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Mamablog-Redaktion am Freitag den 11. Mai 2012

Der letzte Schrei: Schreienlassen

Eine Carte Blanche von Ines Vogel*.

Mamablog

(Bild: Flickr/sdminor81)

Mein Baby weint. Es liegt in meinen Armen und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Es spannt seinen kleinen heissen Körper an und streckt seinen puterroten Kopf in den Nacken. Auf Nase und Oberlippe glänzen Schweissperlen. Sein Atem stockt, dann schreit es noch lauter. «Hilf mir doch endlich!», scheint es zu brüllen. Doch ich halte es, sehe ihm in die panischen Augen, und tue: nichts.

So soll ich das machen, hat die Kursleiterin gesagt. Ich bin mit meiner elf Wochen alten Tochter in einer PEKiP-Stunde. Das so genannte Prager Eltern-Kind-Programm bietet Bewegungsanregungen für Babys im ersten Lebensjahr. Wir sind zum ersten Mal da.

Normalerweise nehme ich die Kleine an meine Schulter, wenn sie weint. Ich tröste, singe, trage sie herum – das beruhigt sie. Doch die Kursleiterin erklärt mir, das sei ganz, ganz schlecht für ihre Entwicklung. Ich soll mein Baby «ausschreien» lassen. Nicht, um die Lungen zu stärken, sondern die Emotionsfähigkeit. Ich soll es beim Weinen «liebevoll begleiten», jedoch keinesfalls trösten. Sonst blockierte ich das Kind, verböte ihm zu schreien, kappte die Kommunikation. Und mit Herumtragen würde ich gar einen hyperaktiven Zappelphilip kreieren.

Die Leiterin gibt mir ein Infoblatt. Die Idee stammt aus dem Buch «Auch kleine Kinder haben grossen Kummer» von Aletha Solter. Die schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin schreibt: «Säuglinge haben sehr grossen emotionalen Schmerz, der sich aus einer Ansammlung von stressigen Erlebnissen ergibt.» Weinen sei das «Reparaturwerkzeug» dafür. So weit, so einleuchtend. Doch weiter behauptet sie: Wenn man das Baby «liebevoll begleitete», fühle es sich sicher genug, mir seine Gefühle zu zeigen. Beim Schaukeln und Herumtragen nicht. Aha.

Die Kursleiterin fördert in der Gruppe ein exzessives Schreienlassen. Baby quäkt? – Ab in die Wiegehaltung, in die Augen starren und brüllen lassen. Der Lärmpegel ist enorm. Meine Tochter reagiert auf das Weinen der anderen und übertrumpft sie alle mit ihrem Gebrüll.

Mir tun die Ohren weh und das Herz. Was tue ich meiner Tochter an! Mir kommt dieses Schreienlassen rückschrittig und falsch vor. Oder habe ich, wie Aletha Solter schreibt, einfach eine negative Einstellung zum Weinen, weil meine Eltern mich durch Schaukeln vom Weinen abhielten? Verbiete ich meiner Tochter, ihren Kummer auszudrücken und ihren Stress abzubauen?

Meine Freundinnen mit Babys sind gespaltener Meinung. «Wenn man ein weinendes Baby nicht tröstet, lässt man es doch erst recht mit seinem Schmerz alleine,» findet die eine. Eine andere macht bei derselben Leiterin PEKiP und ist überzeugt: «Das Ausweinen tut meinem Sohn gut, er ist anschliessend entspannt.» Ein dritte sieht darin auch eine Entlastung für sich als Mutter.

Remo Largo, der renommierte Schweizer Kinderarzt, widerspricht in seinem Klassiker «Babyjahre» der Theorie von Aletha Solter entschieden. Beim unspezifischen Schreien sollen die Eltern das Baby trösten, und zwar sofort (zumindest bis zum sechsten Lebensmonat). Herumtragen sei die wirksamste Methode. Babys, denen man über ihren Kummer hinweghelfe, weinten im Schnitt weniger.

Als die Leiterin nicht schaut, nehme ich die Kleine doch an meine Schulter und wiege sie. Sie vergräbt das Gesicht an meinem Hals – und entspannt sich.

ines150x150*Ines Vogel ist freie Journalistin und Mutter einer kleinen Tochter. Bis zu deren Geburt war sie Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp». Sie lebt mit ihrer Familie in Winterthur ZH.

488 Kommentare zu „Der letzte Schrei: Schreienlassen“

  1. Erich Gabathuler sagt:

    oh ja ich Simpel. ffieR idieH hat am 7. Mai. 2011 zum Muttertag dieses schöne Sprüchelein in MB gestellt. Vor lauter Stuss quatschen habe ich vergessen es Euch zu servieren:

    Ode zum Muttertag

    Mies Muetti het mer gschriebe
    chumm wieder einisch hei
    äs sig so ganz verlasse
    es sig so ganz ellai

    druf abe han ich gschriebe
    ich heig so gar kei Zyt
    heig eister ztue und schaffe
    unds heigo sig sowit

    doch einisch bin i gange
    bi hei cho swägli uf
    und s Muetti han i gfunde
    elei im alte Hus
    elei im alte Stübli
    wo Zyt schlot a der Wand
    am Fänsterli hets gschloofe
    mis Briefli i der Hand

  2. Rima sagt:

    hmhmhm….ich denke, frau sollte den mittelweg gehen. manchmal m u s s das kleine kind schreien und dann nützt wahrscheinlich singen und herumtragen auch nichts. dem kind zu zeigen, dass die mam’ DA ist für das kind mit allen gefühlsvarianten, ist sicher klug. aber das kommt glaube ich erst später ins spiel, wenn sich die gefühle differ. äussern. liebe mütter, vertraut eure inneren stimme aber verwechselt sie nicht mit dem kopf.

  3. Liebe Frau Vogel,
    als eine der Gründerinnen des PEKiP schreibe ich Ihnen, dass Sie sehr richtig gehandelt habe, als Sie Ihre Tochter hoch genommen haben. Ich freue mich, dass Sie Ihrem Gefühl gefolgt sind, auch gegen die Meinung der Gruppenleiterin.
    Das ist im PEKiP nämlich sehr wichtig, das zu tun, was Sie für richtig halten, da das Baby ja diese Reaktionen schon kennt und sie folgerichtig auch von Ihnen erwartet. Die Evolutionsforschung bestätigt, dass sensibles Verhalten Babys stark und autonom werden lässt. Gruß Liesel Polinski

    Urvertrauen auf und gedeihen besonders gut, wenn di

  4. (Teil 1)
    Birgit-Stegen-Sischka, Vorsitzenden PEKiP e.V.
    Frau Vogel hat als Teilnehmerin einer PEKiP-Gruppe leider eine negative Erfahrung gemacht, da sie sich in ihrem intuitiv richtigen Handeln ihrem Kind gegenüber nicht bestätigt gefühlt hat. Dies ist sehr bedauerlich.

  5. (Teil 2)
    Birgit-Stegen-Sischka, Vorsitzenden PEKiP
    Im PEKiP-Konzept ist die Begleitung der Mutter-Kind-Interaktion durch die Gruppenleiterin, d.h. das Wahrnehmen der kindlichen Bedürfnisse und das adäquate Beantworten durch die Mutter, ein wesentliches Ziel.

  6. (Teil 3)
    Birgit-Stegen-Sischka, Vorsitzenden PEKiP
    Ein weiteres Ziel liegt im Austausch der Erwachsenen zum Leben mit dem Kind in der neuen Rolle als Eltern. Dies sind auch Erfahrungen und Vorstellungen im Umgang mit dem Baby. Im Gespräch über unterschiedliche Sichtweisen und Theorien kann die eigene Haltung bestätigt oder neu überdacht werden.

  7. (Teil 4)
    Birgit-Stegen-Sischka, Vorsitzende PEKiP e.V.
    Um den Austausch der Erwachsenen untereinander anzuregen, griff die Gruppenleiterin die Situation mit weinenden Babys in der Gruppe auf, um zum späteren Zeitpunkt über Erfahrungen und Ansichten zum Thema „Beruhigen des schreienden Babys“ zu ermöglichen. Dazu informierte sie über die Sichtweise von Aletha Solter. Im damit verbundenen Gespräch in der Gruppe erzählten mehrere Mütter von ihren Erfahrungen mit ihrem ersten Kind, so dass unterschiedliche persönliche Blickwinkel deutlich wurden.

  8. (Teil 5)
    Birgit-Stegen-Sischka, Vorsitzenden PEKiP e.V.
    Es ist die Aufgabe der GruppenleiterIn, die Eltern und ihre Babys auf ihrem Weg zu einer befriedigenden Lösung für sich und ihr Kind zu begleiten, um Unsicherheiten zu mindern.
    In der Haltung der GruppenleiterIn gibt es im PEKiP-Konzept weder eine Verbindung (wie schon genannt), noch eine Übereinstimmung mit der Haltung von Aletha Solter.

  9. Es erstaunt mich, die Komentare zu lesen aufgrund eines Workshops. Offensichtlich hat die Verfasserin dieses Artikels, sowie alle die sich hier zu Worte gemeldet haben nie ein Buch von Aletha Solter gelesen:
    Lesen Sie das Buch “Warum Babys weinen” von Aletha Solter und dann fällen Sie ein Urteil!

  10. Hannibelle sagt:

    Ja ich habe es nie gelesen das brauche ich auch nicht, ich kann tausend bücher lesen das nutzt mir in praxis doch aber nichts!
    Ich glaube man spürt was das kind gerade will wenn es schreit, ob das schreien einfach nur Langeweile, nimm mich in den arm oder ich habe Hunger bedeutet steht nämlich in keinem Buch da das bei jedem Baby anders ist. ich bin zwar noch keine Mutter aber 14 Jahre alte Babysitterin und daher weiß ich wovon ich rede denn ich kümmere mich nicht nur um ein baby sondern um viele! Liebe Mütter folgt eurem Herz es entscheidet immer richtig! LG Hannibelle

  11. dada sagt:

    Ich finde man sollte auf sein Bauchgefühl hören, bis jetzt bin ich damit am besten gefahren.:-)

  12. Hummelchen sagt:

    Hm, also bei uns ists manchmal wirklich so, dass der Kleine (va, aber eben nicht nur) dann schreit, wenn ihm grade alles zu viel wird, und zu dem “zuviel” zählen auch leider meine unzähligen Tröstversuche, die Rundgänge in der Wohnung mit dem ganzen Input.. Inzwischen weiß ich, wann ihm das “Ausschreien” besser tut, ich nehme ihn dann ganz eng zu mir, summe leise, ssschhhe vor mich hin oder wiege ihn nur gaaanz leicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ihn dabei allein lasse, wenn ich dieses “low-level-trösten” betreibe.. nach allerspätestens 10 Min ist Ruhe, und er schläft in meinem Arm.

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