Mutter-Kind-Kur mit Knastcharakter

Mamablog

So war es nicht gedacht: Unsere Autorin fühlte sich in der Therapie wie Piper Chapman in der Netflix-Serie «Orange Is the New Black». Foto: PD

Der triste, kalte Berliner Winter machte mir schwer zu schaffen und ich wusste irgendwie nicht recht, wie es weitergehen soll. Wir hatten keine Aussichten auf einen Kitaplatz, unser Kindermädchen, das stundenweise auf Mips aufpasste, fühlte sich etwas zu wohl bei uns (sie durchsuchte unsere Sachen). Und irgendwie hatte ich keinen Bock auf ein pseudocooles Prenzlauerberg-Mutti-mit-Kind-Hobby. Ich war total k. o.

Eine Freundin von mir erzählte, dass sie soeben von der Krankenkasse die Zusage für eine Mutter-Kind-Kur bekommen hätte. Und ich solle doch auch eine Kur beantragen. Zuerst war ich etwas beschämt, weil ich dachte, es sei ein Eingeständnis, dass man es als Mutter nicht mehr selbst auf die Reihe kriegt. Ich wog ab und fand, dass ich eigentlich nichts dabei verlieren könnte.

Der Tag X war gekommen. Mein Mann verabschiedete mich und unsere beiden Mädels am Berliner Hauptbahnhof, und ich heulte wie ein Schlosshund. Jetzt gabs kein Zurück mehr. Ich war die nächsten drei Wochen auf mich allein gestellt. Aber hey, ich hatte keinen Grund zum Weinen. Unser Ziel war Sylt und es war Anfang Juni. Was wollte ich mehr?

Wer krank ist, wird eingesperrt

Da war ich also. Zusammen mit rund 40 anderen Frauen mit ein bis vier Kindern. Ich hatte mein MacBook, drei Bücher, Farbstifte und Malblock, Hörspiele, Gesichtsmasken, Nagellack, mein Tagebuch und einen Surfstick dabei, was frau eben so benötigt im «Urlaub». Reinste Illusion, wie sich später herausstellte.

Zuerst wurden die Regeln bekannt gegeben: Rauchen nur in der dafür vorgesehenen Raucherecke, Alkohol ist nicht erwünscht, Besuch muss angemeldet werden und darf nicht mit aufs Zimmer. Geht man weg, sollte man sich abmelden. Alle Veranstaltungen sind Pflicht und es wird Buch geführt. Ist jemand krank, bekommt die ganze Familie Zimmerarrest (Isolation). Ich kam mir vor wie Piper Chapman von «Orange Is the New Black».


Was ist eine Mutter-Kind-Kur? Informationsvideo einer deutschen Klinik. (Friesenhoern/Youtube)

Vor dem Betreten des Speisesaals galt es, die Hände ausführlich zu desinfizieren (durchaus sinnvoll). Trotz dieser Massnahme gab es mehrere Magen-Darm-Epidemien mit entsprechenden Arresten. Die Kinder mussten am Tisch sitzen bleiben. Nur die Mütter durften ans Buffet. Eine Herausforderung für mich, da Mips immer kurz davor war, aus dem ungesicherten Tripp-Trapp rauszufallen.

Die Tage waren durchgetaktet mit Sport und Vorträgen. Das Wetter kälter und regnerischer als erwartet. Leider wollte Mips nicht in die Kinderbetreuung; dort waren rund 25 Kinder und drei Erzieherinnen, keine hatte die Zeit, auf sie einzugehen. Dadurch verpasste ich sämtliche Veranstaltungen und war total gestresst. Die Beratungsstelle hatte mich ja im Vorfeld gewarnt. Mit Kindern unter drei wird eine Mu-Ki-Kur nicht empfohlen. Ich war also selbst schuld.

Mittlerweile hatten sich Gruppen gebildet: Die Raucherinnen, die Nörglerinnen, die von Süddeutschland, die Freundinnen, die es irgendwie geschafft hatten, zusammen auf Kur zu fahren (das hätte ich auch gern gehabt), die von der Whatsapp-Gruppe und dann noch ein paar ruhige Einzelgängerinnen. Ich ordnete mich irgendwo dazwischen ein.

Im falschen Film

Die Kinder und ich litten unter massivem Schlafentzug. Ein Phänomen, das ich von zu Hause nicht kannte (Folter!). Wir hatten jede Nacht Kämpfe, wer bei mir im Bett schlafen durfte. Wachte die eine auf und merkte, dass die andere bei mir war, gab es heftigen Streit. Und das bei lediglich 90 cm Bettbreite. Ich träumte von einem 180-cm-Familienbett. Tagwache war um 7 Uhr und das Aufstehen eine erneute Tortur.

Mips bekam eine Augenentzündung. Ich musste die mitleidigen Blicke der anderen Teilnehmerinnen über mich ergehen lassen. Ich kam mir vor, wie im falschen Film. Die Schweizerin aus Berlin. Mal wieder im Paradiesvogel-Modus. Na prima.

In der letzten Woche hatte ich mich dann mit dem Babyphone so weit organisiert, dass ich wenigstens, während Mips schlief, im Garten sitzen konnte, um etwas für mich zu tun. Aber meine Vorhaben waren allesamt gescheitert. Am drittletzten (!) Tag klappte es und Mips blieb einen halben Tag in der Kita. Was für ein Durchbruch.

Ich gebe es zu, ich hatte jetzt sehr grosses Heimweh nach Berlin und hielt es kaum aus, die ewigen Klagen der anderen zu hören: Zimmer zu eng, alles zu laut, nur Watt- statt Strandseite, keinen TV im Zimmer, das Hallenbad zu klein, das Essen zu eintönig, die anderen «Insassinnen» zu doof. Eine wurde sogar verdächtigt, eine Affäre (!) mit einem Dorfbewohner zu haben.

Als wir wieder zu dritt im Zug in Richtung Hamburg sassen, kamen mir erneut die Tränen. Ich hatte es überstanden. Die Wunschvorstellung der kräftespendenden Mu-Ki-Kur war geplatzt, meine sechsjährige Tochter war zum rebellischen Teenie mutiert und die Anderthalbjährige zum Mami-Titti. Und dennoch. Mir war wieder einmal bewusst geworden, wie gut ich es habe. In meiner Beziehung und in meinem Leben. Und dafür war ich dankbar. Und auch dafür, einmal auf Sylt gewesen zu sein, einer wunderschönen Insel in der Nordsee.


Andere ziehen ein positiveres Fazit: Video-Erfahrungsbericht einer Mutter. (ChicMomy/Youtube)

30 Kommentare zu «Mutter-Kind-Kur mit Knastcharakter»

  • mila sagt:

    Woran ich mich etwas bei Texten dieser Art störe: entweder ist man überlastet, oder man ist es nicht. Wieso sollte man aber echte Überlastung nicht ehrlich benennen, statt sogleich salopp zu ‚beschönigen‘? Anders formuliert: ich finde nicht, dass sich Autoren damit (oder anderen) einen Gefallen tun. Es muss nicht immer alles mit einem Lacher ab-gerundet werden. Man gibt sich so lediglich der Belanglosigkeit preis.

    • mila sagt:

      PS@SP, der Vollständigkeit halber: Ich hatte Ihnen an vorheriger Stelle ausführlicher geantwortet, aber die Kommentare sind nach oben verrutscht.

      • Sportpapi sagt:

        @mila: Ich habe es gesehen, konnte aber aus technischen Gründen über längere Zeit nicht antworten. Hole es nach.

  • Lichtblau sagt:

    Das liest sich ja wie aus der Zeit gefallen. Kinderlandverschickung mit Mama. Der leicht larmoyante Tonfall ist wohl der Tatsache geschuldet, dass die Autorin zum Zeitpunkt der Kur durchaus angeschlagen war, auch wenn sie nicht zur Zielgruppe gehörte. Ein Syltaufenthalt zusammen mit Hartz-IV-Muttis, eine Raucherinnenecke und eine kleine Affäre im Dorf: Das erscheint mir nicht ganz reizlos. Volle drei Wochen würden mir aber zur Ewigkeit werden.
    Ach ja: Ich hab’s gern gelesen.

  • Axel sagt:

    Waren nach der Krebserkrankung unserer Tochter auch auf Sylt zur Kur und fanden es Super! Das es gewisse Regeln gibt, an die man sich halten muss, sollte bei einem Betrieb mit 100 Personen klar sein. Dazu gehört auch das Kranke den Gemeinschaftsaktionen fern bleiben und nicht andere ggf. Immunschwache gefährden. Danke! Entscheidet aber der Kurarzt bei der täglichen Visite. Nennt sich übrigens Rücksicht dieses Verhalten. Muss leider heute den Supermamis in DE auf oktroyiert werden. … und wem es nicht passt der darf auch gerne Heim fahren. (Die Fahrt wird übrigens auch übernommen.) Es gibt genug andere die diesen Service nutzen möchten und nötig haben … Spaziergänge am Strand, Essen beim Gosch, Ausflüge über die Insel, Strandspiele und Baden. Für uns war es eine tolle Zeit! Gern wieder!

    • Tamar von Siebenthal sagt:

      Weiterhin gute Besserung und alles Liebe für Ihre Tochter und Ihre Familie.

      Nur wäre ich der Meinung, dass für immungeschwächte Personen spezielle Rehas angeboten würden. Es kann ja nicht sein, dass man wegen Schnupfen Zimmerarrest hat.

      Ist nicht gegen Sie gemeint, aber ich finde die Organisation so mangelhaft.

  • Katharina sagt:

    Zum Thema:

    Ich verstehe nicht, dass Leute dafür bezahlen, von norddeutschen brünhilden abgekanzelt und ins zimmer abbefolen zu werden. nebst anderen ‚lagerromantik‘ features.

    ostalgie mag vielleicht ein neues konzept sein, alte hotelkästen des real existierenden sozialismus zu vermarkten.

    aber spätestens beim 2 glitsch zu hospitality hätte ich denen ein entspannendes und gehirn lüftendes f u 2 gesagt.

    • Katharina sagt:

      ps: BS: no offence re norddeutschen brünhilden intended 😉

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        Die Leute bezahlen ja nicht dafür, sondern die KK

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Katharina

        ach, manchmal wünschte ich mir ja ich könnte so durchschlagend abkanzeln und ins Zimmer befehlen, und wenns noch Lohn dafür gäbe umso besser 😉

        Das Kurwesen hat meines Wissens aber nichts mit Osten zu tun, war/ist flächendeckend im Westen praktiziert. Musste aber vor einiger Zeit überdacht werden da die Kosten aus dem Ruder gelaufen sind.

      • Katharina sagt:

        BS: Da ist mir wohl der teutonische Assoziationsstrom etwas übergeschwappt.

    • Muttis Liebling sagt:

      Die Mutter- Kind- Kuren sind medizinische Massnahmen, zwischen Prophylaxe und Reha angesiedelt, also weder Urlaub noch Therapie.

      Die Kur wird von einem Arzt verordnet und von der Krankenkasse abzüglich eines Eigenbeitrags von 10 Euro/ Tag bezahlt.

      Es gibt Behandlungsziele und deshalb eine feste Tagesstruktur, damit diese erreicht werden. Am Ende bekommt der einweisende Arzt einen Bericht, der den Grad des Erreichens der Ziel dokumentiert.

      So wie die Autorin es schildert, war sie eine Fehlzuweisung. Die Zielgruppe sind eher Alleinerziehende oder Hartz IV Mütter. Sie hätte sich aber vorher über Ziele und Zweck informieren und die Kur ablehnen können. So war die Erwartung einer 3- wöchigen Urlaubs fatal für sie und ihre Krankenkasse.

      • Tina sagt:

        Über die Zielgruppe lässt sich wohl diskutieren….wieso nur Alleinerziehende und Hartz IV Empfängerinnen???!!

      • Muttis Liebling sagt:

        @Tina, Kuren sind prophylaktische Massnahmen, welche auf einer sozialen, nicht auf einer medizinischen Indikationsstellung beruhen. Besteht eine Krankheit bereits, dieses ominöse Burn- Out- Syndrom z.B., ist eine Kur nicht mehr indiziert. Die Kur ist dazu da, Krankheiten vorzubeugen, nicht zu heilen und sucht sein Klientel in den entsprechenden Risikogruppen, in dem Fall Alleinerziehende und Hartz IV- Eltern, usw..

        Während der Kur wird Sozial-, Ergo- und Physio-, aber keine ärztliche Therapie angeboten. Der Kurarzt kontrolliert lediglich eine eventuell bestehende Therapie und dokumentiert den Stand der Behandlungsziele für seinen Entlassungsbericht.

    • ulrek sagt:

      Was genau Sylt mit dem real existierenden Sozialismus und Ostalgie zu tun haben soll, das bleibt wohl Ihr Geheimnis. Vielleicht verwechseln Sie es mit Rügen. Und bei all der Weinerlichkeit, die im Artikel durchscheint, hätte ich das f u 2 wohl eher in eine andere Richtung adressiert.

  • Werner Müller sagt:

    Die Mu-Ki-Kur ist in Deutschland für sozial benachteiligte Familien um die Mutter-Kind-Kommunikation zu verbessern und die Mütter zu befähigen, krankheitspräventiv mit ihren Kindern umzugehen. Deshalb die vielen Vorträgen. Sie dient nicht der Erholung. Sie ging aus den Müttergenesungskuren nach dem Krieg hervor, als es viele alleinerziehende und (damals) deshalb sozial ausgegrenzte Frauen gab und Kinder, die im dicken Smog leben müssten.

    Mit dem „Aussterben“ kleiner Kinder (dem Geburtenrückgang) in Deutschland sind die Einrichtungen seit Jahren auf der Suche nach einem neuen Kundenkreis. Manchmal ist es besser, sich vor einer Maßnahme zu überlegen, ob man zur Zielgruppe gehört.

    • Karl von Bruck sagt:

      Bingo!

      Fuer eine traditionelle Hausfrau, die gewoehnt ist, um 6 Uhr aufzustehen, um Mann und Kind das Fruehstueck zuzubereiten, ist Tagwache „erst“ um 7 Uhr das Paradies. Fuer eine, wo der Mann sein Fruehstueck vor der Vollzeitmaloche selber zubereiten muss und sie sich angewoehnt hat, erst gegen Mittag einen Haushaltfinger zu ruehren, die Hoelle….

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Karl von Bruck

        für einmal: 🙂
        aber was heisst da 6h?
        Schon das wär für mich halbes Ausschlafen…

    • Brunhild Steiner sagt:

      @Werner Müller

      danke für die Info, das war mir nicht bekannt, spannend!

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Blub

  • Brunhild Steiner sagt:

    Das Affärenmami war definitiv keine echte Kur-Kandidatin, es in erschöpftem Zustand bei derartigen Vorgaben/Durchgetaktheit hinzukriegen eine Affäre zu organisieren, erfordert doch einiges an logistischer Planung 😉
    Ausser der Dorfbewohner wär mitarbeitend im Kurhaus unterwegs und so eine Art halbechter Kurschatten gewesen… .

    • Brunhild Steiner sagt:

      2/
      Ich hab unsren nördlichen Nachbarn für sein Kurwesen immer bewundert, was bei uns viel zu restriktiv ist dort mittlerweilen zwar als viel zu grosszügig erkannt worden („ich geh dann mal schnell auf Kur“) und inzwischen auch nicht mehr so schnell zu kriegen, aber die grundsätzliche Idee finde ich sehr menschenfreundlich.

      Hätte man vom Platz her alle Matrazen nebeneinander auf den Boden legen können, um sich wenigstens einigermassen gute Nächte zu garantieren?

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        Warum Affäre organisieren? Der Dorfmensch weiss ja schliesslich, dass da alle 2 Wochen eine neue Frauenlieferung ankommt und den Stundenplan ist ja wohl auch immer derselbe. Da braucht er sich nur zur rechten Zeit hinzustellen und sich die Beute zu schnappen.

        Das geht ganz zackig. Die Auserwälte hat jeweils keine Arbeit mit der Organisation, sondern kann sich einfach fallen lassen und geniessen……

        Oder so…

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Tamar

        auf diese Sichtweise wär ich jetzt gar nicht gekommen, aber hat was…, ehm, das würden Sie diesen unbescholtenen Dorfbewohnern also so ohne Weiteres zutrauen? Da muss orts-frau ja fast froh sein wenn sich keine derartige Einrichtung in der Nähe befindet 😉

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        Nun ja, ich traue das ja nicht diesen Dorfbewohnern so zu, sondern DIESEM! Aber ja, vielleicht hat es ja mehrere.

        Hmm, was die Frauen angeht: nun, da muss Frau halt weise wählen. Den Mann und die Wohnadresse….

      • Karl von Bruck sagt:

        Wos KurerInnen hatte, hatte es auch immer Kurschatten. Aber gemaess Versicherungs“medizinethik“, gehoerte schon jeder mit Medidopingkeule vollzeit zurueck an den Arbeitsplatz, der in der Kur schon zum Toilettengang und an die Traenke und den Fressnapf aufstehen, geschweige denn ein weiteres natuerliches Grundbeduerfnis befriedigen kann….

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        Bingo

  • Blog-Redaktion sagt:

    Liebe Leserinnen und Leser, die technischen Probleme sind behoben, man kann den Beitrag nun kommentieren. Die Redaktion.

    • Brunhild Steiner sagt:

      ah, endlich…, vielleicht liessen sich andere Probleme ja gleich mitbeheben, bspw die Meldung „Ihr Kommentar ist zu lang“ wenn man noch nicht mal das 800Zeichen Ding ausgeschöpft hat?
      Dann müsste man nicht immer so tranchieren….

Kommentar

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