Dinge, die mich meine Kinder lehren

Mamablog

Wenn doch nur Schneeflocken auch uns Erwachsene noch in solches Staunen versetzen könnten. Foto: Nadezhda1906 (iStock)

2016 war in vielerlei Hinsicht ein mieses Jahr, und es sieht nicht so aus, als würde 2017 wesentlich erfreulicher daherkommen. Die alten Probleme der vergangenen Monate schleppen wir über den Jahreswechsel mit, ohne auch nur eines davon wirklich gelöst zu haben. Und so naiv, anzunehmen, dass 2017 keine neuen hinzukommen, ist wohl niemand. 2016 war aber für mich ganz persönlich auch ein ziemlich grossartiges Jahr. Meine Liebste hat mich mit meinem jüngsten Töchterchen beschenkt, die Familie ist komplett. Und während wir anderen am Jahresausgang den üblichen Verpflichtungsstress schieben (Schule, Arbeit, familiendahinraffende Erkältungen, Weihnachtswahnsinn), guckt sie sich die ganze Hektik scheinbar belustigt von ihrer Kuscheldecke aus an und beisst sich dabei ins Fäustchen. So entspannt möchte ich auch mal sein.

Vielleicht ja ein ganz guter Vorsatz für das neue Jahr: Mehr Dinge so machen wie meine Kinder. Wohlgemerkt: nicht alle! Ich möchte weiterhin darauf verzichten, davon aufzuwachen, dass ich in meinem eigenen Speichel zu ertrinken drohe (zahnendes Baby). Ich will auch nicht unbedingt daran verzweifeln, dass etwas vom gewöhnlichen Tagesablauf abweicht, und bin froh, dass ich keine Angst vor fallenden Herbstblättern und Kaffeemühlen habe (Zweijähriger). Was meine Grossen so treiben, behalte ich lieber für mich. Nur so viel: Ich brauche weder die Fähigkeit, jedes Zimmer in eine stinkige Nagellackhölle zu verwandeln, noch das unerschöpfliche Talent, nicht verlieren zu können. Also gar nicht. Nicht mal ein bisschen. Dafür aber andere Dinge.

40 Minuten auf die eigenen Finger gucken

Von meiner Elfjährigen hätte ich gerne ihre Beharrlichkeit und ihre Lust am Philosophieren. Außerdem bewundere ich die Leichtigkeit, mit der sie Freundschaften schliesst und anderen Menschen verzeiht. Ich bin darin als notorischer Einzelgänger grundsätzlich eher ungeschickt. Ich bin weder so schnell in Rage wie sie, noch kann ich, wenn ich dann einmal hochgefahren bin, so schnell wieder das Kriegsbeil begraben. Apropos: Falls du das hier liest, Jens Wagner, der du mir im Sommer 1988 die Schuhe aus der Sportumkleide geklaut hast, sodass ich barfuss nach Hause laufen musste – wir sprechen uns noch.

Mein Neunjähriger könnte mir gerne etwas von seiner unverstellten Begeisterung für Geschichten abgeben, von seiner grenzenlosen Loyalität, seinem Selbstvertrauen und seinem Klettertalent. Ich bin überzeugt, dass ich hauptsächlich deshalb allmählich ergraue, weil er jedes Mal, wenn ich ihn mal kurz aus den Augen lasse, irgendwo raufklettert. Auf Bäume ohne Äste, auf Strassenlaternen, Sporthallendächer oder Türen. Wenn er sich Sorgen macht, geht er im wahrsten Sinn des Wortes an die Decke. Wenn er freiwillig wieder herunterkommt, ist er zumeist tiefenentspannt. So etwas brauche ich auch.

Ausserdem wäre ich gerne so nahe an meinen Bedürfnissen wie mein Zweijähriger. Wenn er müde ist, sagt er das: «Papa, Bett!» Egal, ob es erst 17 Uhr ist. Wenn er mehr essen oder Menschen besuchen will, fordert er das ein. Unabhängig davon, ob er eigentlich pappsatt sein müsste und seine Oma am anderen Ende von Deutschland wohnt. Wenn ich das mehr so machen könnte wie er, wäre ich bestimmt weniger miesepetrig. Allerdings müsste ich dann auch über seinen Humor und seinen Charme verfügen, sonst komme ich mit so einem Verhalten nicht durch. Selbst mit viel Mühe wird das nichts. Entweder hat man das oder eben nicht. In meinem Fall: oder.

Und mein Glöckchen! Um 40 Minuten lang mit solcher Faszination auf meine eigenen Finger gucken zu können, müsste ich wohl Drogen nehmen. Überhaupt bin ich zu wenig begeistert davon, was mein Körper alles kann. Für mich ist der selbstverständlich. Mit Ende dreissig hat man so was eben. Wehe, der funktioniert nicht. Meine Kleine ist da eher so: Ha, Greifen! Hier, guckmalguckmalguckmal, ich kann G R E I F E N. Gut, sie gurrt das eher nonverbal, aber die Freude ist unmissverständlich.

Ich versuch das jetzt. Falls Sie also nächstes Jahr einen Enddreissiger sehen, der auf einem Baumwipfel tief in Gedanken mit breitem Grinsen einen Schokololli verputzt und dabei eine Babyrassel schwingt – winken Sie doch mal.

8 Kommentare zu «Dinge, die mich meine Kinder lehren»

  • Michael sagt:

    Da werden doch Äpfel mit Birnen verglichen. Kinder können deswegen so gut entspannen, weil sie noch nicht in diese ganzen Verpflichtungen und Termine eingespannt sind, die uns Erwachsene alle umgeben. Versuchen Sie doch mal als jemand, der in einen Arbeitsprozess eingespannt ist, um 12:00 zu sagen, ich hau mich jetzt mal für 2 Stunden auf’s Ohr ! Oder einfach morgens mal länger ausschlafen und statt zur Arbeit auf die Piste zu gehen.
    Zwei Dinge allerdings habe ich von meinen Mädels gelernt – aufhören zu essen, wenn man satt ist und grundsätzlich jedem erstmal freundlich gegenüber zu stehen.

  • Rebecca sagt:

    Kinder lernen uns am besten was es heißt entspannt zu bleiben. Ein sehr schöner Text! Habe ihn mit Freude gern gelesen! Mehr davon bitte! 🙂
    Liebe Grüße Rebecca von https://batmom-and-little-robin.jimdo.com

  • sil sagt:

    sehr schöner Text! ich nehme mir vor mehr von meinen Kindern abzuschauen!

  • Cybot sagt:

    2016 war doch toll. Bei mir jedenfalls. Weniger Nachrichten schauen hilft. Die Welt ist nämlich nicht annähernd so schlecht, wie es die Nachrichten uns tagtäglich weismachen wollen.

  • Kaiser Petra sagt:

    Ein herrlicher Text! Ja, man sollte sich das zu Herzen nehmen. Ich habe ihn ausgedruckt und an die Wand gehängt. Vielleicht hilft es 2017!
    Auf ein gutes 2017!

  • 13 sagt:

    Auch von mir einen herzlichen Dank. Ich musste ein paar Mal schmunzeln und erkenne in vielem meine Kinder wieder. Oh, die Faszination des Greifens bringt mich schon fast zum Gedanken, ob ein viertes nicht doch noch in Frage käme. Eine wunderschöne Phase. Wobei mir dann in den Sinn kommt, dass sie diese Fähigkeit schon ein Jahr darauf an den Weihnachtskugeln und den Kerzen ausprobieren und ich merke, dass es gut ist, wie es ist.
    Ich wünsche Ihnen und der ganzen Familie einen guten Rutsch ins 2017.

  • Adina sagt:

    So schön, Herr Pickert, man merkt wie Sie Ihre Kinder lieben. Und ehrlich gesagt kommen Sie, mir zumindest, ziemlich entspannt im Kopf und locker rüber. Ich wäre gerne öfters so entspannt wie Sie…
    Nagellackhölle und Lust am Philosophieren zusammen? Immerhin! Jetzt weiss ich was auf mich später auch noch zukommen könnte 🙂

  • Christine Finke sagt:

    Ich winke vom Schreibtisch – Nils Pickert lese ich immer sehr gern. Auf ein gutes 2017, in dem wir von den Kindern lernen und selbst Neues ausprobieren!

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