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Bei mir passiert alles im Kopf

Mamablog-Redaktion am Freitag den 28. Dezember 2012

Der Mamablog erteilt regelmässig Kindern und Jugendlichen das Wort. Die heutige Carte Jeune ist von Amir Gashi*.

Blick vom DJ-Pult auf die Tanzfläche im Hallenstadion in Zürich, Streetparade 2002. (Foto: Keystone)

Mein grösster Traum ist es, mal als DJ Double A am Ultramusic Festival aufzulegen. Elektronische Musik ist mein Leben. Ohne sie wüsste ich nicht, was ich sonst machen würde. Denn bei mir passiert eigentlich alles im Kopf.

Ich wurde vor 18 Jahren mit Duchenne-Muskeldystrophie geboren. Das ist eine Krankheit, bei der man nach und nach seine Muskeln verliert. Da bereits mein Onkel daran erkrankt war, wurde ich gleich nach der Geburt getestet. Wir wussten also von Anfang an Bescheid. Als ich dann mit etwa sechs Jahren nach und nach die Fähigkeit zu Laufen verlor, war das für mich nichts Spektakuläres, es ist einfach langsam passiert und immer schlechter geworden. Mittlerweile kann ich nur noch zwei Finger an jeder Hand leicht bewegen und mein Gesicht.

Als ich in die Pubertät kam, wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass ich anders bin. Da habe ich begriffen, warum sich so wenige für mich interessieren. Eine Zeit lang war ich traurig und wütend auf mein Schicksal. Aber ich habe längst gelernt, um Hilfe zu fragen und zu akzeptieren, dass mein Leben so ist, wie es eben ist.

Seit letztem Jahr lebe ich nun in Zürich im Mathilde Escher Heim, wo ich eine IV-Lehre zum Mediamatiker mache, das ist eine Art elektronischer Gestalter. Es gefällt mir sehr und kommt mir entgegen: Seit ich etwa acht Jahre alt bin, beschäftige ich mich intensiv mit Computern. Ich kann mir nicht vorstellen, wie mein Leben gewesen wäre, wenn ich früher mit dieser Krankheit hätte leben müssen. Vermutlich wäre ich einfach herumgesessen. Heute, mit der modernen Technologie, kann ich mich eigentlich recht selbständig bewegen.

Dank der Computermaus und dem Joy-Stick an meinem Rollstuhl kann ich meine Musik machen und auch alleine in den Ausgang. Im Moment gehe ich sehr gern ins Kaufleuten. Die Leute dort kennen mich mittlerweile. Sie sind enorm nett zu mir und helfen mir, wenn ich zum Beispiel etwas trinken möchte. Vielleicht kann dich dort sogar mal auflegen, das wäre cool. Im X-tra war ich auch schon mal.

Sobald ich meine Lehre abgeschlossen habe, werde ich mich ganz auf die Musik konzentrieren. Ich tausche mich schon jetzt ständig mit Leuten aus der Musikszene im In- und Ausland aus und lese viele Musikblogs über neue Songs und Entwicklungen. Ich würde mich sehr auf ein eigenes Zimmer freuen. Im Moment teile ich noch eines mit einem guten Kollegen und muss natürlich Rücksicht nehmen, aber schon bald kann ich rund um die Uhr Musik machen.

Dabei ist es mir wichtig, dass mein Sound wirklich neuartig ist. Er muss fliessen und eine Geschichte erzählen, die überzeugt.

Es wäre wirklich super, wenn das mit dem Festival eines Tages klappt! Immer wieder sagen Leute, ich solle doch die Stiftung Sternschnuppe um Hilfe fragen. Aber ich weiss nicht recht. Ich möchte es am liebsten aus eigener Kraft schaffen, indem ich mit meiner Musik überzeuge. Wenn man etwas wirklich will, muss man hart arbeiten und dafür kämpfen. Darum reise ich im Frühjahr mit zwei Freunden aus dem Heim einfach mal nach Miami an das Festival. Wir organisieren alles selber: Wir suchen selber Betreuungspersonen und Sponsoren, damit wir den Betreuern die Reise zahlen können und verhandeln mit der Fluggesellschaft wegen unseren Spezialrollstühlen.

Am meisten Angst habe ich davor, wie es weitergeht, wenn ich in drei, vier Jahren auch meine Finger nicht mehr bewegen kann. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich die Technik bis dahin auch weiterentwickelt und sich mir neue Möglichkeiten auftun.

Schön ist, dass meine Eltern vielleicht bald von Grenchen nach Zürich umziehen, damit sie näher bei mir sind. Zudem werden vielleicht meine zwei besten Freunde hier studieren. Dann könnten wir uns wieder öfters sehen. Das wäre super. Denn für sie bin ich einfach normal. Und genau das will ich sein. Viele Leute, die mich sehen, halten mich nämlich automatisch für geistig behindert und das ist manchmal schwierig.

Aber ich habe gelernt, mich über nichts mehr aufzuregen. Ausser vielleicht über gesunde Menschen, die nicht arbeiten wollen, obwohl sie könnten. Und über die vielen Kriege auf der Welt. Ich begreife einfach nicht, warum Menschen sich das gegenseitig antun. Es macht doch wirklich keinen Sinn.

*Amir Gashi alias DJ Double AA ist 18 Jahre alt. Er leidet an Muskeldystrophie und lebt im Mathilde Escher Heim in Zürich.

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18 Kommentare zu „Bei mir passiert alles im Kopf“

  1. pixel sagt:

    ohne Musik kein Leben – ich jedenfalls wäre bestimmt schon tausend Mal gestorben hätte ich in entscheidenden Momenten keine Musik gehabt! ich persönlich finde ja, die beste elektronische Musik hatte ihre Ära zw 1998-2004. Wenn Du so was wieder hingekriegst, A m i r, hast Du meinen grössten Respekt :-) nein, im Ernst: den hast Du auch so! alles Gute Dir und Du machst das genau richtig!!

  2. Sandy sagt:

    Amir, Du machst es genau richtig ! Habe bei ein paar Gigs reingehört… Absoluter Hammer !!! Umbedingt weitermachen !!!! Drücke Dir ganz fest die Daumen !!

  3. leonidas sagt:

    lieber Amir, ich wünsche Dir, dass Dein Traum am Ultramusic Festival aufzulegen in Erfüllung geht. Du schaffst das auch ohne Sternschnuppe!

  4. Katharina sagt:

    SEHR beeindruckend, wirklich. Chapeau.

  5. Brunhild Steiner sagt:

    Dieser Durchhaltewillen ist beeindruckend und weg-weisend dazu-
    würde gerne lesen wie’s weitergeht!

  6. mila sagt:

    Musikalisch bin ich ganz anders verortet, aber soviel tatkräftige Lebensfreude ist einfach ansteckend. Danke für diesen inspirierenden Einblick.

  7. Pascal Kreuer sagt:

    Hallo Amir. Da ich schon gesehen habe, was du drauf hast, bin ich sicher, dass du das hinkriegst. Im Grafik/Layout hast du’s ja gut drauf. Ansonsten mach doch was mit Rockmusik, da hab ich auch was davon ;-)

  8. marie sagt:

    hey amir weiter so! …ich drücke die daumen, dass du bald ein eigenes zimmer bekommst und solltest du davon augenringe und tränensäcke kriegen, einfach melden – kenne gute tipps, wie man tagsüber die spuren durchzechter nächte mit wenig aufwand in den griff kriegt ;-)

  9. Céline Vauré sagt:

    Super Amir! Weiter so! Ich drücke dir die Daumen und bin sicher, dass du es schaffst! Und neben deiner Musik kannst du auch ganz viele mit Lebensfreude anstecken! Beeindruckend!!

  10. Joachim Adamek sagt:

    Stark! Weiss nicht, wann ich das letzte Mal solch einen erstklassigen Beitrag gelesen habe. Er ist selbst ein kleines musikalisches Meisterwerk, super komponiert. In weniger als einer Minute hat er ganz nebenbei im Handstreich mein Verständnis von Musik auf den Kopf gestellt. Ich hatte immer geglaubt, pure Musik ist reiner Ausdruck, der ganz ohne Worte auskommt …

  11. wilfried stanton sagt:

    Mit welchem Programm machst du die Musik?

  12. amir sagt:

    Hallo zusammen Danke viel mal für eüre Komentare =))) ihr könntet mir mit einem gefällt mir sehr Helfe.-

    http://www.facebook.com/pages/DJ-Double-A-Fanpage/157362817642327

  13. O.T. sagt:

    Lieber Amir, wie wahr deine Worte doch sind! Du hast hier einen schönen Text geschrieben. Ich hoffe fest, dass sich die Technik noch weiter so rasant entwickelt, so dass du in ein paar Jahren auch diese benutzen kannst. Lass uns wissen, wie deine Reise nach Miami werden wird. Ich wünsche Dir viel Spass!

  14. Narayana sagt:

    Wenn alle schon fleissig Komplimente verteilen, habe auf Facebook etwas entdeckt:
    Die Möglichkeit einer weiteren Unterstützung für Amir im Sinne einer Stimme, wie die Musik welche ebenfalls von Stimmen lebt! http://bit.ly/12Tmzb3

    Ich persönlich kenne Amir als einen erstaunlich Ziel orientieren Mensch, an dieser Stelle auch von mir ein Kompliment!

  15. Ich würd meinen Samen genauso wenig spenden, wie meine Kinder. All das ist kein Kleingeld, sondern ein Teil meiner selbst

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