Gazette für nicht mal 1 Gazeta

Roland Fischer am Mittwoch, den 8. Februar 2017 um 12:07 Uhr

Eine schöne Wortgeschichte wieder mal: Die Gazette kommt aus Venedig, wo vor fast 500 Jahren das erste Mal ein Flugblatt mit Namen Gazetta di Venezia erschien und nicht mehr als eine Gazeta, die kleinste Münze damals, kostete.

Noch nicht mal einen Fünfer kostet die neueste Gazette aus Bern, nämlich die Hauszeitschrift des Länggass-Tee. Der Laden ist ja gewissermassen Subventionsgeber für eine ganze Schar von Kulturschaffenden mit diversen Talenten – da lag es also nahe, daraus etwas zu schöpfen. Herausgekommen ist eine sehr schön gestaltete halbjährliche Publikation, deren erste Ausgabe sich dem Thema «roh» widmet. Roher Tee? Man findet via Google tatsächlich rasch zur Länggass-Tee-Webseite, mit überraschenden Infos zum Beispiel zu einem raren, postfermentierten (post was auch immer) Pu Er:

Eine seltene Spezialität aus Yunnan: Ein roher Pu Er in Top-Qualität von einem einzigen 500-700jährigen Teebaum. Die Verfügbarkeit ist natürlich sehr klein, der Tee wird deshalb nicht gepresst. Traditionell verarbeitet, an der Sonne getrocknet.

In der Gazette, die es im Laden im gewöhnungsbedürftigen, aber dem Layout wunderbar entsprechenden Schallplattenformat auf Papier oder hier auch als pdf gibt, liest man noch einiges mehr zu rohem Kochen und frei zum Thema assoziiertes Literarisches. Sowie so manches Wissenswertes rund um Tee natürlich. Ich meine, die kennen die Bäume, von denen der Tee kommt!

Keinzigartiges Lexikon: Folge 6

Gisela Feuz am Dienstag, den 7. Februar 2017 um 6:22 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Das Eichhorn
Das Eichhorn, der ausgestorbene Urahn des heutigen Eichhörnchens, gehört neben dem Mammut und dem Säbelzahntiger zu den schreckenerregendsten Riesensäugern der Urzeit. Durch seine Größe, seine scharfen Zähne und sein hinterlistiges Wesen war das Eichhorn für die Menschen der Steinzeit eine permanente Bedrohung. Zugleich wurde es als Gott der Fruchtbarkeit, der Vorsorge und des Knabberspaßes verehrt. Einige Forscher vermuten, dass das Eichhorn durch verbesserte Jagdtechniken der Neandertaler ausgerottet wurde. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sein natürlicher Feind es zu Tode gepickt hat: die Rotkehle.


Selbst vollständig erhaltene Skelette geben keinen Aufschluss über die kontroverse Frage, wie buschig der Schwanz des Eichhorns war.

Nächste Woche: Die Zweiöde

Kulturbeutel 6/17

Gisela Feuz am Montag, den 6. Februar 2017 um 5:49 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Am Samstag ist Fantasie gefragt, wenn in der Turnhalle bei Icon Poet in Kürzestzeit Geschichten gezimmert werden. Als Grundlage dienen jeweils fünf Icons, aus denen dieses Mal Gerhard Meister, Patti Basler, Paul Steinmann und Remo Rickenbacher mehr oder weniger abstruse Abenteuer zusammendichten.

Fischer empfiehlt:
Fake, Hoax, Beschiss, so tun als ob? In der Kunst ja sowieso Standard. Look, all this is fraud – Vernissage am Samstag im Milieu. Echt jetzt!

Der Urs empfiehlt:
«B&B», meint Balkan und Bass. Ersteres am Mittwoch im bee-flat mit Božo Vrećo, der drag-Ikone aus Bosnien und Herzegowina. Singt Sevdah Lieder, brutal melancholisch, verstörend eingängig, obwohl ich kein Wort versteh.
Zweiteres am Donnerstag im Rössli, Versions – Variations of Bass, was für Tieffrequenzenthusiasten, aktueller geht Bassmusik schwer – auch was für die Seele.

 

#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag, den 5. Februar 2017 um 13:56 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.
In der Playground Lounge im Marzili zum Beispiel, einem Refugium für musikgetaktete Irrköpfe. Liveshows, Konzerte, und das auch am Wochenende(!) – z.B. letzten Freitag mit «UNHOLD» – klingt schon fast aus der Zeit gefallen: Unverfilztes, ehrliches Kulturschaffen, nicht mehr oft zu finden.
Ein Laden «à l’ancinne» betrieben, von einem slawischen Futuristen, Status: Legende.
Playground ist nicht Etikett, Playground ist Essenz: Du gehst nicht hin, um gesehen zu werden, du gehst hin, um zu zuhören, um beizuwohnen, um dich auszutauschen:
Harte Währung gegen Stoff, klar, aber auch eine gute Geschichte gegen Slibowitz, eine Anekdote gegen eine Umarmung, ein Geheimnis gegen ein Versprechen: Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber an manchen Orten trotzdem – fast – wie Bushwick: Word!

#relax@PlaygroundLounge

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück.

Kleinstadt im Weltformat

Mirko Schwab am Samstag, den 4. Februar 2017 um 13:38 Uhr

Vor bald einundzwanzig Jahren hat der Storch uns einen Raben beschert. Einen quengligen, lauten, bunten, manchmal fahrigen, oft beflissenen und immer nötigen Glücksvogel. Alles Drucke zum Geburtstag!

Zum Zwanzigsten haben zwanzig Kulturleute dem Rebellenradio RaBe ein grafisches Kränzchen gewindet. Jetzt ist der alte Störenfried also schon bald einundzwanzig – und die besagten Geburtstagsgrüsse sind in Druckform erhältlich. Für an die Wand oder den Kühlschrank und auch besser, als immer eine Fahne haben … Lasch kommentiert, eine Auswahl der schönsten und wüstesten. (Und wie im Radioprogramm ist es eben auch das schönste, manchmal auf dem falschen Fuss erwischt zu werden. In diesem Sinne: Einmal Mittelfinger an die marktanalysierenden Nichtsnutze vom Hitradio, die das Wasser aus jenem Tümpelchen preisen, in das sie reinpinkeln.)

And now for the good things:

Alles Raben: Erst im Schwarm wird aus schrägen Vögeln eine Idee.

Laut und wüst wie der Reverend himslef: Des Beatmans Entwurf.

In jedem Vogel steckt ein Rabe. Die gelebte kulturelle Vielfalt aufs Plakat gebracht.

Ein echter Claude Kuhn: lakonisch und auf den Punkt. Die Erweiterung der Pupillen beim Einschalten des Radiogeräts.

Mit dem «Unknown Pleasures»-Cover wurde allerhand Blödsinn getrieben in den letzten Jahren – und so mancher Oberschenkel wäre besser dran ohne Joy-Divison-Tattoo «weil einem diese tiefgründigen Texte halt so unter die Haut gehen …» Item, ist jedenfalls eine der sinnvolleren Bemühungen des Motivs. Und RaBe fraglos eine zu unbekannte Freude.

Der weit aufgerissene Schnabel wirft Licht ins Dunkel. Lautstärke ist Licht. Diversität ist Licht. Dilettantismus ist Licht. Ein Schmuckstück in beherzter und einleuchtender Symbolik.

Wer schon immer mal wissen wollte, wie es in diesem herrlichhässlichen Block am Randweg 21 so zugeht: Xsändus Einwurf zeigt die ganze Wahrheit.

Ein eher missglücktes Beispiel zum Schluss. Da sind wir uns vom renommierten Plakatgestalter Stephan Bundi aber höhere Flüge gewohnt. Ein Regenbogen-Arien kotzender Rabe auf weissem Hintergrund … Gut, so besehen machts schon wieder Spass.

Sämtliche Plakate gibts zu fairem Preis als Weltformat, A2 oder in Form einer Postkartenserie. Am besten mal am Randweg 21 vorbeischauen oder ein Mail machen an: rabe(ät)rabe(punkt)ch

Eine beschissen schöne Angelegenheit

Gisela Feuz am Freitag, den 3. Februar 2017 um 8:25 Uhr

Der Titel ist Programm. Auf seinem 4. Studioalbum «Bruchstücke» beleuchtet Baze Menschliches und Allzumenschliches, wobei seine Songs wie Blitzlichter funktionieren, die auf Einzelschicksale gerichtet werden. Die Gestalten, welche dabei ins Licht gezerrt werden, sind keinen Frohnaturen. «Keine leichte Unterhaltungskost» sei dies, wie Genosse Hebeisen vom Mutterschiff in seiner ausführlichen und treffenden Besprechung heute sagt. Vielmehr ist es eine düstere Welt, die Baze skizziert, eine Welt die von Trauer, Wut und Entfremdung geprägt ist, eine Welt in der menschliche Kommunikation bruchstückhaft bleibt oder gar nicht mehr funktioniert, eine Welt die nur noch erträgt, wer vor Mittag drei Drinks intus hat.

In den 10 musikalischen Bruchstücken reisen wir mit Baze durch verschiedene Lebensentwürfe, wobei Fieldrecordings den Hörer von Station zu Station geleiten. Mal sitzen wir im Fonds eines südafrikanischen Taxis dann wieder umgibt uns das Gefluche und Gelalle in einer Beiz kurz vor Feierabend. Es ist der Soundtrack zum Lebensfilm verlorener Menschen, die alles haben und doch von diffusen Sehnsüchten getrieben sind, den wir da zu hören bekommen. In seinen dystopischen Miniaturen offenbart sich Baze als genauer und sprachlich exakter Beobachter der menschlichen Psyche. Indem er banale Alltagsszenarien schildert, dabei aber immer auch darunter liegende Schluchten und Krater aufdeckt, kreuzt er die Erzählkunst eines Mike Skinners mit der Abgründigkeit eines Nick Cave.

Auch wenn es vorwiegend düstere Lebensaspekte sind, die da beleuchtet werden, so ist «Bruchstücke» trotzdem nicht nur pessimistisch. Vielmehr vermittelt das Album, dass es halt einfach dazugehört, dass das Schicksal manchmal ein Arschloch ist. Und schliesslich sind es doch genau die extremen und überspannten Emotionen, welche das Leben erst ausmachen und einen dessen ganze Bandbreite und Tiefe erfahren lassen. Oder wie Baze sagen würde: «Z’Läbe isch sonä beschisse schöni Aglägeheit.»

«Bruchstücke» steht ab heute in den Läden, getauft wird am Samstag 18. März im Dachstock der Reitschule.

Oh, Blumentopfmann

Milena Krstic am Donnerstag, den 2. Februar 2017 um 11:06 Uhr

Es gibt ein paar wenige Tage im Jahr, da bleibt unser Blog leer. Dafür gibt es viele Gründe: Übermüdung auf Grund von exzessiver Selbstausbeutung, eigene Missionen und manchmal ist es auch einfach nur ein Kater. Aber nie, wirklich nie ist der Grund, dass hier in Bern einfach nichts läuft.

Von überall kommt es her, das bernische Kulturtreiben, es grünt und blüht und tut und wächst. Aktuell und passend zum grauregnerischen Nass erreicht mich ein neuer Videoclip von Artlu Bubble & the Dead Animal Gang, der Berner Nostalgie-Rock-Combo, die ihren «Flower Pot Man» in bewegte Bildsprache haben übersetzen lassen (von Jonathan Gerber und Roman Kasinski ).

Eine wunderbar schwelgerische Comic-Erfahrung in der Farbe Vintage-Gelb.

Artlu Bubble taufen ihre neue Platte «Holidays On Fruit Jelly Island» am 31. März im Dachstock.

Keinzigartiges Lexikon: Folge 5

Gisela Feuz am Dienstag, den 31. Januar 2017 um 6:20 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Kunterschwarzweiß
Mit den Emanzipationsbewegungen der letzten Jahrzehnte empfand man kunterbunte Bilder zunehmend als Diskriminierung gegenüber Farbenblinden. Man begann deshalb, kunterschwarzweiße Angebote zu entwickeln, etwa Werbeplakate, die zwar farblos waren, aber umso mehr auf ein Durcheinander zahlreicher kontrastierender Grautöne setzten. Kunterschwarzweiße Konfetti, Kuchenstreusel und Haribo-Mischungen kamen auf den Markt. Bald versuchten sich auch Maler auf dem Gebiet, der Kunterschwarzweiß-Film wurde entwickelt, und in der Clownszene waren kunterschwarzweiße Kostüme für kurze Zeit geradezu en vogue. Unbestätigt ist das Gerücht, dass „Kunterschwarzweiß“ als deutscher Titel für „Fifty Shades of Grey“ im Gespräch war.


Die kunterschwarzweißen Nana-Figuren gehören zu Niki de Saint Phalles weniger beachteten Kunstwerken.

Nächste Woche: Das Eichhorn

Kulturbeutel 5/17

Milena Krstic am Montag, den 30. Januar 2017 um 5:00 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Drei Mal S am Donnerstag (also eigentlich sechs Mal S): Rabenschwarze Live-Elektronika vom Basler Steiner und Luzerner S S S S in der kuschligen Spinnerei. Wer (auch) die guten alten Instrumente mag: Das Florian Favre Trio tauft am Freitag im Rahmen vom Bejazz das neue Album «UR».

Mirko Schwab empfiehlt:
Kraut in Stereo und Farbe: am Mittwoch tänzeln Sie zu Klaus Johann Grobe, mit ganzem Recht eine der Independent-Sensationen des letzen Jahres. Am Donnerstag wird dann zu Astronautalis Beitrag ans Rapgame abgenickt. Natürlich im Rössli, Berns erster Adresse für zelebrierte Popkultur.

Fischer empfiehlt:
Zweimal Schnee-Kultur: In Bern kann man am Samstag freischwebend driften, auf einer etwas anderen Stadtwanderung. Und Gstaad hatten wir glaubs noch nie im Kulturbeutel – da eröffnet am Freitag auf 1049 Metern über Meer eine grosse Freiluft-Kunstausstellung mit ziemlich grossen Namen, zum zweiten Mal nach 2014.

Der Urs empfiehlt:
Yea, wenn der Schwab zur Sonate der zelebrierten Popkultur bläst, stimm ich in den Tenor ein: BadBonn! Am Mittwoch, Merz x Sartorius x Toller!
«Ausnahme-Singer-Songwriter trifft auf Ausnahme-Schlagzeuger, trifft auf Ausnahme-Gitarristen», steht so im Programmheftweb, mit Qualitätsgarantie. Gönnt euch…

#BernNotBrooklyn

Roland Fischer am Sonntag, den 29. Januar 2017 um 11:39 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Gestern im Orbital Garden, Kramgasse. Julian Sartorius spielte eine Stunde lang irgend so Techno. «Failing Trance Meditation» – no fail, muss man sagen.

Heute um 17 Uhr übrigens im Keller der Kramgasse 10: Artists Favorites Special with Raphaël Delan, laut Veranstalter «eine menschliche Enzyklopädie für Musik, Design und Architektur… was letztlich alles irgendwie “Sex” ist».

 

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück.