Kartenspielereien

Daniel Gaberell am Dienstag, den 21. November 2006 um 16:22 Uhr

tichu Wer kennt Tichu? Vergangenen Sonntag fand das 2. Länggass-Tichuqualifikationsturnier statt. Wie vor zwei Jahren, gewährte auch heuer die hübsche Bar Parterre nicht nur Gastrecht, sondern auch überaus faire Getränkepreise.

Tichu ist ein chinessische Kartenspiel von Fata Morgana und wird gewöhnlich zu viert mit Partner gespielt. Jassen und Pokern kommen den Tichu-Spielregeln wohl sehr nahe, sind aber trotzdem nicht wirklich vergleichbar. Tichu ist kompliziert und braucht eine tüchtige Portion Mut. Tichu ist schön. Tichu zu beschreiben ist unmöglich, wer es trotzdem wissen möchte, reise für ein paar Minuten hier hin.

Jedenfalls: ich/wir wurden erst im Final gebremst! Und auch das nur sehr, sehr knapp.

Uhrmacherderby

christian pauli am Sonntag, den 19. November 2006 um 22:00 Uhr

Derweil sich unsere Kollegen vom Schwesterblog ohne Unterlass an überteuerten Fussballstars abmühen, ist KulturStattBern in die Niederungen des Provinzfussballes abgestiegen – und hat dort noch echte FussballKULTUR entdeckt.

Es dauerregnete und nebeldeckelte, als sich heute Nachmittag im Gurzelen zu Biel der FC Biel und der FC Grenchen, die Mannschaften der beiden benachbarten Uhrenstädte zum 105. Uhrmacherderby trafen. 1257 Zuschauer teilten sich die beiden Tribünen. Auf dem Rasen kickten Halbprofis und Topamateure, multikulturell zusammengesetzt wie die Grossen. Am Ende gewann das bessere Heimteam 3:1, defensiv und offensiv gestärkt von einem gewissen Harut Wardanjan. Falls Ihnen zu diesem nichts einfällt, erkundigen Sie sich bei den Profis nebenan – die sind mit dem entsprechenden Wissen ja überaus spendabel.

Warum aber Kultur? Weil pflotschiger Naturrasen und darum dreckige Fussballer, weil die noch zum Anfassen sind, weil die Bratwürste günstig und gut und weil die Betonstehrampen abgenagt sind, weil das Publikum noch aus arbeitenden Männern besteht, weil es keine Gästesektoren und kein «Christmas Special» gibt, weil der Porsche des Präsidenten oder wer auch immer ungeniert den Publikumseingang blockiert, weil die Lautsprecher scheppern, weil die Toiletten stinken und das Bier in einem Rhäzünser-Becher verabreicht wird.

Mag ja sein, dass dies alles mit Kultur wenig zu tun hat oder nur am Rande. Egal. Aber es ist kontemplative und zugleich spannende Sonntagsnachmittagsunterhaltung. Was wollen Sie mehr?

Zwanzigjährig und immernoch monströs

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 19. November 2006 um 14:01 Uhr

keine live-aufnahme

Gestern war es also soweit: The Monsters aus Bern feierten ihr zwanzigjähriges Jubiläum, und zwar in der Reithalle, wo denn sonst.

Nachdem ich mich von einem noch immer strunzfrechen Szene-Veteranen durch die unglaublich lange Warteschlange am Eingang habe durchschleusen lassen – übrigens ohne das geringste schlechte Gewissen – galt es erst einmal, mit vielen fremden Menschen zusammengepfercht in einem stockdunklen Raum, auszuharren. Zum Glück war ich in Begleitung einiger adrett aufgemachter Aargauer, die mit berechtigter Enttäuschung festhielten, dass das Publikum sich weit weniger bemüht hatte, gut auszusehen, als man das an diesem Abend hätte erwarten dürfen.

Nach zwei Vorgruppen, von denen ich die erste für extrem entbehrlich hielt und von der zweiten leider nicht viel mitbekam, weil ich blöd stand, ging es dann mit den Monsters auf eine Trash-Reise durch die letzten zwanzig Jahre. Beginnend in der Ur-Besetzung, kamen nach und nach alle ehemaligen Monstren auf die Bühne, die je in dieser Familie mitgetan hatten. So zum Beispiel Pepi am Schlagzeug, der immernoch den besten Haarschnitt der Stadt hat, Tiger, elegant wie eh und je, am Kontrabass und Robert-the Schlitzohr-Butler an der Gitarre. Dazu allerlei Anekdoten von Beatman himself. Alles in allem eine äusserst vergnügliche Show!

Danach wurde getanzt, die Musik war alt und fröhlich, das Publikum auf dem Parkett war auch bester Laune, nur draussen gab es leider Stunk mit irgendwelchen Schwachköpfen auf Drogen. Muss denn das sein, dachte ich mir und vergass es gleich wieder, da ich genug damit zu tun hatte, den nonchalant ausgeführten Cha-Cha-Cha-Schritten von Herrn Tiger Folge zu leisten. Am Schluss hatte ich Blasen an den Füssen und ein Dauergrinsen im Gesicht. Schön war’s, Danke!

Rockmusik für das restliche Haupthaar

Manuel Gnos am Samstag, den 18. November 2006 um 10:39 Uhr

Tortois in der Berner Dampfzentrale. (Bild: Manuel Gnos)Würde man den Minimal-Musikanten Steve Reich und den Living-Color-Gitarristen Vernon Reid ein Jahr lang in eine Blockhütte in den kanadischen Rocky Mountains stecken, käme am Ende jene Musik heraus, die gestern Abend in der Berner Dampfzentrale dargeboten wurde. Angereichert würde diese Mischung zunächst mit ein paar Riffs des Wüstenrockers Tito Larriva, der die beiden alle vier Monate mit Bier versorgt. Und auch die Jazzklasse einer Musikhochschule, die sich während einer Selbstfindungswoche kurz hierhin verirrt, würde ihre Spuren hinterlassen.

Zu Gast in der Dampfzentrale war eine Formation aus Chicago: die Post-Rock-Band Tortoise. Und es war ein wirklich, wirklich grossartiges Konzert!

Fünf nicht mehr ganz so junge Männer, die es sichtlich freut, hier und heute für genau dieses Publikum Musik zu machen. Eine Band, die es tunlichst vermeidet, ihren Post-Rock ausufern zu lassen, die stattdessen ihre komplexen Kompositionen gradlinig und krachend umsetzt – und damit meinem verbliebenen Haupthaar alle Ehre erweist.

Dieses Konzert war eine äusserst gelungene Sache, liebe Leute von Tonart_Bern und Taktlos_Bern! (Im Gegensatz zur vorangehenden Darbietung von Marina Rosenfeld, deren Visuals und Plattenspielerkunst auch von ihren beiden Musikern an Cello und Piano nicht interessanter gemacht werden konnten…) Und – liebe Leserinnen und Leser – das Festival «Aktuelle Musik 2006» geht noch weiter. Insbesondere der Auftritt von Pan Sonic am 20. Dezember wurde mir von gut informierter Seite ans Herz gelegt. Gehen Sie hin, meine Quelle hat sich bisher als äusserst zuverlässig erwiesen.

Doppelt gemoppelt

christian pauli am Freitag, den 17. November 2006 um 2:02 Uhr

Jeden zweiten Donnerstag finden sich kulturinteressierte Berner/innen in der verwirrlichen Situation wieder, dass der «Bund» das kommende Kulturleben gleich zweifach anpreist: Innendrin mit «Das Wochenende», aussendrin mit der Beilage «Berner Kulturagenda». Diese Doppelspurigkeit in derselben Zeitung ist ein publizistisches Unikum. Es hat, wir wissen es, nichts mit der Üppigkeit des kulturellen Angebots in dieser Stadt zu tun, dafür umso mehr mit dem verzweifelten Versuch, die Vernichtung des Ausgehmagazins «Berner Woche» aufzufangen.

Nun, wir wollen an dieser Stelle diese leidige Angelegenheit nicht schon wieder kommentieren. Wir wollen einfach auf die ungeahnten Vergleiche hinweisen, die uns diese Konstellation alle zwei Wochen beschert. Zum Beispiel gestern: Beide Redaktionen haben auf den Zufall, dass mit Jolly and the Flytrap und The Monsters zwei Schweizer Bands am gleichen 18. November ihr 20jähriges Jubiläum feiern, gleich reagiert – mit einer gemeinsamen Vorschau.

Diesmal hat die «Kulturagenda» im publizistischen Wettbewerb die Nase vorn: Sie hat herausgefunden, dass die beiden Bands am 30. Oktober 1993 im Wasserwerk die gleiche Platte tauften, einen Ska-Sampler. Ansonsten ist der journalistische Mehrwert gering. Allein Beat-Man, der Monsters-Sänger, darf sich gleich zweimal als Meister, respektive Mastermind feiern lassen. Und deshalb wollen wir es auch nicht unterlassen, unser aller Meister auch doppelt zu zeigen:

Übrigens helfen einem weder «Das Wochenende» noch die «Berner Kulturagenda» in der Frage, für welche Band man sich am nächsten Samstag entscheiden soll – vielleicht könnt ihr helfen, geschätzte Kommentator/innen dieses Blogs.

Die Zukunft der Künste

Manuel Gnos am Mittwoch, den 15. November 2006 um 8:30 Uhr

Ich beginne diesen Beitrag mit einem Satz, der eine Falschaussage enthält: Vergangene Woche hatte ich das Vergnügen, einer Diplomfeier an der «Hochschule der Künste Bern» (HKB) beizuwohnen.

Falsch ist die Aussage, dass es sich um eine Feier – also um eine festliche Veranstaltung anlässlich eines besonderen Ereignisses – gehandelt habe. Das Ereignis, nämlich das Diplomieren der DiplomandInnen, war zwar überaus besonders (und erfreulich). Wie Sie aber auf dem Bild unschwer erkennen können, konnte die Veranstaltung an sich keineswegs als festlich bezeichnet werden.

Diplomfeier an der HKB. (Bild: Manuel Gnos)

Und so etwas an einer Kunsthochschule! Da fragt man sich unweigerlich, was das für die Zukunft der Künste in unserer Stadt heissen mag…

Sonne im Herzen, vol. 4

Frau Götti am Dienstag, den 14. November 2006 um 9:53 Uhr

Seeed

Dringend muss an dieser Stelle eine neue Ausgabe der Serie Sonne im Herzen angefügt werden. Denn die ist es, die SEEED gestern im Forum in Fribourg ins Publikum gebracht haben. Die ersten Töne, ein «Hallo, wir sind S-3E-D aus Berlin», und alle drehten durch. Man kann gar nicht anders bei diesem fantastischen Dancehall-Reggae der elfköpfigen Truppe. Ragga-Gesang, Schlagzeug, Perkussion, Tänzerinnen, Bläsersatz, …und Bass.

Deshalb auch der gute Rat eines der drei so genannten Vocalcordalisten (war es Pete Fox aka Pierre Baigorry? Oder EASED aka Frank A. Dellé, oder gar EAR aka Demba Nabé? Ich entsinne mich nicht): «Wenn ihr eine Fussball-EM austragen wollt, glaubt uns, wir kennen das von der WM: Ihr braucht vor allem Bässe, viel viel Bässe.»

Reggae lebt Und die Boden brummte und bebte im Rhythmus, und die orangegelbgrünen Fahnen wehten, und die Sonne schien in dieser kalten komischen Mehrzweckhalle – die gestern aber einem einzigen Zweck diente: “Aufstehn (Rise and Shine)!“.

Die Wurst in der Vorplatzbar

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 12. November 2006 um 15:58 Uhr

Wurst in SchräglageAm vergangenen Dienstag war im Fabriktheater Zürich die Première von Der feinschmeckende Suppenkoch und die liebende Bratwurst, eine “Fressoper für Kinder und Erwachsene ab 7 Jahren”, zu sehen. Der Text stammt von der Autorin Paula Fünfeck, die hierzulande schon mit “Max und Murx” Furore gemacht hat, präsentiert wird das Ganze vom Theater fünfnachbusch, unter der Regie von Beatrix Bühler. Und als erstes darf ich schon mal beruhigen: Mit einer Oper hat das Stück wenig zu tun, abgesehen davon, dass der Text in Reimen und äusserst musikalisch daherkommt.

Die Geschichte in wenigen Worten: Wunderbar bockiges Kind (Cathrin Störmer) will Wurst nicht essen und flüchtet in den Wald. Dort trifft es Monster, das Kind erst eine Suppe kochen lässt und es danach auffressen will. Kind wird von Wurst und Waldi gerettet, Happy End.

Einiges an dieser Geschichte schien mir etwas holprig, z.B. das plötzliche Auftauchen eines Monsters, das mir für eine Kindergeschichte zu uneindeutig war. Auch über die für meinen Geschmack etwas pathetische Musik von Simon Ho lässt sich streiten, wobei ich viele Stimmen gehört habe, denen gerade die Musik sehr gut gefallen hat.

Absolut sehenswert wird die Aufführung jedoch durch die eigenwillige, witzige und phantasiereiche Inszenierung, durch die sympathischen SchauspielerInnen und durch Renate Wünschs tolle Drehbühne: Auf der einen Seite sieht man in Mama’s (Vivianne Mösli) biedere Küche, auf der Rückseite hingegen lauert ein gelungenes Abbild der ehemaligen Vorplatzbar als Heim des Monsters.

Wie die Wurst (Christoph Moerikofer) als ziemlich tuntige, beleidigte Wurst im Goldkostüm auftritt, die sich auf High-Heels über den Waldweg hin zum Helden stöckelt, und wie der Hund Waldi (Julius Griesenberg) eine Retter-Arie erster Güte in den psychedelischen Wald schmettert, waren weitere Höhepunkte.

Also: Ein grosses Vergnügen für Gross und Klein, am 16., 18. und 19. Nov. im Schlachthaus Theater hier in Bern zu sehen!

Ein neues Buch von hut

Daniel Gaberell am Donnerstag, den 9. November 2006 um 8:51 Uhr

Bern = Sandstein. Dazu hat der langjährige «Bund»-Fotograf Hansueli Trachsel nun ein Foto- und Textband im Stämpfli-Verlag herausgeben. Zusammen mit 12 Autorinnen und Autoren schuf Trachsel ein Buch, das derart umfassend und intensive über den Berner Sandstein informiert, dass man sich zum Schluss fragt, warum die Verantwortlichen dieses 120-seitige Buch nicht in Stein gemeisselt haben. «Der Bund» widmet der Neuerscheinung und der gleichzeitigen Ausstellung in der heutigen Ausgabe eine Ganzseite.

An der gestrigen Vernissage im Kornhausforum wurde es zuweilen sehr eng, die Leute erschienen zahlreich und das Buffet war ausgezeichnet.

Das Buch ist anders als Trachsels bisherige Publikationen. Denn die Fotografie nimmt in diesem Fall vor allem die Informationspflicht wahr und entfernt sich meiner Meinung nach zu stark von der Ästhetik und der Kunstfotografie. Und dies liegt nicht an der Qualität, sondern an der Quantität der Bilder. Viel mehr Fotos als sonst bei einem Fotoband üblich und die nötigen(?) Bildlegenden sind die Unruhestifter – das Auge kommt nur schwer zur Ruhe.

Der Sandsteininteressierte aber kommt voll auf seine Rechnung. Darum: Kaufen Sie ein Exemplar und denken Sie daran, Weihnachten steht unmittelbar bevor.

Sandsteinbruch im Krauchthal. (Bild: Hansueli Trachsel/zvg)

Bester kurzer Film

Frau Götti am Mittwoch, den 8. November 2006 um 11:43 Uhr

Filmtage2 Heute haben die 10. Winterthurer Kurzfilmtage
begonnen. Zum Jubiläum werden neben den Filmen des Wettbewerbs und denjenigen der Themenschwerpunkte wie Mexiko auch die kontroversesten Filme der Geschichte der Kurzfilmtage gezeigt.

An dieser Stelle sei auf den Trailer hingewiesen. Der ist nämlich wirklich sehenswert und obendrein in Berner Küche gebraut. Das Drehuch beispielsweise wurde vom Berner Künstler Adrian Scheidegger geschrieben, zusammen mit dem Wahlberner und Filmer Jason Brandenberg. Laut Züritipp hat man damit den besten Kurzfilm bereits gesehen. Ob dem so ist, wissen wir nach Festivalende am Sonntag.

Filmtage3 Anschauen kann man den Trailer hier.
Oder bei einem Spettacolo-
Kaffee, dunkle Röstung, auf dem Videoscreen am Bahnhof in Bern.