Leben


Ein Sprint ist wie ein Strip

Pia Wertheimer am Montag den 13. Februar 2012


Schneller Atem. Hoher Puls. Ein Blick in den Spiegel bestätigt, was ich erahnte. Mein Gesicht hat die Farbe einer Tomate. Das Haarband, das meine Locken hätte bändigen sollen, hat ganz eindeutig seinen Dienst versagt. Schweiss rinnt über meine Schläfen – dieser letzte Sprint hatte es in sich. Er hat mein Gesicht gezeichnet und Spuren hinterlassen – auch in meinen Augen. Erschöpfung. Zufriedenheit. Glück. Wille. Entschlossenheit. Der Kampfgeist scheint noch in mir zu hocken und blickt mir unverfroren entgegen. Dieser kurze Lauf hat meine Emotionen regelrecht entblösst. Ein Strip.

Genau dies natürliche Blösse hat der französische Fotograf Sacha Goldberger festgehalten. Er hat Läufer bei ihrem Training im Bois de Boulogne angehalten und sie um einen Sprint gebeten. Unmittelbar danach hat der Franzose sie abgelichtet und empfing sie eine Woche später in seinem Studio. Dort liess er sie auf dieselbe Art posieren – schön gekleidet, frisiert, die Frauen geschminkt.

Das Resultat ist verblüffend: Während auf dem zweiten Bild, die Realität teilweise von Make-up weichgezeichnet erscheint, sind die Sprint-Bilder gnadenlos und unverfälscht. Sie veranschaulichen Schwäche, Leidenschaft, Genugtuung, Beharrlichkeit bis hin zur Verzweiflung. Sie enthüllen Zornesfalten. Die Bilder nach den Sprints zeigen Charakter, die Augen der Läufer scheinen ausdruckvoller zu sein als auf den Studioaufnahmen. Bei den Laufbildern hingegen hat der Fotograf  einen kurzen ungeschönten Einblick ins Leben dieser Menschen festgehalten.

Derweil hat eine kühle Dusche die Spuren meines Sprints weggespült. Ich steh vor dem Spiegel und zeichne die Realität weich.

17 Kommentare zu „Ein Sprint ist wie ein Strip“

  1. Herr H. sagt:

    Wobei man natürlich auch berücksichtigen sollte, dass die Sprintfotos mit härterem Licht aufgenommen wurden und schon allein deshalb mehr Charakter und klarere Schatten zeigen als mit dem soften Studiolicht…
    Aber sonst siehst cool aus.

    • Urs Dudli sagt:

      Das mit dem härteren Licht stimmt nicht. Das wird ja meistens bei den vorher/nachher-Geschichten gefakt. Aber genau hier hat sich der Fotograf bemüht, mit genau den gleichen Lichtverhältnissen zu arbeiten. Coole Umsetzung.

      • HansHuber sagt:

        Dudli hats gecheckt

      • Willi sagt:

        Wenn er nicht an den Lichtverhältnissen geschraubt hat, dann immerhin am Kontrast.
        Übrigens, bei der Brille sieht man sehr gut, dass im Studio mehr Licht gebraucht wurde.
        Mir gefallens aber trotzdem. Das mit dem Licht sehen eh nur solche die auf Kleinigkeiten achten.

  2. Daniel Küttel sagt:

    Und wo ist Ihr Bild mit dem “nach dem Sprint” und “Später aufgebrezelt” Frau Wertheimer? Ein Selbstversuch ist hier sicherlich interessant, vor allem für die Leser. :o )

    Genausogut hätte der Fotograph auch die Leute nach dem Schlafen fotographieren können, ehe die Leute eine Dusche und ein Kaffi gesehen haben. Ich glaub, das würd bei einigen ähnlich aussehen. Ich frag mich eh was einige der Leute wirklich getrieben haben, waren die wirklich Joggen und haben einen Sprint hingelegt? Erstaunlicherweise finde ich bei einigen Frauenbilder das Bild nach dem Sprint “sinnlicher”, als das Bild wenn sie geschminkt sind. Liegt wohl auch daran dass ich natürliche Erscheinungen gerne habe.

    Es gab in einer Mens Health 2011 einen Bericht über Marathonläufer, da wurde auch das Davor und das Danach abgelichtet, die Fotos waren noch viel extremer.

    • Pia Wertheimer sagt:

      ;-) Ich hatte leider nicht das Glück im Bois de Boulogne zu joggen… Die Frauen sind tatsächlich sinnlicher nach dem Lauf. Na dann: Achtung, fertig, los!
      Sportliche Grüsse
      Pia Wertheimer

  3. Luise sagt:

    Schön diese Gedanken Pia, danke. Mit dem guten Durchatmen, bis an die Grenze gehen, nur noch Körper und Gefühl sein hat ein Sprint ja auch viel Ähnlichkeit mit Sex. Und, sorry Männer: Ein guter Sprint macht Frauen schöner als schlechter Sex. Sport ist nicht der schlechteste Ersatz für Sex. Und intensive Bewegung ersetzt den Gang zum Psychiater und zur Kosmetikerin. Die Fotoausstellung von vorher und nachher muss spannend sein. Du weisst nicht, wo die Bilder zu sehen sind?

    • Luise sagt:

      War wohl noch etwas müde. Die Bilder sind oben, klar

      • Pia Wertheimer sagt:

        Liebe Luise
        Wahre Worte! Du findest noch mehr Bilder vom französischen Fotografen auch unter http://www.sachabada.com. Liebe Grüsse Pia

        • Luise sagt:

          Hat zwar wenig mit Outdoor zu tun, aber dafür viel mit der Frage wann ist wer schön?
          Diese Homepage ist phantastisch!!!!

          • Ed sagt:

            Hoppla: Joggen hat Ähnlichkeit mit Sex? Sport ist nicht der schlechtestes Ersatz für Sex?

            Vielleicht, wenn man Sex uns Sport auf’s Schwitzen reduziert. Aber mal echt, so Aussagen sind für einen guten Liebhaber doch sehr schockierend-abschreckend…

            Mein deutscher Super-Arrogant-SVP-Chef und Nichtjogger im Bundesamt hat mal gesagt: “ein Wochende allein mit der Buchaltung ist wie Flitterwochen mit der Frau… Zudem nerven zahlen nicht, sie können nicht sprechen”. OK…auch das hab ich nie verstanden:)

            Naja, aber wenn ich die 80% spastischen Laufstile am Grand Prix Bern anschaue… Früher sagte man, wie er tanzt, so küsst er. Heute sage ich wohl: wie sie läuft, so macht sie Sex?

            Ich wiederhole micht hier wieder: mit dem richtigen BMI von 15 kann man federleicht auch mehr als 20 km joggen.. Und wenn ich nach lockeren 10 km ins Fotostudio gehe, ist vorher und nachher sehr ähnlich.

            Gut, es war ein Sprint. Aber dennoch: joggt doch endlich mal vernünftig was Länge (BMI-angepasst) und Tempo angeht und dann habt ihr auch kein Problem mit vorher und nachher.

            Fehlt wohl nur noch die obliagtorische Zigarette danach auf den Fotos

          • Stadelman Reto sagt:

            BMI von 15? Ediboy, ihnen ist hoffentlich klar das Sie mit BMI 15 MASSIV untergewichtig sind?

          • Ed sagt:

            Hallo Reto Klar, mit BMI 15 ist man massiv zu dürr. Aber wenn man regelmässig 40-50 km joggen will ohne Belastung für Gelenke und Entzündungen, geht das in diese provokative Richtung.

            Beim Basketball muss man 2 Meter sein, sonst wird das nichts. Beim Volleyball sollte man mind. 1.90 sein. Beim Schwimmen muss man Hände haben, die ein A4-Blatt abdecken und Arme, die bis an die Knie reichen und Schuhgrösse 50. Und beim Joggen über lange Strecken muss man eben dürr sein. Beim Tennis sollte man 1.85-1.95 sein (drunter zu klein, drüber Giraffe).

            Klar: 1-2 Km Schwimmen oder mal 5 km Joggen: da ist “egal”, wie man gebaut ist. Aber wenn es richtung Ausdauer und Leistung geht, sollte man die Sportart schon dem Körperbau anpassen…

            Ich frage mich immer, wieso Appenzeller Volleyball spielen wollen oder eben warum zwanghafte CEO’s meinen, einen Marathon laufen zu müssen, obwohl sie dabei mit 10 Kilo Übergewicht Knie, Fussgelenke und Rücken etc. massakrieren. Als Pudel kann man halt nicht Windhund spielen.

            Aber heute muss jeder alles haben und was in ist, wird gemacht. Besonders amüsiert mich im Spital grad die vielen Knieverletzung von “gut durchtrainierten” Carvern, die mit ihren 1500 Franken Renncarvern so extrem in die Kurve liegen, bis alles bricht. Ich sehe ja die Beine und Muskeln nach dem Unfall. Und da fehlt einiges an Muskelmusse um solche Sportgeräte ans Limit zu bringen. Aber egal: Carbon statt Kondition und runter die Piste…

            Darum die Provokation mit BMI 15. Joggen ist KEIN Breitensport, wenn es über eine gewisse Distanz und Belastung (oft ohne Lauftechnik) geht. 10 KM Bern-Wohlensee-retour ist dabei nicht das Problem.

            Ed

  4. diva sagt:

    ein bisschen zuviel photoshop…

  5. Luise sagt:

    @Ed: Die Ähnlichkeit von Joggen und Sex bezieht sich auf Atmung, Schwitzen und der Entspannung danach sowie allfälligen Glücksgefühlen. Von Gefühlen schrieb ich nichts. Und, wie gesagt: Lieber ein schöner Lauf als unschöner Sex.

  6. danny sagt:

    Faszinierend das wenn immer solche Fotostrecken erfolg haben, wird gleich kopiert und das selbe in Grün geliefert. Es ist noch nicht so lange her da trumpfte Irina Wearing mit ihren Jung / alt Photos auf..

  7. Bettina sagt:

    Die Fotos sollen–zumindest links “nach dem Sprint”–natürlich daherkommen, wirken aber sehr inszeniert aufgrund der ähnlichen Posen und Gesichtsausdrücke. Klar sieht jeder gepudert (auch die Herren) und mit Make-up auf einem Foto frischer und besser aus, das ist ja keine neue Erkenntnis. Daher haut mich die Bilderstrecke wegen des gestellten “Verschwitzseins”, das man besser draussen eingefangen hätte, nicht vom Hocker.

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