Keinzigartiges Lexikon: Folge 11

Gisela Feuz am Dienstag, den 14. März 2017 um 6:35 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Bromrübe
Weit weniger bekannt als die Frucht des Brombeerstrauchs ist dessen Wurzel, die Bromrübe. Und das, obwohl sie jede Voraussetzung erfüllt, eine Delikatesse zu sein: Sie ist übelriechend, leicht giftig und anspruchsvoll in der Zubereitung. Während ihre nahen Verwandten, die Him- und die Heidelrübe, nur noch zur Biogasproduktion verwertet werden, haben einige Feinschmeckerrestaurants die Bromrübe als kulinarische Köstlichkeit wiederentdeckt. Heute tischt man allerdings nur noch das Rübeninnere mit seinem unverwechselbaren Geschmack nach Südfrüchten und kalter Zigarettenasche auf. Der Verzehr der leckeren Dornen wurde vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit nach mehreren Erstickungsfällen verboten.


Wegen ihrer dornigen Oberfläche ist die Bromrübe mit einer äußerst schmerzhaften Ernte und Zubereitung verbunden.

Nächste Woche: Das Rumbastilzchen

Kulturbeutel 11/17

Gisela Feuz am Montag, den 13. März 2017 um 5:54 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Vereinbaren Sie doch einen Termin bei Dr. Blöffer, der hält ab Dienstag wieder Sprechstunde in der Heiteren Fahne. Am Freitag laden Austra dann zum heiteren electropoppen in der Dampfzentrale und am Samstag tauft Baze seine Bruchstücke im Dachstock. Das wird ganz bestimmt «eine beschissen schöne Angelegenheit».

Die Krstic empfiehlt:
Am Mittwoch startet Bestival, das Berner StudentInnen Theaterfestival. Bis am 21. März gibts im Gaskessel Theater vom Schweizer Nachwuchs zu sehen, aber auch von Gruppen aus UK, Griechenland und Mallorca. Rosine: Am Donnerstag zeigt Architektin Joana de la Fontaine im Stück «Mama Fomo», wie sie im Studium Gelerntes auf die Bühne ummünzt. Zusatzrosine: Danach spielt Dave Eleanor ein Konzert.

Mirko Domingo empfiehlt:
Sich den keramischen Wahnsinn Marc Ribots geben am Sonntag, Turnhalle altes Progymnasium. Und am Samstag heben die Rumpelbrüder von Here Hare Here ihre neue Single aus der Taufe, Spinnerei Felsenau. Ja und gehen Sie nochmal bei Chop Records Serge und Jürg vorbei. Da greifen Sie nach einer letzten Scherbe, rauchen eine letzte Zigarette und werden sich bewusst, dass Ihre Jugend jetzt spätestens vorbei ist.

Fischer empfiehlt:
Jetzt einfach mal ins Blaue hinaus, weil der Name einen auf Ideen bringt: den Club Soleil am Sonntag Spätnachmittag in der Dampfzentrale. Da legt nämlich Anaconda Extended auf – und man kann sich ja einfach mal vorstellen, wie es wäre, wenn der Has höchstselbst sich mal elektronisch extendieren tät. Da würde man doch hin, oder? Und sonst lohnen Heiko und Eftn den Besuch auf jeden Fall auch. Und überhaupt ist das Format eine sehr sympathische Art, das Wochenende ausklingen zu lassen.

Der Urs empfiehlt:
Friends, you beat me to it, I’m sorry – alles schon gesagt! Aber vielleicht doch noch, wers verpasst hat, im Schlachthaus, «Ebony and Irony» – heute noch, um 19:00 und dann spätestens im April nochmals, 5. bis 8 ten. Over and out!

#BernNotBrooklyn bzw. MelkerNotPorno

Gisela Feuz am Sonntag, den 12. März 2017 um 9:27 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Die Ausgangslage ist eine heikle: da ist dieser subversive Tunichtgut mit Jahrgang 1898, der mit seiner Trash-Combo Mani Porno für erinnerungswürdige bierselige Auftritte bestschlechtmöglichster Natur sorgte. Oder besagte Auftritte gar nicht erst antrat, weil ein Bandmitglied sich vor dem Konzert dermassen intensiv mit Rauch-Paraphernalia vergnügt hatte, dass es schlichtweg vergass, dass es noch ein Konzert zu spielen gäbe und nach Hause ging. So zumindest die Urban Legend. Jedenfalls hat sich dieser Tunichtgut nun also mit richtig guten Musikern zum Quartett Melker zusammengetan und frönt nicht mehr dem Lo-Fi-Gitarren-Trash, sondern dem Synthie-Pop und New Wave der 80er-Jahre. Herr Porno, pardon, Gaviões so richtig seriös? Kann das gut gehen?

Anfänglich bangte man ja bei der Plattenaufe von Melker am Freitag im ISC. Nicht wegen der Musiker, die verrichteten vom ersten Ton an einen einwandfreien Job. Fred Bürki amtete als Metronom am Schlagzeug, Marco Loso bediente Gitarre und Bass, derweilen Oli Kuster mit seinem Synthesizer musikalische Nebelschwaden fabrizierte. Und der Herr Gaviões? Der schludderte in Sonnenbrille, USA-Hockeyshirt und Steppjacke über die Bühne und schien irgendwie ein Cornerfähnli im Allerwertesten zu haben. Es half dann auch nicht, dass seine Stimme anfänglich komplett in den Synthiewänden absoff und die Texte so nur Genuschel blieben.

Die Angelegenheit begann dann aber bald einmal Fahrt aufzunehmen, Herr Gaviões schien sich in seiner Rolle von Song zu Song wohler zu fühlen und auch der Herr Mischer drehte an den richtigen Knöpfen, so dass die Inhalte des subversiven Liedguts durchdrangen. Und siehe da: Die Geschichten rund um Damen in Mehrzweckhallen und Sennas aus dem Seeland, alles vorgetragen in gespielt gelangweilter, näselnder Nonchalance, funktionierten einwandfrei – tatsächlich im Melker-Gewand noch besser als im Mani-Porno-Getöse. Gut so, denn zu verstecken braucht sich der Herr Gaviões mit seinen wunderbar skurrilen, absurden und zeitweilig poetischen Alltagsbeobachtungen ja keinesfalls.

Melker ist, wenn auch das Publikum  auf der Bühne wild tun darf.

Darüber hinaus spielte diese Melker-Combo halt einfach auch so richtig schön tight, verleitete mit Depeche-Mode- oder Cure-Anleihen schon fast zum Schattentanzen oder sorgte mit treibenden Grooves für kollektives Abnicken im vollen ISC, wobei selbst ein Stephan Eicher im Publikum munter mittat. Eine richtig schön ausgelassene Sause wurde das schlussendlich, an deren Ende man erleichtert festhalten konnte: Jawohl, Gaviões angeseriöst funkioniert. Und voll wie der Mond kann man ja dann im Anschluss schliesslich trotzdem immer noch sein.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück.

«Window Shopper» IV

Urs Rihs am Samstag, den 11. März 2017 um 5:54 Uhr

…oder die schönsten Schaufenster der Stadt, eingerichtet durch König Zufall, mit Eigenwille dekoriert, angenagt durch den Zahn der Zeit.
Hier gibts weder fabrikneue Ware noch die hipsten Ernährungstrends. Das ist die Fotoserie abseits der hegemonial marktlogisch gestalteten Vitrinen unserer Einkaufsmeilen. Und dazu ein Versuch, ihnen Graustufen des Zeitgeistes abzugewinnen.

Seidenweg 2, Länggasse, der Hi-Fi Quartierladen. Ein hyperrealistisches Schaufenster, in seiner Athentizität die analoge Romantik regelrecht überschärfend. Die Vitrine riecht schon von aussen nach Lötkolben und Staub – wie Papas Werkstatt. Hart nostalgisch, aber null Vintage-Kitsch. Von früher steht hier nicht wegen cool, sondern von früher steht hier weil für länger: Video T.V. HI-FI Technico / Electric – stabil, langlebig, zuverlässig.

Der Typ welcher den Laden führt, die Geräte restauriert, flickt und wartet, unterstreicht das. Ein leidenschaftlicher Elektrotechniker, ein Bastler, ein Kunsthandwerker. Und trotzdem, mit gesunder Distanz zur Materie, unverblendet, geerdet. Dabei diese beiläufige  Zärtlichkeit – zu Transistoren, Reglern, vergoldeten Steckern und Kondensern. Bosstyp.

Auf den Regalen stapeln sich Verstärker, VHS-Rekorder, Plattenspieler, Kassettendecks, hie und da ein Beamer, geordnet wie Bücher, weil die Dinger, die richtigen, eben auch Seele haben, so wie gute Romane.

Go there and get yourself a tapedeck!

Rosinen: Gewogene Waage

Roland Fischer am Freitag, den 10. März 2017 um 5:29 Uhr

Das Kunstmuseum Thun macht wieder mal weite Assoziationsräume auf – derzeit unter dem Stichwort «Spiegel». MIRROR IMAGES – Spiegelbilder in Kunst und Medizin heisst die aktuelle Ausstellung, und es ist ein gehöriges Kuriositätenkabinett, was sich da zwischen Kunst und Wissenschaft alles angehäuft hat. Mutig die Entscheidung, eng mit einem medizinhistorischen Partner zusammenzuarbeiten – zuvor wurde die Schau in Berlin Berliner im Medizinhistorisches Museum der Charité und im Projektraum der Schering Stiftung gezeigt – und das Ausstellungskonzept so zwischen künstlerischen Freiheiten und didaktischer Stringenz pendeln zu lassen.

Besonders gefallen hat die physikalische Spiegelung von Richard Rigg, Weighing Scales. Actio gleich Reactio sehr elegant vorgeführt – und dass die beiden Waagen nicht dasselbe Gewicht anzeigen hat auch mit einem grundlegenden physikalischen Prinzip zu tun, wenn man sich recht ans Studium erinnert. Oder sind sie einfach schlecht geeicht? Die Spiegelungen auf dem Vitrinenglas tun dagegen nichts zur Sache.

In «Rosinen» picken wir einzelne Werke, Konzerte, Darbietungen oder was auch immer aus einem grösseren Ganzen heraus. Und lassen den Rest einfach mal ganz bewusst beiseite.

Gewinnen mit KSB: An die Museumsnacht

Christian Zellweger am Freitag, den 10. März 2017 um 5:00 Uhr

Nachts im Museum muss nicht creepy sein – vor allem, wenn ein Haufen Gleichgesinnter durch die Räume strömt. Die Berner Museumsnacht ist dieses Jahr am Freitag, 17. März, also in einer Woche.

Wir haben 2 x 2 dieser blauen Bändeli. Schreiben Sie uns einfach bis Montag eine Mail an christian punkt zellweger ät derbund.ch mit ihrer Adresse drin.

Ein Programm gibts auch noch dazu (oder halt hier). Zum Beispiel: Pepe im Alpinen Museum, Gere Meister, Ariane von Graffenried und Co im Bundeshaus, die Gebirgspoeten Kämpf, Hermann und Parterre in ihrem eigenen Radiostudio im Museum für Kommunikation, Madam (Mariana) Da Cruz im Naturhistorischen, mit Michael Fehr über Walser diskutieren im Robert-Walser-Zentrum, Müslüm in der Nationalbibliothek, Mario Batkovic im Bundesarchiv oder eben Songs vom sagenumwobenen Chlöisu Friedli in der Waldau. Und das ist noch lange nicht alles. Sie sehen: Ganz Bern ist auf den Beinen.

Genossen №8: Haiyti aka Robbery

Mirko Schwab am Donnerstag, den 9. März 2017 um 11:36 Uhr

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Haiyti, Underground Superstar.

Früher war es nur ein Spiel, jetzt ist es Realplay. Hayiti vor den Eidgenossen.

Das Fumoir riecht nach kaltem Rauch. Nach einem Gestern. Meinen Kaffee mag ich nicht recht austrinken, wozu denn wach bleiben? Und also ist auch die Tasse kalt und nichts ist los. Nicht am Billardtisch, die Kugeln starren sich an in einem ewigen Mexican-Standoff. Nicht an der Jukebox nebendran, der Musik fehlt das Münz und so schweigt sie. Die Aschenbecher sind leer wie die Bänke wie die Gläser wie die Blicke der Vereinzelten, die sich hier eingefunden haben. Sie haben ihr eigenes Gestern die Treppe hinaufgeschleppt, um ihm nachzuhangen. So wie ich.

Im Internet ist das anders.

Haiti. Hayti. H-A-I-T-H-Y. «Meinten Sie: Haiyiti?» Nach einem halben Jahr schüchterner Beobachtung – hab ab und zu verstohlen reingeklickt, wenn grad niemand herum war – brennt die Liebe jetzt heiss und öffentlich und ich kann ihren Namen richtig schreiben. Mit Haiyti kommt man gut durchs Leben. Es scheint, als habe sie sich meinen ganzen Schmerz aufgeladen. Als könne sie in Hauptsätzen erfassen, was sich mir in hypotaktischer Diffusie entzieht. Und bei alldem ist sie unantastbar, unzerstörbar, digital. Haiyiti ist Rapperin.

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«Mach kes Drama»

Milena Krstic am Mittwoch, den 8. März 2017 um 5:25 Uhr

Auf einmal erschien die Bernerin Lil Lou auf meinem Radar und liess mich ratlos zurück. Wer ist diese junge Frau, die wegen dem Rappen ihre Lehrstelle verloren hat und sich die Queen von Bern nennt?

Vor ein paar Monaten hat mich eine gute Seele auf diese «eine ihrer Freundinnen, die rappt» aufmerksam gemacht. Die erscheine bald auf der Bildfläche und das werde ein grosses Ding. Ball flach halten, dachte ich. Und doch war ich angefixt vom Gedanken, dass da eine neue Rapperin in den Startlöchern steckt. Kurz darauf erschien ein Video auf meiner Timeline. «Who’s back?! Lil Lou’s back!» stand dazu und ich wusste: Das ist die, von der die Rede war.


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Keinzigartiges Lexikon: Folge 10

Gisela Feuz am Dienstag, den 7. März 2017 um 6:32 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Das Passivtrinken
Die Hysterie um das relativ unbedenkliche Passivrauchen hat lange das Bewusstsein für ein wesentlich höheres Gesundheitsrisiko verdrängt: das Passivtrinken. Schwitzende Säufer mit überschwappenden Biergläsern sondern gefährliche Alkoholmoleküle ab, deren Einatmen zu Folgeschäden wie Schwindel, einem verstärkten Mitteilungsbedürfnis und einer tiefen Rührung beim Lied „Sierra Madre“ führen kann. Fachstellen für Nichttrinkerschutz warnen insbesondere vor Bars mit Bier im Offenausschank und vor Schlafräumen in Jugendherbergen. Inzwischen sind sogar Passivalkoholiker identifiziert worden, die bewusst geschlossene gastronomische Räume aufsuchen und die typischen Symptome von Abhängigen aufweisen, etwa das konsequente Leugnen ihres Suchtverhaltens.


Immer mehr Bars richten entsprechend den Fumoirs sogenannte Buvoirs ein.

Nächste Woche: Die Bromrübe

Kulturgirls & Lederboys

Gisela Feuz am Montag, den 6. März 2017 um 12:37 Uhr

WARNUNG: DER FOLGENDE BEITRAG BEINHALTET PUBERTÄRHUMOR

Links von vorne nach hinten: Harvest, Feuz, Shearer, Fischer, (verdeckt: Herr Sohn), Val der Ama Rechts von hinten nach vorne: Rihs, (verdeckt: Schwab), Krstic, Zellweger, Rrr, Briger

Kultur-Leder-Instant-Kolaboration

Einmal jährlich trifft man sich ja mit den werten Lederboys von drüben zum Weihnachtsessen. Ja, das kann durchaus im März sein. Diese Zusammenkünfte verlaufen dann immer öppen gleich: Die Kulturgirls versuchen die Lederboys doch noch in die rechten Kunstbahnen zu leiten und bedienen sich dabei zweifelhaften Methoden wie etwa Stevie-Wonder-Witzen oder lehrerhaften Faltzeichnungen. Die Resultate sprechen für sich (siehe rechts). Die Lederboys zeigen sich stets lernresisten, schwafeln irgendetwas von einem Timo Konietzka (ein tschechischer Performance-Künstler?) und Güggeli im Chörbli und bekommen dann am Töggelikasten so richtig auf den Sack, ha!

Wie diese Weihnachtsessen jeweils enden? Am Schluss sind alle strunzblau (ausser Frau Krstic), liegen sich in den Armen und schwören sich ewige Freundschaft und zukünftige Kolaboration. Dazu kommt es dann nie. Aber auch egal. Hauptsache das nächste Weihnachtsessen kommt.

P.S. Lederhäuptling Rrr hat im Vollrausch ausgeplaudert, wie die Lederboys zu ihrer hohen Kommentardichte kommen: «Marken-hicks-namen und Genita-al-hicks-Begriffe») Deshalb frage ich Sie, werte Leserschaft: Möchten Sie Ihren Penis mit einer Gucci-Tasche verlängern?