Rhythmus wo man mitmuss

Roland Fischer am Sonntag, den 19. Februar 2017 um 14:46 Uhr

Zwei Frauen, zwei Mikrophone, fast kein Licht. Satzfetzen aus dem Dunkel. Man wiederholt sich. Immer wieder. Es geht um Lebensweisheiten, es geht um Banalitäten. Um Innerlich- und Äusserlichkeiten, um Natur und irgendwie Unnatürliches. Irgendwann mehr Licht und mehr Tempo, die Satzfetzen werden zu Loops und die beiden Sprecherinnen zu Tänzerinnen.

Foto: Valerie Giger

Von da an gerät das Geschehen auf der Dampfzentrale-Bühne langsam aber sicher zu einem feinsinnigen Kontrollverlust – oder eben «CTRL-V (LP)», wie es im Titel des Stücks heisst. CTRL-V ist übrigens eine Verlegenheitslösung, weil das eigentlich naheliegende P auf der Tastatur eben nicht wirklich nahe bei C liegt und CTRL-P sowieso schon als Druckbefehl belegt war – aber das nur am Rande. Also CTRL-Verlust, und zwar in der Long Play-Version. Die Loops werden immer kürzer und immer mehr wie Beats, und nehmen Cosima Grand und Milena Keller die Einladung zum Tanz zunächst noch dankend an, wirken sie bald wie von der Tonspur Getriebene. Und dann tanzen nur noch die Muskeln und die Körper eigentlich nicht mehr, ein gespenstisch physisches Marionettentheater. Bis das Schlagzeug als befreiendes Bühnenelement zum Einsatz kommt und Julian Sartorius den Groove wieder lebendiger macht – wenn auch ab Konserve, beziehungsweise aus den grossen Boxen, die vor dem Schlagzeug stehen. Aufnehmen, kopieren, wiedergeben, wieder wieder und wiedergeben. Es ist eine Kunst.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag, den 19. Februar 2017 um 14:09 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Photokredit: Rôgn H.

Es lag in der Luft und dann ist es explodiert.
Leute flogen durch den Raum, Bier, ein Stuhl. Einer hing am Lichtgebälk.
Scheinwerfer ein für den Bassderwisch Bit, Scheinwerfer ein für den göldenen Chronisten.
Liebe in Zeiten vom kommenden Alltag.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück. Kommt halt auch drauf an, wann man wieder essen kann.

Tonspur zum Aufstand

Milena Krstic am Freitag, den 17. Februar 2017 um 16:12 Uhr

Erst wenige Stunden sind seit dem Konzert von Göldin und Bit-Tuner im Rössli vergangen. Die besagte Nacht ist jetzt schon eine Legende.

Rap is the new Punk: Stagediven am Göldin & Bit-Tuner Konzert im Rössli.

Mein Lieblingsjourni ist ein Rapper? Das habe ich erst kürzlich aus der Presse erfahren. Göldin, Göldin … Sein Name fiel immer wieder, wenn mir jemand erklären wollte, dass es kaum gute Mundart-Musik gebe, und die, die da herumgeistere, meistens etwas peinlich sei. Aber einen gäbe es, der sei unschlagbar: der in Chur geborene Göldin nämlich. Natürlich stand der dann auf meiner To-Listen-To-Liste, aber ich habs dann immer irgendwie versäumt (WIE BLOSS?!, werden sich eingefleischte Fans jetzt fragen und ja, das frag ich mich jetzt auch).

Und nun also kam er gestern für ein Konzert nach Bern ins Rössli – nach sechs Jahren wieder – und schmiss zusammen mit Bit-Tuner ein Fest, dass es einem auch in der Retrospektive die Herzchen in die Augen treibt.

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Gewinnen mit KSB: Niklaus Manuels Totentanz

Christian Zellweger am Donnerstag, den 16. Februar 2017 um 6:00 Uhr

Es ist ja auch ein wenig gefährlich mit diesen Ausstellungen, die über Monate laufen. «Da kann ich dann ja immer noch hin», denkt man sich und schwupps, ist die Sause auch schon wieder vorbei. Frau Krstic war fasziniert, Frau Feuz hat über die Aktivitäten von Balts Nill und Jared Muralt geschrieben und Martin Bieri hat für den «Bund» die Seiten in der Zeitung damit gefüllt. Da muss doch etwas dran sein an dieser Ausstellung im Historischen Museum zum Totentanz von Niklaus Manuel (noch bis 3. September!)

Damit Sie diesen Besuch nicht herauszögern, bis es zu spät ist, geben wir Ihnen hier einen kleinen Ruck. Wir haben 5 x 2 Gratis-Eintritte zu vergeben. Mit einem kurzen Kommentar unter diesem Beitrag (mit Vorteil unter einer E-Mail-Adresse auf der Sie auch erreichbar wären…) können Sie an diesem Wettbewerb teilnehmen. Sagen Sie uns nur: Was kommt jetzt eigentlich nach dem Tod?

Glossolalie in der Grosstadt

Mirko Schwab am Mittwoch, den 15. Februar 2017 um 14:07 Uhr

Es war kalt, aber sie hatten Rum: Die Ber(li)ner Gruppe 13 Year Cicada dropt mit dem ersten Langspiel ein wunderlich schönes DIY-Video.

Jaja, da gibts terminologisch schon nach der Kopfzeile einiges zu hinterfragen. Und das hat nicht mal mit der Alkoholverherrlichung zu tun. Problem eins: «Ber(li)ner» – müffelt natürlich verdächtig nach zugezogen Friedrichshain Strich ausgewandert Breitenrain. (Raute endlichkreativ.) Problem zwei: «Do It Yourself!» Was bezeichnen wir damit? Ein Verfahren, eine Ästhetik oder eine Haltung? Also schön der Reihe nach.

Sängerin und Querkopf Zooey Agro jedenfalls ist wirklich aus Berlin. Ihre Band auch. Dass aber «Milk», so heisst die Single des eben erschienenen Debuts, jetzt im Freakblog Ihres Vertrauens abgefeiert wird, hat mit der Berner Wohnung der Sängerin zu tun. Frau Agro zieht ihre Kreise zurzeit nämlich in der Sandssteinstadt. Das hiesige Kulturleben dankt und die geografischen Trivialitäten wären geklärt – drum let’s talk video. Dahinter steckt die Filmschaffende Işıl Karataş und ein kleines Team, das sich in einer saukalten  Winternacht aufmachte, den Berliner Strassenverkehr zu lenken.

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Keinzigartiges Lexikon: Folge 7

Gisela Feuz am Dienstag, den 14. Februar 2017 um 6:25 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Zweiöde
Zweiöden sind höchst unbeliebte Orte, zumal sie gleich doppelt so öde sind wie Einöden. Sie werden, wenn überhaupt, nur von Zweisiedlern aufgesucht. Während eine Einöde gemeinhin als Arsch der Welt bezeichnet wird, muss man die Zweiöde als Warze darauf verstehen. Neben radioaktiv verseuchten Gebieten, den Oberflächen fremder Planeten und Brennnesselplantagen wurden jüngst auch CD-Läden, Videoverleihe und die Yahoo-Suchmaschine als eindeutige Zweiöden klassifiziert. Vorsicht: Auch einige Bars und Lounges gehören dazu. Man erkennt sie daran, dass sie zur Tarnung Slogans wie „The place to be“, „Two thumbs up“ oder „Where the cool
people meet“ einsetzen.


Zu den klassischen Zweiöden gehören auch Geburtstagspartys von Strebern.

Nächste Woche: Klitzegroß

Wo ist Gaudenz?!

Gisela Feuz am Montag, den 13. Februar 2017 um 13:50 Uhr

Kommendes Wochenende kommen Hörfetischisten auf ihre Kosten: Im Kino Rex wird beim 7. sonOhr Festival Ohrensex Audiokunst geboten. Form und Inhalte der Wettbewerbsbeiträge sind vielfältig. Es gibt Features, Dokumentationen, Reportagen und Klangcollagen in Deutsch, Französisch und Italienisch zu hören, die sich unter anderem um Kühe am Schönheitswettbewerb, den schweren Umgang mit Demenz oder die vermeindliche Mutation von Getreidekörnen drehen. Ausserdem wird mit «Nosferatu reloaded» ein Live-Hörspiel fabriziert und bei den Hörgames «Blowback – Der Auftrag» und «Polder – become a story» kann das Publikum gar selber mittun.

Der Blick ins Programm verrät, dass dieses Jahr einer fehlt. Ein Kurzhörspielmacher, der sonst bei sonOhr immer dabei ist. Einer, der in schönster Do-it-yourself-Manier vom Texten übers Komponieren und Pegeln alles selber übernimmt und dann auch noch gleich alle Rollen einspricht und zwar in unterschiedlichen Dialekten. Einer, dessen Beiträge humortechnisch, nun ja, vielleicht nicht jedermanns Sache sind, der aber andererseits gerade wegen seiner kindlichen Experimentierfreude und dem niederschwelligen «Gott, du bisch ä blöde Siech»-Humor über eine eingefleischte, weltumfassende Fangemeinde verfügt (Matto Kämpf und Frau Feuz). Gaudenz Trüeb, wo bist du? Dir ist doch hoffentlich nichts zugestossen, oder?! Und gell, nächstes Jahr kommt wieder was von dir? Einfach bitte nicht über Raclette. Sonst kann man das dann auch nicht mehr essen.

Das sonOhr Festival findet vom 17. – 19. Februar im Kino Rex statt, mehr zu Gaudenz Trüeb können Sie hier in Erfahrung bringen.

 

Kulturbeutel 07/17

Gisela Feuz am Montag, den 13. Februar 2017 um 6:03 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Am Donnerstag tun Sie sich am besten vierteilen. Den Kopf schicken Sie zu Matto Kämpf und Gerhard Meister ins Kairo, wo die beiden ihr Spoken Word Programm «Hirni» aufführen. Die Lachmuskeln schicken Sie ins Kino Cine Club, wo die Kultmoviegang das filmische Fiasko «Allan Quatermain & the Lost City of Gold» zeigt. Die Genitalien sind bei den Ostschweizer Antihelden Knöppel (ehr Wichsers!) im ISC bestens aufgehoben und die Tanzbeine wollen bestimmt zu Blind Butcher ins Du Nord.

Die Krstic empfiehlt:
Vor ein paar Jahren ist sie mir aufgefallen, mit ihrem schnoddrigen Schreibstil, dank einer ihrer Reportagen im Vice Magazin. Ich habe mir das Mag immer im Olmo geholt, damals, als ich noch weniger Zeit im Internet verbrachte, ein fettes Heftli, gefüllt mit viel Bildli und draufgängerischer Schreibe. Dank Vice also entdeckte ich Stefanie Sargnagel, Prolo-Braut mit System, die mittels Facebook-Stati ein Netzphänomen geworden und mittlerweile zum kleinen Star avanciert ist, der gerne mit Lena Dunham verglichen wird (was die Sargnagel aber uncool findet). Item. Was ich eigentlich sagen wollte: hingehen zu ihrer Lesung. Am Sonntag, 19 Uhr, im Tojo. Followen auf Facebook ist auch gut.

Der Urs
Yo, ich plädier hier mal für Frischgemüse, zu geniessen im Dachstock, am nächsten Samstag: «Doppuschnägg». Für zehn Stutz gibts da noch spärlich gehörte Bands, auf dem hoffentlich aufstrebenden Ast. Vor allem dieses St.Galler Duo HOPES & VENOM hat beim Vorhören Laune gemacht. Ein Sound irgendwo zwischen Lush und Kyuss, geilo!

Mirko Schwab empfiehlt:
Seit Monaten ist der nächste Donnerstag in meiner Agenda euphorisch angemalt: Göldin & Bit-Tuner im trojanischen Rössli. Vom Meister Gebäude aus Beton und Bass, des Journis Gedichte von trockenem Hass #JournalistDesJahres2016. Und wir, die Einverstandenen, wir sitzen im Kreis – «und wichset eus eis.»

Fischer empfiehlt:
The blues is dead? So heisst’s im Ankündigungstext von The Big Nasty – aber wer glaubt schon PR-Textern. Also nichts wie hin, in die Zar Bar am Freitag. Oder am Samstag Nachmittag runter ins Voodoo Rhythm-Kellergewölbe – was auf einen in manchen Nasen durchaus wohlriechenden Dunstkreis dieser zwei Londoner hindeutet.

 

Der innere Kilometerzähler

Mirko Schwab am Samstag, den 11. Februar 2017 um 16:01 Uhr

Die beste Popband der Schweiz ist zurück.

Lauener in Bethlehem: «Schatteboxe».

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen: Der Schwab ist ihr treu. Im staubigen CD-Player, den man Ghettoblaster nannte, damals am Ende der Neunziger und auf dem Parkettboden des Vorstadtblocks, der nichts mit Ghetto zu tun hatte, da drehte «Super8» ihre Runden. Auf Replay. Das hörte nie mehr auf und wurde bedingungslos. Schwab zog weiter. Mochte das Laute und Düstere, Exotische und Befremdende mehr und mehr zum Zentrum werden seiner Popfantasie, Kuno und die Boys, sie blieben.

Jetzt also, fünf Jahre sind verstrichen seit der bildhübschen «Göteborg» (Züri West ist immer auch der innere Kilometerzähler, «e Chare wo louft u louft u …»): Zwei neue Songs. Gute Songs. Aber wissen Sie was: Sollen andere rezensieren, der Ane zum Beispiel. Schwab hat sich schon per Einleitung sentimental disqualifiziert dafür. Und ist KulturStattBern aka certified underground culture blog continuum der richtige Ort fürs Heldentum, für die Dinge, auf die sich zu Recht alle einig sind? Nein, die Freaks graben weiter in der Nische, für die Dinge, die sonst vergessen gehen könnten. Aber an diesem beschwingten Samstagnachmittag und kurz vor Frühling: Ein inniger Gruss vom Schwab aus dem Nischenblog. An Kuno und die Boys – und als Verneigung vor der besten Popband der Schweiz.

Die neue Scherbe «Love» kommt auf Frühling, 24.03.17. Tourdaten hier.

Ode an das Absonderliche

Milena Krstic am Freitag, den 10. Februar 2017 um 16:18 Uhr

Es waren die Pressefotos, die mich auf die Theatervorstellung «Fallen – Believe The Unbelievable» neugierig gemacht haben. So informierte ich mich vor dem Besuch nicht mehr gross über das Stück. Ich hatte vor, mich berieseln zu lassen, schliesslich war das schon eine ziemlich aufregende Kulturwoche, mensch erträgt ja auch nur soviel Spektakel.

Gerieselt hat es dann tatsächlich, weisse Plastikstückchen nämlich, auf die Leiber des Kollektivs Lebensunterhalt, bestehend aus Karisa Lynn Meyer, Ladislaus Löliger und Annina Machaz. Gemeinsam haben sie unter der Regie von Johannes Mager Texte von Daniil Charms in theaterform gebracht.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie Charms auch nicht kennen, drum: Daniil Charms war ein russischer Schriftsteller, geboren 1905, der über Vodka, Kommunalkas und Frauen schrieb. Unter anderem jedenfalls. Die Themen wirken stereotyp, aber, wie Wikipedia mich wissen lässt, seien Charms’ Texte von anderer Qualität gewesen, als all das, was damals in der Sowjetunion gedruckt wurde. Kurzgeschichten und verwirrende Satzstrukturen waren sein Ding, so ganz anders, als die Üppigkeit eines «Krieg und Frieden» etwa. Jedenfalls war Charms ein Verfolgter, seine Texte aufgrund ihrer Undefinierbarkeit verboten, und im Jahr 1942 verhungerte der arme Teufel in politischer Gefangenschaft.

Auf der Bühne des Tojos jedenfalls wirkte die Inszenierung über weite Strecken mühsam, etwa dann, wenn Karisa Lynn Meyer eine ganze Textpassage schreiend rezitiert, oder wenn so ganz Godard-mässig Szenen auf absurde Weise wiederholt wurden. Und was machte eigentlich dieser süsse Hund auf der Bühne? Ich war ratlos.

Am Ende aber gab es aber eine versöhnliche Szene, ich sage nur: Ballett und wieder Plastikschnipsel-Geriesel.

Karisa Lynn Meyer, gestützt von Annina Machaz. Foto: zvg.

Und dann war da die Musik,  dargeboten von Marlon McNeill, der mitten auf der Bühne vom Stehpult aus elektronisches Gedröhne und epische Chöre einspielte. Das war alles irgenwie brutal, sinister poetisch und ab vom Schuss. Falls dieser Charms, dieser mir bis anhin unbekannte russische Autor, so ein absonderlich faszinierender Kerl war, dann war «Fallen» die perfekte Hommage an ihn.

Schauspielerisch gesehen ist das Stück sicher einen Besuch wert, aber nur für Menschen, die mit Verwirrung, Brutalität und dunkler Poesie etwas anfangen können. Den Trailer zum Stück gibts hier.

«Fallen – Believe The Unbelievable» wird noch heute und morgen, 20.30 Uhr, im Tojo gezeigt.