Schluss mit der Dauerkritik

Jeanette Kuster am Montag, den 27. Juli 2015
Mamablog

Mütter lästern gerne über andere Mütter. Dabei will jede bloss das Beste für ihr Kind. Foto: Keystone

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Male, als ich mit meinem Baby unterwegs war. Wie irritiert ich anfangs war, dass wildfremde Menschen mir ungefragt ihre Babytipps aufdrängten, gerne begleitet von einem vorwurfsvollen Unterton. «Das Baby ist doch noch viel zu klein, um in einen Supermarkt zu gehen, all die Lichter und Geräusche!», zeterte eine ältere Frau, als wir mit dem zwei Wochen alten Kind das erste Mal einkaufen gingen und es genau dann aufwachte und zu weinen begann. Und das war erst der Anfang. Mal hatte meine Tochter angeblich Hunger, dann wieder war ihr zu heiss («Das eng geschnürte Tragetuch!») oder zu kalt («Die fehlende Mütze!)», wenn sie jammerte. Später wurden die direkt geäusserten Ratschläge seltener, lieber murmelten die selbst ernannten Erziehungsexperten ihre Weisheiten vor sich hin – natürlich immer laut genug, dass die zu belehrende Mutter sie auch sicher hören konnte.

Ich kann nachvollziehen, dass jemand sich seine Gedanken macht, wenn ein Baby schreit oder ein Kind tobt. Das tue ich selber auch. Und manchmal denkt man sich in solchen Momenten, dass man selber die Situation ganz anders bewältigen und – klar! – es viel besser machen würde. Solange man das alles nur still vor sich hin denkt, ist das auch kein grösseres Problem. Die Mutter, die sich sowieso schon in einer Stresssituation befindet, aber noch mit Vorwürfen oder tollen Tipps einzudecken, hilft gar nichts.

Manchmal scheint es mir fast zu einer Art Volkssport geworden zu sein, Mütter und ihre Lebensweise oder Erziehungsmethoden zu kritisieren. Langzeitstillerinnen? Krank! Fläschchenfütterinnen? Verantwortungslos! Die Mütter-Kritik ist so allgegenwärtig, dass es auf Englisch bereits einen eigenen Begriff dafür gibt: Mom-Shaming.

In den USA hat dieses Mom-Shaming die letzten Wochen eine weitere Stufe erreicht. Zwei Mütter wurden nämlich nicht bloss direkt kritisiert, sondern via Social Media vor der ganzen Welt blossgestellt. Die eine Mutter war in einem Restaurant beim Stillen fotografiert worden. Das Foto machte danach im Internet die Runde mit der Bemerkung, dass sie ihre Brüste gefälligst anständig zudecken solle. Der andere Fall betraf eine Mutter, die ihr fünfjähriges Kind in einer Rückentrage durch einen Laden trug. Die Geschäftsführerin selber schoss ein Foto und veröffentlichte es auf ihrem Facebook-Profil. Total empört darüber, dass man ein so grosses Kind noch herumtrage.

Beide Mütter erfuhren erst in dem Moment von der Kritik, als sie sich im Internet auf den Bildern wiedererkannten. Sie waren an den virtuellen Pranger gestellt worden, bloss weil jemand eine andere Meinung hatte und diese nicht für sich behalten konnte. Weder hatten  sie einen Fehler gemacht, noch jemandem etwas zuleide getan. Nur versucht, eine möglichst gute Mutter zu sein.

Diese krasse Variante des Mom-Shaming zeigt, wie schnell und unbedacht oft Kritik geäussert wird. Wie sehr gerade auch wir Mütter unsere eigenen Ansichten als die einzig richtigen ansehen, obwohl sie jeweils nur eine Möglichkeit von vielen darstellen. Erinnern Sie sich, wie weh es tut, wenn Sie Ihr Bestes geben, und dafür angegriffen werden? Ich will mir jedenfalls angewöhnen, ganz bewusst noch häufiger Komplimente und aufmunternde Worte zu verteilen. So wie die Frau, die mir an der Kasse einmal gesagt hat, dass ich es ganz toll mache mit meinen Kindern – obwohl (oder gerade weil) die Grosse gerade getobt hat. Da habe ich mich mit der unangenehmen Situation gleich nicht mehr so alleine gefühlt. Und bin trotz grossem Drama ziemlich glücklich nach Hause spaziert.

Best of: Was das Znüni über die Eltern verrät

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 24. Juli 2015

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und ihre Familien. Deshalb publizieren wir während einer Woche einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Gastbeitrag von Nadia Meier* erschien erstmals am 9. April 2015.

Der Znüni gehört zum Kindergarten wie der Leuchtgürtel. Täglich werden Tausende davon von Eltern wie Ihnen und mir eingepackt. Mit viel Liebe. Und manchmal voll im Stress. Gefüllt wird das Znüniböxli mit einer mehr oder weniger gesunden Zwischenmahlzeit. Und so ein Znüni – das muss man sich mal vor Augen führen – ist ja auch ein Statement. Man kann nicht nicht kommunizieren: Auch ein Znüni sagt etwas. Nämlich über die Eltern.

Traditionsznueni

Traditions-Znüni

Inhalt: kleiner Apfel
Wer hats eingepackt: Hier war sehr wahrscheinlich ein Vater am Werk. Er packt das ein, was ihm schon vor 40 Jahren sein Mami ins Kindergartentäschli gesteckt hat.
Das Kind isst: Einmal rundherum. Oder den ganzen Apfel, falls die Kindergärtnerin daraus zwei Kronen schnitzt.

Buffetznueni

Buffet-Znüni

Inhalt: 1/2 Rüebli (geschält), 2 Gurkenrädli, 2 Cherry-Tomätli, 4 Cashew-Nüsse, 4 Haselnüsse, 4 Weizenvollkornschrot(t)cracker (2 davon mit Kräuterfrischkäse zu einem Sandwich zusammengeklebt)
Wer hats eingepackt: Eine überfürsorgliche Mutter, die es ihrem Töchterli gerne recht macht. Deshalb – und zur Förderung der kindlichen Autonomie – gibt es täglich eine Znüniauswahl. Das arme Meitschi muss schliesslich irgendetwas Gescheites essen! Sonst kann es sich beim Basteln nicht konzentrieren und leimt daneben. Oder es hat nachmittags in der Harfenstunde wieder ganz müde Finger.
Das Kind isst: Von allem ein bisschen.

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Hochhaus-Znüni

Inhalt: eine Milchschnitte
Wer hats eingepackt: Das Kind selber. Wenn es um 7 Uhr in der subventionierten Wohnung im 17. Stock selbstständig aufsteht, sind die Eltern schon am Arbeiten. Wenn es mittags nach Hause kommt, immer noch. Dann kocht die grosse Schwester; es gibt Teigwaren mit TV.
Das Kind isst: Die halbe Milchschnitte – unter den neidischen Blicken der anderen Kinder.

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Natur-Znüni

Inhalt: ein ungewaschenes Demeter-Rüebli
Wer hats eingepackt: In diesem klarsichtfolienfreien Haushalt leben vegane Atomkraftgegner. Das Kind geht morgens barfuss in den genossenschaftlichen Gemüsegarten und zieht seinen Znüni eigenhändig aus der warmen Erde. Verpackt wird das Rüebli natürlich nicht in einer Plastikbox, sondern im Leinensäckli.
Das Kind isst: Das Rüebli und die halbe Milchschnitte von seinem Gspänli aus dem Hochhaus.

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Prinzen-Znüni

Inhalt: Salzfische, zwei Babybel-Käslein
Wer hats eingepackt: Ein Einzelprinz-Mami, deren Goof jeden Mittag einen Lätsch macht, wenn er etwas im Znüniböxli hatte, was auch sein Meerschweinchen essen würde. Dem Frieden zuliebe gibt es deshalb ab sofort täglich Salzfischli. Um die gute Position des Sohnes in der Kindergarten-Hackordnung zu festigen, packt dieses Mami immer einen Extrakäse zum Verschenken ein.
Das Kind isst: Die Hälfte der Salzfische und ein Käsli.

Foodbloggerznueni

Foodblogger-Znüni

Inhalt: Toastbrot in Herzform, dazu Rüebli-Herzli und Gürkli-Sternli
Wer hats eingepackt: Dieses Mami arbeitet grösstenteils zu Hause. Es ist Frühaufsteherin und betreibt einen Food-Blog. Weil sie die liebevoll zubereitete Bento-Box vor dem Einpacken mit der Instagram-App fotografieren will, kommt die Tochter zweimal pro Woche zu spät in den Kindergarten.
Das Kind isst: Natürlich alles.

Verlegenheitsznueni

Verlegenheits-Znüni

Inhalt: eine Handvoll getrocknete Mangostreifen, 2 gedörrte Aprikosen, Cracker
Wer hat’s eingepackt: Wahrscheinlich eine Mutter wie ich, die gestern den Einkauf vergessen und heute verschlafen hat. (Und ich könnte schwören, dass gestern Abend noch ein Apfel in der Früchteschale lag!)
Das Kind isst: Das Extrakäsli des Prinzen.

Und welchen Znüni haben Sie heute eingepackt?

SONY DSC*Nadia Meier arbeitet Teilzeit im Kommunikationsbereich und schreibt Kasperli-Hörspiele. Sie lebt mit ihrem Freund und zwei gemeinsamen Kindern in Bern.

Best of: Dinge, über die man nicht spricht

Andrea Fischer Schulthess am Donnerstag, den 23. Juli 2015

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und ihre Familien. Deshalb publizieren wir während einer Woche einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Beitrag von Andrea Fischer Schulthess erschien erstmals am 29. Januar 2015.

Das sind nun also die Wechseljahre: Andrea Sawatzki als Desiréé in «Klimawechsel».

Wilde Wechseljahre: Andrea Sawatzki als Desiréé in «Klimawechsel». (ZDF.de)

Sie ist so unsäglich winzig und leicht. Und dann diese Finger… Nicht zu fassen, dass ein Mensch so mikroskopisch kleine Fingernägel haben kann. Und wie sie riecht! Ich bin verliebt in das Kind meiner Nachbarin.

Was ist bloss mit mir los? Ich war doch sonst nie ein Babyfan. Ja, klar, als meine eigenen Kinder zur Welt kamen, war ich gerührt und fassungslos vor Freude. Und dass ich sie geliebt habe, muss ich hier nicht extra schriftlich bestätigen. Aber dennoch: Babys waren noch nie so meins, ich mag die Kinder grösser, fähig, Wörter von sich zu geben, Streiche auszuhecken, und im Idealfall sogar in der Lage, schlau mit mir zu argumentieren. Und jetzt das. Ich benehme mich wie ein Hormoncocktail auf zwei Beinen.

Das allein hätte noch nicht gereicht, um mich aus dem Konzept zu bringen. Ist ja auch ein ganz besonders herziges Baby, da kann so was schon mal vorkommen. Aber dann fing ich noch damit an, meine Kinder ständig wehmütig zu betrachten und schier loszuheulen, weil sie schon so gross sind und irgendwann weggehen werden. Dabei hatte ich mich doch bislang über jeden ihrer Schritte in die Selbstständigkeit gefreut und fand sie vor allem eines: spannend, trotz dräuender Pubertät. Aber na gut, kanns ja geben, dass man trotzdem mal nostalgisch wird.

Selbst als ich anfing, Katzenfilmchen auf Youtube zu schauen (jöö, jesses, wie heeerzig) und die «Tagesschau» durchzuschluchzen, schob ich das weiterhin auf Überarbeitung. Was sollte denn sonst schon sein?

Die Antwort darauf hat mich getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Als ich mir nämlich endlich eingestehen musste, dass sich mein Monatszyklus von höchster Verlässlichkeit auf chaotische Willkür verlegt hatte. Und plötzlich musste ich wahrhaben, dass die Haare an meinem Kinn nicht schon immer da gewesen waren und dass die Unterseite meiner Oberarme irgendwie doch verdammt rasch verweichlicht war. Den Rest erspare ich Ihnen hier jetzt, ich bin ja kein Unmensch.

Sie fragen sich bestimmt ohnehin schon, was die Fischer mit all dem überhaupt sagen will. Das wollten Sie doch alles nicht über mich wissen. Natürlich nicht. Ich verstehe Sie bestens. Und das ist genau der springende Punkt: Ohne mich um Erlaubnis zu fragen, tut mein Körper Dinge mit mir, über die man nicht spricht. Zeitgleich wie meine Tochter bin ich in einer grundlegenden hormonellen Veränderung begriffen. Mit dem Unterschied, dass über die Pubertät ständig geredet und geschrieben wird – darüber, was mit mir passiert, wird jedoch geschwiegen. Wenn doch mal was darüber geschrieben wird, dann höchstens in so einem Gratisheftchen aus der Apotheke.

Die Reise in die Jahre der Fruchtbarkeit ist ein Grund zum Feiern. Wenn man danach langsam wieder an Land geht, ist es bloss unangenehm. Als Tatsache wie auch als Thema. Es berührt die Leute peinlich, darf gar nicht sein, das sollen wir aus Feingefühl gefälligst mit uns selbst ausmachen oder mit unserer Gynäkologin.

Dabei verbringen heutige Frauen im Schnitt mindestens nochmals so viele Jahre ihres Lebens nach den Wechseljahren wie als fruchtbares Wesen. Und das in einer Welt, in der alternde Frauen entweder mit Häme überschüttet werden, weil sie das Altern zulassen – oder weil sie es eben nicht tun wollen und sich unters Messer und die Spritze legen. Ergo: Egal was wir tun, ab einem gewissen Alter werden wir ohnehin mit Häme überschüttet, als hätten wir versagt.

Mit Würde und Humor: Designerin Vivienne Westwood. (Keystone/Joel Ryan)

Altert mit Würde und Humor: Designerin Vivienne Westwood. (Keystone/Joel Ryan)

Doch das ist dumm. Alt werden wir alle. Dass wir uns dafür schämen oder nur hinter vorgehaltener Hand über Nachtschweiss und Hitzewallungen reden sollen, macht für mich wirklich keinen Sinn. Wir hatten das Recht, jung zu sein, und jetzt haben wir auch das Recht, alt zu werden und den Laufsteg für unsere schönen Töchter zu räumen. Selbstverständlich sitzen wir dort weiterhin in der ersten Reihe. Würdevoll und mit viel Humor. Wie Vivien Westwood eben.

Ich bin dankbar für meine Jugend, für meine Kinder, für meinen Unfug, für die durchsoffenen Nächte, die falschen Liebhaber, für die grosse Liebe, für mein Leben eben. Und dafür, was da noch kommen mag. Und viel soll es sein. Ob mit oder ohne Wallungen und Co. Es ist Zeit, laut und fröhlich alt zu werden statt still und verschämt. Cheers!

Best of: «Mein kleiner Maximilian-Jason kriegt noch MuMi»

Blog-Redaktion am Mittwoch, den 22. Juli 2015

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und ihre Familien. Deshalb publizieren wir während einer Wochen einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Papablog von Markus Tschannen* erschien erstmals am 25. Februar 2015.

Mamablog

Sehr, sehr besorgt und lieber auf der sicheren Seite: Das Forenmutti. Foto: Steve Debenport

Im Internet treffen Welten aufeinander und bieten dabei mehr Unterhaltung als das Privatfernsehen beim Niveaulimbo. Manch ein Forenbeitrag hat mich schon an den Rand eines Psychologiestudiums getrieben. (Den Rand, an dem das Studium beginnt.) Haustierforen seien besonders schlimm, hört man. Aber auch Babyforen bieten viel Komik.

Hätte ich eine Frage, würde ich die im Babyforum ungefähr so formulieren:
markus1234 (Neuling, 1 Beitrag) schreibt: «Mein Baby (10 Monate) kratzt sich seit 5 Tagen oft am Ohr. Ansonsten ist alles normal. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und weiss, woran das liegen könnte?»

Viel eher liest man in Babyforen aber das hier:
Biggylein78 (Profimutti, 39’518 Beiträge) schreibt: «Meine kleine süsse Maus (41W+4, korrigiert 39W+2) hat gestern den ganzen Tag normal gespilt (mit ihrer Rassel und den Holzbauklözzen, die mag sie am liebsten) am Nachmittag war sie etwas quengelig aber ich habe mir noch nichts dabei gedacht. Dan kamen meine Eltern zu Besuch (sie waren zufällig in der Gegend ) und meiner Mutter ist aufgefallen das sich Mia ( sie hat keinen ZN, wir finden das schöner) mehrmals am Ohr gekratzt hat . Ich habe es dann auch gesehen und war ziemmlich besorgt. Kann es eine Mittelohrenzündung sein? Oder etwas schlimmeres? Neurodermitis oder ein Krebsgeschwühr am Ohr? Wir sind natürlich sofort in den Kindernotfall vom KH gefahren und heute morgen gleich zum KiA. Beide sagten ich soll mir keine Sorgen machen wenn das Kind normal isst und zufrieden wirkt. Gelegentliches Kratzen am Ohr sei ganz normal !!! Dazu muss ich sagen, das Mia in der Nacht noch MuMi kriegt und tagsüber Brei. Sie hat gestern den MiB (Biokarotten und Pastinacken) nicht ganz aufgegessen (ca 130ml) den NaB (Mango-Apfel, Mia verträgt keine Bananen) und AB (Dinkelfloken mit MuMi) aber schon. Was soll ich tun? Ich konnte letzte nacht vor Sorgen kaum Schlafen. Mein ältester hatte das auch mal, als er 2Jahre alt war. Jack hat sich in der Nacht am rechten Ohr gekratzt und am Morgen ist es plötzlich abgefallen…»

Mamablog

Selbst ist das Baby: Der Nachwuchs googelt schon einmal selbst.

Gut, am Ende gingen die Pferde mit mir durch, aber ansonsten entspricht das fiktive Beispiel durchaus der Realität. Beantwortet wird so ein Beitrag typischerweise von sieben weiteren Müttern, die ausnahmslos empfehlen, eine Dritt-, Viert- und Fünftmeinung einzuholen. Mit den Ohren sei bekanntlich nicht zu spassen, das wisse man ja. Ausserdem solle man einen Naturheilpraktiker beiziehen und zur Sicherheit schon mal Globuli geben. Die Stimmung kippt, als ein Vater schreibt, dass mit dem Kind bestimmt alles in Ordnung sei. Ihm wird umgehend Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Eine Mutter droht mit der KESB.

Ich will keinen Geschlechterkrieg heraufbeschwören. Aber wer Babyforen liest, stellt fest, dass darin fast ausschliesslich Mütter aktiv sind. Auch nicht jede Art Mutter, sondern nur der Typus «Forenmutti»:

  • Sie ist stets sehr, sehr besorgt. («SOFORT zum KiA!!! »)
  • Ihr Mitteilungsbedürfnis ist bemerkenswert. («Thorben LIEBT Schwarzwurzeln»)
  • Sie mag Abkürzungen. («Dustin war schon während der SS sehr aktiv»)
  • Abgesehen vom Namen ihres Kindes schreibt sie kein Wort richtig. (Beim Namen weiss man es ja nicht: Entweder heisst das Kind tatsächlich Bényamïnn, oder die Familienkatze jagte den Goldhamster über die Tastatur.)

Die Forenmuttis stören mich übrigens nicht. Ich habe sie gar ins Herz geschlossen, denn sie unterhalten mich, und ihre Beiträge sind durchaus nützlich. Immerhin verbringen Forenmuttis ihre Freizeit beim Kinderarzt und schreiben dessen Diagnose zu jedem erdenklichen Babyproblem nieder. Ich wundere mich allerdings über die komplette Abwesenheit aller anderen Elterntypen. Weshalb sind Väter und sachlich schreibende Mütter in Foren nicht vertreten? Ich habe zwei Theorien:

  1. Sie lesen nur passiv mit, weil die Forenmuttis schon alles geschrieben haben, was man nur schreiben kann. Das Baby bieselt nach der Erkältung in einem leicht dunkleren Gelbton? Irgendeine Forenmutti war damit bestimmt bei fünf Ärzten.
  2. Die Forenmuttis schrecken andere mit ihrem Schreibstil ab und ziehen Gleichgesinnte an. Es findet eine virtuelle Ghettoisierung statt (oder Gentrifizierung, je nach Blickwinkel).

An mir selber kann ich beides beobachten: Ich lese gern Babyforen, aber selber aktiv bin ich in diesem Umfeld nicht. Die Welt der «süssen Mäuse», «kleinen Motten» und «mein Kurzer» ist nicht meine Welt. Oder wie es die geschätzte Twitterkollegin @MmeDisaster kürzlich formuliert hat:

Vielleicht erzähle ich in meinem nächsten Papablog davon, wie das Baby vom Sofa fiel, während ich daneben sass. Es soll ja niemand denken, ich würde mich für etwas Besseres halten.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

Best of: Ab wann ist es Fremdgehen?

Gabriela Braun am Dienstag, den 21. Juli 2015

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und ihre Familien. Deshalb publizieren wir während einer Wochen einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Beitrag von Gabriela Braun erschien erstmals am 11. November 2014.

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Betrug ist eine Frage der Definition: Szene aus der BBC-Serie «Mistresses» über vier Frauen und ihren Begriff von Treue und Untreue. Foto: BBC, PD

Küssen, sagt Carla, einen anderen Mann so richtig küssen, rumknutschen, da fange bei ihr Fremdgehen an. Zwei, drei Freundinnen mit am Tisch lachen erstaunt auf. «Echt? Habt du und Marcel das so definiert?», fragt die eine. Für sie müsse dafür schon mehr gelaufen sein. Das sei in den letzten Jahren zwar nicht mehr passiert («Ehrenwort!») – doch erst Sex sei für sie «so richtiges Fremdgehen».

Auch Emilie sagt, für sie beginne Untreue an einem anderen Punkt: Dann etwa, wenn sie sich mit einem anderen Mann immer wieder verabrede, weil sie ihn aufregend finde. Untreu sei man dann, wenn man etwas heimlich tue und dem Partner auf konkrete Nachfrage nichts erzähle: Fremdgehen müsse deshalb nicht unbedingt mit Sex zu tun haben, findet sie. Ihrer Ansicht nach sei man untreu, wenn man sich nicht mehr traue, dem Partner alles zu erzählen.

Die traute Runde ist bereits sehr heiter, doch jetzt gibt es für die Frauen kein Halten mehr. Jede gibt ihre Sicht der Dinge preis, lässt die anderen wissen, wie sie den Betrug am Partner definiert. Wenn der andere einem ständig im Kopf herumspukt. Heisse Chats. Der erste Kuss. Eine gemeinsame Nacht!

«Doch was ist mit den kleinen Geheimnissen?», wendet Maja ein. Und der ureigenen persönlichen Freiheit? Das würden Psychologen im Zusammenhang mit einer glücklichen Beziehung doch immer wieder anführen. «Man hat kein eigenes Selbst, solange man kein Geheimnis hat», sagt sie und zitiert damit einen Psychologieprofessor (Daniel Wegner). Man dürfe sich in einer Beziehung nicht aufgeben. Wenn es einem guttue, ab und zu mit einem anderen zu flirten – und eben auch mal fremdzuknutschen –, dann sei das in Ordnung. Man brauche vor dem Partner durchaus ein paar Geheimnisse. Ein kleiner Flirt hier, ein harmloses Date da: In diesem Rahmen sei das nichts Verwerfliches, sondern vielmehr aufregend und für das eigene Ego sowie die feste Beziehung absolut belebend!

«Ja, klar, Maja, und du siehst das natürlich genauso, wenn dein Liebster danach handelt.» Wir lachen. Das Gespräch plätschert in diesem Stil weiter. Jemand tönt ein heimliches Geplänkel mit einem «Gschpusi» an. Wir winken ab, wollen nichts weiter wissen. Von Geheimnissen, aber auch von Geständnissen ist die Rede. Bis irgendwann nach Mitternacht der Mann der einen Freundin zur Tür hereinkommt, um sie abzuholen. «Wie schön», sagen die einen. «Wie misstrauisch», eine andere.

In den folgenden Tagen denke ich immer wieder an die Gespräche des Abends zurück – und daran, wie verschieden jede einzelne meiner Freundinnen Treue respektive Untreue definiert. Zufällig stosse ich auf einen Artikel im österreichischen «Kurier», in dem es um die Bedeutung von Treue in Beziehungen geht. Und darin sagt die Psychologin Luise Hollerer: «Treue und Vertrauen sind absolut essenziell für eine Beziehung. Das heisst, man soll wissen, wohin sich der andere begibt. Wenn vereinbart ist, dass beide andere Erkundungen machen dürfen, ist es etwas anderes, als wenn man den anderen im Unklaren lässt oder belügt.» Ich finde, das sagt sie ganz gut.

Was ist Ihre Meinung? Und wie definieren Sie Treue und Untreue?

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