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Andrea Fischer am Dienstag den 22. Mai 2012

Ich bin auch eine Mom, oder?

Neu am Kiosk erhältlich: «Brigitte Mom». Ein todschickes Heftchen extra für die neue Spezies: Mütter, die auf keinen Fall mütterig sind, auf Glam-Deutsch «Moms» genannt. Diese sozusagen neu erfundene Kategorie Mensch ist fröhlich, selbstbewusst, trendig. Und hat Geld. Darum erfindet man für sie ganz viele Sachen, die sie dann kaufen kann, damit sie noch toller ist und sich noch besser als etwas ganz Eigenes, Erstrebenswertes fühlen kann.
Aus übermüdeten, underfuckten Hausfrauen oder Doppeltbelasteten werden mit ein paar Kniffchen «Moms». Und das geht so: Man nimmt das Brigitte-Heft mit dem Motto «Du bist mein Ein, aber nicht mein Alles» (nicht von mir erfunden, ich schwör‘s), liest es gründlich und betet nach.
Vorne drauf klebt zwar kein Freundschaftsarmband oder ein Gratisshampoo, nein, aber man kann eine Haushälterin für ein ganzes Jahr gewinnen, zärtlich als «Perle» bezeichnet. Auch im Editorial steht Ermutigendes: Vor allem der Satz: «Lebe lieber unperfekt.» Yess! Mein Heft! Verstanden und beschwingt blättere ich weiter und will endlich lernen, wie man edel eine unperfekte Mutter ist. Wie man das auf unedel macht, weiss ich ja schon.
Da tanzen schöne Alleinerziehende über die ersten Seiten und sagen, warum es ohne Ehemann so sexy ist. Ok. Weiter. Auf Seite 21 kommt dann eine rosa Seife in Pistolenform, für nur 15 Euro, damit Jungs auch gern ihre Hände waschen. So. Dann hats wieder ein paar sehr schöne Schöne, und noch ein bisschen mehr Werbung, auch sehr schön. Dann ein paar süsse Geschichten rund um alles, was man Spannendes erlebt als Mom von der Adoption bis zum Treppensturz. Interessant.
Dann meine Lieblingspassage: Frauen daheim und bei der Arbeit. Sieht eigentlich beides gleich aus. Zu Hause im Seidenensemble, im Atelier mit Leggins (von Hugo Boss). Bei der Künstlerin daheim hat es sogar drei Spielsachen am Boden! Ich bin glücklich. Ich habe das unperfekte Momentum gefunden. Wie auf den Kinderseiten der Brigitte für normale Frauen, die meine Nicht-Mom-Mutter früher gelesen hat: «Wir haben auf diesen Seiten eine Maus für dich versteckt, findest du sie?» Neu ist es eine Unperfektheit, ein Mäkelchen, das man suchen darf.
In der Mitte des Heftes hat es dann sogar noch mehr davon: Zwischen Shoppingtipps für Stimmungs-Tees, einem Designerbreilöffel und einem schön grossen Familienauto verstecken sich die berührende Reportage über eine Mutter im Knast und ein Psychobericht zur Sexflaute nach der Geburt. Aufgefangen werden diese Ausrutscher ins wahre Leben mit einem Inserat für eine Crème, die den Bauch flach und straff macht.
Nun weiss ich also, wie aus mir normalen Mutter eine Mom wird und was ich dazu tragen und posten muss. Und irgendwie kommt mir die Sache bekannt vor. Als es vor Jahren endlich salonfähig wurde, schwul zu sein, wurde aus einer Lebensform auch plötzlich ein Lifestyle kreiert, «Gay», zumindest in den Städten. Ebenfalls fröhlich, selbstbewusst, trendig und mit Geld. So schick, dass plötzlich halb Zürich so tat als wäre es gay. Dagegen gäbe es aus meiner Sicht nichts einzuwenden, es hat nur nichts mit der Realität zu tun. Auch nicht mit jener der meisten Homosexuellen.
Ja, es stimmt natürlich, man kann jetzt empört aufbegehren, denn Frauen wurden für ihre Mutterschaft ja nicht vom Gesetz verfolgt und verfemt wie die Homosexuellen für ihren Lebensentwurf. Wenigstens nicht, wenn sich ein Mann vor Gott und Pfarrer zu ihr bekannte. Sie wurden nur hinter den Herd gestellt und für blöd erklärt.
Aber es geht in der Mom-Gay-Sache ja auch nicht darum, wer wann wie ungerecht behandelt wurde, das ist eine ganz andere Geschichte, sondern darum, dass ich keine Lust habe, mich lächelnd in eine Schublade zu setzen mit all den Dingen zusammen, die für mich als neue Spezies erfunden wurden, nur damit ich sie kaufen kann. So wenig, wie die meisten Homosexuellen, Karrierefrauen, Singles, Atheisten, Teenager, Hausmänner, Fischzüchterinnen und Hobbyköche sich in ihre setzen mögen. Hoffentlich.

Mütter sind out, jetzt kommen die «Moms»: Gwen Stefani (l.), ihr Sohn Kingston und Mirka Federer während des Tennis-Turniers von Indian Wells, 16. März 2012. (Reuters)

Neu am Kiosk erhältlich: «Brigitte Mom». Ein todschickes Heftchen extra für die neue Spezies: Mütter, die auf keinen Fall mütterig sind, auf Glam-Deutsch «Moms» genannt. Diese sozusagen neu erfundene Kategorie Mensch ist fröhlich, selbstbewusst, trendig. Und hat Geld. Darum erfindet man für sie ganz viele Sachen, die sie dann kaufen kann, damit sie noch toller ist und sich noch besser als etwas ganz Eigenes, Erstrebenswertes fühlen kann.

Aus übermüdeten, underfuckten Hausfrauen oder Doppeltbelasteten werden mit ein paar Kniffchen «Moms». Und das geht so: Man nimmt das «Brigitte»-Heft mit dem Motto «Du bist mein Ein, aber nicht mein Alles» (nicht von mir erfunden, ich schwör‘s), liest es gründlich und betet nach.

MAMABLOG-BRIGITTE-MOM

Aus underfuckten Hausfrauen werden «Moms»: «Brigitte Mom».

Vorne drauf klebt zwar kein Freundschaftsarmband oder ein Gratisshampoo, nein, aber man kann eine Haushälterin für ein ganzes Jahr gewinnen, zärtlich als «Perle» bezeichnet. Auch im Editorial steht Ermutigendes: Vor allem der Satz: «Lebe lieber unperfekt.» Yess! Mein Heft! Verstanden und beschwingt blättere ich weiter und will endlich lernen, wie man edel eine unperfekte Mutter ist. Wie man das auf unedel macht, weiss ich ja schon.

Da tanzen schöne Alleinerziehende über die ersten Seiten und sagen, warum es ohne Ehemann so sexy ist. Ok. Weiter. Auf Seite 21 kommt dann eine rosa Seife in Pistolenform, für nur 15 Euro, damit Jungs auch gern ihre Hände waschen. So. Dann hats wieder ein paar sehr schöne Schöne, und noch ein bisschen mehr Werbung, auch sehr schön. Dann ein paar süsse Geschichten rund um alles, was man Spannendes erlebt als Mom von der Adoption bis zum Treppensturz. Interessant.

Dann meine Lieblingspassage: Frauen daheim und bei der Arbeit. Sieht eigentlich beides gleich aus. Zu Hause im Seidenensemble, im Atelier mit Leggins (von Hugo Boss). Bei der Künstlerin daheim hat es sogar drei Spielsachen am Boden! Ich bin glücklich. Ich habe das unperfekte Momentum gefunden. Wie auf den Kinderseiten der «Brigitte» für normale Frauen, die meine Nicht-Mom-Mutter früher gelesen hat: «Wir haben auf diesen Seiten eine Maus für dich versteckt, findest du sie?» Neu ist es eine Unperfektheit, ein Mäkelchen, das man suchen darf.

In der Mitte des Heftes hat es dann sogar noch mehr davon: Zwischen Shoppingtipps für Stimmungs-Tees, einem Designerbreilöffel und einem schön grossen Familienauto verstecken sich die berührende Reportage über eine Mutter im Knast und ein Psychobericht zur Sexflaute nach der Geburt. Aufgefangen werden diese Ausrutscher ins wahre Leben mit einem Inserat für eine Crème, die den Bauch flach und straff macht.

Nun weiss ich also, wie aus mir normalen Mutter eine Mom wird und was ich dazu tragen und posten muss. Und irgendwie kommt mir die Sache bekannt vor. Als es vor Jahren endlich salonfähig wurde, schwul zu sein, wurde aus einer Lebensform auch plötzlich ein Lifestyle kreiert, «Gay», zumindest in den Städten. Ebenfalls fröhlich, selbstbewusst, trendig und mit Geld. So schick, dass plötzlich halb Zürich so tat als wäre es gay. Dagegen gäbe es aus meiner Sicht nichts einzuwenden, es hat nur nichts mit der Realität zu tun. Auch nicht mit jener der meisten Homosexuellen.

Ja, es stimmt natürlich, man kann jetzt empört aufbegehren, denn Frauen wurden für ihre Mutterschaft ja nicht vom Gesetz verfolgt und verfemt wie die Homosexuellen für ihren Lebensentwurf. Wenigstens nicht, wenn sich ein Mann vor Gott und Pfarrer zu ihnen bekannte. Sie wurden nur hinter den Herd gestellt und für blöd erklärt.

Aber es geht in der Mom-Gay-Sache ja auch nicht darum, wer wann wie ungerecht behandelt wurde, das ist eine ganz andere Geschichte, sondern darum, dass ich keine Lust habe, mich lächelnd in eine Schublade zu setzen mit all den Dingen zusammen, die für mich als neue Spezies erfunden wurden, nur damit ich sie kaufen kann. So wenig, wie die meisten Homosexuellen, Karrierefrauen, Singles, Atheisten, Teenager, Hausmänner, Fischzüchterinnen und Hobbyköche sich in ihre setzen mögen. Hoffentlich.

260 Kommentare zu „Ich bin auch eine Mom, oder?“

  1. Erica Bianco sagt:

    Ein herrlich geschriebener Artikel. Finde ich absolut der Highlight des Tages…..bitte weiter so. Wir müssen aufhören, alles so ernst zu nehmen….ein bisschen Ironie ist doch Medizin für die Seele…..

  2. blackball sagt:

    Wenn ich nur aufhören könnte, meinen Kopf auf die Tischplatte zu knallen …

  3. blackball sagt:

    Marie, hilft nicht. Was jetzt?

  4. blackball sagt:

    Sagen wir es mal so, dass die (selbstgewählten) privaten Veränderungen mir den Freiraum ermöglichen, DM wieder nachzureisen ;-)

    Ach, das ist gar nicht so teuer. 1987/88 haben wir uns Eurodomino/Interrail (weiss ich jetzt nicht mehr so genau) gelöst und haben grösstenteils bei anderen Fans in den enstprechenden Städten übernachtet. Bei der letzten Tournee sind wir jeweils geflogen und in Hotels abgestiegen. Man wird halt bequem im Alter … Sie sehen, es wäre machbar, auch mit etwas kleinerem Budget.

    • marie sagt:

      selbstgewählte private veränderungen die leben zulassen, sind grundsätzlich anzustreben und möglichst zu erreichen – ich gratuliere ihnen, und ich bleibe diesbezüglich auch am ball. keine lust in der klappse zu landen ;-)

      ja das igluzelt im vorgarten einer anarchowg… kenne ich zur genüge, aber frau wird auch älter ;-) und damals waren mir die spinnen im zelt egal, da ich dermassen ***** war, dass ich nicht mal ein mammuth mehr gesehen hätte. heute halte ich mich diesbezüglich zurück und sehe prompt jede kleinste spinne und DAS OHNE BRILLE… ja, man wird in der tat älter. :shock:

  5. Eisenring sagt:

    passt zur heutigen frau: die sonnenbrille ist meist grösser als das hirn.

  6. Rudolf Mühlemann sagt:

    Der Artikel ist gut, weil ironisch. Von einer Frau nicht unbedingt zu erwarten. Das Thema ist crazy, aber Wirklichkeit. Schulden- und Wirtschaftskrise sind für diese Trendy-Moms irrelevant. Sie leben in einer anderen Welt, in einer trendigen. Das macht glücklich und frei.

  7. Auguste sagt:

    hmm…, sie sind vermutlich eine “mom”, wenn sie…

    - praktisch jeden abend in ein anderes training fahren müssen
    - etwas hin- und hergerissen sind zwischen jack wolfskin oberbekleidung und louboutin heels
    - die pubertierenden kumpels ihres sohnes sie gelegentlich mit den augen mal kurz aus- und anziehn
    - sätze sagen wie: “schatz, der mini-van müsste wieder mal gewaschen werden.”
    - immer noch “desperate housewives” gucken
    - sich beim sex manchmal konzentrieren müssen, nicht gedanklich abzuschweifen
    - mitten in einer kinderwagenburg bei starbuck’s mit dem schlaf kämpfen

    • Muttis Liebling sagt:

      Man kann das einfacher audrücken, wenn man erstens das sächsiche ‘hmm’ am Anfang weglässt und zweitens sagt, das die betroffenen Damen sich von Abbildung der 1.Art (Reflektion der Wirklichkeit) auf die der 2.Art (Reflektion der artifiziell reflektierten Wirklichkeit) zurückgezogen haben. Letztere ist vergleichbar der Orientierung auf Wertrepräsentanz, z.B. Geld, Ansehen, usw., statt auf Wert. Insofern ist es nur Zeitgeist und bedarf keiner Beispeilisierung.

  8. pisolo sagt:

    Oh! Vielen Dank für diesen Text! Ich habe mich genauso genervt beim Lesen dieses dämlichen Editorials … So ein Blödsinn … Ich hoffe, dass sich so wenige angesprochen fühlen, dass das Heft bald wieder eingestampft wird …

  9. Katharina sagt:

    Marie: der Denkfehler ist, von ihr Männer und wir Frauen zu reden. Siehe Kantönligeist, mit dem symbolisch diese Denke anfängt. Statt sich auf den sachlichen Punkten von Diskriminierung bzw Privilegien zu konzentrieren, gleitet ihr immer und immer wieder auf den Vorwurf einer Denkweise im Schema wir verus ihr ab. deshalb fruchten all diese Diskussionen nichts.

    selbstverständlich ist Kantönligeist ein weltweites Phänomenen aber oft eben die Ursache virtueller Konflikte als Ablenkung von den sachlichen Problemstellungen.

    • Katharina sagt:

      und diese Ablenkung wird auch bewusst mediall genährt, um eben die Aufmerksamkeit abzulenken.. dass sollte dir eigentlich klar sein.

    • alien sagt:

      Katharina, das hätte ich sagen können (klar, nicht in Deinem Stil, dafür in meinem). Diesen Antagonismus finde ich enorm blöd.

  10. Peter sagt:

    Leute… merkt denn wirklich niemand, dass Meier ein Zyniker ist, der euch hier provoziert? Haushaltsjahr… Damit hat er sich doch selbst entlarvt.

  11. max sagt:

    Heisst dieses Hochglanzheftchen nicht “Wir Eltern” und hatte nicht schon meine Mom das vor bald 40 Jahren abonniert, ausser noch “Zeitbild”, “Das Tier” und “Schweizerischer Beobachter”? Und ist nicht die Alt-Bloggerin, die Übermutter von dieser Mutter aller Blogs inzwischen Chefredaktor von “Wir Eltern”?

    Wir leben in einer komischen Zeit, wo die ewigen Themen als “Trend” verkauft werden.

  12. Habe gerade einen link zu diesem Beitrag gesetzt. Hoffe, das war ok.
    Besten Gruß
    Ironmom

  13. fufi sagt:

    Auch wenn’s vielleicht schon gefragt wurde, und also die Gefahr einer Wiederholung in Kauf nehmend:

    Möchte eigentlich gerne wissen, was die “Kids” von diesen ihren “Moms” halten.
    Und nicht nur jetzt, sondern vielleicht auch in 20 Jahren.

    Aber vielleicht ist’s ja auch besser, dass ich’s NICHT weiss?

    :roll:

  14. sepp z. sagt:

    MOM oder MILF, who cares.

  15. justme sagt:

    …., leicht verspätet wegen keinem Internet zugang, aber meine Kinder, in den USA auf gewachsen haben uns Eltern immer als Mom und Dad angesprochen…, genau so wie das hunderte von Kindern in den jeweiligen Schulen mit ihren Eltern gemacht haben…!!! Also…, was soll all der Unsinn…!!! Einfach schwizzerisch gestört…, oder…???

    • Monsieur de Hummel sagt:

      Wenn man einen Artikel kommentieren will, dann hilft es manchmal, wenn man den Artikel zuerst liest. Der Artikel, das sind die kleinen lustigen Zeichen unter dem Titel. Diesen alleine zu lesen, reicht meist nicht, um wirklich mitsprechen zu können.

      • Katharina sagt:

        wuerden sie die kommentarthreads durchlesen, wuessten sie dass die Person das gemacht hat…. ist ja lustig wie sie , MdH plötzlich zu trollen anfangen. da kommt Frau auf so Gedanken… socken und so. immer versuchen ‘die Kontrolle’ zu behalten, nicht war, madame.

    • alien sagt:

      Eben: in den USA aufgewachsen.

      • Monsieur de Hummel sagt:

        Ja eben, darum ist der Kommentar ja auch so doof. Erstaunlich, dass die Kinder in den USA ihre Eltern normalerweise als Mom und Dad bezeichnen.

        Spricht jemand aus den USA von battle-tested, habe ich ja auch kein Problem damit. Wenn aber hier in der Schweiz irgendwer davon spricht, sein Unternehmen/Beziehung/Wanderausrüstung wäre nun battle-tested (und er kein Ami ist), ist das eine ganz andere Sache. Battle-tested ist dann nicht einfach die Übersetzung von kampferbrobt, sondern Ausdruck von grosser Weltgewandtheit…

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