Traurige Songs für einen tiefen Schlaf

Je trauriger desto besser: Johnny Cash am Montreux Jazz Festival 1994. Foto: Fabrice Coffrini (Keystone)

Es war mir lange nicht klar, aber ich habe meine beiden jüngeren Kinder womöglich nur bekommen, damit ich endlich wieder jemandem vorsingen kann. Gut, das ist übertrieben. Aber trotzdem: Für meine Grossen war das irgendwann nicht mehr cool genug. Ein paar Jahre war es ganz schön zum Einschlafen, aber jetzt ist es was für Babys. Jetzt ist Youtube und Elektro-DJs, die furchtbare Songs noch einmal furchtbar machen. Jetzt ist Justin Bieber und Taylor Swift. Also «Shake It Off», Mann. Mach es nicht noch uncooler, als du eh schon bist.

Kann ich mit leben. Ich hab ja inzwischen Ersatzpublikum. Und wo wir gerade bei uncool sind: Wie hat das mit der Vorsingerei eigentlich angefangen? Ich erinnere mich dunkel (es ist viele Monde und Kinder her), dass ich den Beschluss dafür in der ersten Schwangerschaft meiner Liebsten gefasst habe. Vorsingen, erzählten mir Freunde, sei super, um die Kleinen zu beruhigen, wenn sie es mal schwer haben. Vorsingen, las ich in Zeitschriften, sei ja total Emotionsbonding und frühfördernd und Gehirnwellen und überhaupt. «Ausserdem konntest du», liess mich meine Mutter wissen, «damals als du krank warst, nur schlafen, wenn dir jemand ‹Zogen einst fünf wilde Schwäne› vorgesungen hat.»

Kinderlieder! Das muss auch anders gehen

Kinderlieder also, dachte ich. Ich hasse Kinderlieder. Erstens kenne ich kaum welche, zweitens drehe ich durch, wenn ich ständig das gleiche singe, und drittens «Och nööööö, Kinderlieder!» Das muss doch auch anders gehen. Was lässt sich denn gut vorsingen? «Come as You Are» von Nirvana? Trari, trara, der Punk ist da? Eins, zwei, drei, Metallica? «Right Here, Right Now?»

Wohl eher nicht. Der Sinn der Übung liegt ja darin, das Kind einzuschläfern und mich nicht zu langweilen. Popsongs vielleicht. Könnte funktionieren. Ausser wenn man wie ich (und viele andere) zwar drei, vier Zeilen von beliebig vielen Popsongs mitsingen kann, aber nicht einen einzigen am Stück. Manche kann man zwar fast auswendig, will aber den Mantel des Schweigens darüber ausbreiten, weil einem vom Radio bestimmte Lieder auf stundenlangen Autofahrten ins Gehirn gefräst wurden. «Hit Me Baby One More Time», nech!?

Also habe ich angefangen, richtiggehend nach singbarem Material zu suchen … und bin bei den richtig traurigen Sachen gelandet. Weil die oft wunderbar balladesk sind. Je trauriger, desto besser. Johnny Cashs Version des Nine-Inch-Nails-Klassikers «Hurt» lässt einen zwar schwer schlucken, aber meine Kinder sind damit aufgewachsen und eingeschlafen.

Schmerz, Verzweiflung, Liebeskummer. Er verlässt sie, sie verlässt ihn, «The Saddest Song I’ve Got».

Krieg, Armut, Obdachlosigkeit. Das Salz in meinem Körper ruiniert jeden, dem ich nahe komme.

Ich bin kein Pessimist, aber die Texte vieler Lieder, die ich meinen Kindern vorsinge, vermitteln zumeist eine deprimierende Sicht auf Menschen und Dinge. Doch man kann darin wunderbar schwelgen. Drei am Stück, und das zahnende Baby schläft endlich. Autofahrten in die Nacht rein – das schreit doch geradezu nach einem Minikonzert. Irgendwann sogar auf Deutsch, obwohl Suchen und Finden da wahrlich nicht einfach sind. Aber machbar.

Den Punkt, an dem die Singerei mir wichtiger war als den Kindern, habe ich dann irgendwie verpasst. Ich habe sie noch als Dienstleistung begriffen, als sie schon längst wie eine Freundin der Familie war. Die jetzt, wo die Kleinen da sind, glücklicherweise wieder öfter vorbeischaut. Schliesslich geht es gegen Abend und gegen die Hand-Fuss-Mund-Krankheit. Gegen was auch immer.

37 Kommentare zu «Traurige Songs für einen tiefen Schlaf»

  • Andrea sagt:

    Scharlachrot – patent ochsner

  • dr house sagt:

    „auf der reeperbahn nachts um halb eins“ war der lieblings-einschlaf-song meiner tochter… und dazu im walzertakt durch die wohnung gewiegt werden…

  • Cybot sagt:

    Ich erfinde lieber meine eigenen Songs. Der Text macht dabei zwar oft keinen Sinn, die Melodie ist unoriginell, aber wen interessiert’s. Und zum Einschlafen tut es auch „Schlaf, Kindlein, schlaf“, ohne Text, nur mit sch-sch-sch. Damit schläft meine Kleine in 1 Minute ein.

  • Hedwig sagt:

    Zogen einst 5 wilde Schwäne ist ein wunderschönes, aber ebenfalls trauriges Lied. Fünf Burschen ziehen in den Krieg und kehren nicht mehr nach Haus, fünf junge Mädchen winden niemals den Brautkranz. Es ist ein Antikriegslied aus Preussen. Kein Kinderlied, trotzdem geeignet, es Kindern vorzusingen.

  • Karl von Bruck sagt:

    Es waere an der Zeit, den Papablog getrennt zu fuehren, statt im Mamablog nur „Papa“blogger mit faden oder frauenkonformen Artikeln zuzulassen, und dann gar kritische Maenner zu zensurieren….

  • Päde sagt:

    Für meine Kinder gibts nur Bruce Springsteen. Schliesslich sollen sie von Anfang an auf dem richtigen Weg sein:-)

    • Misch sagt:

      Ha ha! Der ist gut 🙂 Ich habe Erfolg mit Rage against the machine, Prodigy und Rammstein. Danach sind die Kids so KO, dass sie innerhalb von 30 Sekunden einschlafen 😉

      Alexa Feser ist echt gut. Kannte ich noch gar nicht.

  • Murmeli sagt:

    Ich kann folgendes Lied enpfehlen:

    https://m.soundcloud.com/jonatan-songs/bis-du-schlafsch

    Mein Mann hat es zur ‚Geburt unseres Sohnes geschrieben!

  • Papperlapapi sagt:

    Und das Volkslied „Goldne Abendsonne“ zum Zähneputzen, die 3 strophen ergeben exakt 2 Minuten.

  • Papperlapapi sagt:

    Dieter Wiesmann: „pfuus guet“

  • Andrea sagt:

    Wie traurig, wenn einem nur noch traurige Kinderlieder in den Sinn kommen. Was ist so extrem falsch an „Lueged vo Bärg und Tal“? Wohl nichts, oder? Singen hat mir der Sprachbildung des Kindes einen sehr engen Zusammenhang, mit obigen Liedern lernt es somit ziemlich überhaupt nichts. Man singt ja wohl kaum noch dem 10j. Kind etwas vor.

  • the man sagt:

    Ich singe immer das „Schlaflied“ von Patent Ochsner. Simmelibärg geht natürlich auch.
    Wer es lieber frankophon mag:
    À ton étoile (Noir Désir, in der Version von Yann Tiersen)
    Für den multikulturellen Aspekt:
    Nini sine (Version von Alma Bandic)
    Und für ganz Abgebrühte:
    Kindertotenlieder von Gustav Mahler

  • mila sagt:

    Cloud Cult, You Were Born. Ein wunderbares Wiegenlied für Klein und Gross.

  • Rolf sagt:

    Ich finde dieses Lied hier eine richtig gute Variante – https://www.youtube.com/watch?v=zcOhrtAFc-Y

  • Jana sagt:

    ‚Hunters Lullaby‘ von Leonard Cohen sang mein Vater für mich.

  • Barbara sagt:

    Von Johnny Cash gibt es ein wunderschönes „Children’s Album“!

  • Widerspenstige sagt:

    Imagine von John Lennon – auch als Schlaflied hervorragend geeignet.

  • Sisifee sagt:

    Ich habe meinen Vorschulkindern Mani Matter gesungen. Rauf und runter, den „Eskimo“ meist 7x hintereinander.

  • Anh Toàn sagt:

    Redemtion songs von Bob Marley
    Racin‘ in the streets von Bruce Springsteen
    Piano man von Billy Joel
    House of the risin‘ sun (uralt, am bekanntesten aber von den Animals)

    • Anh Toàn sagt:

      Zum einschlafen ist auch „Blowin‘ in the wind“ (Der Text ist genial, der Song an sich ist zum einschlafen) Das Versmass ist so einfach, dass man einfach einen eigene Texte dazu machen kann.

      Nicht zum einschlafen, sondern zum aufmuntern, zum Beispiel im Auto, der fröhlichste Song der je geschrieben wurde: Ob-la-di Ob-la-da von den Beatles.

    • Widerspenstige sagt:

      Oh ja, House of the risin‘ sun sowie Blowin‘ in the wind von Joan Baez (da singt auch Bob Dylan ein wenig mit). 😀

  • Franz Vontobel sagt:

    „I see a Darkness“ von Bonnie Prince Billy, in der Version von Johnny Cash.

    • Kurt Kellerhals sagt:

      Danke für den JH-Hinweis 🙂 Hilft!
      Die Cash-Version von „I see a Darkness“ ist ein Meisterwerk. Auch gut: „My Father’s House“ von Bruce Springsteen (auf der Nebraska-Scheibe, deren Tracks allesamt in diesem Blog genannt werden können).

    • Widerspenstige sagt:

      Das muss ich Ihnen lassen, Franz, dieser Song enthält die ganze Melancholie eines Johnny Cash Lebens. Ein wenig sehr düster als Kinderschlaflied allerdings …

      Wie wäre es mit Simon & Garfunkel und Sound of Silence, Version 1964?

      • loulou55 sagt:

        @Widerspenstige
        Wenn sie S&G schon erwähnen und Vontobel mit „I See A Darkness“ angefangen hat, die Johnny Cash Version von Bridge Over Troubled Waters ist ja sowas von „100x besser als das Original“!
        Überhaupt die ganze „American Recordings“ Serie ist ein absoluter Geniestreich der Musikgeschichte!
        Aber eigentlich bin ich ja völlig falsch im Mamablog, bin nur wegen dem Foto von J.C. hier, das hat mich ein Bisschen neugierig gemacht.

  • maja sagt:

    scharlachrot vo patent ochsner sing ich oft 🙂 findi super.

  • Jan Holler sagt:

    Es muss schon sehr bedrückend sein, wenn es einem nicht gelingen will, die eigenen Manierlichkeiten zugunsten der eigenen Vorstellungen nicht zurück stellen zu können und dass dann zur Selbsttherapie in öffentlichen Blogs auszubreiten.

    • Kurt Kellerhals sagt:

      Es muss schon sehr bedrückend sein, wenn es einem nicht gelingen will, Kommentare in öffentlichen Blogs zurückstellen zu können, um ebenda die eigenen Manierlichkeiten auszubreiten. Tipp: Therapie und Nachhilfestunde in Orthografie!

      • Franz Vontobel sagt:

        Lohnt sich nicht, Herr Kellerhals – Holler ist Reflexbeisser. Vermutlich irgendein Jugendtrauma…

    • Karl von Bruck sagt:

      Bingo!

      Ein Wunder dass Ihre Kritik durch die Vorzensur geflutscht ist….

  • Tweety sagt:

    Ein wunderschönes deutsches Schlaflied ist das „Schlaflied“ von den Prinzen.

  • Stefan sagt:

    Gute Auswahl. Es gibt auf Youtube so etwas, das nennt sich Playlist 😉 https://www.youtube.com/playlist?list=PLnYwQS6Bd4wSnxOu8bDZIcV_z7zBBieEt

  • Kurt Kellerhals sagt:

    „The Jackson Song“ von Patti Smith – eigens als Lullaby geschrieben. Wunderwunderschön, tränentreibend – und singbar! Der Song allein ist Grund genug, Kinder in die Welt zu setzen 🙂
    Gina Günthard, eine Weggefährtin von Dodo Hug, hat diesen Song wunderschön gecovered – irgendwo auf einer Dodo-Scheibe…

  • Doris sagt:

    Schöner, inniger Song „Sebastian“ von Steve Harley and the Cockney Rebel , beruhigt ungemein und war oftmals die Einschlafmelodie für unseren Sohn, der sinnigerweise auch Sebastian heisst. Hör ich mir heute nach 3o Jahren immer noch gerne an, eignet sich auch für romantische Stunden sowie für genüssliche Weltschmerzstunden mit sich alleine. .

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