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Entrücktheit in der Asphalt-Hitze

Gisela Feuz am Mittwoch, den 16. Juli 2014 um 14:57 Uhr

Beim «Loeb-Egge» wird zur Zeit Strassenmusik der anderen Art geboten. Nein, keine verstärkten Panflöten, deren Klang einem sämtliches Blut in den Adern gefrieren lässt, auch keine feuerjonglierenden Rasta-Trommelspieler, keine russische Blaskapelle und auch keine Ein-Mann-Band mit Pauke und Gitarre. Nun ja, eine Art Ein-Mann-Band ist der in Zürich beheimatete Julian Layn insofern, als dass er alleine auftritt. Aber anstelle einer scherbelnden Gretsch bedient Layn einen 100-jährigen Flügel. Mit seinem energetischen Spiel, das Einflüsse von klassischen Komponisten wie Bach oder Chopin zeigt, aber auch eine Vorliebe für harte Rock-Riffs verrät, sorgt der Komponist und Pianist für einen Moment der Entrücktheit in der Asphalt-Hitze und dem ganzen nachmittäglichen Touristen-Trubel.

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«Zyt isch eifach e huere Scheiss»

Christian Zellweger am Mittwoch, den 16. Juli 2014 um 11:45 Uhr

Wir waren uns ja schon nicht ganz sicher, ob sie bei uns noch an der richtigen Stelle sind, jetzt wo Jeans for Jesus Big in Japan, also in Zürich, also bei diesem Watson sind.

Aber wir sind treue Seelen und darum freuen wir uns sowieso über Neues von unserem Lieblingshype. Jeans for Jesus veröffentlichen nämlich den Song «Matrix» aus ihrem Hit-Album vom letzten Jahr (das es jetzt auch auf Vinyl gibt) als Maxi-Single. Das Video sehen Sie oben. Zudem gibts einen Remix (besser: Eine Cover-Version) von der Bernerin Pamela Mendez (eine der absoluten Lieblingskünstlerinnen der Jeans, wie sie selber schreiben) auf Souncloud.

Doch wird hier nicht nur ausgekoppelt und gecovert, es gibt auch ganz Neues: Zyt heisst der fast zehnminütige Song, auf dem musikalisch viele Signature-Stücklein aus dem Album vorbeischweben. Die textliche Inspiration reicht von Thomas Manns Zauberberg bis zur Ausgabe von Das Magazin über, klar, die Zeit. Auch den gibt es auf Soundcloud.

Fast schon ein eigenes Werk ist der Pressetext zum Werk, den wollen wir Ihnen nicht vorenthalten, Sie finden Ihn am Ende dieses Beitrages.

Und Achtung, am Samstag sind dann Jeans for Jesus live zurück in Bern: Auf der Waldbühne vom Gurtenfestival.

 

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«Ein Blümli, wo verdorrt.»

Gisela Feuz am Mittwoch, den 16. Juli 2014 um 5:28 Uhr

Der Berner Schriftsteller Roland Reichen hat im 2007 bereits in seinem Erstling «Aufgrochsen» einigermassen schwere Kost aufgetischt: Zwei handicapierte Kinder bekommen Kinder und geben weiter, was ihnen selbst widerfuhr, nämlich Brutalität und Enge. Auch im gerade erschienenen Zweitling «Sundergrund» erlebt Protagonist Fieder Kleinjenni einen schweren Start ins Leben: «Er [Doktor Maurer] schriss das munzige noch etwas klumpenförmige Mönschli mit der guten alten Geburtszange aus dem mütterlichen Schoss.» Fieder wächst in der Folge in einem engen, finsteren und ewig feuchten Ort namens Sundergrund im Berner Oberland in prekären Familienverhältnissen auf. Mutter Hedi, die ihm wenigstens noch ein bisschen Wärme hätte bescheren können, wird wegen ihren Depressionen in die psychiatrische Anstalt, nach «Münsige links», verfrachtet, wohin ihr später auch der Bruder folgt. Zurück bleibt der gewalttätige Vater Schlufi, der den kleinen Fieder von Geburt an quält, prügelt und auch nicht die kleinste Spur von Interesse oder Wertschätzung für seinen Sohn zeigt. Weil er einem Mädchen imponieren will, kauft sich Fieder zum ersten Mal braunes, bröcheliges Pulver – «Braun Schuger» – und weil ihm dieses zumindest kurze Momente von Geborgenheit beschert, wird er zum Junky.

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Ungefähr so dürften Sundergrunder Landschaft und Gemütslagen aussehen.

Roland Reichen erzählt in «Sundergrund» nicht nur die trostlose und bedrückende Geschichte von Fieders kurzem Leben, sondern schiebt kapitelweise auch die Schicksale von dessen Eltern und Grosseltern dazwischen, die selber zeitlebens als Billigarbeiter ausgebeutet wurden; desolate Existenz über mehrerer Generationen also. Unter die Räder gekommen sind die Beteiligten, weil sie von Anfang an schlechte Karten hatten, wobei die Einzelschicksale symbolisch für all die namenlosen Verlierer stehen, die es im Wohlstandsland Schweiz eben auch gibt.

In seiner Erzähling bedient sich Roland Reichen einer Sprache, die jegliche Normen des Standarddeutschen missachtet. Reichens Schreibe strotzt vor dialektalen Einschüben und wie im Schweizerdeutschen üblich, wird als Relativpronomen praktisch nur «wo» verwendet: «Das Grosi, wo mit ihnen am Tisch hockt, das hat emel auch keine Zähne, und trotzdem frisst das die Kutteln.» Zudem kreiert Reichen unübliche und vergnügliche Ausdrücke wie «eindreschflegeln» oder «Mannsbildfetzten». Der Leser muss sich fürwahr erst an die verstümmelte, grobe und dialektale Ausdrucksweise in «Sundergrund» gewöhnen – das Lesen geht nicht leicht von der Hand. Aber schliesslich fallen auch Fieder und die anderen Figuren aus der gesellschaftlichen Norm und somit fungiert die lädierte und schadhafte Sprache nur als weiteres ästhetisches Element, welches die defekten und zerrütteten Existenzen stimmig spiegelt. «Sundergrund» ist brutal und phasenweise beelendend. Aber eben auch lustig. Reichens träfe Ausdrücke, Fieders Unbeholfenheit und sein absurd latentes Pech sorgen im ganzen Elend doch immer wieder auch für tragikomische Momente.

Roland Reichen tauft «Sundergrund» am Samstag 19. Juli um 19:30 Uhr am Kairo-Gartenfestival, und zwar mit musikalischer Unterstützung von Patrick Abt.

KAA

Miko Hucko am Dienstag, den 15. Juli 2014 um 5:30 Uhr

Wir kennen schon zur Genüge: Kunst am Bau und Kunst an der Strasse, beide gut zusammengefasst mit Street Art. Ich plädiere für die Einführung eines neuen Genres, das gleich mehrfach zu kreativen Auswüchsen führen kann. Kunst am Auto, kurz KAA (nicht zu verwechseln mit kA, aber die haben wir ja alle hier). Ein weiterer Unterzweig der Street Art.

Jetzt ist das natürlich nichts neues, sein Auto zu bemalen (oder, wie das mein Nachbar getan hat, zu bestickern). Aber Street Art an sich war genau genommen nie neu, weil Häuser haben schon seit längerem hübsche Reliefs oder anderweitig schmückende Malereien. Es geht mir bei Benennung dieses Genres darum, das Nachdenken und Nachmachen solcher Dinge aktiv zu fördern und nicht, das Ei neu zu erfinden (oder das Huhn oder das Feuer oder das Rad).

Grundsätzlich lassen sich zwei legale Formen von KAA benennen und eine illegale. Die illegale werde ich nicht weiter besprechen, um Diskussionen zum Privateigentum nicht weiter anzufeuern. Wenn wir gerade dabei sind, nur kurz dies: Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue ich mich aber nicht, eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für einen Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden. Ein toller Song.

Legale Variante eins. Sie bemalen ihr eigenes Auto. Am besten mit widersprüchlichen Sachen, da haben auch die Wächter_innen des Strassenverkehrs ein bisschen was zum nachdenken.

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Legale Variante zwei und vor allem für alle, die kein Auto haben geeignet: Sie bringen nicht-permanente Sachen an fremden Autos an und warten auf Reaktionen. Auch hier gilt: Je kryptischer desto Kunst. Hier mal ein Beispiel (ich kann mir noch andere gute Dinge vorstellen wie rote L's oder diese Magnetli mit Wörtern vom Kühlschrank oder für die ganz performativen einen gefakten Liebesbrief mit Telefonnummer). Hauptsache die Stadt mal anders verschönern.

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Oder vielleicht handelt es sich hierbei auch nur um eine Geheimnachricht. Wer weiss, wer weiss.

Pornografisch, blasphemisch, meisterhaft

Christian Zellweger am Montag, den 14. Juli 2014 um 13:29 Uhr

Es war ein ziemlich unerwartet starkes Stück Musik-Kultur, dass da am vergangenen Freitag über die Menschen im Innenhof der Reitschule niederging. Etwas vom Verrücktesten, was er je gemacht habe, hörte man Robert Butler vor dem Auftritt sagen. Sowas aus solch berufenem Rock'n'Roll-Mund weckte natürlich Erwartungen - und die wurden vollständig eingelöst.

Experimental-Industrial-Noise labelierte unsere Frau Krstic den Auftritt und tatsächlich: Ein wild gewordenes Schlagzeug mit Hang zum Becken-Lärm, eine äusserst kratzige Gitarre und über allem knirschend-fiepende Schaltkreis-Effekte aus dem Synthesizer schallten da an die Gemäuer und zurück.

Das Herzstück bildete aber der Film, zu dem das Ganze improvisiert wurde: Ein wilde Orgie aus pornografisch-blasphemischen Versatzstücken, ein stilistisch breiter Mix zwischen vergilbten Filmszenen, blutigen Cartoons und pythonesken Animationen, scham- und tabulos, aber mit einer grossen Portion ziemlich abseitigen Humors, alles aus dem Kopfe des (mir) unbekannten Franzosen an den elektronischen Geräten.

Sollte es je nochmals Gelegenheit geben, diesen Brocken aufzuführen: Duex ist sicher schon am Booking für die nächste Kilbi.

Kulturbeutel 29/14

Gisela Feuz am Montag, den 14. Juli 2014 um 5:07 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
besuchen Sie am Freitag und Samstag das lauschige Gartenfestival beim Kairo. Mit von der Partie sind King Pepe, Gisbert zu Knyphausen, I am in Love, Puts Marie uva. Das ganze Programm gibts hier.

Herr Zellweger empfiehlt:
Ich selber werde vier Tage auf dem Berg verbringen, ab Donnerstag berichtet der Bund live vom Gurtenfestival – bis zum Ende am späten Sonntagabend. Am Fuss des Berges bereitet die Heitere Fahne mit dem «Gugusgurten» zum zweiten Mal eine schöne Gegenwelt zum grossen Rummel auf dem Berg: «Gaumenschmaus vor dem Palästli, Livemusik auf der Grandpalais Terrace, und Diskotanz im Prunksaal», so die Ankündigung.

Fischer empfiehlt:
Falls man am Freitag weder am Gurten noch im Garten ist, aber dennoch Gugus im Sinn hat: man könnte auch wieder mal neuen Raum besetzen zwischen Kunstmuseum und Progr. Ansonsten hockt die Kulturstadt grad ziemlich bequem im Sommerloch.

Milena Krstic empfiehlt:
Es gibt schon ein paar Sächeli, die sich machen lassen, trotz Herbst im Sommerloch: Wenn das Wetter weiterhin so scheisse bleibt, kann man sich getrost einen ganzen halben Tag im Hamam verkriechen, sich noch die aufregende Ausstellung im Kunstmuseum Thun anschauen (das Bilder-Gucken auf der Facebook-Seite steigert die Vorfreude) oder sich ab Dienstag nach Freiburg begeben, wo das Festival Les Georges prend place (etwa mit der wunderbaren Oy, dem tollen Fai Baba und den jungen Göttern).

Hex Hex!

Milena Krstic am Freitag, den 11. Juli 2014 um 14:27 Uhr

In der Grossen Halle in der Reitschule hat sich seit Montag eine stattliche Anzahl Menschen eingerichtet, die sich dem Selbermachen verschrieben haben. Eine Do-It-Yourself-Sommerwerkstatt namens Schwarm soll es sein, jetzt ist es halt bei einer D.I.Y.-Werkstatt ohne Sommer geblieben. Eine schön-detaillierte Berichterstattung zum Festival gibt es hier zu lesen. Bei einem Augenschein gestern Abend sah das dann etwa so aus:

Schwarm_Reithalle_Bern_Kulturstattbern

Ab Morgen Mittag spannt Schwarm dann mit Pokus Hokus zusammen. Einen der Veranstalter habe ich gefragt, was zu erwarten sei. Er meinte nur, ein Riesenrummel werde das, mit Schiessbude, Feuerschau und allem, was dazu gehöre. Ich meinte, bereits ein Schiessbuden-Exemplar in der Halle gesehen zu haben. Und einen Musiker, der in einer Box spielte, habe ich auch entdeckt. Hex Hex!Schiessbude_Pokus_Hokus_Kulturstattbern

Marina, Marina, Marina…

Roland Fischer am Freitag, den 11. Juli 2014 um 11:25 Uhr

Marina, was machst du bloss? Wiederaufführungen alter (und schon damals nicht wirklich guter) Performances «in collaboration with adidas»? Ein Kunstvideo voller Brands, das MAI-Logo und Adidas-Streifen - da haben wir dann nochmals eine andere Variante der kompletten Sinnentleerung, die Abramovic derzeit ohnehin nur noch zu interessieren scheint. Hier gibt's Einblicke in das noch bis im August laufende 512-Stunden-Meditationsseminar in der Serpentine Gallery in London (Abramović ist Nichts, großgeschrieben, und mit Körper. Mehr wäre, in diesem Fall, mehr.).

Bücherkiste: Ceci n’est pas un roman policier

Miko Hucko am Mittwoch, den 9. Juli 2014 um 5:30 Uhr

Ja, es ist wahr, und ich bin immer noch ziemlich stolz: Ich habe ein Buch auf Französisch gelesen. Ein über 800 Seiten starkes und noch dazu eines, das einen Preis von der Academie Française erhalten hat. Richtige Literatur also! und es war gar nicht so schwierig.

La vérité sur l'affaire Harry Quebert heisst der Roman, geschrieben hat ihn der Genfer Joël Dicker - ein weiterer Grund zum Lesen. Weil wann haben wir das letzte Mal so etwas richtig Lustiges und Spannendes aus dem Schweizer Literaturzirkus unter den Augen gehabt? Eben. Ja, die Spannung. Man könnte eben meinen, es sei ein Krimi, oder ein Thriller, weil weglegen konnte ich das Buch wirklich nicht. Und es entfaltet sich auch eine Art Kriminalgeschichte, aber halt eher so eine der Sorte Twin Peaks. Ein kleines Dorf im Norden der USA, die Leiche eines jungen Mädchens, das ganze Dorf könnte es gewesen sein, ein Diner, in dem alle immer sitzen, Wälder und Meer. aber keine Donuts. kein FBI. nur State Police und ein überaus hartnäckiger Schriftsteller, unsere Hauptfigur, die zugleich damit hadert, ihren zweiten Roman zu schreiben.

Also kein Krimi, sondern die Krimiform in Seriendramaturgie (die 31 Kapitel haben alle immer ein eigenes Motto, einen Ratschlag des Meisters, und jedes von ihnen enthält in sich eine eigene Story mit tiefer Ausleuchtung der verschiedenen Charaktere und ihrem Background).

Fazit: Ich hatte seit 8 Jahren kaum mehr Kontakt zur französischen Sprache und das Lesen ist mir trotzdem gelungen - ein gutes Zeichen für ein Buch, wenn es sowohl den Ansprüchen einer altehrwürdigen Männerinstitution als auch meinen gerecht werden kann. Die ideale Strandlektüre, die einem dann doch noch tagelang beschäftigt, weil so viele Themen in so vielen Facetten behandelt werden.

Kulturbeutel 28/14

Milena Krstic am Montag, den 7. Juli 2014 um 5:45 Uhr

Milena Krstic empfiehlt:
Heute Montag startet Schwarm, eine Jekami-Sommerwerkstatt, die zehn Tage dauern wird. Als «intergalaktisch-antirassistisch»beschrieben, findet das Ganze in der und um die Grosse Halle der Reitschule statt. Die Infos sind noch spärlich gesät, deshalb geht nichts über eine persönliche Vor-Ort-Analyse.

Frau Feuz empfiehlt:
Statten Sie am Freitag dem chic dekorierten Progr-Innenhof einen Besuch ab. Am Nachmittag gibts dort Tango mit der RaBe-Sendung El Gato Calculista zu hören und am Vorabend bieten des Pferdihansens Liedermacherei (Ein Projekt der Spiegelkiste) Songs über Körperteile, Idealismus, Apokalypsen und weitere Belanglosigkeiten. Am Samstag wird auf dem Vorplatz der Reitschule dann ein Rummelplatz der etwas anderen Art veranstaltet: Pokus Hokus.

Fischer empfiehlt:Schlechtwetter! Kinowetter! Es steht eine interessante Lichtspielwoche an, mit einem Besuch heute bei den ebenso auto- wie filmbegeisterten Enzmanns und mit neuen Trickfilmbijous aus dem Lichtspiel-Archiv am Donnerstag. Und in der Cinématte läuft wieder mal das Sommerkino, diese Woche z.B. mit dem Superklassiker Chinatown und heute abend noch mit einer Chance, den Dokfilm Das Boot ist nicht voll zu sehen.