Entsorgen Sie noch oder reparieren Sie schon?

Gabriela Braun am Donnerstag, den 18. Dezember 2014
Wertschätzen statt wegwerfen: (Flickr/Club125.greenbelt)

Wiederentdeckter Lifestyle: Reparieren statt wegwerfen. (Flickr/Club125.greenbelt)

Den Mantel in den Caritas-Sack werfen, weil das Innenfutter zerfetzt ist? Wo denken Sie hin, flicken Sie ihn oder gehen Sie damit zum Schneider. Einen neuen Computer kaufen, weil der drei Jahre «alte» Laptop langsam geworden ist? Vergessen Sies, versuchen Sie stattdessen, das alte Gerät zu tunen. Das ist erstens günstiger und zweitens empfinden Sie Genugtuung, ihn selbst auf Vordermann gebracht zu haben, statt ihn einfach zu ersetzen.

Reparieren statt recyceln. Wertschätzen statt wegwerfen. Das ist ein neuer oder wiederentdeckter Lifestyle. Man wirft kaputte Dinge nicht weg, sondern repariert sie selbst – oder lässt sie reparieren. Auf Youtube finden sich zig Video-Anleitungen, wie man einen Reissverschluss, den Rasierapparat, Kühlschrank oder Laptop flickt. Die Bewegung weltweit in Schwung gebracht hat die Site Ifixit.org. Sie stellt kostenlos Anleitungen ins Netz, damit man selbst das iPhone, den Toaster, das Auto oder den Computer instand stellen kann. Über 2000 Manuals sind es schon. Auf diese Weise lassen sich Geld und Rohstoffe sparen.

Doch das ist nicht alles: Die Leute von Ifixit propagieren eine regelrechte «Reparaturrevolution» und beschreiben eine Haltung, die den reinen Konsum übersteigt: «Finde selbst heraus, was mit deinem Gerät nicht stimmt», schreiben sie auf ihrer Site. «Reparaturen generieren Jobs.» «Reparieren ist Freiheit.» Oder: «Wenn du es nicht reparieren kannst, dann gehört es dir nicht.»

Gemäss Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech knüpfen wir durch das Reparieren eine engere Beziehung zu den Dingen, die uns umgeben. «Technische Geräte, die ich selbst repariere, benutze ich anschliessend mit grösserer Sorgfalt», sagt der Professor der Uni Oldenburg gegenüber der Zeitschrift «Psychologie Heute». Statt Gegenstände zu verbrauchen und wegzuwerfen, gebrauchen wir sie. «Das ist echte Aneignung.»

Weniger Wegwerfgesellschaft, mehr Nachhaltigkeit. Diesem Credo folgen auch zahlreiche Repair-Cafés, über 400 sind es weltweit schon. All jene Menschen, die nicht alleine werkeln möchten oder Hilfe benötigen, sind in diesen Cafés gut aufgehoben. In der Schweiz gibt es eine Handvoll solcher Orte, unter anderem in Bern.

Klar, ein gewisses technisches oder handwerkliches Verständnis ist hilfreich. Und das Gerät muss von einer gewissen Qualität sein. Billigwaren und Ramsch überleben nicht lange, flicken kann man da oft nichts. Mein Mann wagte sich kürzlich an das Innenleben seines Laptops. Mit Erfolg: Statt einen neuen Computer mit mehr Leistung zu kaufen, baute er in seinen alten mehr Leistung ein: Das DVD-Laufwerk nahm er raus, eine zweite, schnelle Festplatte kam rein. Mithilfe der entsprechenden Anleitung klappte das gut. Sein getunter Laptop arbeitet jetzt mit x-facher Leistung. 220 Franken hat das Paket bei einem deutschen Anbieter gekostet, das Festplatte, Werkzeug und eine präzise und bebilderte Schritt-für-Schritt-Anleitung enthielt. Für einen neuen, vergleichbaren Computer hätte er 1500 ausgegeben. Er hat dabei nicht nur über 1000 Franken gespart, sondern freut sich darüber, den Computer aufgerüstet zu haben, obwohl das vom Hersteller gar nicht vorgesehen ist. Wer weiss, welches Gerät als nächstes dran kommt. Bald sind Weihnachten und die Tage lang.

Geschenke zum Vergessen

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 17. Dezember 2014

Ein Grosspapa-Blog von Hans Abplanalp*

Was ist da wohl drin? (Flickr/ Steve Evans)

Was da wohl drin ist? In heutigen Spielsachen manchmal mehr, als einem lieb ist.  (Flickr/ Steve Evans)

Beim Durchblättern der Spielzeugkataloge, um dort allfällige Weihnachtsgeschenke für unsere Grosskinder zu finden, habe ich endgültig gemerkt: «Hans, jetz bisch alt.» Diese sechs Trouvaillen möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.

1. «Der süsse Drache mit vielen interaktiven Spielmöglichkeiten und unterhaltsamen Musikstücken hilft beim Erlernen der Zahlen, des Alphabets, der Formen und Farben sowie der Tiernamen in Deutsch und Englisch. Ab 9 Monaten.»

Das Geschenk für die kommende Elite unter den Hochbegabten. Da ich nicht fähig war und bin, dies bei unseren Grosskindern in ihrem zarten Alter von 9 Monaten bereits beurteilen zu können, muss ich wohl auf dieses Geschenk verzichten. Obschon: Kluge (Gross-)Eltern sorgen vor.

2.

«Dank den 8 Einzelmagazinen mit maximal 48 Darts (Pfeilen) ist deine halb automatische Strike Hail-Fire Elite auch ohne Nachladen immer mit genügend Nachschub versorgt. Ab 8 Jahren»: Hail-Fire von Nerf. (Quelle: Youtube)

Ich frage mich, ob ich diese Waffe einem Grosssohn nicht doch unter den Weihnachtsbaum («Friede sei mit euch») legen sollte, denn dank dem Gebrauch dieser «Schlag-Hagel-Feuer-Elite» würde er die Kriegsberichterstattung in der «Tagesschau» später besser verstehen. Aber dann muss ich schauen, dass seine Eltern sich mit den Nachbarn absprechen, damit diese ihrem Knaben auch ein solches Spielzeug schenken. Denn nur wenn zwei aufeinander schiessen können, machts Spass und entspricht natürlich auch der Wirklichkeit.

3. «Entdecke mit der Figur die vielen wunderbaren Zimmer des Ferienspass-Hotels. Rutsche in den Pool, trainiere im Fitnessraum oder besuche die Eisbar auf dem Dach. Ab 4 Jahren.»

Wie wärs denn mit: «Entdecke mit der Figur das gemietete Ferienhäuschen. Rutsche auf dem Hintern ins Laub, spiele im Wald oder besuche das Plumpsklo

4.
«...Dank dem Magic-Clip kann die Prinzessin ihr Kleid ganz einfach aus- und wieder anziehen. Ab 3 Jahren»: Disney Magic-Clip-Puppen. (Quelle: Youtube)

Das Kleid besteht natürlich aus einem einzigen Plastikstück. Wie praktisch dies manchmal doch wäre, wenn das Grosskind beim Wechseln der Windeln einfach nie stillhalten will. Knopfdruck: Strampelhose und Pullover weg – Knopfdruck: verschissene Windel weg – Knopfdruck: Fudi geputzt – Knopfdruck: frische Windel angezogen – Knopfdruck: Strampelhose und Pullover angezogen.

5. «Mit dem schaurig schicken Gegensprech-Telefon im Monster High Look kannst du jederzeit in Kontakt mit deinen Freundinnen treten. Mit zusätzlichem Ton und Lichtern und bis 100 m Reichweite. Ab 3 Jahren.»

100 Meter Reichweite sind natürlich etwas anderes als eine 10 Meter lange Schnur mit je einer Büchse an beiden Enden. Diese sind auch nicht «schaurig chic» und haben schon gar keinen «Monster High Look», Ton und Licht fehlen ebenfalls. Dafür kann ich mit dem Grosskind die Büchsengegensprechanlage, welche batterielos funktioniert, selber basteln. Aber das Design ist dann schon ein wenig primitiv.

Dinosaurier

Dinosaurier und Flugzeug in einem: Switch&Go von Vtech. (PD)

6. «Dieser gefährlich schnelle Dino lässt sich in ein cooles Flugzeug verwandeln und hat mehr als 50 tolle Sprüche und Geräusche auf Lager. Reagiert auf Bewegung. Ab 3 Jahren.»

Jetzt weiss ich Grossvater endlich, weshalb die Dinosaurier alle ausgestorben sind. Nicht wegen des Klimawandels, nein, wegen der Flugzeugindustrie. Und dass Flugzeuge tolle Sprüche von sich geben, da habe ich auch etwas verpasst und muss wohl mal unser ältestes Grosskind danach fragen.

Ich bin übrigens nicht der Ansicht, dass nur handgefertigte und mit Bienenwachs eingeriebene Holzspielzeuge aus biologisch angebauten Wäldern das richtige Weihnachtsgeschenk für Grosskinder sind oder nur pädagogisch äusserst wertvolle Kinderbücher mit intellektuellem Anspruch. Aber beim Durchblättern dieser Kataloge habe ich mich ab und zu schon gefragt, was man Kindern mit diesen – in meinen 67 Jahre alten Augen – fragwürdigen Geschenken antun will. In diesem Sinne wünsche ich frohe Weihnachten mit kleinen Geschenken.

alp*Hans Abplanalp (67) ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und 5 Grosskinder. Er arbeitete als Sekundarlehrer und Schulleiter in Münsingen. Seit 20 Jahren schreibt er satirische Textbeiträge für Radio SRF 1 sowie Kolumnen, Theaterstücke und Mundartmusicals für Kinder. Dieser Text erschien bereits im «Grosseltern-Magazin».

 

Schwangere im Dauerstress

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 16. Dezember 2014

Ein Gastbeitrag von Monika Zech*

Filmschwanger640

Angst wird zum ständigen Begleiter: Zeit, die Schwangerschaft zu geniessen, bleibt vielen Frauen nicht. Foto: c-reel.com (Flickr)

Meine Mutter hat elf Kinder zur Welt gebracht, alle kerngesund. Wahrscheinlich war da auch Glück im Spiel. Denn sie hatte keine Schwangerschaftsvorsorge, kannte sie wahrscheinlich gar nicht. Und zum Gebären ins Spital gingen in den 1950er-Jahren, wie sie jeweils sagte, nur die «mehrbesseren» Frauen. Dass später eines ihrer Kinder gestorben ist, hat damit nichts zu tun – das ist eine andere Geschichte.

Ich habe zwei Kinder geboren, beide ebenfalls kerngesund. Ich war für die Geburt im Spital und während der Schwangerschaft in ärztlicher Kontrolle. Etwa alle sechs bis acht Wochen. Ich kann mich nicht mehr an jeden Untersuchungsschritt erinnern, Ultraschalluntersuchungen gehörten jedenfalls nicht zum Standard. Die wurden nur gemacht, wenn es einen Hinweis auf ein mögliches Problem gab, und dafür musste man ins Spital. Eine Arztpraxis konnte sich ein solches Gerät nicht leisten. Das war in den 1980er-Jahren.

Heute wird eine Schwangere, sobald ihre Schwangerschaft feststeht, mindestens einmal monatlich zur Kontrolle aufgeboten, rückt der Geburtstermin näher, alle zwei Wochen. Nicht zu vergessen die vielen Tests unter dem Titel «Pränatale Diagnostik», die in der ersten Phase durchgeführt werden: Nackenfaltenmessung, Ersttrimestertest, Bluttest, Chorionzottenbiopsie und neuerdings noch der Trisomie-21-Test, ja, es kommen laufend neue dazu.

PRAXIS, FRAUENPRAXIS, FRAUENARZT, GYNAEKOLOGIE, GYNAEKOLOGISCHE PRAXIS, SCHWANGER, ULTRASCHALL, ULTRASCHALLUNTERSUCHUNG, UNTERSUCHUNG, BILDSCHIRM, ZEIGEN, NICHT-INVASIV, PRAENATALDIAGNOSTIK, NICHT-INVASIVE UNTERSUCHUNG

Wahrscheinlich gibts wieder ein Ultraschall-Bildli mit auf den Heimweg: Schwangere bei der Untersuchung. Foto: Keystone

Ein Bekannter, der kürzlich Vater geworden ist, behauptet, die Agenda seiner Frau sei während der Schwangerschaft mit Arztterminen gefüllt gewesen. Und es gab fast jedes Mal ein Ultraschall-Bildli mit auf den Heimweg. Sie ist 32 Jahre alt, gehört also nicht zur Gruppe der Risikoschwangeren. Denn eine solche ist man offiziell ab 35. Aber wie mir jemand aus der Krankenversicherungsbranche «off the record» gesagt hat, ist es für Ärzte ein Kinderspiel, erhöhte Risiken und damit mehr Untersuchungen als in der Leistungs-Verordnung für den Normalfall vorgesehen anzumelden.

Bei der Geburt dasselbe: PDA? Aber hallo, was für eine Frage! Kaiserschnitt? 2013 jede dritte Geburt. Es ist anzunehmen, dass die Zahl nicht abnimmt.

Ich weiss, ich weiss, seit die Frauen regelmässig zur Schwangerschaftskontrolle gehen, ist die Zahl der totgeborenen Kinder evident zurückgegangen: 1969 kamen noch etwa 9 von 1000 Kindern tot zur Welt oder starben bei oder kurz nach der Geburt, im Jahr 2000 war die Rate auf 3,6 gesunken. Aber sie steigt wieder an. Selbstverständlich gibt es auch dafür Erklärungen: das höhere Alter der Mütter, die Zunahme der Frühgeburten und die grössere Zurückhaltung in der Schweiz bei den lebenserhaltenden Massnahmen und so weiter.

Das Entscheidende aber ist, finde ich zumindest, dass die Frauen trotz all dieser Tests und Vermessungen ihre Schwangerschaft kein bisschen mehr geniessen können als früher. Im Gegenteil, die Angst ist ihre ständige Begleiterin – und ist das Kind einmal da, gehts im gleichen Stil weiter.

Monika* Monika Zech war von 2005 bis 2010 Chefredaktorin bei «Wir Eltern». Heute arbeitet sie als freie Journalistin sowie als Redaktorin bei der «Tierwelt» und dem Magazin «Grosseltern». Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Grossmutter von drei Enkelkindern und aufgewachsen mit neun Geschwistern.

Pelz gehört nicht an Kinderjacken

Jeanette Kuster am Sonntag, den 14. Dezember 2014
MB_Pelz_640

Echt oder nicht? Das Kind selbst möchte sicher kein richtiger «Tierliquäler» sein. Foto: Mlenny/iStock

Pelz, ja oder nein? Ich war schon als Teenager der Meinung, dass Pelz gar nicht geht. Wobei sich mir diese Frage eigentlich gar nie so direkt stellte, denn ausser ein paar Altfrauen-Mänteln gab es nichts aus Pelz. Heute sieht das ganz anders aus: Auf jeder zweiten Strickmütze, die man in den Läden sieht, sitzt ein Pelzbommel und auf der Strasse kommen einem ständig (auch junge) Leute entgegen, die eine Jacke mit Pelzkragen tragen. Echtpelz, nota bene. Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz bestätigt diese Wahrnehmung und spricht von einem regelrechten Pelz-Boom, «insbesondere als Besatz an Kragen, Kapuzen, Aufschlägen, Schuhen und Mützen».

Ein bedenklicher Trend, denn «die Mehrheit der Pelze stammt aus Farmhaltung und das ist Tierquälerei pur», so Sandmeier. Und auch die (in Europa übrigens verbotene) Fallenjagd sei eine äusserst brutale Sache. «Der einzige Pelz, der allenfalls tragbar ist, ist Fuchsfell aus inländischer Jagd.» Dessen Anteil am Gesamtmarkt ist allerdings verschwindend klein. Circa 25'000 Rotfüchse wurden 2013 in der Schweiz erlegt. Zum Vergleich: Weltweit werden jedes Jahr schätzungsweise 17 Millionen Füchse für die Pelzproduktion getötet.

Und ein Teil dieser Fuchsfelle wird für Kinderprodukte verarbeitet. Dass es überhaupt Kindermode mit Echtpelz gibt, ist mir erst bewusst, seit ich auf virtuellen Elternflohmärkten herumsurfe. Dort werden regelmässig mit Pelzbesatz verzierte Kinderjacken zum Verkauf angeboten, oft von Luxuslabels wie Jetset. Die empörten Reaktionen bleiben jeweils nicht aus, doch die Voten der Pelzbefürworterinnen sind mindestens so zahlreich. Die Mutter, die ihr Kind ganz bewusst mit Pelz schmückt, weil es darin so süss aussieht, ist also kein Einzelfall. «Ihr esst schliesslich auch Fleisch und tragt Leder!», so die am häufigsten genannten, nicht sehr überzeugend klingenden Argumente der angegriffenen Pelzfans. Meist gefolgt vom Satz, dass das schliesslich jeder für sich selber entscheiden dürfe.

Bloss: Hat sich das Kind dafür entschieden? Hat die Mama ihm erzählt, dass das Füchslein in einem winzigen Gitterkäfig dahinvegetieren musste, bis es (wenn es Glück hatte mit Elektroschock, andernfalls mit einem Knüppelschlag auf den Kopf) getötet wurde? Dass es womöglich gar nicht ganz tot war und nochmals das Bewusstsein erlangt hat, während man ihm das Fell vom Körper gezogen hat? Und hat das Kind danach genickt und gesagt: «Alles klar Mami, ich will die Jacke trotzdem, weil sie mir so gut steht?»

Natürlich nicht. Und vermutlich haben sich auch die Eltern selber diese Gedanken nicht gemacht – wer setzt sich schon freiwillig mit etwas so Grauenhaftem auseinander. Doch sie müssten darüber nachdenken, weil sie als Mütter und Väter nun mal Vorbilder sind und deshalb nicht einfach den Kopf in den Sand stecken und die Wahrheit ignorieren dürfen. Schon gar nicht, wenn man ihnen die Informationen direkt vor die Nase hält: Seit einem Jahr müssen Pelze in der Schweiz nämlich deklariert werden – es steht also in jeder Jacke drin, um welche Pelzart es sich handelt und wie diese hergestellt wurde.

Ich befürchte ja, dass wahre Pelzliebhaber nur ein müdes Lächeln übrig haben für dieses Argument. Aber vielleicht ändern sie ihre Einstellung irgendwann doch noch. Dann zum Beispiel, wenn ihr Kind in die Schule kommt und dort wegen seiner Jacke «Tierliquäler» geschimpft wird. Und selber keine Ahnung hat, was es denn eigentlich Böses getan haben soll.

Unter FurFreeRetailer finden Sie eine Liste aller Anbieter, die sich verpflichtet haben, auf Echtpelz zu verzichten.

Zum Stillen hopp, ab unter die Decke!

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 12. Dezember 2014

Ein Gastbeitrag von Peter Nonnenmacher*

Was wäre, wenn in Grossbritannien die Unabhängigkeitspartei Ukip das Sagen hätte? Das fragt man sich neuerdings nachdenklich in der britischen Nationalgalerie. Müsste «Die Jungfrau und das Kind vorm Feuerschirm» in Raum 56 dann mit einem speziellen Tuch abgedeckt werden? Oder wäre das Bild eines Schülers Robert Campins aus dem 15. Jahrhundert von seinem prominenten Platz in der flämischen Abteilung in eine dunkle Museumsecke zu verbannen – damit es niemandem zum Ärgernis werden kann?

Die Frage ist jetzt aufgekommen, nachdem der Ukip-Vorsitzende Nigel Farage Müttern mit Säuglingen in England riet, sich beim Stillen in öffentlichen Räumen «nicht zur Schau zu stellen». Stillende Mütter könnten sich ja «vielleicht irgendwo in eine Ecke setzen», um nicht aufzufallen, meinte Farage.

Die Feuerschirm-Madonna in der Nationalgalerie macht jedenfalls keine Anstalten, sich verschämt von ihrer Leinwand zu stehlen. Sie sitzt mitten drin in ihrem Bild und hält Stillen offenkundig für eine elementare Form der Liebe: Also bietet sie ihrem Kind auf ebenso selbstverständliche wie unbefangene Weise die Brust.

Dass nun mit einem Mal im vorweihnachtlichen London von alten Meistern, stillenden Jungfrauen und der «Milchpolizei» die Rede ist, hat seine Gründe. Vor ein paar Tagen war die 35-jährige Louise Burns mit Schwester, Mutter und drei Monate alter Tochter Isadora im Londoner Luxushotel Claridge’s zum Afternoon Tea zu Gast.

Als Isadora Hunger vermeldete, schob sich Louise Burns das Baby ohne viel Aufsehen unter den Pullover. Aber kaum tat sie das, schritt auch schon einer der Kellner ein und erklärte ihr, mehr Diskretion sei vonnöten. Der Bedienstete reichte Burns eine grosse, blütenweisse Stoffserviette, mit der sie Baby und Brust verhüllen musste. Daraufhin tweetete die Gescholtene zwei Bilder von sich und Isadora (mit und ohne Tuch) in die Welt hinaus.

Die Folge war abzusehen: Massenhaftes Echo, zornige Mütter, leidenschaftliche Zeitungs-Kommentare. Selbst Premierminister David Cameron versicherte eilends, dass Stillen «vollkommen natürlich» sei. Nur eben Nigel Farage beharrte darauf, gewissen Leuten sei der Anblick stillender Mütter «peinlich». Darauf müsse eine Geschäftsführung Rücksicht nehmen. Ein paar Kommentatoren (und Kommentatorinnen) gaben ihm recht.

Prompt versammelten sich vierzig Mütter mit ihren Säuglingen vor dem Portal des Fünf-Sterne-Hotels, in eisiger Kälte, zum gemeinsamen «Breastfeeding». Die Initiatorin des Protests, Emily Slough, rief zu entschlossenem Widerstand gegen «das Stigma» auf. Slough hatte die Gruppe «Free to Feed» im März dieses Jahres gegründet, als sie wegen Stillens in der Öffentlichkeit als «Tramp» beschimpft worden war.

Und seither ist die Debatte zu diesem Thema nicht mehr abgeklungen. Absurd mutet Kritiker der Serviettenpraxis dabei vor allem an, dass ein Körperteil, an dessen Entblössung Boulevardpresse und Werbung in London Tag für Tag so hart arbeiten, ausgerechnet dann visueller Zensur unterliegen soll, wenn er seine ursprüngliche, seine biologische Funktion erfüllt.

Andere sehen nicht bloss frauenfeindliche, sondern von Grund auf antihumane Haltungen am Werk, bei Claridge’s Abschirmungsbemühungen. Was muss nur, will zum Beispiel die Kolumnistin Deborah Orr wissen, in den Köpfen von Leuten geschehen sein, denen der simpelste Akt menschlicher Fürsorge, für den sie als Säuglinge noch dankbar waren, nun als Erwachsene plötzlich peinlich geworden ist?

Ähnlich sieht es der Kunstkritiker Jonathan Jones, der die stillenden Madonnen aus dem alten Europa ins Feld geführt hat und über Ukips antikontinentale Instinkte spottet. In der Nationalgalerie hat es jedenfalls niemand eilig, das schöne flämische Feuerschirm-Gemälde aus dem Verkehr zu ziehen.

Stattdessen geistern durch die britische Web-Welt nun allerlei satirische Vorschläge, Nigel Farage bei Restaurantbesuchen doch bitte in eine Ecke zu komplimentieren und ihm ein Tischtuch überzuziehen – damit niemand an ihm und seinen Ideen Anstoss nehmen muss...

nonnenmacher_150*Peter Nonnenmacher ist Korrespondent in London. Er wohnt an der Themse, mit Frau, Kindern und zwei schwarzen Katzen. 


Blogs

Zum Runden Leder 18. Dezember – Herr Rrr

Outdoor Schneller, besser, günstiger – nein danke?

Meistgelesen in der Rubrik Blogs

Werbung

Ausgang? Agenda!

Kino. Musik. Kunst. Bühne. Literatur. Feste. Und was sonst noch so läuft in der Region.

Publireportage

BLS-Tageskarte

Jeden Tag nur 200 Stück: Sichern Sie sich Ihre BLS-Tageskarte für Ausflüge mit Bahn, Bus und Schiff durch die halbe Schweiz.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Vergleichsdienst

Günstiger in die Ferien!

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Werbung

Politisch interessiert?

Diskutieren Sie mit. Wir lesen uns im Blog - auf Deutsch oder Französisch.

Vergleichsdienst

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.