Leben


Albert war Älpler und im Winter Waldarbeiter

Thomas Widmer am Freitag den 7. Oktober 2011

Im Bus von Andeer Richtung Juf erklärte der Chauffeur per Lautsprecher Dinge; etwa, dass der Bärenburg-Stausee wegen Sanierungsarbeiten leer sei. In Innerferrera stieg ich aus. Die Pensionierten fuhren weiter; Pensionierte, wenn sie nicht wandern, fahren in der Regel immer bis zur Endstation.

Himmlische Ruhe in Innerferrera. Ich atmete durch, nahm auf der Terrasse der «Alpenrose» einen Kaffee. Danach Aufbruch – und praktisch sofort endete der Hartbelag. An der Schule vorbei, schon war ich im Hang. Ich stieg auf eine Felswand zu, die mein Steig später mit einigen Brücklein elegant querte.

Elektrizität ersetzt Erzschürfen

Im Wald zeigte ein Schild einen alten Erzofen an. Ein paar Mauerreste, ein Höhlenschlitz, mehr sah ich nicht. Inner- und Ausserferrera sind durch ihren Namen (lateinisch «Ferrum» gleich Eisen) als Verhüttungsorte angezeigt, im Wappen prangt ein Bergmannspickel. Die Historiker berichten vom Duell zweier Männer um die Erzvorkommen Anfang des 17. Jahrhunderts: Hauptmann Hans Jakob Holtzhalb setzte sein Vermögen ein, um den Abbau zu professionalisieren. Freiherr Thomas von Schauenstein und Ehrenfels zu Haldenstein aber überzog Holtzhalb mit Rechtshändeln, bis dieser ruiniert war.

Ich erreichte die Alp Samada. Strommasten wiesen auf jene Einkommensquelle, die das Erzschürfen ersetzt hat: die Elektrizität aus der Wasserkraft. Herrlich mittlerweile der Anblick der massiven Berge rundum. Nun ging es abwärts zur Alp Lavenzug auf einem Schotterfahrweg durch einen Findlingsgarten. An einem Felsen vor Lavenzug erblickte ich eine gepinselte Inschrift: «Albert Patt» plus die Jahrzahlen 1952, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 60, 70, 72.

Sommerresidenz Cresta

Wer war Albert Patt, rätselte ich – bis ich Cresta erblickte: sonnengeschwärzte Hütten und ein erhabenes Kirchlein in Weiss. Auf dem Alpsträsschen, später auf der Fussgängerabkürzung kam ich schnell zum Ziel. Cresta, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Dorf im nahen Avers, war lange eine Ganzjahressiedlung. Heute leben hier nur in der warmen Jahreshälfte Menschen.

Das Kirchlein, um 1200 über dem Ferreratal erbaut, ist ein Bijou. Schlicht wirkt es mit seinem groben Mauerwerk, aber auch trutzig. Inwendig gibt ihm der Verputz das Gepräge eines Mutterbauches. Fast leer ist es, der Stil des Protestantismus eben. Ein Spruch an der Wand in Sutselvisch, dem Jakobusbrief im Neuen Testament entnommen, hat umso mehr Kraft: «S’ approximei a Deus, schi vean el a s’ approximar a vus». Zu Deutsch: «Nahet Euch Gott, so wird er sich Euch nahen!»

Geissen in der Kirche

Draussen vor der Kirche sprach ich mit einem Bauer. Er erzählte, dass es eine Zeit gab, als die Kirche nicht für Gottesdienste genutzt wurde und noch nicht so schön restauriert war. Da habe einer in ihr Geissen gehalten, der Geissdreck sei knöchelhoch gelegen. Darüber sinnierend, stieg ich ab nach Ausserferrera. Die Wanderung endet im «Edelweiss» mit einem griechischen Salat.

Erst beim Heimfahren fiel mir Albert Patt wieder ein. Ich stellte dann ein Foto der Felsinschrift auf meinen Wanderblog. Stunden später erhielt ich von Herbert Patt aus Tartar GR Auskunft: «Albert Patt ist im Jahre 1914 in 7422 Tartar auf dem Hof Valeina geboren. Dort ist er zusammen mit 12 Geschwistern aufgewachsen. Danach zog er ins Avers und heiratete dort Magdalena Fümm (1921) aus Avers. Albert war Älpler und im Winter Waldarbeiter.»

Route: Innerferrera (Bus von Andeer) – Alp Samada – Lavenzug – Cresta – Ausserferrera (Bus nach Andeer).

Gehzeit: 3 Stunden.

Höhendifferenz: 400 Meter aufwärts, 550 abwärts.

Charakter: Im ersten Teil auf steilen Wegen durch Gras- und Waldhalden, vorsichtiges Gehen nötig; keine richtige Ausgesetztheit. Danach leichte Wanderung.

Höhepunkte: Die stille Alp Samada. Das Kirchlein von Cresta samt dem abgelegenen Weiler. Die Rundsicht vom Kirchhügel aus.

Einkehr: Nur am Anfang und am Schluss. Alpenrose Innerferrera: Mo Ruhetag. Edelweiss Ausserferrera: Mi.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

2 Kommentare zu „Albert war Älpler und im Winter Waldarbeiter“

  1. Werner Meier sagt:

    Wunderschöne, ruhige Wanderung, kann ich nur empfehlen. Einziger Wermutstropfen waren die verlassen wirkenden Zweitwohnungen in Cresta, ein etwas gespenstischer Eindruck.

  2. Stephan Wanner sagt:

    Rückmeldung aus dem zitierten Lager “die Historiker”

    Schön, dass auch wieder mal der Zürcher Hauptmann H.J. Holtzhalb erwähnt wurde. Die einst vom Bergbau geprägte Talgeschichte des Schams, als auch des angrenzenden Rheinwalds, ist untrennbar mit den pionierhaften Bergbauunternehmungen des umtriebigen Hauptmanns Holtzhalb verbunden.
    Einen kurzen Überblick der dramatischen und packenden Bergbauereignisse vor 400 Jahren, als auch der Folgezeit, vermittelt eine vom Schreibenden verfasste zweisprachige summarische Zusammenfassung auf der Homepage der Gemeinde Ferrera (http://www.ferrera.ch), direkter Bergbaulink http://www.ferrera.ch/gemeinden/index.php?page=765

    Mit bergmännischem “Glück auf!”
    Stephan Wanner
    Kurator Pro Gruoba

Kommentieren

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.