Mamablog-Redaktion am Freitag den 3. September 2010

Alleinerziehend und glücklich

Eine Carte Blanche von Mamablog-Leserin Sharon Teitler

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Die alleinerziehende Mutter und Schauspielerin Salma Hayek.

Vom Vater meines Sohnes hatte ich mich bereits getrennt, als ich bei meinem Frauenarzt den Schwangerschaftstest machte. Zwar war er beim ersten Ultraschall dabei, doch hatten wir unsere Beziehung sechs Wochen vor dem Tag der Offenbarung bereits beendet.

Mein Sohn ist inzwischen 21 Monate alt, ich bin alleinerziehend und – zufrieden!

Immer wieder begegne ich Menschen, welche dies für äusserst seltsam halten. Warum, weiss ich nicht so recht. Natürlich ist es anstrengend, nächtelang aufzubleiben, weil das Kind krank ist. Und wenn es dann wieder gesund ist und zur Krippe geht, sitzt man müde am Arbeitsplatz. Doch sind nicht alle, die arbeiten und Kinder haben, immer müde? Und die, die nicht arbeiten, scheinen sich bei mir genau so oft über Müdigkeit zu beklagen. Wenn nicht öfter. Spielt es da eine Rolle, ob man alleine oder zu zweit im Haushalt ist?

Oft höre ich von meinen Freundinnen, dass die Väter in der Nacht nicht aufstehen, wenn das Kind erwacht. Und dass die Väter meist gar nichts mehr im Haushalt machen, vor allem wenn man sich als Doppelverdienende eine Putzfrau leisten kann. Und da wären wir auch schon beim Thema Geld:  Im Unterschied zu Paaren steht man als alleinerziehender Elternteil finanziell tatsächlich nicht besonders gut da, das stimmt. Aber dafür gibt es ganz andere Vorteile.  Ich persönlich kann für mich folgende Punkte erkennen:

1. Gebe ich das Kind den Grosseltern oder sonstigen Betreuungspersonen ab, entscheide ich alleine, was ich mit meiner kindfreien Zeit unternehmen möchte: Ich gehe ins Kino, treffe mich mit Freunden, mache Sport. Welchen Film ich schauen möchte, muss ich mit niemandem absprechen. Auch nicht, wo ich was esse in dieser Zeit. Ob ich überhaupt was unternehme oder einfach zu Hause koche und eine DVD schaue, bestimme ich alleine. Natürlich auch, was ich koche. Und welche DVD ich mir anschaue.

2. Ich bin die Erziehungsberechtigte. Ein neuer Partner kann nichts anderes als lieb sein zu meinem Kind, um zu zeigen, dass er mich gerne hat. Verwöhnen ist also erlaubt, erziehen aber nicht wirklich. Ich bin die Chefin im Haus, wenn es um die Erziehung meines Kindes geht. Nur ich darf Regeln aufstellen und diese auch brechen, wenn ich es möchte. Ich bin froh, dass ich nicht immer alles absprechen muss, ich kann es so machen, wie ich es für richtig halte. Tipps sind manchmal willkommen, manchmal auch nicht. Bestimmen tue ich auf alle Fälle alleine. Das ist angenehm und erspart mir viele Diskussionen. Meistens bin ich dann zufrieden mit meinen Entscheidungen und kann mit gutem Gewissen schlafen gehen.

3. Ich habe viel sogenannte «Quality Time» mit meinem Sohn. Oft unternehme ich mit ihm bewusst Sachen alleine. Wir fahren zum Beispiel Fahrrad, er sitzt im fixmontierten Kindersitz, auf dem Kopf den blauen Helm und ich zeige ihm, verschiedene Gebäude, Orte und Strassen, welche mein Leben geprägt haben. Mir ist klar, dass er noch nicht versteht, was ich ihm zeige und erkläre, doch eines Tages wird er verstehen, dass ich ihm eines meiner Lieblingsrestaurants im Quartier zeige, wenn auch nur von aussen oder wo ich zur Schule gegangen bin. Ich habe das Gefühl, dadurch eine speziell innige Beziehung zu meinem Sohn zu haben, welche mich unglaublich glücklich macht. Unsere Zeit zu Zweit ist wunderbar, da sind dann einfach nur er und ich. Und der Rest der Welt ist um uns herum, als wären wir in einer «Mami-Sohn-Seifenblase».

Als alleinerziehende Mutter habe ich oft das Gefühl, die Leute empfinden mir gegenüber eine Mischung aus Respekt und Mitleid. Die Wahrheit ist aber, dass es vor allem Mut gebraucht hat, mich für das Kind zu entscheiden – mit dem Wissen, dass ich eine alleinerziehende Mutter werde. Ich bin wirklich stolz auf mich – und wie gesagt:  zufrieden!

Darf man das sagen?

Die Mamablog-Redaktion dankt Sharon Teitler.

Schreiben Sie mit! Schreiben Sie eine Carte Blanche! Stellen Sie Ihre Themen, Beobachtungen, Erfahrungen hier zur Diskussion! Die Redaktion wird die Texte sichten, auswählen und publizieren.

Texte ( zwischen 1800-2500 Zeichen) an mamablog@newsnetz.ch

Michèle Binswanger am Donnerstag den 2. September 2010

Sextherapie

Und nun zu etwas ganz anderem. Ich muss schliesslich auch mal entspannen. Und deshalb reden wir heute über etwas Einfaches: Sex. Morgen und übermorgen auch. Von nun an jeden Tag, ein ganzes Jahr lang. Das ist Ihnen zu viel? Keine Angst, war bloss ein Scherz – wir sind schliesslich nicht verheiratet. Beschränken wir das Sexthema vorerst auf heute. Dafür wollen wir über täglichen Sex sprechen. Im Elternschlafzimmer. Mit dem langjährigen Partner. Sie sind dabei? Dann los.

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Womöglich sollten wir uns ein Vorbild an ihnen nehmen: Charla und Brad Muller.

Zunächst die Sachlage: Sex ist in den meisten Beziehungen, zumindest zu Anfang, eines der Haupttriebwerke. Im Taumel der frühen Elternjahre gibt es dann oft stotternd und spuckend den Geist auf. Und wird es erst mal in die Garage gestellt. Da setzt es dann Staub an. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Frauen müssen ihren Körper nach einer Geburt neu sortieren, die Männer sind verunsichert. Aber ohne Triebwerk geraten die meisten Beziehungen mit der Zeit in Schieflage. Obschon naheliegend, ist es allerdings gar nicht so einfach, das Ding da wieder rauszuholen und in Gang zu kriegen. Denn erstens hat man schliesslich genug anderes zu tun und zweitens ist es den meisten peinlich, über ihre Bedürfnisse zu reden. Oder darüber, dass man momentan eben keine hat.

Aber auch dafür gibt es eine Lösung. Nämlich nicht darüber zu reden, sondern es einfach zu tun. Jeden Tag. So jedenfalls machte es Annie Brown. Sie offerierte ihrem Mann Douglas zum vierzigsten Geburtstag ein spezielles Geschenk: Täglich Sex, 101 Tage lang. Andere durchqueren zu Fuss die Wüste Gobi. Die Browns verlegten sich auf Ausdauersport im Ehebett. Das Experiment war eindrücklich genug, dass Annie Brown es schliesslich zu einem Buch verarbeitete. Titel:«Just do it».

Ein ähnliches Experiment machten Charla und Brad Muller, die ein Jahr lang täglich Sex hatten – und ebenfalls ein Buch darüber schrieben. Natürlich haben die beiden etwas ganz anderes erlebt, aber das Fazit bleibt dasselbe: Die Beziehung profitierte auf er ganzen Linie von der Sextherapie.

Es mag nicht jedermanns Sache sein, einen Sexvertrag mit seinem Partner abzuschliessen, und der Gedanke, seinen Trieb einem Stundenplan unterzuordnen, ist nicht sonderlich romantisch. Viele Paare gehen davon aus, dass sie sich erst grundsätzlich wieder näher kommen müssten, dann würde sich das Sexualleben schon von selber einstellen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es auch umgekehrt funktioniert. Vielleicht nicht für jedermann. Aber viele Paare würden staunen, wie viel in Bewegung kommen kann, wenn man sich Sex verordnet. So wie man sich Sport verordnet. Um dann plötzlich zu merken, dass man es richtig braucht. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Studie des National Opinion Research Center Chicago. Paare mit regem Sexleben schätzen ihre Partnerschaft als glücklicher ein als ihre sexfaulen Kolleginnen und Kollegen, so sagt der Leiter der Studie, Tom W. Smith. Zwar sei nicht klar, ob glückliche Paare einfach mehr Lust hätten oder ob häufiger Verkehr die Paare glücklicher mache. Wahrscheinlich spielten beide Faktoren eine Rolle.

Was ich persönlich dazu sagen kann: Mehr Sex bedeutet grössere physische Nähe. Das führt automatisch zu einem intimeren emotionalen und geistigen Verhältnis. Und wer das pflegt, ist auch eher daran interessiert, Konflikte und Streitigkeit gütlich aufzulösen und schnell aus der Welt zu schaffen. Ausserdem macht es einfach Spass, wenn das potenteste Triebwerk wieder einwandfrei funktioniert. Oder was meinen Sie? Können Sie sich eine Sextherapie vorstellen?

Michèle Binswanger am Dienstag den 31. August 2010

Mehr Gattin, weniger Mutter

Streitbare Feministin: Elisabeth Badinter.

Streitbare Feministin: Elisabeth Badinter.

Im April war Elisbeth Badinters Buch «Le Conflit, la Femme et La Mère» Thema hier im Blog. Vergangenen Sonntag nun erläuterte die französische Feministin ihre Thesen im Interview mit der «SonntagsZeitung» etwas detaillierter. Wie schon im Buch kritisiert sie im Gespräch Still-Zwang und Öko-Windeln, sowie die Überbewertung der Mutter-Kind-Bindung, den gesellschaftlichen Druck auf Frauen, in der Mutterrolle die Rolle ihres Lebens zu sehen. Ganz allgemein ortet Badinter im «Zurück zur Natur»-Trend, der gerade in der Schweiz und Deutschland sein Unwesen treibe, eine reaktionäre Ideologie. Und diese gefährde die Errungenschaften des Feminismus und die Freiheit moderner Frauen.

So weit, so kontrovers. Im Interview nimmt Badinter kämpferisch die Position der Feministin ein, die für die Freiheit moderner Frauen streitet. Dabei entblösst sie aber auch die Schwachstellen ihrer Argumentation. Hinter dem gesellschaftlichen Druck auf die Frauen sieht Badinter nicht die düstere Macht des Patriarchats am Werk, sondern die Frauen selbst. Das ist richtig. Es ist wohl mehrheitlich der stärkeren sozialen, politischen und ökonomischen Position der Frauen zu verdanken, dass wir uns heute mehr Gedanken über Ökologie und Nachhaltigkeit machen und bewusster konsumieren. Badinter argumentiert nun, dass die grün gefärbte Geisteshaltung auch zur Mystifizierung der Mutterrolle geführt habe – ein Zusammenhang, den man anzweifeln darf. Der eigentliche Punkt ist aber der: Wenn niemand die Frauen an den Herd zwingt, sondern sie sich aus freien Stücken dafür entscheiden, kann man ihnen zwar unterstellen, dass sie der falschen Ideologie folgen. Aber will man die Frauen nun einfach mit einer anderen Ideologie zu ihrem Glück zwingen?

Und dann frage ich mich auch: Existiert dieser Öko-Druck tatsächlich? Badinter meint, er zeige sich vor allem in der Tendenz, Frauen die pränatale Verantwortung für das werdende Leben zuzuschieben und ihnen bezüglich Geburt und der späteren Aufzucht der Kinder allerlei Öko-Klimbim aufzudrängen. Sie hat insofern recht, als ein gewisser Naturalismus tatsächlich im Trend liegt, wie man so schön sagt – wie so vieles andere auch. Aber knechten uns diese Trends tatsächlich so sehr? Ich habe zwei Kinder geboren und ich wurde nie irgendwo unter Druck gesetzt, weder von Leuten aus dem Gesundheitssystem, noch aus meinem Umfeld oder meiner Familie. Vielleicht reagiere ich nicht besonders empfindlich auf Druck, aber auch wenn ich mich bei befreundeten Müttern umhöre, erzählen die mir keine entsprechenden Gruselgeschichten. Im Gegenteil, es ist eher die Generation der Babyboomer, die zu ihrer Zeit unter unsensiblen Ärzten litt und sich darüber freut, dass man heute alle Möglichkeiten hat, die Geburt so zu gestalten, wie man will. Auch politisch ist es nicht das linksgrüne Öko-Lager, das die Mutter-Kind-Bindung hochstilisiert und erwartet, dass Frauen die Kinder zu Hause betreuen. Solche Forderungen kommen nach wie vor aus dem rechtsbürgerlichen Lager. Bislang wurde ich auch nur von Männern als Feminazi beschimpft.

Im Visier: Badinter kritisiert unter anderem den Öko-Trend und Still-Zwang für Mütter.

Im Visier: Badinter kritisiert unter anderem den Öko-Trend und Still-Zwang für Mütter.

Und welche Ideologie hat nun Badinter als Alternative zum Mütterlichkeits-Trend anzubieten? Die Feministin bemüht dafür das französische Modell von Mutterschaft, das traditionell auf der körperlichen Trennung von Kind und Mutter beruhe. Die Kronzeugin dieser Ideologie ist die weibliche Karriere. Die berühmte, ominöse Karriere, auf die angeblich alle Frauen verzichten, die ihre Kinder nicht vollumfänglich fremd betreuen lassen, hat aber einen Haken – und je grösser die Karriere, desto grösser der Haken. Will man nämlich beruflich in die Spitzenpositionen, fordert dieses Unterfangen etwa ähnlich viel Lebenszeit ein wie ein Kind. Im Gegensatz zum Kind kann man eine Karriere aber nicht fremd betreuen lassen. Es ist möglich, eine Familie zu haben und einem Job nachzugeben, vielleicht auch aufzusteigen, auch wenn es nicht der ganz grosse Karriere-Wurf sein sollte. Der Verzicht auf die Zeit mit den Kindern zugunsten einer Spitzenkarriere scheint dagegen nicht sonderlich attraktiv.

Bleibt noch ein letzter Punkt: Partnerschaft. Für französische Frauen, so Badinter, käme traditionell die Rolle der Gattin noch vor jener der Mutter, ein Erbe aus der Aufklärung, das sich die Französinnen durchs Bürgertum bis in die Gegenwart gerettet hätten. Und hier hat sie einen Punkt. Solange Frauen Kinderhaben als ihre Privatsache und den Mann nur als willigen Vollstreckungsgehilfen sehen, werden sie auch die Verantwortung für das häusliche Leben grösstenteils alleine zu tragen haben. Kinderhaben ist ein Zweierdeal, dies sollte die Basis für jede Familie sein. Und auf dieser Basis, mit all ihren Implikationen, muss über die Aufteilung der Aufgaben verhandelt werden. Und solche Verhandlungen gestalten sich wesentlich einfacher, wenn auch die Liebe zwischen Mann und Frau gepflegt wird (oder welcher Paarung auch immer). Und nicht nur die von der Mutter zum Kind.

Mamablog-Redaktion am Dienstag den 31. August 2010

Schule-Spezial: «Auch ich wollte für meine Kinder das Beste»

Zum Abschluss der Experten-Woche «Schule-Spezial» beantwortet die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli die Fragen der Mamablog-Leserinnen und -Leser.

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«Am stärksten beeinflusst der familiäre Hintergrund den Schulerfolg»: Regine Aeppli. (Bild: Keystone)

Frau Aeppli, haben Sie nicht übertrieben mit den unzähligen Reformen, die Sie eingeleitet haben? Kinder seien „unschuldige Versuchskaninchen in einem gigantischen Labor namens Schule“, hiess es schon im Mamablog

Regine Aeppli: Die Schule ist für die Kinder da und die Kinder stehen im Zentrum der Schule. Unsere Lehrpersonen machen einen sehr engagierten Unterricht, was ich auf Schulbesuchen immer wieder feststellen kann. Den Vergleich mit Versuchskaninchen im Labor weise ich in aller Form zurück. Die Erneuerung der Volksschule entspricht dem Willen einer Mehrheit der Bevölkerung: Das neue Volksschulgesetz von 2005 wurde von gut 70 Prozent der Stimmberechtigten angenommen. Der Grundgedanke dahinter ist ein einfacher: Die Schule kann nicht stehen bleiben, wenn sich die Gesellschaft verändert. Neue Bedürfnisse kristallisieren sich heraus, etwa durch die vermehrte Berufstätigkeit der Frauen, worauf neue Antworten gefunden werden müssen, beispielsweise mit Blockzeiten und einer guten ausserschulischen Betreuung. Richtig ist, dass Schulen und Lehrpersonen durch den Wandel der letzten Jahre stark gefordert waren.

Haben die Lehrerinnen und Lehrer heute zu wenig Kompetenzen, um Störenfriede unbürokratisch und schnell aus dem Unterricht zu entfernen?

Wegweisungen dürfen nicht locker angeordnet werden, und das machen unsere Lehrpersonen auch nicht. Treten Probleme auf, spricht die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer mit dem Schüler und seinen Eltern.  Es können ja auch Probleme sein, die sich wieder legen, etwa familiäre Spannungen. In ernsten Fällen kann die Schulpflege Kinder und Jugendliche bis zu vier Wochen vom obligatorischen Unterricht wegweisen. Während dieser Zeit sind die Eltern allein für ihr Kind verantwortlich. Handlungsbedarf sehe ich auf der Sekundarstufe: Hier sollte für «schulmüde» Leistungsverweigerer die Möglichkeit eines längeren Time-outs geschaffen werden. Der Jugendliche soll statt zur Schule zu gehen, einen Arbeitseinsatz leisten. Vielleicht erkennt er dann auch den Wert und die Vorteile der Schule wieder. Eine entsprechende Gesetzesvorlage ist in Vorbereitung.

Wie kann die schulische Chancengleichheit verbessert werden? Quartier/Wohnort/Soziale Schicht sind in der Schweiz immer noch entscheidend für den Schulerfolg

Am stärksten beeinflusst der familiäre Hintergrund den Schulerfolg, Quartier oder Wohnort sind weniger entscheidend. Kinder aus bildungsfernen Schichten sind schulisch im Nachteil. Dies konnten wir trotz zusätzlicher Mittel für Schulen mit schwieriger sozialer Zusammensetzung und trotz des hohen Engagements der Lehrpersonen nur leicht verbessern. Schon vor dem Schuleintritt sind grosse Unterschiede feststellbar. Ich verspreche mir deshalb einiges von einer gezielten Förderung vor dem Eintritt in die Schule.

Warum ist die Maturitätsquote in anderen Kantonen höher als in Zürich? Und was wird gegen diese kantonale Form von Chancenungleichheit unternommen?

Die  Leistungen der Zürcher Maturandinnen und Maturanden liegen im Schweizer Durchschnitt. Mit einer Erhöhung der Quote bestände die Gefahr, unter den Durchschnitt zu fallen. Das würde der Forderung der Hochschulen nach einer Aufnahmeprüfung Auftrieb geben. Die Mittelschulen würden dadurch abgewertet. Ich sehe keine Notwendigkeit zur Erhöhung der Maturitätsquote. Im Übrigen wurde unser Bildungssystem mit der Schaffung der Berufsmatura und den Fachhochschulen auf sinnvolle Weise ergänzt. Es gibt nun zwei Wege zum Hochschulstudium – via Gymnasium und via Berufsmatura. Zudem herrscht viel mehr Durchlässigkeit als früher. Niemand ist mehr gestraft, wenn es am Ende der 6. Klasse nicht für den Übertritt ins Gymnasium reicht. Das ist ein Riesenfortschritt!

Allan Guggenbühl erwähnt (im Mamablog) eine Untersuchung des Kantons Zürich, die aufzeigt, dass Jungs, obwohl von der Intelligenz her geeignet, schlechtere Chancen haben ins Gymi zu kommen. Warum wurde diese Studie schubladisiert?

Mir ist es ein Anliegen, dass der gymnasiale Weg auch für Buben attraktiv ist. Es ist aber eine Tatsache, dass viele junge Männer den praxisbezogenen Weg über Berufsmaturität und Fachhochschule bevorzugen. Im Übrigen: Wir schubladisieren keine Studien. Wenn Herr Guggenbühl solche Vorwürfe erhebt, soll er konkret werden und uns sagen, welche Erkenntnisse wir unterschlagen. Ich teile seine Meinung, dass an der Schule – wie er schreibt –  auch «bübisches Verhalten» möglich sein soll wie «witzeln, provozieren oder prahlen». Nur weiss ich, dass Mädchen auch witzig sind und gerne bluffen. Ich bin aber froh, wenn Herr Guggenbühl mehr männliche Lehrpersonen für den Lehrberuf motiviert.

Warum wird der IQ Test bei der Gymiprüfung wieder abgeschafft?

Der Test für die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten (AKF-Test) wurde an den Zürcher Gymnasien nur versuchsweise eingeführt, d.h. er zählte nie für die Aufnahmeprüfung. Er wurde erprobt, um Jugendlichen aus bildungsfernen Familien einen besseren Zugang ans Gymnasium zu ermöglichen. Es hat sich gezeigt, dass er keine zusätzlichen Erkenntnisse lieferte. Der Aufwand für diesen Test bei Tausenden von Schülerinnen und Schülern lohnt sich deshalb nicht.

Gemäss Largo beträgt der Entwicklungsverzug der Jungs im Alter von 12 Jahren im Schnitt 1,5 Jahre. Warum wird dann nicht ermöglicht, dass Jungs später in die Oberstufe selektioniert werden?

Die unterschiedliche Entwicklung von Mädchen und Knaben, die Professor Largo erwähnt, betrifft nicht alle Faktoren, welche für den Schulerfolg massgebend sind. So erreichen beispielsweise Knaben gleich gute Ergebnisse in Mathematik wie die Mädchen. Man sollte die Frage, wann ein Kind für eine bestimmte Schulstufe reif ist, nicht nach dem Geschlecht beurteilen, sondern aufgrund des individuellen Entwicklungsstandes. Die Gymiprüfung kann man am Ende der Primarschule machen. Wer dann noch nicht parat dafür ist, hat am Ende der 2. oder 3. Sek nochmals die Möglichkeit dazu. Ich bin sehr für individuelle Schullaufbahnentscheide: Ich bin darum auch für altersdurchmischtes Lernen, wie es immer mehr Schulen praktizieren. Dies ist übrigens auch die grosse Stärke der Grundstufe, welche die beiden Kindergartenjahre und die 1. Klasse umfasst.

Ist die Koedukation an ihre Grenzen gestossen? Müsste man vielleicht den geschlechtergetrennten Unterricht wieder ins Auge fassen? Zumindest in einigen Fächern?

Die Koedukation hat sich insgesamt bewährt. Hingegen kann es sinnvoll sein, für einzelne Unterrichtsinhalte oder einzelne Sequenzen eine Klasse nach Geschlechtern aufzuteilen. Das ist in der Freiheit der Lehrpersonen.

Oberstufenlehrer kritisieren die mangelnden Resultate des Frühenglisch. Gibt es Erhebungen, was die Einführung von Fremdsprachen in der Primarschule gebracht hat? Und was dabei verloren ging, etwa an Deutschkompetenz?

Im Rahmen des Schulversuchs 21, in dem Englisch ab der 1. Klasse erprobt wurde, fanden Evaluationen statt. Sie zeigten, dass frühes Erlernen einer Fremdsprache nicht auf Kosten der Deutschkompetenz geht. Jede Auseinandersetzung mit Sprache – Muttersprache oder Fremdsprache – fördert das Sprachbewusstsein. Zudem bekomme ich immer wieder Rückmeldungen, die mir zeigen, dass viele Kinder mit grossem Einsatz Englisch lernen. Plötzlich verstehen sie einzelne Sätze in einem Song von Lady Gaga oder sie können in London selbstständig nach dem Weg zum Big Ben fragen.

Wie kann die Schule als Arbeitgeber für Männer wieder attraktiver werden? Welche konkreten Massnahmen wurden in der Bildungsdirektorenkonferenz bereits diskutiert?

Ich möchte attraktive Arbeitsbedingungen für männliche und weibliche Lehrkräfte. Darum hat der Regierungsrat kürzlich eine Lohnrevision beschlossen, mit welcher die Einstiegslöhne um 10′000 Franken pro Jahr angehoben und der Lohnanstieg bei guten Leistungen gesichert wird. Ausserdem sind wir derzeit daran, mit allen Akteuren im Schulfeld zu eruieren, was sich verändern muss, um den Beruf wieder attraktiver zu machen. Interessant ist übrigens, dass sich für die geplante Ausbildung für Quereinsteiger viele Männer gemeldet haben, mehr als für den  ordentlichen Ausbildungsgang.

Wie realistisch ist eine Lehrer-Quote von 50 Prozent an Primarschulen?

Wir können niemanden zwingen, einen bestimmten Beruf zu ergreifen. Aber es wäre schön, wenn sich wieder mehr Männer für diesen Beruf entscheiden würden. Kinder brauchen weibliche und männliche Vorbilder.

Was halten Sie von der freien Schulwahl?  Sie haben ja eines Ihrer Kinder in eine Privatschule geschickt.

Ich bin nicht gegen Privatschulen, aber ich bin dagegen, dass der Staat sie finanzieren muss. Das ginge zwangsläufig zulasten der Volksschule, denn das Geld vermehrt sich bekanntlich nicht. Die Volksschule ist heute  noch der einzige Ort, wo Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Nationalität, ihrer Konfession und ihrer sozialen Schicht zusammenkommen. Die integrative Kraft der Volksschule ist etwas Einmaliges und Wertvolles, das nicht aufgegeben werden darf. Meine beiden Kinder besuchten die öffentlichen Schulen vom Kindergarten bis zum Schulende. Mein Sohn war während zwei Jahren in der Sek an einer Privatschule.

Gibt es die Volksschule in hundert Jahren noch?

Das hoffe ich und dafür setze ich mich ein. Allerdings kann eine Institution, die auf das Verbindende setzt, vor lauter Einzelwünschen auch zusammenbrechen. Die Volksschule kann nicht jedes gesellschaftliche Problem lösen, sie kann nicht für jedes Kind immer das absolut massgeschneiderte pädagogische Angebot machen, das schnurstracks ins Gymnasium führt. Natürlich sind viele Erwartungen auch berechtigt. Auch ich wollte und will für meine Kinder das Beste. Aber bitte vergessen wir den Blick auf das Ganze nicht. Es wird die Volksschule in hundert Jahren nur dann noch geben, wenn wir ihr Sorge tragen.

mamablog-AeppliRegine Aeppli, SP, ist seit 2003 Regierungsrätin und Bildungsdirektorin des Kantons Zürich. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Mamablog-Redaktion am Sonntag den 29. August 2010

Schule-Spezial: Das verflixte 6. Schuljahr

Der sechste Beitrag der Expertenwoche «Schule-Spezial» stammt aus der Feder von Andrea Schafroth. Die Autorin des Erziehungsratgebers «Cool down» wendet sich gegen die Selektionshysterie beim Übertritt in die Gymnasialstufe.

SCHWEIZ MISS SCHWEIZ 2008

Das Gymnasium als Mass aller Dinge: Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Yverdon im Jahr 2008, unter ihnen die damals gerade zur Miss Schweiz gewählte Whitney Toyloy – sie machte ihre Matura infolge des freudigen Ereignisses ein Jahr später. (Bild: Keystone)

Nach den Sommerferien dreht sich jeweils alles um den ersten Schultag der Erstklässler – fünf Jahre danach hat der Ernst des Schullebens die Eltern eingeholt – und mit ihnen deren Kinder. Dann nämlich steht in der sechsten Klasse der erste Entscheid über die weitere schulische Laufbahn des Kindes an, es geht um die harte Währung Selektion: Reicht es in die Sekundarschule, in Stufe A oder B oder, wo es eins gibt, aufs Frühgymnasium? Geld, Einfluss, Einsatz: Alle möglichen Hebel werden nun in Bewegung gesetzt, um das Optimum, sprich die höchst mögliche Stufe, für das Kind herauszuholen.

Die Cleveren beginnen schon in der fünften Klasse, schliesslich zählt dann das Zeugnis oft bereits für die Einstufungsempfehlung oder die Erfahrungsnote, mit der das Kind dereinst an die Gymiprüfung muss. Dank gut getimtem Nachhilfeunterricht vermag manch ein hoch geschossener Leon, eine weiblich gewordene Laura seinen oder ihren Mathischnitt im zweiten Semester der fünften Klasse wundersam um eine ganze Note zu steigern. Ein anderer Trick: Vor dem Übertrittsjahr wechselt das Kind kurzerhand an eine Privatschule, an der Empfehlungen leichter zu bekommen sein sollen. Jene Eltern, die über weniger Raffinesse und Geld verfügen, behelfen sich mit Reklamieren und Feilschen – um ungerechte Noten, schlechte Unterrichtsmethoden und falsche Einschätzungen. Kein Wunder unterrichten junge Primarlehrer oft um einiges lieber an der Unterstufe als sich die Eltern der Fünft- und Sechstklässler anzutun.

Es ist aber auch kein Wunder, dass der Smalltalk unter Eltern im sechsten Schuljahr definitiv von den Pausenplatzquerelen auf Prüfungsvorbereitungskurse oder die Orthographie-Defizite der eigenen Kinder schwenkt. Denn sogar die überzeugtesten Kindheitsnostalgiker und unbekümmerten Seelen unter den Eltern können sich der Selektionshysterie kaum entziehen. Von allen Seiten werden sie mit der Frage bombardiert, was sie in diesem entscheidenden Jahr im Interesse ihres Kindes zu unternehmen gedenken, und mit freudig mitleidiger Miene werden sie gewarnt vor dem verflixten sechsten Stressschuljahr. Ausserdem hängen in Zürichs Trams bereits vor Beginn dieses Schuljahres Werbeplakate der Vorbereitungskurse für die «Gymiprüfung 2011» (die ersten von ihnen sind am ersten Schultag bereits ausgebucht). Es handelt sich dabei ja auch nicht um irgendwelche Kürslein, sondern um «drei aufbauende Kursteile», die sich «schulbegleitend» oder in den Ferien über ein halbes Jahr erstrecken und die insgesamt mit Frühbucherrabatt 1270 (statt 1550) Franken kosten.

Vergleichsweise spät folgen die offiziellen Informationsabende zum Übertritt von Schulbehörden und Klassenlehrerin. Und in Zürichs Buchhandlungen werden an zentraler Lage stapelweise Ratgeber und Übungsbücher für die Prüfungsvorbereitungen platziert. «Ich will ans Gymi» heisst der absolute Bestseller eines pensionierten Lehrers, der ganz genau weiss, welche neuen Hürden die Kantonsschulen aushecken angesichts der immer besser gewappneten Eltern und Kinder – und der darum drohenden höheren Erfolgsquote an der Prüfung.

Noch nie fürchteten Eltern mehr, die schulischen Weichen ihrer Kinder könnten falsch gestellt werden. Obwohl gleichzeitig die Möglichkeiten, diese Weichen auch später und andersrum richtig zu stellen nie zuvor so vielfältig waren: Berufsmatur, Passerelle, Fachhochschulen, Weiterbildungs- und Umschulungsangebote… Doch bedenklich am Theater ums sechste Schuljahr ist nicht nur, dass es eigentlich nicht nötig wäre, sondern auch, wie seine Auswirkungen die soziale Schere dokumentieren: In Zürich schaffen in einem Quartier mit hohem Ausländeranteil 1 bis 3 Schüler pro Klasse die Gymiprüfungen, in anderen Quartier mit vorwiegend bildungsnahen Eltern sind es 20 (von 25). Ob diesen 20 mit ihrem Erfolg auch wirklich wohl wird, scheint eine naiv-nostalgische Frage zu sein, die zum ersten Schultag, aber nicht zum sechsten Schuljahr passt. Ebenso wenig steht zur Debatte, wie es bei alledem um die Chancen der 20 Nichtgymnasiasten mit «bildungsfernen» Eltern aus der anderen Klasse steht.

MAMABLOG-SCHAFTROTH-150-01Andrea Schafroth ist Journalistin und Co-Geschäftsführerin eines Büros für Journalismus und Design. Sie lebt in Zürich, ist Mutter von drei Kindern im Alter von 3, 7 und 14 Jahren. Vor kurzem ist ihr Buch «Cool down – Wider den Erziehungswahn» erschienen, das sie mit dem Psychoanalytiker Peter Schneider geschrieben hat.

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 26. August 2010

Schule-Spezial: «Unserem Land in unseren Schulzimmern dienen»

Im fünften Beitrag der Expertenwoche «Schule-Spezial» fordert der oberste Schweizer Lehrer Beat W. Zemp, endlich aktiv gegen den Lehrermangel vorzugehen. Er nimmt Politik und Eltern in die Pflicht, die sich gemeinsam bemühen sollten, den Lehrerberuf aufzuwerten.

MAMABLOG-Hilary-Swank

Diese so sympathische Frau Lehrerin, der das Wort Burnout so fremd ist wie Berufsverdrossenheit, unterrichtet leider nicht in einem hiesigen Schulzimmer. Sie entstammt vielmehr einem Produkt der Filmfabrik Hollywood (Hilary Swank in «Freedom Writers», 2007)

Lange, zu lange, hat es gedauert, bis die Politik die Warnungen der Lehrerverbände endlich ernst genommen hat und etwas gegen den Lehrermangel tun will. Dabei sind die Ursachen für den heutigen Lehrermangel seit längerem bekannt. Waren 1998 erst 20 Prozent der Schweizer Lehrerschaft älter als 50 Jahre, so sind es heute bereits 35 Prozent. Bis 2020 werden gegen 30′000 Lehrpersonen pensioniert. Das Bundesamt für Statistik rechnet zudem ab 2014 mit einem weiteren Anstieg der Schülerzahlen auf der Primarschulstufe. Zwar gab es Lehrermangel und Lehrerüberfluss je nach Konjunkturlage schon immer. Aber diesmal haben wir es wegen der kommenden Pensionierungswelle nicht mit einem konjunkturellen sondern mit einem strukturellen Lehrermangel zu tun.

Einfach auf den Markt zu hoffen, der das Problem von Angebot und Nachfrage schon irgendwie lösen wird, wäre nicht nur naiv, sondern fahrlässig. Die Bundesverfassung garantiert in Artikel 62 allen Eltern, dass ihre Kinder einen ausreichenden Schulunterricht erhalten. Gefordert sind daher in erster Linie die Kantone, die für die allgemeinbildenden Schulen zuständig sind.

Für einmal sind sich Lehrerverbände, Bildungspolitiker, Schulleitungen und Elternorganisationen einig: Die Attraktivität des Lehrerberufs muss erhöht werden. Wo aber soll man ansetzen? Eine Salärvergleichsstudie hat gezeigt, dass vor allem die Einstiegslöhne bei den Lehrerberufen nicht mehr konkurrenzfähig sind gegenüber den Löhnen entsprechender Berufe in der Privatwirtschaft. Verbessert werden muss aber auch die Zusammenarbeit mit den Eltern und den schulischen Spezialdiensten, um schwierigen Kindern und Jugendlichen zu helfen, ihren Bildungsweg zu finden. Das geht nur mit genügend Zeit. Daher müssen die viel zu hohen Pflichtpensen reduziert werden, die sich seit 150 Jahren nicht verändert haben. Schliesslich muss auch der Kernauftrag der Schule neu definiert werden. Die Schule kann nicht immer mehr Nacherziehungsaufgaben und gesellschaftliche «Reparaturaufträge» übernehmen.

In seiner ersten bildungspolitischen Grundsatzrede hat US-Präsident Obama seine Landsleute eindringlich dazu aufgerufen, Lehrer zu werden: «Ich appelliere heute an eine neue Generation von Amerikanern, unserem Land in unseren Schulzimmern zu dienen. Wenn Sie einen Unterschied machen möchten im Leben unserer Nation, wenn Sie das Beste aus Ihrer Hingabe und Ihren Talenten machen möchten, wenn Sie sich einen Namen machen möchten mit einem Vermächtnis, das von Dauer ist, dann werden Sie Lehrer. Amerika braucht Sie!» Diesen Appell wünsche ich mir auch von Schweizer Politikern und von Eltern. Doch eine Univox-Umfrage der Universität Genf zeigt ein völlig anderes Bild: Immer mehr Eltern raten nämlich vor allem ihren Söhnen davon ab, den Lehrerberuf zu erlernen, wenn diese vor der Berufswahl stehen. Neun von zehn Befragten glauben zudem, dass der Lehrerberuf in den letzten Jahren schwieriger geworden sei. Es braucht daher auch bei Eltern und bei der Politik ein Umdenken und vor allem mehr Wertschätzung gegenüber dem Lehrerberuf. Nur so werden wir auch in Zukunft wieder genügend gute Lehrpersonen bekommen.

MAMABLOG-BEAT-ZEMPBeat W. Zemp ist Präsident des Dachverbandes der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH)

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 25. August 2010

Schule-Spezial: Künste für alle Klassen

Der vierte Beitrag der Expertenwoche «Schule-Spezial» stammt aus der Feder von André Grieder. Der Leiter des Sektors schule&kultur der Bildungsdirektion des Kantons Zürich findet, dass die heutigen Lehrerinnen und Lehrer in einem schwierigen Umfeld immer wieder Herausragendes leisten – darunter auch die Vermittlung von Kultur.

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Wie sagte schon wieder Cocteau? «Die Poesie ist unentbehrlich, doch ich weiss nicht genau wofür…» (Im Bild: Video-Still aus Roman Signers Arbeit «Projektionen»)

Der weltweit gefragte Künstler Roman Signer zeigt im Zürcher Helmhaus seine Videos und Primarschülerinnen und Primarschüler kommen. Sie staunen über die vergänglichen Skulpturen des schalkhaften Appenzellers. Ein Schüler findet, das sei doch keine Kunst. Kunst sei, was bei ihm zu Hause an der Wand hänge: schön gemalte Gemälde.

Wer ist bloss auf die Idee gekommen, Neunjährige in Signers Ausstellung zu bringen? Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich.

Kinder sollen nicht nur Stöckli rechnen, Selbstlaute von Mitlauten unterscheiden und die Schweizer Alpenpässe auswendig lernen. Sie sollen an der ganzen Welt teilnehmen und die Welt erschliesst sich ihnen herausfordernd, wenn sie Künsten begegnen. Vor allem, wenn diese nicht ihren Vorstellungen entsprechen. Denn bildend ist vor allem der Kontakt mit Werken jenseits des Alltäglichen und Vorhersehbaren.

Der Deutsche Bundestag zog 2007 nach vier Jahren gründlichen Forschens in einem 512-seitigen Bericht das Fazit, dass die Künste angesichts ihrer positiven Wirkung in der Bildung viel stärker vertreten sein müssten. Die Unesco Schweiz hat im Juni 2010 ein Manifest veröffentlicht «für einen quantitativen und qualitativen Sprung in der kulturellen und künstlerischen Bildung im Schweizer Bildungssystems». In Zürich gibt es den Sektor schule&kultur der Bildungsdirektion. Er stellt für Kindergärten bis Berufsschulen ein vielfältiges Kulturangebot zusammen, das europaweit einzigartig ist und dem Unesco-Manifest vorauseilt.

Die Klassen müssen nicht ins Helmhaus zu Signers Videos, aber sie können. Sie können auch in die Tonhalle, ins Schauspiel- oder ins Opernhaus. Sie können mit dem Musiker Doppel-U Schillers Gedichte rappen, in der City Graffitis nachspüren oder Künstlerinnen in ihren Ateliers besuchen. Klar, Begegnungen mit den Künsten sind kein Allerheilmittel, schon gar nicht für Pisa-relevante Bildungsmängel. Oder mit Jean Cocteau gesprochen: «Die Poesie ist unentbehrlich, doch ich weiss nicht genau wofür…» Die Künste dürfen denn auch nicht im Unterricht verschwinden und instrumentalisiert werden für das Erreichen von Lernzielen. Sie sollen  ein Ferment des Unerwarteten und Rätselhaften bleiben, dürfen für die Schülerinnen und Schüler eine andere, mitunter unbequeme Erfahrung sein. Zum Beispiel in Form einer Zeitskulptur Roman Signers. Künste dürfen aber auch Spass machen wie das Filmmusical «The Commitments», der Barde Linard Bardill, Mozarts «Zauberflöte» und andere Angebote der Bildungsdirektion.

Das Bild der Schule ist in den Medien gegenwärtig negativ: Chancenungleichheit, Pisa, Mobbing. Doch das Schulfeld funktioniert. Viele Lehrerinnen und Lehrer leisten in einer sich ständig wandelnden, multikulturellen Gesellschaft Herausragendes. Und dass die Bildungsdirektion des Kantons Zürich den Schulen seit Jahren Künste vermittelt und damit dem Bildungsgesetz genügt, darf auch einmal positiv vermerkt werden. Was hiermit geschehen ist.

MAMABLOG-ANDRE-GRIEDERAndré Grieder leitet den Sektor schule&kultur der Bildungsdirektion des Kantons Zürich (www.schuleundkultur.zh.ch)

Die Sommerferien sind vorbei, auf den Trottoirs tragen ABC-Schützen stolz ihre neuen Theks in die Schule, die Grossen wechseln in die Oberstufe, einige fahren zum ersten Mal mit dem Zug ans Gymi. Jeder hat eigene Erinnerungen an die Schulzeit, gute und schlechte. Die Volksschule geht uns alle an. Nicht zuletzt, weil sie derzeit reformiert und umgebaut wird. Der Mamablog begleitet deshalb den Schulstart mit einer Expertenwoche zur Volksschule. Das Schule-Spezial lässt Lehrer, Künstler, Politikerinnen, Psychologen und Wissenschaftler zu Wort kommen.

Zum Abschluss der Expertenserie wird die Zürcher Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Regine Aeppli Fragen und Diskussionspunkte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blogbeitrag beantworten. Fragen und Anliegen können Sie während der ganzen Woche direkt in einem Kommentar zum jeweiligen Tagesthema mit dem Vermerk @Aeppli formulieren. Die Redaktion wird die Fragen sichten, auswählen und der Regierungsrätin vorlegen.





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