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Bloss keine Gymi-Panik!

Andrea Fischer am Donnerstag, den 28. August 2014
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Nur ein Kind, das unbedingt aufs Gymnasium will, soll sich mit Zusatzaufgaben herumplagen müssen. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Da die Gemüter grad so schön erhitzt sind, wenn es um Akademikermütter geht, möchte ich die Abwärme nutzen und gleich noch in populistischen Worten ein anderes Anliegen loswerden: Stoppt die Verakademisierung der Gesellschaft!

Damit mich keiner falsch versteht: Bildung gilt auch mir als eines der allerwichtigsten Güter einer Gesellschaft. Dass ungebildete Gesellschaften sich selbst gefährlich werden, muss wohl keinem mehr erklärt werden. Schon gar nicht denjenigen, die daraus Kapital schlagen.

Aber es gibt eben nicht nur eine Art der Bildung, wie man manchmal glauben möchte, wenn im Herbst wieder die Gymiprüfungspanik ausbricht. Nicht überall, aber vielerorts wird fast die Hälfte der Schulklassen in Vorbereitungskurse fürs Gymnasium geschickt, oft sogar in mehr als einen. Und so leiden Horden von Kindern wieder bis zu den Sportferien unter Zusatzaufgaben, welche schon lange nicht mehr das Ziel haben, Primarschulstoff besser verständlich zu machen. Vielmehr wird neuer, zusätzlicher Stoff verlangt. Das bedeutet: Selbst ein sehr intelligenter und guter Schüler schafft die Gymiprüfung nicht, wenn er oder sie keinen Zusatzkurs besucht. Ausser seine Vornoten sind so hoch, dass er sich damit auf einen genügenden Schnitt hochstemmen kann.

Ich begreife, dass Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Das müssen wir ja auch. Aber ich bin nicht sicher, ob es das Beste für sie ist, wenn wir sie um jeden Preis ins Langzeitgymnasium drillen. Oder, so sie das nicht schaffen (schon die Formulierung spricht für sich), eben nach der zweiten oder dritten Sek oder dem Zusatzjahr ins Kurzzeitgymnasium. Dabei gibt es nur einen einzigen Grund, ein Kind ins Langzeitgymnasium zu schicken, ins Gymnasium überhaupt: wenn es das unbedingt will, weil es gerne zur Schule geht, gern lernt, gern liest und gern selbstständig und freiwillig zusätzliche Arbeiten erledigt. Oder weil es einen tief verwurzelten Berufswunsch hat, für den es alles tun würde und für dessen Erfüllung die Matura Voraussetzung ist.

Alle anderen Kinder sollen bitte weiterhin in Ruhe tanzen, Fussball spielen, malen, im Quartier mit Freunden rumhängen oder sonst wie möglichst lang Kind sein, statt sich täglich mindestens eine zusätzliche Stunde zum normalen Pensum abzuplagen. Sie haben deswegen keine schlechteren Chancen im Leben. Die Zeiten sind längst vorbei, als es nur ein einziges Treppchen nach oben gab. Im Gegenteil: Heute gibt es ein nahezu undurchschaubares Geflecht an Wegen, die ans Ziel führen. Vielen liegt die praktische Berufslehre zugrunde, die auf Wunsch mit Modulen bis zum Fachhochschulabschluss ausgebaut werden kann. Erfrischende Perspektiven in einer Gesellschaft, die wie jene um sie herum zu verakademisieren droht, wie auch Alt-Nationalrat Rudolf Strahm in seinem viel diskutierten Buch «Die Akademisierungsfalle» schreibt.

Natürlich brauchen wir Anwälte, Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen, aber doch nicht zu Abertausenden – und viel anderes kommt einem Grossteil der Maturanden bei der Studienwahl nicht in den Sinn. In Italien beispielsweise nimmt die Zahl arbeitsloser Akademiker pro Jahr um 40 Prozent zu. Trotzdem fordert die Europäische Union in ihrer Strategie «Europa 2020», den Anteil der 30- bis 34-Jährigen mit Hochschulabschluss auf mindestens 40 Prozent zu erhöhen. Länder wie Frankreich und Spanien haben dieses Plansoll längst erfüllt. Und wir sind auch auf gutem Weg dazu. Weil auch Schweizer Eltern vermehrt auf Akademisierung setzen, sind in der Schweiz viele Lehrstellen frei, Tendenz steigend. Darum mein Plädoyer: Entspannen und nur jene Kids in den Gymikurs schicken, die das selber unbedingt wollen. Und wenns doch nicht klappt: Tee trinken und beraten lassen – zum Beispiel bei Job-shop.ch.

Viele Wege führen ins Glück – und das Gymi ist nicht zwingend einer davon.

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Grafik: Bundesamt für Statistik

 

Hilfe, mein Kind ist weg!

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 27. August 2014

Ein Papablog von Daniel Böniger*

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Ich bin dann mal weg: Wenn die Kleinen sich unbemerkt davonmachen, durchleben ihre Eltern für einen Moment ihre schlimmsten Ängste. Foto: Keystone

Nur ganz kurz habe ich mich weggedreht, zwei Auberginen bei der Marktverkäuferin bestellt – und schon ist mein Sohn verschwunden. Er kennt sich ja schon gut aus auf dem Helvetiaplatz, wir sind jede Woche hier, also lasse ich meine noch unbezahlten Einkäufe einfach liegen, spurte als Erstes zum Veloanhänger, mit dem wir gekommen sind. Dort muss er sein.

Doch meine Vorstellung von einem gemütlichen Einkaufsbummel am Freitagmorgen zerplatzt wie eine Seifenblase: keine Spur vom Dreijährigen! Ich werde hektischer, renne durch die Gänge zwischen den Ständen. Blicke zum Restaurant Volkshaus. Sage einer Bekannten, die nahe der Langstrasse grad Fleisch einkauft, was der Bub anhat: ein rot-grau gestreiftes T-Shirt mit Blumenaufdruck. Ein Fotograf, von dem ich grad noch dachte, er sei ein ziemlicher Angeber mit seinen drei riesigen Kameras um den Hals, hat die Szene beobachtet – und erkundigt sich ebenfalls nach dem Signalement meines Sohns.

Da frage ich, dort frage ich. Renne vom Verwaltungsgebäude zur Stauffacherstrasse. Vom Käsestand zu den Fischverkäufern, vom Kartoffelbauern zu den Pflanzensetzlingen. Ich bin mit Sicherheit schon sieben-, achtmal über den ganzen Platz gerannt. Wo ist mein Junge? Hätte ich vielleicht beim Gemüsestand auf ihn warten sollen? Sucht er mich jetzt womöglich auch? Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich inzwischen schwitze. Und dass ich mich zu fragen beginne, wie ich meiner Frau dieses Missgeschick erklären soll. Wenn er dann auf irgendeinem Polizeiposten wieder auftaucht

Dann plötzlich sehe ich – den Mann mit den vielen Fotoapparaten um den Hals, der mir schmunzelnd zuwinkt. Er hat den Jungen entdeckt. Wo? Im Veloanhänger, in dem der kleine Bub sich so hingesetzt hat, dass man ihn von aussen nicht sehen kann. Er schaut mich an, lächelt und tut, als ob nichts gewesen wäre. Und mein Fotograf? Nie mehr werde ich so vorschnell Vorurteile zulassen, denke ich mir. Und bedanke mich beim Helden mit den Kameras mehrmals. Nehme meinen Sohn in den Arm. Nein, ich schimpfe nicht. Erkläre ihm, dass er es doch vorher sagen soll, wenn er sich langweile.

Doch das Beste daran: Niemand hat blöde Sprüche gemacht, von wegen Papas, die nicht auf ihre Kinder schauen können. (Was auch schon passiert ist, als der Bub noch ganz klein war und im Tram schrecklich weinen musste – es hiess «eine Mutter wüsste jetzt was tun …») Ganz im Gegenteil: Eine Frau im mittleren Alter erzählt mir spontan, wie sie mich beobachtet habe und ihr alles wieder hochgekommen sei. Auch sie habe mal ihr Kind verloren, vor vielen Jahren, sie wisse es noch genau – und es danach stets mit einem Armbändeli mit Telefonnummer gekennzeichnet. Nein, belehrend hat sie es bestimmt nicht gemeint.

Offenbar geschieht solches allen einmal, so weiss ich jetzt. Hoffentlich nur einmal.

*Daniel Böniger ist Teilzeit-Hausmann und Redaktor des «Tages-Anzeigers». Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Sympathie für Neinsager

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 26. August 2014

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

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In dieser Situation ein NEIN!! zu vermeiden, dürfte äusserst schwierig sein. Foto: iStock

Kunterbunt türmen sich die Zvieri-Leckereien auf dem Loungetisch. Das jüngste Mitglied unserer fröhlichen Mutter/Kind-Runde – ein acht Monate alter Sonnenschein, der sich seit wenigen Tagen fortbewegen kann – robbt begeistert auf die Auslage zu, zieht sich hoch und krallt sich voller Elan eine Erdbeere. Seine Mutter erblickt den Früchtegrapscher in dieser Sekunde, brüllt laut «N-e-e-e-i-n!», vollzieht eine Hechtrolle, klaubt ihm die mittlerweile zerquetschte Köstlichkeit aus seinen Fingerchen und sagt: «Nein, nein, das darfst du nicht!» (Anmerkung: Der Kleine hat eine Erdbeerenunverträglichkeit – darum ihre Reaktion).

So weit, so gut. Was dann jedoch folgt, macht mich stutzig: «Ach Mensch, jetzt habe ich es schon wieder gesagt!», beschimpft sich die besagte Mutter selber. «Das Wort Nein sollte ich einfach streichen.» Und zu ihrem Nachwuchs gewandt: «Also, das ist nichts Gutes für dich. Nimm lieber das...» – und winkt verheissungsvoll mit einem Roggencracker.

Als jedes der sechs Kinder etwas Leckeres zwischen den Beisserchen hat, frage ich nach: «Wie war das? Wieso sollst du nicht Nein sagen?» Das habe sie aus dem Ratgeber «Wie sag ich’s meinem Kind», erklärt sie mir: «Kinder verstehen das Wort Nein nicht. Darum sollte man es meiden und andere Formulierungen verwenden. Aber ich tappe immer wieder in die Falle.» Meine Anschlussfrage, warum Kinder ein Nein nicht verstehen sollen, geht leider bereits wieder im Kinderlärm unter: Die Rasselbande hat den Zvieri beendet.

Das Thema lässt mich jedoch nicht los. Jede Theorie hat schliesslich meistens ihren guten Ansatz. Zumal das Buch hoch gelobt wird. Und so wage ich den Selbsttest. Meine Tochter: «Kann Anna heute bei uns übernachten?» Ich: «Ich fände es besser, du würdest alleine schlafen.» Sie: «Bitte! Ich möchte unbedingt!» Ich: «Unter der Woche ist das kein Thema.» Sie: «Aber wir bleiben auch sicher nicht lange wach, versprochen!» Ich: «Ich möchte wirklich nicht.» Sie: «Aber wieso...?» (Ab da kribbelts schon nervös in meiner Magengegend): «Nein! Ich möchte, dass du fit bist für die Schule. Plant das fürs Wochenende.» Ein kurzes Schnauben – Thema gegessen.

Ich zu meinem Sohn: «Eine halbe Stunde ist um, Game-Zeit beendet.» Er: «Nur noch fünf Minuten!» Ich: «Nnn... äh... die vereinbarte Zeit ist jetzt um.» Er: «Aber ich war noch auf der Toilette in der Zeit, darum darf ich jetzt etwas länger!» Ich: «Guter Versuch, bitte ausschalten.» Er mit Dackelblick: «Biiiiitte... können wir eine Lösung finden?» (Den Satz kenne ich doch!) Ich: «Ähh... nein! Ausschalten. Jetzt.» Das iPod-Display wird schwarz.

Ich suche auch nach einer positiven Herangehensweise für die Kinder. Und stelle mir folgendes Szenario auf dem Pausenplatz vor: «Komm, probier doch auch mal eine Zigarette!» – «Ich atme lieber frische Luft.» – «Ach komm jetzt, du Spiesser!» – «Ich bevorzuge wirklich andere Dinge.» – «Willst du nicht cool sein?» – «Ich möchte nicht.» – «Wieso denn nicht?» Und so weiter...

Irgendwie endet jedes Thema in einer uferlosen Diskussion – und das, obwohl mein Standpunkt von Anfang an klar war. Zumindest, nachdem der Nachwuchs mehr als nur «Dada» sagen kann. Mit den Kindern reden: Unbedingt! Erziehungsentscheide erklären: Auf jeden Fall! Aber wieso darf davor nicht schon ein klares Nein stehen?

So vertrete ich nach wie vor die Haltung: Nur wer klar Nein sagen kann, kann auch von Herzen Ja sagen. Und angesichts von diversen Selbstwertseminaren für Erwachsene, die das Neinsagen lernen müssen, bin ich überzeugt, meinen Kindern nichts Falsches vorzuleben. NEIN, das denke ich wirklich nicht.

Film: Der Ja-Sager (Trailer)

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.

«Verdammter Mist!»

Jeanette Kuster am Sonntag, den 24. August 2014
Shit

Ob es Eltern wollen oder nicht: Früher oder später werden Kinder mit Worten konfrontiert, über deren Gebrauch man mit ihnen reden sollte. Foto: Southpark.de

Ich staunte nicht schlecht, als ich letzte Woche in der «Huffington Post» las, dass eine Mutter verhaftet wurde, weil sie zu ihren Kindern das böse F***-Wort gesagt hatte. Der Vorfall ereignete sich in einem amerikanischen Supermarkt. Eine andere Kundin hatte die Polizei gerufen, weil die fehlbare Mutter angeblich «Stop squishing the f*cking bread!» («Hör auf, das verfluchte Brot zu zerquetschen!») geschimpft hatte. Worauf die Gesetzeshüter prompt anrückten und die fluchende Mutter vor den Augen ihrer Kinder verhafteten.

Hierzulande ist so etwas zum Glück undenkbar. Sonst würde vermutlich ab und zu eine Mama oder ein Papa aus dem Supermarkt abgeführt. Mir selber ist auch schon ein wüstes Wort rausgerutscht, als die Kinder wieder mal den Laden unsicher gemacht haben und am Ende ein Joghurt auf dem Boden gelandet ist. Und auch wenn niemand mein «Gopferdammi» oder «Scheisse» gehört hat, habe ich mich dafür geschämt, kaum waren die Worte über meine Lippen gekommen. Weil ich so nicht reden will vor oder gar mit meinen Kindern.

Niemand von uns Eltern will das. Und trotzdem rutschen uns diese Worte regelmässig raus, wenn uns irgendjemand oder irgendetwas zur Weissglut treibt. Das wird uns spätestens dann bewusst, wenn das eigene Kind zum ersten Mal selber «Scheisse!» ruft. Ein irritierender Moment, ein solches Fluchwort aus dem Mund dieses kleinen, unschuldigen Persönchens zu hören – und gleichzeitig ganz genau zu wissen, wo es das gelernt hat.

Aber ist es denn wirklich so tragisch, wenn die Kleinen sich bei Mama und Papa ein paar Schimpfwörter abgucken? Früher oder später werden sie diese verbotenen Worte sowieso entdecken – wenn nicht zu Hause, dann eben auf dem Spielplatz, im Kindergarten oder spätestens in der Schule. Und je entsetzter wir Erwachsenen darauf reagieren, desto spannender werden die Fluchwörter. Wäre es da nicht gescheiter, den Kindern von Anfang an zu erklären, dass es diese hässlichen Worte nun mal gibt, sie einem manchmal trotz aller guten Vorsätze rausrutschen und man sich in solch einem Fall unbedingt dafür entschuldigen sollte? So fiele es einem später bestimmt leichter, noch viel heftigere, auswärts aufgeschnappte Fluchwörter zu thematisieren und dem Kind klarzumachen, wo die Grenze zu ziehen ist. Sprich: welche Worte nicht nur unschön, sondern absolut inakzeptabel sind, weil sie zum Beispiel einen rassistischen Hintergrund haben.

Zudem könnte man dem Nachwuchs bei der Gelegenheit auch erklären, dass es einen immensen Unterschied macht, ob geflucht wird, um seine Wut rauszulassen, oder aber jemand beschimpft werden soll. Letzteres hat allein die Verletzung eines anderen Menschen zum Ziel, ist also durchwegs negativ. Ersteres hingegen läuft eher unter Psychohygiene, weil der Ärger durch den kurzen verbalen Ausbruch kleiner wird.

Und genau deshalb geht es laut Sprachexperten gar nicht ohne Schimpfwörter. Seine Aggressionen verbal stets unter dem Deckel zu halten, wäre nicht nur schwierig, sondern auch ungesund, sagt etwa der Sprachwissenschaftler Robert Ris gegenüber «Wir Eltern». Ich werde mir das künftig in Erinnerung rufen, wenn mir wieder einmal ein «Scheisse» rausrutscht. Aber meinen Kindern trotzdem weiterhin raten, dass wir alle gemeinsam versuchen sollten, in solchen Wutmomenten auf harmlosere Alternativen wie «Sonen Chabis!» oder «Mist!» auszuweichen.

Wie stehen Sie dem Fluchen gegenüber? Verbieten Sie sich und Ihren Kindern Schimpfwörter konsequent, oder finden Sie ein gelegentliches «Scheisse» nicht weiter tragisch?

... und falls Sie noch Ideen brauchen...

Finger weg!

Andrea Fischer am Freitag, den 22. August 2014
Mamablog

Was im Verwandtenkreis drinliegt, geht bei Fremden oft nicht problemlos: Erwachsene tätschelt den Kopf eines Kindes. Foto: Quinn Dombrowski (Flickr)

Letzthin war ich im Zoo. Mit meinem Sohn, der halben Schweiz und einem Grossteil von Europa, Japan und den USA. Die wenigen Leerräume zwischen den Menschen waren mit Wespen gefüllt. Darum, das gebe ich zu, war ich nicht (n.i.c.h.t.) ganz entspannt. Aber ich habe mir redlich Mühe gegeben, wenigstes so zu tun.

Als ich mich mit meinem Sohn im Zoo-Shop nach einem Erinnerungsgummitier umsah, wie wir das jedes Mal tun, ist mir ein Storch vom Gestell gestürzt, Schnabel voran. Zack. Dabei flog er einen gefühlten Millimeter am blonden Köpfchen eines etwa zweijährigen Mädchens vorbei. Schrecksekunde. Sofort hab ich mich niedergekauert und mich entschuldigt. Dabei habe ich dem Mädchen, ohne viel dabei zu überlegen, über die Schulter gestreichelt. Da schnellte die Hand der Mutter vor, zog das Kind an ihre Beine und legte den Arm wie eine Festung um das Kind: «It’s okay. But don't touch!!!», fauchte sie.

Ich war so vor den Kopf gestossen, dass ich stachelig entgegnete, so sei das in der Schweiz nun mal, hier würden wir die Kinder berühren. Punkt. Sie solle sich nicht so anstellen. Gleichzeitig hätte ich losheulen können. Sehe ich aus wie ein alter Pädosack oder wie eine versoffene Asi-Tante mit Krätze oder was? Schliesslich stand ja mein Sohn gleich neben mir, es war also auch ganz offensichtlich, dass ich mir kein fremdes Kind klauen muss. Kurz: Ich war stockbeleidigt. Wir haben den Zoo, die vielen Menschen und die Wespen fluchtartig verlassen.

Den Rest des Tages musste ich über diese Begegnung und meine zugegebenermassen unsouveräne Antwort nachdenken. Mit etwas Distanz konnte ich mir dann doch noch ein paar Gründe ausmalen, warum die gute Frau so reagiert haben könnte. Entweder sie hatte den Hygienefimmel, sie hatte selbst mal etwas Schlimmes erlebt – oder sie stammte einfach aus einem Land, in dem man unbekannte Kinder nicht anfasst, zum Beispiel aus den USA. Und tatsächlich ist es mir auch schon passiert, dass ich irritiert war, als Fremde meine Kinder berührt hatten...

Ich habe deshalb das letzte Wochenende am Theaterspektakel beobachtet, wie das bei uns gehandhabt wird. Tatsächlich hat die Popcornverkäuferin ein Kind am Arm gefasst, um sich zu entschuldigen, dass sie es in der Warteschlange übersehen hatte – und es gab Situationen, in denen Fremde kleinen Kindern nach einem Sturz auf die Beine halfen oder ein verirrtes Kind an der Hand zu seiner Mutter brachten. Alles sehr unaufgeregt und natürlich. Offensichtlich hatten alle vor Ort etwa ähnliche Vorstellungen vom Umgang mit Kindern. Für mich die natürlichste Sache der Welt und nicht zu verwechseln mit Situationen, in denen Wildfremde im Tram oder einem Lift oder sonst wo grundlos grapschen.

Es wäre spannend zu wissen, wie das für die Kleinen ist. Ich selbst erinnere mich noch gut daran, wie ich als kleines Mädchen bei einem Spanienurlaub ständig über den Kopf gestreichelt wurde, weil ich butterweisse Locken hatte. Ich fand das irgendetwas zwischen unangenehm und schmeichelhaft (Letzteres erst, nachdem meine Eltern mir erklärt hatten, warum ich ständig angestrahlt und befummelt wurde).

Wie sehen Sie das? Darf man fremde Kinder anfassen? Und wenn ja: wann und wie?