#BernNotBrooklyn

Roland Fischer am Sonntag, den 29. Januar 2017 um 11:39 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Gestern im Orbital Garden, Kramgasse. Julian Sartorius spielte eine Stunde lang irgend so Techno. «Failing Trance Meditation» – no fail, muss man sagen.

Heute um 17 Uhr übrigens im Keller der Kramgasse 10: Artists Favorites Special with Raphaël Delan, laut Veranstalter «eine menschliche Enzyklopädie für Musik, Design und Architektur… was letztlich alles irgendwie “Sex” ist».

 

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück.

Berner Beben (2)

Urs Rihs am Sonntag, den 29. Januar 2017 um 5:57 Uhr

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Berner Beben (1)…In der Kuppelhalle schneit es kleine Papierschnipsel als du eintrittst. Der Boden ist übersät mit Glassplitter und Marmorbruch. Die drei Eidgenossen stehen schief auf ihrem Sockel, Arnold von Melchtals Kopf liegt am Boden. Du folgst der Treppe hoch, geleitet von einem Geruch. Mittelmeer liegt in der Luft: Salz, Fisch, Gewürze.

Im Nationalratssaal rühren Menschen in grossen Pfannen Eintöpfe an, eine Gruppe Secondos aus Spanien und Portugal debattiert über Ingredienzen. Die Stimmung ist ausgelassen.
Du isst den besten Teller Paella deines Lebens und hörst, wie sich Kinder über den Westen der Stadt unterhalten: «Bethlehem hat es nicht ganz so heftig erwischt, dort stehen gar noch ein paar Hochhäuser! Die versuchen da einen Radiosender aufzubauen.» «Ja, ich habs auch gesehen, die haben eine riesige Antenne auf den Wohnturm gehievt!»
Es stimmt also, die Dreieckskooperative scheint sich zu organisieren, bis anhin war nur gerüchteweise davon zu hören. Durch einen alten Polizeifunk am Waisenhausplatz hatte wer das Kredo der Kooperative mitgeschnitten: Eine direkte Aktion mit der Utopie Neu-Bern kulturell zu resetten: Kein Subventionsfilz mehr, keine Grabenkämpfe in der freien Szene, alles multidisziplinär und synergetisch. Mit einem gemeinsamen Organ, einem freien Radio, an drei Orten stationiert.

Dein Plan ist klar, du willst da hin und mittun, diese Chance gibt es nur genau jetzt. Und den Reaktionären muss Paroli geboten werden. Die sind nicht untätig. Kurz nach dem Beben hat sich im Stadttheater die Rebellengruppe «DHP» eingenistet: «Die hochkulturellen Puristen», mit dem Ziel ihre Burg bis aufs blaue Blut zu verteidigen. Ihre markige Losung – Nach dem Zaster, bleibt der Stand! – kursiert auf den wertlosen Geldscheinen, als Mahnmal quasi. Einige riechen schon den Bürgerkrieg zwischen den Rebellen und schwadronierenden K-Kollektiven. Diese versuchen ihrerseits in den Gassen postrevolutionäre Theorien rigoros durchzusetzen und provozieren dabei üble Strassenschlachten. Transparente an Ruinenmauern in der Lorraine mit der Aufschrift «Das Beben zerrüttet seine eigenen Kinder!» zeugen von den Auseinandersetzungen.

Nun denn, du holst dir noch eine Portion Paella zur Stärkung, bedankst dich bei der Vokü-Gruppe und machst dich auf den Weg. An den offenen Adern der Stadt entlang Richtung Bümpliz. Es ist Nacht und bitterkalt, aber du trägst Hoffnung in dir, Hoffnung auf die Versprechen der Dreieckskooperative.

Einer der noch stehenden Wohntürme in Berns Westen, Base der Dreieckskooperative.

Redaktorin die Krstic übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Läng

Räume sind Schäume

Roland Fischer am Samstag, den 28. Januar 2017 um 12:54 Uhr

Ist doch kein schlechtes Bild, so an einem Samstag Mittag: Zwischennutzungen sind der Cappucinoschaum auf dem ewig gleichen Milchkaffee. Manchmal hält er etwas länger, manchmal ist er viel zu schnell wieder weg.

Bern ist ja nicht gerade gesegnet mit solchen städtebaulichen Köstlichkeiten – aber für ein kurzes Wochenende gibt es wieder mal so einen Raum-Schaum, in der Nähe der Vidmar. Für drei Wochen konnten sich da in einem ehemaligen Fitnesscenter eine Schar Künstler um Annalena Fröhlich, Merz und Fhun Gao einnisten und an einem gemeinsamen Projekt werken. Was dabei herausgekommen ist kann man sich noch heute abend anschauen – und ein Besuch bei Dreams of Sleep and Wakes of Sound sei hiermit unbedingt empfohlen.

Ein kahler Industrieraum und darin ein paar wenige Möbel, einiges musikalisches Instrumentarium und jede Menge von Yannick Mosimann bespielte Bildschirme, Projektoren und andere leuchtende Gerätschaften – mehr braucht es ja gar nicht für eine tolle Bühne. Während Merz also immer neue Klangschichten in den Raum legt, erproben die beiden Tänzerinnen Werden und Vergehen in mal skurrilen, mal abgründigen Szenen, während da und dort ein zusätzliches Narrativ über die Wände flimmert. Traumversponnen ist das, verdüstert und verloren. Und dann wieder von einer fragilen, bangen Schönheit. Am Schluss brennen sogar die Kleider am Leib – aber auch das irgendwie zaghaft, mit kleinen kalten blauen Flammen, die rasch wieder weggewischt sind. Nichts bleibt. Ausser ein paar wunderbare Eindrücke.

Schon mancher Traum

Mirko Schwab am Samstag, den 28. Januar 2017 um 5:55 Uhr

Ein rastloser, einsamer Wolfshund, nächtliche Leere auf dem Asphalt der Aussenquartiere. Die neue Migo Buzz-Single als beeindruckendes Reifezeugnis in Bild und Ton.

«You better run, when you hear the sirens coming.»

Seit dem überkochenden Saviours Of Soul-Hype dürfen die Untergrundhelden der Chaostruppe schon fast zu den Szenevätern gezählt werden. Eng damit verwachsen ist der Rapper Migo, der die Truppe seit ihrer Zusammenrottung mit den technisch wendigsten und textlich vielschichtigsten Parts anführt.

Als Solist kommt er stets zu zweit. Der kongeniale Schaffenspartner Buzz zeichnet verantwortlich für Videos und Beats – und obwohl als wortloser Akteur im Hintergrund und an der Youtube-Oberfläche, steht ihm der prominente Platz in der Interpretenzeile fraglos zu. Auch er hat sich über die Jahre Meisterschaft erarbeitet auf seinen Gebieten, davon zeugt die konsequente Videoproduktion «Schlaflos in Bärn» mit stilistischer Unaufgeregtheit. Und davon zeugt die bittersüsse Vorstadtatmosphäre, die er im Beat widerzuspiegeln vermag, davon zeugt der pointierte Einsatz der Hookline als down-pitch-Entlehnung von Jorja Smith mal Dizzie Rascal. Und nicht zuletzt die satte Produktion: eine Snare, die knallt und Hats, die sitzen.

Textlich bewegt sich Migo durchs Aussenquartier seiner Sozialkritik, wo die Wahrheiten der Leistungs- und Selbstoptimierungs-Gesellschaft an verkratzem Plexiglas zerscherbeln. Die Biographien der Gescheiterten, Gefangenen und Ge*ickten sind immer noch das beste Argument wider die einfachen Losungen. Jeder ist seines Glückes eigener Schmied – doch auf dem Amboss des Systems ist schon mancher Traum verglüht.

Dass das nicht nach marxistischem Lesekreis klingt, ist den poetischen Bildern zu verdanken, die Migo bei aller Wut mit Sorgfalt in den Text flicht. Das sind nicht Sätze wie Pflastersteine. Das sind Verse aus der Nachbarschaft der Sozialwohnheime.

Migo Buzz «Schlaflos in Bärn» kann gratis für einen Wahlwert heruntergeladen werden.

Zrüggcho #likeaPro

Milena Krstic am Freitag, den 27. Januar 2017 um 15:47 Uhr

Kulturstattbern wäre nicht Kulturstattbern, würden wir nicht über die Rückkehr von Jeans for Jesus berichten.

Der Trailer zum neuen Album «Pro» verspricht jedenfalls hochgepitscht synthetische Sexyness. Mir si gschpannt.

https://www.instagram.com/p/BPxDWEtBzB0/?taken-by=jeans4jesus

Hier schon mal die erste Single kaufen und in Schlaufe hören und wer will, kann sich den 14. April vormerken: Dann ist nämlich Plattentaufe im Dachstock. 

Wär isch hässig?

Milena Krstic am Freitag, den 27. Januar 2017 um 0:06 Uhr

Zuerst waren da diese Sticker, irgendwie überall in dieser Stadt: an Ampelmasten, Häuserfassaden und auf Telefonhörern. Wer ist hässig und warum?

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Endlich zu hause

Roland Fischer am Mittwoch, den 25. Januar 2017 um 9:00 Uhr

Nach Zwischenstationen im ZKM Karlsruhe, am CTM Festival Berlin, im Castelgrande Bellinzona und im BASE Mailand ist die Ausstellung Seismographic Sounds des Norient-Kollektivs nun endlich in Bern angekommen, gewissermassen im Schoss der Kuratoren. Wir hatten von der Premiere in Aarau berichtet, und wer es dahin nicht geschafft hat, der hat nun keine Ausrede mehr – bequemer als im Kornhausforum bekommt man die spannendsten aktuellen Tendenzen aus der ganzen weiten Musikwelt nie mehr serviert. 30’000 Besucherinnen und Besuchern hat die Ausstellungs-Tournee angezogen – in Bern dürfen es gern noch ein paar Ungrade mehr werden. Und dann ist Schluss, weitere Stationen sind nicht geplant. Also letzte Chance, sich diese auch vom Ausstellungskonzept her sehr weltläufige (will heissen unschweizerisch-mutige) Schau anzusehen.

Die Ausstellung läuft noch bis am 11. Februar. Am 4. Februar wird die Multimedia-DVD MATTER OF FACT getauft: Die serbische Soundkünstlerin Svetlana Maras hat das Sound- und Interview-Material von Seismographic Sounds zu einer Cut-Up-Komposition gesampelt, geremixt und weiterverarbeitet.

Keinzigartiges Lexikon: Folge 4

Gisela Feuz am Dienstag, den 24. Januar 2017 um 7:18 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Entletzen
Die Entletzung ist das Gegenteil der Verletzung: ein Vorgang, bei dem man sich, meistens aus Unachtsamkeit oder durch Zufall, heilt. Medizinische Journale führen zum Beispiel die folgenden Entletzungssituationen auf: Man hat eine ausgekugelte Schulter, stolpert und renkt sie sich dabei wieder ein. Oder man wird angeschossen, und die Kugel entfernt exakt einen Tumor im Anfangsstadium. Die bekannteste Sportentletzung besteht darin, einen Tennisarm, also eine Entzündung der Streckmuskulatur, mit einem Golferarm, das heißt einer Entzündung der Beugemuskulatur, zu neutralisieren. Gegenwärtig wird untersucht, ob auch das Gesetz, der Stolz oder Tabus entletzt werden können.


Eine typische Entletzung: der Sturz in eine Wiese mit Heilkräutern, nachdem man sich den Kopf aufgeschlagen hat.

Nächste Woche: Kunterschwarzweiß

Kulturbeutel 4/17

Milena Krstic am Montag, den 23. Januar 2017 um 5:23 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Waren Sie eigentlich schon mal im Orbital Garden? Ich habs irgendwie noch nicht geschafft. Hab mir aber sagen lassen, dass es ein ziemlich cooles Labor sei, um musikalisch unkonventionelles und abstruses auszuprobieren. Am Samstag etwa ist dort Julian Sartorius zu Gast mit seinem Stück «Failing Trance Meditation». Darin bildet er mittels Trommeln das ab, was Emma Murray tänzerisch in ihrer Show «This Is The Beginning» gemacht hat. Der Eintritt ist im Orbital Garden – wie immer – frei.

Mirko Schwab empfiehlt:
Am Freitag mal wieder feinste Rapsoirée im Dachstock: Dillon Cooper ist da, GeilerAsDu sind da. Hinterher liest DJ Kermit aus der Raphistorie. #BernNotBrooklyn, *itches!

Fischer empfiehlt:
Fabrikhallen! Brachen! Musik! Performance! auf jeden Fall: viel Raum! Ok, dafür muss man ein wenig aus der Berner Innenstadt-Komfortzone raus, nämlich nach Köniz. Da gibt’s nächstes Wochenende DREAMS OF SLEEP AND WAKES OF SOUND, u.a. mit neuer Musik von Merz und Fhunyue Gao und Performativem von Annalena Fröhlich.

Der Urs empfiehlt:
Am Mittwoch ab in die Turnhall, bee-flat im Progr: SHISHANI & THE NAMIBIAN TALES, ein starkes Stück moderne Afro-Mukke, hat gut Staub aufgewirbelt die Dame letztens. Oder REXtone am Samstag im Kino Rex: «SURREAL SYNTHESIZER», Raffael Dörig präsentiert Obskuritäten. Macht er sonst auf seinem Blog Dispokino, jetzt hat in Benedikt Sartorius ins Foyer des REX geladen, ist was für Headz!

Berner Beben (1)

Mirko Schwab am Samstag, den 21. Januar 2017 um 16:07 Uhr

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Als es zu rumoren beginnt und der Gassenboden sich auftut und das Geläut der zitternden Kirchen, als die Leuchtreklamen sich aus den Halterungen lösen, als die Welle gegen den Bahnhof brandet und das Senkeltram in der Waagrechten liegt, als oben und unten durcheinanderkommen in ein paar entrückten Augenblicken – da greift Frau Mülller noch zum Hörer, um sich über den Lärm zu beschweren.

Und da streichst du durch den Staub. Rasch war das Nötigste eingerichtet worden in Zelten und Baracken. Dir gefällt, wie der ganze Wohlstand dafür eingesetzt wurde, das Nötige zu bezeichnen, herzuschaffen und ausnahmslos allen zur Verfügung zu stellen. In der Suppenküche interessiert es niemand, wer du warst vor dem Beben, seit welcher Generation du hier warst, ob du Pfarrer warst oder Hure oder von der Polizei.

Also gehst du furchtlos durch den Staub. Auf der Suche nach deinen Leuten und nach den Plätzen. All die Orte, die du im Schlaf gefunden hättest, die im Schlaf standen seit du dich erinnern kannst, sind jetzt faszinierende Wimmelbilder. In den Zwischenräumen versammeln sich die Bebenskinder und am offenen Thorax der Strassen entsteht, was du zuvor nicht kanntest: echte Öffentlichkeit als Raum für alle. Zu erkunden ziehst du weiter mit den offensten Augen. Die Dämmerung legt sich langsam über die Wimmelbilder, die Bebenskinder entzünden Feuerstellen. Dein Blick folgt den Rauchsäulen und du entdeckst, wie Lichter leuchten in den glaslosen Fenstern des eingefallenen Kuppelbaus, der einst Bundeshaus hiess und noch keinen neuen Namen hat, weil noch nichts einen neuen Namen hat. Du gehst hin und die Tür steht offen.

Redaktor der Urs übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Länge.