Über Nacht zum Vegetarier

Gabriela Braun am Freitag, den 24. Oktober 2014
mamablog

Junge Frauen verzichten am häufigsten auf Fleisch. Drei Jugendliche frönen einer anderen Leckerei. Foto: Reuters

Bitte keine Speckwürfelchen in die Gemüsewähe. Bratwurst? Nein, danke. Auf keinen Fall Konfitüre aufs Brot. Sie enthalte doch Gelatine, erklärt der Zwölfjährige ernst. Gummibärchen übrigens auch. «Die esse ich auch nicht mehr.»

Die Mutter nickt und nimmt die Ansage zum Fleischverzicht interessiert zur Kenntnis. Klar ist sie erstaunt, dass der Sohn über Nacht zum Vegetarier wurde. Bislang hatte es ihn nie gross gekümmert, dass das Kotelett einst ein Tier war. Seit ein paar Monaten ist die Ernährung im Kollegenkreis aber ein grosses Thema. Nebst Fussball, Feten und «Fifa 14» diskutieren die Halbstarken auch über Fruktose, Fleisch und Fette.

Jetzt gilt es offenbar auszuprobieren, ob die Gerichte auch ohne Plätzli oder Geschnetzeltes schmecken. Der Wunsch, Neues zu testen und sich abzugrenzen. Wieso auch nicht. Zum eigentlichen Grund des Entscheids befragt, macht der Sohn bloss vage Andeutungen: Er wolle bewusster essen. Kein Fast Food mehr verschlingen («Döner ist sooo eklig!»), ja – und Massentierhaltung fände er auch nicht gut.

Die Familie nimmts gelassen auf, passt die Gerichte leicht an. Sie isst ohnehin nicht sehr viel Fleisch – bloss zwei- bis dreimal die Woche. Die Mutter weist den Jungen darauf hin, dass er nun mehr Gemüse essen solle sowie Hülsenfrüchte und Linsen. Das sei wichtig. Der Sohn nickt. Das weiss er doch. Wurde im Kollegenkreis längst durchgekaut.

Interessant sind die Reaktionen befreundeter Eltern, die seinen Entscheid mitkriegen: Bei einer Mutter schlägt die Nachricht ein wie eine Bombe: Sie erkundigt sich beunruhigt bei den Eltern, ob das stimme – und was man zu tun gedenke. Auf das beiläufige «Nichts» reagiert sie verwundert.

Der Sohn studiert derweil öfter das Kleingeschriebene auf der Packung und stellt Fragen, die man gar nicht so einfach beantworten kann – wie etwa: «Dieses Süssgetränk enthält keinen Zucker und kaum Kalorien, sondern bloss Süssstoffe. Ist es also gesund?» Hmm. Nicht unbedingt. Die Mutter erzählt ihm von der kürzlich erschienenen Studie, dass zu viele Süssstoffe das Diabetes-Risiko erhöhen und Darmbakterien schädigen können. Süssstoffe in Massen jedoch seien unbedenklich. Was übrigens auch bei Zucker der Fall sei – und auch sonst bei so vielem. Ein andermal will er wissen, ob man durch Fleischverzicht schneller ein Sixpack erhält. Aha. Weht daher der Wind?

In derselben Zeit widmet sich der «Kinder-Spiegel» (09/14) in einem Schwerpunkt dem Thema «Wie viel Fleisch ist okay?». Die Artikel drehen sich um Fragen wie «Können wir auf Fleisch verzichten?», «Warum Gummibärchen nichts für Vegetarier sind» – und zeigen «leckere Pausenbrot-Ideen», vegetarisch natürlich.

Der Zwölfjährige interessiert sich dafür, verschwindet mit dem Magazin für drei Stunden im Zimmer. Ein Blogger dagegen ärgert sich im Netz über diese Vegi-Nummer: «Man muss nicht schon im Kindesalter anfangen, Menschen irgendwelche schrägen Ernährungs- oder gar Diät-Philosophien aufzudrücken», schreibt er.

Die Mutter hingegen sieht die Sache entspannt. Untersuchungen zeigen, dass jugendliche Vegetarier meist gesünder leben als ihre Fleisch essenden Altersgenossen. Sie setzen sich mit dem Thema Ernährung auseinander und leben bewusster.

Der Sohn ist übrigens noch immer Vegetarier. Also, «so halb» – wie er sagt. Bei einer lecker duftenden Stadionwurst während eines Fussballmatchs macht er schon mal eine Ausnahme.

Buchtipp: «Teenager auf Vegikurs – Vegetarische Gerichte für Jugendliche»

Lasst die Kinder streiten

Mamablog-Redaktion am Donnerstag, den 23. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Claudia Marinka

Unter Geschwistern kann es besonders heftig krachen: Foto: Sharon Mollerus (Flickr)

Gut so: Unter Geschwistern kann es besonders heftig krachen. Foto: Sharon Mollerus (Flickr)

Viele Eltern fragen, ob es normal ist, wenn sich Kinder arg zoffen. Es sind dies vorwiegend Mütter. Die hinterfragen die Verhaltensweisen und ihre Erziehungsmethoden tendenziell sowieso stärker als Kindsväter – und lassen sich über gewisse Charaktereigenschaften ihrer Jungschar eher verunsichern. Väter nehmen alles ein wenig lockerer, zu Recht. Nun, die Mütter geben sich dann schon mal schockiert über die Heftigkeit, mit der Kinder streiten können. Dann kommt die Frage ans Gegenüber: «Ist das bei deinen auch so?»

Ja. Es ist bei meinen auch so. Das ist gut so, denn Kinder sollen sich streiten. Sie lernen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sich zu wehren, ihre Wut und ihre Trauer über eine Situation auszuleben. Natürlich sollen sie auch lernen, mit ihren Konflikten umzugehen, sie zu kanalisieren. Das können sie bis zu einem gewissen Alter halt eben erst vorwiegend durch Gefühlsausbrüche oder situativ fragwürdigen Gebärden. Dies als Malus eines heranwachsenden Menschleins zu verstehen, wäre zu kurz gegriffen. Und wenn es zwischen Geschwistern kracht, dann sogar auch mal heftiger als unter Nichtgeschwistern.

Es liegt offenbar in der Natur von heutigen Eltern, dass sie immerzu und fortwährend alles hintersinnen, was Kinder so anstellen. Instinkt und Gelassenheit sind über die vergangenen Jahre flöten gegangen, es herrscht eine Manie, alles perfekt und richtig machen zu müssen. Babys gehören schon nach der Geburt in den Schwimmkurs, der Waldkindergarten ist sowieso ein Muss (wo soll das Kind sonst etwas über Bäume und Blümchen lernen) und auf die Skier wird die Brut bereits mit zwei Jahren gestellt. Wer machts am «Richtigsten» und das noch am Frühesten, yeah.

Und weil der Überwachungsmodus der Eltern auch vor Spielplätzen und auf Kaffeebesuchen (uhhh) nicht Halt macht und auf Hochtouren läuft, wird jeder noch so kleine Konflikt zwischen Kindern und jeder sich anbahnende Streit sofort im Keim erstickt. Ist der Streit dann voll im Gang, eilen sofort panisch Elternteile daher, reden, ja schreien herum, und die Streithähne werden auseinandergerissen und natürlich auf der Stelle pädagogisch korrekt instruiert, warum man dies oder jenes nicht macht.

Dabei gehört Streiten zum Heranwachsen dazu. Sollen sich Eltern wirklich in jeden Streit einmischen, und das auf der Stelle? Die Kleinsten müssen lernen, miteinander etwas austragen zu können, eine unbefriedigende Situation aushalten zu können. Auch das gehört zum Leben. Eltern sind wichtig als Stützen und dafür da, Leitplanken zu geben, aber sie sind nicht dazu da, immerzu den Babysitter zu spielen. Es sind wichtige Lernprozesse, die man Kindern so wegnimmt. Denn aus eigener Erfahrung speichern sie Abläufe und Erfolge und lernen eigene Charaktereigenschaften besser kennen. Selbstverständlich sollen sie ab und an hören, was richtig und falsch ist – und vor allem vorgelebt bekommen, was richtig und falsch ist.

Es ist ein Bäschele von Kindern aus vermeintlich gut gemeinter Überzeugung. Eltern glauben, sogleich eingreifen und sich in alles dreinmischen zu müssen. Kinder sind aber nicht aus Porzellan. Sie sind zweifellos die zerbrechlichsten Wesen, die es am meisten zu schützen gilt, aber sie halten mehr aus, als wir meinen. Heult das Kind also das nächste Mal gleich los, wenn einer sein Auto wegnimmt, dann muss man nicht gleich losrennen. Meist hört es dann von alleine auf und es wird versuchen, es sich zurückzuholen.

marinkaClaudia Marinka arbeitet als freie Journalistin mit Schwerpunkt Gesellschaftsfragen und hat bei verschiedenen Medien in den Ressorts Nachrichten, Gesellschaft und People gearbeitet. Die zweifache Mutter lebt mit Tochter, Sohn und Mann in der Nähe von Zürich.

Kinderhaltung in fünf Schritten

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 22. Oktober 2014

Ein Papablog von Raphael Diethelm.

Alles im Griff, liebe Eltern? Kind an der Leine. Foto:  Eric E Castro (Flickr)

Eltern könnten es leichter haben: Kind an der Leine. Foto: Eric E. Castro (Flickr)

«Youtube war mein Trainer», sagte der Schwinger vor seinem ersten Gang vor Publikum. Dieses quittierte das Geständnis mit schallendem Gelächter um das Sägemehl in einer modernen Graubündner Zweitwohnungssiedlung. Als der untersetzte Überraschungsgast dann Mal für Mal auf dem Rücken landete, lachte niemand mehr. Schliesslich wurde da gerade Youtubes Ruf in der Schwingszene aufs Kreuz gelegt.

Dabei kann man durchaus von Youtube lernen. Im grössten Videoportal im Internet findet man alles, was sich filmen lässt – auch Tipps für die Erziehung von Kindern. Die folgende Auswahl zeigt, wie leicht es Eltern haben könnten. Drücken Sie ein Auge zu und verfolgen Sie fünf nicht nur ernst gemeinte Schritte durch den Alltag mit Kindern:

1. Kinder wecken
Zugegeben, normalerweise geschieht das im Kinderzimmer, nicht im Auto. Aber Musik hilft eigentlich überall. Esteban Reyes greift bei der folgenden Demonstration an seinem dreijährigen Halbbruder zu «Breed» von Nirvana, und das mit erstaunlicher Wirkung.

2. Kinder anziehen
Wer sich bei Youtube als HilariousHouseWife registriert, muss etwas auf dem Kasten haben. Etwas, um das man sie beneidet. Weil es einem täglich viel Zeit sparen würde. Oder kennen Sie jemanden, der drei Kinder in zehn Minuten aus dem Bett holt und in Kleider steckt?

3. Kinder füttern
Warum einfach, wenn es kompliziert geht? Spaghetti und Wienerli können kreativ kombiniert werden. Das sieht gut aus und ist angeblich «das beste Kinderessen der Welt» – mit drei Ausrufezeichen.

4. Kinder begeistern
Damit Lernen kein Muss, sondern ein Spass ist, greife man zu einprägsamem, wenn auch zweifelhaftem Liedgut. Das gezeigte Beispiel aus dem frühenglischen Sprachraum bringt diese pädagogische Geheimwaffe wunderbar auf den Punkt.

5. Kinder einspannen
Will Reid, den wir an anderer Stelle schon vorgestellt haben, erklärt seinen Kindern mit einfachen Videos die Welt des Haushaltens. Nach dem Ersetzen der WC-Rolle folgt hier sein zweites «Teenage Instructional Video»: das Befüllen der Geschirrwaschmaschine.

An diesem Punkt dürfte es für manche Eltern erst richtig interessant werden. Wir hören aber hier nicht auf, weil es am schönsten ist, sondern weil wir gespannt sind, welche Youtube-Videos Ihnen bei der Erziehung geholfen bzw. gerade noch gefehlt haben oder Aspekte der Kinderhaltung besonders eindrücklich hervorheben. Für einmal lassen wir in den Kommentaren also auch Links auf das Video Ihres Vertrauens gelten – solange es mit dem Thema zu tun hat. Denn: Youtube macht vielleicht (noch) keinen Schwingerkönig, aber laufend bessere Eltern.

Raphael DiethelmRaphael Diethelm (*1978) ist seit Mai 2011 Produzent bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seiner Freizeit nutzt er Youtube auch, allerdings eher zur Unterhaltung («Also gut, noch zwei Folgen ‹Shaun the Sheep›») und Weiterbildung («Das ist ein Luftkissenboot!») seiner beiden älteren Kinder.

Zehn lausige Tipps

Andrea Fischer Schulthess am Dienstag, den 21. Oktober 2014
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Ratzekahl abschneiden ist das allerletzte Mittel: Machen Sie Läuse zu etwas Normalem! Foto: Reuters

Wieder mal Ferienende. Wieder mal Lauszeit. Zum gefühlten 1012. Mal. Im Ernst, ich weiss nicht mehr, wie viele Lauskuren wir mit unseren Kindern schon durchexerziert haben. Was die verschiedenen Mittel, Ammenmärchen und Tricks angeht: Fragen Sie mich. Ich hab sie fast alle gesehen. Ja, ich erinnere mich sogar noch an die vorsintflutliche Methode, bei der mein Bruder und ich uns zwei Tage lang unter juckendem Turban gelangweilt haben. Die Quarantäne war uns so peinlich, als hätten wir Lepra, Krätze und Pickel gleichzeitig. Deshalb hier ein paar Tipps, sozusagen «schöner Leben mit Läusen».

  1. Keep cool. Falls Sie neu sein sollten im Laus-Business, möchte ich Sie hiermit erst mal beruhigen. Regen Sie sich ab! Alles andere lohnt sich nicht. Läuse sind eklig, sie fressen einem Geld und Zeit vom Kopf, und sie nerven. Das ist alles wahr. Aber sie sind nicht peinlich. Wenigstens nicht peinlicher als volle Windeln, ungewaschene Kompostkübel oder die Stilleinlage, die man versehentlich bei Freunden auf dem Sofa liegen gelassen hat.
  2. Schluss mit den Ammenmärchen. Jeder kann Läuse kriegen. Sogar die hysterischsten Sauberkeitsfanatiker. Die haben einfach eine noch grössere Krise als wir Normalos, wenns krabbelt. Das ist der einzige Unterschied. Deshalb rate ich Ihnen: Setzen Sie auf Wissen statt auf Panik. Und Wissen gibt es ganz viel, zum Beispiel auf Kopflaus.ch. Die Site ist zwar hässlicher als jede Laus und wird von einer Pharmafirma finanziert, aber sie ist gut.
    Wenn Sie auch nach dieser Lektüre noch das irrationale Gefühl haben sollten, die Dinger verfolgten Sie und Ihre Familie persönlich bis ans Ende der Welt, kann ein Besuch bei der Lausberatung des Schulärztlichen Dienstes helfen. Spätestens dort werden Sie locker werden. Versprochen. Ich habs getestet.
  3. Machen Sie Läuse zu etwas Normalem. Mir hilft es, die Sache mit den Läusen in den gleichen Topf zu werfen wie Erkältungen, Grippen oder Magenverstimmungen. Läuse und Bazillen bewohnen nun mal die Erde gemeinsam mit uns. Wenn sie sich unsere Leiber als Zuhause aussuchen, ist das noch keine Katastrophe. Es ist einfach etwas, mit dem man rechnen muss. Darum haben wir immer eine Flasche Lausmittel bereit (ein Silikonprodukt, welches man nur eine Stunde einwirken lassen muss, also nicht viel länger als eine Schönheitsmaske).
  4. Verschonen Sie Ihre Wohnung. Wenn Sie Läuse haben, müssen Sie deswegen weder umziehen noch Ihre Wohnung durchdesinfizieren noch die ganze Bettwäsche und alle Stofftiere tiefgefrieren. Läuse interessieren sich nämlich nicht für Ihre Möbel und den anderen Kram. Sie wollen Köpfe. Und gehen deshalb nur von Kopf zu Kopf.
  5. Seien Sie ein Kontrollfreak. Alle Köpfe einer befallenen Familie müssen kontrolliert und allenfalls behandelt werden. (Ausser Sie haben entweder kaum Haare, wie mein Mann, oder die vorhandenen Haare sind so heftig gefärbt, dass keine Laus Ihren Schädel auch nur mit dem kleinen Zeh betreten würde, wie bei mir.)
  6. Reden Sie über Ihre Läuse! Ich mag es nicht, wenn Menschen über ihre Verdauung referieren, und auch auf Details ihres Liebeslebens bin ich nicht sonderlich erpicht. Aber über Läuse muss man reden. Der Fairness halber. Es ist Ehrensache, Bekannte zu informieren und Läuse sofort zu behandeln. Geteiltes Leid ist hier definitiv nicht halbes Leid.
  7. Seien Sie stur. Halten Sie sich an die Infos der Packungsbeilage des Lausmittels. Machen Sie alle drei Wiederholungen zum richtigen Zeitpunkt. Kontrollieren Sie die Haare der Kinder während der Behandlungsdauer alle zwei Tage mit dem Lauskamm, möglichst mit Pflegespülung im Haar. Dabei flutschen auch unentdeckte Nissen (Eier) raus. Das ist zwar sehr, sehr langweilig. Aber vor dem TV gehts, und es ist immer noch besser als Chipsessen oder Nägelkauen.
  8. Keinen Sündenbock suchen. Sparen Sie sich die Spekulationen, woher die Läuse gekommen sein könnten. Das bringt nichts und kann Kinder in eine missliche Lage bringen. Es reicht schon, dass es die Kleinen ständig juckt.
  9. Fummeln Sie. Lassen Sie mal wieder die Affenmama raus. Geniessen Sie es, ganz offiziell an Ihren Kindern rumzupfen und kraulen zu dürfen. Muss vielleicht ja nicht grad an der Ladenkasse oder auf dem Pausenplatz sein. Aber im Ernst: Wenn Sie eine Nisse sehen, schnappen Sie sie. Sonst ist sie für immer weg wie ein Geistesblitz vor dem Einschlafen.
  10. Und last, but not least: Wechseln Sie einfach mal die Perspektive. Und sehen Sie sich diesen kleinen Film an:Hart ist das Läuseleben: Szene aus «South Park». Video: Youtube

 PS: Wenn Sie besonders viel Geld und besonders wenig Nerven haben, gibt es neu noch den Rundumservice: www.antilaus.ch

Schauermärchen aus der Vergangenheit

Jeanette Kuster am Sonntag, den 19. Oktober 2014
Negerli

Unvergessliche Schallplatten: «Vom dumme Negerli» und «De gföhrlich Heiwäg». Foto: Mamablog

Ich dachte an nichts Böses, als ich vor zwei Wochen im Brockenhaus die Hörspielsammlung durchstöberte und plötzlich den Titel «Vom dumme Negerli» vor mir hatte, erzählt von Märlikönigin Trudi Gerster. Leicht schockiert hielt ich einen Moment inne. Natürlich weiss ich, dass vor nicht allzu langer Zeit noch andere Massstäbe gegolten haben und gerade mit Afrikanern in Kindererzählungen wenig zimperlich umgegangen wurde – der «Tages-Anzeiger» hat auch schon darüber berichtet. So plötzlich und unerwartet ein solches, aus heutiger Sicht rassistisches Kinderprodukt in den Händen zu halten, hat mich dennoch zutiefst irritiert.

Ich stellte die Platte zurück ins Regal und stiess wenig später auf ein Hörspiel, auf dessen Cover ein Mann im Auto abgebildet ist, der einem kleinen Mädchen ein Bonbon hinstreckt. «De gföhrlich Heiweg» stand über dem Bild. Auf der Rückseite erklärte die Erzählerin den Kindern, dass es den «bösen Mann» wirklich gebe. «Und er kann euch gefährlich werden, wenn ihr ihn nicht rechtzeitig erkennt.» Sie ermahnte die Kinder, sich die Geschichte mehrmals anzuhören. «Denn mehrmals gehört, werdet ihr alles besser verstehen und ausserdem auch nicht so schnell wieder vergessen

Auch ich konnte die Geschichte nicht vergessen. Und so ging ich zwei Tage später zurück ins Brockenhaus, um mir die beiden Platten zu kaufen und herauszufinden, was darauf wirklich erzählt wird.

Als ich leicht beschämt ab meinen Einkäufen an der Kasse stand, fing die Brockenhausverkäuferin plötzlich an zu lachen: «Oh, ‹De gföhrlich Heiweg› hatte ich als Kind auch!» Ich fragte sie, ob sie sich beim Zuhören denn nicht gefürchtet habe. Worauf sie entgegnete, sich nicht zu erinnern – «aber geblieben ist mir die Platte offenbar».

Nachdem ich mir die Geschichte angehört habe, überrascht mich das nicht. Zwar wird nichts explizit erzählt, aber die Kinder bekommen zu hören, dass diese «bösen Männer» die Kinder «schüüli plaged» und es auch Kinder gebe, denen niemand mehr habe helfen können. Die kleinen Zuhörer werden eindringlich vor allen Fremden gewarnt und es wird mehrmals wiederholt, dass so etwas jedem und überall passieren könne.

Hätte ich mir das als Kind angehört, wäre ich danach vermutlich nur noch voller Angst durch die Strassen gehetzt und bei jedem Fremden, der mir im Auto oder auf dem Trottoir entgegengekommen wäre, in Panik ausgebrochen. Erwischt hätte mich so zwar vermutlich keiner dieser «bösen Männer». Aber Spass hätte ich auf dem Schulweg auch keinen mehr gehabt.

Bei der Geschichte «Vom dumme Negerli» erschreckte mich beim Zuhören das «dumm» mehr als das «Negerli». Die Mutter nennt ihren Jungen nämlich immer wieder «dumme, dumme Bueb», ja einmal gar «de dümmschti Bueb vo Afrika». Bloss weil er, der doch alles richtig machen will, vor lauter Eifer immer alles falsch macht.

Ich sass stellenweise mit offenem Mund vor dem Lautsprecher. Mitanzuhören, wie eine andere (wenn auch fiktive) Mutter immer wieder ihr Kind beschimpft, war mir richtig zuwider. Trudi Gerster hingegen sagte noch vor wenigen Jahren in einem Interview, dass die Kinder «Wumbo, Wumbo» – wie die Geschichte später getauft wurde – heute immer noch sehr gerne haben.

Sind also wir modernen Eltern (denn mein Mann hat genau gleich reagiert) überempfindlich, wenn wir die «Geschichte vom kleinen Buben, der immer Dummheiten macht» als nicht kindertauglich taxieren? Übertreiben wir es mit unserer sanfteren Erziehung, bei der wir so grossen Wert auf die richtigen Worte legen und auf kinderfreundliche Aufklärung statt Angstmacherei setzen? Ich glaube nicht. Meiner Meinung nach ist es richtig und wichtig, dass wir heute gerade im Umgang mit Kindern stärker auf Formulierungen achten und uns bewusst sind, dass auch Worte verletzen können. Das Kind wegen einer Dummheit zu rügen, ist völlig legitim, es deswegen dumm zu schimpfen, sicher nicht.

Sehen Sie das genauso? Und erinnern Sie sich noch an Märchen, die Ihnen als Kind gefallen haben, Ihnen heute jedoch die Haare zu Berge stehen lassen?

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