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«Ein bisschen Angst muss sein»

Outdoor-Redaktion am Dienstag den 10. Juli 2012

Es geht abwärts: Heute bringen wir ein Interview mit dem Schweizer Extremkajaker Ron Fischer, der den Rheinfall im vergangenen Jahr als erster Kajaker bei Nacht gefahren ist. Er spricht über den Nervenkitzel, den Umgang mit der Angst und warum er sich überhaupt Situationen aussetzt, die tödlich enden können, aber weder Ruhm noch Geld bringen. Allenfalls handelt er sich noch eine Strafe von 500 Franken ein, weil das Befahren des Rheinfalls verboten ist. Ron Fischer hat schon Flüsse in Nepal, Chile und Pakistan befahren und hat seinen Platz in der Schweizer Boarder-Cross-Nationalmannschaft aufgegeben, um mehr Zeit und Geld zum Paddeln zu haben. (Interview: Siri Schubert)

Ron Fischer, wie sind Sie zum Kajaken gekommen?

Ich habe schon mit 12 Jahren damit angefangen und seither nicht mehr aufgehört. Mich hat einfach der Paddel-Virus voll erwischt. Für lange Zeit gab es in meinem Kopf nichts anderes – keine Schule, keine Ausbildung. Nur Paddeln. Das war vielleicht nicht ganz so gut, aber ich habe ja inzwischen eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht und meine eigene Firma gegründet. Und ich paddele immer noch. Paddeln ist für mich viel mehr als ein Sport, es ist eine Art zu leben, herumzureisen, am Wasser zu zelten, mit wenig Geld auszukommen. Ich liebe das Element Wasser. Es ist ein Abenteuer, 24 Stunden am Tag lang.

Sie sind den Rheinfall bei Nacht mit dem Kajak herunter gefahren (im Video oben zu sehen). Gleich zwei Mal. Warum?

Es war ja nicht das erste Mal, dass ich den Rheinfall herunter gefahren bin, ich bin ihn vorher schon 10 Mal gefahren. Jeder Wasserfall, der fahrbar ist, ist für mich attraktiv. Und der Rheinfall ist einfach einzigartig in Europa. Um etwas Vergleichbares zu erfahren, muss man nach Asien, Afrika oder Südamerika reisen. Und hier haben wir so etwas gleich vor der Haustür. Ich habe mir den Rheinfall sehr oft angeschaut, immer wieder stand ich dort und sagte mir – Nicht heute, ich bin noch nicht so weit.

Und dann?

Eines Tages stimmte alles. Meine Freunde waren dabei, der Wasserstand war perfekt, ich fühlte mich gut – es war einfach der perfekte Tag. Und wenn man es geschafft hat, fühlt man sich grossartig, dann macht man es noch mal und noch mal….

Wie war das erste Mal?

Ich war nervös und es ist pure Konzentration. Sehr angespannt. Aber danach, wenn man dann den Rheinfall heraufschaut, ist es die absolute Erleichterung. Das ist ein tolles Gefühl.

Und die Nachtfahrt?

Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass am Rheinfall eine Flutlichtanlage installiert worden war, die sehr cool aussah. Ich paddele sowieso manchmal nachts, also warum nicht? Dummerweise ging beim ersten Mal gerade das Licht aus, als ich über die Klippe in den Wasserfall gepaddelt bin, das war nicht weiter schlimm, es war eine Vollmondnacht, nur das Video war nichts geworden. Ich habe es dann in der nächsten Nacht gleich noch mal gemacht.

Wie riskant war das?

Der Rheinfall ist nicht besonders schwierig. Damit will ich nicht sagen, dass ihn jeder Paddeln kann oder sollte, aber die Linien, die man fahren muss, sind ziemlich klar. Der Rheinfall ist ziemlich gross und das macht ihn so beeindruckend, aber ich habe schon schwierigere Flüsse befahren.

Hatten Sie Angst?

Ja, ich hatte Angst. Ich habe immer Angst. Angst macht mich sehr rational. Ich schau mir den Fluss und die Hindernisse genau an und frage mich ganz ernsthaft, ob ich es an diesem Tag fahren kann. Wenn ich ja sage, dann kann ich mit gutem Gewissen ins Boot einsteigen. Ein bisschen Angst muss immer dabei sein. Wenn Du keine Angst hast, dann siehst du nicht, was passieren kann. Dass Du sterben kannst, wenn du einen Fehler machst. Das ist sicher nicht bei jedem Wasserfall und bei jeder Stromschnelle so, aber es kann schon sein, deshalb ist ein bisschen Angst immer gut.

Warum machen Sie das? Es gibt wenig Ruhm, kein Geld und unten am Wasserfall warten auch keine Mädchen im Bikini…

Nein, Mädchen im Bikini gibt’s nicht (lacht). Aber das gilt ganz allgemein für’s Kajaken – kein Geld, nicht viel Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit. Aber es geht auch mehr um die persönliche Herausforderung. Das können Leute oft besser verstehen, wenn ich es mit Bergsteigen vergleiche. Warum steigen manche auf den Mount Everest oder die Eiger-Nordwand? Da gibt es auch keinen Ruhm und kein Geld – nur Kosten – und dennoch tun sie es.

Es haben Ihnen sicher schon viele gesagt, dass Sie verrückt sind. Was sagen Sie dann?

Ich lasse sie in dem Glauben (lacht). Klar, wenn meine Eltern und Freunde sagen, dass ich verrückt bin, dann ist das schon schwierig, aber es ist im Lauf der Jahre besser geworden. Jetzt glauben die Leute schon, dass ich weiss, was ich tue. Ich habe bis jetzt überlebt und jetzt glauben Sie, dass das auch weiterhin so sein wird.

Grenzen erfahren und mit Ängsten umgehen ist für Ron Fischer Alltag. Und das in einer Gesellschaft, die immer mehr nach Sicherheit strebt. In den USA haben die Psychologen schon bemängelt, dass Spielplätze zu sicher sind, so dass Kinder keine Chance mehr haben, den Umgang mit der Angst zu üben. Was meinen Sie? Wie viel Angst muss sein?

Siri Schubert ist Journalistin, Medienberaterin und begeisterte Wassersportlerin. Nach mehr als 10 Jahren in den USA, die meiste Zeit davon in Kalifornien, lebt sie jetzt in Basel.

14 Kommentare zu „«Ein bisschen Angst muss sein»“

  1. Raphael sagt:

    „Wir brauchen dringend einige Verrückte. Guckt euch an, wo uns die Normalen hingebracht haben.“

  2. hallo raphael mein namens vetter.

    du bringst es haargenau auf den punkt. das hast du super geschrieben.
    ich bin auch gerne verrückt… und werde es auch bleiben…

    ein tibetisches sprichwort sagt:
    “es ist besser nur ein tag als tiger gelebt zu haben, als tausend jahre als schaf.” frage: sind sie lieber ein tiger oder ein
    schaf ???
    ein sprichwort, das mehr aussagt, als jedes buch ueber das leben.

    ich wünsche allen “verrückten” macht weiter… und verwirklicht eure träume… lieber stehend sterben als liegend…
    und viel spass bei euren unternehmen.

    gruss von
    raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

  3. Rolf sagt:

    Nur wer mal Angst gehabt hat und danach den Adrenalinschub gespürt hat, weiss was es bedeutet zu leben. Angst macht uns wacher, sie erhöt unsere Konzentration und nur wer seine Angst auch schon mal besiegt hat, wird sich getrauen etwas neues in Angriff zu nehmen. Die einen beim Bergsteigen oder Paddeln. Ich für meinen Teil auf dem Motorrad auf einer abgesperrten Strecke oder im Gelände. Auch Kinder sollen Erfahrungen mit der Angst sammeln können. Ich denke, sie werden dann selbstsicherer.

  4. Philipp Rittermann sagt:

    “…beim sterben ist jeder der erste….”

  5. Nane sagt:

    Spannendes Thema! Mich interessiert vor allem, warum manche Menschen wie paralysiert in Schockstarre verfallen, wenn sie Angst haben, und andere – wie Ron Fischer – rationaler und konzentrierter werden.

    • captain kirk sagt:

      das würde mich auch mal interessieren

      • Siri Schubert sagt:

        Nach jetzigem Stand der Forschung ist an den Unterschieden zwischen den Leuten, die das Risiko suchen, und denen, die es vermeiden, hauptsächlich der Neurotransmitter Dopamin beteiligt und es gibt natürliche Unterschiede im Dopamin-System. Die sogenannten Sensation-Seeker, die sich immer wieder in Extremsituationen wagen, haben oft im Vergleich zur breiten Masse eine Veränderung an den Dopamin-Rezeptoren, so dass das, was für andere bedrohlich wirkt, einen Reiz ausübt.
        Dopamin hat auch einen Einfluss darauf, wie wir angsteinflössende Erinnerungen abspeichern und verarbeiten. Die Wirkungen des Dopamin-Systems sind sehr komplex und noch nicht vollständig erforscht,
        Es ist aber möglich, sich durch Training die notwendige Erfahrung und Ressourcen anzueignen, so dass man nicht mehr einfriert, sondern mit der Situation umgehen kann und rational analysieren kann, welche Gefahren real und wahrscheinlich sind und welche nicht. Fast jeder hat das schon mal erlebt, entweder beim Sport oder in anderen Situation, wie z.B. Vortrag halten, Konzert geben, etc.

  6. Franz sagt:

    Drum & Bass-Produzent Hedj starb bei einem Kajakunfall indem er in einen Strudel hineingerissen wurde :(

  7. Gerd Fehlbaum sagt:

    Der Typ ist mir sympatisch! Genau so Männer braucht das Land! Wir riskieren viel zu WENIG, und wenn, dann fürs Falsche! Weiter so Ron Fischer, ruft ich von Bord meines Segelschiffes, mit dem ich um die Welt segel, ohne Sponsor, nur weil es Meer gibt! Erst wer den Horizont und die Angst hinter sich bringt, merkt die Grenzen und überwindet den Schmerz. Wir sind masslos in unserem Anspruch nach Komfort, wollen nichts mehr MACHEN, sonder nur noch SCHAUEN und machen LASSEN.

    Merke: Wer macht hat Macht!

    Gerd Fehlbaum
    Hochseekapitän

    • hallo gerd

      sehr gut geschrieben… ich stimme dir in sämtlichen punkten ueberein… du bringst es auf den punkt.
      es ist krankhaft, wie ueber versichert die meisten in unserer gesellschaft sind. mir ist ron fischer auch sehr sympatischer
      typ, ich sage auch: “weiter so…”

      gerne würde ich ron einmal persönlich kennenlernen. ich bin bin ueberzeugt, er hat nachher auch das gefühl, ein sieg ueber
      sich selbst errungen zu haben.
      zur angst, die gehört dazu. die hatte ich auch vor extremen bergtouren… wenn man dann aber in der wand ist, ist die angst
      weg… dann ist die konzentration so gross, das man alles vergisst…
      ron weiss auch auf was er sich einlässt… viele in unserer gesellschaft kritisieren immer zu schnell… die grosse vorbereitung,
      das traininig, der instinkt, ron lebt mit dem wasser, mit der natur… ueber diese fakten wird viel zuwenig geredet…

      es braucht menschen wie ron… die welt wäre ärmer, wenn wir nicht solche menschen hätten…
      ich wünsche allen viel spass in der herrlichen natur.

      gruss von
      raphael wellig / http://www.raphaelwellig.ch

  8. Joachim Adamek sagt:

    Da geht’s im Outdoorblog mal ausnahmsweise um’s Paddeln, und ich habe den ganzen Tag keine BaZ lesen können. — Weltenschreiende Ungerechtigkeit: Man verpasst immer etwas.
    Was Herr Fischer über die “Angst” beim (Wild-)Wasserpaddeln sagt, dass es extrem wach macht, klar sehen und präzise wie ein Laser denken lässt, kann ich absolut bestätigen. Diese kristalline Klarheit, absolute Lockerheit bei höchster Konzentration, erlebe ich am Berg nur höchst selten. Ein Gefühl, das das Paddeln in meinen Augen unvergleichlich macht. (Sorry, liebe Berggänger, ich will nicht in Abrede stellen, das jede bezwungene Vertikale und jeder bestiegen Gipfel nicht auch ein Highlight ist!)
    Insgesamt ein tolles Interview. Herr Schubert ist eine super Ergänzung der ohnehin schon guten Outdoor-Redaktion.

    • Siri Schubert sagt:

      Vielen Dank! Freut mich natürlich sehr – und der Herr Schubert ist eine paddelbegeisterte Frau Schubert ;-)

      • Joachim Adamek sagt:

        Sorry, hatte ich mir im Nachhinein gedacht. War leider zu müde, als ich den Beitrag zum ersten Mal las. Jedenfalls: Bleiben Sie am Paddel!

  9. Wie alle Eltern die Extremsportler als Söhne und Töchter haben, war es Anfangs nicht einfach von den Flüssen und Wasserfällen zu hören die Ron schon bewältigt hat. Es war gewöhnungsbedürftig. Doch mit der Zeit haben wir erkannt was Ron wirklich kann! Seit er Flüsse befährt hat er nichts anderes gemacht als Wasserkarten, Wasserständen und deren Verläufe intensiv studiert. Er hat ein geniales Hobby das ihn auf allen Ebenen herausfordert. Und er ist ein wunderbarer Sohn dem mit dem ich noch so gerne wieder einmal im Doppoduo (Doppelkajak) sitzen würde und dabei die Kraft spüren, mit der er mich einen Fluss runter steuert. Wir sind stolz darauf, dass er weiss wann er fahren kann oder nicht. Er steht für seinen Slogan: Ride hard, ride safe! Wir haben volles Vertrauen in sein können. Im Gegensatz zum Extremsport gibt es sehr viel mehr Menschen die auf der Strasse durch ihre Raserei nicht nur sich sondern andere Menschen damit gefährden oder zu Tode fahren! Von irgend jemandem in der Familie hat er wohl seine Sportlichkeit geerbt… Und schlussendlich gibt es im Leben von Eltern nicht anders als Loslassen und Lieben!

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