Kopftuchverbote in Schulen sind Nonsens

Andrea Fischer Schulthess am Freitag, den 28. August 2015
Mamablog

Der Hijab als modisches Accessoire: Muslimisches Mädchen an einer Schule in England. Foto: Olivia Harris (Reuters)

Unüberschaubare Massen von Menschen bewegen sich auf der Suche nach einem sicheren Dach über dem Kopf durch Europa. Und was ist die Reaktion derer, die schon oder noch eins haben? Angst. Anders kann ich mir solche kleingeistigen Entscheide wie das Kopftuchverbot an einer Thuner Schule nicht erklären. (Es wurde zwischenzeitlich für diesen Einzelfall aufgehoben.) Da schien sich jemand in seinem Geraniengarten bedroht gefühlt zu haben.

Angst ist menschlich und nachvollziehbar und nebst Liebe das vermutlich mächtigste Gefühl überhaupt. Aber wenn die Antwort drauf Intoleranz ist, wird es höchste Zeit, mal kurz nachzudenken. Insbesondere als Institution mit Vorbildcharakter. Immerhin haben Schulen die Aufgabe, unsere Kinder mit zu erziehen. Und das längst nicht nur in Wissensfragen, sondern auch im zeitgemässen Umgang miteinander. Gerade der wird immer wichtiger werden, je enger wir alle aufeinanderhocken müssen, ob es uns passt oder nicht. Darum finde ich es erschütternd, dass ausgerechnet eine Schule einem Kind verwehrt, mit einem Kopftuch herumzulaufen, insbesondere wenn es vom entsprechenden Kanton nicht mal eine entsprechende Weisung gibt.

Man kann jetzt argumentieren, dass Kopfbedeckungen eben generell nicht erlaubt seien im Unterricht. Aber mal im Ernst: Ist das in Stein gemeisselt? Wäre es wirklich und ehrlich so schlimm, wenn in Gottes oder Allahs oder irgendwessen Namen – oder nur aus Freude daran – auch Dächlikappen im Unterricht zugelassen würden? Ich könnte damit leben. Nur weil es seit einiger Zeit als unhöflich gilt, an bestimmten Orten etwas auf dem Kopf zu tragen (vor allem bei Männern), muss das ja nicht zwingend für die nächsten tausend Jahre gelten. Und wo fängt eine Kopfbedeckung überhaupt an. Bei der Perücke? Beim Kopftuch, das während einer Chemo getragen wird, oder bei der Kippa? Das sollte mal gründlich diskutiert und überdacht werden, im Idealfall mit den Jugendlichen gemeinsam. Das wäre bestimmt eine wirkungsvollere Medizin gegen Angst als Verbote.

Mamablog

In Frankreich gilt seit 2004 ein Kopftuchverbot an Schulen. Dagegen gab es anfänglich Widerstand (17. Januar 2004). Foto: Reuters

Das Argument, man wolle eben keine Präzedenzfälle schaffen, denn sonst kämen plötzlich Mädchen mit Gesichtsschleier zur Schule undsoweiterundsofort, ist auch eher kraftlos. Ja, wir sollen unsere Gesichter gegenseitig sehen, denn wir sind mimisch kommunizierende Wesen. Aber letztlich kann man keine Entwicklungen vorwegnehmen oder verhindern, sondern nur reagieren, wenn etwas konkret ansteht. Alles andere ist vorauseilender Gehorsam, der von einer Schuldvermutung ausgeht. Davon, dass Menschen prinzipiell Schlechtes im Schilde führen und man darum schon Kilometer im Voraus alle Massnahmen ergreifen muss, um allfälligen Ungehorsam im Keim zu ersticken. Ja, vielleicht ist es naiv, das nicht zu tun. Aber die Schuldvermutung stammt aus einer Ära der schwarzen Pädagogik, die meines Wissens überholt ist. Und Probleme lassen sich damit schon gar nicht verhindern, höchstens Trotz wecken.

Ich weiss nicht, ob es im konkreten Fall stimmt, dass das Mädchen seine Kopfbedeckung freiwillig trägt, wie sein Vater sagt. Auch will ich mich hier keineswegs zur Verfechterin der Verschleierung von Frauen aufschwingen. Aber dennoch muss die Frage erlaubt sein, wie freiwillig eigentlich alle anderen Kids ihre Kleidung wählen. Bei fast allen spielen Eltern, ihr kultureller Hintergrund oder sozialer Druck eine so immense Rolle, dass es vermutlich äusserst spannend und drucklindernd wäre, auch darüber einen Diskurs mit den Kindern zu führen, statt über ihre Köpfe hinweg.

Hand aufs Herz: Die Vorstellung, dass wir völlig freie Menschen sind, die alles mit Verboten und Regeln unter Kontrolle halten können, ist zwar bestechend, hat aber mit der Realität nichts zu tun.

Es wird noch so vieles kommen, von dem wir keine Ahnung haben, wie wir oder unsere Kinder damit umgehen sollen. Aber von etwas zumindest bin ich überzeugt: Kleingeistigkeit und Angst werden dabei bestimmt nicht hilfreich sein. Auch wenn es die erste impulsive Reaktion auf Unbekanntes ist. Auch bei mir.

Trotz Downsyndrom ein Facebook-Profil?

Mamablog-Redaktion am Donnerstag, den 27. August 2015

Ein Gastbeitrag von Ingrid Eva Liedtke*

(iStock/Leonardo Patrizi)

Vernetzungsmöglichkeit oder Risiko? Eltern wollen ihre Kinder vor den Gefahren von Facebook schützen. (iStock/Leonardo Patrizi)

Wir wissen, dass man sich mit Facebook in einem offenen Raum bewegt. Was da veröffentlicht wird, ist vielen zugänglich, nicht nur den sogenannten Freunden, sondern auch deren Freunden – und so weiter.

Meine Tochter hat das Downsyndrom und versteht nicht, in welchem Ausmass sie sich auf Facebook Spott und Häme preisgeben kann. Ich hoffe, dass ihre «Freunde» um ihre Kommunikationsmöglichkeiten wissen.

Gerade kürzlich hat sich die Frage wieder gestellt, wie weit ich als Mutter kontrollierend einwirken kann, als jemand mich wegen eines abwertenden Kommentars darauf angesprochen hat.

Natürlich will ich mein Kind schützen vor allem Unbill. Doch mein Rat ist nicht gefragt. Selber machen, wie alle anderen, ausprobieren und dazugehören ist angesagt. Das kann für einen speziellen Menschen wie meine Tochter bedeuten, dass sie Aufmerksamkeit erregt, sich der Lächerlichkeit preisgibt – ohne dass ihr das bewusst ist – und dass sie möglicherweise verhöhnt und ausgegrenzt wird. Glücklicherweise ist das bisher kaum passiert. Vielleicht auch, weil ich in kniffligen Situationen da war, um sie zu beschützen – indem ich meine ganze Akzeptanz und mein Wohlgefallen in den Raum strömen liess. Das ist nicht immer möglich.

Wir Normalo-Angehörigen meinen, dass es peinlich sein könnte, wenn sie bei jeder Party ein Ständchen darbringen will und aus vollem Hals, manchmal auch falsch, singt, wenn sie im Facebook Statements abgibt, die jeder Rechtschreibgrundlage entbehren, und zum hundertsten Mal behauptet, der von ihr bewunderte Star sei ihr Freund, nur weil sie in seinem Facebook-Fanclub ist.

Wir selber sind penibel darauf bedacht, uns ja nicht lächerlich zu machen. Wir bemühen uns, unantastbar zu bleiben und uns nicht in Situationen zu manövrieren, denen wir nicht gewachsen sind. Wir haben es im Griff! Wir versuchen, uns im öffentlichen Raum und vor allem im Umgang mit sozialen Medien so zu äussern, dass wir nicht plötzlich den Spott einer ganzen Meute auf uns ziehen, die sich dann einen Spass daraus macht, gegen uns vom Leder zu ziehen. Solches hat schliesslich schon Teenager in den Selbstmord getrieben. Wir wissen, wie es läuft.

Annina mit ihrem Handy.

Annina mit ihrem Handy.

Darum ist es meine Pflicht, meine Tochter zu schützen. Das stimmt natürlich, und das Thema hat mir einmal mehr eine schlaflose Nacht beschert. Was kann ich tun?

Wenn wir von einer gewissen Akzeptanz Menschen mit einer Behinderung gegenüber ausgehen und von den, wenn auch zäh, doch fortschreitenden Integrations- bzw. Inklusionsbestrebungen, dann muss es möglich sein, dass ein Mensch mit Downsyndrom einen Facebook-Account unterhalten kann – auf seine Art und Weise, mit seinen sprachlichen Möglichkeiten –, ohne sich der Lächerlichkeit und dem Spott preiszugeben. Oder?

Wenn wir darauf vertrauen, dass auch Menschen, die anders sind als wir und nicht in allem dieselben Möglichkeiten und Fähigkeiten vorzuweisen haben, trotzdem ein möglichst selbstständiges und würdevolles Leben führen können, dann müssen wir ihnen zugestehen, dass sie sich in diesem Leben und dieser Gesellschaft bewegen dürfen; ohne dass wir sie auslachen und erwarten, dass sie sich so wie wir benehmen, und eben ohne, dass wir für sie Ghettos schaffen, wo sie nur unter sich sind und möglichst nichts passieren kann, was uns tangieren und stören könnte. Das heisst doch, dass wir als Eltern unsere Kinder, auch erwachsene Kinder, dabei begleiten, ihren Platz zu finden, und ihnen dabei zugestehen, sich derselben Mittel zu bedienen wie alle anderen in ihrem Alter.

Meine Tochter hat ein iPhone, ein iPad, einen PC. Sie schreibt gerne SMS an ihre Kollegen und Freunde und postet auf Facebook. Meine Kontrollmöglichkeiten sind begrenzt, und trotzdem sorge ich mich, dass sie irgendeinem Grüsel auf den Leim geht oder gemobbt wird. Ich weiss nicht, ob ich sie, gesetzt den Fall, schützen könnte. Wir reden immer wieder mit ihr darüber, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie versteht, worum es geht. Vielleicht will sie es einfach nicht von mir hören. Darum delegiere ich solches auch an ihre Wohngruppenbetreuerin. Freiwillig gewährt sie mir auch keinen Einblick in ihre SMS oder ihren Messenger. Das sei schliesslich privat. Sie hat recht und offensichtlich schon einen Sinn für ihr eigenes Leben entwickelt, ein Leben, das uns nicht jederzeit etwas angeht.

Das Risiko bleibt, dass sie sich mit ihren öffentlichen Äusserungen lächerlich macht. Sie zeigt sich, wie sie ist, und kann hohen Standards nicht genügen. Doch wer setzt diese?

Ich hoffe, dass wer mit meiner Tochter auf Facebook befreundet ist und sie kommentiert, schon weiss, mit wem er es zu tun hat, und somit auch die nötige Akzeptanz aufbringt. Darauf kann man sich nicht verlassen? Stimmt. Trotzdem baue ich auf das Gute im Menschen. Der abfällige Kommentar, der diese ganzen Überlegungen überhaupt ausgelöst hat, ist nämlich sehr schnell wieder gelöscht worden. Da hat es jemand doch noch gecheckt.

Wenn ich das Vertrauen aufbringe, meine Tochter loszulassen, damit sie ein eigenständiges Leben führen kann, dann kann ich sie nicht vor allem beschützen. Das Risiko bleibt.

MB_porträt_150*Ingrid Eva Liedtke, Autorin, psychologische Beraterin und Coach. Sie schreibt den Blog Herzenblühen.

Papa macht jetzt wieder Sport

Mamablog-Redaktion am Mittwoch, den 26. August 2015

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Mamablog Papa & Sport

Joggen fügt sich gut ins Familienleben ein: Papis in «What to Expect When You Are Expecting». (Lionsgate)

Ich verstehe Menschen, die sich nach der Geburt ihres Kindes «gehen lassen». Man hat plötzlich weniger Zeit und ganz andere Prioritäten. So erging es auch Ihrem geschätzten Papablogger: Kurz vor Brechti Geburt kündigte ich mein Fitnessabo. Die langweiligen Stunden zwischen körperfixierten Hantelhyänen hatten es mir sowieso nicht angetan. Ich war nie ein Bewegungsmuffel, aber auch kein Sportler. Maximal ein kleiner Wintersportler. Meistens bewegte ich mich grad so viel, dass mein Körper nicht mit dem Gesundheitswarnglöckchen bimmeln musste.

So ward der Brecht geboren, und die Tage nahmen ihren Lauf. Die Natur segnete uns mit einem schweren Baby, das auch nach 16 Monaten noch nicht läuft. Das Resultat kann sich sehen lassen: Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich den kräftigen Oberkörper eines eingeölten Holzfällers in der Morgensonne. Doch die Muskelberge versperren mir die Sicht auf meine verkümmerten Beinstelzen. Und das wahre Problem zeigt sich, wenn ich mit dem Kinderwagen die paar Meter bis zur Bushaltestelle rennen muss. Das ist wahrlich kein schöner Anblick. Im Bus bieten mir gebrechliche Senioren um die 98 jeweils mitleidsvoll ihren Sitzplatz an.

Das Gesundheitswarnglöckchen bimmelt nun laut und deutlich. Ich muss reagieren, schliesslich will ich meine Kinder noch lange erleben. Also jogge ich. Viermal war ich jetzt schon. Den ersten Versuch brach ich nach zwei Minuten unkontrollierten Keuchens ab und legte mich eine Weile auf den Waldboden. Aber ich werde ausdauernder und schneller. Heute Morgen bin ich zum Beispiel über einen Fuchs gestolpert, der nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte.

Dass ich jemals Joggen würde, hätte ich nie gedacht. Das ist so gar nicht meine Lieblingssportart. Aber Joggen fügt sich gut ins Familienleben ein: Frau und Brecht sind Langschläfer, ich Frühaufsteher. Und es gibt nichts Idyllischeres, als früh am Morgen durch den Wald zu hecheln und über Tiere zu stolpern. Das mit dem Fuchs war natürlich gelogen, es handelte sich vielmehr um eine Spinne in ihrem Netz. Deshalb bevorzuge ich eigentlich Sportarten, die man oberhalb der Baumgrenze ausübt. Aber jä nu, die Baumgrenze ist zu weit weg.

Auch Vitamine könnten das Glöckchen besänftigen. Eine Ernährungsumstellung ist sowieso angesagt, denn der Brecht zeigt immer vorwurfsvoller auf mein Essen. Er versteht nicht mehr, warum er nicht dasselbe kriegt. Letzthin bei McDon… in einem kleinen amerikanischen Familienrestaurant warf er sein Vollkornbrötchen von sich und griff herzhaft in die Pomfritt auf meinem Tabl… Teller. Wild zeternd erkämpfte ich mir mein Essen zurück, aber die Stossrichtung ist nach diesem Zwischenfall klar: mehr Gemüse, mehr Früchte und mehr Vollkorn auch für die Eltern. Diesmal muss es klappen, denn ich habe definitiv nicht vor, das Kind an meinen bisherigen Menüplan anzugleichen. Und das sagt eigentlich schon genug über meine Ernährung.

Die Schonzeit ist vorbei, ich lasse mich jetzt nicht mehr gehen: Das Baby ist von der Entschuldigung zur Motivation geworden. Ob die Vorsätze halten, berichte ich gerne in ein paar Wochen, sofern ich bis dahin nicht von einer Spinne gefressen wurde.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.

Kinderfotos auf Facebook, ja oder nein?

Mamablog-Redaktion am Dienstag, den 25. August 2015

Kaum auf der Welt, sind sie schon im Internet. Die stolzen Eltern posten Bilder des Babys im Strampler, auf starken Schultern, im Zoo vor den Giraffen – und viele mehr. Doch soll man die eigenen Kinder auf Facebook oder Instagram präsentieren? Und steckt dahinter Elternstolz, Gedankenlosigkeit oder unverantwortliche Zurschaustellung? Ein Pro & Kontra von Claudia Marinka und Gabriela Braun.

JA
Freut euch und postet
Von Claudia Marinka

Die Autorin mit ihrer Familie. Fotos: Facebook

Lustvoll: Die Autorin mit ihrer Familie.

Keine Bilder von den eigenen Kids in Social Media! – Please, hören wir doch auf mit der Scheinheiligkeit. Bitte, wir leben im Jahr 2015. Wovor wollen wir unsere Kinder beschützen? Vor der Wirklichkeit? Eltern, die trotzdem Ferienbilder mit Kids oder Pics von Kindergeburtstagen posten, wird mangelnde Verantwortung vorgeworfen: Das Kind könne ja noch nicht mal entscheiden, ob es das will, so der Tenor. Gegenfrage: Hat denn das Kind was zu sagen gehabt beim Eintritt in die Kinderkrippe?

Das Einverständnis meiner Kinder (3- und 4-jährig) habe ich tatsächlich noch nie eingeholt und übernehme gerade deshalb sehr viel Verantwortung dafür, was ich poste. Angst sollte dabei nie der Begleiter sein. Vorsicht hingegen schon.

Noch ein Vorwurf: Die Privatsphäre schützen. Natürlich wollen das alle. Und natürlich will niemand mit gesundem Menschenverstand sein Kind mutwillig einer Gefahr aussetzen. Es ist selbstredend, dass Nacktbilder oder Aufnahmen, die ein Kind in kompromittierender Weise zeigen, totale No-gos sind. Es sollte auch klar sein, dass man seine Privacy-Einstellungen auf Social-Media-Plattformen im Griff hat.

Statt sich darüber aufzuregen, welche Kinderbilder andere posten – wissen Sie grad, in welchem Chatroom Ihr Kind (nein, das fängt schon vor dem zwölften Lebensjahr an) unterwegs ist?

Was mir bei dieser Diskussion aber wirklich fehlt, ist die Leichtigkeit. Freut euch mit am Glück der liebsten Freunde, teilt euch mit Genuss aus der Ferne mit. In der Schweiz lamentieren wir – wie so oft – über Risiken und Nebenwirkungen und vergessen dabei den Lust- und Herzensfaktor. Also: Freut euch und postet!

NEIN
Das bleibt in der Familie
Von Gabriela Braun

Mehr gibts nicht.

Privat: Mehr gibts nicht. Fotos: Facebook

Wie viel ich von meiner Familie in der Öffentlichkeit preisgeben soll und darf, frage ich mich bei meiner Arbeit als Mamabloggerin ständig. In den 13 Lebensjahren meines Sohnes habe ich bloss ein Bild von ihm auf Facebook gepostet – darauf ist er mit Skimaske zu sehen, man erkennt ihn nicht. Fotos unserer Familie bleiben privat. Die Bilder und die damit verbundenen Erinnerungen sind zu wertvoll und persönlich; sie gehören zu unserem Familienschatz und uns ganz allein.

Stellt meine Kollegin Claudia Marinka Fotos von sich und ihrer Familie auf Facebook, Twitter oder Instagram, «like» ich sie hin und wieder. Ihre Kinder sind süss – keine Frage. Doch weiss sie auch, was die Folgen sein können? Gerade weil wir uns im Zeitalter von Datenklau und Verfremdung befinden, gilt es doch, unsere Kinder besonders zu schützen.

Fotos, die für Eltern harmlos erscheinen, können für ihre Kinder unangenehm oder peinlich werden. Denn was einmal im Internet ist, lässt sich nicht mehr zurückholen. Ein fünfjähriges Kind wird sein Porträt mit von Tomatensauce verschmiertem Gesicht auch in zehn Jahren noch im Netz sehen. Die Eltern wissen nicht, ob der Jugendliche dann die Bilder von damals goutiert – oder deswegen richtig Probleme kriegt.

Damit meine ich nicht die Gefahr der Pädophilie, obwohl diese durchaus real ist. Nein, es geht in erster Linie um ein Überschreiten der Schamgrenze: Fremde wie Freunde können die Bilder verwenden, sie verfälschen, Unfug damit treiben, was bis zu Cyberbullying führt. Welche Bilder mein Sohn von sich ins Netz stellen möchte, soll er selbst bestimmen können. Jetzt, mit 13 Jahren, hat er meines Erachtens das notwendige Wissen und die Reife dazu.

Spielzeug wird geschlechtsneutral

Jeanette Kuster am Montag, den 24. August 2015
Bub oder Mädchen?

Bub oder Mädchen? Allein die Kinder sollen entscheiden, mit welchem Spielzeug sie spielen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Angefangen hat alles mit einem einzigen kurzen Satz. «Tut das nicht!», tweetete Abi Bechtel, als sie in der amerikanischen Ladenkette Target über ein Schild gestolpert war mit der Aufschrift «Baukästen» und «Baukästen für Mädchen». Der Tweet wurde tausendfach favorisiert, retweetet und kommentiert. Und bewog Target schliesslich dazu, Anfang August zu verkünden, dass man künftig in der Spielwarenabteilung auf die Unterteilung in Mädchen- und Jungssachen verzichten werde.

«Wir nutzen Schilder, um unseren Kunden Orientierung zu bieten und sie auf Produkte hinzuweisen», heisst es in der Medienmitteilung, «aber wir wollen nicht, dass sich einer unserer Kunden eingeschränkt fühlt durch die Art und Weise, wie unsere Produkte präsentiert werden.» Während des vergangenen Jahres hätten die Kunden wichtige Fragen gestellt in Bezug auf geschlechtsspezifisch beschriftete Produkte. «In einigen Fällen sind solche Kennzeichnungen sinnvoll. In anderen nicht.» Man habe deshalb beschlossen, Bettwäsche zum Beispiel nur noch ganz geschlechtsneutral mit «Für Kinder» anzuschreiben. Und in der Spielwarenabteilung würden nicht nur die Bezeichnungen «Für Jungs» und «Für Mädchen» verschwinden, sondern auch die pinken und blauen Hintergrundfarben in den jeweiligen Regalen.

Dieser Hinweis brachte Target in Teufels Küche (Tweet Abi Bechtel)

Dieser Hinweis brachte Target in Teufels Küche. (Tweet Abi Bechtel)

Targets Entscheid wurde im Netz fleissig diskutiert. Es gab viel Jubel bei den Eltern, die ihre Kinder nicht in Schemata pressen und ihren Söhnen die freie Wahl lassen wollen, ob sie im Spielzimmer lieber Autos reparieren oder Puppen wickeln. Doch es wurde auch Kritik laut. Ein Kunde fand, Target müsse wahnsinnig geworden sein, man könne Kindern doch nicht ernsthaft vormachen, dass alle gleich seien. Eine Mutter schrieb auf Facebook, dass ihr langsam übel werde «ob dieses politisch korrekten Irrsinns», während eine andere meinte, dass es neuerdings wohl falsch sei, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, «man muss neutral sein».

Dabei ist Target bei weitem nicht der erste Anbieter, der auf Kundenwunsch geschlechtsspezifische Bezeichnungen aus der Spielzeugabteilung entfernt. Bereits 2013 wurde in England die Bewegung «Let Toys Be Toys» gegründet, die Anbieter dazu bringen will, «Spielsachen nicht mehr mit den Labels ‹Für Mädchen› oder ‹Für Jungs› zu versehen und dadurch die Interessen der Kinder künstlich einzuschränken». (Wir haben im Mamablog darüber berichtet.) Asda, Boots, Tesco, alle haben auf die Forderungen reagiert und Anpassungen vorgenommen. Was beweist, dass wir als Eltern durchaus eine gewisse Macht haben, das Angebot zu verändern, wenn es uns nicht passt.

Und wie sieht die Situation in der Schweiz aus? Manor zum Beispiel unterteilt das Spielzeug in den Läden nicht in Jungs- und Mädchensachen, sondern setzt auf Themenwelten. «Wir berücksichtigen die gesellschaftliche Entwicklung – insbesondere in Bezug auf die Geschlechterfrage bei Kinderspielzeug», sagt Pressesprecherin Elle Steinbrecher. Daher habe Manor entschieden, Spielzeug neutral zu präsentieren, «in unserem letzten Weihnachtskatalog zum Beispiel gab es auch keine Mädchen- und Jungsseiten mehr».

Die Website des Warenhauses ist dennoch gespickt mit Stereotypen. So heisst es beim Playmobil-Sortiment etwa, dass «die Ritterburg mit vielen Extras wie einem feuerspeienden Drachen für Jungen oder die Princess-Serie für Mädchen» Kinderaugen zum Leuchten bringen. Oder dass «viele Kinder, besonders Mädchen», Puppen lieben.

Wie stehen Sie dem Thema gegenüber? Sollten Spielsachen neutral präsentiert werden, damit sich Mädchen eher trauen, mit klassischen Jungssachen zu spielen und umgekehrt?

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