Kalter Sprung gen Osten

julia am Freitag, den 9. Juni 2006 um 8:46 Uhr

Dance Forum Taipei. (Bild: Keystone)Man stelle sich vor: Mit 30 Saltos beginnt für die Artisten der Peking Oper um fünf Uhr früh der Tag. Will es der Meister, folgen eine Stunde später nochmals 30. Nicht weniger diszipliniert die Tänzerinnen und Tänzer: Sie trainieren seit vierjährig chinesische Folklore, Martial Arts, klassisches Ballett und in jüngerer Zeit auch amerikanischen Modern Dance sowie zeitgenössische Tanztechniken.

Anders wäre ein Stück wie «Eastern Current» nicht zu meistern. Es ist eine Produktion des Dance Forum Taipei mit Mitgliedern der chinesischen Oper Guoguang aus Taiwan. Damit wurde das Asien-Programm der Berner Tanztage gestartet.

Was für ein Sport, was für eine Kunst! Aber was will sie uns sagen? Die Perfektion ist atemberaubend und der militärische Drill macht einen schaudern. Dieser Zustand ist so andauernd (70 Minuten), dass mit der Zeit alle Gesten, Sprünge, Drehungen und Saltos zu einem Teppich werden mit Tupfern und Linien, aus blauen und roten Farben, den man betrachtet, und wenn man wegschaut, ist er immer noch da.

Dies hängt damit zusammen, dass das westliche Auge die östlichen Zeichen nicht lesen kann. Darum folgt nach der Vorstellung der Gang zum Publikumsgespräch. Und hätte dieses vorher stattgefunden, ohne Zweifel, hier stünde etwas anderes geschrieben.

Yang Ming-Lung und Lee Hsiao-Pin, die beiden künstlerischen Leiter, erzählen zum Beispiel, dass die Frauen mit ihren Trippelschritten und puppenhaften Bewegungen in der taiwanesischen Gesellschaft bis vor kurzem tatsächlich keine Stimme hatten, dass der General mit den vier Fahnen an seiner Macht mitunter schwer trägt und dass die Bilder als Reminder dafür stehen, dass sie für immer der Vergangenheit angehören sollten.

Asien-Boom hin oder her. Ohne Vermittlung bleibt nur das Staunen über das Exerzieren und die schönen Bilder.

Der Narr geht um

julia am Donnerstag, den 8. Juni 2006 um 8:22 Uhr

Alle waren sie da: der Stadtpräsident, die Räte, die Sponsoren, die Freunde, die Gäste, die Helfer. Aber darum solls hier nicht gehen. Nach Ansprachen und Geleitworten, vor Laudatio und Preisübergabe, gewissermassen im Sandwich, oder: im Kern, steht Foofwa d’Imoblité vor einem Spiegel.

Foofwa dImoblité. (Bild: Keystone)Der Genfer ist Gewinner des Schweizer Tanz- und Choreografiepreises 2006 und präsentiert zur Eröffnung der Berner Tanztage sein jüngstes Stück «Benjamin de Bouillis». Es ist ein Solo mit imaginären Gästen über das Selbst und das Gegenüber oder das andere Ich. Hochphilosophisch.

Und komisch. Weil Foofwa so viele Spielmöglichkeiten mit seinem Tänzerkörper hat (er war und ist ein Ausnahmetalent sowohl im klassischen wie im modernen Tanz), sprechen kann (was auf der Bühne nicht alle Tänzer gut können), sein Gesicht gerne in allerlei Fratzen verzieht (der Jim Carrey der Schweiz, wie meine deutsche Sitznachbarin feststellt). Manchmal scheinen seine Ideen in alle Richtungen davon zu stieben.

Zum Glück hat er ein geschicktes Händchen für die Balance und unterlegt (fast) jeden Slapstick mit Substanz. Die Fäden lässt er nie aus der Hand, auch wenn die Glieder ihm buchstäblich nicht mehr gehorchen und ihm das Selbst schliesslich ganz abhanden kommt. Jedes Detail ist durchdacht und immer wieder vermag er zu überraschen (was Kunst, unter anderem, ja spannend macht).

Ganz der Entertainer dann während der Reden: Als Narr nimmt er die 30 000 Franken Preisgeld entgegen. Und wenn man schon nicht mehr glaubt, dass er auch anders kann, hält er noch ein kleines Plädoyer. Für den Tanz in der Schweiz, für angemessene Löhne und bessere Auftrittsmöglichkeiten. Irgendwie kann er einfach zuviel.

Sonne im Herzen, vol. 2

Frau Götti am Dienstag, den 6. Juni 2006 um 16:51 Uhr

Darf ich Sie wieder einmal mit etwas Sonne beglücken? Besonders, weil es mit dem Sommer ja noch immer ein bisschen hapert. Dürfen es auch ein paar schöne Bässe und Delays sein?

Lee Perry Dann empfehle ich dringend Herrn Lee “Scratch” Perry, der zusammen mit King Tubby als Erfinder des Dub gilt. Nebenbei hat er auch unzählige Hits geschrieben, unzählige Bands gross gemacht, das Mischpult als Instrument entdeckt und Ganja geraucht, viel, viel Ganja.

So viel, dass er eines Tages drohte, Bob Marley umzubringen. Und so viel, dass er – so munkelt man wenigstens – 1979 sein legenäres “Black Ark Studio” in Kingston anzündete und Jamaika verliess.

Und er landete im schönen Schwyzerländli zu Einsiedeln und heiratete eine Schweizerin. Welch Ehre. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute.

Übrigens: Wer zufällig in London vorbei kommt, kann sich davon überzeugen, dass der vitale 70-Jährige noch ganz und gar nicht gestorben ist.

Danke bee-flat…

Daniel Gaberell am Montag, den 5. Juni 2006 um 0:01 Uhr

lura…für die heute zu Ende gehende Spielzeit. Auch wenn nicht restlos alle Konzerte überzeugten, die heutige Darbietung tat es!

Und auch meine Hände – wie die anderen 698 auch – klatschten und applaudierten heftig für die schöne Lura und ihre Jungs. Die sommerlichen Klänge von den Cape Verdischen Inseln kamen gerade noch rechtzeitig zum Sommerbeginn.

Was tun mit den bevorstehenden Sonntagabenden? Sich auf Mitte September freuen.

Im inneren Ausland

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 4. Juni 2006 um 11:03 Uhr

“Wenn der böse Mann tot ist, legen wir uns ins Bett”, singt Peterlicht auf seiner sensationellen neuen CD “Lieder vom Ende des Kapitalismus”. Und es klingt, als wäre er bei den Proben zu “Im inneren Ausland” von Christoph Frick, Suzanne Zahnd und Ensemble dabei gewesen.

Im inneren Ausland“Im inneren Ausland” ist ein aussergewöhnliches, poetisches, überraschendes und momentenweise auch komödiantisches Stück Theater, das geprägt ist von starken Bildern. Ein Abend der einem Aphex-Twin-Videoclip oder einem Film von Matthew Barney näher steht, als einem konventionellen Schauspiel. Und: Ja, ich spiele selbst mit und betreibe hier schamlos Eigenwerbung, aber egal, es ist es mir wert. Unter den ganzen Perücken erkennt mich eh keiner.

Zu sehen gibt es u.a.: Einen Multi-Media-Affen, eine Fiepsbitch, Happyness Worldwide, die Daltons, ein Gruselgretel, denjenigen ohne Rückgrat und die sonderbarste Interpretaion von “Willkommen, Bienvenue, Welcome” ever. Und man hört betört Martin Schützens Songs und Ambients zu.

Um den bösen Mann geht es an diesem Abend, ums Schlafen wollen und nicht können und darum, was passiert, wenn es im Zwielicht zwischen Tag und Nacht keinen anderen Feind mehr zu bekämpfen gibt, als sich selbst.

Bis jetzt war unser Publikum zwar fein, aber klein. Kult ist ja ganz in Ordnung. Trotzdem ist es schade, wenn nicht doch noch ein paar Leute mehr diese Performance sehen. Ein Abend, wie noch selten einer zu sehen war. Am Stadttheater schon gar nicht, aber auch sonst. “Es bleibt uns der Wind, in den wir uns hängen, am Ende”, singt Peterlicht.

Letzte Vorstellungen: Dienstag 6. und Mittwoch 7. Juni um 19.30 Uhr auf der Kornhausbühne.

I ♥ Killl, I ♥ Knut

Manuel Gnos am Samstag, den 3. Juni 2006 um 14:54 Uhr

Bad Bonn Kilbi 1«Ihr seid ein fantastisches Publikum!» Mir doch egal, denke ich und mache mich von der Zeltbühne davon. Es ist Kilbi im Bad Bonn, irgendwo zwischen Bern und Freiburg. Es droht Bodenfrost im Juni; und Blackmail – wie zuvor schon JR Ewing – vermögen dem nur wenig Erbauliches entgegen zu halten.

Mehr aus Trägheit denn aus Überzeugung verschieben wir die Heimkehr trotz Blackmail auf später. Glücklicherweise, darf man sagen, denn jetzt kommen noch Killl und Knut – und die tun gut.

Killl kommen aus Norwegen und sie spielen, man kann es nicht anders benennen, Ultra Death Metal: kreischendverzerrte Stimmen unterlegt mit elektronischem Knacken und Klirren, überschallartigen Gitarren und lärmendem Schlagzeug. Es ist Musik, die entsteht, wenn besorgte norwegische Mütter ihren teilnahmslosen Söhnen eines ewigfinsteren Wintertages raten, sich doch ein Hobby zu suchen. Die vier Herren von Killl haben eines gefunden: Sie hämmern dem Jazz den Hardcore ein.

Knut aus Genf sind typenähnlich, jedoch sind ihre Songs klassischer gestrickt und damit näher an den Vorbildern der späten Achtziger und frühen Neunziger (Napalm Death, Pungent Stench) gehalten. Die Präzision, der glasklare Sound und ein Schlagzeuger, der sein Instrument mit dem ganzen Körper zu spielen scheint, machen grosse Freude.

Fazit: Die Kilbi hat eine weiteres Mal gehalten, was sie versprochen hat. Nämlich, das wohl gemütlichste Openair zu sein, an dem man zudem musikalische Leckerbissen entdecken kann. Heute Abend bietet sich noch einmal Gelegenheit dazu.

Schön klingts aus dem Casino

Daniel Gaberell am Freitag, den 2. Juni 2006 um 23:59 Uhr

Zuerst Rachmaninow, dann Dvorak und zum Schluss Schostakowitsch. Auf Letzteres hätte ich gerne verzichtet. Aber der Mittelteil, der war wunderschön: Die deutsche Geigerin Antje Weithaas übernahm dort den Solopart und verlangte ihrer Violine viel bis alles ab, während wir im Publikum, dank den a-Moll-Klängen, wieder einmal spürten, wie gut klassische Musik unserer Seele und dem Herzen tut.

erJa, es ist pompös, es ist steif und konservativ, es ist sogar langweilig und alles andere als knackig, das Casino und seine Darbietungen. Aber schliesse ich meine Augen, so sitze ich nicht mehr im Casino, sondern reise quer durch meine Träume und Sehnsüchte, wundersam geleitet von den sinnlichen Klängen der Oboe, dem Cello und den zahlreichen Bratschen und Violinen.

Und zum Schluss bin ich dann immer super froh zu sehen, mit welcher Inbrunst und Entschlossenheit meine blaue Nylonjacke bewacht wird.

Auch zu empfehlen: 15./16. Juni wiederum im Casino und wieder mit dem Berner Symphonie-Orchester. Dann aber mit Christoph Berner am Klavier anstelle von Antje.

Alpenrosen auf dem Mittelmeer

Manuel Gnos am Mittwoch, den 31. Mai 2006 um 14:45 Uhr

Zugegeben, wir sind etwas spät dran mit dieser Geschichte. Doch nach dem Durchsehen der Sendung «Kulturplatz» von SF1 zur ersten Rock- & Bluescruise auf dem Mittelmeer, lässt es sich leider nicht verhindern, hier ein paar Bilder aus dem Beitrag dazu zu publizieren.

Polo Hofer auf der Rock- & Bluescruise (Bild: SF1)

Dem Vernehmen nach schwankt es beim «Bund»-Starjournalisten Ane Hebeisen immer noch etwas. Dagegen ist nichts bekannt über den aktuellen Zustand von Initiator und Alpenrosenerfinder Polo Hofer, der laut der «Berner Zeitung» sagte: «Auf der ganzen Reise hatte ich eigentlich nie Durst.»

Aber: Sehen Sie selbst!

Bravo Luc Besson

Daniel Gaberell am Dienstag, den 30. Mai 2006 um 9:29 Uhr

Er macht gute Filme, der Franzose. Immer wieder. Sein neustes Werk Angel-A (ist soeben in CinemaStar angelaufen) reiht sich mühelos in die sehenswerte Parade von Bessons Filmen ein.

Eine etwas abgedrehte, aber durchaus sinnliche Geschichte führt den Betrachter durch die Welt der Engel, auf den Eiffelturm, in die Machenschaften der Pariser Unterwelt und in die Herzen der DarstellerInnen. Besonders der sympathische Jamel Debbouze brilliert in der Hauptrolle des Verlierers.

er Die Beinahe-Bloggerin, Parisliebende und frühere Bund-Redaktorin H. G. (hier auf dem Foto) fand den Film „ein wenig zu pathetisch“, betonte aber, dass sie genau dieses Paris, so wie Luc es uns vorführt, wunderschön findet.

Während Frau G. nicht an Engel glauben mag, ich persönlich aber schon (und zwar nicht nur meines Familiennamens wegen), ist der Beweis erbracht, dass die Glaubensfrage für diesen Film keine Rolle spielt.

Schmunzeln mit Knarf Rellöm

Manuel Gnos am Sonntag, den 28. Mai 2006 um 17:04 Uhr

Knarf Rellöm«Hallo, ich bin Knarf. Ich bin von der Band, die heut’ Abend hier spielt. Dürfen wir schon mal unser Material in den Keller bringen?» Knarf darf. Also schleppen er und seine drei MitstreiterInnen Keyboards, Mikrofone und Gitarren die Treppe runter und machen ein bisschen Soundcheck. Das ist für die Gäste in der Gaststube des Café Kairo etwas unangenehm, weil laut. Doch die Band hält sich kurz, was gut zu der zuvorkommenden Art der vier passt.

Mit einiger Verspätung begannen Knarf Rellöm, DJ Patex und die beiden Herren von Saalschutz dann ihr Konzert. Ihre Musik ist elektronisch, minimalistisch und sehr tanzbar; die Texte sind meist verwirrend, angriffig. Knarf trägt etwas, das entfernt an einen Taucheranzug mit Trompetenärmeln erinnert, und ist dekoriert mit einem Paillettencowboyhut.

Ein Rätsel bleibt, wieso lediglich um die zwanzig Leute dieses Konzert sehen wollten – obwohl «Der Bund» und sogar der «Blick» darauf hingewiesen hatten. Lag es am Unifest? Am schönen Wetter? Oder daran, dass man sich nicht so gerne auf etwas Unbekanntes mit irritierenden Namen einlässt?

Wie dem auch sei: Jene, die trotzdem einen Besuch wagten, haben jedenfalls das Café Kairo mit einem Schmunzeln auf den Lippen verlassen.