Circus Monti sei dank

Daniel Gaberell am Montag, den 9. Oktober 2006 um 14:00 Uhr

Monti Nein JimBobIII und Herr Gnos: Zirkus ist nicht ganz fest was Schlimmes, Zirkus kann sogar sehr schön sein.

Wir blenden zurück: 20. Aug, 21.03 Uhr. Sie erinnern sich? Damals verblogte ich mein Backstage-Zirkus-Knie-Aufenthalt und war traurig darüber, dass mein antiquiertes Zirkusbild nicht mehr mit der heutigen Realität übereinstimmt.

Ich lag aber tüchtig falsch. Besuchen Sie den Circus Monti und Sie werden mir beipflichten: liebevoll inszenierte Zirkuswelt für Gross und Klein. Wunderschöne Kostüme (genäht und entworfen von den zwei Bernerinnen Maja Abplanalp und Barbara Schleuniger), beeindruckende Oberarmen, lesende Ziegen, ungesicherte Trapezkünste, starke Zirkus-Kappelle, noch stärkerer Akkordeonist, zierliche und sehr bewegliche Frauen, generationenübergreifendes Jonglieren, Zuckerwatte und Hotdogs, und, und, und.

Dem Circus Monti ist es meiner Meinung nach gelungen, ein sinnlich-schönes Zirkusprogramm mit viel Witz und grossem Unterhaltungswert zu zeigen.

Eben genau so, wie ich mir einen Zirkus wünsche. Tut mir leid, aber der Knie ist draussen…

In Bern noch bis am 15. Oktober (mehr Infos hier)

Zweimal grosses Theater

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 8. Oktober 2006 um 17:10 Uhr

Der Chinese von guehne/heinrichs

Am Freitag Hochkultur: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Brecht/Weill in der Opernfassung am Stadttheater Bern. Grosses Theater, grosse Bühne, grosser Aufwand. In der ersten Hälfte gab es ein paar recht, sagen wir mal seltsame Momente, die m.e. jedoch nicht durch die bemerkenswerte Inszenierung bedingt waren, sondern durch die unterschiedlichen schauspielerischen Möglichkeiten der Sänger und Sängerinnen, bei den Solisten, wie auch im Chor. Nach der Pause zieht Regisseur Harry Kupfer die Schraube deutlich an. Es geht um was. Und wenn Noëmi Nadelmann Denn wie man sich bettet, so liegt man singt, versteht auch eine Banausin wie ich, weshalb diese Frau ein Star ist. Insgesamt schade, dass man die Texte z.T. nicht gut versteht. Trotzdem: Im zweiten Teil zumindest hat der Abend ein paar sehr bewegende Momente. Und die Musik ist einfach wundervoll!

Am Samstag dann “Der Chinese” nach F. Glauser in einer Bühnenfassung von Gerhard Meister im Tojo, Reitschule. Kleiner Materialaufwand, kleine Bühne, aber grosses Theater und grossartige SchauspielerInnen (Andreas Guglielmetti, Agnes Lampkin, Markus Mathis, Jonas Rüegg und der Musiker Michael Sauter), von guehne/heinrichs wunderbar in Szene gesetzt! Extrem konzentriert, phantasievoll und witzig. Das Tojo wartet gleich zu Saisonbeginn mit einem wirklich starken Programm auf. Lassen sie sich also bloss nicht vom ganzen drum herum abhalten und gehen sie hin.

Liebevolle Details

Grazia Pergoletti am Samstag, den 7. Oktober 2006 um 12:42 Uhr

Fuckadies

Jetzt war ich endlich das Sous-Soul (Ecke Junkerngasse/Nydeggbrücke) begutachten. Leider nicht gestern abend, wo der wundervolle Timmermahn zu sehen gewesen wäre, sondern am Donnerstag zu Diferenz’ Weekly Clubbing Family Affair. Auch sehr nett!

Dass das Sous-Soul unterstützt wird von der FONDATION gad STIFTUNG war in der Presse schon mehrfach nach zu lesen. Bis 23.30h arbeiten Jugendliche mit, denen es bis anhin schwer fiel, “sich gesellschaftlich einzugliedern”. Ich finde diesen Aspekt recht interessant, da ich mir vorstellen kann, dass einem solchen Jugendlichen von den Herren Flo, Gere, Ferenz und Fire eventuell mehr auf den Lebensweg mitgegeben werden kann, als von manch einem Sozialarbeiter (wobei ich die Arbeit der SozialarbeiterInnen durchaus achte!)

Das ist aber nur eines von unzähligen liebevollen Details, die mir im Sous-Soul aufgefallen sind. Wenn ich an der Bar ein Glas italienischen Rotwein bestelle, und ich dann gefragt werde, wieviel ich ausgeben will und mir dementsprechend etwas serviert wird, fühle ich mich verwöhnt, zumal der Barbera dann auch wirklich hervorragend war. Auch optisch sind ein paar hübsche Dinge zu entdecken. So zum Beispiel die Wandleuchten im hinteren Essraum: Eine simple Glühbirne auf einem durchsichtigen Plexiglas, das in der Form eines Kronleuchters ausgeschnitten ist. Der Effekt: Die Leuchte an sich sehr gewöhnlich und einfach, ihr Schatten hingegen der eines Kronleuchters.

Das Publikum ist angenehm gemischt. So stand ich also da und unterhielt mich über allerhand Themen, z.B. darüber, wie denn das Betätigungsfeld einer Quasselstripperin abzustecken sei. Persönlich empfehle ich das Konzert der Allschwil Posse am nächsten Freitag, dem 13., oder die umwerfenden Fuckadies am 27.10. Und die Veranstaltungen des BFU, Bundesamt für Unterhaltung, die u.a. von GREIS programmiert werden.

Das volle Programm unter sous-soul.ch

Kein Wegweiser für Bücherwürmer

Frau Götti am Donnerstag, den 5. Oktober 2006 um 2:36 Uhr

Publikum

Okee, okee. Ich weiss ja, die seit gestern laufende Frankfurter Buchmesse ist in erster Linie für Branchenleute wie Verleger und Buchhändlerinnen reserviert.

Aber muss die Homepage der grössten Buchmesse der Welt denn wirklich so unglaublich benutzerunfreundlich seine Veranstaltungen verstecken? Der Veranstaltungskalender befindet sich in der Spalte an siebter Stelle (freundlicherweise noch vor dem Buchmesse-Shop, aber gescollt muss trotzdem werden). Und wirklich aufschlussreich ist er dann leider auch nicht. Gerne wird dagegen darauf verwiesen, dass das ZDF den Anlass übertrage.

Immerhin ist das interessierte Publikum am Wochenende an der Messe gnädigst zugelassen. Das hat es auch verdient, das interessierte Publikum, ist doch die ehrwürdige Branche von einem solchen abhängig. Aber ein interessiertes Publikum möchte eigentlich schon ganz gern auf einen Blick erfahren, was da alles so läuft. Ohne das TV-Heftli konsultieren zu müssen.

200’000 Besucherinnen und Besucher

Daniel Gaberell am Dienstag, den 3. Oktober 2006 um 20:46 Uhr

Trotzdem: Der Mystery-Park braucht superdringend 4 Millionen Franken um die Liquidität zu sichern. Deswegen: Das Zentrum Paul Klee erwirtschaftete im ersten Betriebsjahr 900’000 Franken Gewinn.

Der Grund: zwei wahnsinnig schlecht budgetierte Betriebsrechnungen. Denn die in Interlaken rechneten mit 500’000, die im Schöngrün mit 100’000 Eintritten pro Jahr.

ZPK Wenn ich mich richtig erinnere, kosteten beide Bauten ungefähr gleich viel, nämlich knappe 90 Millionen Franken und bei derart vielen ähnlichen Zahlen frage ich mich, ob es denn schlussendlich nicht auch dieselben 200’000 Besucherinnen und Besucher sind, die zwischen Oberland und Bundesstadt hin und her pendeln? Und die zweite, logische Frage: warum arbeiten nicht beide Betriebe gewinnbringend?

Der Park steht vor dem Aus und meiner Meinung nach aus folgenden zwei Gründen: erstens weil wir Erdenmenschen nicht dumm sind und sich Mystisches nicht auf die billige Tour andrehen lassen wollen und zweitens weil der von Däniken vor allem nur redet anstatt Schweizer Franken hinzublättern.

Denn mit viel Geld lässt sich einiges bewerkstelligen, dass zeigt uns ja das andere Beispiel.

Poppiger Herzschmerz

Frau Götti am Dienstag, den 3. Oktober 2006 um 3:55 Uhr

Ketama Frau Götti meldet sich zurück aus den Ferien und möchte Ihnen ein Stück Andalusien ans Herz legen.

Die Band Ketama hat es geschafft, den Herzschmerz des Flamencos tauglich für den Pop zu machen – ja ja, Sie haben richtig gehört.

Wunderbar, dieser Sound aus virtuosen Gitarren und klagendem Gitano-Gesang, untersetzt mit funkigen Bläsersätzen und jazzigen Piano- und Basslinien.

Ketama ist ein fast mafiamässiges Vetterliprodukt aus dem Hause der beiden grossen Flamenco-Familien Sordera und Habichuela. Drei ihrer Abkömmlinge um Juan Carmona aus Granada gründeten die Band in den frühen 80er Jahren. Später führte Juan Ketama weiter mit Cousin José Miguel und Bruder Antonio (der nicht nur über eine bezaubernde, sehr sehr grosse Hakennase, sondern auch über eine bezaubernde, sehr sehr schöne Stimme verfügt).

Möchten Sie mal reinhören? Ich empfehle besonders das Album De akí a Ketama (1995), ein Klassiker fast schon, oder – ruhig und traurig – Toma Ketama (1999). Und wenn dann auch noch Khaled mit Antonio ein Duett singt, um den maurisch-arabischen Wurzeln von Al-Andaluz nachzutrauern – wessen Auge bliebe da trocken? (So geschehen auf dem Album Sabor Ketama, 1998.)

Ketama22004 wurde die Band aufgelöst, nach 20-jährigem Bestehen und nicht weniger als 16 Alben. Schade.

Und bitte verwechseln Sie Ketama jetzt nicht mit dem gleichnamigen Ort im marokkanischen Riff-Gebirge, wo die Landwirtschaft durch eine bestimmte Pflanze zum, äh, Blühen gebracht wird.

Wo Tittanic draufsteht, sind auch Titten drin

Manuel Gnos am Sonntag, den 1. Oktober 2006 um 21:58 Uhr

Von Biogemüse kriege ich Kopfschmerzen. Immer dann nämlich, wenn ich noch im «Kairo» sitze und der Gemüsebauer seine Lieferung bringt, erwache ich irgendwann nachmittags mit brummendem Schädel. Irgendwie kämpfe ich mich dann durch den viel zu kurzen Tag und stehe viel zu wenige Stunden später schon wieder an einer Kasse und bezahle Eintritt für die nächste Dosis Kultur. So auch gestern Samstag.

Shanghai bei Tittanic, die Zweite. (Bild zvg)


Aber das bisschen Leiden hat sich gelohnt, denn ich landete im Tojo. Dort, so versprach mir der Flyer, sollte es um Titten gehen. Insgesamt waren dann tatsächlich zwölf Titten auf der Bühne. Aber darum ging es gar nicht. Jedenfalls meistens nicht. Oder um genau zu sein: Nur bei den Texten der Trägerin zweier dieser zwölf Titten ging es um Titten. Jedenfalls meistens. Ihr Name: Betti Synclar, ihres Zeichens Slam-Poetin und Machoemanze. Das Publikum war begeistert, ich fands meist langweilig. Aber vielleicht bin ich einfach zu verstockt für ihren Kampffeminismus.

Ansonsten bereitete mir der Abend grosse Freude. Die Texte von Elsa Fitzgerald waren bezaubernd, die Emmenbrücke-Trilogie der Journalistin Nicole Ziegler war im perfekten Masse beklemmend und die Musik des Trios «Shanghai» eine kleine Offenbarung.

Und weil es gut zum Motto des Abends passte, ging es anschliessend noch einen Stock höher in den Frauenraum. Leider war die Band dort etwas, na ja, dürftig. Dafür habe ich einen der schönsten Kulturräume dieser Stadt kennengelernt. (Rein architekplatonisch gesprochen jetzt. Nicht dass Sie mir noch auf falsche Gedanken kommen.)

Wasserwerk Rocks!!!

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 1. Oktober 2006 um 4:13 Uhr

ZZZEs gab ja dort diese Momente hin und wieder. Zum Beispiel vor etwa 10 Jahren, als The Roots im Wasserwerk, an einem müden Dienstag oder so vor zirka 30 Nasen alles gaben. Oder Moby vor etwa 70 Leuten. Heute Abend war wieder so ein Moment.

Die Fegefeuer-Folterknechte sind auf Betriebsausflug. Niemand zuhause im Reich zwischen Himmel und Hölle. Eine gute Gelegenheit, das Purgatorium in Stücke zu zerlegen, denken sich Nuschelbariton Björn Ottenheim (Gesang, Drums) und Daan Schinkel (Orgel). Anstatt ihre weltlichen Sünden abzubüßen, um sich den Eintritt ins Paradies zu erkaufen, verfrachtet das holländische Duo seine PA ein paar Stockwerke tiefer und veranstaltet eine Rock’n’Roll-Party der dekadenten Art.

So beschreibt ein Pressetext, was ZZZ heute Abend im Wasserwerk vollführten. Ich dachte ja gleich Achtung!, als Björn Ottenheim, ein Endo Anaconda im Blues-Explosion-T-Shirt, und der leicht verhuschte Daan Schinkel die Bühne betraten. Was folgte, war der absolute Wahnsinn!! Man war an Alan Vegas Suicide erinnert, aber auch die Beschreibung der Veranstalter: Jim Morrison trifft auf Fat Boy Slim ist nicht so schlecht.

Überhaupt: die Veranstalter… Eine Clique junger Männer und Frauen, die da offensichtlich seit zwei Jahren etwas richtig Gutes aufbauen. Ich hätte es vor einigen Stunden nie für möglich gehalten, doch jetzt sage ich es: Wasserwerk, the Place to be! Heute Abend ein leider kleines, aber geradezu handverlesenes Publikum. Einzig: Ganz so laut hätte die Chose nicht sein brauchen. Unbedingt wiedermal da hingehen, es gibt was zu entdecken!

Teamgeist

Grazia Pergoletti am Freitag, den 29. September 2006 um 18:33 Uhr

wurzel 5Morgen kommt meine Tochter aus dem Ferienlager in Fiesch zurück und dann hat der Spass ein Ende. Nicht, dass mich jetzt hier jemand falsch versteht: Generell macht mein Leben natürlich sehr viel mehr Spass, wenn sie da ist. Einzig: Das neue Album von Wurzel 5 kann ich ab Morgen nicht mehr ununterbrochen auf voller Lautstärke abspielen, da meine Süsse es verständlicherweise recht hennenblöd findet, wenn ihre Alte die selbe Musik hört wie sie.

Dabei habe ich jahrelang vergeblich versucht, sie zum Hip-Hop zu erziehen! Dass ihr L-Deep zu abgehoben waren, konnte ich ja noch nachvollziehen. Aber dass sie bei GREIS ungerührt blieb und auch Kutti-MC links liegen liess, gab mir dann doch zu denken. Nichtsdestotrotz: Was nicht wie Good Charlotte bis zum Haaransatz tätowiert war, konnte es bis eben vergessen, von ihr auf den MP3-Player geladen zu werden. Doch jetzt kommt Teamgeist von Wurzel 5 und alles wird gut.

Eine super CD! Abwechslungsreich und immer überraschend. Tolle tolle tolle Sounds, ob verspielt, wie zu Ke Gschänk, klaustrophobisch, wie zu Teamgeist, oder Brasil-angehaucht, wie zu den beiden Disco-Knüllern Für Di und Typisch! Und gerappt wird natürlich, was das Zeug hält. Doch dazu bloss: Säuber lose!

Apropos CH-Kino

Grazia Pergoletti am Donnerstag, den 28. September 2006 um 18:54 Uhr

Heidi Glössner (links)Bald kommt ein weiterer neuer Schweizer Film in unsere Kinos: Die Herbstzeitlosen von Bettina Oberli. Ein “Feel-Good-Movie” in dem es um rüstige RentnerInnen geht, wie die Vorschauen versprechen. Stéphanie Glaser spielt darin die Hauptrolle: eine Dame, die im hohen Alter beschliesst, ein Geschäft mit aufregenden Dessous zu eröffnen. Soweit, so gut.

An der Seite von Stéphanie Glaser sind eine ganze Reihe anderer Schauspieler und Schauspielerinnen zu sehen. So auch, in einer grossen Rolle, Heidi-Maria Glössner, Ihres Zeichens seit ca. 20 Jahren die Grande Dame des Stadttheaters Bern. Und ausserdem eine der warmherzigsten Diven, die mir je begegnet sind und eine Superkollegin. Wenn ich das mal so aus dem Nähkästchen herausplaudern darf.

Nun hab ich mich doch ein wenig gewundert darüber, im Zusammenhang mit diesem Film, zwei riesige Artikel über (die notabene wunderbare!) Stéphanie Glaser in der hiesigen Presse zu finden, jedoch kein einziges Wort über unsere Berner Lady Nummer eins. Ist dies ein Ausdruck dafür, dass Bern seine KünstlerInnen zu wenig liebt, zu wenig kennt oder einfach nicht stolz genug auf sie ist?

Wie dem auch sei, auch wenn ich nicht objektiv bin: Ich freue mich RIESIG darauf, die wunderbare Glössner in diesem Film zu sehen! Ein Hoch auf Heidi!