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Der Maharadscha des Soul

Gisela Feuz am Sonntag, den 13. April 2014 um 13:06 Uhr

Er ist fürwahr eine royale Nummer dieser King Khan. Der Indo-Kanadier, der mit bürgerlichem Namen Ahmad Khan heisst, war gestern mit seiner 8-köpfigen Truppe im Dachstock der Reitschule zu Gast und hat Bern gezeigt, wo der Gott des Soul hockt. Eine pompöse Federkrone auf dem Kopf, das beachtliche Bäuchlein mit viel Stolz in Szene gesetzt, verströmte King Khan Glamour und Charisma.

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Es ist eine funky Version von Soul, die King Khan and the Shrines spielen und dieser Soul fährt gewaltig in die Beine. So war es im «Moshpit» um die zehn Grad wärmer als im Rest des Dachstocks; fröhliche Aufgekratztheit herrschte vor und auf der Bühne. Nicht nur der König selber verströmte mit seiner Garderobe Glamour und zelebrierte Spielfreude, sondern auch alle übrigen acht Musiker waren mit offensichtlicher Freude bei der Sache – der Mann am Keybord wagte gar einen Ausflug ins Publikum, sein Instrument auf dem Kopf balancierend.

Wie es sich für eine ordentliche Soul-Diva gehört, wurde für die Zugabe dann noch die Garderobe gewechselt. Der King stand nun mit einer ägyptisch anmutenden Afro-Perücke auf der Bühne, trug dazu einen glitzernden Superhelden-Umhang und ein einigermassen knapp sitzendes Höschen, das nicht zuletzt wegen der Pailletten im Schritt Blicke auf sich zog. King Khan tanzte, schwitzte, sang und schrie wie James Brown und bot Hofstaat und Volk beste Unterhaltung. Also falls die Schweiz irgendeinmal doch noch eine Monarchie werden sollte, wünscht man sich King Khan zum Maharadscha. Freiheit, Glamour und Soul für alle!

Keine euphorische, viel zu lange Hymne

Christian Zellweger am Samstag, den 12. April 2014 um 15:17 Uhr

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Was sagt man zu einem perfekten Abend, wie das gestern einer mit den Goldenen Zitronen war? Entweder man verfasst eine euphorische, viel zu lange Hymne, die auch für den gestrigen Abend ihr Gültigkeit hat, oder man verlinkt einfach die euphorische, viel zu lange Hymne und behauptet: Wer gestern nicht da war, hat das vielleicht beste Konzert verpasst, dass diese Stadt 2014 gesehen haben wird. Und das schon im April. Sogar das Fotografieren ging vergessen. Dankeschön, du ehemalige Punkband.

Plattenkiste Volume 38: Todd Terje

Christian Zellweger am Freitag, den 11. April 2014 um 5:00 Uhr

10 Jahre brauchte Todd Terje bis zu seinem ersten Album. Mit «It's Album Time» setzt man sich gerne an die Strandbar.

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Es war irgendwann Ende 2012, oder Anfang 2013, als «Whateverest», ein 15-minütiger Kurzfilm aus Norwegen im Internet auftauchte. Da ist dieses neblige Kaff im hohen Norden und da ist dieser etwas verwirrte, traurige junge Mann im Morgenmantel oder wahlweise im Glitzer-Pullover, der den Traum der weiten Welt aufgegeben hat, um seinen kranken Vater zu pflegen. Er führt ein Solarium, kocht sich selber Drogen mit Zutaten aus dem Supermarkt, tanzt immer und überall und macht davon Videos, die er auf Youtube stellt. Und genau diese Videos haben den norwegischen House-Produzenten Todd Terje zu seinem Über-Hit von 2012, den selbstvergessen tänzelnden «Inspector Norse» inspiriert.

Sagt der. Denn natürlich war alles ganz anders. Der Film ist ein klassischer «Mockumentary» und Terjes Track war vielmehr der Ausgangspunkt für die Figur des Marius Solem Johansen, der sich im Internet angeblich «Inspector Norse» nennt.

Jetzt hat also derjenige, der am Anfang dieser schönen kleinen Geschichte steht, ein Album veröffentlicht. Seit zehn Jahren schon dreht Terje an den Knöpfen seiner analogen Synthesizer und Drummaschinen, hat sich in der Szene einen Namen gemacht als Teil der norwegischen Discobrigade mit Lindstrøm und Prins Thomas, hat unzählige Remixe veröffentlich, mit Robbie Williams und Franz Ferdinand gearbeitet und sich so den Ruf als einer der wichtigsten DJs der Welt ertüftelt.

Terje ist ein Musiker, welcher den bitteren Ernst der Clubmusik schon immer elegant unterlaufen hat (wie «Whateverest» demonstriert). Auch auf dem Album lässt er seinen Spieltrieb walten. In der Ferne klingt die Italo-Disco, doch Terje modifziert, löscht den grössten Teil der Käsigkeit aus den Spuren und lässt seiner Freude an den lustig perlenden Synthesizer-Sounds freien Lauf. Zumindest in den besten Momenten, in «Delorean Dynamite» etwa oder «Oh Joy» und auch Inspector Norse begegnet man gerne wieder. Nur dieses «Svensk Sås» wär eher nicht nötig gewesen, ein Stück aus Vocal-Samples, dass beim Produzieren wohl amüsanter geklungen hat, als es zum Hören geworden ist.

Und dann wär da auch noch das melancholische Breitleinwand-Cover von «Johnny und Mary», gesungen von Brian Ferry. Das bricht zwar mit der Stimmung, passt aber mit seiner 80ies-Blockbuster-Kitschigkeit dennoch wunderbar auf das Album.

Und so lässt einen dieser Todd Terje, Meister der entspannt spannenden Clubmusik, die auch im Freien funktioniert, auf dem Weg durch die Stadt innerlich beschwingt tänzeln.

Try Again

Miko Hucko am Donnerstag, den 10. April 2014 um 5:45 Uhr

So etwas habe ich noch nie gesehen. Als im Tojo der extra eingebaute Vorhang zwischen Bar und Bühne sich öffnet, bin ich erstmal überwältigt. Dunkel, Schwarz, dazu Neonlicht und Leinwände. Grösse, Design. Ich muss an TRON denken, an Zukunft, an eine SciFi-Version der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band. Ein dumpfer Beat, stimmige Synthies. Ich bin bereit für den Trip. 3 2 1 lift off.

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Doch bevor es richtig los geht, verklingt die Musik wieder.  TRY AGAIN leuchtet auf. Ein Spiel soll es wohl werden, ein Suchen. Musikstück folgt auf Musikstück, dazu spricht eine amerikanische Macho-Stimme und erzählt mal distanziert, mal involviert kurze Schnipsel aus unserem kollektiven Gedächtnis. Trailerhaft werden Faust, Orpheus, Sin City, Bill Clinton und weitere Episoden und Zitate aneinander gereiht. Suchen, Probieren ist anders, denn alles ist durchgetaktet, abgesprochen, beinahe mechanisch bewegt sich die Band auf der Bühne. Vieles wird angerissen, nichts vertieft. Irgendwann habe ich begriffen, wie es läuft und warte auf den durch die vielen Anrisse versprochenen Inhalt. Vergeblich. Formschön und aalglatt, fast wie ab Video exerzieren pulp.noir ihre Show durch. Eine Show, die von der Anlage her besser in einen Club als in ein Theater passt.

Dass hier jemand fehlt, die/der für Struktur und Inhalt sorgt, dass Ecken, Kanten und Dramaturgie fehlen, zeigen sowohl peinlich-kitschige pseudoanarchische Gesten, auf die nahtlos Bilder von marschenden Armeen folgen, als auch der Satz, mit dem die einzige Frau der Truppe vorgestellt wird. Sissy Fox ist ihr Künsterinnenname, und sie ist sexy and beautiful. Lost in Aesthetics.

Computerliebe

Roland Fischer am Mittwoch, den 9. April 2014 um 5:02 Uhr

Sie ist gar nicht so fern, diese Zukunft, vielleicht 20 Jahre noch? Dann werden die Computer richtig reden gelernt haben, und dazu gehört dann auch, dass ihnen ein Bewusstsein wächst, das eine hat irgendwie ziemlich viel mit dem anderen zu tun (im Anfang war das Wort, oder so). «It's not just an OS. It's a consciousness» raunt die Werbung in Spike Jones' neuem Film «Her» - und dieses operating system wird sich dann bald auf einen ganz eigenen bewusstseinserweiternde Trip aufmachen, nach seiner Menschwerdung.

Konfigurieren muss der User (herrlich schusselig und weltverloren: Joaquin Phoenix) da nicht besonders viel, das System lernt schnell und passt sich an. Eine Frauenstimme gefällig? Ja, das wäre doch nett, bloss dass es dann eine so verführerische ist, damit hatte der KI-Anfänger nicht gerechnet - von nun an wird Scarlett Johansson die grosse An- und Abwesende dieses Films sein. Und da haben wir es dann wieder mal mit einem wunderbaren filmischen Erzähltrick zu tun, denn eigentlich entwickelt sich nun einfach eine Liebesgeschichte, nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen Mann und Frau. Und der Zaubertrick ist erst noch ein simpler, es braucht keine Special Effects, keine digitale Nachbearbeitung, bloss die Stimme einer Schauspielerin aus dem Off. Das Besondere und womöglich Unheimliche dieser Beziehung muss der Zuschauer sich immer wieder selbst klarmachen, denn vordergründig flirten da einfach zwei miteinander, und finden sich, und verlieren sich. Aber hintergründig passiert da natürlich noch einiges anderes: soll man (darf man?) sich in diese Geschichte hineinziehen lassen, geht man da ebenso wie die Filmfigur einer blossen Behauptung von Emotion auf den Leim - und: sind im Kino nicht sowieso alle Gefühle Surrogate, mehr oder weniger gut dem (echten, wahren) Leben nachempfunden?

Das ist die Ebene, die Jonze interessiert - er fragt nach dem «uncanny valley» der künstlichen Intelligenz. In der Trickfilmbranche nennt man so den ungemütlichen Ort, an dem wir derzeit feststecken: kurz vor der perfekten Nachbildung der Welt, da wo sich ein unheimliches Gefühl einstellt, weil man eigentlich nicht mehr sagen kann, was dieser künstlichen Realität noch fehlt, man aber doch untrügbar weiss, dass man es mit Computerwelten zu tun hat. Auch das OS in «Her» geht durch dieses unheimliche Tal, und wie es auf der anderen Seite herausfindet, ist vielleicht ein wenig zu dramatisch erzählt, mit etwas zu viel philosophischem Eifer. Man hätte gern gesehen, wie die beiden einfach irgendwo in einem hinteren Winkel des verwunschenen Tals glücklich werden, aber das geht natürlich nicht - oder?

Bizarre Musikgenres Teil 11: Splitter

Gisela Feuz am Dienstag, den 8. April 2014 um 5:46 Uhr

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Splitter.

Innerhalb der Gattung Speedcore – also der extrem schnellen Variante von Hardcore Techno – wird Splitter als die schnellste Variante überhaupt gehandelt, ist also quasi der Usain Bolt des Techno. Anfang der 90er-Jahre wurde im Bereich der Techno-Musik viel ausprobiert, alles war neu und entsprechend ungezwungen ging man an Experimente heran. Im damaligen Untergrund gab es auch die Speedfreaks, denen es nicht schnell genug sein konnte und die sich im aufstrebenden Internet zusammentaten und austauschten, wobei die Speedcore-Szene vor allem ein europäisches Phänomen war und blieb.

Der Ursprung dieser schnellstmöglichen Version von Techno liegt in der Benutzung von Drumcomputern und Perkussionssampels; aufkommende Computerprogramme wie «Tracker» unterstützen und vereinfachten die Bearbeitung. Bald einmal gab es in Bezug auf die Geschwindigkeit keine Obergrenze mehr, so erreichen die schnellsten Splitter-Stücke aberwitzigen 15'000 BPM. Grundsätzlich wird ab 600 BPM, also 10 Beats pro Sekunde, von Splitter gesprochen. Oft sind die Beats dermassen schnell, dass die ursprünglichen Bässe nach anderen homogenen Geräuschen zu klingen beginnen. Entsprechend steht bei Splitter auch nicht der einzelne Beat, sondern der Gesamtklang im Vordergrund. In Passagen mit vielen hohen Frequenzen klingt dies zum Teil wie zersplitterndes Glas - von da hat diese Stilrichtung auch ihren Namen. Nun aber Video ab. Und falls Sie sich gerade zum Tanzen animiert fühlen sollten, werte Leser und Leserinnen: Man muss also nicht zwingend jeden Takt einhalten, jeder 139. reicht auch.

Kulturbeutel 15/14

Milena Krstic am Montag, den 7. April 2014 um 5:55 Uhr

Milena Krstic empfiehlt: 
Sich am Mittwoch, Freitag oder Samstag die «sinnesverwirrende Performance» Signal to Noise im Tojo Theater angucken. Das Künstlerkollektiv Pulp.Noir erkundet «mit allen Mitteln und Medien die Absurdität des Lebens, um sie dem Publikum zugänglich zu machen.» Hier ein kleiner Teaser.

Frau Feuz empfiehlt:
Das Konzert von Die Goldenen Zitronen am Freitag im Dachstock. Die Hamburger Urgesteine vereinen Punkrock und Wave zu intelligentem Pop. Am Samstag liefert die Berner Drag Queen Clausette La Trine zusammen mit His Master's Voice einen ihrer fulminanten Auftritte in der Comeback Bar.

Miko Hucko empfiehlt:
Einen Festbesuch. Entweder zum Lesen oder um dem Tsunderobsi merci zu sagen. Oder sagt das Tsunderobsi dem Publikum merci? Item. Oder, da könnte man ja auch gleich merci sagen, zum letzten Mal ins Wasserwerk an den Endroit Perdu. Da könnte ich gleich über die sterbenden offenen Bühnen ins jammern kommen, aber festen lohnt sich da allemal mehr.

Fischer empfiehlt:
Japanische Filmperlen quer durch die Jahrzehnte im Kino Kunstmuseum - auch wenn das Wetter natürlich eher nach draussen lockt. Zum Beispiel den famosen Ballad of the papermoon am Mittwoch.

Psycho-Heidi & Schlächter-Geissenpeter

Milena Krstic am Sonntag, den 6. April 2014 um 16:00 Uhr

Gestern wurden an der ersten Ausgabe des «Festivals für unabhängiges Modeschaffen» Adelheid & Peter  (chez la Heitere Fahne) Unmengen von Süssigkeiten fürs Auge verteilt.

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Wobei «verteilt» das falsche Wort ist, weil mein auserkorenes Lieblingsteil CHF 360.- (soweit ich mich erinnern mag) kostete. Natürlich wird dieser Preis für die Arbeit, den Stoff und die kleine Stückzahl gerechtfertigt sein, aber ich habe das Festival dann doch ohne Kauf verlassen.

Lieblingsteil in pink-métalisée der Designerin Yana Rei.

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Schön wars trotzdem, obwohl ich mich frage, wie innovativ das ist, bei der Werbekampagne so dermassen einen auf Heimat-Idylle und Hochglanz-Bergwelt gemacht zu haben. Wie wärs mit einem Psycho-Heidi und einen Schlächter-Geissenpeter gewesen? Aber das hätte dann nicht zum Rest des Konzepts gepasst. Item.

Karneval!

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Adelheid war übrigens vor Ort und ich ärgere mich jetzt noch, dass ich sie nicht gefragt habe, ob ich sie fotografieren darf.

Poetische Tiefsee-Groteske

Gisela Feuz am Sonntag, den 6. April 2014 um 13:00 Uhr

Balts Nill nennt ihn im Vorwort einen «Tintentaucher». Tatsächlich ist der Berner Illustrator und Grafiker Jared Muralt für sein neues Buch tief getaucht und hat das letzte Jahr geistig wohl mehr im Marianengraben als auf der Welt zugebracht. Es sind die bizarren, skurrilen und monströs wirkenden Fische, die tief unter dem Meeresspiegel leben, die es Muralt angetan haben und die er in seinem Buch «Tiefsee-Angler» portraitiert. Dazu hat sich der 32-Jährige die Punktiertechnik angeeignet, die seine liebevollen Zeichnungen wie traditionelle wissenschaftliche Illustrationen wirken lassen. Seit gestern sind Muralts abstruse Zeitgenossen der Tiefe nun im Grand Palais ausgestellt, wobei sich die Ausstellungsmacher etwas Besonderes haben einfallen lassen.

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Ab 300 Meter verliert sich das Licht in den Ozeanen der Welt, ab 1'000 Meter herrscht ewige Dunkelheit. Wer in dieser kargen, kalten und lebensfeindlichen Umwelt überleben will, der muss sich ausgefallene Strategien aneignen. So haben einige Tiefseeangler-Fische äusserliche Merkmale ausgebildet, die einmalig sind im Tierreich: leuchtende, überdimensionierte Angelruten am Körper, Laternen am Kopf und furchterregende, rasiermesserscharfe Zähne sind nur einige der Accessoires, die den Monstern der Tiefe bei der Jagd nach Beute und der Liebe zur Verfügung stehen.

Die Schwärze der Tiefseewelt lässt sich denn auch in Muralts Ausstellung erfahren. So wurde ein Raum komplett abgedunkelt und mit kleinen, schwach-leuchtenden Taschenlampen ausgestattet muss sich der Betrachter im tiefschwarzen Nichts auf die Suche nach den Fischen machen. Als Orientierungshilfe dienen einzig die Leuchtkörper der Tiefsee-Geschöpfe – von Muralt mit Nachtleucht-Farbe eingefärbt - die blass in die Schwärze schimmern. Die ästhetische Wahrnehmung ist somit eine andere: Anstatt dass die ganze Gestalt auf einmal erfassbar ist, muss mit der abgedunkelten Taschenlampe der Fisch erst in seinen Details «ertastet» werden. Die ganze skurrile Groteskheit der Tiefsee-Anglerfische erhält dadurch spezielles Augenmerk – Was wiederum ein durchaus poetisches Seherlebnis erzeugt.

Die Ausstellung «Tiefsee-Angler» ist noch bis am 25.4. Im Grand Palais zu sehen, die Unterwasser-Klangkulisse im «Darkroom» hat Julian Sartorius beigesteuert; Jared Muralts 100 liebevoll gestalteten Fische gibt es auch in Buchform.

Mit Tequila ins Bad Bonn

Milena Krstic am Samstag, den 5. April 2014 um 13:42 Uhr

Ein Ausflug nach Düdingen ins Bad Bonn fühlt sich so an, als wäre man auf einem Roadtrip (ich war noch nie auf einem, aber so stelle ich mir das vor) und würde irgendwo in der Pampa anhalten, um auf Toillette zu gehen. Man bleibt dann aber länger, weil in dem Schuppen irgend so eine Band spielt und ein Bier eigentlich genau das ist, was man gerade gebraucht hatte. Dort, wo das Bad Bonn steht, gibt es einen Parkplatz, eine Wiese, einen dunklen, schmalen Weg zum Bahnhof und im Hintergrund beginnt der Wald.

Der Zufall wollte es, dass ich mein Mobiltelefon zuhause liegengelassen hatte und mich im unbarmherzigen Licht des neuen BLS-Doppelstöcker-Agglo-Zuges voll und ganz Kinky Friedmans «Nie wieder Tequila» (gefunden in Küres Büchergestell) widmen konnte:

«Offensichtlich hatte ich mich einige Wochen lang nicht mehr rasiert, und ich würde verdammt sicher nicht damit anfangen, nur weil eine Hausplage zu mir kommen wollte. Schliesslich war er nicht Prinz Charles; er war ein ausgebrannter, paranoider Gitarrenzupfer mit einer finsteren Streptocumulus-Wolke von der Grösse Bangladeschs über dem Kopf. Und er glaubte, dass jemand versuchte ihn umzubringen. Das konnte ein netter Besuch werden.»

Ist Kinky ein Möchtegern-Charles-Bukowski? Ich habe ihn nicht gegoogelt, um unwissend zu bleiben.

Im Bad Bonn angekommen bespielten die Briten Heymoonshaker die Bühne.

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Zwei Typen in Röhrenjeans und der eine davon mit beachtlichem Ausschnitt, aber beiden Männern rutschte das Shirt so hoch, dass man freie Sicht auf Bauchnäbel hatte. Ziemlich stilecht. Der Sänger hatte diese kratzige Fistelstimme und war gleichzeitig der Gitarrenzupfer – um in Kinkys Jargon zu bleiben – und sein Kumpel übernahm als Beatboxer den Part, der eigentlich einem Schlagzeuger zuteil wäre.

Schmutz-Blues funktioniert auch so bestens, und erstaunlicherweise auch dann, wenn der Beatbox-Mann Skrillex-ähnliche Beat-Variationen von sich gab. «Organic Dubstep», meinte Küre.

Und was würde wohl Kinky Friedman dazu schreiben? Vielleicht so etwas wie auf Seite 29:

«Musik ist ein Geschenk», schrie McGovern von der Jukebox (...) zu mir rüber. «Sie bringt die Menschen zusammen. (...) Du bist gesegnet Mann, du bist gesegnet!»

«Yeah», sagte ich. «Vielleicht könnte ich Rhythmusgitarre für den Dalai Lama spielen.»