Angst vor Apokalypse ist übertrieben

Die vier Reiter der Apokalypse von Viktor Vasnetsov, 1887.

Kurzfristige Bewegungen und langfristige Wachstumstrends müssen klar auseinandergehalten werde: Die vier Reiter der Apokalypse von Viktor Vasnetsov, 1887.

Je stärker die Euro-Krise auf die Schweizer Konjunktur übergreift, desto mehr wächst die Angst vor einem grossen wirtschaftlichen Einbruch. Manche diagnostizieren bereits den säkularen Niedergang Europas inklusive der Schweiz. Die Schuldenkrise sei der Anfang vom Ende, nicht ein vorübergehendes Problem.

Aufgrund des ökonomischen Lehrbuchs sollte man mit solchen Abstiegsszenarien jedoch vorsichtig sein. Kurzfristige Bewegungen und langfristige Wachstumstrends müssen klar auseinandergehalten werden. Die Konjunktur wird von Schwankungen der Nachfrage getrieben, das Wachstum hingegen von Angebotsfaktoren, insbesondere dem technologischen Fortschritt. Natürlich sind strukturelle und konjunkturelle Phänomene in der Realität nie fein säuberlich voneinander zu trennen. Aber aufgrund dieser Beobachtung gleich alles in den selben Topf zu werfen, dient der Analyse nicht.

So ist die Euro-Krise kein Zeichen eines säkularen ökonomischen Niedergangs Europas. Der Kontinent hat nach wie vor starke Wirtschaftszentren. Als Ganzes hat die Eurozone sogar einen kleinen Handelsbilanzüberschuss, was auf eine wettbewerbsfähige Industrie schliessen lässt. Der durchschnittliche Wohlstand ist nach wie vor ausserordentlich hoch, gerade im Vergleich zu den aufstrebenden Mächten Brasilien, China, Indien oder Russland. Die Euro-Krise ist vielmehr ein Resultat einer unausgegorenen Währungsunion, d. h. eines institutionellen Problems, das sich früher oder später lösen wird. Natürlich birgt dieser Prozess hohe Risiken. Aber selbst im schlimmsten Szenario – einem Auseinanderfallen des Euro – würde Europa nur vorübergehend geschwächt. Die Technologie, das Humankapital und die industriellen Zentren würden nicht über Nacht verschwinden. Das Wachstum käme nach einem freilich sehr schmerzhaften Einbruch wieder zurück. Auch im zweitschlimmsten Szenario, einer jahrelangen Stagnation, ist nicht mit einem säkularen Abstieg Europas zu rechnen.

Wenn wir also in diesem Blog immer wieder vor einer weiteren Eskalation der Euro-Krise warnen, so meinen wir damit nur die kurzfristigen Aussichten, nicht die Zukunft Europas als Wachstumsregion. Diese Verknüpfung von Euro, Wohlstand und Frieden ist ohnehin nicht einleuchtend. Europa war bereits vor der Einführung der Einheitswährung ein wohlhabender und friedlicher Kontinent. Die Zukunft eines Kontinents hängt nicht vom Währungssystem ab.

So muss man auch bei den Krisenszenarien für die Schweiz die Proportionen wahren. Die nächsten paar Jahre könnten sehr schwierig werden. Nach den jüngsten Prognosen der KOF befinden wir uns bereits am Anfang einer Rezession. Aber ein Szenario wie in den 1930er-Jahren dürfte uns nicht bevorstehen, auch wenn die Eurozone momentan den Fehler der damaligen Zeit wiederholt, in einer Rezession zu sparen und die Löhne und Preise zu senken (siehe mehr dazu hier). Zwei Grafiken sollen dies zeigen.

Die erste Grafik zeigt die Depression der 1930er-Jahre mit den zwei grössten Krisen nach dem Zweiten Weltkrieg: die Rezession Mitte der 1970er-Jahre und die Stagnation der 1990er-Jahre. Man sieht sehr klar, dass die Kombination von Einbruch und Dauer in den 1930er-Jahren einzigartig war. Mitte der 1970er-Jahre war der Konjunkturrückgang zwar sehr markant, aber die Rezession war nur von kurzer Dauer. Umgekehrt war die Stagnation der 1990er-Jahren besonders lang, aber keineswegs dramatisch, was den Rückgang des realen BIP anbelangte.

Die zweite Grafik zeigt, warum die Krise der 1930er-Jahre einzigartig schlimm war und nicht wiederholbar ist: Die Exporte kollabierten innerhalb von drei Jahren und erholten sich in den drei darauf folgenden Jahren kaum. 2008 kam es zu einem ähnlich dramatischen Einbruch des Exports, aber weil die Politik gut reagierte, erholte sich die Weltwirtschaft wieder.

Kurz und gut: Es ist wahr, dass die Euro-Krise das Potenzial hat, eine schlimme Wirtschaftskrise zu verursachen – in der Peripherie Europas hat sie es schon getan –, aber das bedeutet nicht das Ende Europas. Die Angst vor einer Apokalypse ist übertrieben.