Fotografie unserer Zeit

Daniel Gaberell am Samstag, den 2. September 2006 um 1:26 Uhr

fototage Die zehnten Bieler Fototage wurden vor ein paar Stunden eröffnet. Nebst diversen Ansprachen, einem Stelldichein der Schweizer Fotoszene und eine wunderschönen Spätsommerabend, erlebte ich drei Höhenpunkte:

1). Die Ausstellung von Dominic Büttner im La Rotonde (Bild links). 15 grossformatige Gesichtsportraits von Menschen, die sanft lächeln und dabei an ihren ganz persönlichen Glücksmoment zurück denken (dieser Moment ist als Bildlegende beschrieben).

2). Franca Pedrazzettis wunderschöne Dokumentation in der Stadtkirche über Giulia. Giulia litt an Brustkrebs und Franca begleitete die Protagonistin auf dem Weg ihrer Genesung. Sinnlich, berührend, ruhig.

3). Die Bieler Majoretten in Begleitung einer lustigen Bläser- und Trommelkomob. Spielen konnten sie mehr laut als gut, die Uniform aber war allererste Klasse!

Dann machten noch ein paar Michael von Graffenrieds auf lonely wolf und schlichen ebenfalls entlang der Ausstellungen und hie und da gab es sogar Schinkengipfeli und ein Gläsli Twanner.

Alles in allem ein gelungener Anlass, mehr aber auch nicht.

Marie, Marie

Frau Götti am Donnerstag, den 31. August 2006 um 20:49 Uhr

Marie1

Da bloggt man nun also seit einigen Monaten so vor sich hin – und merkt mit einem Mal: Man hat ja gar nicht geahnt, was sich hinter den geschätzten Co-Autorinnen und -Autoren so alles verbirgt. Zum Beispiel Theatertexterin. Frau Pergoletti, ich bin entzückt.

Marie, Marie” schafft es auf wundersame Weise, dass naive Puppen und süsse Teddy-Affen so abgeklärt sind wie sonst nur Philip Marlowe bei Raymond Chandler. Dass Marionetten-Mechanik und Videoscreens sich nicht ausschliessen. Und dass durchwegs vernünftige Menschen sofort an durchs Weltall schiessende Pinguine, drängelnde Häuser aus Fleischmasse und sprechende Mickey Mäuse glauben.

Besonders gefallen haben mir die Vampire, die sterben müssen, weil sie es nicht ertragen, besungen zu werden (Bild unten). Das Ganze macht auf fantastische Weise komplett Sinn, ob Sie es jetzt glauben oder nicht.

Marie

Übrigens: Das Theaterspektakel spektakelt noch bis zum 3. September und lohnt allemal einen Besuch, besonders, da das Wetter auch wieder etwas unspektakulärer, sprich schöner, ist.

Stadt ist gut, Land ist besser

Daniel Gaberell am Montag, den 28. August 2006 um 17:22 Uhr

Literaturfestival, Stadttheater, Reitschule, Buskers, Casino, Tanztage, Münsterkonzerte – alles schön und gut, aber doch einfach irgendwie grossstädtisch abgehobene Urbankultur.

Darum proklamiere ich erneut das ländliche Kulturgeschehen. Ganz wunderbar zum Beispiel der üppige Lottomatch des FC Wynigen, das Jahrestheater des gemischten Chor Rüschegg-Heubach, das Waldfest der Pontoniere Aarwangen, die dezemberliche Turnervorstellung in Säriswil oder die Altjahrs-Ramset im «Wilden Mann» auf dem Oberbühlknubel.

Und bitte denken Sie jetzt nicht, die kulturelle Entwicklung auf dem Lande sei stehen geblieben. Denn – wie jüngstes Beispiel aus dem seeländischen Kallnach uns beweist – auch in den ländlichen Säälis, Mehrzweck-, Turn- oder eben Konzerthallen gehen starke Shows über die Bühne.

Halten Sie sich also bereit und notieren Sie sich den nächsten Samstag in Ihrer Agenda. Nutzen Sie dieses virtuelle Forum und organisieren Sie auf KulturStattBern Mitfahrgelegenheiten und ökologisch sinnvolle Sammelfahrten.

wrestling

Theaterfest von hinten

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 27. August 2006 um 20:09 Uhr

Schön war’s! Anstrengend auch, aber es hat sich gelohnt.

Zum Beispiel die Texte und Songs unter dem Motto «Sex, Drugs & Rock’n’Roll» am Nachmittag im Foyer. Amüsant, wie Intendant Eike Gramss mit sichtlichem Vergnügen die verblüffend expliziten Erotik-Verse von Ovid vorgelesen hat. Und die Songzeile «Isch liebe Liebe zu dritt» von Stereototal daselbst in die Kronleuchter zu schmettern, hat mir natürlich auch grossen Spass gemacht.

schönes FLAG-PlakatDie Kostümshow inklusive Versteigerung habe ich leider verpasst, wie vieles andere auch. Am Abend dann Shortcuts, kleine Müsterchen aus sämtlichen Produktionen der nächsten Spielzeit. Sehr ergreifend zum Beispiel die Kostprobe aus Brecht/Weills Mahagonny des Tenors Hendrik Vonk!

Lustig unser Dramaturg Rainer Hofmann, der für die Szene aus den Buddenbrooks als Alois Permaneder einsprang und dabei eine gehörige Portion komisches Talent entfaltete. Zu Reden gab bestimmt das nicht ungewagte achtminütige Video des Berner Künstlers Franticek Klossner, der kommenden Frühling gemeinsam mit Tanzchef Stijn Celis einen Tanzabend gestalten wird.

Und dann TK’s Swingmachine mit Beleuchter Marc Binz als Frontman. Cool! Schliesslich Party bis der Stuck runterbricht. Naja, fast. Um halb vier war Schluss. Aber schön war’s.

P.S. Ab sofort bei BernBillett zu haben: T-Shirts mit der Aufschrift Publikumsliebling.

Stadtfiguren (1)

Daniel Gaberell am Freitag, den 25. August 2006 um 8:10 Uhr

surprise-typ Max Frisch schrieb: Unsere Heimat ist der Mensch; ihm vor allem gehört unsere Treue. Nach langem Überlegen kam ich (zuerst) zum Schluss, dass dieses Zitat für mich nicht zutrifft. Meine Heimat ist das Wäldchen vor dem Haus, wo ich unzählige Hütten baute oder das romantische Aareufer, wo ich die Lippen und die Haut der Jungedliebe küsste. Dann aber, beim zweiten Nachdenken, musste ich ihm, dem Max, doch Recht geben. Die meisten Erinnerungen an meine Heimat sind mit Gesichtern und Gestalten verbunden.

So wird es auch mit Bern nicht anders sein. Wenn ich dann im alten Alter zurückblicke, werden mir ganz bestimmt auch zahlreiche Personen in den Sinn kommen. Denn jede Stadt ist geprägt von den Menschen, die in ihr leben, sie sind hauptverantwortlich für den Charakter eines Ortes oder eben einer Heimat.

Mein erstes Augenmerk richtet sich auf die zwei bekanntesten Strassenmagazinverkäufer unserer Stadt. (Ok, es gibt noch der an der Krücke bei der Bahnhofs-Welle, aber wir wollen hier ja keine Bildgalerie zelebrieren). Während sie in der Bahnhofsunterführung endlose Stunden ausharrt (fixer Standort), trifft man ihn innert kürzester Zeit nicht nur in der Innenstadt sondern auch in den Aussenquartieren (Dauerläufer). Sie sagt nie etwas, er hingegen preist sein Magazin im Sekundentakt als «Nei-Merci-Zitig».

Eine längst fällige Hommage im Kleinen an all die Grossen, die unsere Stadtkultur lebendig machen! (Fortsetzung folgt…)

schranz

King of Pop, unbestritten

Frau Götti am Donnerstag, den 24. August 2006 um 10:48 Uhr

Robbie1

Da ist es also über die Bühne gegangen, das Konzert aller Konzerte. Und es ist zu sagen: Robbie Williams kann so ziemlich alles tun und lassen, was er will – er ist der Entertainer schlechthin.

Weil er es ist, lacht man dankbar und übermässig über seine nicht immer sehr subtilen Witze in Fäkal- und Frühpuberto-Bereichen. (Zugegebenermassen muss das Wankdorf mit seinen Young Boys ja schon etwas queer sein für einen Briten.)

Weil er es ist, hört man sich sogar die live-Interpretation seiner unsäglichen neuen Single “Rudebox” an, die er in Adidas-Montur kurz vor Ende des Konzerts leider noch zum Besten gibt. (Statt dass man die gute Gelegenheit nutzen würde, um auf die Toilette zu gehen.)

Weil er es ist, schreit man sehr falsch und sehr laut bei seinen Hits mit, obwohl man den Text nur bruchstückhaft kennt (“na na na na naaah, she offers me protection, na na and affection, na na na na naaah“). Und obwohl man eigentlich von sich gedacht hat, seit damals bei AHA habe man das Singen überwunden.

Robbie2Weil er es ist, lässt man sich betören von seinemDas ist nein Scheisse“, und das Strategische dahinter ist einem egal.

Die Bühnenschau übrigens, die ist nicht von schlechten Eltern.

Nicht zufällig ist er bei “Advertising Space” auf den Video-Screens als Elvis himself zu sehen.

Denn einen neuen King of Pop hat die Welt ja nun.

Big Apple – kleine Welt

christian pauli am Donnerstag, den 24. August 2006 um 9:54 Uhr

Da waren also gestern Abend diese beiden Bands aus NY im Café Kairo- siehe unten. Die Anfrage kam vor einem Monat rein, tätsch bumm, machen wir – und siehe da: Es kommen Bekannte und Verwandte.

Zum Beispiel Roman Elsener, Sänger von Room. Ein Ostschweizer, lebt seit 11 Jahren im Big Apple und ist – wenn er nicht singt – US-Korrespondent für die SDA und Uno-Berichterstatter der NZZ. Roman ist der Bruder von Marcel und Marcel ist Musikredaktor beim St. Galler Tagblatt, und das St. Galler Tagblatt gehört der NZZ, und der «Bund» gehörte das auch einmal mehr als heute und ich war auch einmal im «Bund» und nun…

Und da kam noch ein anderer: Diedrich Diederichsen, das Hirn der deutschen Pop-Kritik, einst Redakteur und Herausgeber von Spex, nun Professor in Berlin und zur Zeit im Zentrum Paul Klee anlässlich der Sommerakademie. DD trägt heute abend um 18.30 Uhr vor. Thema: «Die dritte Kulturindustrie».

ddDDs Besuch hat mich persönlich gefreut, hat doch der Mann einmal im Spex diesen Satz geschrieben, der mein Leben doch für einige Jahre prägte. (Und weil wie hier Fun-orientiert sind, ein kleines Quiz: Welchen Satz hat DD geschrieben? Als Geschenk winkt das Objekt, auf den sich dieser Satz bezogen hat.)

Diedrich übrigens hat die beiden NY-Bands nur aus der Ferne betrachtet. Roman hat sich trotzdem riesig gefreut.

Kultur statt Gähn (1)

Manuel Gnos am Dienstag, den 22. August 2006 um 12:50 Uhr

Morex Optimo aus New York. (Bild: zvg)Liebe Freundinnen und Freunde der gepflegten Freizeitbetätigungen, nun ist es so weit: Ihr Kulturblog verschafft Ihnen einen Platz auf der Gästeliste!

Den Start macht die Liste des Café Kairo mit dem Konzert der beiden New Yorker Rockbands Morex Optimo und Room vom Mittwoch, 23. August.

Da die Platzzahl beschränkt ist, müssen Sie natürlich etwas dafür tun, um die auserwählte Person zu werden, die auf der Kairo-Gästeliste Platz findet. Klicken Sie dazu am Ende dieses Beitrags auf «Kommentare» und füllen Sie die Felder ganz am Schluss der sich nun öffnenden Seite aus. Sie müssen nicht Ihren wahren Namen verwenden.

Nun also noch die Frage, die es zu beantworten gilt: Wieso sind gerade Sie dazu prädestiniert, auf dieser Gästeliste Platz zu finden?

Eingabeschluss ist Mittwoch, 23. August, 12 Uhr. Sie dürfen so viele Versuche wagen, wie Ihnen beliebt. Die Jury ist unfair und bestechlich. Na dann los! Und viel Glück.

Präventive Aktion

Grazia Pergoletti am Montag, den 21. August 2006 um 0:35 Uhr

Da gerade alle anderen Blog-MitarbeiterInnen todkrank oder frisch verliebt zu sein scheinen – was, NEIN, nicht auf’s Selbe herauskommt! – wechseln Herr Gaberell und ich uns halt ein bisschen ab…

Am Freitag war Vernissage in der Kunsthalle. Die Ausstellung nennt sich Pre-Emptive, und obwohl ich es immer schwierig finde, eine Austellung an der Eröffnung zu beurteilen, empfehle ich einen Besuch wärmstens. Zwar war ich sehr dankbar, den Artikel im «Bund» vom Freitag vorher gelesen zu haben, denn er lieferte Hintergrundinformationen, die einem an der Ausstellung selbst vorenthalten bleiben. Dies ist natürlich Absicht, denn die «Ausstellung will eine Situation beschwören, die der Verwirklichung und Möglichkeit jeglicher Kontrolle vorgreift, sie also vermeidet».

F. Reymond le cadeaux dePersönlich bemerkenswert nebst der Kunst war die gute Stimmung an diesem Abend, die Rede (sowie die Frisur) von Philippe Pirotte, und mein kurzer Tratsch mit Herrn Gartentor, der sich als Kulturblogbesucher outete. Mein Highlight lieferte schliesslich Giro Annen mit diesem Satz: «So ist es doch im Leben: Man wartet immer darauf, dass es so viel schneit, dass die Schule geschlossen bleibt.»

Bevor ich mich jetzt vollends zur Patricia Boser der Kunstszene mache, hier ein kurzer, trockener Hinweis auf eine andere Austellung. Anton «Fashion» Schuhmacher zeigt in seiner Galerie Artdirekt (Herrengasse 4) Malerei von Florence Reymond, Vernissage war am Samstag. Lieblich und unheimlich. Hingehen!

Ein sicherer Wert

Daniel Gaberell am Sonntag, den 20. August 2006 um 21:03 Uhr

KnieDer Knie – ist das Kultur? Vor allem, wenn man die Vorstellung drinnen auslässt und dafür Backstage Pferde, Elefanten und anderes (!) sieht?

Der Knie – an allen Ecken und Enden ein sicherer Wert für Nostalgie und Romantik: Enge und hübsch eingerichtete Zirkuswagen, nach den Vorstellungen Rotweintrinken mit den chinesischen Jongleurinnen, das Rauen der Tiger als ständiger Traumlieferant…
Dann tagsdarauf weiter ziehen, mit Traktoren in endlosen Karawanen in eine andere Stadt, Zelte aufstellen, Sagmehl ausstreuen, Pferdemähnen streicheln.

Und was macht bei all dieser Abenteuer-Romantik ein gewisser Victor Giacobbo in billigen Verkleidungen in der Manege? Er, der Zerstörer der Clownerei? Wo bleibt bei Fredi Hinz und Co. die so bitter nötige Sinnlichkeit um der lustig-tragischen Zirkuswelt zu genügen? Wo bleiben Dimitri, Pic, Emil und all die anderen Clowns – sind sie tatsächlich ausgestorben? Ist der Fredi Hinz der neue Clown unserer Zeit? Wars das?

Eben. Ein Giacobbo mag gut sein für die Kasse und mag gut sein fürs TV, im Knie aber hat er meiner Meinung nach nichts verloren.

Oder muss ich mein antiquiertes Zirkusbild begraben?