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Ist Kindsein gefährlicher geworden?

Gabriela Braun am Dienstag, den 29. Juli 2014
Kein Empfang: Für Eltern im Ungewissen ein zunehmendes Problem. (Foto: Dave Collier/Flickr)

Kein Empfang? Für Eltern ist Ungewissheit ein zunehmendes Problem. (Foto: Dave Collier/Flickr)

Allzeit erreichbar sein, lautet die Devise – auch für Kinder und Jugendliche. Nicht weil sie es wollen, sondern weil die Eltern es fordern. Sie wollen jederzeit wissen, wo ihre Söhne und Töchter sind und was sie machen. Ein befreundetes Paar liess ihre elfjährige Tochter nicht ins Ferienlager fahren, weil die Organisatoren ein allgemeines Handy-Verbot ausgesprochen hatten. Damit konnten die Eltern nicht umgehen und meldeten das Mädchen nicht an.

Viele Eltern haben den Anspruch, ihr Kind rund um die Uhr erreichen zu können. Geht dies wider Erwarten nicht, bricht schon mal eine mittlere Panik aus: Ein Freund erzählte mir vor ein paar Tagen vom «plötzlichen Verschwinden» seines knapp 15-jährigen Sohnes. Dieser reiste alleine im Zug aus dem Tessin nach Hause und musste dreimal umsteigen. Die Mutter schrieb ihm eine SMS, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei – doch er antwortete nicht.

Auch unzählige Anrufe der zunehmend verängstigten Eltern blieben unbeantwortet. Das Telefon des Teenagers war offenbar nicht in Betrieb. Seine Eltern waren ausser sich: Was war geschehen? Wieso ging sein Handy nicht und warum meldete er sich nicht? War ihm etwas zugestossen? Sie beschlossen, noch zwei Stunden zu warten und dann die Polizei zu verständigen.

Natürlich hatten sie sich in etwas hineingesteigert: Der Sohn tauchte gesund und zufrieden auf, allerdings 60 Minuten später als erwartet. Der Akku seines Handys war leer und er hatte einen Anschlusszug verpasst. Statt ihn wie geplant vor Ärger in Grund und Boden zu stauchen, fielen ihm die Eltern erleichtert um den Hals.

Als der Freund von alldem erzählte, reagierte ich wohl nicht so mitfühlend, wie er angenommen hatte. Ich sagte ihm zwar, dass ich seine Sorgen nachvollziehen könne, dennoch tue mir der Junge leid. Da verschwindet der Teenager mal zwei, drei Stunden vom Überwachungsradar der Eltern – und schon bricht Panik aus. Haben die denn gar kein Vertrauen in ihn? Immerhin wird ihr «Kleiner» bald 15, er ist auch schon mal Zug gefahren, kann sich verständigen und weiss, wo er wohnt. Wo ist das Problem?

Kein Wunder, werden heutige Jugendliche später erwachsen. Kinderpsychologen und Soziologen aus dem In- und Ausland stellen fest, dass es den Jungen heutzutage häufiger an emotionaler Reife mangle. Als einen der Gründe nennen die Experten die zunehmende Verkindlichung der Jugendlichen seitens der Gesellschaft.

Oder anders gesagt: Haben unsere Eltern uns damals wie die Irren hinterhertelefoniert, als wir 15 waren und mit Freunden ein paar Tage campieren gingen? Nein, natürlich nicht, weil es damals gar keine Handys gab, man nicht überall erreichbar war. Sie mussten uns schlicht vertrauen und waren dennoch wohl um einiges entspannter, als es viele der heutigen möchtegern-coolen Eltern sind.

Natürlich brachte mein Bekannter während der angeregten Diskussion auch das «Früher war alles besser»-Argument. In den Siebzigern, als er Kind war, habe es viel weniger Verkehr gegeben, weniger Menschen und deshalb auch weniger Gefahren, so seine Folgerung.

Doch meiner Meinung nach zieht das nicht. Es gab auch damals Unfälle, Drogen und Verbrechen. Der Unterschied ist doch vielmehr, dass durch das Näherrücken der Welt und den immensen technischen Wandel mehr Infos auf uns einprasseln – auch erschreckende. Unsere Angst ist grösser geworden, nicht die Welt gefährlicher.

Was ist Ihre Meinung?

Alles testen lassen oder einfach vertrauen?

Jeanette Kuster am Sonntag, den 27. Juli 2014
Mamablog

Was, wenn es behindert ist? Ultraschallbild eines Fötus in der 12. Schwangerschaftswoche.
Foto: Wikimedia

Vor kurzem hat die «Ostschweiz am Sonntag» vermeldet, dass sich die Trisomie-21-Geburten innert zehn Jahren verdoppelt hätten. Ein Anstieg, den so niemand erwartet habe. Zwar werden bekanntlich immer mehr Frauen spät Mutter, was das Risiko für Fehlbildungen beim Kind erhöht. Gleichzeitig treiben Schätzungen zufolge aber zwischen 75 und 95 Prozent der Frauen, die vorgeburtlich mit der Diagnose Trisomie 21 konfrontiert werden, das Kind ab. Wieso also dennoch diese extreme Zunahme? Stimmen die hohen Prozentzahlen so vielleicht nicht mehr?

Möglicherweise habe in den letzten Jahren ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden, sagt Tina Fischer, leitende Ärztin am Kantonsspital St. Gallen gegenüber der «Ostschweiz am Sonntag». Ein Umdenken, das es Paaren leichter mache, auch ein behindertes Kind zu bekommen. Und dazu führe, dass manche ganz bewusst auf die Pränataldiagnostik verzichteten.

Auch ich habe damals zumindest teilweise auf die mir angebotenen Untersuchungen verzichtet. Bei meiner zweiten Schwangerschaft hatte ich nämlich die magische Grenze überschritten: Ich war über 35 Jahre alt und fiel somit in die Kategorie «alte Mutter». Die Folge: Mir wurde von der Gynäkologin gleich zu Beginn empfohlen, eine Fruchtwasserpunktion machen zu lassen, um mein Kind auf allfällige Fehlbildungen untersuchen zu lassen. Als ich das strikt ablehnte und sagte, mein Mann und ich wollten das nicht, schaute sie mich staunend an.

Ich hatte zwei Jahre zuvor ein gesundes Kind zur Welt gebracht, ich fühlte mich gut, und es gab bei den üblichen Untersuchungen keinen Hinweis auf irgendein Problem. Deshalb sah ich nicht ein, weshalb ich bloss aufgrund einer statistischen Grösse eine Fruchtwasserpunktion machen lassen sollte, die mit einem Abortrisiko verbunden ist. «Das Risiko beträgt bloss 0,5 bis 1 Prozent», mögen Sie nun einwenden. Aber «eins von hundert» erscheint mir schon ziemlich bedrohlich, wenn es um das Leben meines Kindes geht.

Dass man den Untersuch dennoch machen lässt, wenn man aufgrund der Statistiken völlig verunsichert ist oder absolut überzeugt, kein behindertes Kind grossziehen zu können, verstehe ich. Auf mich und meinen Mann traf beides nicht zu, weshalb wir es gar nicht so genau wissen wollten. Denn wie entscheidet man, wenn einem die Ärzte sagen, das Kind werde behindert zur Welt kommen? Behält man es trotzdem und mutet sich und dem Kind womöglich zu viel zu? Oder entscheidet man sich für einen Abbruch mitsamt den psychischen Folgen, die damit einhergehen? Kann man sich in dieser unglaublich schwierigen Frage mit dem Partner einigen? Und ist man fähig, auf Dauer mit seiner Entscheidung zu leben?

Noch schwieriger werden diese Fragen, wenn man sich vor Augen führt, dass die Pränataldiagnostik auch falsche oder ungenaue Diagnosen liefern kann. So wie bei einer Bekannten von mir, die gleichzeitig wie ich schwanger war. Sie und ihr Mann hatten von Beginn weg auf die gesamte Pränataldiagnostik verzichtet, also nicht einmal die Nackenfaltenmessung machen lassen. In der 13. Woche sah das Kind im Ultraschall seltsam aus, sodass nachträglich doch noch gemessen wurde. Die Diagnose der Ärzte: Das Kind würde entweder noch im Mutterleib sterben oder schwerstbehindert sein.

Das war 2009. Heute ist der Kleine fast fünf Jahre alt, völlig normal entwickelt und gesund. Seine Eltern haben damals entschieden, das Kind trotz dieser düsteren Prognose zu bekommen, und damit ganz offenbar den richtig Entscheid gefällt. Ob ich das an ihrer Stelle genauso durchgezogen hätte? Ich weiss es schlicht nicht und bin dankbar, musste ich mich selber nie einer solchen Entscheidung stellen.

Wie sieht es bei Ihnen aus? Haben Sie alle medizinischen Möglichkeiten genutzt, um (so weit möglich) sicherzustellen, dass Sie ein gesundes Kind bekommen? Oder haben Sie auf gewisse Tests verzichtet im Vertrauen darauf, dass alles gut kommen wird? Und erhöht die Pränataldiagnostik Ihrer Meinung nach den Druck auf die Frauen, nur noch gesunde Kinder zu bekommen? Oder findet wirklich langsam ein Umdenken statt?

Nichts ist besser als der Alltag

Gabriela Braun am Freitag, den 25. Juli 2014
mamablog

Das Kind ausprobieren lassen und ihm dabei unterstützend zur Seite stehen. Vater mit Tochter im Reka-Feriendorf Urnäsch. (Keystone Christian Beutler)

Was tut eine Schnecke, die sich in ihr Haus verkriecht? Wie geht Rüebli schälen? Wie fühlt sich ein Sprung in eine Pfütze an?

Kinder müssen ausprobieren, nur so lernen sie. Sie sollen im Alltag Erfahrungen sammeln. Was selbstverständlich klingt und ein wenig trivial, werden derzeit Pädagogen und Psychologen nicht müde zu betonen.

Denn es braucht keine spezielle Smartphone-App, um das Kind auf das Leben vorzubereiten. Genauso wenig wie es einen Förderkurs benötigt. Ein Kind braucht vielmehr aufmerksame Erwachsene, die sich Zeit nehmen, ihm Dinge zutrauen und es in seinen Entwicklungsschritten unterstützen. So wie die Betreuerin der zweijährigen Selina es tut. Sie beobachtet mit ihr in aller Ruhe die Schnecke mit Haus. Die beiden sehen, wie sie die Fühler einzieht und sich in ihr Haus verzieht – und warten bis die Schnecke wieder hervorkriecht.

Die zwei Schneckenbeobachterinnen sieht man in einem über zweiminütigen Film. Es ist einer von insgesamt 40 Kurzfilmen des Projekts «Lerngelegenheiten für Kinder bis 4», lanciert von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. Die Filme – zu sehen auf www.kinder-4.ch – zeigen alles Situationen, die frühkindliches Lernen im Alltag zum Thema haben. Man sieht ein Baby eine Holzfrucht ertasten, eine Vierjährige mit einer Pfütze spielen, ein Mädchen sich selbst die Socke anziehen – und Malon (3), die an ihr Plastikauto unbedingt einen Anhänger montieren will.

Schneckentheater, beobachtet von Selina (2 Jahre 10 Monate) und ihrer Tagesmutter.

Mit den Filmen möchten die Verantwortlichen auf alltägliche Lerngelegenheiten aufmerksam machen. «Lebt den Alltag» ist die einfache Botschaft. Die Filme sollen Eltern, Grosseltern und Betreuer jeglicher Art inspirieren. Sie sind in die vier Landessprachen übersetzt sowie in neun weitere Sprachen – unter anderem Tamilisch, Arabisch und Türkisch. Das im Frühjahr lancierte Projekt ist gemäss den Machern bereits ein Erfolg: über 60'000-mal wurden die Filme schon angeklickt.

Eis, eiskalt, nass? Für Anna (4 Jahre) kein Problem

Kofferpacken: Weniger ist mehr. Mit Nils und Tim (3,5 Jahre)

Die herausfordernde Socke. Mit Mara (3 Jahre)

Auto mit Anhänger: Malou (3 Jahre) versucht einiges, bis es so weit ist – und braucht bloss wenig Hilfe

Achtung scharf! Gemüse rüsten mit Livia (1 Jahr 6 Monate) und Mauro (3 Jahre 9 Monate)

Wenn Teenager die falschen Freunde haben

Andrea Fischer am Donnerstag, den 24. Juli 2014
Mamablog

Freiheit oder Schutz: Darf man Teenagern noch vorschreiben, mit wem sie rumhängen dürfen? Foto: icanteachyouhowtodoit (Flickr)

Vor rund zwei Jahren habe ich mit dem Kinderarzt und Buchautor Remo Largo ein Interview über die Pubertät geführt. Darin ging es unter anderem darum, ob wir Eltern unseren Kindern den Umgang mit Freunden verbieten können, die uns nicht passen. Gemeint sind Freunde, die unseren Kindern nicht guttun, aus welchem Grund auch immer. Largos lakonische Antwort: Man könne zwar mit Teenagern über ihre Freundschaften reden, diese zu verbieten, bringe jedoch nichts. Verbote hätten oft sogar eine gegenteilige Wirkung. Dass er damit recht hat, wissen wir spätestens seit Adam und Eva.

Im frühen Alter ist das Ganze ja noch relativ einfach. Da hat man halt leider immer schon was anderes vor, sorry, oder man lädt bewusst Kinder ein, die man besonders mag. Aber mit Beginn der Pubertät wird das komplexer.

Ich selbst habe mich als Teenie vorbildlich an Largo und die Genesis gehalten. Je mehr meine Eltern jemanden missbilligten, desto faszinierender fand ich denjenigen oder diejenige. Zum Beispiel meinen ersten richtigen Freund. Ihre Ablehnung befeuerte lediglich meine Loyalität zu ihm. Ich musste ihn schliesslich vor einer Familie beschützen, die zu beschränkt war, einen wahren Prinzen zu erkennen, wenn er in ihrem Wohnzimmer stand. Oder nackert im Schlafzimmer der Tochter.

Darum denke ich eigentlich nicht daran, meinen Kindern Freundschaften zu verbieten, die ich für ungut betrachte. Dachte ich bis vor kurzem. Nun habe ich meine Meinung geändert. Aufgrund diverser Erlebnisse bin ich einmal mehr zum Schluss gekommen, dass Erziehung nichts Absolutes ist. Dass es Situationen gibt, in denen man vor allem junge Teenager vor sich selber schützen muss. Das kann im Notfall auch bedeuten, eine Freundschaft zu verbieten. Nämlich dann, wenn sie dem eigenen Kind massgeblich und offensichtlich schadet. Zum Beispiel indem vordergründige Freunde hintenrum Gerüchte verbreiten, sei es aus Neid oder aus schierer Lebenslangeweile oder warum auch immer.

Wer meint, solche grundlegenden Machtmechanismen seien nur Erwachsenen geläufig, sollte dringend sein Bild von der unschuldigen Kindheit revidieren. Das Prinzip von «teile und herrsche» beherrschen einige Kinder instinktiv bereits so ausgezeichnet, dass sich mancher Lobbyist eine Scheibe davon abschneiden könnte. Ebenfalls sehr wirkungsvoll ist es, nach einem zufälligen Muster entweder sehr freundschaftlich oder ohne Vorankündigung abweisend und kühl zu sein. Das Resultat ist verblüffend, Sie sollten es mal an Ihrem Lieblingsfeind testen: Man kann damit auch psychisch intakte Menschen verlässlich aus dem Gleichgewicht hebeln – zumindest bis sie kapieren, was mit ihnen gespielt wird.

Und genau da kommen wir Eltern ins Spiel. Im Normalfall mit reden, reden und reden. Auch darüber, was das eigene Kind zu dem beiträgt, was ihm widerfährt, und wie es sich schützen kann. Denn manipulativen Persönlichkeiten werden sie im Laufe ihres Lebens immer wieder begegnen. Nur können sie später als Erwachsene, Gott sei Dank, viel eher mitbestimmen, mit wem sie Umgang pflegen.

In der Schule geht das kaum. Das hat den Vorteil, dass Kinder sich hier dem Leben stellen müssen und lernen, auch harte Zeiten durchzustehen. Aber es gibt einen Punkt, an dem ich nicht mehr einig bin mit Largo: Dann nämlich, wenn ich sehe, dass allem Diskutieren, Verzeihen und Verstehen zum Trotz alles so weitergeht wie bis anhin. Wenn ich erlebe, dass ein Kind so massiv unter einer vermeintlichen Freundschaft leidet, dass ich das nicht mehr einfach mit ansehen kann und darf.

Dann ist es Zeit für einen angeordneten Bruch. Das zu tun, ist hart und geht nicht ohne die Angst, dem Kind damit zu schaden. Oder dem stubenreinen Frieden. Doch wenn alle Stricke reissen, muss ich dieses Risiko eingehen. Wir Eltern sind verantwortlich dafür, die Seelen unserer Kinder so weit wie möglich zu schützen. Im Härtefall kann das sogar so weit gehen, einem fremden Kind Hausverbot zu erteilen und zu verlangen, dass es auch nicht mehr über soziale Medien eindringen kann.

Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass das hundertprozentig funktioniert. Aber das ist noch lange kein Grund, es nicht zu versuchen. Ein Hausverbot ersetzt das Gespräch mit den eigenen Kindern natürlich nicht. Im Gegenteil, es erfordert erst recht die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Situation. Es geht ja nicht um «friss oder stirb», sondern darum, dass ich mein Kind ja auch nicht immer wieder dieselbe Treppe runterstürzen lasse, solange ich sehe, dass es noch ein Geländer braucht.

Wie denken Sie darüber? Soll man Kindern den Umgang mit Freunden verbieten, wenn die ihnen schaden? Falls ja, wie – und bis zu welchem Alter?

Der alte Mann und das Kind

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 23. Juli 2014

Ein Papablog von Nils Pickert*

Mamablog

Späte Vaterfreuden: Schauspieler Michael Douglas mit Frau Catherine Zeta-Jones und ihren gemeinsamen Kindern. Foto: Getty

Jetzt ist es also passiert: Ich bin alt und werde noch einmal Vater. Gefühlt sehe ich mich auf einer Linie mit Michael Douglas (letztmalig Vater geworden mit 58), Rod Stewart (mit 66) und Anthony Quinn (mit 81!). Aber abgesehen davon, dass ich mir mit diesen Vergleichen – vorsichtig formuliert – ziemlich schmeichle, stimmt noch etwas nicht.

Ich bin nämlich gerade mal 34 Jahre alt und damit weit entfernt von den späten Vaterfreuden dieses virilen Dreigestirns. Andere Männer werden in meinem Alter erstmalig Vater, weil sie sich vorher als zu jung empfunden haben. Und ein gleichaltriger guter Freund hat nur wenige Tage gebraucht, um sich von der Nachricht zu erholen, dass aus seiner schönen Pärchen-mit-Kind-Situation eine Grossfamilie wird – er erwartet Drillinge. Ich hingegen hätte an seiner Stelle vermutlich den ersten Schock darüber frühestens auf der Abschlussfeier der drei verdaut.

Woran liegt das bloss? Zugegeben: Irgendwie werde ich das Kind auch diesmal geschaukelt bekommen. Aber beim Gedanken daran, dass es eine knappe Dekade her ist, seit ich zuletzt nachts aus dem Bett bin, um mich um ein Baby zu kümmern, wird mir ein bisschen mulmig. So warm, dass einem nicht scheissekalt wird, wenn man sich um Mitternacht unter der kuscheligen Decke hervorquält, um mit dem Kind schlaftrunken durch die Wohnung zu tapsen, wird es in Deutschland so gut wie nie. Ausserdem wecken die einen immer, wenn man gerade die Tiefschlafphase erreicht hat. Da fühlt sich das Aufstehen dann an wie nach einem Niederschlag beim Boxen – man weiss kurzzeitig nicht, wer oder wo man ist, oder auch nur, welcher Spezies man angehört. Ich erinnere mich noch daran, dass meine Lebensgefährtin und ich schliesslich dazu übergegangen sind, immer später ins Bett zu gehen, um zumindest diesen ersten Moment des «Wer bin ich und warum schreit das da so?!» einfach auszusitzen.

Das ist ein Problem – die Erinnerung an all die Momente, in denen man gedacht hat, dass man nicht mehr kann, und feststellen musste, dass dieses Gefühl allenfalls zweitrangig ist.

Ein anderes Problem ist, dass länger wach bleiben gar keine Option mehr ist. Wir haben schon zwei Kinder und zwei Jobs. Da nimmt man jede Mütze Schlaf, die man bekommen kann. Pärchenzeit, das werden viele von Ihnen wissen, bedeutet für Eltern oft, dass sie komatös im Bett herumliegen – wenn sie nicht gerade tiefsinnige Gespräche darüber führen, wie müde sie sind («Auch so kaputt?» – «Hmmm!»). Ansonsten hetzt man sich so gut es geht durch die Rushhour des Lebens.

Das dritte und grösste Problem ist jedoch die Angst. Mit Mitte dreissig geht man die Dinge nicht mehr ganz so unverkrampft an, weil die Einschläge immer näher kommen. Befreundete Paare fangen an sich zu trennen, und man fragt sich unweigerlich, ob die eigene Beziehung auch ein Verfallsdatum haben muss. Best before third child. Oha! Im Bekanntenkreis gibt es plötzlich Leute, die ernsthaft erkrankt sind. Freundin X ist gekündigt worden. Freund Y hat gerade seine Mutter verloren. Und man selbst ist die letzten Jahre ein paar Mal so richtig schön auf die Fresse geflogen.

In den Zwanzigern nennt man das «Erfahrungen, die man gemacht haben muss». In den Dreissigern heisst das «Rückschläge». Ich könnte mir vorstellen, dass man in den Vierzigern dazu «Wunden» sagt. Und wenn man viel Glück hat, wird einem in den Fünfzigern klar, wie albern der Anspruch auf ein bruchloses Leben ist. Darauf, sich und die Kinder in Sicherheit wiegen zu können. Denn all die Befürchtungen, die ich mit einem neuen Kind verbinde, waren schon immer real. Nur habe ich mir früher die jugendliche Ignoranz geleistet, darüber hinwegzusehen.

Da man so naiv jedoch nicht werden, sondern nur sein kann, versuche ich es als Mittdreissiger stattdessen mit Pragmatismus. Okay, ich bin ein Schisser. Die Welt ist schlecht, das Leben kann echt ätzend sein. Dafür kann mein Frischling ja nichts. Ausserdem hat der bestimmt so ganz kleine Füsse und gähnt sehr süss. Später gurrt er dann, fängt an zu laufen, hält mich an der Hand und nervt und macht mich fürchterlich glücklich. Ach, das wird toll. Wenn ich es mir recht überlege: Gibt es eigentlich etwas Besseres, als mit 34 noch ein Kind zu bekommen?!

pickert150x150*Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.