Achtung, fertig, aufpassen!

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Und plötzlich wirds gefährlich: Je mobiler die Kinder, desto nervöser die Eltern. (iStock)

Liebe Neueltern, heute schreibe ich nur für euch. Ich bin Vater eines Kleinkindes und ihr seid damit die einzige Lesergruppe, der gegenüber ich mich hier als Experte aufspielen kann. Los gehts:

Euer Baby wird in den nächsten zwei Jahren viel lernen – und ihr rennt seinen neuen Fähigkeiten hinterher. Zum Beispiel werdet ihr irgendwann erstaunt feststellen, dass es ja schon längst selber die Treppe rauf- und runtersteigen kann.

«Wow, Maximilian-Jason, du chasch ja sälber d Stäge uf, du Grosse. Jetzt mues ’s Mami di nümme trage!» – «Mami, ich bi sit drü Jahr ufem Gymnasium, dert hei mer ganz vil Stäge.»

Euer Unvermögen, mit der kindlichen Entwicklung mitzuhalten, ist für das Kind kein Problem, das kommt schon zurecht. Aber euer Leben ist über Monate hinweg schwerer, als es sein müsste, wie das folgende Beispiel zeigt:

Szenario A – Ihr wisst noch nicht, dass das Kind schon selber Treppensteigen könnte:

«Papi, mis Äffli isch nu dunde.» – «Ja isch guet gopf, ich gange’s ga hole …~/(%&£.»

Szenario B – Ihr habt inzwischen gemerkt, dass sich euer Kind auch in unsicherem Gelände bewegt wie Ueli Steck:

«Papi, mis Äffli isch nu dunde.» – «Gang’s sälber ga hole und bring nu e Rolle WC-Papier mit, aber schnäll!»

Aber wie hält man denn mit des Kindes Entwicklung mit? Indem man mit der Routine bricht, Neues ausprobiert und das Kind machen lässt. Klingt offensichtlich, aber man gewöhnt sich einfach daran, ständig schützend vor jede Treppe zu hechten.

Ganz progressive Eltern setzen ihr Kind ja schon mit wenigen Monaten auf die Kellertreppe und gucken, wie es mit der Situation arbeitet. Ich rate davon ab oder empfehle zumindest ein Klettergstältli und Halteseile.

Luftpolsterfolie vs. laissez faire

Die meisten Eltern haben Angst vor des Kindes erwachender Mobilität und seiner aufkeimenden Neugier. Sie fürchten, dass sie nun keine Ruhe mehr haben und erst mal die komplette Wohnung sichern müssen.

«Ui näi, es chrablet. Kurt, hol Chläpband!»

Klar sind ein paar Sicherheitsmassnahmen sinnvoll, das Kind soll ja nur metaphorisch «unter Strom stehen». Verschliesst man aber gleich alle Schubladen und Türchen, rüttelt es frustriert dran rum, und wendet sich der nächsten Opportunität zu: heisse Herdplatte, Kloschüssel, fleischfressende Pflanze.

Deshalb will ich euch nun den wichtigsten Tipp überhaupt geben. Wichtiger als der, dass man Buben auf dem Wickeltisch nicht mithilfe des Haarföns zum Bislen bringen soll. Wichtiger als der, dass die meisten Kinder den Schoppen auch kalt nehmen. Ein Tipp, der euch viel Stress ersparen wird, wenn rechtzeitig angewendet:

Der Ausräumschrank

Ihr braucht einen Ausräumschrank. Und zwar einen in jedem Zimmer: ein Unterschränkchen in der Küche, die unterste Schublade der Schlafzimmerkommode oder ein Regalfach im Bad. Dort packt ihr alle Dinge rein, mit denen das Kind in diesem Raum spielen darf: Tupperware, Haarbürsten, Bettflaschen und zerbrechliche Dinge eures Partners, die euch noch nie gefallen haben. Spielsachen sind hingegen tabu, es müssen Erwachsenendinge sein.

Dann gebt ihr eurem Kind das Gefühl, dass es diesen Schrank ausnahmsweise ausräumen darf. Es wird sich nun stundenlang mit dem Schrank und den Sachen darin beschäftigen. Achtung: Sobald ihr ihm aktiv sagt, es soll doch damit spielen, verliert es für immer das Interesse.

Glaubt mir, es lohnt sich. Rein rechnerisch könnt ihr mit dem patentierten Tschannen-Ausräumschrank acht Fremdbetreuungsstunden pro Woche und etwa eine Stunde Familientherapie pro Monat einsparen. Dieses Geld überweist ihr mir bitte auf das Konto 91-487295-2. Zahlungszweck: «Da wär ich selber echt nie drauf gekommen.»

23 Kommentare zu «Achtung, fertig, aufpassen!»

  • Rebecca sagt:

    Ich bin zum ersten Mal Mutter, mein Sohn wird im Mai 2 Jahre alt 🙂 und ich muss auch sagen das man Kindern vieles erleben lassen muss. Auch wenn das heißt das sie sich erst zweimal den Finger einzwicken werden bevor sie es beim dritten Mal verstehen! Man kann doch nicht um alles Luftpolster Folie wickeln 😉 erst Recht nich ums kind 😀 ein toller Text! Ganz liebe Grüße Rebecca von https://batmom-and-little-robin.jimdo.com

  • Zwillingsmama sagt:

    Lieber Herr Tschannen, ENDLICH kann ich mich mit meiner brennenden Frage an einen echten Experten wenden: Wie lösen Sie das Problem mit dem Finger-Einklemmen im Ausräumschrank? Was würden Sie empfehlen, wenn der eine Zwilling die Fingerlein oder noch besser neugierig das Köpfchen in den Ausräumschrank steckt, während der andere Zwillinge mit viel Schwung das Türli schletzt?

    • Zu Frage eins: Ein paar Mal davor warnen, ein paar Mal erleben lassen und dann passte zumindest unser Kind ziemlich gut auf. Um zu testen, ob das auch gegenseitig funktioniert, fehlt mir leider der Zwilling. Helm und Arbeitshandschuhe sind aber vermutlich nicht verkehrt,

  • Stefu sagt:

    Ich tauche: Ausräumschrank gegen „Schreck lass nach“.

    Kleinkinder bauen massenhaft kleine Unfälle. Manchmal ohne schmerzlichen Folgen, manchmal müssen sie auf die ersten Zähne beissen, manchmal ist’s dann echt zum Heulen.
    Wenn man seinen eigenen Schreck unterdrückt und nicht gleich ein riesen Tamtam verursacht, dann wird viel weniger geheult – eben nur, wenn’s wirklich weh tut.

    Wenn man dann auch die Grosseltern zu einer gewissen Gelassenheit erzogen hat (muss in 2-Monats-Abständen „nachgeschult“ werden), dann kann man tatsächlich Nachmittage ohne Gegränne und ähnlichem verbringen.

    Übrigens, hat der Tschannen wie der Fussballexperten-Alain sein Berndeutsch verloren???

  • WasserratteHH sagt:

    Da bin ich selber aber „leider“ doch schon drauf gekommen, als mein Sohn in dem Alter war ;-), es gab (und gibt immer noch) in der Küche seinen Ausräumschrank. War ne super Sache!! Also von mir gibt es leider kein Geld 😉

  • Michael sagt:

    Ich frage mich bei diesen ganzen Selbstdarstellern an BlogRatgebern, wie mich meine Eltern überhaupt unbeschadet haben gross ziehen können. Und ich bewundere mich, das ich meine beiden Mädels ohne diese Ratschläge gross bekommen habe ! Ist es, weil wir noch in der Lage waren, uns unsere eigenen Gedanken machen zu können und das nicht wie heute den Vorgaben aus den Social Medias überlassen haben ?

    • Angelika Maus sagt:

      @ Michael. Das ist kein Ratgeber aber lustig. Dennoch gratulieren wir natürlich alle dazu, dass ihre Mädels gross geworden sind. Was für eine Leistung, Bravo!

      • Jan Holler sagt:

        Genau, ist lustig. Wie schon einmal gesagt, die Männer im Mamablog machen einen auf lustig, weil sie sonst wohl nichts zu melden haben.
        @ Michael: Damals (so lange ist es nicht her), als meine beiden Mädchen klein waren, hatten wir als Miterziehende keine Zeit, Blogs zu lesen. Sie waren auch nicht so in. Den Erziehungsratgeber, den wir geschenkt erhielten, habe ich nie aufgeschlagen. Vermutlich ist er schon seit langer Zeit recyclet worden.

    • alam sagt:

      Aber doch lustig, dass ihr jetzt mitlest. Wie kommt das? Ist ja gar nicht mehr euer Interessengebiet.

      • Michael sagt:

        Weil ich eben genau weiss wie es geht und mit meinem Wissen andere beglücken muss !! Nur deswegen…

  • mamarocks.ch sagt:

    Der Ausräumschrank ist Gold wert! 🙂

    • Vierauge sagt:

      stimmt, das ging uns auch so.
      Vor allem die Pfannen haben dann gleich noch so schön Krach gemacht auf dem Plättliboden in der Küche.

  • Alpöhi sagt:

    Ja nee, Kleinkinder, is klar.

    Aber was, wenn der 11-Jährige mit dem Velo eine Tagestour unternehmen will – allein in der Wildnis, wo hinter jeder Hausecke ein Auto mit aufheulendem Motor lauert?

    Wir lösten das dann, indem wir dem Kind ein kleines Prepaid-Handy ins Gepäck packten (Segnungen des 21. Jahrhunderts) und abmachten, dass er alle zwei Stunden seinen Standort durchgeben soll. Klappt gut. Über diese „verlängerte Leine“ ist die Betreuung im Bedarfsfall möglich.

  • 13 sagt:

    Zur Treppensicherung bleibt aber zu sagen, dass diese auch dann sehr praktisch ist, wenn man das Kind grundsätzlich alleine gehen lässt. Meine Kinder krabbelten alle im Alter von 9-10 Monaten die Treppe rauf und runter. Und trotzdem hatten wir bis ca. 2,5 welche, die oft offenstanden, aber trotzdem bei Bedarf geschlossen werden können.

    z. Bsp:
    „Ich gehe nur kurz in die Waschküche und bin gleich wieder da. Nein, Du brauchst mir nicht nachzukommen, um mir dann zwei Stockwerke weiter untern zu erklären, Du seist zu müde, um selber raufzusteigen, so dass ich neben dem Waschkorb noch ein Kleinkind schleppen darf.“
    oder
    „Alleine die Treppe runtergehen ist ok. Den Bruder auf dem Bürostuhl die Treppe runterrollen lassen eher suboptimal.“

  • 13 sagt:

    «Wow, Maximilian-Jason, du chasch ja sälber d Stäge uf, du Grosse. Jetzt mues ’s Mami di nümme trage!» – «Mami, ich bi sit drü Jahr ufem Gymnasium, dert hei mer ganz vil Stäge.»

    Bei dem Satz hätte ich mir wirklich fast in die Hosen gepinkelt. Herzlichen Dank für diesen Aufsteller am Morgen 😀

  • Kevin sagt:

    Achtung: Sobald ihr ihm aktiv sagt, es soll doch damit spielen, verliert es für immer das Interesse.

    Leider wahr. Unser Ausräumschrank in der Küche hat schon Staub angesetzt.

  • Mascha sagt:

    Hahaha, danke für diesen Aufsteller 🙂

  • Reincarnation of XY sagt:

    Hey ein cooler Tipp. Wir haben es allerdings auch ohne überlebt.
    Wir hatten auch nie solche Steckdosenschützer o.ä. – kann mich an keinen Zwischenfall erinnern. Unsere Kinder durften auch stets die Autotüren selbst öffnen und sie haben noch nie damit ein anderes Auto berührt. Je mehr man ihnen (unter Anleitung!) zutraut, je mehr meistern sie.

    Eines Sonntagmorgens jedoch schmissen sie alles, was nicht festgeschraubt war und ihre kleinen Händchen über die Balkonmauer werfen konnten in Nachbarsgarten, während wir schliefen. Sie hatten einen Riesenspass.

  • Ka sagt:

    Noch ein Tipp: Ich warne vor Fehleinschätzungen, nur weil das Kind beim Ausräumen alles schön sortiert, heisst das noch lange nicht, das es ein ordentlicher Mensch wird. Zur Zeit ist das Teenagerzimmer der ehemals so strukturierten Person nur mit sportlichem Eifer (Hürdenspringen) auf eigene Gefahr zu betreten.

  • Lena Like sagt:

    Das ist mal wirklich ein hilfreicher Tipp, der wird bei uns in absehbarer Zeit zur anwendung kommen!

  • Cathrin sagt:

    *Grins* Geld überweise ich keins, die Idee ist in unserem Haushalt schon vor 13 Jahren geboren worden und sie wirkt heute noch bei meinen Tageskinder 🙂
    Schöner Aufsteller am Morgen und wirklich eine Empfehlung wert!

Kommentar

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