Und wann haben Sie Sex?

Mamablog-Redaktion am Freitag, den 30. Januar 2015

Ein Gastbeitrag von Nadia Meier*

Wann und wo auch immer: Dakota Johnson und Jamie Dornan in Fifty Shades of Grey. (Universal Studios)

Egal wo und wann: Dakota Johnson und Jamie Dornan in Fifty Shades of Grey. (Universal Studios)

Frisch verliebte Paare haben Sex. Vor dem Frühstück. Nach dem Einkaufen. Zum Dessert.

Paare in anderen Umständen haben unter Umständen auch Sex. Im ersten Drittel der Schwangerschaft vielleicht weniger morgens, das ist mitunter ein übler Zeitpunkt. Wochen später kann es im Bett wieder ganz rundlaufen: Ihr Genitalbereich ist bestens durchblutet, die Brüste zwei Körbchengrössen dicker und der Bauch noch übersichtlich. Im letzten Drittel der Schwangerschaft – ich nenne es die Walphase – paart sich oft nur noch, wer das überfällige Baby durch reichlich Geruckel und Oxytocin zum Herauskommen motivieren möchte.

Paare mit kleinen Babys haben keinen Sex. Jedenfalls meist keinen, der diesen Namen auch verdient hätte. Bei ihr schmerzt vielleicht noch die Dammschnittnarbe, ihn törnen die tropfenden Milchbrüste ab, beide sind total übermüdet. Oder sie probieren es, aber da klemmt was. Oder sie probieren es – und mittendrin meldet sich das Baby: Wäääh! Wäääh!

Eltern von Klein- und Schulkindern haben entweder keinen Sex aus Gewohnheit. Oder sie haben sich getrennt (und machen es allenfalls mit dem oder der Neuen). Oder sie haben tatsächlich wieder Sex – wenn auch weniger spontan als früher: Der elterliche Koitus findet durchschnittlich jeden Samstagabend um 21.15 Uhr statt. Unter der Woche ist es zu stressig. Und am Sonntagabend läuft ja «Tatort».

Grundsätzlich bietet der Alltag mit jüngeren Kindern auch abgesehen vom Samstagabendnümmerli ausreichend Möglichkeiten für Bettsport: täglich nach 20 Uhr, wenn das Kind schläft. Auch tagsüber zack, zack, falls das Kleine noch Mittagsschlaf macht. In den Ferien, wenn die Kids in der Skischule sind. Oder auch während eines kinderfreien Wochenendes in Paris, London oder Saanenmöser.

Man hört auch von Paaren, die am Sonntagmorgen im Wohnzimmer den «König der Löwen» oder «Cinderella» laufen lassen. Und zwar so laut, dass man nicht hört, wie im abgeschlossenen Elternschlafzimmer Susi und Strolch um die Wette hecheln. Aber bitte, warum auch nicht?

Aber jetzt kommt die Frage, vor der ich mich selber ein wenig fürchte: Wann haben eigentlich Eltern von Teenagern Sex?

Diese pickligen Monster sind abends lange wach. Zu jung, um auszugehen, schleichen sie bis Mitternacht durch die Wohnung. Wochentags sind sie zwar in der Schule, können aber jederzeit unerwartet und vor allem unangekündigt zu Hause auftauchen (Bauchweh, Handy vergessen etc.).

Gut, man könnte den Wecker stellen und nachts um 3 Uhr heimlich Sex haben. Wenn allerdings ein Teenager deswegen erwacht (Sie erinnern sich an die Geräusche von Susi und Strolch), dann ist das bedeutend peinlicher, als wenn das Kind erst drei ist.

Meine Vermutung: Sobald man einen Teenager hat, wird die eigene Wohnung zur sexfreien Zone. Wollen die Eltern miteinander verkehren, müssen sie ins Hotel fahren. Unterdessen schläft der Teenager aber nicht mehr wohlbehütet bei den Grosseltern, sondern sturmfrei zu Hause. Vielleicht mit der ersten Freundin. Im Ehebett der Eltern.

Bei solchen Aussichten beginnt man zu rechnen. Mein Grosser wird bald sieben. Mir bleiben also noch etwa sex Jahre.

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*Nadia Meier arbeitet Teilzeit im Kommunikationsbereich und schreibt Kasperli-Hörspiele. Sie lebt mit ihrem Freund und zwei gemeinsamen Kindern in Bern.

Dinge, über die man nicht spricht

Andrea Fischer Schulthess am Donnerstag, den 29. Januar 2015
Das sind nun also die Wechseljahre: Andrea Sawatzki als Desiréé in «Klimawechsel».

Wilde Wechseljahre: Andrea Sawatzki als Desiréé in «Klimawechsel». (ZDF.de)

Sie ist so unsäglich winzig und leicht. Und dann diese Finger… Nicht zu fassen, dass ein Mensch so mikroskopisch kleine Fingernägel haben kann. Und wie sie riecht! Ich bin verliebt in das Kind meiner Nachbarin.

Was ist bloss mit mir los? Ich war doch sonst nie ein Babyfan. Ja, klar, als meine eigenen Kinder zur Welt kamen, war ich gerührt und fassungslos vor Freude. Und dass ich sie geliebt habe, muss ich hier nicht extra schriftlich bestätigen. Aber dennoch: Babys waren noch nie so meins, ich mag die Kinder grösser, fähig, Wörter von sich zu geben, Streiche auszuhecken, und im Idealfall sogar in der Lage, schlau mit mir zu argumentieren. Und jetzt das. Ich benehme mich wie ein Hormoncocktail auf zwei Beinen.

Das allein hätte noch nicht gereicht, um mich aus dem Konzept zu bringen. Ist ja auch ein ganz besonders herziges Baby, da kann so was schon mal vorkommen. Aber dann fing ich noch damit an, meine Kinder ständig wehmütig zu betrachten und schier loszuheulen, weil sie schon so gross sind und irgendwann weggehen werden. Dabei hatte ich mich doch bislang über jeden ihrer Schritte in die Selbstständigkeit gefreut und fand sie vor allem eines: spannend, trotz dräuender Pubertät. Aber na gut, kanns ja geben, dass man trotzdem mal nostalgisch wird.

Selbst als ich anfing, Katzenfilmchen auf Youtube zu schauen (jöö, jesses, wie heeerzig) und die «Tagesschau» durchzuschluchzen, schob ich das weiterhin auf Überarbeitung. Was sollte denn sonst schon sein?

Die Antwort darauf hat mich getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Als ich mir nämlich endlich eingestehen musste, dass sich mein Monatszyklus von höchster Verlässlichkeit auf chaotische Willkür verlegt hatte. Und plötzlich musste ich wahrhaben, dass die Haare an meinem Kinn nicht schon immer da gewesen waren und dass die Unterseite meiner Oberarme irgendwie doch verdammt rasch verweichlicht war. Den Rest erspare ich Ihnen hier jetzt, ich bin ja kein Unmensch.

Sie fragen sich bestimmt ohnehin schon, was die Fischer mit all dem überhaupt sagen will. Das wollten Sie doch alles nicht über mich wissen. Natürlich nicht. Ich verstehe Sie bestens. Und das ist genau der springende Punkt: Ohne mich um Erlaubnis zu fragen, tut mein Körper Dinge mit mir, über die man nicht spricht. Zeitgleich wie meine Tochter bin ich in einer grundlegenden hormonellen Veränderung begriffen. Mit dem Unterschied, dass über die Pubertät ständig geredet und geschrieben wird – darüber, was mit mir passiert, wird jedoch geschwiegen. Wenn doch mal was darüber geschrieben wird, dann höchstens in so einem Gratisheftchen aus der Apotheke.

Die Reise in die Jahre der Fruchtbarkeit ist ein Grund zum Feiern. Wenn man danach langsam wieder an Land geht, ist es bloss unangenehm. Als Tatsache wie auch als Thema. Es berührt die Leute peinlich, darf gar nicht sein, das sollen wir aus Feingefühl gefälligst mit uns selbst ausmachen oder mit unserer Gynäkologin.

Dabei verbringen heutige Frauen im Schnitt mindestens nochmals so viele Jahre ihres Lebens nach den Wechseljahren wie als fruchtbares Wesen. Und das in einer Welt, in der alternde Frauen entweder mit Häme überschüttet werden, weil sie das Altern zulassen – oder weil sie es eben nicht tun wollen und sich unters Messer und die Spritze legen. Ergo: Egal was wir tun, ab einem gewissen Alter werden wir ohnehin mit Häme überschüttet, als hätten wir versagt.

Mit Würde und Humor: Designerin Vivienne Westwood. (Keystone/Joel Ryan)

Altert mit Würde und Humor: Designerin Vivienne Westwood. (Keystone/Joel Ryan)

Doch das ist dumm. Alt werden wir alle. Dass wir uns dafür schämen oder nur hinter vorgehaltener Hand über Nachtschweiss und Hitzewallungen reden sollen, macht für mich wirklich keinen Sinn. Wir hatten das Recht, jung zu sein, und jetzt haben wir auch das Recht, alt zu werden und den Laufsteg für unsere schönen Töchter zu räumen. Selbstverständlich sitzen wir dort weiterhin in der ersten Reihe. Würdevoll und mit viel Humor. Wie Vivien Westwood eben.

Ich bin dankbar für meine Jugend, für meine Kinder, für meinen Unfug, für die durchsoffenen Nächte, die falschen Liebhaber, für die grosse Liebe, für mein Leben eben. Und dafür, was da noch kommen mag. Und viel soll es sein. Ob mit oder ohne Wallungen und Co. Es ist Zeit, laut und fröhlich alt zu werden statt still und verschämt. Cheers!

Väter wollen wohl etwas Besonderes sein

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 28. Januar 2015

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Rowen Atkinson Photography

Beachtet mich: ein involvierter Vater mit Kind. Foto: Rowen Atkinson, Flickr.

Letzte Woche beschrieb Nils Pickert in seinem Papablog, wie schwer es Väter beim Arztbesuch mit dem Kind haben. Anfeindungen, böse Blicke und Fragen nach der Mutter musste Herr Pickert im Wartezimmer des Orthopäden ertragen. Es war nicht die erste Beschwerde dieser Art, die mir als Leser einschlägiger Literatur zu Augen kam: Landauf, landab beklagen sich bloggende Männer darüber, dass sie mit ihrem Kind in der Öffentlichkeit nicht ernst genommen würden.

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Hätten die Väter von früher gerne mehr gewickelt? Foto: U.S. National Library of Medicine.

So ein Rundumschlag gegen die rückständige Umgebung gibt natürlich einen kernigen Blogbeitrag ab. Mein Problem damit: Ich bin seit neun Monaten Vater und habe nie etwas Derartiges erlebt. Ganz im Gegenteil. Wenn ich mit meinem schielenden Baby das Wartezimmer der Augenärztin betrete, nicken mir die Mitwartenden wohlwollend zu wie eine Herde Wackeldackel. Auch auf der Strasse oder im Supermarkt verspüre ich stets das wärmende Gefühl, von der Gesellschaft als Erziehungsberechtigter akzeptiert zu sein.

Nicht einmal ungebetene Tipps musste ich mir bislang anhören. Einzige Ausnahme sind die ständigen Hinweise, dass mein Baby jetzt Zähne kriegt. Kaum räuspert es sich, springt eine Oma aus dem Gebüsch und kreischt wie von Sinnen: «ES ZAHNT, ES ZAHNT, JESSES, ES ZAHNT!» Doch damit kann ich umgehen, zumal es vielleicht sogar stimmt. Ich kann beim besten Willen nicht am Schrei erkennen, ob dem Baby gerade ein Zahn durchs Fleisch oder ein Furz durchs Gedärm wandert.

Bei den ansonsten ausschliesslich positiven Begegnungen mit Fremden fiel mir schnell eines auf: Man wird als Vater oft von älteren Männern angesprochen. Gerade vorgestern hat mich ein pensionierter Garagist in ein Gespräch über Winterreifen am Kinderwagen verwickelt. Das passiert so oft, dass meine deutlich intelligentere Frau eine Theorie aufgestellt hat: Diese Senioren waren Väter in Zeiten einer klassischen Rollenverteilung. Ihre Gattinnen kümmerten sich um den Nachwuchs, sie arbeiteten und machten Männerkram (rauchen, trinken, Schwarzweissfernsehen schauen). Heute blicken sie bewundernd, anerkennend oder gar etwas sehnsüchtig auf junge Männer, die mit ihren Kindern zum Arzt gehen. Sie wünschten sich, so etwas hätte man damals schon gedurft.

Meine Mutter sagte mir kürzlich, dass mein Vater mich nie gewickelt hat. Wickelnde Männer wären früher nicht üblich gewesen. Ich fühlte mich ob dieser Offenbarung nicht nur alt, sondern empfand auch Mitleid mit meinem Vater. Bestimmt hätte er mir gerne ab und an eine saftige Windel gewechselt und sich in einem Moment gegenseitiger Innigkeit anpieseln lassen.

Deshalb, liebe Mitväter: Statt uns über unerfreuliche Einzelerlebnisse zu grämen, sollten wir die erfreuliche Gesamtsituation sehen. Wir dürfen unsere Vaterrolle selbst gestalten. Wir dürfen das Kind wickeln, mit ihm zum Arzt gehen, es beim Arzt wickeln, und niemand findet es seltsam. Doch vielleicht liegt genau da das Problem. Wir haben ebenfalls eine unerfüllte Sehnsucht in uns: Die Sehnsucht, als involvierte Väter etwas Spezielles zu sein. Fortschrittlicher als alle anderen. Dabei sitzen neben uns im Wartezimmer längst zwei weitere Männer mit ihren Kindern.

Aber wahrscheinlich werfe ich Herrn Pickert zu Unrecht vor, er übertreibe. Bestimmt herrscht beim Orthopäden im Wartezimmer einfach ein viel raueres Klima als bei der Augenärztin.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

Die denkfaule Jugend

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 27. Januar 2015

Ein Gastbeitrag von Claudia Senn*

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Auch Britney Spears hatte als Teenie manchmal keinen Bock auf Schule. Foto: Screenshot Youtube.

Die Jugend von heute ist faul, verwöhnt und egozentrisch. Sie hat einfach kein Durchhaltevermögen und keinen Biss mehr! Haben Sie auch schon einmal gedacht, geben Sie es zu. Ich auch. Aber ist es tatsächlich so einfach?

Einer der Sätze, die ich in meinem Schulalltag sehr oft höre, ist: «Sie, ich verstehe das nicht!» Auf die Gegenfrage, «Was verstehen Sie denn genau nicht?», folgt in 99 Prozent der Fälle ein kategorisches «Alles!». Dieser Ausdruck völliger Kapitulation vor dem Schulstoff kommt üblicherweise nicht erst nachdem die Theorie im Buch nochmals studiert und mit der Pultnachbarin oder dem Pultnachbar über den Aufgaben gebrütet worden ist, sondern meist zu Beginn einer Übungssequenz. Wo bleibt da der Biss, es erst ohne Hilfe zu versuchen?

Warum nicht einfach schwänzen? Matthew Broderick tut es im Kultfilm «Ferris Bueller’s Day Off». Quelle: Youtube.

Ein anderes Beispiel: Zum Thema «Wirtschaftswachstum» habe ich Anfang Semester einen Zeitungsartikel aus dem Wirtschaftsteil einer Tageszeitung ausgeteilt. Die Reaktion eines Schülers kam prompt: «Sie, können Sie nicht was aus ‹20 Minuten› bringen? Von dem hier verstehe ich eh kein Wort!» Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob er Wörter wie «und» oder «die» verstehe, und falls ja, sei das nicht «kein Wort» und er solle es doch bitte versuchen. Ich habe mir bisweilen angewöhnt, beim Ertönen des «Verstehe nichts»-Protests einmal tief ein- und auszuatmen, um den Reflex, «Himmelherrgott, jetzt probiers doch einfach mal!», zu unterdrücken.

Machen wir unsere Kinder (denk-)faul, weil wir Ihnen zu viel Unangenehmes abnehmen möchten? Oder liegt es womöglich auch daran, dass wir sie lehren, dass sie jederzeit sofort fragen können, wenn sie etwas nicht verstehen – sei es die Eltern, Google oder halt eben die Lehrer? Und wenn ja: Ist das so falsch?

Der Hund liegt in meinen Augen woanders begraben. Die Jugendlichen sind nicht per se denkfaul. Ihnen fehlt nicht der Biss (jedenfalls nicht allen). Es mangelt ihnen an etwas ganz anderem: Konzentrationsfähigkeit. Ohne Konzentration findet kein nachhaltiges Lernen statt. Ohne Konzentration kein Durchhaltewillen. Unsere modernen Kommunikationstechnologien haben einiges dazu beigetragen, dass nicht nur die Kids, sondern auch Sie und ich uns immer weniger gut konzentrieren können. Und die Konzentrationsfähigkeit ist wie ein Muskel, wenn man sie nicht trainiert, verkümmert sie.

Meinen Schülern habe ich deswegen eingebläut, während des Lernens das Handy für mindestens 30 Minuten wegzulegen. Wer alle 5 Minuten von einer Whatsapp-Nachricht gestört wird, kann unmöglich versuchen zu verstehen, wie jetzt das mit der Auf- und Abwertung der Währungen genau funktioniert. Sägezahn-Effekt nennt sich das. Konzentration aufbauen – und wieder von vorne beginnen. Konzentration aufbauen – und wieder von vorne beginnen. Das kennen Sie bestimmt auch aus dem Büro.

Um die Konzentrationsfähigkeit zu fördern, baue ich in meinen Lektionen längere Lesesequenzen ein. Es gibt Klassen, da geht es ganze 10 Minuten (!), bis alle ruhig sind und überhaupt mit dem Lesen beginnen. Für mich bleibt dabei unbestritten: Wer sich konzentrieren kann, der kann auch durchbeissen und ein Problem lösen. Nach einem Jahr Testlauf kann ich sagen: Es nützt. Und meine Yoga-Atmung beim «Verstehe nichts»-Protest kommt seltener zum Einsatz.

ClaudiaSenn*Claudia Senn (30) ist Lehrerin für Wirtschaft & Gesellschaft. Sie unterrichtet Berufslernende im Alter von 15 bis 20 Jahren und an einer kaufmännischen Berufsschule im Kanton Luzern.

Action-Event oder gemütlicher Spielnachmittag?

Jeanette Kuster am Montag, den 26. Januar 2015
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Ob selbst organisiert oder nicht: Hauptsache, es gibt Kuchen. Foto: Mr Jan, Flickr.

In England hat ein Kindergeburtstag letzte Woche für reichlich Schlagzeilen gesorgt. Nicht wegen des ausserordentlichen Partyprogramms oder der illustren Gästeschar, sondern wegen dieses einen Kindes, das der Party unentschuldigt ferngeblieben war. Der fünfjährige Alex war zur Party seines Freundes eingeladen worden und hatte auch zugesagt. An besagtem Tag aber merkten seine Eltern plötzlich, dass er bereits einen Ausflug mit seinen Grosseltern geplant hatte und deshalb nicht zur Party würde gehen können. Die Mutter wollte ihren Sohn abmelden, doch die Einladung war unauffindbar und somit keinerlei Kontaktdaten vorhanden. So musste Alex dem Fest wohl oder übel unentschuldigt fernbleiben.

Wenige Tage später brachte der Junge ein Papier aus der Schule nach Hause: eine Rechnung über 15.95 englische Pfund, zu bezahlen an die Eltern des Geburtstagskindes. «Gebühr für Nichterscheinen» stand da, daneben die Kontoangaben.

Alex’ Eltern glaubten zuerst an einen Scherz, doch den Rechnungsstellern war es ernst. So viel hätten sie pro Kind für den Anlass in einem Ski-Center bezahlt, und da Alex einfach nicht aufgetaucht sei, müssten seine Eltern nun bezahlen. Andernfalls würden sie vor Gericht gehen. Was Tanya Walsh und ihren Mann nicht weiter beeindruckte, wie sie über diverse Medien verlauten liessen: «Wir verstehen, dass sie enttäuscht sind, und das Geld wäre kein Thema. Aber wenn sie auf diese Art und Weise auf uns losgehen, bezahlen wir ganz bestimmt nicht.»

Die Geschichte ist absurd, ein völlig übertriebener Streit zwischen zwei Familien. Sie zeigt aber auch beispielhaft, dass Kindergeburtstage immer häufiger Eventcharakter bekommen: Man will dem Kind etwas bieten und stürzt sich dafür gerne in Unkosten. Entsprechend wächst die Zahl der Anbieter, die von A bis Z durchorganisierte Kindergeburtstage anbieten. In Bern etwa lässt sich ein Atelier samt Bastelprofis mieten. Um die Dekorationen, den Geburtstagstisch und das Aufräumen kümmert sich die Crew, die Eltern müssen nur Kuchen, Getränke und Kinderschar mitbringen. Im zürcherischen Adliswil kann man die Geburtstagstruppe in eine Kinderküche zum Erlebniskochen schicken, in verschiedenen Museen (zum Beispiel im Sauriermuseum Aathal oder im Zoologischen Museum Zürich) bekommen die Kinder von Experten Lehrreiches und Unterhaltsames serviert.

Und dann gibt es da bekanntlich noch die diversen Indoor-Spielplätze, die einen Grossteil ihres Umsatzes mit Kindergeburtstagen zu machen scheinen. Zumindest ist meine Tochter an jedem zweiten Fest in eine dieser Hallen eingeladen, mal ins Spielzänti, ein anderes Mal ins Planeta Magic.

Neben der Motivation, ein unvergessliches, für das eigene Kind und seine Freunde beeindruckendes Fest zu organisieren, beauftragen viele Eltern auch deshalb die Partyprofis, weil sie dann selber nichts zu tun haben. Sie müssen keinen Kuchen backen, nichts dekorieren, die Meute nicht im Zaum halten und nachher nicht aufräumen. Nur bezahlen: An die 300 Franken werden es schnell einmal, wenn man die Kinderparty an Externe delegiert.


Inspiration gefällig? Youtube weiss Rat.

Trotz dieser Entwicklung sind die klassischen Kindergeburtstage mit selbst gebackenem Kuchen und «Schoggispieli» keineswegs ausgestorben. Das zeigt eine Umfrage zum Thema, die das Migros-Magazin letztes Jahr veröffentlicht hat. Gefeiert wird gemäss dieser Untersuchung nämlich bevorzugt in den eigenen vier Wänden. Geht es doch einmal woanders hin, bevorzugen Deutsch- und Westschweizer die freie Natur, während die Tessiner lieber einen Saal in einem Restaurant reservieren. 34,4 Prozent der befragten Familien geben zwischen 50 und 100 Franken aus fürs Kinderfest, 27,5 Prozent investieren 100 bis 200 Franken.

Der Kuchen, der Höhepunkt der Party, ist für die meisten interviewten Familien eindeutig Sache der Eltern: 86 Prozent geben an, diesen selber zu backen. Während die Deutschschweizer gerne besonders aufwendige Back-Kunstwerke kreieren (48,5 Prozent), geben sich die Westschweizer und Tessiner mit simplen Cakes mit ein paar Kerzen darauf zufrieden.

Auf Clowns, Ballonkünstler oder Hüpfburgen können laut der Migros-Umfrage übrigens die meisten Eltern gut verzichten. Wenn es etwas mehr Action sein soll, wird einfach eine Tischbombe gekauft.

Wie und wo feiern Sie Kindergeburtstag? Und merken Sie etwas von diesem Trend hin zu «grösser, teurer, exklusiver», oder wird in Ihrem Umfeld nach wie vor im kleinen Rahmen Geburtstag gefeiert?


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