#BernNotBrooklyn in #FullSizeRender

Milena Krstic am Sonntag, den 23. April 2017 um 15:26 Uhr

Bernümpliz ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Agglo ist mächtig was los.

Mein Telefon hat dieses Foto gleich selbst mit FullSizeRender.jpg benannt. Geknipst habe ich es. Und zwar kurz vor dem Auftritt der jungen Boy$ aus ‘Pimpliz’.

Dieser Keller mitsamt dazugehörigem Haus wird bald der Gentrifizierung zum Opfer fallen. Deshalb: Hier eine letzte Hommage an diesen günstigen Wohnraum. In so würdevoll hoher Auflösung wie nur möglich.

 

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück (ussert hüt).

«Window Shopper» V

Urs Rihs am Samstag, den 22. April 2017 um 11:05 Uhr

…oder die schönsten Schaufenster der Stadt, eingerichtet durch König Zufall, mit Eigenwille dekoriert, angenagt durch den Zahn der Zeit.
Hier gibts weder fabrikneue Ware noch die hipsten Ernährungstrends. Das ist die Fotoserie abseits der hegemonial marktlogisch gestalteten Vitrinen unserer Einkaufsmeilen. Und dazu ein Versuch, ihnen Graustufen des Zeitgeistes abzugewinnen.

Gestern traurig schöne sechs Minuten hinter diesem eigentlichen Anti-Schaufenster verbracht. Vor den Aludosen erst: «Hesch mr zwe Stuz für vier Gralsburg, de hani drum gad no gnue für nes Päckli Batton?» Dann neben dem harten Fusel: «I wana have this – Red-Label – can you help me with some coins my friend?» Am Schluss kostet mich also mein Parmesan trotzdem etwa gleichviel wie im LOLA. Fuck, und dazu dieses Scheissgefühl ein Wohltäter zu sein, wobei das hätt ich im LOLA auch gehabt, und dort irgendwie aus noch beschisseneren Gründen. Beim Austreten durch die Schiebetür auf die Strasse ergreift mich eine Gerührtheit, ob der Szenerie im Laden und davor, dicht gefolgt von Ekel.
So ist das mit diesen Widersprüchen im Quartier.

Der Denner am Schmiedweg 3 in der Lorraine, vielleicht einer der letzten wirklichen Quartierläden – geziehrt durch dieses wunderbare Anti-Schaufenster.

Heavy Rotation sucks!

Gisela Feuz am Freitag, den 21. April 2017 um 12:48 Uhr

Er habe mit seinem Wrestling-Projekt «Lightning Beat-Man» in den 90er-Jahren eine Platte aufnehmen wollen, hätte aber zu wenig Geld fürs Mastering gehabt, erzählt Berns Höllen-Priester Reverend Beat-Man. Radio RaBe habe dann vorgeschlagen, dass zu Unzeiten (4 Uhr morgens) die gesamte Platte durch den Äther gejättet werden solle und dass er, Beat-Man, ja dann zuhause eine DAT-Aufnahme davon machen könne. Gesagte getan und so kam der Reverend zu seinem billigen Mastering für eine Platte, welche dann in die ganze Welt verkauft wurde.

Diese und andere vergnüglich Anekdoten finden sich im soeben erschienen Buch «RABE – 20 Jahre alternatives Kulturradio in Bern» für welches sieben Rabeisten und Rabeistinnen tief in den Archiven gegraben und Originaldokumente, Fotos, künstlerische Beiträge, grafische Elemente, Kommentare und Einschätzungen zusammengetragen haben. Da wird zum Beispiel berichtet, wie der Rabe einst schlüpfte und on Air ging und wie er sich bis heute in der Berner Medien- und Kulturlandschaft zu behaupten vermochte. Dabei bleibt der Fokus aber nicht alleine auf RaBe, sondern es wird auch ein informativer Überblick geliefert, wie sich die Rundfunkpolitik im Allgemeinen und die radiophone Medienlandschaft in Bern im Spezifischen in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Des Weitern machen zahlreiche Fotos von Events, RaBe-Flaggen an allen mögliche und unmöglichen Ecken und Enden dieser Welt und Abbildungen von Plakate das RaBe-Buch schön bunt.

RaBe ist ein Gemeinschaftsradio, bei welchem Selbstbestimmung und Selbstverantwortung gross geschrieben werden und welches als Sprachrohr für rund 180 Sendungsmachende aus verschiedenen Herkunftsländern fungiert. Das RaBe-Buch gibt einen Überblick über aktuelle Sendungen (zur Zeit 84, davon 24 fremd- bzw. mehrsprachig in 16 Sprachen) und schlüsselt zudem auf, wie der ganze Horst organisiert und finanziert wird, wobei auch Technik-Nerds auf ihre Kosten kommen. Und wer schon immer wissen wollte, wie die Musikredaktion von RaBe funktioniert, welche Kriterien ein Song erfüllen muss, dass er ins «Klangbecken» (das Musikarchiv, welches zum Zuge kommt, wenn keine Live-Sendung läuft) aufgenommen wird und wie oft er dann dort täglich zu hören ist, auch der findet Antwort im RaBe-Buch. So viel sei verraten: Heavy Rotation sucks – es lebe die Vielfalt!

«RABE – 20 Jahre alternatives Kulturradio in Bern» mit Text-, Bild- und Tonmaterial, Zahlen, Fakten, allerlei Wissenswertem und vielen Bilder wird morgen Samstag im Rahmen des Rabe-Festes ab 19 Uhr im Tojo Theater getauft und kann für 35.- hier bestellt werden.

Holligen: Säulenheilige. Alhambra.

Roland Fischer am Freitag, den 21. April 2017 um 5:17 Uhr

Aufgezeichnet von Tom Kummer.
Es ist kurz vor Mitternacht. Noch fehlt die Orientierung. Es ist meine erste Stunde in Holligen. Ich weiss ungefähr wo mein alte Heimat liegt: Dort, im Osten. Länggasse. Ich kenne die Himmelsrichtung meiner anderen Heimat, die ich kürzlich verlassen habe: Los Angeles. Zwischen den Säulen blinken Lichter, der Westen, alte Landstrasse Richtung Fribourg – dort wo das Pannenlicht eines riesigen Sattelschleppers gespenstisch aufleuchtet. Mehr weiss ich noch nicht.

Ich war noch nie hier: Was für ein bedrohliches, verschlafenes Narbengelände. Über mir trohnt eine Autobahnbrücke, getragen von gewaltigen Betonsäulen. Wie Betonheilige. Wirkt wie ein Kathedrale ohne Religion, ohne Botschaft. Aber das werde ich ändern.

Ich bin an einem gespenstisch leeren S-Bahnhof ausgestiegen, ein Geisterbahnhof, habe sofort eine junge Frau verfolgt, eine erste Spur aufgenommen. Sie war die einzige Passagierin in meinem Abteil, Kopfhörer steckten in ihren Ohren. Schneller Schritt. Furchtlos. Eine Bewohnerin von Holligen? Ich verfolge sie bis vors Haus. Sie merkt es nicht. Ich will als fremdes Wesen agieren. Einer der beobachtet und verfolgt, Böses und Gutes im Kopf jongliert. Sich verliebt. In diesen Unort verliebt – ohne Sentimentalität – sich in Menschen verliebt, Pläne schmiedet.

© Marco Frauchiger

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I Am Not Your Ego

Mirko Schwab am Donnerstag, den 20. April 2017 um 5:55 Uhr

Sondern ein Mensch. Das Kino Rex zeigt den eindringlichen filmischen Essay «I Am Not Your Negro» nach einem unveröffentlichten Manuskript von James Baldwin.

Ich trete aus dem Kino und könnte kotzen. Direkt über die Tastatur kotzen, ergriffene Kotze vielleicht – bleibt Kotze. Eine unübersichtliche Auslege-Unordnung im Ausbruch, ungeniessbar und magensauer. Nun ist verbalisierte Kotze nicht das, womit ich Sie konfrontieren will. Und sie ist nicht das, womit ich meine paar Franken Trinkgeld einstreichen möchte am Ende des Monats. Ich möchte Ihnen von diesem Film erzählen und also wie es dazu kommt, dass ich, ein paar abgelenkte Tage später, immer noch kotzen könnte.

Raoul Peck montiert über den als grosses Projekt angelegten, Manuskript-Strunk gebliebenen und von Samuel L. Jackson würdevoll vorgetragenen Text Baldwins eine Collage schwarzer Unterdrücktheit. Rasant hiesse man den Streifen im Blockbuster-Jargon. Doch die gezeigte «Action», Brand, Geschrei und Schüsse, dienen nicht der Befriedigung von Sehnsüchten des gelangweilten weissen Mannes. Sie ist real. Und das exakte Gegenteil von Weltvalium.

Archivmaterial ist ein gefährliches Wort. Es tut so, als wäre etwas von der Welt verstanden, sortiert und abgelegt worden. Aber archiviert ist halb vergessen. Was dem Regisseur unter der Verwendung dieser Materialien gelingt, ist weniger die Vergegenwärtigung einer historischen gesellschaftlichen Wunde als einer offen blutenden. Die Kamera schwenkt über die Geschichte afroamerikanischer Unterdrücktheit, zeigt den langen Schatten der Sklaverei bis ins Jetzt. Er liegt über den Karikaturen vom Jim Crow, über einem weissen Hollywood und seinen gestiefelten Helden. Er liegt über den Nachbarschaften amerikanischer Kleinstädte und den Ghettos der grossen Metropolen. Und er liegt über den Methoden der Staatsgewalt.

Der Film spricht eine emotive Sprache. Und einen kurzen Moment ist man verleitet, ihm dies vorzuwerfen und Pathos zu unterstellen, wo differenzierte, archivarische Nüchternheit am Platz wäre. Nur ist es einerseits verfehlt, da Baldwins Text eine persönliche Auseinandersetzung mit den Morden an seinen ungleichen Mitstreitern und Freunden Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers leistet. Und nach deren Lebensläufen Peck einen gewichtigen Teil der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung beleuchten kann. Und andererseits stellt sich mir die Frage: Was mehr ist zu wollen vom Zuschauer, als dass er sich emotional verbinden kann? Wo sich die Frage nach Recht und Unrecht längst nicht mehr stellt, sondern nach der empathischen Dringlichkeit. Nach dem Hinschauen oder Ignorieren.

All I can say is …
Ich bin ein weisser kleiner Mann aus einer sandsteingrauen kleinen Stadt, ein Mensch.

In den eindringlichsten Sequenzen des Films brennt nichts, stirbt nichts. Es sind die Aufzeichnungen von Fernsehgesprächen mit James Baldwin. Und in jener berühmt gewordenen Diskussion mit Kenneth Clark trägt er, erregt und rhetorisch glänzend, den eindringlichen Satz vor, als trete er aus eigener Kraft aus dem langen Schatten: «Ich bin nicht dein Neger. Sondern ein Mensch.»

Amerika habe sich zu fragen, warum es den Neger braucht. Wir müssen uns dasselbe fragen. Warum wir den Schwulen brauchen. Warum wir die Hure brauchen. Warum wir die Transe brauchen. Warum wir den Asylanten brauchen. Warum wir den Krüppel brauchen.

Was erzählt uns das über uns selbst?

Wir beschreiben damit keine Menschen und noch weniger interessieren wir uns für sie. Wir überformen letztlich nur unser für Irritationen so empfindliches, karikaturistisches Selbstbild auf andere – und offenbaren unsere eigenen Ängste, die jedem Interesse den Weg verstellen.

Sie finden das einfach? Ich auch. Und gerade deshalb könnte ich darob kotzen weinen. Dass eine Menschheit nicht im Stand ist, einen solchen schlichten, fast kindlichen Gedanken auszuführen und in ihren Handlungen sichtbar zu machen.

«I Am Not Your Negro» wird noch bis zum 26. April gezeigt.

Rosinen: Instant-Stuhl

Roland Fischer am Mittwoch, den 19. April 2017 um 5:26 Uhr

Design muss nicht unbedingt sehr aufwendig sein. Die diesjährigen Preisträger des Berner Design Preises, das Künstlerpaar Ueli + Susi Berger, zeigen das mit einem ungewöhnlichen Exponat in einer Reihe von Möbelstücken, die ihre gut 40jährige Zusammenarbeit Revue passieren lässt. Ein unprätentiöses Drahtgeflecht, das aber doch eindeutig zum Sitzen einlädt. Innerhalb einiger Minuten verfertigt, wie der Saalzettel verrät, aus der Not und einem Missverhältnis heraus, von Gästen und Sitzgelegenheiten an einer Gartenparty.

Die Bestform-Schau der Berner Design Stiftung versammelt darüber hinaus acht junge und arrivierte Berner Designer, die ausgezeichnete Projekte aus den Bereichen Produktdesign, Keramik-, Mode- und Grafikdesign präsentieren. Ein sehr anregendes Sammelsurium, noch bis Ende Monat im grossen Kornhausforum-Saal zu sehen.

Keinzigartiges Lexikon: Folge 16

Gisela Feuz am Dienstag, den 18. April 2017 um 6:50 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Der Trikini
Der Trikini ist ein Damenbadeanzug, der aus Oberteil, Unterteil und einer linken Socke besteht. Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, warum man den modischen Dreiteiler nicht früher erfunden hat. Er sieht nicht nur sexy aus, sondern ist auch überaus praktisch: Wer einen Trikini trägt, kann problemlos auf einem Bein über den heißen Sand hüpfen, und Trikini-Fans klagen nie über Sonnenbrand am linken Fuß. Gelegentlich wird die Bezeichnung „Trikini“ kritisiert: Sie suggeriere, dass „Bikini“ die lateinische Vorsilbe „bi“ für „zwei“ enthalte, obwohl der Name auf ein Südsee-Atoll zurückgehe. Mit dem Trikini verhält es sich allerdings ähnlich: Er wurde auf dem südjapanischen Hügel Trikini-Oka erfunden; der Gleichklang mit „Bikini“ ist rein zufällig.


Trikini-Trägerinnen müssen nie fürchten, von einem Einsiedlerkrebs in den linken großen Zeh gezwackt zu werden.

Nächste Woche: Das Dünnicht

Kulturbeutel 16/17

Milena Krstic am Montag, den 17. April 2017 um 9:41 Uhr

Die Krstic empfiehlt
einen Spaziergang ans Ende der Länggasse. Dort links einbiegen und sich an der Fabrikool erfreuen. Am Donnerstag gibt es dort ab 17 Uhr Firabebier und am Freitag Zmittag für aui von Bio für jede.

Mirko Schwab empfiehlt
einen Spaziergang ans Ende der Kirchenfeldbrücke, heisst: ans Ende des 19. Jahrhunderts. In der Kunsthalle «Étude 8» wird am Dienstag dem Dandytum performativ auf den Grund gegangen. Am Freitag liest am selben Ort Oswald Wiener zum Thema «Dandysme in der Globalisierung». Alles im Rahmen der Ausstellung «The Living Wedge» von Michael Krebber. Where you gonna go now?

Der Urs empfiehlt nicht…
…mehr diesen ISC Club oder diese vermaledeite Rössli Bar, au Backe – post time is 04:59 – das FUZZ ORCHESTRA plus diese ewigen Round Table Nights haben dem Urs zugesetzt, ICH LIEBE DIESE STADT! Curb Your Enthusiasm, ich weiss…
Also, ernsthaft, der Urs empfiehlt für nächste Woche: Ein Spaziergang nach Canossa, in die HKB, für alle AutodidaktInnen, welche sich nie zum Abschluss durchringen konnten: Dort gibts ab Dienstag das GuestLectureFestival – it’s about DESIGN AND POLITICS, LAYOUT ALS FORM DER REFLEXION oder GRAPHICS OF RESISTANCE: THE ITALIAN CASE AFTER WAR und vieles mehr – für den Fischer auch. One Love, peace & out.

Frau Feuz empfiehlt:
Einen ornithologischen Spaziergang in die Reitschule, dort flattert am Freitag und Samstag nämlich der RaBe einmal mehr, was das Zeugst hält. Bei der 21. Sause des Berner Kulturradios wird von Cumbia-Punk mit Che Sudaka, Psychedelic-Dub mit Dub Spencer und Trance Hill über Disko-Country mit Blind Butcher, warmem Soul mit Yarah Bravo bis Alternative-Rock mit den Lokal-Helden Aziz, Cello-Punk mit Zlang Zlut, Spoken Word mit Laurin Buser und Trash-Movies im Kino vieles geboten, was Freude macht. Das ganze Programm gibts hier.

Fischer empfiehlt:
Spira mirabilis, ein Filmessay über das menschiche Streben nach Unsterblichkeit. Mit japanischen Wissenschaftlern, Mailänder Restauratoren, Berner Instrumentenbauern und Native Americans. Premiere am Donnerstag im Rex, in Anwesenheit einer Reihe von Protagonisten.

Smells Like «PRO» Spirit

Urs Rihs am Sonntag, den 16. April 2017 um 14:48 Uhr

JEANS FOR JESUS – die Geburt eines Referenzwerkes am Freitag im Kreissaal Dachstock. Es lag in der Luft, das Konzept dieser Band, der Duft einer Idee – PRO – music and fragrance for postcool kids!

Und dieses Unisex Eau de Toilette gepaart mit dem Universal-Sign schien den Jeans im Vorfeld der Plattentaufe fast den Hosenboden unter den Ärschen zu entziehen. «Das Parfüm ist doch nur olle Promo, der Deal doch reinster Sell-Out» so in etwa der Tenor ausserhalb des Feuilletons.

Frustration machte sich breit bei der Band, ob nicht erhaltenem Air-Play, ob fehlender Unterstützung aus der stadteigenen Szene und ob diesem beängstigend reaktionärem Gedankengut im Musikkuchen. Als ob soviel Selbstbestimmtheit einer Quittung bedürfe, im Sinne von: «Das habt ihr davon, ihr verkopften Künstlertypen, ihr elitären Akademiker, so läuft das im Schweizer Pop-Biz halt nicht.»

Aber sollte es eben, nennte sich dies progressiv. Stellt euch vor, die Jeans versuchen sich an dieser Idee – Fortschrittlichkeit – welche Dreistigkeit!
Ihr Entscheid für den Deal beim Grossen war vor allem etwas: pragmatisch. Die besten Konditionen, die besten Voraussetzungen, das Beste für ihre Kreation – PRO.
Denn das ist es, eine Kreation, eine Schöpfung. PRO impliziert ein Phantasma, eine Dualität. Hier versucht eine Band Musik zu reideologisieren, ihr einen alternativen Kern zu verleihen. Eine klar politische Haltung im Pop. Abseits des Alten der Alten – obwohl die Jeans zugegebenermassen teilweise aus Züri-West-Denim geschneidert sind, dieser Kuno-Romantizismus blitzt immer mal wieder hervor – abseits des für den Hauptstrom passgenau Zugeschnitten und abseits natürlich von der Milch und Boden Romantik aus dem Schlagerzirkus. Stern und Trauffer – keine Silbe wert.

JEANS FOR JESUS Dualität also, dafür bedarf es einer metaphysischen Referenz und warum sollte dies den nicht ein Duft sein? For Boys & Girls, Girls & Boys, Boys & Boys, Girls &. Girls…
Natürlich ist das konzeptuell und natürlich wird hier ironisiert – Konsum, Zeitgeist, Privilegien – aber eben nicht im relativierenden Sinne. Hier bezieht eine Band Stellung, unterstreicht ihr Begehren den Kontext zu ändern, den so kunstfeindlichen Schweizer Mainstream-Musik-Diskurs beeinflussen zu wollen – Smells like PRO spirit nicht? das ist angewandte Postironie, for postcool kids versteht sich.

Ich treffe Mike am Freitagnachmittag vor dem Migros, er braucht Tiefkühlprodukte – ich brauch Olivenöl. Wir rauchen erst eine Runde.
«Urs ma men! Scheisse, i ha ächt chli dr Bärn- und Radio-Koller Aute.» Ich beschwichtige: «Chunt scho guet Boy, es isch viu Liebi ume, schiss uf ds Drüü, die Spile de die Single scho no.» Er sinniert: «Mir bruche Rückkopplig Urs, ohni euch simer nüt!» Ich schliesse: «Gang no chli ga lige vorem Gig, chille Boy, ds wird schön hüt.»

Nochmal eins rauchen und dann tschüss. Das Wiedersehen sechs Stunden später, JEANS FOR JESUS auf der Bühne, ich im Publikum, Curt Cobain six feet under. Fuck! Jetzt muss doch mal wieder was passieren in diesem Musikzirkus und seis auch nur im nationalen – da wird ja gerade ein Referenzwerk geboren, welches Anleitung zur Veränderung sein könnte. Peace & out.

essential furthermore for this gig was – ALL XS – big up & lots of props for the opening, likewise epic was the lightshow by wizard PIUS, thx a lot!

The medium is the message

Roland Fischer am Freitag, den 14. April 2017 um 12:19 Uhr

Kalauer alert. Gestern im Schlachthaus, Einblick in den Rechercheprozess des jungen Berner Kollektivs Latinlover. Die Testphase wird in die erste Produktion der Gruppe münden, «Der grosse Mediator» wird Ende September oben im Schlachthaus-Saal Premiere haben. Die neugierige Schar, die sich gestern unten im Keller einfand erlebte schon mal eine ziemlich -hm- meta- oder parapsychologische Performance.

Ein Abend rund um ein sehr -hm- sendungsbewusstes Medium. So spannend wie irritierend, es gab einiges zu diskutieren nachher. Und man dachte: Die Aufklärung hat allerdings ein Imageproblem und Übersinnliches ein -hm- leichtes Spiel, nicht nur auf dieser Bühne.