcher Typ Sportler ein «Hoi» über die Lippen bringt und wer stumm tut. Zu einem abschliessenden Fazit bin ich bis heute nicht gekommen, aber ich habe folgende Erfahrungen gemacht:

Fitnesscenter: Ein Hort von Nicht-Grüssern. Die Leute schauen sich lieber auf die Turnschuhe als in die Augen. Nach Jahren im selben Studio sind es nur einzelne, die mir «Hallo» sagen, oder gar mit mir schwatzen. Fast nur solche, denen ich auch ausserhalb des Fitnesscenters ab und zu begegne, die in der gleichen Nachbarschaft oder gar im selben Haus leben. Speziell befremdend finde ich das Nicht-Grüssen in der Garderobe. Wir Frauen ziehen uns nebeneinander bis auf die Unterhosen aus, oder wir stehen Duschkopf an Duschkopf nackt unter dem Wasserstrahl. Aber grüssen? Nein, das ist den meisten dann doch zu intim. Und wehe, ich sage spontan «Hoi», dann kommt oft ein gereizter Blick zurück. Oder noch schlimmer: ein «Grüezi». Natürlich habe ich auch in der Fitnesscenter-Garderobe schon kommunikative Mitsportlerinnen getroffen, aber selten.

Kletterhalle: Dort verhält es sich in der Damen-Garderobe ähnlich wie im Fitnesscenter. In der Halle selber grüssen sich die Sportkletterer auch selten, wenn sie sich nicht persönlich kennen. Selbst dann nicht, wenn man sich schon hundert Mal in der Halle gesehen hat. Das Maximum, das da mit einer anderen Seilschaft kommuniziert wird, lautet etwa so: «Seid Ihr fertig in der grünen Route?» Das bedeutet: «Können wir endlich in die grüne Route?» Gemeint ist: «Haut endlich ab aus der grünen Route.» Vielleicht ist das nur ein Züri-Ding? Bin ich im Berner Oberland plaudern die Leute freundlich miteinander, selbst wenn man sich vorher nicht gekannt hat.

Joggen: Zu den Nicht-Grüssern gehören – sorry – die Anfänger. Entweder ist es ihnen peinlich, durch den Wald zu schnaufen und keuchen, oder sie können vor lauter Schnaufen und Keuchen keinen Ton mehr von sich geben, selbst für einen freundlichen Blick reicht ihre Kraft nicht mehr. Zu den Nicht-Grüssern unter den Joggern zähle ich aber auch die Verbissenen. Solche, die wahrscheinlich für einen Ultra-Mega-Marathon trainieren und im Usain-Bolt-Tempo durch den Wald sprinten. Sie sehen nichts und niemanden. Röhrenblick! Ich selber laufe vor allem am Uetliberg und beobachte dort: Die einzigen die grüssen, sind gut trainierte Läuferinnen und Läufer, die aber eindeutig noch Spass am Sport haben. Besonders an regnerischen oder kalten Tagen zeigt sich, wer wirklich gerne läuft und nicht aus einem Fettverbrennungszwang unterwegs ist. Bei schlechter Witterung hat es an Zürichs beliebtestem Ausflugsberg kaum Leute, und die wenigen, die rauf und runter joggen haben ein glückliches Gesicht, grüssen ganz selbstverständlich mit einem freundlichen Lächeln, manche heben zum Gruss sogar die Hand oder den Daumen. An solchen Tagen fühle ich mich unter Gleichgesinnten – und wohl.

Ob man sich beim Sport grüssen soll, weiss ich nicht. Ich tue es jedenfalls gerne und finde es extrem motivierend, wenn ein «Hallo» zurückkommt. Und Sie?