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Jeanette Kuster am Sonntag den 14. Oktober 2012

Miini Chnöpf schwätzed Schwiizerdütsch

Kinder sprechen so wie ihr Umfeld: Ein Mädchen mit Bäbi (oder doch Puppe?) in einer Berner Kindertagesstätte. (Foto: Keystone/Alessandro della Valle)

Ich gebs zu, ich war schon ziemlich stolz, dass meine Tochter so früh so gut sprechen konnte: Sie machte bereits ganze Sätze, während Gleichaltrige noch mitten in der Subjekt-Infinitiv-Phase feststeckten, und sprach dabei überraschend fehlerfrei. Doch dann kam mein kleines Mädchen eines Tages nach Hause und sagte voller Überzeugung, sie wolle das Spielzeug «zuerscht ha». Ich dachte anfangs, ich hätte mich verhört, aber nein, das «zuerscht» tauchte immer wieder auf. Also korrigierte ich sie, doch ich bekam als Antwort nur ein trotziges «Aber d’Navi seits au so!» zu hören.

Navi, die Heldin meiner Tochter, ist nicht etwa ein Gspänli, sondern eine Kita-Betreuerin. Einfach zu sagen, sie wisse eben nicht, wie das richtig heisse, war also keine Option. Schliesslich wollte ich die junge Frau, die ihren Job grossartig und mit viel Herzblut macht, nicht diskreditieren. Also unternahmen wir stattdessen einen Ausflug in die Sprachenvielfalt und ich erklärte meiner Tochter, dass wir zu Hause Schweizerdeutsch sprechen und es in unserer Sprache «zerscht» heisst, «zuerscht» hingegen sei Hochdeutsch – naja, beinahe wenigstens.

Nach einigen Wiederholungen sind die Ausführungen bei ihr angekommen und mittlerweile rutscht ihr nur noch selten die hässliche, deutsch-helvetische Mischform heraus. Doch die Sprachdiskussionen sind damit keineswegs beendet. Denn seit Neustem schleppt unsere Kleine einen Germanismus nach dem anderen nach Hause: Das Bäbi heisst plötzlich Puppe, die Stäge Treppe, das Bisi Pipi, das Zämesetzli Puzzle. Mal hat sie das deutsche Wort in der Kita aufgeschnappt, ein anderes Mal bei ihrer besten Freundin, die Englisch und Deutsch als Muttersprache hat.

Seither ist es bei uns zum Automatismus geworden, unserer Tochter in Erinnerung zu rufen, dass es für all diese Dinge wunderschöne schweizerdeutsche Wörter gibt. Und dass sie bitte ihrer Muttersprache treu bleiben und diese verwenden soll. Gleichzeitig gab es Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob wir da nicht zu einem aussichtslosen Kampf angetreten sind. Denn die Sache wird ja mit der Zeit nicht einfacher, im Gegenteil: Je älter sie wird, desto grösser wird der ausserhäusliche Einfluss auf unser Mädchen werden – sei das nun in Sachen Kleidung, Hobby oder eben Sprache. Und je stärker wir uns zu einer Multikulti-Gesellschaft wandeln – was ich im Übrigen spannend und positiv finde – desto häufiger werden sich auch fremde Begriffe in den Alltagswortschatz unserer Kinder einschleichen.

Natürlich haben die Jugendlichen schon früher Worte aus anderen Sprachen importiert, um sich besonders hip zu fühlen oder sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Bei uns war damals Englisch schwer angesagt, und ich muss zugeben, das Wörtchen «cool» hat in meinem Wortschatz überlebt, obwohl ich mir heute manchmal etwas blöd vorkomme, wenn es mir rausrutscht. Dass aber Teenager fast eins zu eins die Sprache einer Ausländergruppe übernehmen, wie das vor einigen Jahren mit dem «Balkan-Slang» passiert ist, das gab es so zuvor meines Wissens noch nicht.

Die Gründe für die immense Ausbreitung des «Jugo-Deutschs» waren vielfältig, einer war aber bestimmt die grosse Zahl an Einwanderern aus Ex-Jugoslawien. Durchaus denkbar also, dass unsere Kinder analog dazu in den nächsten Jahren immer mehr Begriffe aus dem Hochdeutschen entlehnen werden, erleben wir zurzeit bekanntlich eine deutsche Immigrationswelle. Und je mehr die erwachsenen Schweizer sich an der deutschen Ausdrucksweise stören, desto spannender wird diese für die Jugendlichen. Es ist ja auch zu verlockend, wenn man den Alten schon mit ein paar simplen Sätzen ein schockiertes Kopfschütteln entlocken kann.

Bei meiner erst dreijährigen Tochter liegt der Fall natürlich noch etwas anders. Sie will sich mit den Germanismen nicht von uns Eltern abgrenzen, sondern ganz im Gegenteil bei anderen Menschen, zu denen sie auch aufschaut, dazugehören. In der Kita mag sie das Bäbi also Puppe nennen, zu Hause werden wir die deutschen Begriffe weiterhin korrigieren – beziehungsweise sie darauf hinweisen, dass es in Mundart anders heisst.

Mir ist bewusst, dass die Sprache einem steten Wandel unterliegt und meine Kinder eines Tages anders reden werden, als ich es tue. Dagegen will ich mich gar nicht wehren. Aber solange sie noch so klein sind und relativ unbedarft ihrem Umfeld nachplappern, bin ich nicht bereit, meinen Dialektwortschatz widerstandslos aufzugeben, sondern werde weiterhin dafür kämpfen, wenigstens ein paar verbale Schmuckstücke vererben zu können. Es wäre es doch auch jammerschade, so hübsche regionale Ausdrücke wie «gireizle» oder «ritiseile» einfach durch ein im ganzen deutschen Sprachraum geltendes «schaukle» zu ersetzen.

342 Kommentare zu „Miini Chnöpf schwätzed Schwiizerdütsch“

  1. Bitta sagt:

    who cares – mein Sohn meint seit kurzem auch, dass alles “so lange dauert”, reinstes Hochdeutsch, und wieso sollte mich das stören, wo er spätestens im Kindergarten dazu gezwungen wird? Die Kids können sehr wohl unterscheiden, was in der Krippe und was zu Hause gesprochen wird, sie wählen einfach das Wort, das ihnen besser gefällt.

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