Schon mancher Traum

Mirko Schwab am Samstag, den 28. Januar 2017 um 5:55 Uhr

Ein rastloser, einsamer Wolfshund, nächtliche Leere auf dem Asphalt der Aussenquartiere. Die neue Migo Buzz-Single als beeindruckendes Reifezeugnis in Bild und Ton.

«You better run, when you hear the sirens coming.»

Seit dem überkochenden Saviours Of Soul-Hype dürfen die Untergrundhelden der Chaostruppe schon fast zu den Szenevätern gezählt werden. Eng damit verwachsen ist der Rapper Migo, der die Truppe seit ihrer Zusammenrottung mit den technisch wendigsten und textlich vielschichtigsten Parts anführt.

Als Solist kommt er stets zu zweit. Der kongeniale Schaffenspartner Buzz zeichnet verantwortlich für Videos und Beats – und obwohl als wortloser Akteur im Hintergrund und an der Youtube-Oberfläche, steht ihm der prominente Platz in der Interpretenzeile fraglos zu. Auch er hat sich über die Jahre Meisterschaft erarbeitet auf seinen Gebieten, davon zeugt die konsequente Videoproduktion «Schlaflos in Bärn» mit stilistischer Unaufgeregtheit. Und davon zeugt die bittersüsse Vorstadtatmosphäre, die er im Beat widerzuspiegeln vermag, davon zeugt der pointierte Einsatz der Hookline als down-pitch-Entlehnung von Jorja Smith mal Dizzie Rascal. Und nicht zuletzt die satte Produktion: eine Snare, die knallt und Hats, die sitzen.

Textlich bewegt sich Migo durchs Aussenquartier seiner Sozialkritik, wo die Wahrheiten der Leistungs- und Selbstoptimierungs-Gesellschaft an verkratzem Plexiglas zerscherbeln. Die Biographien der Gescheiterten, Gefangenen und Ge*ickten sind immer noch das beste Argument wider die einfachen Losungen. Jeder ist seines Glückes eigener Schmied – doch auf dem Amboss des Systems ist schon mancher Traum verglüht.

Dass das nicht nach marxistischem Lesekreis klingt, ist den poetischen Bildern zu verdanken, die Migo bei aller Wut mit Sorgfalt in den Text flicht. Das sind nicht Sätze wie Pflastersteine. Das sind Verse aus der Nachbarschaft der Sozialwohnheime.

Migo Buzz «Schlaflos in Bärn» kann gratis für einen Wahlwert heruntergeladen werden.

Zrüggcho #likeaPro

Milena Krstic am Freitag, den 27. Januar 2017 um 15:47 Uhr

Kulturstattbern wäre nicht Kulturstattbern, würden wir nicht über die Rückkehr von Jeans for Jesus berichten.

Der Trailer zum neuen Album «Pro» verspricht jedenfalls hochgepitscht synthetische Sexyness. Mir si gschpannt.

https://www.instagram.com/p/BPxDWEtBzB0/?taken-by=jeans4jesus

Hier schon mal die erste Single kaufen und in Schlaufe hören und wer will, kann sich den 14. April vormerken: Dann ist nämlich Plattentaufe im Dachstock. 

Wär isch hässig?

Milena Krstic am Freitag, den 27. Januar 2017 um 0:06 Uhr

Zuerst waren da diese Sticker, irgendwie überall in dieser Stadt: an Ampelmasten, Häuserfassaden und auf Telefonhörern. Wer ist hässig und warum?

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Endlich zu hause

Roland Fischer am Mittwoch, den 25. Januar 2017 um 9:00 Uhr

Nach Zwischenstationen im ZKM Karlsruhe, am CTM Festival Berlin, im Castelgrande Bellinzona und im BASE Mailand ist die Ausstellung Seismographic Sounds des Norient-Kollektivs nun endlich in Bern angekommen, gewissermassen im Schoss der Kuratoren. Wir hatten von der Premiere in Aarau berichtet, und wer es dahin nicht geschafft hat, der hat nun keine Ausrede mehr – bequemer als im Kornhausforum bekommt man die spannendsten aktuellen Tendenzen aus der ganzen weiten Musikwelt nie mehr serviert. 30’000 Besucherinnen und Besuchern hat die Ausstellungs-Tournee angezogen – in Bern dürfen es gern noch ein paar Ungrade mehr werden. Und dann ist Schluss, weitere Stationen sind nicht geplant. Also letzte Chance, sich diese auch vom Ausstellungskonzept her sehr weltläufige (will heissen unschweizerisch-mutige) Schau anzusehen.

Die Ausstellung läuft noch bis am 11. Februar. Am 4. Februar wird die Multimedia-DVD MATTER OF FACT getauft: Die serbische Soundkünstlerin Svetlana Maras hat das Sound- und Interview-Material von Seismographic Sounds zu einer Cut-Up-Komposition gesampelt, geremixt und weiterverarbeitet.

Keinzigartiges Lexikon: Folge 4

Gisela Feuz am Dienstag, den 24. Januar 2017 um 7:18 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Entletzen
Die Entletzung ist das Gegenteil der Verletzung: ein Vorgang, bei dem man sich, meistens aus Unachtsamkeit oder durch Zufall, heilt. Medizinische Journale führen zum Beispiel die folgenden Entletzungssituationen auf: Man hat eine ausgekugelte Schulter, stolpert und renkt sie sich dabei wieder ein. Oder man wird angeschossen, und die Kugel entfernt exakt einen Tumor im Anfangsstadium. Die bekannteste Sportentletzung besteht darin, einen Tennisarm, also eine Entzündung der Streckmuskulatur, mit einem Golferarm, das heißt einer Entzündung der Beugemuskulatur, zu neutralisieren. Gegenwärtig wird untersucht, ob auch das Gesetz, der Stolz oder Tabus entletzt werden können.


Eine typische Entletzung: der Sturz in eine Wiese mit Heilkräutern, nachdem man sich den Kopf aufgeschlagen hat.

Nächste Woche: Kunterschwarzweiß

Kulturbeutel 4/17

Milena Krstic am Montag, den 23. Januar 2017 um 5:23 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Waren Sie eigentlich schon mal im Orbital Garden? Ich habs irgendwie noch nicht geschafft. Hab mir aber sagen lassen, dass es ein ziemlich cooles Labor sei, um musikalisch unkonventionelles und abstruses auszuprobieren. Am Samstag etwa ist dort Julian Sartorius zu Gast mit seinem Stück «Failing Trance Meditation». Darin bildet er mittels Trommeln das ab, was Emma Murray tänzerisch in ihrer Show «This Is The Beginning» gemacht hat. Der Eintritt ist im Orbital Garden – wie immer – frei.

Mirko Schwab empfiehlt:
Am Freitag mal wieder feinste Rapsoirée im Dachstock: Dillon Cooper ist da, GeilerAsDu sind da. Hinterher liest DJ Kermit aus der Raphistorie. #BernNotBrooklyn, *itches!

Fischer empfiehlt:
Fabrikhallen! Brachen! Musik! Performance! auf jeden Fall: viel Raum! Ok, dafür muss man ein wenig aus der Berner Innenstadt-Komfortzone raus, nämlich nach Köniz. Da gibt’s nächstes Wochenende DREAMS OF SLEEP AND WAKES OF SOUND, u.a. mit neuer Musik von Merz und Fhunyue Gao und Performativem von Annalena Fröhlich.

Der Urs empfiehlt:
Am Mittwoch ab in die Turnhall, bee-flat im Progr: SHISHANI & THE NAMIBIAN TALES, ein starkes Stück moderne Afro-Mukke, hat gut Staub aufgewirbelt die Dame letztens. Oder REXtone am Samstag im Kino Rex: «SURREAL SYNTHESIZER», Raffael Dörig präsentiert Obskuritäten. Macht er sonst auf seinem Blog Dispokino, jetzt hat in Benedikt Sartorius ins Foyer des REX geladen, ist was für Headz!

Berner Beben (1)

Mirko Schwab am Samstag, den 21. Januar 2017 um 16:07 Uhr

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Als es zu rumoren beginnt und der Gassenboden sich auftut und das Geläut der zitternden Kirchen, als die Leuchtreklamen sich aus den Halterungen lösen, als die Welle gegen den Bahnhof brandet und das Senkeltram in der Waagrechten liegt, als oben und unten durcheinanderkommen in ein paar entrückten Augenblicken – da greift Frau Mülller noch zum Hörer, um sich über den Lärm zu beschweren.

Und da streichst du durch den Staub. Rasch war das Nötigste eingerichtet worden in Zelten und Baracken. Dir gefällt, wie der ganze Wohlstand dafür eingesetzt wurde, das Nötige zu bezeichnen, herzuschaffen und ausnahmslos allen zur Verfügung zu stellen. In der Suppenküche interessiert es niemand, wer du warst vor dem Beben, seit welcher Generation du hier warst, ob du Pfarrer warst oder Hure oder von der Polizei.

Also gehst du furchtlos durch den Staub. Auf der Suche nach deinen Leuten und nach den Plätzen. All die Orte, die du im Schlaf gefunden hättest, die im Schlaf standen seit du dich erinnern kannst, sind jetzt faszinierende Wimmelbilder. In den Zwischenräumen versammeln sich die Bebenskinder und am offenen Thorax der Strassen entsteht, was du zuvor nicht kanntest: echte Öffentlichkeit als Raum für alle. Zu erkunden ziehst du weiter mit den offensten Augen. Die Dämmerung legt sich langsam über die Wimmelbilder, die Bebenskinder entzünden Feuerstellen. Dein Blick folgt den Rauchsäulen und du entdeckst, wie Lichter leuchten in den glaslosen Fenstern des eingefallenen Kuppelbaus, der einst Bundeshaus hiess und noch keinen neuen Namen hat, weil noch nichts einen neuen Namen hat. Du gehst hin und die Tür steht offen.

Redaktor der Urs übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Länge.

#fieseanalytics

Mirko Schwab am Freitag, den 20. Januar 2017 um 18:22 Uhr

Der Berner Labelmacher Andreas Ryser unterhält seine sozialmediale Gefolgschaft seit Anfang Jahr mit handgezeichneten Statistiken.

Mal lustig, mal bissig, mal larmoyant – und hauptsächlich über dem Lieblingsthema «Musikmiete» – kritzelt sich der Patron von Mouthwatering Records unter dem Hashtag #ryseranalytics Beobachtungen zur Branche von der Seele. «KulturStattBern» liegt eine bisher unveröffentlichte Statistik vor, die wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten können.

Kleiner Scherz.

Ganz im Ernst: Mouthwatering Records darf getrost als eines der erfolgreichsten Schweizer Musiklabels bezeichnet werden. Darauf erscheinen Bands wie Odd Beholder, Len Sander oder True, die auf der internationalen Szene für Furore sorgen und mitunter dafür, dass die Schweiz immerhin musikalisch in Zukunft gerne mit Schweden verwechselt werden darf.

Stadt- und Landbrachen

Roland Fischer am Donnerstag, den 19. Januar 2017 um 14:55 Uhr

Auch schon über zehn Jahre her: 2005 sorgte das ETH Studio Basel (unter anderem Jacques Herzog und Pierre de Meuron) für einige Aufregung mit ihrem grossangelegten «städtebaulichen Portrait» der Schweiz. Vor allem mit der unverhohlenen Bezeichnung von «alpinen Brachen» machten sich die Stararchitekten keine Freunde und zementierten das Bild des hochnäsigen, auf urbane Räume gebuchten Architekten.

Und heute? Sind wir offenbar im postalpinen Zeitalter angekommen. Das suggeriert jedenfalls eine Ausstellung, die von der Berner Designerin Valerie Notter de Rabanal mitgestaltet worden ist. Derzeit in Samedan zu Gast, portraitiert PostAlpin Handwerksbetriebe, die in wirtschaftlichen Randregionen – vor allem in Graubünden, aber auch Bern ist vertreten – dem Abschwung trotzen.

Brachen? Potential! scheinen sich diese Betriebe zu sagen. Die raumplanerische Diskussion um Stadt und Land ist jedenfalls noch lange nicht vorbei.

EssenStattFressen

Urs Rihs am Donnerstag, den 19. Januar 2017 um 13:50 Uhr

Ein Appell an uns selbst, vor allem zur Mittagszeit. Das städtische «Lunchtime» ist gekennzeichnet von Sauce kleckernden, Krümel säenden, hypernervös und lustfern Sandwich schlingenden Massen.
Die kleinen feinen Örtchen, wo das Mittagsmahl hingegen als Ritual gepflegt werden könnte, sind selten. Die Situation im Zentrum – spätestens seit der Schliessung der Markthalle – eine Misere. Aber es gibt sie, die Silberstreifen am Horizont in den Gassen.

Donnerstags, ich war also auf der Pirsch nach Geniess- und Verwertbarem um die Mittagszeit. Mit der Prämisse einen Rest Selbstachtung zu wahren natürlich – schliesslich ist Esskultur auch ein Seelenspiegel – im Perimeter Bahnhof, eine schiere Unmöglichkeit. Der Vegi-Grossist am Eingang: Ein totaler Turn-off! Essen wie im Aquarium, gefangen zwischen Scheibenfront, open-air Salatbar und Juicer-Automaten. Bedrängt von mehrheitlich Yuppies und alles in Schaudistanz zum Prekariat vor dem Lokal. Nabelschau drinnen wie draussen, echt wie im Zoo. Ich bleib lieber draussen, auch der gesalzenen Preisen wegen.

Dann die Optionen Treppe hoch, Treppe runter, schwierig… Unten wartet der gelbe Doppelbogen mit seinem Dreck auf, flankiert von artgleichen Teufeleien, alles Kategorie «DIE HARD FAST». Oben, selber Buchstabe, nur etwas dunkler leuchtend, orange, kulinarisches- sowie konsumentenschützerisches Unheil verkündend: Trash-Bio zu einem Preis- Leistungsverhältnis, dass es dem Preisüberwacher eigentlich in den Ohren sausen müsste, krachen müsste. Die Devise scheint klar: «Erst das Fressen verkaufen, dann die Moral verkaufen.»
Nun denn, es bleibt nichts anderes übrig, Weg in Kauf nehmen. Lieber Weg als Knete, vor allem mit einem Drahtesel. Die Aarbergergasse ist schnell durchkreuzt – weil eben: Knete und Ambiente; da wünscht mensch sich Rosigeres als Alternative, sorry Sushi-Kebab-Burger-Pizza Meile… Kurzer Blick aufs Natel, da war doch was, Herrengasse 10, «Grüner Gaumen». Hatte der Bewegungsmelder mal drauf aufmerksam gemacht. Und sowieso hin da, weil sichs mit Sab, der werten Frau Betreiberin, neben Diskussionen über truly healthy food, auch so wunderbar über Musik austauschen lässt. Eine Oase des Seelenheils das Schüppchen.
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