Here 2 sway

Roland Fischer am Mittwoch, den 1. März 2017 um 11:33 Uhr

Eine kleine filmische Retrospektive zum Thema Effy29 – das musikalische Kurzfim-Bijou, das wertvolle Einblicke zum kreativen Antrieb der Aktivistinnen und Aktivisten bietet, haben noch viel zu wenige gesehen:

Und aber im Ernst: Einblicke dazu, wie Besetzung auch funktionieren kann, wenn man es nicht von Anfang an auf Frontalkollisionen anlegt, gibt es derzeit an der Fabrikstrasse. Und dazu erst noch gute Neuigkeiten: Fabrikool bleibt, so wie es aussieht!

Und apropos kreative Mooves und leere Hallen dann noch den hier – hello capitalism, can you handle this?

Keinzigartiges Lexikon: Folge 9

Gisela Feuz am Dienstag, den 28. Februar 2017 um 6:30 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Das Geheuer
Rein äußerlich unterscheidet sich das Geheuer kaum vom Ungeheuer. Geheuer – auch Getüme genannt – legen jedoch wenig Wert darauf, herumzubrüllen, Häuser niederzutrampeln oder Menschen den Kopf abzureißen. Obwohl sie Feuer speien können, halten sie sich damit dezent zurück. Sie zeigen ein kultiviertes und höfliches Verhalten und fallen im Alltag, zum Beispiel in U-Bahnen, Kinos oder Restaurants, so gut wie gar nicht mehr auf. Gelegentlich kommen Geheuer in angenehmen Träumen oder in Wahnvorstellungen von Langweilern vor. Wie man seit Kurzem weiß, gibt es auch ein Geheuer von Loch Ness, das für eine touristische Vermarktung allerdings viel zu uninteressant wäre.


Kaum einer erschrickt heute noch, wenn im Café am Nachbartisch ein Geheuer seinen Espresso trinkt.

Nächste Woche: Das Passivtrinken

Kulturbeutel 9/17

Milena Krstic am Montag, den 27. Februar 2017 um 5:22 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Pamela Méndez
ist zurück und spielt am Mittwoch mit ihrer tollen Band im Rössli. Am Samstag dann lass ich mir in der Dampfzentrale am Anti-Wellness-Abend was auf den Nagel tätowieren, um mich danach in der Teezeremonie in andere Zustände versetzen zu lassen.

Mirko Schwab empfiehlt:
Nicht, dass in Bern nichts liefe oder explodierte. Aber gehen Sie doch wiedermal nach Zureich: Im Theater Gessnerallee premiert das Stück 0 der gleichnamigen Guerillagruppe, die im Vorfeld der Produktion etwa die Rütliwiese entführt hatte. Auf der «Suche nach einem Widerstandskörper» wird das Ensemble von der Musik meines Bruders David Jegerlehner begleitet. 2. bis 11. März.

Frau Feuz empfiehlt:
Am Samstag gibt’s im Graffiti eine ordentliche Ladung Hardocre auf die Ohren mit Insanity, Invoker, The Giving und Horace.

Der Urs empfiehlt:
Puh, das war mal urbaner Verschleiss die letzten Tage, einsatzstrategisch sprech ich mich darum für Rückzug aus. In die eigenen vier Wände, um sich einzupendeln, tut gut. Dabei muss aber nicht auf städtisches Kulturschaffen verzichten werden, das wär dann blöd! Gönnt euch den Debütroman LANZ von Flurin Jecker, oder geht in die Comic-Abteilung und zieht euch was vom stadtbegnadetsten Finliner-Samurai Jared Muralt, wird sich lohnen, versprochen!

Fischer empfiehlt:
Heute abend gibt es eine kunterbunte Ladung Mensch-Maschinen-Zeugs im l’endroit perdu-Keller, zusammen mit dem Kunstkollektiv Konglomerat M.I.D.I.

Ein Kaleidoskop der Euphorie

Urs Rihs am Samstag, den 25. Februar 2017 um 16:04 Uhr

Am Freitag zu Gast im heiligen Bad, mit der frankokanadischen Krautfunk Band Avec le soleil sortant de sa bouche aus Montreal. Constellation Records. Das Konzert erzeugte die Impression einer mit Flakscheinwerfer beleuchteten Riesenspiegelkugel, zertrümmert durch Abrissbirnen. So müsste mehr!

Der Abend begann mit einem relativ krampfhaften Smalltalk bei Randen-Carpaccio und Pilzcremesuppe, der Vorspeise. Spätestens beim Dessert – Mousse au Chocolat mit Meringue – war dann aber klar, diese Montrealer sind mehr als bloss die Summe ihrer Superteile und alles andere als unentspannt. Höchstens was frustriert, ab dem Zu und Her beim südlichen Nachbarn und der fehlenden Strahlkraft alternativer Ideale. Dafür gabs Freundschaft auf Anhieb beim Nachtessen, immerhin.

Constellation Records, ein musikalisches Panoptikum, das Label um Gallionsfigur «Godspeed You! Black Emperor», die Kategorisierung lass ich an dieser Stelle bleiben, das Prinzip gilt jedoch unterstrichen: Pop-Montréal! Die gelebte Utopie einer genreüberschreitenden, nicht kommerziell orientierten, dogmatisch pro-Kunst eingestellten Musikbewegung. Das wärmt einem Herz und Seele.

Avec le soleil sortant de sa bouche stammt aus der Mitte dieses Kuchens, die Mitglieder der Band nebenher in X anderen Projekten aktiv – mensch stelle sich das als Flickteppich von Vollblutmusikern vor. Sowieso – auch was den Sound angeht – scheint Patchwork Trumpf. Hardcore, Post-Art-Rock, Kraut, Funk, hie und da ein Spitzlicht Folk, Eklektizismus pur.

Zugegeben, gestern war sicherlich nicht der geschmeidigste Auftritt der Band, zuvor hatten sie vier Tage Spielpause und zeigten an der einen oder anderen Stelle etwas Tour-Flugrost. Auch waren die Git-Verstärker etwas gar kantig, sodass auf die Zugabe hin dann trotzdem der Griff zu Ohr-Schalldämpfer nötig wurde. Und trotzdem, die Show war spektakulär. Diese Dynamik, sprühender Wahnsinn, Begeisterung in den verzerrten Gesichtern – dieser Groove, diese brachiale Tanzbarkeit, ein verdammter Dammbruch der Glücksgefühle.

Avec le soleil sortant de sa bouche ist ein Lösungsansatz, ein Heilmittel. Nach dem Konzert ruft jemand: «Guys, ce que vous faites, c’est de la médecine!» fuck’n A! Und das Ganze rezeptfrei!
Schön wars mal wieder im Bad Bonn, ein Dank in die Runde und bis zum nächsten.

Jean-Sebastien Truchy, Bassist und Schreier im Element.

White Riot in der grauen Halle

Mirko Schwab am Samstag, den 25. Februar 2017 um 12:02 Uhr

Am heutigen Tag genau vor dreiundreissig Jahren spielten The Clash in der Berner Festhalle.

Vor dreiunddreissig Jahren einunddreissig – und alive: Joe Strummer, der ewige Held.

Und die war schon damals eine angegraute Fingerübung humorloser Hochbauzeichner. Nach dem Krieg gebaut für Volkstümliches, wurde sie in den 1970er und 80er-Jahren immermal wieder von der Pophistorie gestreift. Im müffeligen Zweckbau kehrten die Moody Blues ein, Zappa und Cash, Joan Baez und sogar die Stones gaben hier 1973 ein als schwierigschwierig kolportiertes Doppelkonzert.

Wenig später entbrannte im angloamerikanischen Raum, was dem psychedelischen Kater der frühen Siebziger eine klare Haltung der Ablehnung entgegenbrachte: Punk. (In der Festhalle hörte man derweil Genesis zu …) Und aus dieser Zeit, da sich offenbar jede zweite Feierabendband «nach einem Konzert der Sex Pistols» gegründet hatte, bleibt wenig so nachhaltig in wärmster Erinnerung wie The Clash. Die Londoner verstanden es, dem Rotzigen das Schlitzohrige zu lehren. Und schenkten den berühmten drei Akkorden obendrauf die Coolness und den Groove. Spätestens by 1979 war klar: Strummer, Jones, Simonon und Headon sind die geilste Gang auf dem Planeten.

Von dieser Gang waren 1984 noch Frontmann und Poet Joe Strummer sowie Bassmann und style provider Paul Simonon übrig. Mick Jones und Topper Headon wurden gegangen – der kongeniale Gitarrist Jones konnte sich mit der wiederholten Einstellung Bernie Rhodes’ als Manager nicht arrangieren. Und Schlagzeuger Headon sich nicht mit dem Heroin. Und also waren dem Maul der einst geilsten Gang des Planeten zwei Zähne ausgeschlagen und die Spötter nannten es: The Clash II.

Ich war 1984 noch kaum ein feuchter Traum. Und auch kaum jenen feuchten Traum hatte damals wohl mein Vater, der mit dem Fieber im Bett lag. Da hat man andere Träume. Neben ihm auf dem Nachttisch lag vielleicht dieses nie eingelöste Billet (should I stay or should I go?) –  und so kann er mir nichts davon erzählen. Am darauffolgenden Montag handelte die Berner Zeitung das Konzert jedenfalls mit einem solidlangweiligen Konzertbericht ab, der sich wie der Matchbericht eines torlosen Unentschiedens liest. Und insofern ganz gut zur bis heute gültigen Solitärkompetenz des Blattes passt: Sportjournalismus. Wahrscheinlich war das Konzert ebenso solide und ein bisschen langweilig. Wahrscheinlich verhallten Joe Strummers Schlachtrufe schon etwas müde im halbvollen Geviert. Wahrscheinlich parodierten die angeheurten Tourmusiker in Jones’ Abwesenheit die Projektion der kredibilsten Gang auf dem Planeten, eine Idee, die The Clash in den Jahren davor so unwiderstehlich und allen stilistischen Neugierigkeiten zum Trotz verkörperten. Und wahrscheinlich war der Sound wirklich kacke.

Aber ich war ja nicht da. Es hätte einfach gut zur Festhalle gepasst, die, selbst aus der Zeit gefallen, alles pophistorische Schwemmholz überlebt hat. Und das Schwemmholz ist – auch wenn einst die geilste Gang auf dem Planeten – vor der Altersmorschheit nicht gefeit.

Halbe Sache

Roland Fischer am Freitag, den 24. Februar 2017 um 14:49 Uhr

Es ist immer schwierig mit allzu guten Ideen für die Bühne: Sie drohen sich leicht ein wenig selbständig zu machen und die ganze Show zu okkupieren. Sie sind Diven und nehmen sich viel Raum, wenn man sie lässt. Und Philipp Saire lässt seinem Bühnenbild allen Raum, den es will, es greift sogar auf die Publikumstribüne über. Also ist alles nur hälftig zu sehen, zu erleben, zu bespielen, wobei die Trennwand auf der Bühne zumindest für die Tänzer (und natürlich für allerlei Geräusche) durchlässig ist – was wieder eine schöne Option und gleichzeitig ein Problem darstellt. Geht es nun um dieses Halb-Halb, um diesen Schnitt im Raum, oder geht es um eine autobiographische Geschichte, ein Hier und ein Dort, ein Geborgen- und ein Fremdsein, ein Tanzen und ein Kämpfen? Es geht natürlich um alles das und deshalb leider um nichts so wirklich. So jedenfalls erlebt man das als Zuschauer von Cut, man ist immer gleichzeitig fasziniert und abgelenkt vom komplexen Treiben auf der Bühne. Und hätte wohl lieber ein subtilere Nacherzählung dieses Entzweigeschnittenseins zwischen der Schweiz und Tunesien gesehen.

Derweil draussen im Foyer: Raupenwesen, die sich kringeln und häuten – und sonst aber nicht weiter verstören. Masken, Verpuppungen und viel Schminke. Identitätsfragen auf sehr plakative Art behandelt – war das etwa gemeint mit der angekündigten Ästhetik der Oberflächlichkeit?

Die Schlacht um «KLEINE MUKDISHO»

Urs Rihs am Donnerstag, den 23. Februar 2017 um 5:38 Uhr

Es war ein Kampf auf Zeit, «KLEINE MUKDISHO» – am Randweg 21 – hätte niemals auf Dauer gehalten werden können. Zu erdrückend die Übermacht der staatlichen- sowie gesellschaftlichen Exekutivorgane. Das war auch den Rebellen klar, trotzdem opferten sie sich auf – im wahrsten Sinne – und vermochten ihre Hochburg rund zwei Jahre zu verteidigen.
Ein Bericht, vom Verlust eines unscheinbar aber wertvollen Ortes.

Diese Geschichte beginnt nicht in Somalia, nicht in Mogadischu, sondern auf einem Parkfeld in der Lorraine, mit einer Horde Tanzender, einem lichterloh brennenden Grill und Bob Marley.
So brannte sich mir dieser Ort erstmals in mein Bewusstsein. Im Sommer vor zwei Jahren, auf dem Weg ins Lorraine-Bedli. Eine Fest – um 13:30 Uhr – alles laut, alles ausgelassen, alle besoffen, alle bekifft, oder alles beides. Durch den Ghettoblaster hämmerte «Burnin‘ and Lootin‘» – zwei Stunden später, die meisten der Rebellen lagen auf dem Asphalt, mit dem Gesicht nach unten, aber – wenn nicht mit Kotze – mit einem Lächeln auf den Lippen. Damals war der Ort ohne deklarierten Namen, dafür aber meist mit einigen wehenden Fahnen im Fenster – hellblau, ein weisser Stern, verschiedene Formen – die Flaggen somalischer Milizionäre.

In den folgenden beiden Jahren war ich durchschnittlich zwei Mal pro Woche dort – weil nebst dem Weg an die Aare, bei MUKDISHO eben auch ein zu frequentierendes Studio liegt – und das Bild wiederholte sich, ungeachtet von Wetter oder Saison, das Fenster war immer offen, die Leute auch, das Volumen meist am Anschlag, die Polizei auch.

Der Rebellenführer J* war ein Chamäleon – war mal Diplomat, mal Erzieher, war mal am Schlichten, mal selber völlig am Ausrasten – er war wohl ein Schluckspecht, aber keinesfalls ein Wendehals, er war alles andere als ein Opportunist. Er glaubte an diese kaputten Menschen, die hier verkehrten, die er zu sich einlud, obwohl sie seinen Mietvertrag aufs Spiel setzten, er brauchte sie, er war Panafrikaner und er war sicherlich sowas wie ein Posthumanist. J* regierte KLEINE MUKDISHO libertär, es gab wenig Regeln – doch etwas zählte, ein Mensch ein Wort und keinen Stress anfangen, das war die Devise!

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Frederyk und die Ritter des metallenen Ordens

Gisela Feuz am Mittwoch, den 22. Februar 2017 um 7:05 Uhr

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein junger Prinz namens Frederyk. Frederyk lebte im hohen Norden (Basel), wo die Nächte lang und die Gemüter finster sind. Auch Frederyks Gemüt war finster. Sein ganzes Leben hatte er als Gefangener im hohen Turm seiner bösen Schwiegermutter Roche verbringen müssen, weil diese eifersüchtig auf Frederyks goldenes, wallendes Haupthaar war. Roche selber hatte nämlich nur Pilze auf dem Kopf. Dafür leuchteten diese.

Eines Tages ritt ein Trupp fescher Ritter an Frederyks Gefängnis vorbei. «Ja wer seid denn ihr? Seid ihr etwa Grillen?» rief Frederyk aus dem Fenster, denn sein Turm war so hoch, dass die feschen Ritter von oben klein wie Insekten aussahen. «Ich bin euer Zar», schrie Frederyk weiter, er, der aufgrund seiner menschenfernen Erziehung wenig Ahnung von Anstand, geschweige denn von politischen Ämtern hatte, dafür aber für sein Leben gerne schrie. «Nein, wir sind Ritter des metallenen Ordens. Wir sind auf dem Weg zum militärischen Stützpunkt, wo wir am Palmsonntag musizieren wollen. Im Volksmunde werden wir deswegen Palmer genannt», antwortete die Viererschaft. Da ging dem jungen Frederyk das Herz auf. Musizieren! Welch wundersamer Klang dieses Wort schon nur hatte. «Zatokrev aber auch, nehmt mich mit!», schrie er und liess schnell seine wallendes blondes Haupthaar herab. Da erbarmten sich die Ritter dem jungen Frederyk, befreiten ihn aus seinem Turm, nahmen ihn in ihre Gesellschaft auf und nannten ihn fortan liebevoll Zar der Grillen.

Frederyk war überglücklich und den Rittern des metallenen Ordens endlos dankbar für die Befreiung. Zu gerne hätte er sich seinen neuen Freunden gegenüber erkenntlich gezeigt, bloss wie? Als der Tross an einem düsteren Hinterhof vorbeizog, erblickte Frederyk dort Geselle Schwarzbart, der gerade dabei war, wundersames Getier auf eine Kuhhaut zu zeichnen. «Zatokrev aber auch, du bist begabt!», krähte Frederyk, beeindruckt. «Kannst du für meine Ritter ein Zeichen schnitzen, auf dass wir es in Farbe tunken und überall hinterlassen können? Ich will dich auch ordentlich dafür entlöhnen.» «Kann ich wohl», brummte Geselle Schwarzbart und machte sich an die Arbeit.

Ambigram for a bandlogo.

Wie gross war die Freude der Ritter des metallenen Ordens über Frederyks Geschenk! Schilder, Rüstungen, Helme, Pferde …. alles und jedes wurde auf der Stelle bepalmert. Gross war auch die Vorfreude auf das Fest im militärischen Stützpunkt. Als die wackeren Mannen diesen am späten Abend dann endlich erreichten, verflog die Freude allerdings im Nu. Man habe keine Antwort auf die Brieftaube erhalten, hiess es, und deswegen habe man einen anderen Musikanten fürs Palmsonntagsfest aufgeboten. Also strenggenommen sei es eigentlich kein richtiger Musikant. Mehr Kleinkunst. Wasser in Wein und so. Zaubern halt.

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Keinzigartiges Lexikon: Folge 8

Gisela Feuz am Dienstag, den 21. Februar 2017 um 6:28 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Klitzegroß
Als klitzegroß wird im Allgemeinen etwas Winziges mit großer Wirkung bezeichnet: der Apfelkern, aus dem ein starker Baum wird, das Universum vor dem Urknall, eine befruchtete Eizelle, der Flügelschlag eines Schmetterlings, der zu einem Wirbelsturm oder immerhin zu einer Fönfrisur führen kann, Napoleon, Pumuckl oder auch einfach mal so dahingesagte Behauptungen, die heute jeder glaubt – zum Beispiel dass Süßes schlecht für die Zähne sei. In den letzten Jahren ist geradezu ein Klitzegroß-Trend entstanden, der etwa Bereiche wie die Gesundheitsindustrie oder die Esoterik erfasst hat. Davon zeugen Buchtitel wie „Die innere Klitzegröße finden“, „Wie klitzegroß ist mein Partner?“ oder „Das große Klitzegroß-Buch für Groß und Klein“.


Durch Hungern satt werden: Viele Menschen setzen heute auf klitzegroße Ernährung.

Nächste Woche: Das Geheuer

Kulturbeutel 08/17

Milena Krstic am Montag, den 20. Februar 2017 um 5:57 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Elektronika frisch aus dem Feld: So würde ich die wunderbaren Geräuschwelten von Marco Repetto alias Bigeneric beschreiben. Am Samstag tauft der Berner sein neues Doppelalbum «Spielmanda» in der Dampfzentrale.

Mirko Schwab empfiehlt:
Technokultur teilen bis der Morgen graut: Deins&Meins im Internationalen Stenzenclub. It’s Friday, you wanna be in love. Ferner vorab: Zaubereien, Illusionen, Tricks und Finten in der Heitere Fahne, Berns schönstem Aussenposten bevor die Gürbe gähnt. Und eine Konzertpremiere: Das Trio Nola schwärmt für bittersüssen Synthpop.

Frau Feuz empfiehlt:
KSB-Vetterliwirtschaft? Ja eh!! Wenn man schon so kreative und umtriebige Vetter*innen in der Blog-Verwandtschaft hat, muss gevetterliwirtschaftet werden, was das Zeugs hält. Drum: Herr Schwab ist gerne macht am Donnerstag BlauBlau und präsentiert im ISC One Sentence Supervisor, deren Album letztes Jahr bei Indie-Suisse abgeräumt hat. Und dann ist da auch noch unsere fantastische Frau Krstic mit von der Partie, die als Milena Patagônia Lo-Fi Mundart Sounds mit Spoken Word kombiniert. Ausserdem wird ab Mittwoch im Tojo «Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam», wieder gezeigt, eine vergnüglich schwarzhumorige Angelegenheit, über die wir hier bereits berichtet haben.

Der Urs empfiehlt:
Diese Woche mal raus aus der Stadt – um zu sehen was andere machen, die schon länger raus aus der Stadt sind. Darum auf Zureich, mit Milo Rau im Schauspielhaus, sein neues Bühnenstück «Die 120 Tage von Sodom» – nach Motiven von Pier Paolo Pasolini und Donatien Alphonse François de Sade – hat ein gesellschaftlich unterdiskutiertes Thema im Fokus. Normaliesierungswahn und Instrumentalisierung von Andersartigen, darum auch – ein unabdingbares Theater!
Noch nicht ausverkaufte Vorstellungen diese Woche gibt es am Mittwoch und am Samstag, Aufführungsstart jeweils um 20:15 Uhr.

Fischer empfiehlt:
Kunst: ist doch alles umsonst. Am Donnerstag Abend im Progr-Ostflügel, mit den Ausstellungseröffnungen der Stadtgalerie (sans titre, dafür aber avec beacoup de femmes artistes) und der Galerie Bernhard Bischoff (Filip Haag) und am Freitag dann latenight ins Kino for free.