Theaterfest von hinten

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 27. August 2006 um 20:09 Uhr

Schön war’s! Anstrengend auch, aber es hat sich gelohnt.

Zum Beispiel die Texte und Songs unter dem Motto «Sex, Drugs & Rock’n’Roll» am Nachmittag im Foyer. Amüsant, wie Intendant Eike Gramss mit sichtlichem Vergnügen die verblüffend expliziten Erotik-Verse von Ovid vorgelesen hat. Und die Songzeile «Isch liebe Liebe zu dritt» von Stereototal daselbst in die Kronleuchter zu schmettern, hat mir natürlich auch grossen Spass gemacht.

schönes FLAG-PlakatDie Kostümshow inklusive Versteigerung habe ich leider verpasst, wie vieles andere auch. Am Abend dann Shortcuts, kleine Müsterchen aus sämtlichen Produktionen der nächsten Spielzeit. Sehr ergreifend zum Beispiel die Kostprobe aus Brecht/Weills Mahagonny des Tenors Hendrik Vonk!

Lustig unser Dramaturg Rainer Hofmann, der für die Szene aus den Buddenbrooks als Alois Permaneder einsprang und dabei eine gehörige Portion komisches Talent entfaltete. Zu Reden gab bestimmt das nicht ungewagte achtminütige Video des Berner Künstlers Franticek Klossner, der kommenden Frühling gemeinsam mit Tanzchef Stijn Celis einen Tanzabend gestalten wird.

Und dann TK’s Swingmachine mit Beleuchter Marc Binz als Frontman. Cool! Schliesslich Party bis der Stuck runterbricht. Naja, fast. Um halb vier war Schluss. Aber schön war’s.

P.S. Ab sofort bei BernBillett zu haben: T-Shirts mit der Aufschrift Publikumsliebling.

Stadtfiguren (1)

Daniel Gaberell am Freitag, den 25. August 2006 um 8:10 Uhr

surprise-typ Max Frisch schrieb: Unsere Heimat ist der Mensch; ihm vor allem gehört unsere Treue. Nach langem Überlegen kam ich (zuerst) zum Schluss, dass dieses Zitat für mich nicht zutrifft. Meine Heimat ist das Wäldchen vor dem Haus, wo ich unzählige Hütten baute oder das romantische Aareufer, wo ich die Lippen und die Haut der Jungedliebe küsste. Dann aber, beim zweiten Nachdenken, musste ich ihm, dem Max, doch Recht geben. Die meisten Erinnerungen an meine Heimat sind mit Gesichtern und Gestalten verbunden.

So wird es auch mit Bern nicht anders sein. Wenn ich dann im alten Alter zurückblicke, werden mir ganz bestimmt auch zahlreiche Personen in den Sinn kommen. Denn jede Stadt ist geprägt von den Menschen, die in ihr leben, sie sind hauptverantwortlich für den Charakter eines Ortes oder eben einer Heimat.

Mein erstes Augenmerk richtet sich auf die zwei bekanntesten Strassenmagazinverkäufer unserer Stadt. (Ok, es gibt noch der an der Krücke bei der Bahnhofs-Welle, aber wir wollen hier ja keine Bildgalerie zelebrieren). Während sie in der Bahnhofsunterführung endlose Stunden ausharrt (fixer Standort), trifft man ihn innert kürzester Zeit nicht nur in der Innenstadt sondern auch in den Aussenquartieren (Dauerläufer). Sie sagt nie etwas, er hingegen preist sein Magazin im Sekundentakt als «Nei-Merci-Zitig».

Eine längst fällige Hommage im Kleinen an all die Grossen, die unsere Stadtkultur lebendig machen! (Fortsetzung folgt…)

schranz

King of Pop, unbestritten

Frau Götti am Donnerstag, den 24. August 2006 um 10:48 Uhr

Robbie1

Da ist es also über die Bühne gegangen, das Konzert aller Konzerte. Und es ist zu sagen: Robbie Williams kann so ziemlich alles tun und lassen, was er will – er ist der Entertainer schlechthin.

Weil er es ist, lacht man dankbar und übermässig über seine nicht immer sehr subtilen Witze in Fäkal- und Frühpuberto-Bereichen. (Zugegebenermassen muss das Wankdorf mit seinen Young Boys ja schon etwas queer sein für einen Briten.)

Weil er es ist, hört man sich sogar die live-Interpretation seiner unsäglichen neuen Single “Rudebox” an, die er in Adidas-Montur kurz vor Ende des Konzerts leider noch zum Besten gibt. (Statt dass man die gute Gelegenheit nutzen würde, um auf die Toilette zu gehen.)

Weil er es ist, schreit man sehr falsch und sehr laut bei seinen Hits mit, obwohl man den Text nur bruchstückhaft kennt (“na na na na naaah, she offers me protection, na na and affection, na na na na naaah“). Und obwohl man eigentlich von sich gedacht hat, seit damals bei AHA habe man das Singen überwunden.

Robbie2Weil er es ist, lässt man sich betören von seinemDas ist nein Scheisse“, und das Strategische dahinter ist einem egal.

Die Bühnenschau übrigens, die ist nicht von schlechten Eltern.

Nicht zufällig ist er bei “Advertising Space” auf den Video-Screens als Elvis himself zu sehen.

Denn einen neuen King of Pop hat die Welt ja nun.

Big Apple – kleine Welt

christian pauli am Donnerstag, den 24. August 2006 um 9:54 Uhr

Da waren also gestern Abend diese beiden Bands aus NY im Café Kairo- siehe unten. Die Anfrage kam vor einem Monat rein, tätsch bumm, machen wir – und siehe da: Es kommen Bekannte und Verwandte.

Zum Beispiel Roman Elsener, Sänger von Room. Ein Ostschweizer, lebt seit 11 Jahren im Big Apple und ist – wenn er nicht singt – US-Korrespondent für die SDA und Uno-Berichterstatter der NZZ. Roman ist der Bruder von Marcel und Marcel ist Musikredaktor beim St. Galler Tagblatt, und das St. Galler Tagblatt gehört der NZZ, und der «Bund» gehörte das auch einmal mehr als heute und ich war auch einmal im «Bund» und nun…

Und da kam noch ein anderer: Diedrich Diederichsen, das Hirn der deutschen Pop-Kritik, einst Redakteur und Herausgeber von Spex, nun Professor in Berlin und zur Zeit im Zentrum Paul Klee anlässlich der Sommerakademie. DD trägt heute abend um 18.30 Uhr vor. Thema: «Die dritte Kulturindustrie».

ddDDs Besuch hat mich persönlich gefreut, hat doch der Mann einmal im Spex diesen Satz geschrieben, der mein Leben doch für einige Jahre prägte. (Und weil wie hier Fun-orientiert sind, ein kleines Quiz: Welchen Satz hat DD geschrieben? Als Geschenk winkt das Objekt, auf den sich dieser Satz bezogen hat.)

Diedrich übrigens hat die beiden NY-Bands nur aus der Ferne betrachtet. Roman hat sich trotzdem riesig gefreut.

Kultur statt Gähn (1)

Manuel Gnos am Dienstag, den 22. August 2006 um 12:50 Uhr

Morex Optimo aus New York. (Bild: zvg)Liebe Freundinnen und Freunde der gepflegten Freizeitbetätigungen, nun ist es so weit: Ihr Kulturblog verschafft Ihnen einen Platz auf der Gästeliste!

Den Start macht die Liste des Café Kairo mit dem Konzert der beiden New Yorker Rockbands Morex Optimo und Room vom Mittwoch, 23. August.

Da die Platzzahl beschränkt ist, müssen Sie natürlich etwas dafür tun, um die auserwählte Person zu werden, die auf der Kairo-Gästeliste Platz findet. Klicken Sie dazu am Ende dieses Beitrags auf «Kommentare» und füllen Sie die Felder ganz am Schluss der sich nun öffnenden Seite aus. Sie müssen nicht Ihren wahren Namen verwenden.

Nun also noch die Frage, die es zu beantworten gilt: Wieso sind gerade Sie dazu prädestiniert, auf dieser Gästeliste Platz zu finden?

Eingabeschluss ist Mittwoch, 23. August, 12 Uhr. Sie dürfen so viele Versuche wagen, wie Ihnen beliebt. Die Jury ist unfair und bestechlich. Na dann los! Und viel Glück.

Präventive Aktion

Grazia Pergoletti am Montag, den 21. August 2006 um 0:35 Uhr

Da gerade alle anderen Blog-MitarbeiterInnen todkrank oder frisch verliebt zu sein scheinen – was, NEIN, nicht auf’s Selbe herauskommt! – wechseln Herr Gaberell und ich uns halt ein bisschen ab…

Am Freitag war Vernissage in der Kunsthalle. Die Ausstellung nennt sich Pre-Emptive, und obwohl ich es immer schwierig finde, eine Austellung an der Eröffnung zu beurteilen, empfehle ich einen Besuch wärmstens. Zwar war ich sehr dankbar, den Artikel im «Bund» vom Freitag vorher gelesen zu haben, denn er lieferte Hintergrundinformationen, die einem an der Ausstellung selbst vorenthalten bleiben. Dies ist natürlich Absicht, denn die «Ausstellung will eine Situation beschwören, die der Verwirklichung und Möglichkeit jeglicher Kontrolle vorgreift, sie also vermeidet».

F. Reymond le cadeaux dePersönlich bemerkenswert nebst der Kunst war die gute Stimmung an diesem Abend, die Rede (sowie die Frisur) von Philippe Pirotte, und mein kurzer Tratsch mit Herrn Gartentor, der sich als Kulturblogbesucher outete. Mein Highlight lieferte schliesslich Giro Annen mit diesem Satz: «So ist es doch im Leben: Man wartet immer darauf, dass es so viel schneit, dass die Schule geschlossen bleibt.»

Bevor ich mich jetzt vollends zur Patricia Boser der Kunstszene mache, hier ein kurzer, trockener Hinweis auf eine andere Austellung. Anton «Fashion» Schuhmacher zeigt in seiner Galerie Artdirekt (Herrengasse 4) Malerei von Florence Reymond, Vernissage war am Samstag. Lieblich und unheimlich. Hingehen!

Ein sicherer Wert

Daniel Gaberell am Sonntag, den 20. August 2006 um 21:03 Uhr

KnieDer Knie – ist das Kultur? Vor allem, wenn man die Vorstellung drinnen auslässt und dafür Backstage Pferde, Elefanten und anderes (!) sieht?

Der Knie – an allen Ecken und Enden ein sicherer Wert für Nostalgie und Romantik: Enge und hübsch eingerichtete Zirkuswagen, nach den Vorstellungen Rotweintrinken mit den chinesischen Jongleurinnen, das Rauen der Tiger als ständiger Traumlieferant…
Dann tagsdarauf weiter ziehen, mit Traktoren in endlosen Karawanen in eine andere Stadt, Zelte aufstellen, Sagmehl ausstreuen, Pferdemähnen streicheln.

Und was macht bei all dieser Abenteuer-Romantik ein gewisser Victor Giacobbo in billigen Verkleidungen in der Manege? Er, der Zerstörer der Clownerei? Wo bleibt bei Fredi Hinz und Co. die so bitter nötige Sinnlichkeit um der lustig-tragischen Zirkuswelt zu genügen? Wo bleiben Dimitri, Pic, Emil und all die anderen Clowns – sind sie tatsächlich ausgestorben? Ist der Fredi Hinz der neue Clown unserer Zeit? Wars das?

Eben. Ein Giacobbo mag gut sein für die Kasse und mag gut sein fürs TV, im Knie aber hat er meiner Meinung nach nichts verloren.

Oder muss ich mein antiquiertes Zirkusbild begraben?

Paradies

Grazia Pergoletti am Mittwoch, den 16. August 2006 um 18:20 Uhr

Wo ist das Paradies? Für Hannah Luckraft ist “ein Hauch davon auf der Haut ihres Liebhabers und in jedem Drink, den sie zu sich nimmt, zu spüren”, wie uns der Buchdeckel vorwarnt.

Hannah ist die tragikomische Hauptfigur des neuen Romans von A.L. Kennedy, Paradies. Sie ist Ende dreissig, obwohl sie eigentlich nicht damit gerechnet hatte, überhaupt so alt zu werden, und es dämmert ihr irgendwo im Hinterkopf, dass es so nicht weitergehen kann: Ihr Körper will manchmal nicht mehr so richtig, sie hat einen entsetzlich anspruchslosen Job (und schafft es, sogar diesen loszuwerden), ihre Familie reagiert auf sie abwechselnd erschreckt oder mitleidig und ihre Freunde – wenn man diese so nennen will – sind sehr seltsam. Richtig glücklich ist sie nur mit Robert Gardener, ein verheirateter Zahnarzt, der so trinkfreudig ist, dass man als LeserIn extrem froh ist, nicht bei ihm in Behandlung zu sein.

A.L. Kennedy Überhaupt traut man in diesem Buch, je länger man liest, Keinem und Keiner mehr. Oder besser gesagt: Man misstraut der Wahrnehmung von Hannah mehr und mehr, obwohl ihre Schilderungen und Kommentare bissig, scharfsinnig und völlig unsentimental sind. Obschon Hannah wohl spürt, dass sie auf einen Abgrund zurast, macht sie sich auch immer wieder was vor und beruhigt sich, z.B. indem sie einfach anderen die Schuld in die Schuhe schiebt. In diesem Sinne hat sie mich an eine meiner literarischen Lieblingsfiguren erinnert, an Italo Svevo’s köstlichen Oberverdränger Zeno Cosini. Aber Hannah’s Leben ist sehr viel beunruhigender, als Cosini’s, soviel sei gesagt. Paradies ist nicht unbedingt was für schwache Nerven!

Paradies ist brutal, erschütternd, zart, sexy, saulustig und finster. Und A.L. Kennedy, eine 41-jährige Schottin, ist einfach die Grösste! Ein paar kurze Müsterchen dieses Meisterwerks werden übrigens am Literaturfest und am Theaterfest (beides 26.8.) von mir zum Besten gegeben. Aber kaufen Sie doch das ganze Buch und lesen Sie es selbst. Es lohnt sich!

Analog hin, analog her, digital das ist nicht schwer

Daniel Gaberell am Dienstag, den 15. August 2006 um 8:26 Uhr

Es gibt ihn noch, den Nostalgiker in der Fotoszene. Das vertraute Klicken seiner alten Nikon, das komplizierte Filmwechseln seiner Contax, das «gerübelte» Gehäuse seiner Leica – all das sind heimatliche und vertraute Klänge und Empfindungen, die dem Fotografen Sicherheit und Nostalgie einflössen. Wunderbar.

Oft werben die Analogen für ihr altes Handwerk, welches im Fall gelernt sein will und nicht jeder Dahergelaufener einfach mir nichts, dir nichts schöne Fotos machen könne. Aha.

Und wisst ihr was? Ich gebe euch Recht. Denn mögen die neuen Digital-Kameras noch so viele Funktionen und Extras aufweisen, ein guter Fotograf – pardon, gute Fotografin – ist ein guter Fotograf und wird es auch bleiben, egal welches Medium er benutzt. Weil man zuerst das Sujet wählt, dann den richtigen Augenblick und alles andere kommt erst später…

Feidknecht

Deutlich wird das auch bei Alfred Engel-Feitknecht (1850 – 1899). Der Twanner Fotograf hinterliess als analoger Präsident seiner Gemeinde nicht nur eine neue Trinkwasserversorgung, sondern auch ein bezauberndes Album mit fotografischen Szenen vom Bielersee-Leben. Er betrieb ausserdem eine Fabrik, wo er fotografische Bedarfsartikel wie Kameras, Trockenplatten, chemische Stoffe usw. herstelle und weltweit vertrieb.

Eine Fotoausstellung im Twanner Rebhaus Wingreis dokumentiert das Schaffen von Alfred Engel-Feitknecht noch bis zum 27. August 2006.

Und ausserdem: am 20. Aug 2006 organisiert Markus Schürpf eine Wanderung durch die Twannbachschlucht mit anschliessender Führung durch die Ausstellung. Denn auch die Wanderroute durch die Twannbachschlucht geht auf Engel-Feitknechts Kappe.

Denkmal, vom Sockel gestossen

Frau Götti am Montag, den 14. August 2006 um 11:06 Uhr

grass

Kein Wunder, ist das heute auf Platz 1 in allen Feuilletons – es ist ja schon ein starkes Stück, was uns das moralische Gewissen Deutschlands schlechthin da auftischt: Günter Grass war nach eigenem Bekenntnis in der Waffen-SS.

Dies sagt der grosse Meister seinen Leserinnen und Lesern just bevor sein neues Werk auf den Markt kommt – als kleine Einladung, “Beim Häuten der Zwiebel” auch brav zu kaufen. Denn wer würde denn nicht gerne versuchen, die eigene Konsternation über das einstige Vorbild Grass aufzulösen in Verständnis?

In der Frankfurter Rundschau schreibt Wilhelm von Sternburg treffend:
Alleine der Verdacht, hier promote jemand sein Buch, ist angesichts des historischen Hintergrundes fatal.

Viel zu spät befasst sich Grass mit der eigenen Verstricktheit in die deutsche Geschichte, viel zu spät mit der eigenen Täter/Opfer-Neurose.

Und weil der alternde Literat schon mal am Bekennen ist, bekennt er beim Häuten seiner Zwiebel auch gleich noch, er habe vor seiner Beichte erst noch den Literatur-Nobelpreis erhalten wollen (so geschehen anno 1999).