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Andrea Fischer am Montag den 20. Februar 2012

Wenn die Grosseltern krank sind

Zu Besuch bei der kranken Grossmutter

Zu Besuch bei der kranken Grossmutter: Rotkäppchen und der Wolf.

Seit einigen Wochen liegt meine Schwiegermutter im Spital. Die Diagnose: akute Leukämie. Das hat uns allen den Boden unter den Füssen weggezogen. Auch den Kindern. Sie wissen, dass ihre Grossmutter krank ist und es ist ihnen klar, wie ernst diese Krankheit ist. Denn darüber waren wir uns alle einig: Etwas, was uns alle so heftig bedrückt, sollen auch sie erfahren. Noch beunruhigender als die Wahrheit ist es, zu spüren, dass etwas passiert ist und nicht zu begreifen, was es ist. Kinder neigen dazu, die Schuld für komische Stimmungen bei sich zu suchen. Sie bauen sich eigene Bilder aus irgendwelchen Halbwahrheiten und Bruchstücken, die sie aufschnappen. Die sind meist bedrohlicher als die eigentlichen Tatsachen.

Natürlich ist es Ansichtssache, was Kinder überhaupt erfahren sollen und in welcher Form. Ich persönlich bin zutiefst überzeugt, dass es wichtig ist, ihnen zu zeigen: Das Leben findet statt. Mit allem, was dazugehört. Und das ist nicht immer einfach, aber solange wir miteinander reden, sind wir damit wenigstens nicht allein.

Was Leukämie eigentlich ist, wie eine Chemotherapie funktioniert und was das alles mit ihrer Grossmutter macht, können wir trotzdem oft nur unzureichend und hilflos erklären. So wissen sie, dass eine bestimmte Sorte Teilchen im Blut der Grossmutter einen Aufstand macht. Plötzlich produzieren sie von allem zu viel und erst noch das Falsche. Und weil das Blut so wichtig ist, um mit kleinen Schiffchen Sauerstoff und Essen in alle Zellen zu bringen, kann nichts mehr richtig funktionieren, wenn plötzlich der Fluss mit Abfall verstopft ist und die Transportschiffchen nicht mehr vorwärtskommen. Da die falschen Teilchen so winzig sind und völlig vermischt mit den gesunden, gibt es nur eine Lösung: Alle Teilchen, egal ob gut oder schlecht, müssen mit heftigen Medikamenten zerstört werden. Erst dann kann man sie wieder nachwachsen lassen. Dummerweise wirken die Medikamente nicht nur dort, wo sie sollen. Sie machen auch noch vieles andere vorübergehend kaputt. Darum fallen der Grossmutter die Haare aus und sie ist enorm müde.

Natürlich ist das nicht präzise und sehr naiv formuliert, aber offen gestanden, kann auch ich als Erwachsener nicht viel mehr erfassen, als das. Und auch das nur knapp. Die Krankheit bleibt unfassbar. Noch viel unfassbarer als alle medizinischen Hintergründe ist jedoch die Ungewissheit, die hier so nackt und klar zu Tage tritt. Man kann entgegnen, dass sowieso jede Minute unseres Lebens ungewiss sei und das stimmt ja auch. Bloss fühlen wir es nicht so schonungslos wie in solchen Extremsituationen. Mit den Kindern über diese Ungewissheit zu reden, scheint mir denn viel delikater, als ihnen die Krankheit und ihre Behandlung zu erklären. Was sollen wir sagen, wenn sie fragen, ob ihre Grossmutter sterben wird an dieser Krankheit? Eigentlich bleibt auch hier nur die Wahrheit: Wir wissen es nicht. Aber jetzt gerade geht es der Grossmutter den Umständen entsprechend gut und sie wird bestens versorgt.

Es ist berührend, wie unterschiedlich unsere beiden Kinder auf diese Situation reagieren. Das Mädchen möchte ständig zur Grossmutter ins Spital und fühlt sich dafür verantwortlich, dass es ihr gut geht. Der Junge versucht die Lage mit dem Kopf zu meistern. Er will genau wissen, wie die Zellen heissen, woher sie kommen und was die Medikamente wirklich tun. Je mehr Namen und Modelle es dazu gibt, desto weniger unheimlich erscheint ihm die Krankheit. Und manchmal muss er auch plötzlich loskichern, wenn er sich vorstellt, in seiner Grossmutter wäre eine Bäckerei, die viel zu viele Kuchen bäckt. Oder er wechselt mitten im Gespräch zu einem harmlosen und lustigen Thema.

Beide Kinder zeigen damit völlig normale Reaktionen, wie man heute weiss. Seit ein paar Jahren befassen sich Psychologen damit, wie man mit Kindern über Krankheit reden kann und wie ihre Reaktionen darauf aussehen können. Besonders heftig fallen die aus, wenn Mutter oder Vater krank sind, doch auch die Grosseltern stehen vielen Kindern sehr nahe. Es gibt mittlerweile gute Unterlagen rund um das Thema, zum Beispiel bei der Krebsliga oder beim Verein Flüsterpost.

Wir versuchen, die Kinder gemäss ihrem Charakter zu unterstützen, sei es mit Umarmungen, mit Infos oder einfach mit einer Pause vom Thema. Mindestens so wichtig scheint mir, aus allem auch die erfreulichen Dinge herauszusuchen, wie die Rosinen aus einem Kuchen. Die Kinder finden es schön, ihren Grossvater, den Onkel, die Tante und die Cousins plötzlich so oft zu sehen, sie lieben die feinen Zvieris in der Spitalcafeteria und verbringen ganze Nachmittage damit, Collagen aus Familienfotos zu basteln, die schon jetzt das Krankenzimmer ihrer Grossmutter voll pflastern. Damit will ich nichts schönreden und auch kein Wort zum Sonntag halten. Die Geschichte ist traurig und erschütternd und könnte uns allen gestohlen bleiben. Aber ein wenig lernen wir und unsere Kinder im Moment, was wir alle so schlecht können: Eins nach dem anderen zu nehmen.

45 Kommentare zu „Wenn die Grosseltern krank sind“

  1. Eni sagt:

    Als damals mein Vater damals die Prognose bekam, dass er Krebs im Endstadium hat und maximal noch 2 Monate leben würde ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich weiss nicht, ob ich meinen eigenen Kindern damals eine gute Stütze gewesen bin. Ich habe ihnen gesagt dass der Grossvater sehr krank ist und als mein Grosser fragte, ob er sterben muss, habe ich das bejaht. Für mich war es richtig die Wahrheit zu sagen.

    • Ms. Manager sagt:

      Und für die Kinder das einzig Wahre.

    • Franz Oettli sagt:

      Ja das haben Sie deutsch, deutlich und richtig gesagt! Gerade in Extremsituationen ist es wichtig, Kindern nichts vorzuspielen, aber auch durch richtiges Verhalten ein Vorbild zu sein. Natürlich ist das nicht einfach, man weiss ja nicht, wohin die Reise letztendlich geht. Ich glaube, diese Momente prägen ein Kind sehr. Jedenfalls habe ich meine Kindheitserinnerungen auch zu einem guten Teil von solchen.

  2. Ms. Manager sagt:

    “Ich persönlich bin zutiefst überzeugt, dass es wichtig ist, ihnen zu zeigen: Das Leben findet statt.” — Hm. Was ist die Alternative? Ein Vorspielen einer erfundenen Relität? Meine Kinder wurden, wie ich, schon früh in der Kindheit mit dem Zerbrechen der Ehe der Eltern konfrontiert, und das ist sicher nicht weniger traumatisch als die schwere Krankheit und der Tod eines Grosselternteils. Also: Dieser Satz erscheint mir unnötig pathetisch. Der erste zumindest. Der zweite ist hingegen sogar idiotisch pathetisch.

    • Ms. Manager sagt:

      Und ich weiss, wovon ich rede. Mein Grossvater starb, als ich 13 war, mein Vater, als die Kinder 7 und 10 waren.

      • Ms. Manager sagt:

        Das Blut als Fluss mit Schiffchen, die Food und so transportieren zu vergleichen, finde ich SEHR blöd. Meine Kinder erfahren von mir nie so etwas Blödes, sondern immer gleich das, was ich drüber weiss. Sie danken es mir, denn sie fühlen sich Ernst genommen. Und wenn sie dann in der Schule wissen, was Sauerstoff ist und was Fett und was Eiweiss, dann ist das viel besser, als wenn sie diese kindischen Geschichtlein hören. Mich hätten die enorm unbefriedigt zurück gelassen als Kind.

      • Monsieur de Hummel sagt:

        Aber ich gehe mal davon aus, dass das medizinische Verstädnis Ihrer Kinder nicht gleich gross sein kann wie das Ihrige. Auf jeden Fall, wenn es noch wirklich Kinder und nicht Teenager sind.
        Ich finde es bei kleinen Kindern ganz ok, wenn man es ihnen irgendwie so erklärt, dass sie es sich vorstellen können. Wenn dann konkrete Nachfragen kommen, kann man die immer noch medizinisch korrekt beantworten. Die Autorin sagt ja selbst, dass der Junge genaueres wissen möchte und dies wohl auch erklärt bekommt.

      • alien sagt:

        Nein, ich bin ganz grundsätzlich gegen das Somplifizieren.

      • alien sagt:

        Genau nämlich.

      • Egon Prosper sagt:

        Na na na, da sind wir aber mit groben Worten unterwegs… ICH fand das im Gegenteil sehr gut & verständlich erklärt – NICHT nur für Kinder! Über die Verwechslung von Pathos vs. Dramaturgische Stilmittel des Journalismus lässt sich sowieso streiten. Vielleicht versucht man es besser mal damit, sich das aus dem Text zu ziehen, was man brauchen kann. Ich sehe ein grosses (erfolgreiches) Bemühen, kindergerecht & liebevoll ein schwieriges Thema zu vermitteln. Nur weil “Ms. Manager” ihr Scheidungstrauma über die Kinder wiedererlebt, muss der Rest der Menschheit nicht des Pathos bezichtigt werden!

      • Ms. Manager sagt:

        Hallo? Trauma? Das ist meine Meinung, selbst gebildet, und sie ist schon sehr lange so.

    • Meta sagt:

      Nix da unnötig pathetisch. Stellen Sie sich ganz einfach vor, die Leukämie befalle nicht die Grossmutter, sondern das einjährige Geschwisterchen/Cousinchen. Wie unfair ist das? Meine Ehe ist auch zerbrochen, genau wie die meiner Eltern; im Vergleich sind das Peanuts!

      • Ms. Manager sagt:

        Ich verglich das mit dem Tode der Grosseltern, und zwar bewusst. Der Tod der Grosseltern ist ein Einschnitt im Leben, aber er ist nach einiger Zeit verdaut. Die Trennung der Eltern habe ich auch nach bald 40 Jahren nicht restlos verdaut.

    • Meta sagt:

      http://www.youtube.com/watch?v=YIcHMCJl874

      Kindertotenlieder: der Name sagt alles.

  3. Frau Rohner sagt:

    Liebe Andrea, das tut mir sehr leid. Viel Kraft wünsche ich euch!
    Viele Grüsse, Maura

    und ps.: Du hast einen wunderbaren Artikel geschrieben! Danke!

  4. Kathrin sagt:

    Auch wir haben im letzten Jahr unsere liebe Nagyka (ungarisch “Grossmutter”) innerhalb von 3 Monaten verloren. Sie hatte einen Hirntumor. Wir haben oft mit unseren Kindern (5 und 3) darüber gesprochen, unsere Trauer und Gefühle gezeigt, ihre Fragen beantwortet. Nun ist unsere liebe “Nagyka” ein Engel, welcher zu uns runter schaut. Sind wir abends draussen in der freien Natur, suchen wir “Nagykas” Stern. Wenn mein Sohn mit den Legos spielt, dann setzt er sich manchmal vors Fenster und freut sich, dass Nagyka ihm zuschauen darf. Auch wenn wir sie nicht mehr sehen, sie ist mit uns!

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