Wo ist Gaudenz?!

Gisela Feuz am Montag, den 13. Februar 2017 um 13:50 Uhr

Kommendes Wochenende kommen Hörfetischisten auf ihre Kosten: Im Kino Rex wird beim 7. sonOhr Festival Ohrensex Audiokunst geboten. Form und Inhalte der Wettbewerbsbeiträge sind vielfältig. Es gibt Features, Dokumentationen, Reportagen und Klangcollagen in Deutsch, Französisch und Italienisch zu hören, die sich unter anderem um Kühe am Schönheitswettbewerb, den schweren Umgang mit Demenz oder die vermeindliche Mutation von Getreidekörnen drehen. Ausserdem wird mit «Nosferatu reloaded» ein Live-Hörspiel fabriziert und bei den Hörgames «Blowback – Der Auftrag» und «Polder – become a story» kann das Publikum gar selber mittun.

Der Blick ins Programm verrät, dass dieses Jahr einer fehlt. Ein Kurzhörspielmacher, der sonst bei sonOhr immer dabei ist. Einer, der in schönster Do-it-yourself-Manier vom Texten übers Komponieren und Pegeln alles selber übernimmt und dann auch noch gleich alle Rollen einspricht und zwar in unterschiedlichen Dialekten. Einer, dessen Beiträge humortechnisch, nun ja, vielleicht nicht jedermanns Sache sind, der aber andererseits gerade wegen seiner kindlichen Experimentierfreude und dem niederschwelligen «Gott, du bisch ä blöde Siech»-Humor über eine eingefleischte, weltumfassende Fangemeinde verfügt (Matto Kämpf und Frau Feuz). Gaudenz Trüeb, wo bist du? Dir ist doch hoffentlich nichts zugestossen, oder?! Und gell, nächstes Jahr kommt wieder was von dir? Einfach bitte nicht über Raclette. Sonst kann man das dann auch nicht mehr essen.

Das sonOhr Festival findet vom 17. – 19. Februar im Kino Rex statt, mehr zu Gaudenz Trüeb können Sie hier in Erfahrung bringen.

 

Kulturbeutel 07/17

Gisela Feuz am Montag, den 13. Februar 2017 um 6:03 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Am Donnerstag tun Sie sich am besten vierteilen. Den Kopf schicken Sie zu Matto Kämpf und Gerhard Meister ins Kairo, wo die beiden ihr Spoken Word Programm «Hirni» aufführen. Die Lachmuskeln schicken Sie ins Kino Cine Club, wo die Kultmoviegang das filmische Fiasko «Allan Quatermain & the Lost City of Gold» zeigt. Die Genitalien sind bei den Ostschweizer Antihelden Knöppel (ehr Wichsers!) im ISC bestens aufgehoben und die Tanzbeine wollen bestimmt zu Blind Butcher ins Du Nord.

Die Krstic empfiehlt:
Vor ein paar Jahren ist sie mir aufgefallen, mit ihrem schnoddrigen Schreibstil, dank einer ihrer Reportagen im Vice Magazin. Ich habe mir das Mag immer im Olmo geholt, damals, als ich noch weniger Zeit im Internet verbrachte, ein fettes Heftli, gefüllt mit viel Bildli und draufgängerischer Schreibe. Dank Vice also entdeckte ich Stefanie Sargnagel, Prolo-Braut mit System, die mittels Facebook-Stati ein Netzphänomen geworden und mittlerweile zum kleinen Star avanciert ist, der gerne mit Lena Dunham verglichen wird (was die Sargnagel aber uncool findet). Item. Was ich eigentlich sagen wollte: hingehen zu ihrer Lesung. Am Sonntag, 19 Uhr, im Tojo. Followen auf Facebook ist auch gut.

Der Urs
Yo, ich plädier hier mal für Frischgemüse, zu geniessen im Dachstock, am nächsten Samstag: «Doppuschnägg». Für zehn Stutz gibts da noch spärlich gehörte Bands, auf dem hoffentlich aufstrebenden Ast. Vor allem dieses St.Galler Duo HOPES & VENOM hat beim Vorhören Laune gemacht. Ein Sound irgendwo zwischen Lush und Kyuss, geilo!

Mirko Schwab empfiehlt:
Seit Monaten ist der nächste Donnerstag in meiner Agenda euphorisch angemalt: Göldin & Bit-Tuner im trojanischen Rössli. Vom Meister Gebäude aus Beton und Bass, des Journis Gedichte von trockenem Hass #JournalistDesJahres2016. Und wir, die Einverstandenen, wir sitzen im Kreis – «und wichset eus eis.»

Fischer empfiehlt:
The blues is dead? So heisst’s im Ankündigungstext von The Big Nasty – aber wer glaubt schon PR-Textern. Also nichts wie hin, in die Zar Bar am Freitag. Oder am Samstag Nachmittag runter ins Voodoo Rhythm-Kellergewölbe – was auf einen in manchen Nasen durchaus wohlriechenden Dunstkreis dieser zwei Londoner hindeutet.

 

Der innere Kilometerzähler

Mirko Schwab am Samstag, den 11. Februar 2017 um 16:01 Uhr

Die beste Popband der Schweiz ist zurück.

Lauener in Bethlehem: «Schatteboxe».

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen: Der Schwab ist ihr treu. Im staubigen CD-Player, den man Ghettoblaster nannte, damals am Ende der Neunziger und auf dem Parkettboden des Vorstadtblocks, der nichts mit Ghetto zu tun hatte, da drehte «Super8» ihre Runden. Auf Replay. Das hörte nie mehr auf und wurde bedingungslos. Schwab zog weiter. Mochte das Laute und Düstere, Exotische und Befremdende mehr und mehr zum Zentrum werden seiner Popfantasie, Kuno und die Boys, sie blieben.

Jetzt also, fünf Jahre sind verstrichen seit der bildhübschen «Göteborg» (Züri West ist immer auch der innere Kilometerzähler, «e Chare wo louft u louft u …»): Zwei neue Songs. Gute Songs. Aber wissen Sie was: Sollen andere rezensieren, der Ane zum Beispiel. Schwab hat sich schon per Einleitung sentimental disqualifiziert dafür. Und ist KulturStattBern aka certified underground culture blog continuum der richtige Ort fürs Heldentum, für die Dinge, auf die sich zu Recht alle einig sind? Nein, die Freaks graben weiter in der Nische, für die Dinge, die sonst vergessen gehen könnten. Aber an diesem beschwingten Samstagnachmittag und kurz vor Frühling: Ein inniger Gruss vom Schwab aus dem Nischenblog. An Kuno und die Boys – und als Verneigung vor der besten Popband der Schweiz.

Die neue Scherbe «Love» kommt auf Frühling, 24.03.17. Tourdaten hier.

Ode an das Absonderliche

Milena Krstic am Freitag, den 10. Februar 2017 um 16:18 Uhr

Es waren die Pressefotos, die mich auf die Theatervorstellung «Fallen – Believe The Unbelievable» neugierig gemacht haben. So informierte ich mich vor dem Besuch nicht mehr gross über das Stück. Ich hatte vor, mich berieseln zu lassen, schliesslich war das schon eine ziemlich aufregende Kulturwoche, mensch erträgt ja auch nur soviel Spektakel.

Gerieselt hat es dann tatsächlich, weisse Plastikstückchen nämlich, auf die Leiber des Kollektivs Lebensunterhalt, bestehend aus Karisa Lynn Meyer, Ladislaus Löliger und Annina Machaz. Gemeinsam haben sie unter der Regie von Johannes Mager Texte von Daniil Charms in theaterform gebracht.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie Charms auch nicht kennen, drum: Daniil Charms war ein russischer Schriftsteller, geboren 1905, der über Vodka, Kommunalkas und Frauen schrieb. Unter anderem jedenfalls. Die Themen wirken stereotyp, aber, wie Wikipedia mich wissen lässt, seien Charms’ Texte von anderer Qualität gewesen, als all das, was damals in der Sowjetunion gedruckt wurde. Kurzgeschichten und verwirrende Satzstrukturen waren sein Ding, so ganz anders, als die Üppigkeit eines «Krieg und Frieden» etwa. Jedenfalls war Charms ein Verfolgter, seine Texte aufgrund ihrer Undefinierbarkeit verboten, und im Jahr 1942 verhungerte der arme Teufel in politischer Gefangenschaft.

Auf der Bühne des Tojos jedenfalls wirkte die Inszenierung über weite Strecken mühsam, etwa dann, wenn Karisa Lynn Meyer eine ganze Textpassage schreiend rezitiert, oder wenn so ganz Godard-mässig Szenen auf absurde Weise wiederholt wurden. Und was machte eigentlich dieser süsse Hund auf der Bühne? Ich war ratlos.

Am Ende aber gab es aber eine versöhnliche Szene, ich sage nur: Ballett und wieder Plastikschnipsel-Geriesel.

Karisa Lynn Meyer, gestützt von Annina Machaz. Foto: zvg.

Und dann war da die Musik,  dargeboten von Marlon McNeill, der mitten auf der Bühne vom Stehpult aus elektronisches Gedröhne und epische Chöre einspielte. Das war alles irgenwie brutal, sinister poetisch und ab vom Schuss. Falls dieser Charms, dieser mir bis anhin unbekannte russische Autor, so ein absonderlich faszinierender Kerl war, dann war «Fallen» die perfekte Hommage an ihn.

Schauspielerisch gesehen ist das Stück sicher einen Besuch wert, aber nur für Menschen, die mit Verwirrung, Brutalität und dunkler Poesie etwas anfangen können. Den Trailer zum Stück gibts hier.

«Fallen – Believe The Unbelievable» wird noch heute und morgen, 20.30 Uhr, im Tojo gezeigt.

Mit Dänen im Kairo-Keller

Urs Rihs am Freitag, den 10. Februar 2017 um 13:07 Uhr

Gestern Donnerstag im Kairo-Keller, traf sich auf ein Wiedersehen, wer sommerzeits im Garten festete.

Nach einem dieser Nachmittage – lesen im Lorrainebad, auf kalkgehärtetem Frottiertuch liegend, neben Freunden, lachen, baden, rauchen – landeten wir auf der Dachterrasse des Hofs, zum Essen, zum Trinken und zum Hören. Gartenfestival war angesagt.
Beim Kochen noch Lambchop aus den Boxen, dann Anna Calvi, im Sinn schon bei der Trouble. Dann plötzlich, verzerrt durch die Rauchschwaden unseres qualmenden Webers, diese Klänge. Americana, mit staubigem Timbre, Orgel-untermalt, Tindersticks-mässigen Vocals, Wilco Verve, wer zur Hölle…?
Einmal über den Terrassenrad gelugt und die Frage runter zur Mischerin: «Yo Bery, who’s that? Fuckin nice!» Sie: «Hey, hani o nid kennt, so Dänä, heisse DESOTO CAUCUS, si aube mit Giant Sand am Start gsi.» Damnit, klar, kurz etwas Grillasche übers Haupt gestreut, Howe Gelb, war auch schon oft in Bern, Giant Sand: Tucson-Sound – so klingt die Wüste! – Alternative-Country vom Feinsten, und das sind seine Jungs.

Das Konzert von DESOTO CAUCUS trifft uns mitten in die von Sonne, Speis und Trank aufgeweichte Seele, einer dieser Momente – musikinduziertes Endorphinflash, völlig überdosiert…

Schnitt – halbes Jahr später – gestern, wieder in der Lorraine, diesmal in der eisigen aber. Und nicht unter dem freien Himmel, sondern im Keller, im Kairo-Keller. Selbe Truppe, mal sehen wie sich das im Winter macht. Der erste Ton schrammt, die ersten Worte hallen und der Funken springt sofort: DESOTO CAUCUS, empfiehlt sich auch gekühlt.

Die Stimmung ist locker – viele gute Menschen – herzlich, fast euphorisch, trotz der dämpfenden Wetter-Tristesse. Vielleicht der genau richtige Kontrast für diese Truppe, welcher musikalisch die Sonne von Arizona aus dem Allerwertesten scheint. Aber eben, sind ja eigentlich Dänen, die sind auf Du mit Kälte. Auch mit subtiler Ironie und Wortwitz übrigens, die Texte und Arrangements ihrer fragil-dynamischen Stücke sind durchzogen davon. Ein schrulliger Humor – Motor dieser skandinavischen Charmebolzen.

«I hope some of this fun up here, reaches you down there» Raunt Sänger Nikolaj Heyman von der Bühne. «Absolutely!» entfährt es mir.
Eine gute Stunde wird gespielt, Singer-Songwriter Melancholie trifft auf Indie, trifft auf Groove, trifft taktweise auf Funk(!). Wohlüberlegt alles, mit dieser scheinbaren Zufälligkeit, wunderbar unaufgeräumt. Und natürlich blitzt auch hie und da die Lust an Verstärkerwänden auf, schliesslich eine Rockband, wie seitens Musiker verschmitzt versichert wird.

Nach dem Konzert ein kurzes „Bye Guys“ in den Raum gerufen und schnell die Treppe wieder hoch. Arbeit wartet, leider bleibt keine Zeit für ein Zigarettchen danach mit den Herren. Dem einzigen was diesem Konzert im Untergeschoss fehlte, etwas Rauch, auch um Ausdünstungen zu schleiern -Grillrauch hätts getan, aber der nächste Sommer kommt, und DESOTO CAUCUS hoffentlich auf ein ebenso baldiges Wiedersehen.

«DESOTO CAUCUS», gestern im Kairo-Keller.

«Bauer sucht Power»

Gisela Feuz am Freitag, den 10. Februar 2017 um 6:38 Uhr

Das Jahr ist zwar noch jung, aber die Gewinner im Wettbewerb um den schönsten Flyer sind bereits bekannt. Welcher Wettbewerb? Na jeder, der da im 2017 noch kommen mag. Ich mein: dieses ausgeklügelte Arrangement, diese sinnliche und harmonische Ästhetik der Bildkomposition. Meisterhaft. Fürwahr.

Seit 15 bis 17 Jahren (man ist sich bezüglich der Dauer des Bestehens bandintern nicht ganz einig) «verpiggern» die Herren vom Biggerclub Heuler aus der Rock-, New Wave- und Punkgeschichte. Gefunden hätten sie sich damals per Annonce in der Tierwelt, sagt Sänger Thomas «Hoschi» Hostettler. Auf «Bauer sucht Power» hätten sich die Herren Schütz (Bass), Abt (Gitarre) und Hertig (Schlagzeug) gemeldet und seitdem fährt die illustere Männerriege mit dem Traktor von Landgasthof zu Landgasthof und beschallt alles, was bei one, two, three, four nicht auf den Bäumen ist.

Nun soll der ungefähre eigene Geburtstag gefeiert werden, und zwar in Berns chicstem Inlokal, dem Dead End. Wer Piggerclub schon mal live gesehen hat, der weiss: Erwartet werden kann eine ausufernde Show mit überbordender Rampensau am Mikrofon, die irgendeinmal äusserst leichbekleidet sein wird und besagtes Mikrofon nur im besten Fall zum Singen gebraucht, im wahrscheinlicheren Fall aber sonstigen Unfug damit anstellt. Falls Sie einen Konzertbesuch anstreben: Leihen Sie sich doch eine Hockeyaustrüstung aus. Denn die Chance, dass sie von Hoschi in irgendeiner Form angepiggert werden oder beim Verlassen des Lokals in der Morgendämmerung die Treppe runterfallen, ist gross.

15-17 Jahre Biggerclub, Samstag 25. Februar Dead End, Türöffnung um Mitternacht, Konzert ca 2Uhr. 

Segen sprechen, Regeln brechen

Milena Krstic am Donnerstag, den 9. Februar 2017 um 12:39 Uhr

Gestern sang, tanzte und bezirzte Božo Vrećo in der Turnhalle des Progr: ein Abend irgendwo zwischen Magie, Erstaunen und Ergriffenheit.

«Ha, lug itz, die ganzi Jugo-Connection ist da», begrüsste mich eine liebe Bekannte und wir umarmten uns. Ja, tatsächlich, da war die ganze Jugo-Gemeinschaft versammelt in der Turnhalle des Progr, weil Bee-Flat wieder einmal ein programmtechnischer Clou gelungen ist: Bosniens exotischster Kunstexport Božo Vrećo war in Bern zu Gast.

Inmitten des Saales stand sein Mikrofon, drei kleine Lichtpunkte komplettierten das Bühnenbild. Vrećo alleine ist Schmuck genug, seine Stimme Spektakel genug. Mit viel Halleffekt erzeugte er ein Ambiente, als sässe man in einer Kathedrale und sang in wärmstem, klarstem Sopran eigene Kompositionen und Sevdah Lieder, traditionelle Stücke aus dem Bosnien des 15. Jahrhunderts.

Worum es in Vrećos Liedern geht? Sagen wir es einmal so: bittere Liebesgeschichten, aber auch solche mit fröhlichem Ausgang, Zwangsheirat, Mutterverehrung und die Vergänglichkeit des Daseins eines allen. Verständlich, wenn sich manche Anwesende geärgert haben, dass Vrećo nicht ein paar Worte mehr auf Englisch gesagt hat. Küre fand aber, dass es doch schon okay wäre, wenn man halt mal nicht alles verstehen würde. Die Musik spreche schliesslich für sich. Nun, da kann ich nicht mitreden, ich hoffe nur, dass es für niemanden ein Grund war, das Konzert nicht geniessen zu können.

Vrećo, dieser an einen Derwisch erinnernden Menschen in hohen Hacken, erschien wie ein Wesen aus einer parallelen Welt, es schien, als wolle er uns zeigen: Hey, alles ist möglich, wenn da nur genug Einfühlungsvermögen vorhanden ist. So pickte er sich immer wieder eine Person aus dem Publikum, hielt ihre Hand, strich ihr durchs Haar und es war, als würde er einen Segen sprechen.

Klar, da waren diese Playback-Einspielungen, die an den Eurovision Song Contest erinnerten. Aber alles in einem war Božo Vrećos Auftritt eine Offenbarung, ein Zeugnis dessen, weshalb es sich lohnt, für ein Konzert das Haus zu verlassen und sich einzulassen auf die musikalischen und menschlichen Kostbarkeiten, welche die Welt uns zu bieten hat.

Gazette für nicht mal 1 Gazeta

Roland Fischer am Mittwoch, den 8. Februar 2017 um 12:07 Uhr

Eine schöne Wortgeschichte wieder mal: Die Gazette kommt aus Venedig, wo vor fast 500 Jahren das erste Mal ein Flugblatt mit Namen Gazetta di Venezia erschien und nicht mehr als eine Gazeta, die kleinste Münze damals, kostete.

Noch nicht mal einen Fünfer kostet die neueste Gazette aus Bern, nämlich die Hauszeitschrift des Länggass-Tee. Der Laden ist ja gewissermassen Subventionsgeber für eine ganze Schar von Kulturschaffenden mit diversen Talenten – da lag es also nahe, daraus etwas zu schöpfen. Herausgekommen ist eine sehr schön gestaltete halbjährliche Publikation, deren erste Ausgabe sich dem Thema «roh» widmet. Roher Tee? Man findet via Google tatsächlich rasch zur Länggass-Tee-Webseite, mit überraschenden Infos zum Beispiel zu einem raren, postfermentierten (post was auch immer) Pu Er:

Eine seltene Spezialität aus Yunnan: Ein roher Pu Er in Top-Qualität von einem einzigen 500-700jährigen Teebaum. Die Verfügbarkeit ist natürlich sehr klein, der Tee wird deshalb nicht gepresst. Traditionell verarbeitet, an der Sonne getrocknet.

In der Gazette, die es im Laden im gewöhnungsbedürftigen, aber dem Layout wunderbar entsprechenden Schallplattenformat auf Papier oder hier auch als pdf gibt, liest man noch einiges mehr zu rohem Kochen und frei zum Thema assoziiertes Literarisches. Sowie so manches Wissenswertes rund um Tee natürlich. Ich meine, die kennen die Bäume, von denen der Tee kommt!

Keinzigartiges Lexikon: Folge 6

Gisela Feuz am Dienstag, den 7. Februar 2017 um 6:22 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Das Eichhorn
Das Eichhorn, der ausgestorbene Urahn des heutigen Eichhörnchens, gehört neben dem Mammut und dem Säbelzahntiger zu den schreckenerregendsten Riesensäugern der Urzeit. Durch seine Größe, seine scharfen Zähne und sein hinterlistiges Wesen war das Eichhorn für die Menschen der Steinzeit eine permanente Bedrohung. Zugleich wurde es als Gott der Fruchtbarkeit, der Vorsorge und des Knabberspaßes verehrt. Einige Forscher vermuten, dass das Eichhorn durch verbesserte Jagdtechniken der Neandertaler ausgerottet wurde. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sein natürlicher Feind es zu Tode gepickt hat: die Rotkehle.


Selbst vollständig erhaltene Skelette geben keinen Aufschluss über die kontroverse Frage, wie buschig der Schwanz des Eichhorns war.

Nächste Woche: Die Zweiöde

Kulturbeutel 6/17

Gisela Feuz am Montag, den 6. Februar 2017 um 5:49 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Am Samstag ist Fantasie gefragt, wenn in der Turnhalle bei Icon Poet in Kürzestzeit Geschichten gezimmert werden. Als Grundlage dienen jeweils fünf Icons, aus denen dieses Mal Gerhard Meister, Patti Basler, Paul Steinmann und Remo Rickenbacher mehr oder weniger abstruse Abenteuer zusammendichten.

Fischer empfiehlt:
Fake, Hoax, Beschiss, so tun als ob? In der Kunst ja sowieso Standard. Look, all this is fraud – Vernissage am Samstag im Milieu. Echt jetzt!

Der Urs empfiehlt:
«B&B», meint Balkan und Bass. Ersteres am Mittwoch im bee-flat mit Božo Vrećo, der drag-Ikone aus Bosnien und Herzegowina. Singt Sevdah Lieder, brutal melancholisch, verstörend eingängig, obwohl ich kein Wort versteh.
Zweiteres am Donnerstag im Rössli, Versions – Variations of Bass, was für Tieffrequenzenthusiasten, aktueller geht Bassmusik schwer – auch was für die Seele.