Würden Sie Ihre Kinder an die Expo mitnehmen?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 1. Juli 2015

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Die First Lady erklärt die Welt: Michelle Obama mit Schülern im italienischen Pavillon an der Weltausstellung in Mailand, 18. Juni 2015. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

Die First Lady erklärt die Welt: Michelle Obama mit Schülern im italienischen Pavillon an der Weltausstellung in Mailand, 18. Juni 2015. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

Letzte Woche besuchte ich die Expo 2015 in Mailand. Mit meinen Bürokollegen, nicht mit der Familie. Deshalb kann ich hier keinen Erfahrungsbericht über die Kindertauglichkeit der Weltausstellung zum Besten geben. Kollegin Kathi muss ja nicht mehr gewickelt werden und Kollege Dominik verträgt die Sonne auch ohne Hütchen ganz gut. Der Chef bekundet zwar noch Mühe mit dem Unterschied zwischen «Ich will» und «Ich möchte», aber richtig quengelig ist er nur noch während Mitarbeitergesprächen, nicht auf langen Ausflügen.

Ich muss das Thema also rein theoretisch angehen. Zwischen zwei Schnäp… also Multivitaminsäften fragte ich meinen Kollegen Andy, ob er mit seinen beiden Kindern die Expo besuchen würde. Als Antwort erhielt ich ein klares «Nein». Die Frage beschäftigte mich noch eine Weile. Und zwar so intensiv, dass ich die Steuererklärung erneut um ein Wochenende verschieben musste.

Suche den Unterschied zwischen Werbung und Realität: Volksmusikgruppe im Schweizer Pavillon. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Suche den Unterschied zwischen Werbung und Realität: Volksmusikgruppe im Schweizer Pavillon. Fotos: Christian Beutler (Keystone)

Irgendwann kommt doch jedes Kind ins Alter, in dem die Eltern ihm die Welt erklären müssen. Und wo könnte man das besser tun als an einer Weltausstellung, wo sich ein Land neben dem anderen bereitwillig präsentiert. Bonusargument: Sie tun das auch noch anhand eines wichtigen Themas, wie aktuell in Mailand «Feeding the Planet». Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Kind interessiert sich seit der Geburt fürs Thema Essen.

Langweilig dürfte es den Kindern auf jeden Fall nicht werden, denn die Expo ist auch ein riesiger Spielplatz, der alle Sinne anspricht. Im südkoreanischen Pavillon läuft eine Show auf zwei Flachbildschirmen, die von Roboterarmen durch die Luft gewirbelt werden. Brasilien hat in liebevoller Kleinarbeit aus Seilen ein riesiges Kletternetz gehäkelt, und im Schweizer Pavillon betreibt Hauptsponsor Nestlé einen Uterus-Simulator. Das ist zwar nur ein dunkler Raum, der etwas nach Nesquik riecht (und man zeige mir eine Gebärmutter, die 20 Personen fasst), aber bestimmt lässt der laut hörbare Herzschlag einige Kleinkinder in Erinnerungen schwelgen.

Die Chemie stimmt – auch für Kinder? Basler Ausstellung im Schweizer Pavillon. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Chemie stimmt – auch für Kinder? Basler Ausstellung in Mailand.

Einigermassen geduldige und wissbegierige Kinder können an der Weltausstellung also viel erleben und lernen. Natürlich nicht ohne ihre Eltern, denn die müssen auf vielen Ebenen übersetzen. Zuerst einmal vom Italienischen oder Englischen in eine altersgerechte Muttersprache. Aber auch inhaltlich: Die Eltern sollten Hintergründe liefern und mindestens die älteren Kinder anregen, das Gesehene eigenständig und kritisch zu hinterfragen.

Selbstkritik ist an der Expo nebst Indien nämlich die grosse Abwesende. Auch 2015 funktioniert die Ausstellung noch als klassische Leistungsschau. Jedes Land erklärt, mit seinen Innovationen könne man die Probleme dieser Welt lösen. Schliesslich hat Israel damals die Bewässerung erfunden, Russland die Pflanzenzucht, der Iran die Kräuter, die Schweiz das Wasser und Frankreich die Qualität. Da muss man als Eltern eingreifen und sagen: «So nicht, liebe Marketingfuzzis! Nicht mit meinen Kindern!» Das Eigenlob schreit danach, dem Kind endlich mal den Unterschied zwischen Werbung und Realität zu vermitteln. Positiver Nebeneffekt: Es übersteht künftig auch die Werbeblöcke auf Kika unbeschädigt.

Schaufenster für Gross und Klein: Kugelbahn von Schweiz Tourismus.

Schaufenster für Gross und Klein: Kugelbahn von Schweiz Tourismus.

Erklärungsbedürftig ist an der Expo leider auch das zur Schau gestellte Frauenbild. In drei von vier Pavillons räkeln sich leicht bekleidete Damen in High Heels. Teilweise ohne jegliche Zusatzfunktion. Als wäre man versehentlich in eine Aufzeichnung des italienischen Fernsehens gestolpert. Oder in den Autosalon, nur dass sich die Damen hier statt am Audi halt an Russland reiben. Die Präsentation von weiblichen (und vereinzelt auch männlichen) Körpern als Schaufensterdekoration passt nicht in die Welt, in der mein Kind aufwachsen soll. Aber sie ist wie der Hunger und das Übergewicht halt auch eine Realität, die nach elterlicher Erklärung schreit. Ganz kleine Kinder kann man ja vorerst damit abspeisen, dass die vielen Brüste ebenfalls zum Thema Ernährung gehören. Und immerhin: Einige Länder wie Slowenien und die Schweiz sind vorbildliche Ausnahmen.

Mich überzeugt dieses ganze Potenzial für tagelangen Anschauungsunterricht. Findet mal wieder eine Weltausstellung in vertretbarer Reisedistanz statt, werde ich sie mit meinem Kind besuchen. Bestimmt hört es mir dann ununterbrochen zu, nickt beeindruckt und wird durch meine Erklärungen ein besserer Mensch. Ich naiver Jungvater. Andy wird schon wissen, warum er mit seinen Kindern die Expo meidet.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

Kate stösst chinesische Mütter vor den Kopf

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 30. Juni 2015

Ein Gastbeitrag von Christa Wüthrich*

Keine Schonzeit: Herzogin Kate trägt ihre Tochter Charlotte nur Stunden nach der Geburt in die Öffentlichkeit. Foto: John Stillwell (Reuters)

Keine Schonzeit: Herzogin Kate zeigt sich wenige Stunden nach der Geburt ihrer Tochter Charlotte am 2. Mai 2015 der Öffentlichkeit. Foto: John Stillwell (Reuters)

Li Wang hat gerade ihre Tochter auf die Welt gebracht. Das kleine Wesen hat einen bronzenen Teint, wirkt ein wenig kränklich, und das dünne Ärmlein ist von einem Hautausschlag bedeckt. Die Diagnose ist schnell gestellt. Lis Vorliebe für Meeresfrüchte hat zum Hautausschlag geführt. Kränklich ist das Neugeborene nur, weil die werdende Mutter zu viel Wassermelone gegessen hat. Und der Konsum an Kaffee und Sojasauce während der Schwangerschaft hat wohl die Haut des Babys dunkler gefärbt. Ach, hätte die werdende Mutter doch nur mehr Milch getrunken!

In China und in den von der chinesischen Kultur dominierten Ländern sind Schwangere und frischgebackene Mütter unzähligen Mythen ausgesetzt. Das Wohl des ungeborenen Babys scheint auf dem Teller der Mutter zu liegen. Die heutige Generation an gut ausgebildeten chinesischen Müttern ist sich der «Mythenhaftigkeit» dieser Ernährungsratschläge bewusst. Trotzdem werden sie immer noch befolgt. «Auf gewisse Nahrungsmittel zu verzichten, war einfacher, als mich dauernd gegenüber meinen Eltern und Schwiegereltern zu rechtfertigen», erklärt mir eine chinesischstämmige Mutter zweier kleiner Jungen.

Wirklich herausfordernd sei die Zeit nach der Geburt gewesen, gesteht die junge Frau. Dann beginnt «zuo yuezi», was übersetzt so viel wie «einen Monat lang sitzen» bedeutet. In diesen ersten dreissig Tagen nach der Geburt bleibt die Wöchnerin zu Hause. Sie darf weder duschen noch Zähne putzen, weder sich körperlich betätigen noch Besuch empfangen. Ein strikte Diät wird eingehalten: keine frischen Früchte oder rohes Gemüse, kein kaltes Wasser, keinen Kaffee, dafür Schweinefusssuppe mit Erdnüssen oder gegartem Fischschwanz mit Papaya.

Kate, frisch frisiert und auf mutigen Sohlen. Foto: Suzanne Plunkett (Reuters)

Kate, frisch frisiert und auf mutigen Absätzen. Foto: Suzanne Plunkett (Reuters)

Einen Monat ungeduscht im Pyjama und Wollsocken rumzusitzen und nur Eintöpfe essen: Was hat das für einen Sinn? Laut chinesischer Medizin befindet sich die Mutter durch Geburt und Blutverlust in einer «kalten Phase» und muss bedeckt (kein Kontakt mit Wasser oder Wind) und abgeschottet von der Aussenwelt umsorgt werden. Die Chinesen sind überzeugt, dass es diese absolute Pause braucht, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Einen Monat lang auf die Welt verzichten, um sich auf das eigene kleine Universum zu konzentrieren. Die Betreuung des Säuglings und der Wöchnerin übernimmt dabei Mutter oder Schwiegermutter. Wo die Familie nicht verfügbar ist, wird eine Art «Wochenbett-Amme» angestellt, die sich um Mutter, Baby und Küche kümmert. Wer es sich leisten kann, checkt in ein spezialisiertes Zentrum für Wöchnerinnen ein, wo Mutter und Kind im Luxusambiente umsorgt werden.

Das totale Time-out nach der Geburt ist Teil der chinesischen Kultur. Auf der chinesischen Amazon-Seite gibt es dafür eine eigene Sektion mit Kochbüchern und Ratgebern. Dass diese Schonzeit im Westen ignoriert wird, stösst auf Erstaunen und Unverständnis. Als sich Herzogin Kate nur wenige Stunden nach der Geburt mit Baby in der Öffentlichkeit zeigte – ohne Wollsocken und fettigem Haar, sondern mit High Heels und Föhnfrisur –, zeigte sich die chinesische Welt schockiert. «Brauchen westliche Mütter nach der Entbindung keine Erholungszeit?», wurde im taiwanesischen Fernsehen gefragt. «Westliche Frauen investieren kaum Ruhezeit in die Phase nach der Geburt», erklärte ein chinesischer Mediziner. Das habe jedoch seinen Preis. «Sie werden schneller krank und früher alt.» Wenn Kate das gewusst hätte!

Wüthrich*Christa Wüthrich war als Lehrerin, Journalistin und IKRK-Delegierte rund um den Globus unterwegs. Heute arbeitet sie als freie Journalistin für verschiedene Printmedien. Sie ist Mutter dreier Kinder.

Machen nur Kinder unser Leben vollkommen?

Jeanette Kuster am Montag, den 29. Juni 2015
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Sie scheinen ganz zufrieden ohne Kinder: Szene aus «Sex and the City». (Bild: HBO.com)

Unterhalte ich mich mit anderen Müttern, ist die Chance gross, dass das Gespräch irgendwann auf die Kinder kommt. Schliesslich beschäftigt einen der Nachwuchs – zumindest gedanklich – tagein, tagaus, und man hat damit schnell ein Thema gefunden, zu dem beide etwas zu sagen haben. Plaudere ich hingegen mit Kinderlosen, achte ich bisweilen bewusst darauf, sie nicht mit Anekdoten aus dem Leben meiner Kleinen zuzutexten. Umso erstaunter war ich, als ich vor kurzem bei einem Essen umringt von (noch) kinderlosen Endzwanzigern war und genau diese das Gespräch irgendwann aufs Thema Kinder lenkten.

Es fing damit an, dass eine Frau sich beklagte, seit ihrer Heirat würde das gesamte Umfeld erwarten, dass sie nun eher früher als später schwanger werde. Die anderen nickten sofort zustimmend und ergänzten, dasselbe widerfahre einem, wenn man in ihrem Alter mit dem Partner in eine grössere Wohnung ziehe. Von allen Seiten diese Erwartungshaltung, dabei würden sie doch noch gar nicht über Kinder nachdenken!

Und doch taten sie es an diesem Abend. So begann meine Tischnachbarin mir, der Kinder-Expertin der Runde sozusagen, zu erzählen, wie etliche ihrer Freundinnen sich auf das Kinderhaben versteifen würden. «Die wünschen sich nichts mehr als ein Baby, damit ihr Leben endlich vollkommen ist.»

Ich stutzte und erwiderte, dass es meiner Ansicht nach nicht die Aufgabe des Kindes sei, das Leben der Eltern zu vervollkommnen. Und dachte kurz zurück, ob ich damals, vor der Geburt meines ersten Kindes, auch solche Erwartungen gehabt hatte?

Doch das hatte ich nicht. Ich erwartete keine heile Welt und seliges Dauerlächeln zu dritt, sondern bei allem Glück auch ganz viel Stress. Besonders zu Beginn der Schwangerschaft fragte ich mich, wie ich damit würde umgehen können, fortan ununterbrochen für ein kleines Wesen da sein zu müssen. «Dürfen, nicht müssen!», mögen Sie einwenden, und natürlich haben Sie recht. Aber man geht als Eltern (zugegebenermassen freiwillig) eine Verpflichtung ein, und diese Pflicht ist nun mal mit «müssen» verknüpft, weil man sie eben nicht je nach Lust und Laune wieder ablegen kann.

Je näher die Geburt kam, desto entspannter schaute ich dem Mamasein entgegen. Aber zu denken, mein Leben würde durch das Kind perfekt, auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Vielleicht deshalb, weil ich schon vorher zufrieden war damit.

Heute hingegen ist es in der Tat so, dass mein Leben unvollkommen wäre ohne meine Kinder. Weil sie da sind, zu mir gehören, ich mir die Welt ohne sie nicht mehr vorstellen könnte. Dennoch mache ich sie nicht für mein persönliches Glück verantwortlich. Wenn schon, ist es umgekehrt: Ich fühle mich bis zu einem gewissen Grad für ihr Glück (mit-)verantwortlich. Ich soll und darf mithelfen, ihr Leben während der ersten Jahre möglichst vollkommen zu gestalten.

Von Erwachsenen hingegen erwarte ich, dass sie für ihr eigenes Glück besorgt sind. Natürlich kann einen der Partner, vielleicht auch die beste Freundin oder eben das eigene Kind glücklich machen. Aber es ist nicht ihre primäre Aufgabe. Und wer sein Leben als unvollkommen empfindet, wird vermutlich auch durch die Geburt des eigenen Kindes nicht plötzlich zum erfülltesten Menschen auf Erden. Dies zu erwarten, ist meiner Meinung nach nicht fair dem Kind gegenüber.

Wie sehen Sie das?

Jede Schulklasse tickt anders und hat ihre Codes

Andrea Fischer Schulthess am Freitag, den 26. Juni 2015

Wer weiss schon ganz genau, was sich in einer Schulklasse abspielt, was in den Kindern vorgeht? (Tagesschule Bungertwies Zürich, 12. März 2015. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Jeder kennt sein Kind. Meint er oder sie. Aber sobald die Kinder in der Schule sind, bewegen sie sich in einer anderen Welt und sind oft ganz anders, als wir meinen. Dort sind sie Teil einer Klasse, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Der bekannte Psychologe Allan Guggenbühl hat ein spannendes Buch darüber geschrieben, wie Klassen ticken und wie Lehrpersonen damit umgehen können.

Eigentlich ist das Buch — wie erwähnt — für Lehrpersonen gedacht und enthält daher auch viele praktische Anleitungen für Unterrichtseinheiten nach der sogenannten Break-Thru-Methode, die Guggenbühl mitentwickelt hat. Ihr Kernelement ist die Arbeit mit Geschichten.

Dennoch ist das Buch auch für Eltern lesenswert. Es enthält vor allem im theoretischen Teil sehr vieles, was wirklich erhellend ist und einen ganz anderen Blick auf das Kind als Schüler, die Dynamik in Klassen und unsere in der Tat recht beschränkten Möglichkeiten zur Intervention gibt. Es hat den programmatischen Titel «Von Gangstern, Diven und Langweilern» und ist soeben im hep-Verlag erschienen (für eine Leseprobe klicken Sie hier).

Hier ein paar Gedanken daraus, die es mir besonders angetan haben:

Schulen und Klassen sind völlig willkürlich zusammengesetzt. Lehrpersonen müssen daher einer ungemeinen Vielzahl von Bedürfnissen, Charakteren und Wertsystemen gerecht werden. Damit Kinder dennoch lernen können, brauchen sie eine positive Atmosphäre. Lehrpersonen müssen daher wissen, welche Stimmungen, Ängste und Sorgen ihre Klasse umtreiben. So weit, so gut. Nur tun sie das oft eben nicht. Und das hat nicht etwa damit zu tun, dass sie es nicht versuchen, sondern mit der natürlichen Barriere zwischen Lehrpersonen und Heranwachsenden. Und damit, dass Kinder sich im Klassenverband anders verhalten denn als Privatpersonen – so wie Erwachsene ja auch.

Ganz zentral sind dabei die sogenannten Klassencodes: Jede Klasse entwickelt nämlich unbewusst einen Code, der das Zusammenleben reguliert. Er bestimmt unter anderem die Tabus. So kommt es, dass beispielsweise alle gegen einen bestimmten Lehrer oder Schüler sind, obwohl eigentlich die meisten gar keine persönliche Abneigung hegen.

Solchen Entwicklungen können Lehrpersonen nicht allein mit einfachen Schulregeln beikommen, so überzeugend das Konzept auch wirken mag. Denn die Kids interpretieren diese erstens sehr frei, haben oft das Gefühl, sich daran gehalten zu haben, obwohl sie diese in Tat und Wahrheit verletzt haben. Zweitens bewegen sie sich in klasseninternen Parallelwelten, von denen die Erwachsenen oft nichts mitbekommen — gerade weil der Code das nicht zulässt. Daher behaupten selbst geplagte Kinder in Gesprächen unter vier Augen oft, es sei alles okay. Der Code verbietet ihnen, mehr zu verraten.

Lehrpersonen haben daher kaum eine Chance, in dieses sehr dicht gewebte Gebilde vorzudringen und es zu durchschauen oder gar zu verändern. Das ist umso tückischer, als vor allem Kids ab der Frühpubertät in der Lage sind, gegenüber Erwachsenen z. B. in Klassenstunden eine Art Offenheit zu inszenieren, die diese in falscher Sicherheit wiegt. Die Lehrperson wiederum kann auch nicht aus ihrer Rolle heraus, muss Gegenpol und Reibungsfläche sein und ist eben nicht Verbündeter.

Wie um Himmels willen sollen sie dann merken, wenn unsere Kinder in der Schule leiden? Geschweige denn ihnen beistehen? Vor allem wenn sie älter und unabhängiger sind und uns Eltern naturgemäss auch nicht mehr an allem teilhaben lassen, wir nur spüren, wenn eine Laus über die Leber gekrochen ist?

Guggenbühl hat eine Methode mitentwickelt, die es Lehrpersonen und ihren Schülerinnen und Schülern erlaubt, sich wirklich und offen über Themen zu unterhalten und Unterströmungen herauszuschälen — und zwar ohne dass jemand dabei sein Gesicht verlieren, Tabus brechen oder die geheiligten Codes verletzen müsste. Es ist simpel, aber sehr einleuchtend. Dabei arbeitet er mit Geschichten. Damit, dass wir Menschen sie seit jeher brauchen und suchen, weil sie unsere Sehnsüchte berühren, Projektionsfläche sind für unsere Gefühle und Ängste, seien es Lovestorys, Krimis oder Heldensagen.

Wichtig an den Geschichten, insbesondere als Instrument im Unterricht, ist, dass sie spannend sind, widersprüchlich, unberechenbar und nicht schon zehn Meilen gegen den Wind nach Moral riechen. Wer wissen will, wie damit im Unterricht gearbeitet werden kann, findet die sehr konkreten Anleitungen dazu im Buch, ebenso wie noch viel ausführlichere und detailliertere Einsichten darin, wie Klassen ticken.

Fazit: Wir können nicht wissen, wer unsere Kinder sind, wenn sie sich «da draussen» bewegen, noch was sie erleben. Wir können aber beobachten, offen sein und reden. Und zwar nicht nach dem Frage-Antwort-Prinzip, denn damit ist ausser kargen Infos schon ab Ende Primarschule nicht mehr viel zu holen. Nein, wir müssen über alles reden. Über Gott und die Welt, über Geschichten eben, die vielfach wie von selbst in Diskussionen münden, darüber, was bewegt, innen drin. Die Geschichten kommen meist von selbst und von überall her. Sei das eine Zeitungsmeldung, eine Lebensweisheit auf Instagram, eine Bendrit-Story oder ein Gerücht über einen Mitschüler. Das braucht viel Zeit, aber es lohnt sich, sich diese zu nehmen. Nicht nur erziehungsmässig. Auch einfach so für Geist und Gemüt.

Muttermilch für alle

Gabriela Braun am Donnerstag, den 25. Juni 2015
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Mamma mia. Der letzte Schrei unter Kraftsportlern: Ein Glas Muttermilch. Foto via www.ultralifeshop.co.uk

Die zahlreichen Kampagnen, welche die Vorteile des Stillens anpreisen, kommen an: Die Slogans «Muttermilch ist gesund», «Stillen ist das Beste», «Muttermilch macht stark» nehmen sich nun offenbar auch immer mehr Männer zu Herzen. Nicht nur Säuglinge sollen die Milch von der Brust trinken dürfen, auch grosse Männer wollen ran. Insbesondere Bodybuilder sind scharf darauf, berichtete die Zeitung «20 Minuten» diese Woche. Die starken Typen glauben, auf diese Art noch stärker zu werden. Muttermilch soll ihre Muskeln pimpen – und dafür sollen Säuglingsmütter ihre Milch abpumpen.

So abstrus die Story klingen mag, ein Sommerloch-Thema ist es nicht. Ein Blick auf die grösste US-Site Onlythebreast.com, die einen Onlinehandel mit Muttermilch betreibt, zeigt: Nebst den zahlreichen Inseraten für abgepumpte Säuglingsmilch für Mütter, die zum Beispiel nicht stillen können, richten sich rund 1000 Angebote unter der Rubrik «willing to sell to men» an Männer.

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Trotz zweier Säuglinge reicht die Milch auch noch für einen Mann: Kelly Price. Foto via Onlythebreast.com

Etwa das Inserat von «Miss Macy». Ihre Milch sei perfekt für Bodybuilder, schreibt sie. Zwei Dollar will die Mutter eines fünfmonatigen Babys für eine Unze, umgerechnet knapp 30 Gramm. Hochgerechnet auf einen Liter sind das 60 Franken. Das Bild neben der Anzeige zeigt eine kokett posierende junge Frau, schwarz umrandete Augen, das Haar blond gefärbt. Auch Kelly Price (nein, nicht Katie Price) will ihre Milch an den Mann bringen. Die Mutter von fünfmonatigen Zwillingen («Sie entwickeln sich hervorragend») hat täglich über einen halben Liter zu viel. Ihre Milch gibts frisch ab Pumpe. Das Foto zeigt sie relativ offenherzig beim Stillen ihrer zwei Babys.

Was sagt das alles über Muttermilch trinkende Fitnessfreaks aus? Und was über Frauen, die den Leben spendenden Saft für teures Geld verkaufen? Das Thema animiert zu Mutmassungen und Spekulationen. Hier eine Annäherung mithilfe acht verschiedener Sichtweisen:

Der Bodybuilder: Eiweissdrinks und Anabolika ade, kein Schwarzhandel mehr, keine Erektionsstörungen. Ich setze neu auf Muttermilch, auf die Kraft von Mutter Natur. In Sportlerforen steht, der weisse Saft beschleunige den Muskelaufbau und fördere die Regeneration. Ha! Unglaublich, kamen wir nicht schon viel früher drauf.

Die verarmte Mutter: Ein Lichtblick. Ich könnte einen kleinen Zustupf gut gebrauchen. Mein Körper produziert sowieso täglich Milch, und eine Brustpumpe habe ich auch. Wenn ich am Abpumpen bin, um für das Baby Nahrung vorrätig zu haben, so kann ich dies künftig etwas länger tun und öfter – das regt die Milchproduktion an. Ich werde 50 Cent bis 1 Dollar für 30 Gramm verlangen.

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Ihre Milch ist bio: «Miss Macy» aus Texas.

Die eitle Mutter: Wer, wenn nicht ich, produziert die perfekte Milch?! Mein Säugling sieht aus wie Buddha, entwickelt sich kräftig und ist nie krank. Kein Wunder bei meinem gesunden Lebenswandel. Mein perfekter Körper produziert die beste Biomilch. Ich ernähre mich bio, vegan, nehme keine Medikamente, atme bewusst, schlafe viel, mache Yoga. «Ach ja, und ich habe meinen Sohn auf natürliche Weise geboren.» So etwa die langbeinige 24-jährige «Texan Momma». Sie verlangt für ihre «premium purebred texas milk» 4 Dollar. Wer nicht zugreift, ist selbst schuld.

Die Gesundheitsbehörden: Auf keinen Fall soll man Muttermilch online kaufen. Krankheiten wie HIV können durch die Milch übertragen werden, deswegen dürfen nur gesunde Mütter Milch abgeben. Im Internet aber wird die Milch nicht getestet.

Der Fetischist: Brüste. Saugen. Muttermilch. Macht voll an. Die Muttermilchforen raten dazu, mit den stillenden Müttern Kontakt aufzunehmen und sie idealerweise zu treffen, damit man wisse, aus welcher Ecke sie stammen. Aber gerne.

Die Feministin: Männer, nehmt den Säuglingen die Milch nicht weg! Die Frau und deren Körper sind keine Ware. Wir wollen keine Muttermilchwirtschaft!

Die Muttermilch-Mafia und der Antifeminist: Mamma mia, aber klar, wir diversifizieren. Die Frauen arbeiten für uns, machen Heimarbeit. Sie kriegen Babys, stillen, pumpen ab. Das löst gleich zwei unserer Probleme: Die Milch verkaufen wir für teures Geld. Und die Frauen bleiben wieder zu Hause, so wie früher.

Der Psychologe: Absolut klar. Es handelt sich hierbei um Narzissmus, gepaart mit einem überaus grossen Mutterkomplex.

«Muttermilch zu verkaufen»: Lesen Sie dazu auch das Mamablog-Posting vom Februar 2012.

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