In der Klischeefalle

Ein Papablog von Thom Nagy

Eben noch Frauenschwarm, nun der Klischeedad, samt Accessoir: Schauspieler Orlando Bloom.

Eben noch Frauenschwarm, nun der Klischeedad, samt Accessoire: Schauspieler Orlando Bloom.

Als weltgewandter Zeitgenosse hielt ich mich in meiner präpapalen Ära für immun gegen jegliche Klischees. Niemals, niemals würde mich jemand mit diesen schrecklichen Versandhauskatalog-Daddies in einen Topf werfen können, dessen war ich mir sicher. Ob es sich dabei um meinen Musikgeschmack, die politische Einstellung oder die Tücken des familiären Alltags handelte, völlig egal. Bis mein Sohn auf die Welt kam. Dass ich jeden Moment dieses sich entfaltenden Wunders mit irgendeiner Kamera festhalten musste, fand ich noch ganz in Ordnung. Dass ich bei der blossen Erwähnung kleiner Menschen mein iPhone zückte hingegen weniger. Wenigsten für die Mitmenschen. Denn das zwanghafte Bilderzeigen war eines dieser Eltern-Klischees, das ich in einer passiven Rolle bestenfalls unangenehm gefunden hatte. Aber es war so und ich konnte nichts dagegen tun. Während weibliche Gesprächspartner fast immer mit Begeisterung auf meine spontanen Diashows reagierten und mich mit aufgeregter Stimme in meinem Wissen bestärkten, den süssesten Jungen der Welt zu haben, äusserten die Kumpels höfliche Interessensbekundungen, um sich im nächsten Moment wieder ums Bier zu kümmern. Und jedes einzelne Mal flüsterte eine leise Stimme im Hinterkopf: «Siehst du?»

Dieselbe Stimme meldet sich auch zu Wort, wenn ich die vier meist verwendeten Worte meiner üppigen Vaterschafts-Ratschlagliste zum Besten gebe: Es geht so schnell. Dieser Satz ist das ultimative Elternschafts-Klischee. Nicht nur, dass man ihn in irgendeiner Variante – «du bist so gross geworden» – seit frühester Kindheit über sich ergehen lassen muss, auch in der eigenen Schwangerschaftsphase stand er an einsamer Spitze der Liste mit den wichtigsten Ratschlägen von benachwuchsten Freunden und Verwandten. Bis zum ersten Geburtstag meines Sohnes hielt ich den Satz für eine leere Floskel. Aber wenn ich einmal innehalte und versuche, mich daran zu erinnern, wie mein Sohn vor drei Monaten war, weiss ich: Es gibt keine grössere Wahrheit im Leben. Und so habe ich das Lager gewechselt und gehöre nun zu all denen, die den Status dieses grössten aller Elternschafts-Klischees weiter zementieren.

Meine neues Verhältnis zu Stereotypen beschränkt sich aber nicht aufs unmittelbar Familiäre: Neulich unterhielt ich mich mit einem befreundeten Vaterschafts-Veteranen darüber, wie er sich verändert hat, seitdem seine Kinder auf der Welt sind. Und er meinte, dass er als ehemaliger Hausbesetzer plötzlich mit vielen Positionen der CVP sympathisiert, ja hin und wieder – obwohl es ihm grosse Sorgen bereitet – sogar der SVP recht geben muss. Es gibt kaum einen Bereich, in dem Klischees eine grössere Bedeutung haben, als in der Politik. Und wenn mich die Vaterschaft eins gelehrt hat, ist es die Tatsache, dass sie eigentlich immer einen wahren Kern haben. Ich selbst bin zwar noch nicht so weit, dass sich meine politischen Einstellungen merklich geändert haben, aber wenn es so weit ist, akzeptiere ich die Tatsache, dass ich den Klischees der Familienpartei auf den Leim gehe.

Denn ich habe mein Verhältnis zu ihnen grundlegend neu überdacht. Und bin zum Schluss gekommen, dass einige von ihnen durchaus ihre Daseinsberechtigung haben. Seither ist das Leben zumindest in dieser Beziehung einfacher geworden.

nagyThom Nagy, 33 ist DJ, Festivalmacher und Journalist und denkt zurzeit für labs.nzz.ch. Folgen Sie ihm auf twitter.com/thomnagy

28 Kommentare zu «In der Klischeefalle»

  • Angela Nussbaumer sagt:

    Echte Kerle stehen dazu, Vollblutpapis geworden zu sein. Was soll daran nicht in Ordnung sein? Das Jöööööh-Alter der Kinder vergeht blitzschnell, und schon sind sie motzig und zickig und das Familienleben befindet sich unrettbar im Sog des Teenieslogans: „Wenn d’Eltere komisch wärdid, sind d’Chind i de Pubertät“. Ich sage nur: Geniessen, geniessen, geniessen und – wie die Iren sagen: „give a fiddler’s fart“ was das alte Hinterstübchen und die Umwelt dazu meinen.

  • Gene Amdahl sagt:

    Wart mal ab . . . und plötzlich befindet sich dieser Vater in der Scheidungsfalle und wird nach bekanntem Muster entsorgt? Die Jugendämter, Anwälte, Justiz lauern schon auf Dich . . . die Chance ist ja >50%. Die Realität wird auch den Journalisten noch einholen?

  • Katharina sagt:

    läck böbäli, twitter.

    Da können wir dann nachverfolgen wer die Daseinsberechtigung definiert,

    Oder dass er nicht zu merken scheint, dass eben „Es gibt kaum einen Bereich, in dem Klischees eine grössere Bedeutung haben, als in der Politik“ Populismus bedeutet,

    Oder dass auch twittern nicht vor Fremdbestimmung durch Stereotypen schützt.

  • Sylvie sagt:

    danke für diesen herrlich offenen beitrag – definitiv geht es nicht nur vätern in manchen bereichen so…
    die sache mit den positionen der SVP bitte ich dann doch nochmals zu überdenken!!

    • Nein, nein, genau das mit der SVP sollen auch die Damen hier zur Kenntnis nehmen. Das fand ich sehr erfrischend ehrlich. Kompliment dem Jungen Papa! Zwischen CVP und SVP gäbe es auch noch die FDP mit dem lieben Gott, dem grünen Herz und den sozialen Ideen: die EVP. Laut „Beobachter“ jene Partei, die in den letzten Jahren am meisten Abstimmungen gewonnen hat.

  • Kalle sagt:

    CVP wählen? SVP erwägen? Was für ein Weichei! Mich hat die Geburt meines Sohnes überhaupt erst zu einem richtigen Kerl gemacht. Warum? Papa werden (und es durchziehen) ist das Mutigste, was ein Mann tun kann.

  • heidi reiff sagt:

    Ich hab mal so schöne klassische Country-Musik kennengelernt. Wusste gar nicht, dass es das gibt, war nicht ein Schuss ein Schrei, das war Karl May schöne Klangwelt, ich mag einfach Musik und Klangwelt, ein Gong tönt anders als eine Pauke, ich mag Geigenspiel, die singenden Geigen von Helmuth Zacharias mit Herzblut gespielt.

  • fufi sagt:

    Tja!

    fufi hat keine Kinder und auch kein iPhone und auch nichts ähnliches!
    Aber fufi hört Musik, und manchmal auch – ach, ihr wisst’s schon!

    Aber s’ist ja nicht so schlimm!
    Es soll ja unterdessen schon ü50 Parties geben!
    „I can’t get no satisfction“ und so!

    Keine Sorge!
    Wir alle sind jung geblieben und werden jung bleiben und sowieso und in diesem Sinne:
    http://www.youtube.com/watch?v=IRk_D1UMPsI
    😀

  • fufi sagt:

    @Thom N.

    Beste Unterhaltung mit ernsem Beigeschmack!
    Meinetwegen auch umgekehrt!

    Aber bedenke:
    Es kann noch VIEL schlimmer kommen,

    oder, wie ein Freund von mir sagte:
    „Du weisst, dass du alt WIRST, wenn du beginnst, Country zu hören!“
    Fufi sagt:
    „Du weisst, dass du alt BIST, wenn du die Musik hörst, die du schon in deiner Jugend gehört hast!“
    😛

    • mostindianer sagt:

      ich habe gerade erschreckenderweise festgestellt, dass ich das bereits mache! bin übrigens auch zum erwähnte iphone-zücker geworden… man beginnt übrigens auch, sich für babykleidung zu interessieren, hello kitty fand ich ja mal dermassen einen sch….recklichen blödsinn. ja, genau, richtig gelesen: fand. was ist bloss aus mir geworden?? und ganz schlimm: ich hab mir „achtung, baby“ von michael mittermeier gekauft und… es gelesen! und ich hab auch gelacht. brauch ich jetzt eine therapie?

      • Daniela o. Kind sagt:

        Die braucht man erst, wenn man einen Kleber von einem Comic Baby und dem Namen des Kindes ans Auto klebt. .-)

    • Auguste sagt:

      hmm…,fufi, das mit dem „country“ halte ich für ein klischee. genauso wie den spruch, dass in einen richtigen country-clip ein „chick im bikini “ reingehöre.

      youtube: brooks & dunn – put a girl in it

      • fufi sagt:

        Auguste!
        Klar ist’s ein Klischee! Und mein Freund hat’s ja auch bloss als Spass gesagt!
        Obwohl’s bei mir zutreffend war!
        It’s a long and hard way from Uriah Heep to Willy Nelson?
        Tja, da musst du sozusagen Haare lassen!
        OK, bin KEIN Country-Crack
        Grüsse dich mit
        http://www.youtube.com/watch?v=u2G_AgFvE7E

        Ein Wahl-Tösstaler übrigens!
        Und seine Tochter hat meine Frau ein paar mal auf den Gepäckträger ihres Töfflis genommen und den Berg hinaufgefahren, zu wo wir damals wohnten. Das hiess „Berg“!
        Hab den HEUGUEMPER dennoch nie persönlich kennengelernt, und deshalb: HOPP FCZ!
        😀

  • chicadelsol sagt:

    ha, da fühlen sich wohl manche auf frischer tat ertappt – auch aus sicht einer frau/mutter.

  • Alain Burky sagt:

    Meine beiden Soehne sind inzwischen laengst erwachsen,
    und jetzt koennen wir gemeinsam lachen,
    da beide (zusammengezaehlt) schon 10 Jahre aelter sind, als ich.

  • Elias Albrecht sagt:

    klischeedenken ist blöd… und der eine thom auch’s nun auch gemerkt. aber dafür muss man ja nicht vater werden…

  • Hörby sagt:

    +1
    Danke für diesen Beitrag! Ich erkenne mich wieder!

  • Alain Burky sagt:

    Ich bekam als 20-jaehriger frischer Papa so unterschwellig-provokante Gratulationskarten
    „à la Hippie-happy-end“.
    Mais –
    „Hurra – ich lebe noch …“

  • Auguste sagt:

    hmm…, klischees…?

    frischgebackene väter finden orange auf einmal gar keine so scheussliche farbe
    wütende, ängstliche, ältere und junge leute werden zu wölfen im schafspelz
    unentschlossene entscheiden sich plötzlich für natur pur, aber mit strom- und internetanschluss
    staatstragende halten das fähnlein weiter im wind, aber wissen längst nicht mehr warum
    …und rote betäuben ihren weltschmerz neuerdings mit wermuth

    oh, beinahe hätte ich es vergessen: die freikirchler beten weiter für einen, der in der arena nicht volldoof rüberkommt

  • Gil Galad sagt:

    Die Geburt meines Sohnes hat mich in gefühlten drei Tagen vom urbanen, leicht verwegenen Macho in ein Weichei von epischem Ausmass mit überbordendem Beschützerinstinkt verwandelt. Es sind die Gene, ich bin dagegen so chancenlos wie ein Eiswürfel in der Sahara.

    • Oliver sagt:

      auf den Punkt gebracht! Könnte ich nicht besser sagen.

      @Thom: Sie sollten häuffiger für den Mama-(und Papa-?)Blog schreiben. Der Artikel heute ist nicht nur lustig sondern paradoxerweise eine echte Bereicherung der sonst oft so klischebehafteten Beiträge.

  • Kurt Isler sagt:

    Nächster Blog bitte….

  • Pascal Sutter sagt:

    Was mich aus dem Busch geklopft hat war die Frage „Hast Du nicht das gefühl im goldenen Käfig zu leben?“ die mir ein guter Freund stellte. Ich habe ihm fast das Bier ins Gesicht gespuckt. Kaum Vater, gehen die Veränderungen los – und zwar genau so wie oben beschrieben. Aber – es gibt auch Männer die sich nie verändern möchten.

    • Auguste sagt:

      hmm…, immer wenn ich zur beliebtesten reisezeit als kantiger solitaire im zug stehe, fühle ich mich, wie die anderen vom leben geschliffenen kiesel um mich herum, die auch „nur heim“ und abendessen im kopf haben.

      youtube: bob seger – like a rock

  • Manfred Meier sagt:

    Klar und ehrich wie selten ein Mamablog. Danke!

  • Cara Mia sagt:

    Me-ga-grins… Und wenn’s dann Teenies sind, die gegen Twens schwenken, meidet man plötzlich all diese Dinge wieder wie die Pest. Bis die Teenies oder Twens schwanger werden und man selber Oma oder Opa, dann fängt’s wieder von vorne an…

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