Hinter Clubtüren schauen

Gisela Feuz am Donnerstag, den 13. April 2017 um 14:29 Uhr

Was ist der Unterschied zwischen einem Club und einem Konzertlokal?
Warum muss die Musik in Diskos so laut sein?
Wie viele Türsteher braucht ein Club?
Was ist eine Produktion?

Antworten auf diese und viele weitere Fragen gibts am 29. April, dann ist nämlich Tag der offenen Clubtür. Berner Clubs öffnen an diesem Samstag tagsüber ihre Pforten und gewähren Neugierigen Einblick. Wenn Sie die Clubs nicht alleine aufsuchen möchten, dann kommen Sie doch mit mir auf eine geführte Clubsafari.

Start: 16 Uhr im Bonsoir (Aarbergergasse 33/35)
Stationen: Bierhübeli, Dead End, ISC, Dachstock der Reitschule

Am 29.4. für einmal auch tagsüber weit geöffnet

Die Tour dauert ca. zwei Stunden, vor Ort geben Clubbetreiber*innen und Angestellte Auskunft über ihre Tätigkeiten und beleuchten unterschiedliche Bereiche von Kulturbetrieben. Die Safari ist gratis und richtet sich explizit auch an ältere Semester und Menschen, die nicht mit der Clubkultur vertraut sind. Nehmen Sie doch diese Gelegenheit war, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Fragen zu stellen. Ich freu mich auf Sie!

Herzlichst,
Ihre Frau Feuz

P.S. Sie haben jetzt schon eine Frage? Dann schreiben Sie mir doch hier eine E-Mail.

Holligen: Notizen auf Hermes Schreibmaschine auf Europaplatz

Roland Fischer am Donnerstag, den 13. April 2017 um 10:50 Uhr

Was machen sie da?
Schreibe mit Maschine
Wie aus Keller, Hermes Maschine
Mein Bruder besser schreibe.
Ich nähe.
Was ist das
ein Bett
ein Tisch
ein Kunst
Projekt
Projekt waaaas,
So ein Pferd ohne Reiter, in meiner Land viele Soldaten aus Eisen, Bronze, Stein
alles Tot aber Gut
ooooo, aaaaa
Ich bin Schriftstellerin Dragica
was sie schreiben
Lieder
Nicht singen was schreiben
Warum dann?

Maria meine Name,
Mazedonien, reden wir srbski

ich lese ihnen Zukunft
ja cu vam čitati budućnost
was wenn ich sterbe, morgen
das sage ich nicht
sage ich nie
was machen sie da?
ich sammle Geschichten

dragica raijic und das künstlerduo boijeot.renauld auf dem europaplatz (© transform)

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Druckvolle Intensität

Gisela Feuz am Mittwoch, den 12. April 2017 um 7:30 Uhr

Diese Woche bei uns zu Gast: Herr Rrr, Chefredakteur des Fussballblogs Zum Runden Leder.

“Hallo Kulturfans, ich habs geschafft! Ich wohne jetzt in der Lorraine. Total trendy Gegend, und gar nicht mal so teuer. Jedenfalls, wenn Sie einen Kaderlohn haben. Aber item, einziger Wermutstropfen: Das Schlafzimmer ist überdimensioniert, und die Wand über dem Bett riesig. Klarer Fall, da muss ein massives Bild her. Also ab ins Kunstmuseum Bern, wo zurzeit tolle Werke über die russische Revolution zu sehen sind.

Ah, Frau Feuz ist auch da! Die langjährige Kulturbloggerin empfiehlt mir das Bild “What the Homeland Begins With” von Dubossarsky und Vinogradov. “Das passt zu Ihrer Bettwäsche, Herr Rrr.”

“Tolle Giraffe”, murmelt Herr Rrr. Und klar, Dubossarsky und Vinogradov reflektieren mit ihrer eigentümlichen Theatralität die beispiellose Spektakulisierung unseres Bewusstseins. Aber im Schlafzimmer? “Dann doch lieber so was, Frau Feuz.”

Dieselben Künstler, elf Jahre früher. “Hier wird Stalins Industrialisierungskampagne mit der Pseudorealität der Folklore-Industrie kontrastiert”, weiss Herr Rrr, “aber unter dem Strich bleibt doch etwas Druckvolles, Animalisches. Diese Intensität, Frau Feuz, dieses wilde Feuer – so muss es doch einfach sein in einem zeitgemässen Schlafzimmer!”

Nur zur Sicherheit gehen wir noch andere Möglichkeiten durch. Zum Beispiel feinste sozialistische Popart von Alexander Melamid und Vitaly Komar. Wobei, der Blick von Stalin wird auf Dauer vielleicht zu viel. Dann eben Erik Bulatovs Revolution – Perestroika: Lenin kann man in der Lorraine immer bringen, und der Typ vorne ist quasi Gorbi, einfach ohne Feuermal. Andererseits, das Werk passt farblich schlecht zu den Vorhängen.

Letzter Anlauf: Fotorealismus mit Boris Mikhailov. Freilich – wenn man sich die Option behalten will, später auch andere Räumlichkeiten mit demselben Künstler auszustaffieren, ist das Gesamtwerk vielleicht etwas verstörend.

Fazit: Frau Feuz und ich besuchen jetzt noch den zweiten Teil der Ausstellung im Zentrum Paul Klee, aber vermutlich entscheiden wir uns dann für ein Hochglanz-Poster von Genosse Stachanov. Passt alles in allem wohl doch am besten.”

Die Ausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!» zum 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution im Zentrum Paul Klee und dem Kunstmuseum Bern dauert bis 9. Juli 2017.  Zur Eröffnung gibts heute Abend im Zentrum Paul Klee Borschtsch und Russenparty mit DJ Goran Potkoniak, derweilen im Kino Rex der Berliner Maler Norbert Bisky über seine Kindheit in der DDR spricht. Im Anschluss wird der sowjetischen Filmklassiker «Wenn die Kraniche ziehen» (1957) gezeigt.

 

Keinzigartiges Lexikon: Folge 15

Gisela Feuz am Dienstag, den 11. April 2017 um 7:47 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Der Spätling
Der Spätling war eine Jahreszeit, die in den Siebzigern probeweise eingeführt wurde, nachdem man gemerkt hatte, dass sich auch Verrücktheiten wie die Umstellung auf Sommerzeit durchsetzen lassen. Mit dem Spätling entstanden zwei neue Monate, Quintember und Sixtober, wodurch es beim Abzählen an der Hand endlich keine überzähligen Fingerknochen mehr gab. Wie im Frühling begannen auch im Spätling die Blumen zu sprießen, die Bäume zu knospen und die Vögel zu singen. Da der Spätling aber direkt in den Herbst überging, endete das liebliche Erwachen der Natur jeweils in jähem Tod. Innendekorateure, Bastelgruppen und Hebammen ließen es sich dennoch nicht nehmen, die neue Jahreszeit zu zelebrieren: mit Spätlingsgedichten und Knospensträußen.


Manch einer feierte die neue Jahreszeit mit dem leckeren Unreife-Äpfel-Kuchen.

Nächste Woche: Der Trikini

Kulturbeutel 15/17

Milena Krstic am Montag, den 10. April 2017 um 5:04 Uhr

Die Krstic empfiehlt von Herzen:
sich am Mittwoch Síd in der Turnhalle zu gönnen. Dort tauft die Band rund um Rea Dubach das neue Album «Völuspá». Es klingt nach Morgentau getränkten Wiesen und Kieselsteinen unter nackten Füssen. Es ist eine einnehmende Musik, wie ich sie so noch nie gehört habe. Und Sie auch nicht. Word.

Mirko Schwab empfiehlt gegen die Schmerzen:
Unter der Bezeichnung «End Hits» beschenkt sich der Dachstock mit Schwergewichten der Stromgitarrenkultur. Und damit auch uns, die ganz normalen Zweifler, Verirrten und Verzettelten, die wir um Heilung ersuchen im Kegel aufgedrehter Verstärkertürme. Sich ein bisschen anschreien lassen hilft. Am Samstag wieder mit Pulled Apart By Horses.

Fischer, nicht zum Scherzen (aufgelegt):
Heute abend hopp zum Videoscreening und Künstlergespräch ins Lehrerzimmer (nicht zuletzt der Knödln wegen) – Normaden, Tintenfische und andere Datenträger, wenn das nicht mal ein vielversprechender Titel ist.

Der Urs empfiehlt mit Kerzen:
Ein letztes geplantes Abendmahl – schliesslich ist Osterwoche – im Punto, die Oase im Burgernziel. Es gibt viel zu wenige davon, in den Quartieren. Aber bald schon wird uns auch diese von Baggern geraubt. Also ab zum candle-light-dinner und Tribut zollen. Sowieso besser als nur saufen in diesen heiligen Nächten.
Und für die unverbesserlich Gottlosen – FUZZ ORCHESTRA am Sonntag im Ross, radikalster Impro-Heavy-Soundtrack-Rock (für den Schwab mal wieder) mit Hang zu Psychedelik. Nur für HartHärterHärtestgesottene.

Frau Feuz empfiehlt:
Am Mittwoch gibt’s im Rössli mit Hathors eine furiose Mischung aus Alternativrock, Punk und Hardcore zu hören, darüber hinaus sorgt die Basler Supergroup Neo Noire für einen Abstecher Richtung 90er-Jahre-Grunge. Am Samstagnachmittag gibt’s bei Beat-Man im Voodoo-Laden dann eine Ladung Psychedelic-Punk auf die Ohren: The Love Cans kommen auf Besuch.

Messer und im Rücken

Urs Rihs am Samstag, den 8. April 2017 um 14:04 Uhr

Es schien kaum angesagt und darum kamen nur die Angesagtesten. Zu Messer, in der Dampfzentrale, am Donnerstag.

Eigentlich schade, denn Messer hätte locker gereicht, um den ganzen Berner Musikpulk zu exorzieren – von rückwärtsgerichteten Rockideen, von verkalkten Posen auf der Bühne und von bildungsbürgerlichen Freiheitsphantasien im Text.

Ich selbst war spät dran, zuvor hatte ein Pflichtspiel gegen die Anstalten Witzwil auf dem Programm gestanden. Fussball im Knast, der legendäre Integratinonsklub RACING Bern, gegen die gesellschaftlich Ausgeschlossenen. Familiäre Stimmung auf dem Rasen hinter Betonmauern, aber das nur am Rand.

Bei der Rückfahrt spürte ich Messer schon im Rücken, mein L5 Wirbel schien Millimeter vor dem Durchbruch – auf den Os sacrum, die Bandscheibe wohl wenig mehr noch, als ein spröder Dichtungsring. Schmerzen, elf, auf der Skala null bis zehn. Beste Voraussetzungen also, für die fünf Münsteraner Abreisser von Messer.
Die wirkten ihrerseits alles andere als brüchig oder ungelenk. Quasi akrobatisch ihre Verrenkungen während dem Schrammeln, vor allem von Frontmensch Hendrik Otremba, der Typ könnte locker bei rhythmischer Gymnastik antanzen, schaut schwer gut aus vom Bühnenrand.

Und obwohl die Truppe auf den ersten Blick etwas geckenhaft wirkt, wird schnell klar, da ist nichts aufgesetzt. Das Geschrei ist echt, das ist rohster körperlicher Ausdruck von Melancholie, Wut und eben – ich fühle mit – von Schmerzen.

Da hallen sie plötzlich wieder, diese Erinnerungen. Im Habdunkel der spartanisch ausgeleuchteten Dampfzentrale – das Licht macht auf «weniger ist mehr» Ernst, schön schick – leuchten Namen vor dem inneren Auge. Sisters of Mercy, Cure, Wire. Die Platten oben links im Gestell, dort muss wohl auch die aktuelle von Messer hin, Jalousie.

Robustester vertonter Neo-Existenzialismus – für den Schwab hier – bei Messer greifen musikalisch subtil feinfühlige, in brutal direkte Schaltkreise über. Leichten Synth-Passagen folgen Verstärkereruptionen, schmalbrüstig zerbrechlichen Gitarrensoli Perkussionskaskaden, gedroschen auf zwei Drums, parallel geschaltet quasi, scheissgut.

Auch textlich dynamisch übrigens, Opakes geht stufenlos über zu Glasklarem. Von verschleiert Romantischem zu politisch Anklagendem, ohne auch nur annähernd mit dem Echoeffekt zu liebäugeln, auch wenns in der Dampfzentrale mal wieder zu kräftig hallte.
Diese Band hat keine Antworten, braucht keine Trivial-Metaphern, will keine Chören von Gleichgetakteten.
Wo sich bei Wanda mediokerste Bierseeligkeit breit macht und sich Vice und Noisey lesendes Pack in den ordinärst-tätowierten Armen liegt, da bevorzugt Messer immer den Zweifel – oder den Gedankenstrich.

Messer bleibt stecken, wos weh tut, in meinem Rücken, und sicherlich im Kopf der leider nur knapp 30 Leuten vom Konzert am Donnerstag. Auf bald – lässt sich da nur hoffen.

Es tat so schrecklich schön weh, MESSER in meinem Rücken und der Dampfentrale Bern, letzten Donnerstag.

 

SELVE – Der Bildband

Gisela Feuz am Freitag, den 7. April 2017 um 6:39 Uhr

Frau Feuz ist eine Heimweh-Thunerin, wie es im Buche steht. Nein, dort aufgewachsen ist sie nicht, aber blutjung der Enge des Oberlandes entflohen und in die Metropole am Fusse des Schlossberges übergesiedelt. Botz Donnerwetter. Fulehung, Schaudau Open Air, Thunfest … bald einmal konnte Teenager Feuz den ersten Suff verbuchen (Rosé im Mokka, das Glas für 2.50), zog zum ersten Mal an einer Kräuterzigarette und besuchte im Nachtwerk den ersten Rave. Nachtwerk? Sagt Ihnen nichts? Das war ein Club im Selve-Areal. Selve sagt Ihnen auch nichts? Dann schreiben Sie jetzt auf der Stelle Fotograf Christian Helme eine E-Mail und bestellen bei ihm den Bildband «Selve».

1895 eröffnete Gustav Selve nahe der unteren Thuner Altstadt ein Buntmetallwerk, in welchem Platten, Rondellen, Draht- und Munitionszubehör hergestellt wurden. Die Produktion wurde mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges stark ausweitetet und florierte auch während des Zweiten Weltkrieges. An der Spitze des Unternehmens stand lange Zeit als alleinige Inhaberin Else von Selve, die bei der Belegschaft grosses Ansehen genoss. Als Madame Selve 1971 verstarb, übernahm Finanzjongleur Werner K. Rey die Erbgemeinschaft der Firma und fuhr, Sie entschuldigen die saloppe Ausdrucksweise, die Karre so richtig gegen die Wand. Während Rey auf den Bahamas die bleiche Wampe in die Sonne hängte, schloss 1993 in der Selve die letzte Produktionsstätte.

Die Hallen blieben aber nicht lange leer, Gewerbetreibende, Künstler und Bastler zogen ein und ausserdem beherbergte die Selve zu Spitzenzeiten rund 20 öffentliche Vergnügungsstätten (und eine Vielzahl privater Partyräume) wie etwa Cherokee, Chain-Links, Selver-Gärtli, Late Night Americano, Diagonal, Bierhalle, Gatsby-Disco, Basis, Orvis, Nachtwerk, Galerie Dreieck, Willa Wahnsinn oder Kraftstoffbar. Die Partymeile strahlte bis nach Zürich, An einem Freitag- oder Samstagabend strömten gut und gerne 10’000 Besucher durch die Hauptachse, die sinnigerweise Scheibenstrasse heisst. Die Sitten wurden allerdings rauer, es wurde geklaut und gedealt, Gewalt machte sich breit, der Zuschauerstrom begann zu versiege und die vorher immer wieder verlängerten Mietverträge liefen aus. 2007 hatte es sich dann definitiv ausgefeiert und heute stehen dort, wo einst Nachtschwärmer in die Aare Richtung Schwäber (Flussbad Schwäbis) rüberseichten, ein zwölfgeschossiges Hochhaus, Bezirksverwaltungsgebäude und eine ganze Reihe Wohnhäuser.

Die bewegte Vergangenheit, der Wandel von Produktionsstätte zu Vergnügungsviertel und Wohnraum dokumentiert der Thuner Fotograf Christian Helme nun in seinem Bildband «Selve» mit zahlreichen grossformatigen Schwarz-Weiss- und Farb-Fotografien aus rund vier Dekaden. Architekt Guntram Knauer hat dazu ein Vorwort verfasst, in welchem die Entwicklung detailliert wiedergegeben wird. Ein wunderbares Buch, Einblick gibt’s hier. Oh Nostalgie!

Von Tieren und von unberühmten Menschen

Mirko Schwab am Donnerstag, den 6. April 2017 um 5:48 Uhr

Die sublimsten Dinge begegnen einem manchmal am Urinal. Eine Hymne auf das Rössliplakat.

Sie ist nötig. Sie muss gesungen werden. Die sublimsten Dinge, sie gehen auch gerne vergessen. Gerade wenn sie über der Pissrinne hängen. Flankiert von den gesprühten Zeugnissen hündischer Markierungstriebe im Manne nebst unzähligen Klebern, einer Open-Source-Bibliothek subkultureller Gestaltungsmarotten und Codes – aber mittendrin: ein durchs Sieb gedrucktes Meisterwerk im Harndampf. Dem Feuilleton entgeht gerne, was nicht schreit «sieh mich an, ich bin Kunst!».

Die Jungs vom Grafik- und Illustrationsbüro opak haben die Meisterwerke zu verantworten. Seit Jahren begleiten Sie das stoisch im popmusikalischen Untergrund mäandrierende Programm der Rösslibar mit ihrer leichtfüssigen Bildsprache. Ihre Ästhetik variieren sie dabei derart facettenreich und gleichzeitig verbindlich, dass jeder noch so verschrobene Gedankenblitz schliesslich ganz intuitiv auf sein Mutterrössli zurückweist: Selten ging Corporate Identity derart unverkrampft. Diese ästhetische Verbindlichkeit speist sich aus dem Repertoire der Themen und Techniken, die zur Anwendung kommen. Der zweifarbige Siebdruck prägt die Serie ebenso wie die Lust an der Impferfektion auch der grafischsten und strengsten Entwürfe, die sich so den Charme der Handarbeit erhalten. Und nicht zuletzt das konsequent ausgesparte Rändchen; eine Abgrenzung vielleicht gegen die ordinäre Nachbarschaft, in der die Plakate angebracht sind – und eine würdige Rahmung ganz sicher für die detailverliebten Geschichten, die einem da beim Schiffen erzählt werden.

Geschichten erzählen, wenn die Köpfe fehlen. Die grossen Namen sucht man im Programm des Rössli bekanntlich umsonst. Und also dürfen sich die Plakate um anderes kümmern als die geschickte Einbettung des ikonischen Bandfotos oder die möglichst schreihalsige Lesbarkeit des Headliners, der die Vorverkäufe abheben lässt. Nein, das Rössliplakat leistet ungleich mehr: Es erschliesst hintersinnige bis im originärsten Sinn plakative Interpretationen der zahlreichen Band- und Künstlernamen, die Woche für Woche auf dem Programm stehen – Karikaturen, Wortspiele, Hommagen und Referenzen. Die Motivik weist dabei oft in die Welt der Pflanzen und Tiere, die, ins Absurde oder gar Morbide abgekantet, den schrägen und aufwühlenden Darbietungen aus der Subkultur in grafischen Kürzestgeschichten die Ehre erweist.

Ein Hoch darum auf das Rössliplakat. Die poetische Antithese zu den Mechanismen der Werbeindustrie; nur sehr spärlich aufgehängt, als solle es den Selbstzweck geradezu zelebrieren, wild, ausufernd und bisweilen fast kryptisch verschwiegen in seiner Gestaltung und in dieser Unverfrorenheit letztlich mehr als jedes andere Konzertplakat der Stadt: Kunst.

Holligen: Gedanken mit Hund

Roland Fischer am Mittwoch, den 5. April 2017 um 12:08 Uhr

Da-Sein. Die Augen öffnen. Begegnungen suchen. Berührung finden: “Es muss nix, es kann alles.” ist der Ausgangspunkt des diesjährigen TRANSFORM. Die zweiwöchige Recherche ist der gegebene kompetitive Rahmen unter zehn in Holligen gastierenden Kunstschaffenden, das Eigene mit Vorgefundenem zu verbinden.., kontrastieren.., komponieren…
Wo beginnen? Wie weiterwandern? Wozu und für wen und woraus eine Idee formen? Sind einsame Wege auf der Suche nach Ausdruck sinnstiftend? Oder rufen ungegangene Pfade nach Gemeinschaft? Was treibt an? Und wen interessierts? Lauter Fragen, die Unruhe stiften. Rastlosigkeit braucht eine Wohnstatt und Unbekanntes einen Namen.

Laura Huonker@Holligen, Foto: Marco Frauchiger

Ich habe mir vorgenommen, Bern-Holligen ohne Navigationsgerät mit Anreise in meinem VW Bus zu finden. Das hat mich in die urbane Landschaft der Autobahnausfahrten geführt; nach Ittigen, N.N. und N.N. Bern-Holligen ist von Wald umgeben, ein geographischer Spitz in die Stadt, und liegt an zwei Hängen, keine eigene Autobahnausfahrt, gefächert rund um ein Fussballfeld. Mit meiner Kleinhündin bin ich durch die Quartierstrassen gelaufen, und habe Geschichten gefunden. Keine solchen, aus der Dramatik entsteht, sondern gelebter Alltag. Auf einer Bretterwand gesprayt lese ich: UNSERE TRÄUME SIND VIEL GRÖSSER ALS EURE URNEN. Wohnstrassen, Gärten, Institutionen und Ämter; Menschen im Transit, Eingesessene, Biografien mit Zuwanderungsgeschichte. Ein Stadtteil – auf seine Weise einzigartig und auch nicht. Weisen der Welterzeugung sind vielfältig. Die Kunst ist eine Weltenerfinderin. Welche Welt in Bern-Holligen zwischen Juni und September diesen Jahres aufscheinen wird, ist noch offen. Rastlose Sucher und Sucherinnen forschen, entwerfen und verwerfen, folgen Spuren und verlaufen sich in der Faszination des Neuen und persönlichen Mustern. Sich Orientierung schaffen ist die eine Aufgabe. Sich seiner selbst zu versichern in der scheinbaren Unendlichkeit von Alles und Nichts zwischen Europaplatz und Fischermätteli. Jede Kunst bewandert auch Grenzen; Bern-Holligen ist davon umgeben: Die Bahngeleise. Es sind offene Begrenzungen, die es nicht leicht machen, einen Kern zu erkennen, der diesen Ort zusammenhält.
Bern-Holligen ist ein nerviges Rätsel, etwa so, wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Es ist ja alles da, und doch muss eine Absicht den Funken schlagen. Dies meine beunruhigten Gedanken mit Hund.

festgehalten von Laura Huonker, Theatermacherin aus Zürich

Das transdisziplinäre Kunstprojekt transform fragt in seiner sechsten Ausgabe gemeinsam mit zehn Kunstschaffenden aus allen Sparten und einer Jury bestehend aus BewohnerInnen Holligens, was Kunst im öffentlichen Raum Holligens soll. Seit Februar diskutiert die Jury gemeinsam mit transform, was sie von Kunst für ihr Quartier erwarten. Noch bis zum 8. April sind die eingeladenen KünstlerInnen in Holligen unterwegs und treten mit dem Quartier in Interaktion. Danach legen sie Projektvorschläge für ein grosses Kunstprojekt in Holligen vor und die Jury entscheidet, welches Projekt realisiert werden soll.

Mehr Platz für weniger Menschen!

Gisela Feuz am Dienstag, den 4. April 2017 um 11:01 Uhr

Soeben wurde Frau Matt’ullo Stocher in der Berner Innenstadt gesichtet, wo sich die Politikerin offensichtlich über die Wahlplakate einer neuen Berner Partei echauffierte. «Verständnis – Nein!» oder «Mehr Platz für weniger Menschen» steht da auf diesen Plakaten geschrieben, darunter prangt ein Logo mit strahlender Wurst und dem Parteinamen «Sit so guet, s.v.p.»

«Jo näi, will uns da etwa einer die Wurst versenfen?! Sehr is ä problem i häf to solf», soll Frau Matt’ullo Stocher beim Anblick der Plakate laut ausgerufen haben und soll erzünt von dannen gestapft sein. Wir bleiben dran. Beim Teutates.

Hinter dem Parteinamen «Sit so guet, s.v.p.» verbirgt sich ein Musical, bzw. eine SVP-Satire, bei der es darum geht, dass sich die letzten Linken in einem Asterix-Dorf im Jura verschanzt haben. Ausgedacht haben sich den Schabernack die Herren Matto Kämpf, Raphael Urweider, Dennis Schwabenland und Simon Hari, gezeigt wird das Stück ab 22. Juni in der Dampfzentrale zu Bern, sofern einem bis dahin nicht der Himmel auf den Kopf gefallen ist.