Leben


Fakten, Zweifel und «Arschlöcher»

Outdoor-Redaktion am Mittwoch den 16. Mai 2012

Der West-Gipfel des Mount Logans in Alaska.

Der West-Gipfel des Mount Logan in Alaska, aufgenommen vom Hauptgipfel.

Heute publizieren wir einen Essay von Eberhard Jurgalski. Er gehört zu den weltweit führenden Himalaya-Chronisten und Bergforschern. In seinem Beitrag nimmt er Stellung zu den Fakten, Zweifeln, Kritiken und Beschimpfungen, welche ausgesprochen wurden, nachdem der Südtiroler Alpinist Hans Kammerlander die Vollendung seines «Seven Second Summits» kommuniziert hatte.

Angriff ist die beste Verteidigung, dachten sich Hans Kammerlander und seine Berater, nachdem bekannt wurde, dass sein «Seven Second Summits»-Projekt eben noch nicht zu Ende gebracht war.

Im Dezember 2011, bevor Kammerlander zu seinem «letzten» Ziel, dem Mount Tyree in der Antarktis unterwegs war, bekam er bereits von mehreren Seiten die Information, dass er sich um 2,35 km am Mount Logan getäuscht hatte. Da er wohl eher davon ausging, dass Konkurrenten und Neider ihn verunsichern wollten, ignorierte er die Kontaktaufnahme eines Journalisten und behauptete am 3. Januar 2012, dass er mal wieder Alpingeschichte geschrieben habe und als erster Mensch die «Seven Second Summits» bestiegen hat.

Kammerlanders Fans wehren sich

Umstrittene Behauptungen, die sich tatsächlich als falsch herausstellten, sind nicht neu bei Kammerlander, denn trotz seiner famosen bergsteigerischen Leistungen nimmt er es des Öfteren nicht so genau.

Meine erste Erfahrung mit Kammerlander war im Herbst 2007, als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass seine Jasemba-Besteigung keine Erstbesteigung war, sondern 20 (!) Bergsteiger vor ihm auf diesem Gipfel waren. Dies war meine Pflicht als Chronist und auch wichtig für meine eigene Verteidigung als gewissenhafter Statistiker, schliesslich schrieben mich immer wieder Kammerlander-Fans an, warum ich in meiner Erstbesteigungsliste nicht ihn, sondern andere Bergsteiger vor ihm angab. Auch kontaktierten mich immer wieder Leute, die es «unverschämt» von mir fanden, dass ich ihn nur mit zwölf 8000ern angegeben habe und nicht, wie er immer behauptete, mit 13. Auf dem Shisha-Pangma-Hauptgipfel war er 1996 eben nachweislich nicht.

Nach Erhalt der Beweise meldete er sich nicht mehr

Es blieb mir nichts übrig, als höflich in Kammerlanders Büro anzufragen, ob er die Unstimmigkeiten auf seiner Webseite ändern könnte. Nachdem ich mit ihm telefonierte und ihm den Jasemba-Sachverhalt schilderte, sowie auch die Unstimmigkeiten über seine Shisha-Pangma-Besteigung ansprach, meinte er, ich solle ihm die «Beweise» schicken.

Nun, nachdem ich ihm alle relevanten Jasemba-Routenskizzen und  -Expeditionsberichte, sowie Fotos vom Shisha-Pangma-Hauptgipfel zum Mittelgipfel und andersherum zugeschickt hatte, meldete er sich einfach nicht mehr. Da ich genug anderes zu tun hatte, beliess ich es erstmal dabei, auch wenn ich immer wieder mal durch einen Fan wegen meiner «Falschangaben» belästigt wurde.

«Alle anderen haben gelogen»

Zwei Jahre später, am 4. November 2009, hielt Kammerlander in Rheinfelden einen Vortrag. Ich dachte, da könnte ich endlich persönlich mit ihm sprechen und ging mit einem Freund dorthin, in guter Hoffnung, diese Fälle endlich von meinem Schreibtisch zu bekommen. Als ich mich als Himalaya-Chronist vorstellte, sagte er, da kommen andauernd irgendwelche Chronisten und dass es ihn nerve. Nachdem ich hartnäckig blieb, erwähnte er, dass das nepalische Tourismusministerium ihm den Jasemba als «unbestiegen» verkauft hatte.

Er glaubte das ungeprüft und verteidigte das über Jahre. Während unserem Gespräch darüber bekam das einer seiner Begleiter mit und rief über die Köpfe der anderen: «Hans, Du warst der Erste auf dem Jasemba, lass Dir nichts einreden, alle anderen haben gelogen.» In der Zwischenzeit hat er das dann doch an einer Stelle auf seiner Seite geändert, ohne dass das die Öffentlichkeit mitbekam. Jedoch auf der Werbeseite für die dazugehörende DVD wird immer noch von einer Erstbesteigung des Gipfels geschrieben.

Irrtum erst nach Jahren eingestanden

Nebenbei bemerkt, erst während der jetzigen selbstverursachten Affäre um die «Seven Second Summits» hat er nun auch seine Verwechslung an der Shisha Pangma zugegeben, was ihm aber auch schon lange bekannt war. Kammerlander braucht also offensichtlich meistens einige Jahre, um Fehler einzugestehen. Er erwähnt in einem Interview auch, dass von der Shisha Pangma zwei Besteigungstabellen geführt werden (hier nachlesen). Das stimmt, und zwar gibt es diese Tabellen nur von mir und ich habe sie auf meiner Webseite veröffentlicht.

Im Fernsehen Kritiker als «Arschlöcher» bezeichnet

Nun, aktuell klingt alles ziemlich ähnlich für mich. Er behauptet, niemand hat ihm etwas gesagt und man betreibe eine Medienkampagne gegen ihn. Die bösen Schreibtischtäter und der über alles erhabene Weltklassebergsteiger. Dabei hat er nachweislich vor seiner Tyree-Besteigung alles gewusst. Nachdem es sich hingezogen hat mit der Veröffentlichung der wohlrecherchierten Fakten, wurde ein anonymer Internet-User ungeduldig und bezichtigte Kammerlander der Lüge in einem österreichischen Blog. So geht das natürlich nicht, aber Kammerlanders Reaktion in diesem Blog war alles andere als professionell. Er beschimpfte den Journalisten, der ihn im Dezember aufmerksam gemacht hatte, als «ruppig» und «arrogant», was schon mal nicht der Wahrheit entsprach.

In der kürzlich ausgestrahlten TV-Sendung «bergauf bergab» des Bayrischen Rundfunks stellte er sich als Opfer einer Medienkampagne dar. Er liess sogar zu, dass eine andere Bergsteigerlegende, Kurt Diemberger, alle Kammerlander-Kritiker als «Arschlöcher» beschimpft. (Ton-Ausschnitt aus der Sendung hier anhören)

Kammerlander tut so, als würde nur er die Wahrheit kennen

Die von Kammerlander selbst verdrehten Fakten in der Sendung sind hier chronologisch nach der unglaublichen Diemberger-Beschimpfung aufgeführt:

  • Kammerlander behauptet, es gibt mehrere fast gleich hohe Gipfel und das «wahrscheinlich» mehr als die Hälfte aller Logan-Besteiger den Hauptgipfel auch verfehlt haben. Das klingt für den Laien so, als wären da mehrere Gipfel ganz nah beieinander und es wäre vielen anderen auch sicher schon passiert, dass sie den Gipfel verwechselt haben. Wenn man aber bedenkt, dass es nur zwei Gipfel über 5900 Meter gibt, die anderen Gipfel sichtbar niedriger sind und bei einer Logan-Besteigung keine Rolle spielen, weil sie wiederum weit voneinander entfernt sind, kommt das nur als eine an den Haaren herbeigezogene Ausrede herüber. Man bedenke, der Hauptgipfel vom Logan ist fast zweieinhalb Kilometer vom Westgipfel entfernt, und wenn dann ausserdem auch noch bestes Wetter ist, wie am Gipfeltag von Kammerlander, und der Hauptgipfel gut sichtbar war, wird das Ganze noch rätselhafter. Und zusätzlich noch zu behaupten, dass das mehr als der Hälfte der Logan-Besteiger auch passiert sein soll, ist doch sehr abenteuerlich.
  • Dass er sich als Opfer eines anonymen Internetforenbenutzers darstellt und die seriöse Berichterstattung und die vorherige Kontaktaufnahme nicht nur verschweigt, sondern in einen Topf schmeisst ist das Eine. Andererseits verwässert er auch die Fakten, die nicht nur mit dem Eispickel zu tun haben und die ihm schon im Dezember von mehreren Seiten zugetragen wurden. Selbstverständlich sind es die bösen Schreibtischtäter und vermeintliche Konkurrenten, die ihm diese, wie er sich unverschämterweise ausdrückt, hinterlistige Kampagne eingebrockt haben. Falsch, Herr Kammerlander, nur Sie und Ihre Berater sind daran Schuld. Ich habe ja 2009 einen davon selbst erlebt.
  • Kammerlander tut immer noch so, als könnte nur er selbst herausfinden, ob er auf dem falschen Gipfel war, oder nicht. Es geht hier nicht um Vermutungen oder gar Verschwörungen von vermeintlichen Konkurrenten, sondern um bewiesene Fakten!

Der zweithöchste Berg in Neuguinea

Es kommt ja leider noch ein – sagen wir mal – Flüchtigkeitsfehler dazu. Beim Jasemba ist er ja nach eigenen Angaben auf das nepalische Tourismusministerium reingefallen, was er ja wohl in der Zwischenzeit realisiert haben sollte. Nun hat er auch dem indonesischen Ministerium geglaubt und behauptet, der Puncak Trikora sei offiziell der zweithöchste Berg in Neuguinea. Seit einigen Jahren ist es aber schon bewiesen, dass der Puncak Mandala 25 bis 30 Meter höher ist. Auf der Webseite http://peaklist.org/WWlists/ultras/indonesia.html wäre das herauszufinden gewesen.

Alle Versionen der SRTM-Daten zeigen in der Gipfelzelle, die 90 mal 90 Meter gross ist, diesen Unterschied. Hierzu muss man erwähnen, dass ich seit 2004 mit diesen Daten arbeite und tausende Gipfel auf guten topographischen Karten mit den SRTM-Daten verglichen habe. Meistens ist der Gipfel mindestens 20 Meter höher als der höchste Wert in der SRTM-Zelle, die ja nur einen einzigen Punkt zeigt. Das kommt dann darauf an, ob der Gipfel flach oder spitz ist. Wenn er sehr spitz ist, kann der Gipfel schon mal 50 Meter höher sein. Da das Gipfelterrain am Trikora aber ähnlich ist, wie beim Mandala, ist es völlig klar, dass der Mandala um etwa den Wert höher ist. Es gibt recht viele ähnliche Korrekturen zu den offiziellen Stellen weltweit: http://www.viewfinderpanoramas.org/elevmisquotes.html.

Das angerichtete Durcheinander entwirren

Es liegt mir nicht daran, Kammerlanders vollbrachte grandiose Leistungen und seinen Status als einen der weltbesten Extrembergsteiger zu schmälern. Ich wollte nie durch die Aufdeckung von Fehlern eines Bergsteigers bekannter werden, sondern nur mit der Gewissenhaftigkeit und Qualität meiner über 30 Jahre andauernden Arbeit. Es ist mir geradezu peinlich, mich mit so einer Berühmtheit streiten zu müssen. Aber wenn man sich als Chronist der Wahrheit verschrieben hat, bleibt einem gar nichts anderes übrig, dieses von Kammerlander angerichtete Durcheinander zu entwirren.

Es ist auch unverständlich, dass er es für albern empfindet, noch mal nach Neuguinea gehen zu müssen. Es ist verifiziert, dass der Puncak Mandala der zweithöchste Berg in Neuguinea ist. Wenn er seine angekündigte Mount-Logan-Show mit Kopfstand, Pickelmitbringen und was auch immer er plant, um sich weiter über alles lustig zu machen und damit von den Fakten abzulenken, erfolgreich beenden sollte, fehlt ihm zumindest immer noch der Puncak Mandala, um glaubwürdig sein Projekt für beendet erklären zu können.

Beweisfoto vom Gipfel fehlt

In der Fernsehsendung wurde auch klar, wie gleichgültig ihm diese ganze Besteigungsserie war und wie sorglos er mit Offensichtlichem umgeht. Dass er bei seiner «Gipfelsequenz» am Puncak Trikora etwa 500 Meter vom wirklichen Gipfel entfernt steht, kann man andeutungsweise hinter ihm sogar sehen. Das spielt aber eigentlich keine Rolle mehr, weil dieser Berg ja «nur» der dritthöchste in Neuguinea ist.

Jedoch ist auch die letzte Aufnahme von der Besteigung des Dykh-Tau um einiges vom wirklichen Gipfel entfernt. Nun, es kann ja sein, dass, nachdem dort gefilmt wurde, der wirkliche Gipfel noch erreicht wurde, aber da sollte schon ein Foto als Beweis dienen, sonst kann man auch diese Besteigung nicht verifizieren. Normalerweise sollte man ihn einfach darum bitten dürfen, schliesslich will er ja Alpingeschichte geschrieben haben.

Das Bayrische Fernsehen hat die Verdrehungen ungeprüft gesendet

Schon die Reaktion auf eine Anfrage, ob er nicht schon im Dezember zumindest über die Logan-Unstimmigkeiten Bescheid wusste, ist selbstredend. «Da stand doch noch Aussage gegen Aussage» war sein Kommentar. Von mindestens zwei Seiten bekam er die bereits bewiesene Information und er dachte bereits an eine Strafsache, bei der «nur» Aussage gegen Aussage steht?

Dass Kammerlander jetzt diese Fakten kommentieren sollte und Worte der Entschuldigung finden müsste, sollte jedem Leser klar sein, es sei denn, er ignoriert die schon lange bekannten Tatsachen weiter. Ich wünsche es ihm nicht, aber bei all den Verleumdungen und Beleidigungen könnte das Ganze tatsächlich zur Strafsache werden. Das Schlimmste an dieser ganzen unangenehmen Thematik ist aber das Bayrische Fernsehen. Wie kann man, ohne sich über die Faktenlage im Detail zu informieren und die «andere Seite» auch zu hören, solche Verdrehungen, Verleumdungen und Beleidigungen ungeprüft überhaupt senden?


-    Der ungekürzte Essay von Eberhard Jurgalski ist auf seiner Webseite 8000ers.com zu lesen.
-    Hans Kammerlander befindet sich derzeit unerreichbar in Alaska. Vor seiner Abreise hat er versprochen, nach seiner Rückkehr in einem Interview Stellung zu beziehen.

Eberhard Jurgalski*Eberhard Jurgalski, 59, erfasst als Chronist seit 30 Jahren systematisch Informationen und Daten. Er lebt in Lörrach.

Bänderzerrung am Sprunggelenk – was tun?

Natascha Knecht am Montag den 14. Mai 2012
Eine Bänderzerrung kommt oft dann, wenn man es am wenigsten erwartet: New York Fashion Week February 15, 2009

Eine Bänderzerrung kommt oft dann, wenn man es am wenigsten erwartet: Ein Modell an der New York Fashion Week, Februar 2009. (Bild: Reuters)

Ein herrlicher Lauf im Wald. Aber da haben Sie eine Wurzel übersehen und schon ist es geschehen. Sie stolpern und übertreten den Fuss. Obwohl Sie zu Hause gleich einen Kompressionsverband angelegt und mit Cold Pack gekühlt haben, ist der Fuss am gleichen Abend angeschwollen und Sie können kaum noch darauf stehen: eine klassische Bänderzerrung am Sprunggelenk. Diese Verletzung macht 15 Prozent aller Sportverletzungen aus. Richtig behandelt, heilt sie ohne Folgen aus. Ohne adäquate Behandlung können jedoch Restbeschwerden Probleme bereiten.

Das sagt unser Running-Doc *Dr. med. Martin Narozny-Willi:

Anatomie und Bänderriss

Sprunggelenk und Bänder.

Anatomie
Das obere Sprunggelenk wird von einem Bandkomplex auf der Innenseite und drei Bändern auf der Aussenseite stabilisiert. Diese Aussenbänder sind auch am häufigsten betroffen bei der klassischen Bänderzerrung, bei welcher man über die Aussenkante des Fusses umknickt. Je ein Band läuft nach vorne, unten und nach hinten, wobei das vordere weitaus am häufigsten betroffen ist, gefolgt von einer Kombinationsverletzung des vorderen und unteren Bandes.

Untersuchung
Bereits das Ausmass der Schwellung und des Blutergusses geben einen ersten Eindruck vom Schweregrad der Verletzung. Dann wird der äussere und innere Bandapparat abgetastet. So kann bereits gesagt werden, welche Bänder wohl betroffen sind. Als nächstes werden die Knöchel überprüft, ob ein Verdacht auf eine Bruch oder knöchernen Ausriss der Bänder besteht. Danach wird die Verbindung vom Waden- zum Schienbein getestet, bei entsprechendem Verdacht muss man das Wadenbein bis zum Knie abtasten. Im nächsten Schritt werden die stabilisierenden Fusssehnen auf der Innen- und Aussenseite getestet und dabei auch gleich die Basis des Mittelfussknochens an der Kleinzehe, da es hier zu einem oft übersehenen Bruch kommen kann. Vorsichtig wir zum Schluss die Stabilität der Bänder geprüft, soweit es der Schmerz zulässt. Wesentlich für das Therapieresultat ist nicht unbedingt der Grad der Verletzung, sondern die richtige Behandlung mit Ruhigstellung und Physiotherapie.

Zusatzuntersuchungen
Ein Röntgenbild ist notwendig, um Begleitverletzungen, wie knöcherne Bandausrisse, Knochenbrüche sowie Asymmetrien im Sprunggelenk, welche auf weitere Bandverletzungen hinweisen könnten, nachzuweisen. Früher wurden auch noch sogenannte gehaltene Aufnahmen durchgeführt, bei welchen man versuchte, das Ausmass der Instabilität zu messen. Auf diese Prozedur wird heute verzichtet, da die Aussagekraft im akuten Stadium schmerzbedingt nur gering ist.

Oft fragen die Patienten auch nach einem MRI. Dieses ist in den seltensten Fällen bei einer gewöhnlichen Bänderzerrung am Sprunggelenk nötig. Zwar könnte beurteilt werden, ob die Bänder nur gezerrt oder ganz gerissen sind. Dies spielt jedoch für die Nachbehandlung nur eine untergeordnete Rolle, weshalb routinemässig kein MRI durchgeführt wird. Die für die Therapieplanung relevanten Befunde können bei der einfachen Untersuchung in der ärztlichen Sprechstunde erhoben werden. Bei Verdacht auf eine Zusatzverletzung, wie z. B. auf einen Knorpelschaden oder einer Verletzung des Bandapparates zwischen Schien- und Wadenbein, der sogenannten Syndesmosenverletzung, wird das MRI zusätzlich verordnet.

Frühfunktionelle Therapie
Vergleichsstudien zeigten für die operative und nichtoperative Therapie dieselben Ergebnisse. Darum wird unabhängig vom Schweregrad der Verletzung die sofortige Operation kaum mehr durchgeführt. Das wichtigste Ziel der Nachbehandlung ist wieder ein stabiles Sprunggelenk zu erhalten. Eine unbehandelte chronische Instabilität kann über Jahre hinweg zu einer Abnutzung, d. h. zu einer Arthrose führen. Statt das Gelenk lediglich in einem Gips über Wochen ruhig zu stellen, wird heute beim Sportler eine frühfunktionelle Behandlung bevorzugt, d. h. dass sofort mit einer Physiotherapie begonnen wird. Dadurch kehren die Patienten schneller wieder an den Arbeitsplatz und zum Sport zurück, es bestehen weniger chronische Beschwerden und das Risiko einer erneuten Bänderzerrung wird vermindert.

Brace

Ein Brace: Schnürbandage mit seitlichen Stabilisatoren.

Gleich nach dem Unfall soll ein Kompressionsverband angelegt und gekühlt werden, um eine Schwellung zu minimieren. In der akuten Entzündungsphase während der ersten Tage kann eine schmerzbedingte Entlastung an Stöcken angebracht sein. Gleichzeitig soll das Sprunggelenk in einem abnehmbaren Brace, einer Schnürbandage mit seitlichen Stabilisatoren, ruhig gestellt sein. Somit können die Bänder wieder in der richtigen Position stabil verheilen. Das Brace muss in den ersten Wochen Tag und Nacht getragen werden. In der darauf folgenden Vernarbungsphase wird in der Physiotherapie weiter an der Abschwellung und am Belastungsaufbau gearbeitet.

Durch die Bänderzerrung werden auch die Mechanorezeptoren des Sprunggelenkes geschädigt. Dabei kommt es zu einem Verlust der koordinativen Fähigkeiten, welche in der Rehabilitationsphase wieder antrainiert werden müssen, z. B. auf unebenen Oberflächen oder Wackelbrettern. Zusätzlich wird an der Kraft und Beweglichkeit gearbeitet und somit das Sprunggelenk auch wieder an eine sportliche Belastung gewöhnt. Je nach Schweregrad der Verletzung dauert die Heilung einer Bandverletzung am Sprunggelenk 4-6 Wochen.

Die Therapie Bandverletzung am Sprunggelenk beim Athleten ist individuell angepasst an den Schweregrad der Verletzung sowie an die Bedürfnisse seiner Sportart. Bei konsequenter Durchführung sind die Resultate sehr gut und das Risiko einer erneuten Bandverletzung gering.

Was sind Ihre Erfahrungen?

Dr. med. Martin Narozny-Willi

Dr. med. Martin Narozny-Willi, unser Doc bei «Running im Outdoorblog».

* Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. SportClinic Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base.

Räuberschlucht und Rebenland

Thomas Widmer am Freitag den 11. Mai 2012

Diese Woche Mont Sujet, Twannbachschlucht und Schafiser Weinprobe (BE)

Der Bus ab Bahnhof Biel war pumpenvoll: Wanderer, Kletterer mit Seilen, Biker, deren Velos Bikes das Einsteigen fatal komplizierten. Wir atmeten auf, als wir nach längerer Fahrt oben in Les Prés-d-Orvin, Bellevue, aussteigen konnten.

Das erste, was ich bemerkte: ein Himmel wie im Kino. Wolken, weiss, wattig und von einer Körperlichkeit, die auch auf Fotos beeindruckt.

Bauernwürste mit Ahorn, fein

Wir zogen los, dem Mont Sujet entgegen. Dessen Name hat nichts mit Subjektphilosophie zu tun hat. «Sujet» kommt vom französischen Patoiswort «Suche» gleich «kleiner Gipfel». Gross war dann allerdings, als wir oben waren, die Sicht. Wir sahen die Seen der Region und allerhand Juraberge, darunter natürlich der Chasseral mit seiner Antenne. Den höchsten Punkt unseres Mont Sujet zeigte übrigens nur ein Stein im Boden an, wohingegen wir auf dem tieferen Nebengipfel ein Kreuz ausmachten – ungerechte Welt!

Abwärts nahmen wir ein Stück weit denselben Weg und kehrten in der Bergerie du Haut ein. Das stilechte Jura-Gehütt gehört der Gemeinde Lamboing, hat nur in der warmen Jahreszeit offen, wird von Freiwilligen im Turnus gehütet. Man kann auch übernachten. Die geräucherten Bauernwürste vom Bartlomé in Lamboing mochten wir sehr; ich hatte eine mit Ahorn oder Ahornsirup darin, fein.

Sensationelle Twannbachschlucht

Wir stiegen weiter ab, nahmen dabei die Variante via den Skulpturenweg, Figuren der Brienzer Schnitzerschule säumten den Pfad. Endlich traten wir aus dem Wald, hatten vor uns die Ebene um Diesse mit der Kerbe der Twannbachschlucht und das in einer Mulde ruhende Dorf Lamboing; sein Dächermeer erinnerte mich an eine tunesische Kleinoase.

Die Twannbachschlucht ist jedesmal wieder eine Sensation: die überhängenden Felsen, der Bach, die Bändigung der vermoosten Wildheit durch den Menschen mit Treppen, Holzbohlenstufen, Geländern. Nach 20 Minuten in der Schlucht bogen wir rechts ab Richtung Ligerz. Erhaben der Moment, da wir aus dem Wald traten: Nun waren wir im Licht, im Genuss, im Land der Winzer; wir fanden uns im Hang über dem Bielersee inmitten der Reben. Vor uns lag die Petersinsel.

Wald, Wein und die Räuberschlucht

Wir hielten vorwärts, passierten das Kirchlein von Ligerz, einst eine Pilgerkapelle und heute beliebt bei Brautleuten, die eine Bilderbuch-Hochzeit anstreben. Von Ligerz setzten wir gleich fort nach Schafis. Dort, wussten wir, war Weinprobe.

Schafis ist ein Dörflein zehn Gehminuten nach dem Bahnhof von Ligerz; ein paar Häuser bilden eine Gasse und Geborgenheit. Überall war ins Freie gestuhlt. «Weinprobe» nennt sich ein Fest der Winzer, bei dem man degustieren und kaufen kann. Wir assen: frittierten Egli die einen, Käseschnitte die anderen. Und wir tranken Weisswein. Später besorgte ich mir bei meinem Lieblingswinzer Teutsch ein paar Flaschen Gutedel, also Chasselas.

So war das letzten Mai und… in einer guten Woche ist wieder Weinprobe in Schafis – man gehe hin! Und um mein Gefühl zur ganzen Unternehmung nachzuliefern: Das war eine meiner allerschönsten Wanderungen. Ein abwechslungsreicher Dreiakter: Zuerst Jura mit Kalk, Wald, Weide und freier Sicht vom Berg. Dann eine Räuberschlucht. Und schliesslich der französisch behauchte Traubenhang und der See als Seelenspiegel. Eine Schifffahrt auf ihm, von Ligerz nach Biel, machte den Tag perfekt.

Route: Les Prés-d’Orvin, Bellevue (Bus ab Biel SBB) – Noire Combe – Bergerie du Bas – Bergerie du Haut – Mont Sujet – Bergerie du Haut – Skulpturenweg – Lamboing – Les Moulins – Twannbachschlucht – Abzweiger im unteren Teil der Schlucht – Kirchlein Ligerz – Ligerz – Schafis – Ligerz (Bahn oder Schiff nach Biel).

Gehzeit: 4 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: 400 Meter auf-, 1000 abwärts.

Charakter: Drei ganz verschiedene Etappen, zuerst Jurawanderung, dann Schluchtwanderung, dann Weinwanderung. Aussichtsreich. Paradiesgartenverhältnisse in den Reben über dem Bielersee.

Höhepunkte: Der Blick vom Mont Sujet. Die Einkehr in der Bergerie du Haut mit den Bartlomé-Würsten. Der Schummer der Twannbachschlucht. Schafis, die Weinprobe, der Wein.

Hund: Ruppig in der Twannbachschlucht.

Einkehr unterwegs: Bergerie du Bas (Montag zu). Bergerie du Haut (am Wochenende bei gutem Wetter). In Lamboing und Ligerz.

Tipp I: Weinprobe in Schafis am 19. und 20. Mai: Eine Mischung aus Winzerzeremonie, Degustationsanlass, Volksfest.

Tipp II: Die Saucisses paysannes fumées von Metzger Bartlomé in Lamboing sind hervorragend: www.lion-rouge.ch

Tipp II: Besonders schön ist die Rückkehr nach Biel mit dem Schiff.

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Kleider machen Leute – auch auf dem Velo

Laurens van Rooijen am Donnerstag den 10. Mai 2012

Die Temperaturen steigen, die Abende werden länger und der Schnee schmilzt endlich auch in den Bergen. Für die Radsportler bedeutet dies: Die Saison kann beginnen! Höchste Zeit für einen kleinen Exkurs zur Frage: Wer kleidet sich wie im Velosattel? Und was soll damit kommuniziert werden?

Eigentlich sind Radsportler ja Einzelgänger: Zwei Räder, ein Mensch, das Wetter und die Landschaft sind die Zutaten für manch unvergessliche Ausfahrt. Schon im Training und erst recht bei Grossanlässen wie Jedermann-Rennen zeigen Radsportler jedoch ein ausgeprägtes Rudelverhalten. Und mit der Gruppe wächst auch das Bedürfnis, Botschaften über sich selbst über die Wahl der Sportbekleidung auszusenden. Denn dass es dabei nur um Funktionalität jenseits aller Eitelkeiten und Symbolik geht, braucht einem niemand zu erzählen.

Gekleidet wie die Profis, von Kopf bis Fuss

Das beginnt bei Rennrad-Fahrern, die sich aus Verehrung für einen bestimmten Radprofi vom Helm bis zu den Socken in den Farben eines Teams kleiden. Vor zehn, fünfzehn Jahren hat dieses Phänomen Deutschland ein strampelndes Meer in schrillen Magenta-Tönen beschert. Die Körper, die damals in enge Jerseys und Shorts gezwängt wurden, bieten sich dafür nicht immer an. Das Resultat erinnert oft an eine farbenfrohe Presswurst, Vorteilhaft ist anders. Wenn dann noch systematisches Doping bekannt wird wie bei den Teams von Festina und Phonak, sind die Tenues entsprechender Teams erst recht fragwürdig. Es sei denn, man verdient sein Geld als Sportmediziner oder Apotheker.

Für alle, die Stunden im Rennradsattel verbringen, sind enge Tenues die praktischste Wahl: Die sitzen ohne Falten und Druckstellen, transportieren Schweiss gut von der Haut ab und flattern nicht im Wind. Wer sich nicht so farbenfroh wie Radprofis kleiden oder sich nicht mit deren Verhältnis zu Medikamenten und sportlicher Fairness identifizieren mag, dem bietet der Markt auch neutral gestaltete, hochwertige Teile. Etwa von Castelli, Assos, Rapha, Qloom oder Gore Bikewear.

Ob Profi oder Amateur: Wenn man sich schon in ein enges Lycra-Tenue stürzt, dann sollte dieses auch sitzen. Und zwar wie eine zweite Haut, ohne dass die Bündchen schlackern oder das Sitzpolster locker im Schritt hängt und daher fatal an eine volle Windel erinnert. Weisse Tights sind ausserdem so heikel wie solche in Sand- oder Rosatönen: Helle Farben können zu ungewolltem Exhibitionismus führen, wenn der Schweiss erstmals fliesst. Das gilt erst recht für Radsportler mit starker Körperbehaarung. Auch vor Design-Sauglattismus wie auf Lycra aufgedruckten Trachtenmotiven und dergleichen sei an dieser Stelle gewarnt.

Von Tights, Baggie Shorts und Kniesocken

Nur ausgesprochen eitle Menschen steigen mit weiten Shorts aufs Rennrad. Anders die Mountainbiker: Da ist die Entscheidung zwischen Tights und Shorts weit offener. In Rennen, wo vor allem Ausdauer gefragt ist, dominieren enge Tenues. Mit steigendem Anspruch an die Fahrtechnik und abnehmendem sportlichem Ehrgeiz nehmen die weiten Shorts Überhand. Denn mit diesen kann man sich nicht nur ins Café setzen, ohne ungewollt Problemzonen zu offenbaren. Weil die Shorts meist aus robustem Material geschneidert sind, überstehen sie auch Stürze, wie sie im Gelände schon mal vorkommen können. Und sie bieten Taschen für Kleingeld, Schlüssel und dergleichen.

Auch bei der Länge der Sportsocken sind Mountainbiker freier als Rennradler, zumindest in Rennen: Der Weltradsportverband hat dieses Jahr eine neue Regel erlassen, wonach bei Rennen auf der Strasse die Socken maximal bis zur Hälfte des Schienbeins reichen dürfen. Damit sollen Kompressionsstrümpfe aus dem Peloton der Strassenprofis verbannt werden. Zudem galten auf dem Rennrad lange nur weisse Sportsocken als angebracht. Auch dies sehen die Mountainbiker weniger verkrampft: Ihnen bieten sich Socken in allen erdenklichen Farben und Mustern, von ganz kurz geschnitten bis zu verkappten Kniestrümpfen. Letztere sind vor allem bei der Klientel verbreitet, die lieber bergab oder über Sprunghügel fährt.

Modefarben, Konventionen und Fettnäpfchen

Auch wenn die Reglemente und die Konventionen im Gelände lockerer erscheinen: Auch hier gibt es Fettnäpfchen und Abgrenzungsmechanismen. Das beginnt mit der Entscheidung zwischen Tights und weit geschnittenen Shorts oder gar langen Hosen aus robustem Gewebe, wie man sie aus dem Motocross kennt. Wer weniger knallige Farben mag, hat es 2012 schwer: Denn der aktuelle Sportmode-Jahrgang kommt sehr farbenfroh daher: Viele Hersteller kombinieren Grün, Cyan oder Violett mit Orange oder Gelb, dazu kommt eine Rückkehr der Neonfarben. Viele dieser Farben finden sich nicht nur auf der Sportbekleidung, sondern auch auf den Rädern der tonangebenden Hersteller. Und sogar an Helmen und Knieschützern tauchen die Modefarben auf.

Am deutlichsten zeigt sich der Jahrmarkt der Stollenreifen-Eitelkeiten an der Talstation von Bergbahnen, die eigens für Biker erstellte Abfahrten erschliessen. Auch hier dient die Kleidung unter anderem dazu, Botschaften über sich selbst auszusenden. Da wären einmal die Konsumverweigerer: Für sie sind alle Kunstfaser-Teile ohnehin des Teufels. Lieber setzen sie auf T-Shirts und Kapuzenpullover aus Baumwolle, dazu passen Hosen mit Seitentaschen. Farblich herrschen Schwarz, Braun- und Grautöne vor, als Designs kommen allenfalls ein paar Totenköpfe oder abstrakte Muster, aber ganz sicher keine Markenlogos in Frage. Man ist ja keine Kommerzhure, ha!

Von Pyjamas und den Reaktionen auf selbige

Das pure Gegenteil wird von Insidern als « Pyjama-Fraktion » bezeichnet: Diese Fahrer kleiden sich wie ihre Idole aus dem Downhill-Sport in neuste Kollektionen angesagter Sportschneider wie Troy Lee Designs oder Fox Racing. Deren Teile orientieren sich vom Stil her an Motocross-Bekleidung und sind ausgesprochen farbenfroh – was schon mal Kommentare wie «schaut nach vorverdautem Fruchtsalat aus» provoziert. Vor allem aber sind Hosen, Trikot, Handschuhe und zum Teil sogar noch Helm und Brille exakt aufeinander abgestimmt. Aber Vorsicht: Wenn die Fahrtechnik weit hinter dem geschniegelten Äusseren zurück bleibt, wird es schnell unfreiwillig peinlich und hämische Sprüche sind nicht ausgeschlossen.

Schliesslich gibt es noch die Pragmatiker unter den Radsportlern: Bei ihnen entscheiden nicht Konventionen, Prinzipien und Eitelkeiten, sondern die Art der geplanten Ausfahrt, das zu erwartende Wetter  und der Kleiderschrank beziehungsweise der Waschplan, was sie jeweils anziehen. Wer beim Kauf von Sportbekleidung auf allzu grelle Modefarben verzichtet, erleichtert sich die Auswahl passender Teile und umgeht im Voraus unmögliche Farbkombinationen. Und hat erst noch den Vorteil, dass das Jersey, die Hose oder der Helm im kommenden Jahr nicht gnadenlos aus der Mode sind, sondern neben Funktion auch eine zeitlose Optik bieten.

Welche Kriterien beachten Sie, wenn Sie die Kleidung für eine Ausfahrt auswählen? Sind Sie ein Bilderbuch-Gümmeler, ein Pyjama-Downhiller oder eine Touren-Presswurst?

Was käme für Sie niemals in Frage, wo ziehen Sie für sich eine Linie in Sachen Radsportbekleidung? Gibt es No-Gos?

Und sind Sie schon einmal auf Ihre Bekleidung angesprochen worden bei einer Ausfahrt?

Das böse Ego und die liebe Wahrheit

Natascha Knecht am Mittwoch den 9. Mai 2012

Christian Stangl

Christian Stangl im Interview: «Inzwischen sehe ich meine Fehler ein. Aber ich brauchte über ein Jahr, um mir diese einzugestehen. Ich bin mir heute auch bewusst, was ich mir damit als Bergsteiger verspielt habe. Egal, was ich künftig mache, die K2-Sache bleibt an mir haften.» (Foto: Ernst Kren)

Er galt als Idol, wurde jahrelang als «Skyrunner» und Erfolgsbergsteiger gefeiert, dann folgte der tiefe Fall: Christian Stangl hatte im August 2010 verkündet, er habe den K2 bestiegen. Als Beweis präsentierte er ein Foto, das er angeblich auf dem 8611 Meter hohen Gipfel von sich geknipst hatte. Doch bald tauchten Zweifel auf, der heute 46-jährige Österreicher geriet unter Druck und musste schliesslich vor versammelter Medienschar zugeben, dass er nie auf dem Gipfel gestanden ist.

Der K2 liegt im Karakorum und ist nach dem Everest der zweithöchste Berg der Erde. Höhenalpinisten bezeichnen ihn als den schwierigsten aller vierzehn Achttausender. Für Christian Stangl ist die Besteigung deshalb so wichtig, weil er als erster Mensch die «Triple Seven Summits», die jeweils drei höchsten Berge der Kontinente, erklimmen will. Alpinistisch blieb Stangl seit 2010 aktiv, war wieder mehrfach erfolgreich, aber er hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Erstmals erzählt er ganz ausführlich, weshalb er die K2-Besteigung vortäuschte, warum er erst alles abstritt, was sich danach in seinem Leben verändert hat und wann er zurück an den K2 will.

Herr Stangl, 2010 wollten Sie mit einem falschen Gipfelbild beweisen, den K2 bestiegen zu haben. Wie hart war der Absturz?
Christian Stangl: Es war ein Riesenabsturz. Bergsteigerisch und persönlich blieb kein Stein auf dem anderen.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Mir sind die Nerven gerissen. Der K2 ist sowas von gefährlich. 2010 war der Sommer verhältnismässig warm, darum gabs noch mehr Steinschlag als in anderen Jahren, von den Séracs donnerten Eisbrocken runter. Ich hatte panische Angst, dass es mich erwischt, dass ich sterbe. Das wollte ich mir damals zwar nicht eingestehen, aber ich hatte eine Riesenangst. 2010 war ein schlechtes Jahr. Selbst bei einfachen Klettertouren zu Hause in Österreich geriet ich gleich in Panik, wenn sich im Fels über mir ein kleiner Stein löste. Die Angst verfolgte mich wie eine Krankheit, vielleicht war sie eine Krankheit.

Warum diese Angst?
Mitgespielt hat sicher das Ereignis im 2008, als ich das erste Mal am K2 war. Damals entkam ich auf 8100 Meter nur haarscharf einer Eislawine und erlebte mit, wie über mir elf Menschen mitgerissen wurden und starben. Ein Schock, den ich komplett verdrängt, aber wohl nicht verarbeitet hatte. 2009 war ich wieder dort, musste 300 Meter unter dem Gipfel umkehren. 2010 klappte es zum dritten Mal nicht. Da wächst die Hemmschwelle, es nochmals versuchen zu wollen. Der K2 ist kein Berg, den man aus Lust besteigt. Er ist ein Berg der Angst. Er verlangt mehr als körperliche Fitness. Das ist nicht wie an einem Sechstausender in Südamerika. Am K2 muss man zusätzlich damit umgehen können, jeden Moment sterben zu können, die objektiven Gefahren sind enorm.

Und dann haben Sie das Foto, das Sie gar nicht auf dem Gipfel gemacht haben, verschickt und gesagt, Sie seien oben gewesen und das sei Ihr Gipfelbild?
Ja. 2010 nahm ich erstmals einen Computer mit, übermittelte meinem Kommunikations-Manager zu Hause mehrere Bilder, rief ihn danach an und sagte: Schick eines davon raus an die Medien.

Kein schlechtes Gewissen?
In diesem Moment nicht. Ich fand das okay so. Ich wollte einfach meine Ruhe haben vom K2.

Wann holte die Realität Sie ein?
Bereits auf dem Heimflug realisierte ich, dass ich einen Riesenscheiss gemacht habe. Aber da war die Lawine bereits losgetreten.

Weshalb stritten Sie erst alles ab?
Es war eine Trotzreaktion. Ich stolperte über mein Ego. Wir Profi-Bergsteiger sind wahrscheinlich alle grosse Egoisten. Bei vielen Besteigungen geht es nicht um Freude oder Genuss, sondern darum, besser zu sein als die anderen. Ich hatte über Jahre Erfolg. Dann klappte der K2 drei Mal hintereinander nicht. Ich war verzweifelt. Dass jemand mein Gipfelbild in Frage stellen würde, hatte ich damals nicht erwartet. Dann kam aber doch einer und hielt mir unter die Nase: Hey, du warst gar nicht auf dem Gipfel! Ich reagierte mit Trotz und Sturheit: Was will der Typ mir vorhalten, mir? Mein Ego nahm überhand. Ich stritt ab, konnte den Fehler nicht zugeben, weder gegenüber den anderen, noch gegenüber mir selber. In den vergangenen 500 Tagen habe ich mir über diesen Punkt viele Gedanken gemacht. Inzwischen sehe ich meine Fehler ein. Aber ich brauchte über ein Jahr, um mir diese einzugestehen. Ich bin mir heute auch bewusst, was ich mir damit als Bergsteiger verspielt habe. Egal, was ich künftig mache, die Sache bleibt an mir haften.

Christian Stangl

Das berühmte K2-«Gipfelbild» von Christian Stangl, August 2010.

Hatten Sie damals, als Sie das falsche Gipfelbild übermittelten, wirklich nicht daran gedacht, dass der Schwindel auffliegen könnte?
Nein! Ich fühlte mich in diesem Moment so erleichtert, war so froh, dass die K2-Sache endlich vorbei ist. Schaue ich mir das Bild heute an, weiss ich, wie blöd das war. Auf dem Foto sieht man links unten Berge, die eindeutig nicht vom K2-Gipfel aufgenommen sein können und die mich letztlich auch überführt haben. Hätte ich damals daran gedacht, hätte ich die sicher weggeschnitten.

Sie sagen, beim Profi-Bergsteigen geht es nur noch ums Ego?
Auch der Südtiroler Bergsteiger Hans Kammerlander befindet sich heute in einer saublöden Situation. Vergangenen Dezember rief ich ihn an und sagte ihm, das Gipfelbild vom Mount Logan, das er auf seiner Webseite präsentiert, könne nicht auf dem Mount Logan aufgenommen worden sein. Ich war ja selber oben. Der rote Eispickel ist nur ein vordergründiger Beweis, aber die Berge im Hintergrund sind markant. Statt diesen offensichtlichen Irrtum zu korrigieren, verkündete er ein paar Wochen später, er habe als erster Mensch die «Seven Second Summits» bestiegen. Auch er glaubte wohl nicht daran, dass jemand sein Beweisbild in Frage stellen könnte. Dieses Verhalten erinnerte mich stark an mein eigenes damals. (Anmerkung: Auf telefonische Anfrage mit dieser Aussage konfrontiert, sagt Hans Kammerlander: «Es stimmt, mir waren die Zweifel bekannt, als ich im Januar die Vollendung meines Seven Second Summit-Projekts kommunizierte. Damals stand jedoch noch Aussage gegen Aussage, und ich war der festen Überzeugung, dass ich recht hatte. Inzwischen glaube ich aber ebenfalls, dass ich nicht den Hauptgipfel des Mount Logan bestiegen habe und reise diese Woche nach Alaska, um das vor Ort zu verifizieren.»)

Übel nahm man Ihnen vor allem, dass Sie mit teils wirren Aussagen versucht hatten, alles abzustreiten. Was haben Sie daraus gelernt?
Heute würde ich gar keine Erklärungen mehr abgeben. Würde nur noch sagen: Ich war nicht auf dem Gipfel. Punkt.

Die K2-Geschichte hat Ihnen nicht nur geschadet. Obschon Sie jahrelang grosse Erfolge verbuchen konnten, waren Sie bis dahin vor allem in der Szene bekannt. Seit 2010 sind Sie der breiten Öffentlichkeit ein Begriff, auch in der Schweiz. Ihre Sponsoren haben Sie trotz allem nicht hängen gelassen. Ist der Druck gewachsen?
Der Alpinismus ist ein Spiegel der Gesellschaft. Es gibt viele Parallelen. Um langfristig glaubwürdig zu bleiben, ist Transparenz entscheidend. Ähnlich wie in der Politik. Auch da muss alles offengelegt werden, zum Beispiel, von wo die Parteispenden kommen. Profibergsteiger müssen heute in ihrem Eigeninteresse einen Gipfelbeweis in Form eines aussagekräftigen Fotos, eines GPS-Tracks, eines GPS-Fernsignals (Spot Messenger) oder eines sonstigen eindeutigen Beweises präsentieren. Anders geht es gar nicht mehr. Das Misstrauen ist allgegenwärtig. Früher waren Alpinisten nicht ehrlicher als heute – das meine ich jetzt keinesfalls als Entschuldigung für mein Handeln – aber früher waren die Ansprüche anders. Da gabs noch kein Internet, wo jeder Bilder und Informationen präsentieren musste, respektive auf solche zugreifen konnte. Es war schwieriger, Zweifel zu beweisen. Ich bin da in einer Paniksituation reingefallen.

Schneller, höher, krasser. Worauf zielen Profi-Alpinisten heute ab, um im Gespräch zu bleiben?
Als Profibergsteiger unterliege ich der freien Marktwirtschaft, wie alle Selbständigerwerbenden. Ich muss Leistungen bieten, die der Markt will, brauche einen Businessplan, der sich an der Leistungsgesellschaft orientiert. Die Frage lautet aber natürlich: Wie weit muss ich mitspielen? Profi-Bergsteigen hat nichts mit Romantik zu tun. Wer breites Aufsehen erregen will, muss Leistungen erbringen, die auch für Nicht-Bergsteiger greifbar sind. Etwa in Rekordzeit die Eiger-Nordwand durchsteigen.

Ihre Karriere als «Skyrunner» haben Sie vorübergehend an den Nagel gehängt. Sie steigen nicht mehr in Rekordzeit auf die Berge. Ihr neues Projekt nennen Sie «21 Weltgipfel». Sie wollen als erster Mensch die «Triple Seven Summits», die jeweils drei höchsten Gipfel der Kontinente, besteigen.
Ich will nicht mehr «nur ein Bergsteiger» sein, der des Gipfels oder der Route wegen auf einen Berg steigt. Mir ist klar, was ich alles verspielt habe. Meine Richtung ist eine neue. Es geht mir jetzt darum, Gipfel zu vermessen. In Ozeanien, Afrika und auch Europa gibt es Berge, die nicht eindeutig und mit demselben Bezugssystem vermessen wurden. Deshalb nehme ich jetzt immer ein sogenanntes Differenzial-GPS mit, welches das Gelände auf zehn Zentimeter genau berechnen kann und aufzeichnet. Die Daten lasse ich von Geoat.at auswerten und stelle sie dann zur Verfügung. Auf die 21 Weltgipfel bin ich gekommen, weil weltweit keine verifizierte Liste der zweit- und dritthöchsten Kontinentalgipfel existiert. Da möchte ich endlich Klarheit schaffen. Ausserdem sind die 21 Weltgipfel eine neue, noch ungelöste Alternative zu den bekannten Alpinzielen des letzten Jahrhunderts, etwa den «Seven Summits» oder den 14 Achttausendern. 19 der 21 Gipfel konnte ich bereits besteigen. Noch fehlt mir der K2, der zweithöchste Asiens, und der Shkhara im Kaukasus, der dritthöchste Europas.

Hochasienchronist Eberhard Jurgalski – er gilt als internationale Institution, was die systematische Erfassung von Bergen anhand topografischer Kriterien betrifft – sagte kürzlich, der zweithöchste Berg Ozeaniens sei der Puncak Mandala, nicht der Ngga Pulu, den Sie bestiegen haben.
Daraufhin besuchte ich Eberhard Jurgalski. Wir sassen fünf Stunden zusammen und diskutierten das sachlich durch. Wir haben beide unsere Informationen und Daten dargelegt. Jurgalski ist ein fachlicher Freak und irrsinnig genau mit seiner Arbeit. Aber ich fürchte, dass er recht haben wird, dass der Ngga Pulu nicht der zweithöchste Berg Ozeaniens ist. Für mein «21 Weltgipfel»-Projekt spielt das aber keine Rolle, da ich in Ozeanien auch alle «Ersatzgipfel» bestiegen habe, auch diese drei, welche gemäss Jurgalski die richtigen sind, inklusive dem Puncak Mandala.

Vergangenen Sommer waren Sie zum vierten Mal am K2, wieder erfolglos. Kehren Sie auch dieses Jahr zurück zum K2?

Ja, Mitte Juni reise ich ab. Meine Gefühle sind dieses Jahr besser. Aber natürlich kann es wieder schief gehen. Das wäre für mich der «worst case».

Haben Sie keine Angst mehr?
Vergangenes Jahr versuchte ich den Aufstieg am K2 über eine Route, die mir nicht so gefährlich vorkam. Es war auch kühler, darum gabs weniger Eisschlag und Lawinen. Am letzten Tag wurde dann das Wetter einfach so schlecht, dass wir nicht zum Gipfel aufsteigen konnten. Darum steckt mir die Angst jetzt nicht mehr so tief in den Knochen wie nach 2008. Auch die Frustration ist nicht mehr so präsent. 2009 waren wir schon auf 8300 Meter und ich war sicher: Jetzt schaffst du es. Doch dann sind wir alle im Neuschnee stecken geblieben, ich musste wieder kurz vor dem Gipfel zurückkehren. Ich dachte: Das gibts ja nicht! Aber wenn das Wetter und die Verhältnisse Scheisse sind, hilft nichts.

Und Ihr Ego?
Natürlicher ist es auch heuer wieder mein sehnlichster Wunsch, den Gipfel zu erreichen – auch wenn ich die leise Vermutung habe, dass es vor allem mein Ego ist, das da rauf will. Dieser Berg hat mich verändert. Die Leute werden mich immer mit dem K2 und 2010 in Verbindung bringen. Und für mich ist es der fünfte Sommer in Folge, den ich am K2 verbringe. Es gibt wirklich Schöneres, das man zwischen Juni und August machen kann. Aber wenn ich den Gipfel erreicht habe, werde ich wissen, weshalb ich so manchen Sommer meines Lebens dort zubrachte.

Wenn Läufer zu heiss sind

Pia Wertheimer am Montag den 7. Mai 2012
Lust auf Laufen: Zuviel Ehrgeiz ist am Wettkampf kontraproduktiv.(Bild: myopera.com)Lust auf Laufen: Zuviel Ehrgeiz ist am Wettkampf kontraproduktiv.(Bild: myopera.com)

Lust auf Laufen: Zuviel Ehrgeiz ist am Wettkampf kontraproduktiv. (Bild: myopera/piripage.com)

Die Laufsaison ist jung und mit jedem Wochenende steigt das Wettkampfangebot für die Sportler. Nach den kalten Wintermonaten heisst es nun die Früchte des Trainings zu ernten. Die Läufer sind heiss. Sie wollen die schnellen Schuhe schnüren, eine Startnummer montieren und zeigen, was in ihnen schlummert. Genau wie ich mich heuer an meinem ersten Wettkampf fühlte, müssen sich junge Rennpferde fühlen: Begierig alles zu geben, die Emotionen durchbrennen zu lassen, die Vernunft, als wäre sie ein hilfloser Jockey, zu ignorieren. Nach dem Startschuss mit dem Pulk los zu preschen, den Wind im Gesicht, mit ungezügelter Freude und steigendem Puls. Um nur wenige Minuten nach dem Start nach Luft japsend in die Falle zu tappen: Das Tempo überstieg meine Fähigkeiten komplett. Mein Körper war gnadenlos auf die Bremse getreten. Mit dem Sauerstoffmangel schien die Vernunft zurück zu kehren.

Valentin Belz von Runningcoach.ch kennt dieses Phänomen und rät in diesem Fall: «Sofort Tempo raus nehmen und nach einer kurzen Verschnaufpause versuchen auf Zieltempo einzupendeln!» Leichter gesagt als getan, denn in meinem Fall reichte es nicht einmal mehr dafür. Mit der Geschwindigkeit sank deshalb die Motivation. Blinker raus und den Lauf vorzeitig beenden? Ein verführerischer Gedanke. Belz warnt davor: «Wer beginnt, Rennen aufzugeben, weil es hart wird, tut sich später schwer, durchzubeissen.» Und das werde es für alle und zwar in jedem Rennen. «Sonst hat der Läufer nicht alles aus sich herausgeholt.» Er rät deshalb falls nötig die Zielsetzung zu revidieren und das Rennen fertig zu laufen.

Den Tank vergrössern

Wer zu schnell anläuft, leert den Tank. Belz erklärt: Das Ziel des Trainings sei es nicht nur, am Wettkampftag eine möglichst hohe Geschwindigkeit laufen zu können, sondern diese auch möglichst lange halten zu können. «Unser Training muss deshalb auch darauf abzielen, die Kapazität zu steigern und damit den Tank zu vergrössern.» Im Wettkampf gehe es dann darum, mit dem zur Verfügung stehenden Benzin bis ins Ziel zu kommen. Drücke ich zu Beginn eines Wettkampfs zu arg aufs Gas, leere sich mein Tank rasch und irgendwann kommt verständlicherweise nichts mehr.

Natürlich setze ich mir vor jedem Lauf ein Zeitziel und damit verbunden eine bestimmte Geschwindigkeit – und natürlich schaffe ich es kaum, mich daran zu halten. So geht die Rechnung nicht immer auf, manchmal greife ich schlicht nach den Sternen und manchmal schaffe ich es nicht mein Temperament zu zügeln. Belz ist in dieser Hinsicht pragmatisch: «Entscheidend ist, dass ein Läufer weiss, zu was er im Stande ist.» Er muss wissen, ob er beispielsweise mit maximaler Anstrengung in der Lage ist, fünf Kilometer in 25 Minuten zurückzulegen.

Geniessen, Fokussieren, Gas geben

Läufern, die sich chronisch über- oder unterschätzen, empfiehlt er, mittels einem Testlauf auf einer flachen Strecke ihre Leistungsfähigkeit zu bestimmen. Dazu eignet sich beispielsweise eine 5000-Meter-Strecke. Darauf basierend liessen sich mit dem Riegel-Faktor die möglichen Zeiten für beispielsweise einen Marathon berechnen. Schafft der Läufer in 25 Minuten fünf Kilometer, muss er diese Zeit mit 9.798 multiplizieren, um auf seine realistische Marathonzeit zu kommen (nimmt er 10 km als Referenz beträgt der Faktor 4,667, mit einem Halbmarathon als Vorlage 2,099). Plant er also einen Marathon, kann er mit einer Zeit von etwas über vier Stunden rechnen. Im Durchschnitt legt er also über die ganze Strecke gesehen einen Kilometer in 5:48 Minuten zurück. «Und daran hat sich der Läufer im Rennen zu orientieren – und zwar vom ersten Meter an! Unser Organismus verzeiht kaum Fehler», macht Belz deutlich. Es gibt im Netz etliche Laufzeitrechner von verschiedenen Anbietern.

Er rät mir darum, mich mit Zwischenzielen auszutricksen. Damit lasse sich einem zu schnellen Start entgegenwirken. Eine längere Strecke könne beispielsweise gedrittelt und mit bestimmten Zielen versehen werden. Während dem ersten Drittel könne ein Läufer beispielsweise locker die Umgebung geniessen. Das zweite eigne sich, um sich auf den Laufstil zu fokussieren und beim letzten Abschnitt heisse es dann: Gas geben! «Erst hier darf es auch mal wehtun.»

Wie schnell es ein Läufer ins Ziel schafft, hängt allerdings auch von der Topographie der Strecke ab: «Stehen Höhenmeter an, muss die Ziel-Endzeit etwas korrigiert werden und damit auch das Tempo», weiss Läufer Belz. Höhenmeter aufwärts sind mit dem Faktor 5 zu berechnen, Höhenmeter abwärts mit dem Faktor -2. Weist eine Halbmarathon-Strecke etwa 100 Höhenmeter auf- und abwärts auf, kommen in der Berechnung 300 Meter hinzu. Die Rechnung basiert auf eine theoretische Länge von 21‘400 statt 21‘100 Metern. Auch die Wetterbedingungen spielen für den Läufer eine Rolle. Ist es mehr als 20 Grad warm, muss er langsamer laufen als geplant. «Wie viel langsamer ist aber individuell unterschiedlich.»

Liebe Leser, Runningcoach.ch will nun sehen, wie genau Sie Ihre Laufzeit für den Grand Prix von Bern einzuschätzen wissen: http://wettbewerb.runningcoach.ch/

Tranchieren, Stechen, Haken

Thomas Widmer am Freitag den 4. Mai 2012

Diese Woche zum Gelände der Schlacht bei Sempach (LU)

In der S-Bahn fahre ich von Lenzburg das Seetal hinab. Hallwil, Mosen, Hitzkirch, dann das Kloster Baldegg am Südende des Baldeggersees. In Hochdorf, das bei den Einheimischen «Hofdere» mit langem o heisst, steige ich aus. Ein Restaurant, die «Schwemmi», liegt direkt an den Geleisen. Ich lasse mich locken und trinke kurz noch einen Kaffee.
Dann starte ich. Die Beschilderung ist gut; sie lenkt vom Bahnhof retour durch den Ort, unter den Schienen hindurch, über ein Gewerbeareal mit einer Riesenlandi und bald schon über die Ron. Geschafft! Freies Land, Kühe, Felder, Pferde. Ich bin draussen!

Mit Magenknurren bei Maria

Vor mir zieht sich eine grüne Krete über den Horizont. Dem Sagenbach entlang steige ich ihr entgegen. Besonders anstrengend ist das nicht. Erst kurz vor Römerswil fordert mich eine steile, mit einer Treppe bewältige Partie ein wenig. Römerswil ist ein langgezogenes Dorf am Hang des Höhenzuges Erlosen, das dank seiner Terrassenlage Fernsicht geniesst. Für eine Rast ist es noch zu früh, ich gehe gleich weiter.
Via Älmeringen erreiche ich Gormund und erleide eine Enttäuschung. Die Wirtschaft an der Strasse von Luzern nach Beromünster ist zu, wie immer am Dienstag. Nun, verglichen mit der Pein der Gottesmutter in der nahen Hügelkapelle «Maria Mitleiden» ist das bisschen Magenknurren gar nichts. Maria ist mit unzähligen Schwertern in der Brust dargestellt, was wie eine Anspielung auf das Schicksal des Arnold Winkelried wirkt. In der Schlacht von Sempach 1386 soll dieser bekanntlich seinen Miteidgenossen eine Angriffsgasse gebahnt haben, indem er die habsburgischen Speere auf sich lenkte. Dass es damals noch keine Sozialwerke gab, belegt Winkelrieds Ruf: «Sorget für mein Weib und Kind.»

«Rossschinder» für 200 Franken

Es ist gar nicht weit zu dem Schlachtplatz. Zuerst passiere ich noch den Golfplatz «Sempachersee», dessen Restaurant Green Garden in einem satten Orangeton gestrichen ist, was wirkt wie von Edward Hopper gemalt; das Kapellchen nebenan erscheint im Vergleich blass. Der Blick hinab auf den Sempachersee ist toll. Weiter unten dann wieder eine öffentliche Wirtschaft. Sie heisst «Zur Schlacht», jetzt bin ich praktisch auf dem Gelände des grossen Zusammenpralls. Es darf nicht wahr sein! Auch diese Wirtschaft hat am Dienstag zu. Und wieder darf ich kein Mitleid mit mir selber haben – zu präsent ist der einstige Schrecken. In der nahen Schlachtkapelle, einem politisierten Gotteshaus, zeigt ein Wandgemälde Szenen von damals: lanzenstrotzende Gewalthaufen, Ritter und Pferde, fallende Krieger.

Der Rest meiner Wanderung über die grünen Luzerner Hügel ist ein schönes Auslaufen. Am Steinibühlweiher verweile ich, geniesse das Ried-Idyll. Hernach erreiche ich bald den Asphaltgürtel. Im Städtchen Sempach finde ich Wirtschaften sonder Zahl, die offen haben. Während ich auf das Essen warte, surfe ich durchs Internet und google Orte, an denen ich durchkam. Auf der Homepage des Restaurants «Zur Schlacht» wähle ich den Link «Historisches». Interessant, alte Waffen werden feilgeboten. Die «Hellebarde Uri», 11. oder 12. Jahrhundert, «Rossschinder» genannt und 182 cm lang, ist abgebildet. Sie kostet 200 Franken. Und was kann das Gerät? Unter «Charakteristik» steht lapidar: «Tranchieren, Stechen, Haken.»

Route: Hochdorf Bahnhof – Huwil – Römerswil – Älmeringen – Gormund – Oberschlacht (Schlachtkapelle) – Brämenstall – Steinibühlweiher – Sempach.

Gehzeit: 3 1/2 Stunden.

Höhendifferenz: Gut 300 Meter aufwärts und 275 Meter abwärts.

Charakter: Über sanfte Hügel, Steigung und Gefälle gemässigt. Einige Stücke Hartbelag. Viel Historie und Religion und am Schluss ein Mittelalterstädtchen.

Höhepunkte: Die Kapelle von Gormund mit der drastisch dargestellten Maria. Die Schlachtkapelle Sempach mit der Liste gefallener Ritter und einem Wandgemälde der Schlacht von Sempach. Der Steinibühlweiher vor Sempach. Sempach selber.

Hund: Gut machbar, keine Hindernisse.

Einkehr: Restaurant Gormund (Di und Mi zu), www.gasthofgormund.ch. Restaurant Zur Schlacht (Mo und Di zu), www.schlacht.ch

Privater Blog: widmerwandertweiter.blogspot.com

Testen bis die Scheiben glühen

Jürg Buschor am Donnerstag den 3. Mai 2012


Unabhängig davon, wie viele Tester ein Mountainbike gefahren sind, in der anschliessenden Beurteilung gibt es keine absolute Objektivität, sondern nur eine Annäherung an dieselbe. Und selbst wenn es sie gäbe, ist auch dann in erster Linie entscheidend, dass die Fahreigenschaften des Mountainbikes den persönlichen Präferenzen entsprechen. Als Möglichkeit, das Kandidatenfeld etwas einzuschränken, bilden die Tests der Fachmagazine natürlich eine solide Basis. Ob ein Mountainbike zu einem passt oder nicht, findet man anschliessend am besten auf einer ausgiebigen Testfahrt heraus. Das einzige Problem dabei ist sehr oft, dass der Fahrradhändler ums Eck natürlich nur die Produkte der «Hausmarken» führt und so die Auswahl sich meist auf drei bis fünf Marken beschränkt. Und wer macht sich schon die Mühe und klopft die ganzen Fachhändler der Region ab?

Gerade deshalb kommen die Bike Days sehr gelegen. Am kommenden Wochenende (4. bis 6. Mai) zeigen in Solothurn über 120 Aussteller ihre Produktneuheiten 2012. Es ist dies die ideale Gelegenheit dafür, einer breiten Auswahl an Testbikes auf der immer gleichen Teststrecke auf den Zahn zu fühlen. Dabei können die Rahmengeometrien ebenso beurteilt werden wie die Frage nach dem idealen Rahmenmaterial oder ob das nächste Bike mit 26- oder 29-Zoll-Rädern bestückt sein soll. Unabhängig davon, wonach einem der Kopf gerade steht – die Vorankündigungen der verschiedenen Hersteller versprechen drei interessante Testtage. Die angekündigten Highlights von B wie BikeTec bis W wie Wheeler:

Kommt neu auf grösseren Rädern daher: X-Serie von Flyer.BikeTec/Flyer: Die vollgefederte «X-Serie» des eBike-Marktführers Flyer (Bild) gibt es jetzt neu auch mit 29-Zoll-Laufrädern.

BMC: Die Grenchner präsentieren mit dem «TrailFox TF01» einen überzeugenden Allrounder, der dank Carbonrahmen auch beim Gewicht an der Spitze mitmischt. Mit dem vollgefederten «Speedfox SF29» und dem «Team Elite TE29» hat BMC zudem zwei ausgesprochen sportliche Twentyniner am Start.

Cannondale: Dank Carbon-Rahmen, hauseigenen Lefty-Gabeln und Federgewichten erfüllen das Hardtail «Flash 29» und das vollgefederte «Scalpel 29» die Wünsche engagierter Rennfahrer: Noch nie waren Twentyniner so leicht. Wer’s gröber mag, sollte eine Testrunde auf dem «Claymore» drehen.

Commencal: Nach der neuen Generation des «Supreme DH» schieben die Gravity-Spezialisten aus Andorra mit dem Enduro «Meta SX» (Bild) und dem Allmountain «Meta AM» zwei Modelle mit weniger Federweg und breiterem Einsatzbereich nach.

Felt: Das «Edict 29» hat Felt mit Hilfe von U-23-Weltmeister Thomas Litscher entwickelt. Mit Rahmen und Schwinge aus Carbon, 100 Millimetern Federweg an beiden Achsen und schnell rollenden, grossen Laufrädern ist dieses  Bike voll auf Renneinsätze ausgelegt.

Giant: Für Ausdauerorientierte hat Giant das Carbon-Hardtail «XTC Composite 29» sowie das «Trance X Advanced» und das «Anthem X Advanced» am Start. Die Bergabfraktion wird sich das «Glory DH » nicht entgehen lassen, auf dem Danny Hart Weltmeister wurde.

GT Bikes: Mit dem rennorientierten «Zaskar 100 9R» und dem vielseitigen «Sensor 9R» bringt GT zwei preislich attraktive vollgefederte Twentyniner.

Lapierre: «Zesty», «Spicy» und «Froggy» haben bereits eine treue Fangemeinde. Neu ist das «X-Control»: Das Marathonbike mit 120 Millimetern Federweg vertraut auf die gleiche Pendbox-Kinematik wie das Downhill-Bike. Mit dem «Pro Race 929» bieten die Franzosen zudem ein rennorientiertes Twentyniner-Hardtail mit Carbonrahmen.

Liteville: Die zehnte Evolutionsstufe des Dauerbrenners «301» verträgt sich mit Federbeinen verschiedener Hersteller. Zudem wurde die Geometrie nochmals verfeinert. Kleingewachsene bekommen das «301» mit 24-Zoll-Hinterrad, und fürs Grobe bietet sich das «601» an, das je nach Federbein 165 bis 190 Millimeter Federweg bietet.


Merida: Beim neuen Race-Fully «Ninety-Nine» (Bild) kombinieren die Taiwanesen zwei Trends: Der Rahmen dieser Rennfeile mit 10 Zentimetern Federweg ist aus Carbon gefertigt, die Räder entsprechen dem Twentyniner-Mass. Wie beim «Ninety-Nine» gibt’s auch beim Hardtail «Big.Nine» Varianten mit Alu-Rahmen für kleinere Budgets.

Norco: Mit dem Downhill-Boliden «Aurum» hat die kanadische Schmiede ein ganz heisses Eisen im Feuer, und auch die Allmountain-Modelle der «Range»-Serie sind interessant. Mit dem «Shinobi» hat Norco zudem ein Twentyniner-Fully mit viel Federweg im Köcher.

Rocky Mountain: Viele, aber nicht alle Neuheiten bei drehen sich um Twentyniner: So gibt es das «Vertex 29» nun auch mit einem Carbonrahmen, und auch das Race-Fully «Element» haben die Kanadier auf grosse Räder gestellt.

Santa Cruz: Die jüngsten Neuheiten der Amerikaner sind alle Twentyniner. Für Einsteiger eignen sich das «Highball-a» und «Superlight 29», für Marathon-Fans gibt’s das «Highball» aus Carbon und für Liebhaber anspruchsvoller Trails die «Tallboy LT»-Modelle mit Rahmen aus Aluminium oder Carbon.


Scott: Das Race-Fully «Spark» ist komplett erneuert. Es bietet nun innenverlegte Züge und die Wahl zwischen 26 und 29 Zoll (Bild). Der TwinLoc-Lenkerhebel kürzt den Federweg ein oder blockiert das Fahrwerk.

Simplon: Die Vorarlberger präsentieren an den BikeDays den Nachfolger des «Lexx»: Das «Kibo» gibt’s einmal als Tourenbike mit Alu-Rahmen oder mit Carbon-Rahmen und rennorientiertem Handling. Eine Testfahrt ist auch das «Razorblade 29» wert: Kaum ein Twentyniner bietet ein so verspieltes Handling wie dieser Rennbolide.

Specialized: Neben dem Budget-Downhiller «Status» und dem überzeugenden Allrounder «Stumpjumper FSR Expert Carbon EVO» sind v. a. auch die Twentyniner spannend: Ob als Trailbike «Stumpjumper 29», als Rennfeile «S-Works Epic Carbon 29» oder als Damen-Hardtail «Fate», bei Specialized dreht sich fast alles um die grossen Laufräder.

Stöckli: Das Allmountain-Modell «Amber AMT» mit 15 Zentimetern Federweg gibt es wahlweise auch als SL-Variante mit Carbon-Hauptrahmen. Rennfahrer dürften sich eher für das Hardtail «Beryll Carbon RS 29“» interessieren, und auch das sportliche eBike «e.T.» verdient eine Erwähnung.


Transalpes: Mit viel Federweg und spassorientierter Geometrie weiss das «29er Fully» zu gefallen – kaum ein anderer Twentyniner fährt sich so spielerisch. Daneben hat Transalpes auch ein 29er-Hardtail am Start.

Trek: Mit dem «Rumblefish» wagt sich Trek bei den Twentyninern erstmals in spassorientierte Federwegs-Bereiche vor. Viel Interesse ist auch dem Carbon-Downhiller «Session 9.9» sicher, auf dem Aaron Gwin im vergangenen Jahr den Worldcup dominierte.

Wheeler: Neue Federungssysteme, die auch in Varianten für Frauen angeboten werden, gibt es 2012 bei Wheeler und BiXS. Wheelers «Super Single Pivot»-System, bei dem der Hinterbau ums Tretlager dreht, gibt es mit 140, 160 und 180 Millimetern Federweg, BiXS’ «Direct Response Technology»-System mit 120, 140 und 160 Millimetern.

Werden Sie die Bike Days in Solothurn besuchen? Wie stark stützen Sie Ihre Kaufentscheidung auf eigene Testfahrten ab? Welches neue Produkt sollte Ihrer Meinung niemand verpassen?

Sind Bergsteiger Egoisten mit stinkenden Socken?

Natascha Knecht am Mittwoch den 2. Mai 2012
Italienische Bergsteiger in alter Ausrüstung auf der Dufour-Spitze. (Keystone)

Die Freunde des Heliskiings wollen, dass auch Bürogummis auf höchste Berggipfel gelangen können: Italienische Bergsteiger in historischer Ausrüstung auf der Dufour-Spitze anlässlich der 150-Jahr-Feier der Erstbesteigung, 1. August 2005. (Keystone)

Geschätzte Bergfreunde

Heute möchte ich Sie um Ihren Rat bitten. Doch dazu muss ich Ihnen erst berichten, welch grosse Ehre mir zuteil wurde. Das Blatt «Berner Oberländer» widmete mir eine ganze Zeitungsseite. Stellen Sie sich vor: Mir und dem Alpin-Blog! Ich wurde bereits im ersten Satz namentlich erwähnt. Ohne dass man mich vorher oder danach informiert hätte. Erst jetzt bin ich zufällig darauf gestossen. Anlass zur Ehre gab mein Blog-Beitrag vom 4. April über das Heliskiing im Unesco Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch (hier nachlesen). Obschon dieses einzigartig schöne Gebiet rechtlich durch das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung geschützt ist, finden dort jährlich 3500 Flüge statt, die rein dem touristischen Vergnügen dienen.

Der kollegiale Schreiber vom «Berner Oberländer» startete seinen Printartikel in der Samstagsausgabe vom 14. April wie folgt:

«Die kurze Berichterstattung dieser Zeitung vom 2. April nahm Natascha Knecht zum Anlass, sich im Tagi online einmal mehr über das Thema Heliskiing auszulassen. Die im Berner Oberland aufgewachsene junge Journalistin des Tages-Anzeigers schrieb: Es war ein gefundenes Fressen für die Anbieter der touristischen Gebirgsfliegerei. In der Folge schoben sich im Alpin-Outdoorblog des Newsnet (u. a. www.berneroberlaender.ch) die Gegner und Befürworter der Helikopterfliegerei in den Bergen auf mehr oder weniger niveauvoller, dafür umso emotionellerer Ebene gegenseitig den Schwarzen Peter zu. (…)»

Werter Journalist vom «Berner Oberländer»,

ein paar Anmerkungen:

  • Dass Sie mich als «jung» bezeichnen, schmeichelt einer Frau in meinem Alter so fest, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Damit haben Sie nicht nur meinen Tag gerettet – nein, you made my week, my month, my year!
  • Herzlichen Dank auch dafür, dass Sie so grosszügige Werbung für den Outdoorblog machen. Fantastisch!
  • Gestatten Sie mir bitte eine klitzekleine Korrektur: Nicht Ihre kurze Berichterstattung vom 2. April nahm ich zum Anlass, mich «einmal mehr über das Thema Heliskiing auszulassen». Mit Verlaub: Ihre Selbstüberschätzung amüsiert mich. Alle relevanten Schweizer Medien wurden von Mountain Wilderness (der Alpenschutzorganisation, die sich für mehr Respekt gegenüber der Bergwelt einsetzt) im Vorfeld darüber informiert, dass am 1. April Kundgebungen gegen das Heliskiing stattfinden. «Konditionsstarke Skitouren- und gletschererfahrene Medienschaffende» waren eingeladen. Teilgenommen hat kein einziger Journalist. Ich selber war privat im Gebiet Jungfrau-Aletsch unterwegs und nicht, wie Sie vermuten, «offensichtlich als Aktivistin». Das hatte ich in meinem Text übrigens geschrieben und eine kurze Recherche hätte genügt, um herauszufinden, dass ich Mountain Wilderness hier im Outdoorblog schon mehr als ein Mal kritisiert habe, auch im Zusammenhang mit dem Heliskiing.
  • Unbestritten hingegen: Es ist oberpeinlich, dass eine Aktivistin von Mountain Wilderness ausgerechnet nach deren Kundgebung auf der Aebeni Flue stürzt, sich verletzt und von der Air-Glaciers-Basis Lauterbrunnen mit dem Helikopter ins Spital gebracht werden muss. Aber ist deswegen nachhaltige Schadenfreude lustig? Mountain Wilderness hat ja nicht versucht, den Vorfall zu verheimlichen oder zu verwedeln. In einem Communiqué informierten die «Fahnenträger» transparent, viele Medien im ganzen Land berichteten dann über diese Rettungsaktion, Sie im «Berner Oberländer» als allererster, die Schweiz hat darüber geschmunzelt (ich übrigens auch), ca. fünf Minuten lang, danach war die Sache gegessen und vergessen. Es gibt Wichtigeres auf der Welt und vor allem gabs schon weitaus peinlichere Fälle, die mit dem Heli geholt werden mussten. Leute, die sich am Berg überschätzen oder unbedarft mit Sandalen und Hotpants unterwegs in eine Gletscherspalte fallen. Mir haben Retter gesagt, sie hinterfragen nicht, Not sei Not. Meine Bewunderung für die Bergretter ist grenzenlos – eben auch, weil sie nicht urteilen, sondern einfach helfen, wenn sie gerufen werden, oft mit spektakulären Einsätzen.
  • Ob ein Helikopter für eine Rettung aufbricht, ist deshalb auch nicht vergleichbar mit den durchschnittlich zehn Rotationen pro Tag für touristische Spassflüge durch ein geschütztes Gebiet von nationaler Bedeutung. Da nützt es nicht mal der Heli-Lobby, wenn Sie in ihrem «Schwerpunkt-Artikel» Fälle auflisten, bei denen angeblich schon mehrmals Aktivisten von Mountain Wilderness nach ihren Kundgebungen gerettet werden mussten – ohne die Akten anzufordern, welche diese Behauptung stützen. Prompt musste Ihre Zeitung danach eine Gegendarstellung publizieren, weil es offenbar gar nie solche Fälle gegeben hat. Das ist auch etwas lustig, würde mich aber nichts angehen, hätten Sie mich nicht namentlich erwähnt.

In Ihrem Tun liessen Sie sich aber möglicherweise von Ihrem beruflichen Vorbild Herrn G. aus Thun motivieren? Herr G. war früher Journalist in leitender Stellung. Heute wäre er pensioniert. Aber weil er wohl noch nicht ganz loslassen kann, arbeitet er jetzt als Medienberater und unterhält die Redaktionen im Kanton Bern mit seiner Meinung. Jedenfalls mailte Herr G. an mehrere Journalisten folgendes:

·  Ich fahre genau seit 40 Jahren zum Skifahren im März nach Zermatt. Die Helis dort empfindet man nicht als Belästigung, sondern als Attraktion – wenn man sie denn hört.

·  Als Nicht-Bergsteiger flog ich vor längerer Zeit mal mit einem Bergführer auf die Monte-Rosa-Schulter und dann mit den Skis zurück ins Tal. Ich erlebte ein grandioses Natur- und Bergerlebnis, das mir Bürogummi ohne Heli vorenthalten gewesen wäre. Zudem unterstützte ich damit ein Heli-Unternehmen, über das schon mancher Bergsteiger froh gewesen ist – wie die Umweltaktivistin am Sonntag.

·  Man müsste wohl mal abklären, in wie manchem anderen Unesco-Weltnaturerbe ein Heliverbot gilt.

·  Letzte Woche war ich wieder in Zermatt. Meine Frau verletzte sich auf 3200 m am Knie und musste abtransportiert werden. Sie verzichtete auf den Heli und wurde mittels Schneetöff, Bergbahn und Ambulanz in eine Arztpraxis gefahren organisiert von der Air Zermatt, auf terrestrischem Weg…

Und nachdem Herr G. auf meinen Heliski-Beitrag vom 4. April aufmerksam gemacht wurde, mailte er wieder mit «cc» an mehrere Journalisten (auch an mich):

Ach lieber B. (Anmerkung: «B» ist der Journalist vom «Berner Oberländer»)

Es ist ja unglaublich, was die Jammertante Natascha Knecht alles von sich gibt (aber die Fotos sind toll!) und dann all die eindimensionalen Blogger hinterher… Ich frage mich bloss, warum sie ausgerechnet die Ebnefluh besteigt, um sich dort über die Helis zu ärgern, statt einen der hundert anderen Gipfel in der Umgebung, um sich dort am Bergerlebnis zu freuen? Was mich an ihr stört und warum ihre Nachfolgeblogger eindimensional sind: Sie kommen in ihrer Arroganz gar nicht auf die Idee, dass es Menschen gibt, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, Berggipfel zu besteigen und Abfahrten von dort zu erleben. Dank dem Heliskiing auf weniger als 1 Prozent der CH-Berggipfel ist auch diesen Menschen dieses Erlebnis vergönnt. Und nebenbei bringen sie Bergführern und Heliunternehmen noch etwas Verdienst. All die Anti-Heli-Fundis sind vor allem Egoisten, die sich nicht an 99% Heli-freien Gipfeln freuen, sondern in Tabula-rasa-Manier alles nach ihrem Gusto befehlen wollen. Mountain Wilderness? Mountain Egoism! Motto: «Die Berge gehören nur uns echten Bergsteigern mit Fellen, Schweiss und stinkenden Socken. Und die Helis brauchts nicht. Ausser natürlich wir verdrehen uns das Knie oder landen in einer Gletscherspalte.» Ich freue mich, wenn Du als Top-Bergsteiger und Journalist mit Augenmass das Thema im BO wieder mal aufgreifst! Alles Gute, harte Ostereier und lieber Gruss

Liebe Bergfreunde,
auf diesen «Steilpass» habe ich Herrn G. noch nicht geantwortet. Was soll ich ihm schreiben? Dass ich richtig herzhaft lachen musste über seine «Bürogummi»-Argumente? Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, mit den «eindimensionalen Bloggern hinterher» meint er Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, die in «Arroganz» einen Kommentar geschrieben haben. Muss ich ihm den Unterschied zwischen einem Blog und einem Printartikel erklären? Soll ich erwähnen, dass es absolut keine Rolle spielt, auf welchen Gipfel man in diesem Gebiet steigt – die Helitouristen sieht und hört man von weitem. Ich selber wusste bis anhin nie genau, was für Leute sich fürs Heliskiing begeistern, aber dass jemand in allen Facetten dem Klischee-Bild entspricht, hätte ich in dieser Form nicht erwartet. Neu ist für mich auch, dass es im «Berner Oberland» so viele «harte Ostereier»  gibt – was soll ich als «junge Journalistin» davon halten?

Der schnellste Affenmensch der Welt

Natascha Knecht am Montag den 30. April 2012
Kenichi Ito

Kenichi Ito aus Japan trainiert dafür, der schnellste Affen-Mensch zu sein. (Screenshot Video Reuters)

Heute mal etwas aus der kuriosen Ecke. Es geht um einen Sportler, der sich äusserst sonderlich fortbewegt. Er heisst Kenichi Ito, lebt irgendwo in der Agglomeration von Tokyo und ist – jetzt kommts: Er ist der schnellste Mensch auf allen Vieren. Er läuft wie ein Affe, legt 100 Meter in 18.58 Sekunden zurück und bekam dafür einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde.

Seit bald zehn Jahren entwickle und perfektioniere der 29-Jährige seinen Laufstil, berichtete kürzlich die Agentur Reuters. Vorbild für Itos schnelle Fortbewegungsart sind die afrikanischen Patas-Affen.

«Mein Gesicht und mein Körper gleichen einem Affen, deswegen wurde ich schon als Kind verspottet. Sie nannten mich ‹Affe, Affe›», sagt Ito in seiner Wohnung in die Reuters-Kamera (siehe Video unten). Im Hintergrund hängt ein Poster eines Schimpansen. Doch die Hänselei habe ihm nichts ausgemacht, denn er möge Affen und irgendmal sei bei ihm der Ehrgeiz aufgekommen, nicht nur wie ein Affe auszusehen, er wollte sich auch wie ein solcher bewegen. «Von da an übte ich jeden Tag.»

Seither läuft er auf allen Vieren durch das Leben, trägt dabei Handschuhe und Schuhe mit rutschfestem Profil. Seinen Haushalt hat er so eingerichtet, dass er überall wie ein Affe rauf und runter hüpfen kann. Selbst während des TV-Interviews sitzt er da wie ein Affe.

Ito lässt sich nicht nur von Affen inspirieren, sondern von allen Vierbeinern. Deshalb geht er regelmässig in den Zoo. Mittlerweile beherrscht er sechs unterschiedliche Laufstile auf allen Vieren. Am schnellsten ist er mit «Gallop».

Ito ist zwar der schnellste auf allen Vieren, aber nicht der einzige, der sich für diese Sportart begeistert. Inzwischen sind es schon rund hundert Menschen in sieben Ländern. In Tokyo trifft er andere Fanatiker zu Wettläufen. Und er ist davon überzeugt, dass diese Form des Laufens bald viele Leute übernehmen, sie vielleicht mal olympisch werden könnte.

Ein Jäger hielt ihn für ein Wildschwein

Natürlich musste er auch schon negative Erfahrungen machen. Zum Beispiel wird er immer wieder von der Polizei aufgehalten, wenn er auf allen Vieren durch die Stadt flitzt. Deshalb sei er für ein «Vier-Bein-Trainingscamp» einen Monat lang in die Berge gefahren. Dort habe ihn am ersten Tag ein Jäger für ein Wildschwein gehalten und auf ihn geschossen.

Über seine Eltern ist nichts bekannt, aber sie leben wahrscheinlich wie ganz normale Menschen im Grossstadtdschungel. Soweit ich mich erinnern kann, versuchte Tarzan sein äffisches Verhalten abzulegen als er in die Zivilisation kam. Ito ist sozusagen sein Gegenstück. Seine Hoffnung, diese Disziplin werde mal olympisch, halte ich für eher unrealistisch. Ebenso, dass bald viele Leute seinen Laufstil übernehmen. Wobei ich mir das ehrlich noch bereichernd vorstelle, wenn künftig im Wald zwischen Joggern, Bikern, Spaziergängern, Nordic-Walkern, Hündelern, Rösselern auch Äffische auftauchen. Oder nicht?