Keinzigartiges Lexikon: Folge 19

Gisela Feuz am Dienstag, den 9. Mai 2017 um 6:56 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Der Serienselbstmörder
Der Serienselbstmord hat sich zu einer beliebten Todesart entwickelt. Eine gängige Methode besteht darin, mitten in einem Hungerstreik und nach einer Überdosis Heroin, einem Glas Pflanzenschutzmittel und zwei Packungen Schlaftabletten mit einer Plastiktüte auf dem Kopf, aufgeschnittenen Pulsadern und Kopfhörern im Ohr, aus denen von Teenagern gesungene Xavier-Naidoo-Songs ertönen, von einem Gebäude hinunterzuspringen, direkt in ein mit elektrischem Stuhl und Selbstschussanlage ausgestattetes Cabrio, das nach einer Fahrt über vermintes Gebiet in einen Brückenpfeiler prallt, worauf man aus der Frontscheibe auf einen zugefrorenen See gespickt wird, in den man nach einer automatischen Selbstentzündung ein Loch hineinschmilzt, um unterzugehen.


Eine sorgfältige Vorbereitung ist für einen Serienselbstmörder das A und O.

Nächste Woche: Der Flederhamster

Kulturbeutel 19/17

Milena Krstic am Montag, den 8. Mai 2017 um 5:05 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Auawirleben
#forreal: Am Donnerstag ist in der Dampfere der Auftakt zum Theaterfestival der freien Szene. Musikalische Rosine: Julian Sartorius spielt am Samstag um 22 Uhr im Festivalzentrum sein meditatives Techno-Set.

Frau Feuz empfiehlt:
Heute Abend zeigt die Musikfilm-Reihe «Song and Dance Men» in der Cinématte «Bunch of Kunst», eine Dokumentation über das grantige Rap-Duo Sleafort Mods aus Nottingham. Am Mittwoch liefern in der Turnhalle Esmerine dramatischen Soundtrack, wobei sich im instrumentalen Kammerrock-Quintett Mitglieder von Godspeed You! Black Emperor und Thee Silver Mt. Zion finden lassen.

Schwab empfiehlt:
Xiu Xiu

(dreizeilige Lobeshymne, die den Youtubelink ja doch unterläuft)
am Dienstag im Dachstock.

Der Urs empfiehlt:
Das kleine Festival der grossen Bands
(oder umgekehrt), erst die zweite Austragung und schon ein Klassiker! Im Dachstock, am Samstag. Wo sich die Grenze zwischen Bühne und Publikum auflöst und sich das Gemenge zu einem üblen Cocktail mischt – wird archaisch! Und wenn wir schon im R’N’R Verve sind – Gimme Danger – der Jarmusch-Dok über Jim Osterberg alias Iggy Pop aka the oldest sixpack alive und The Stooges, hell yea – im Kino Rex Bern natürlich.

#BernNotBrooklyn

Gisela Feuz am Sonntag, den 7. Mai 2017 um 13:02 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Zum Beispiel wenn an einem Montagabend im ISC gleich drei stramme Kerle den Merch-Stand bedienen, welcher auf das Fünffache seiner normalen Grösse erweitert wurde, derweilen oben auf der Bühne Deathrite und Deserted Fear die Frage aufkommen lassen, warum Shampoo-Firmen nicht ausschliesslich mit Death Metallern Werbungen machen. Und wenn einem die beiden Herren Mantar mit ihren apokalyptischen doomigen Gewaltsriffs dann auch noch eine veritable Organ- und Weichteilmassage verpassen, dann ist die Welt im beschaulichen Bern extrem in Ordnung. Selbst an einem Montagabend.
 

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es pünktlich zum Katerfrühstück.

Er, sie, es? Egal!

Milena Krstic am Freitag, den 5. Mai 2017 um 11:39 Uhr

Verzeihen Sie mir, ich bin wirklich ganz kurz angebunden nur, aber ich möchte Ihnen sagen, dass Sie sich «Genderpuff» im Schlachthaus Theater ansehen gehen sollten. Mit ihrer Grossmutter, ihrem Kind, ihren Eltern, ihren Neffen. Nehmen Sie alle mit, die Sie mobilisieren können (wobei es eben nur noch am Montagmorgen Tickets gibt).

Der Jugendclub Schlachthaus spielt
‘Genderpuff’. Foto: Yoshiko Kusano

Das wird zwar lustig, aber keine leichte Kost, wenn der Jugendclub des Schlachthaus Theaters auf der Bühne gebährt, sich benetzstrumpft, schauläuft und  s ä m t l i c h e  Geschlechterklischees voneinander nimmt. Ariane von Graffenried hat einen mächtigen Text geschrieben zum ewigen «Was-isches»-Thema und Caroline Ringeisen hat ihn gemeinsam mit den Jugendlichen vorzüglich auf die Bühne gebracht.

Ich habe vor Ergriffenheit fast geheult und trage die Hoffnung in mir, dass zukünftige Generationen tatsächlich ein Museum besuchen müssen, um sich darüber zu wundern, wie das früher möglich war, dass man Menschen in Männer und Frauen unterteilen musste.

Es gibt nur noch Karten für am Montagmorgen um 9.30 Uhr. 

Hostettlers Erbe

Mirko Schwab am Donnerstag, den 4. Mai 2017 um 14:08 Uhr

Avec le temps tout s’en va. Und auch die alten Berner Folksongs gehen mit der Zeit – ein Streifzug durch Urs Hostettlers Diskographie auf $$$potify und so.

Es passt irgendwie nicht recht zusammen. Die auf Benutzerfreundlichkeit polierte, spätmoderne Rahmung des schwedischen Streamingdiensts und darin all die alten Platten, Lieder und Tänze, Geschichten von Bauernaufständen, Aufgehenkten und im Wald zverlieren gegangenen. Und dazwischen: die von der Spotify-Frau unerschöpflich gutgelaunt gestellte Frage, ob man sich nicht Premium «holen» wolle für den werbefreien Hörgenuss. Auch das zeitgenössische Verständnis von Autorenschaft – in unheiliger Allianz mit dem Bedürfnis nach effizienter Sortierung – steht dem anarchistischen Zeitgeist der Siebziger- und Achtzigerjahre etwas schief gegenüber: Auf den alten Platten tummeln sich berndeutsche Übersetzungen, historische Fundstücke nebst Hostettlers eigenen Texten. Und natürlich allerhand MitmusikerInnen. Dennoch prangt über der gesammelten Musik in fetten Lettern Hostettlers Name allein. Kanye-style. Dem Liedersucher und Liedermacher ist es dann selbst etwas sauer aufgestossen, dass es im spätmodernen Musikverleih nicht weit her ist mit der sauberen Verdankung. So hat er alle Beteiligten gewissenhaft nachgetragen in seinem persönlichen digitalen Daheim.

Sie kennen Hostettler nicht? Wahrscheinlich liegt irgendwo auf dem Küchentisch ein Spiel von ihm. Tichu vielleicht, das wohl beliebteste, für dessen Nichtbeherrschung einer auch gerne mal aus der lustigen Studentenrunde ausgeschlossen wird – und bleibt, weil das Ding ja nicht zu erlernen sei. Oder Anno Domini, das lange vor der kanonischen Toilettenlektüre «Unnützes Wissen» die schönsten historischen Nebensächlichkeiten versammelt hat. Tausend Dinge hat der promovierte Mathematiker schon angezettelt und ausgeheckt, historisch-literarische Bücher und mysteriöse Stationentheater. Zunächst aber war er ein Musiker und Dichter in den goldenen Schweizer Folkjahren nach 1970. Zusammen mit seinen kongenialen brothers in crime: Der für die technisch versierten und glasklar vorgetragenen Pickings zuständige Tinu Diem einerseits und der beherzt aufspielende Luc Mentha an der Geige andererseits. Mit ihnen hat Hostettler damals einige der bis heute anmutigsten berndeutschen Lieder ersonnen. Und nicht wenige auch ausgegraben, alte Verse und Melodien aus einer vergangenen Zeit, die so gar nichts mit dem Hudigäggeler zu tun haben, der am Bügellift aus dem Billethäuschen dudelt.

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Der Zeppelin hebt wieder ab

Roland Fischer am Mittwoch, den 3. Mai 2017 um 13:24 Uhr

Rasche Meldung aus der Lorraine: Das Gentrifizierungszentrum Zeppelin nimmt seinen Betrieb demnächst wieder auf. Endlich wieder eine nette Bar, kaum einen Steinwurf vom verkehrsberuhigten und politisch beunruhigten Quartierleben entfernt.

Der Infoabend gestern sei entsprechend lebendig verlaufen. Nächste Woche also dann Eröffnung, am Donnerstag – und am Freitag geht’s schon in die grossen Ferien.

Keinzigartiges Lexikon: Folge 18

Gisela Feuz am Dienstag, den 2. Mai 2017 um 6:53 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Klipp
Nicht alles, was man mit Nachdruck vermitteln will, sagt man klipp und klar: Manche Aussagen sind auch schlicht nur klipp. Einer klippen, aber unklaren Sprache – erkennbar an der übermäßigen Verwendung von Schnalz-, Zisch- und Knalllauten – bedient man sich vorzugsweise dann, wenn man nichts zu sagen hat, aber unbedingt etwas sagen möchte. Sie wird etwa in Berufsbezeichnungen wie „Proactive Coordination Analyst“ oder in geistreichen Songzeilen wie „Schalala“ oder „Live is life“ deutlich. Die klippe Sprache ist aber auch bei Kiffern beliebt, die einem erklären, wie wenig man vom Leben begriffen hat. Oft geht mit ihr ein Anschwellen des Oberkörpers einher, wie es bei Waldhühnern und Fasanen während der Balzzeit beobachtet werden kann.


Inzwischen wird die Kunst des klippen Sprechens in Managerseminaren und Marketingweiterbildungen gelehrt.

Nächste Woche: Der Serienselbstmörder

Kulturbeutel 18/17

Milena Krstic am Montag, den 1. Mai 2017 um 5:15 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
U n b e d i n g t  noch «I Am Not Your Negro» im Rex anschauen gehen (hat auch der Schwab gesagt, hier). Es gibt noch Möglichkeiten bis am Mittwoch. Und am Freitag gibts im Schlachthaus Genderpuff: Nach einem Text von Ariane Von Graffenried wird dort «der Geschlechterkampf gespielt». Ich will das Nummerngirl sein.

Frau Feuz empfiehlt:
Heute Abend ist das apokalyptische Metal-Riffmonster Mantar im ISC zu Gast, am Mittwoch gibts im Rössli Psychedelic-Krautrock mit Harvey Rushmore & the Octopus auf die Ohren und ab Donnerstag (internationaler Star Wars Tag!) stellt im Stauffacher die lokale Elite von Grafiker*innen und Ilustrator*innen ihre Bilder und Poster zu Sci-Fi-Geschichten aus.

Konfuzsius Rihs empfiehlt:
Bleibt bei Bildhaftem und wohl Handgeformtem, am DESIGN FESTIVAL BERN. Der BEA fürs Kreativproletariat quasi – vielleicht sollte man da ein Kombiticket anbieten, zur Überwindung des FIZZEN-Landi-Grabens. Zwischen Simmentaler Fleckvieh und CMYK. Vom Freitag 5. bis Sonntag 7. Mai, in der ganzen Stadt verteilt.

Fischer empfiehlt:
Menschliches, Allzumenschliches und Artifizielles. In der Dampfzentrale mit der Tanztruppe Unplush, die sich eine Waschmaschine und einen kleinen Roboter mit auf die Bühne holen, am Samstag und Sonntag. Und am out+about-Festival im Westen draussen, wo ein tolles Prä-Aua-Programm zu sehen gibt, zum Beispiel mit The Thing – An Automatic Workshop. Oder einer Slotmaschine als Cocktailrezept-Shuffler.

#BernNotBrooklyn Safariversion

Gisela Feuz am Sonntag, den 30. April 2017 um 11:22 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Zum Beispiel wenn das Dead End zur Safari Night lädt und dazu den ganzen Laden in einen vertiablen Dschungel verwandelt. Zebra, Nashorn, Flusspferd, Affen alles da, an der Tränke tummeln sich Discotiger und Partylöwen, auf der Bühne wildert Frankie Safari und auf dem Dancefloor steppt der Bär.

Nicht gewildert, sondern liebevoll von Hand gefertigt: Zebra by Miroslawa Mäder

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es pünktlich zum Katerfrühstück. Ausser Sie heissen Konfuzius Rhis, spielen bis morgens 6:42 Räuber und Puppen im Hexenhaus und posten dann vorbildhaft grad direkt.

#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag, den 30. April 2017 um 6:42 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Zum Beispiel in den verbleibenden Räuberhöhlen, wo Hexen und Halunken hausen, die bis in die Puppen Karten spielen und bis zur Morgenröte zu konspirieren wissen.
Dort wird der Kitt verstrichen, welcher unser Pflaster so schön zusammenhält…

Hierbei handelt es sich gewiss um ein Symbolbild –