Best of: Wissen Sie, worum es im Leben geht?

Die Festtage geniesst unser Mamablog-Team mit den Familien. Daher publizieren wir ein Highlight des vergangenen Jahres.

Wie hat Ihr Tag bisher ausgesehen? Kinder parat machen, zum Zug rennen und da sitzen Sie jetzt, lesen auf dem Smartphone in Ihren einzigen zehn freien Minuten schnell die Zeitung, weil Sie danach ein stressiger Arbeitstag und später ein hektischer «Kinder abholen, ins Bett bringen und danach noch schnell etwas fertig arbeiten»-Abend erwarten? Oder geniessen Sie gerade irgendwo die Sonne, da Sie heute früh aus einer Laune heraus spontan entschieden haben, wieder einmal freizunehmen?

Die meisten würden wohl Antwort eins ankreuzen, handelte es sich hier um einen Fragebogen. Wir sind oft so in unserem Alltagstrott gefangen, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, einfach einmal daraus auszusteigen, innezuhalten und zu geniessen, nachdem wir eine Aufgabe erledigt haben. Denn um die Ecke wartet schon die nächste auf uns.

Kein Wunder, schliesslich sind wir von Beginn weg so erzogen worden, wie Alan Watts sagt. Der englische Philosoph ist zwar bereits 1973 verstorben, geistert aber zurzeit in Form eines Videos durch die sozialen Medien. Im kurzen Film mit dem Titel «Life Is Not a Journey» hört man Alan Watts über das Leben philosophieren, und obwohl seine Worte mehrere Jahrzehnte alt sind, sind sie heute aktueller denn je.

Alan Watts – Why Your Life Is Not a Journey from David Lindberg on Vimeo.

Watts spricht über die Allegorie «Leben gleich Reise». Wir bezeichnen das Leben nicht nur gerne als solche, wir leben auch tatsächlich nach dieser Idee. Das fängt schon in der Schule an, sagt Watts: Wir würden unsere Kinder in eine Art Bildungskorridor stecken, in dem sie stetig weiterlaufen müssen. Kindergarten, Primarschule, Oberstufe, danach vielleicht ein Studium, auf jede Stufe folgt eine weitere. Danach dasselbe im Beruf, von Stelle zu Stelle, von Position zu Position. «Und die ganze Zeit denken wir, dass sie kommen wird, diese eine grossartige Sache. Das Ziel, auf das man hinarbeitet», so Watts. Das mag eine Beförderung sein. Oder auch die Pensionierung, für die man eisern spart, damit man das Leben danach endlich in vollen Zügen geniessen kann.

«Wir haben uns grässlich getäuscht»

Erreicht man sein Ziel irgendwann, merkt man, dass man sich die ganze Zeit etwas vorgemacht hat, weil die Kaderposition das Leben gar nicht so sehr verändert oder man mit 65 plötzlich zu müde ist, um noch gross in der Welt herumzureisen. Oder wie Watts es sagt: «Wir dachten, das Leben sei eine Reise, die zu einem wunderbaren Ziel führt. Doch wir haben uns grässlich getäuscht. Es war vielmehr etwas Musikalisches, zu dem man hätte singen und tanzen sollen, solange die Musik gespielt hat.»

Ein wunderbarer Vergleich. Nicht nur, weil er uns dazu auffordert, das Leben etwas leichtfüssiger anzugehen und darauf zu vertrauen, dass nach einer Moll- plötzlich wieder eine Dur-Sequenz angespielt werden kann. Er lehrt uns auch, vor lauter Nachdenken über die Zukunft die Gegenwart nicht zu vergessen. Denn, so Watts, «wenn man tanzt, will man nicht am anderen Ende des Raumes ankommen mit seinen Schritten; der ganze Sinn des Tanzes besteht vielmehr aus dem Tanz selber.» Ein Satz, den auch Eltern sich zu Herzen nehmen sollten. Denn es ist zwar schön und gut, sich Gedanken zu machen über die Zukunft des Kindes und es möglichst gut fördern zu wollen. Doch was bringt dem Kind das in zwanzig Jahren eventuell benötigte Chinesisch, wenn es deswegen heute nicht mehr zum Spielen kommt? Welchen Sinn haben all die Kurse und Nachhilfestunden, wenn darob das aktuelle Leben vergessen geht?

Kinder wissen, wie man nach der Melodie des Lebens tanzt

Dabei sind gerade Kinder prädestiniert dafür, mehr nach der Melodie des Lebens zu tanzen. Das weiss jeder, der schon einmal gemeinsam mit einem Kleinkind irgendwohin gegangen ist. Für das Kind steht der Weg, das Jetzt im Vordergrund, nicht das später zu erreichende Ziel. Käfer, Autos, Spaziergänger, auf alles reagiert es. Was spannend scheint, dem wird Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet, ist etwas langweilig, will das Kind möglichst schnell weiterziehen.

Ich will daraus keineswegs folgern, dass wir alle nur noch nach Lust und Laune leben und das Morgen ignorieren sollen. Aber wir sollten uns zwischendurch an Watts Worte erinnern. Macht uns eine Passage unseres Lebens einmal besonders Lust aufs Loslassen und spontane Tanzen, dann sollten wir uns dem nicht verwehren, sondern einfach mit der Musik mitgehen. Nicht dass irgendwann der Epilog angespielt wird und man merkt, dass man seinem vermeintlichen Lebensziel so verkrampft nachgerannt ist, dass man der Melodie gar nie richtig zugehört und dadurch den schönsten Teil der Sonate verpasst hat.

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Liebe Leserinnen und Leser, auch unsere Kommentarfreischalter machen mal Pause – und zwar am 25. & 26 Dezember und am 1. & 2. Januar. Bitte haben Sie Verständnis, dass dann Ihre Blog-Kommentare möglicherweise erst verspätet erscheinen. 

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12 Kommentare zu «Best of: Wissen Sie, worum es im Leben geht?»

  • Roman Günter sagt:

    Schon seit früher Jugend mache ich mir persönliche Zeitmarken – wichtige, schöne, interessante, eindrückliche aber auch schwere Momente, welche ich im Moment besonders geniesse (oder erlebe) und deren Erinnerung besonders pflege. Diese Erinnerungen sind so präsent, wie wenn es erst vor ein paar Tage geschehen wäre. So ist mein Leben zeitlos und mehr Sinn benötige ich nicht.

  • Karl von Bruck sagt:

    Tja, die Wirtschaft sollte halt wieder den natuerlichen und positiven kulturellen Beduerfnissen des (vorhandenen) Volkes angepasst werden, statt das mit auslaendischen Lohndoempern und inlaendischen Arbeitslosen ruinoes ange“reicherte“ Volk der Wirtschaft….

  • Lorenz Trachsel sagt:

    Erinnert mich an meine Fahrten im Silicon Valley in den 90ern: die Radiostation KPFA Berkeley brachte alle Allan-Watts-Vorträge, die spröde/witzig, verwegen/weise aus dem Autoradio klangen. Umsomehr irritiert mich diese äusserst kitschige, mit Malicks Tree of Life unterlegte, oder eher zugeschüttete, Version. Offenbar müssen heute existentielle Inhalte mit emotionalisierenden Bildern/Musik gefüttert werden, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

    Wenn nur das Tanzen ob dem weinerlichen Herumsitzen nicht nicht zu kurz kommt!

    Danke trotzdem für diesen wichtigen Input.

  • Roland Benz sagt:

    Tolle Sache mit einem Haken, nicht jeder hat das Glück mit Vitamin B durchs Leben gleiten zu dürfen. Erst öffnet ihr die Grenzen, gebt uns Hochqualifizierten in 15 Jahren eine weitere Million Billigkonkurrenz und dann fangt ihr auch noch damit an, uns zu sagen, wir sollen das Leben geniessen. Nicht witzig!

    • Tamar von Siebenthal sagt:

      Nun, es schadet auch den Gutverdienern nicht, wenn sie mal von ihrem hohem Ross runterkommen. Willkommen in der Realität jener, welche mit wenig auskommen müssen.

  • Beobachter SOS sagt:

    Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, würde vieles anders aussehen. Selbst können Veränderungen erfolgen. Der Weg der rohen Menschheit ist kaum aufzuhalten und endet vermutlich tragisch.

  • Charly sagt:

    Entscheidungen werden erst dann möglich und notwendig, wenn Möglichkeiten gegeben sind, gegen oder für die man sich entscheiden kann (und das können schliesslich auch Werte, Traditionen, Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten sein). Entscheidungen fallen deshalb nicht aus dem Nichts, sondern aus der Vergegenwärtigung von Möglichkeiten, von denen es stets mehr gibt, als aktualisiert werden.
    Wer Ziel sagt, ist schon in der Zukunft. Fraglich ist deshalb insbesondere die existentielle Verkürzung der Entscheidungssituation auf einen Jetztpunkt, der nicht nur die normative, die Selektion offensichtlich oder hinterrücks steuernde Gewissheit abschneidet, sondern auch jede Art von Zukunftsorientierung. Denn diese ist gegenwartsbestimmend.

    • Hans Ammann sagt:

      Charly…bitte üben Sie das Formulieren so, dass ein normal Gebildeter wie ich einigermaßen verstehen kann, was Sie meinen. Es ist kein Qualitätsmerkmal, wenn nur Sie selbst Ihren kompliziert verwinkelten Sätzen folgen können. Gerade die wichtigen Erkenntnisse lassen sich meistens klar und für alle verständlich ausdrücken.

  • Robert Hugelshofer sagt:

    Oder man lese das Buch von Bronnie Ware „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ und schon hat man eine Ahnung, was wichtig ist im Leben.

  • Antonio E. Boller sagt:

    Vielen Dank für diesen tiefgreifenden und m.E. extrem wichtigen Impuls!
    Wie viele Menschen am Sterbebett, entgegnete mir auch mein Vater kurz vor seinem Tod auf meine Frage, was er anders machen würde, könnte er mit dem jetzigen Bewusstsein nochmals starten: „Oh, ich würde mir viel mehr Zeit nehmen… ich wollte doch noch so vieles erleben. Ich hätte nicht gedacht dass es so schnell enden würde!“ Obwohl ich mich mit dem Thema schon etwas länger befasse, hat mich dieser Moment tief ergriffen.
    Deshalb, ia tanzt die Musik jetzt, tanzt sie mit euren Mitmenschen… nehmt euch alle Zeit, denn sie ist das Einzige was euch gehört, was euch gehört. Das Leben ist sehr kurz, lebt es jetzt und möglichst jeden Moment bewusst.

  • Pippo Ba sagt:

    „Wissen Sie, worum es im Leben geht?“
    .
    Dass es nicht darum geht, die eigene Filterblase als Referenz fuer das Leben, das Universum und den ganzen Rest hinzunehmen.

    • Jerome Barrier sagt:

      Man kann lediglich versuchen, aufgrund des schon Geschehenen Ableitungen zu erstellen – eine Art Richtschnur, die dem Sein einen ‚Sinn‘ in der eigenen Filterblase ergibt. C.G. Jung schrieb mal, das Unordnung und Chaos die Eltern von Ordnung und Sinn seien – womoeglich trifft dies zu, womoeglich haengt das Erkennen von ‚Ordnung und Sinn‘ aber auch lediglich von der Perspektive des eigenen Bauchnabels ab, wonach die Schlussfolgerung erlaubt sei, dass objektiv alles genau so ist, wie es sein sollte und die Diskrepanz zur subjektiven Wahrnehmung lediglich in der eigenen Ohnmacht liegt.
      .
      In ‚Tree of Life‘ wird eine interessante Frage aufgeworfen: was, wenn ‚Gnade‘ im Sinne einer anthropologischen Eschatologie verstanden wuerde?

Kommentar

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