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Züritipp · Das Magazin ·

Kulturbeutel 38/14

Gisela Feuz am Montag, den 15. September 2014 um 5:37 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Gehen Sie heute Abend in die Cinématte, denn dort wird «Mistaken for Strangers» gezeigt, die Geschichte zweiter ungleicher Brüder, der eine Leadsänger der Indie-Band The National, der andere Amateur-Horrorfilmer und Heavy-Metal-Fan. Am Dienstag spielt dann in der Rössli Bar die Psychedelic-Space-Rock-Truppe White Hills.

Miko Hucko empfiehlt:
Unbedingt!!! Symphony of a missing room schauen gehen, eine magische (knapp am Kitsch vorbei und darum umso grossartiger) Reise, auf die Sie sich noch bis Freitag im Kunstmuseum Bern begeben können.

Die Krstic empfiehlt:
Ich sage «Poetry Slam» und sehe vor meinem geistigen Auge, wie Sie die Nase rümpfen. Das Konzept (wortgewandter Mensch liest eigenen Text vor und wenn er/sie gewinnt, gibts eine Flasche Whisky) hat lange funktioniert, ist aber mittlerweile chly dürä. Thuns umtriebigster Slam-Poet Remo Rickenbacher hat das Ganze nun aufgemöbelt und «Talk 3600» genannt: Jede Ausgabe steht unter einem Motto und eingeladen sind nicht nur Poeten, sondern auch andere Menschen. Start ist am Donnerstag im Café/Bar Mokka unter dem Motto «Dr Summer isch vrbii». Die Gäste: Slammer/Musiker Laurin Buser, Berner Rapper Dezmond Dez und Chef-Bademeister des Strandbad Thun, Jean-Pierre von Gunten.

Herr Zellweger empfiehlt:
Gehen Sie diese Woche mal ins Unterland. Wohin genau kann ich Ihnen nicht sagen, der Start von «Surround – Unterland» liegt beim Zentrum Paul Klee, die Soundinstallation ist Teil des Biennale-Programms – und soll sich sehr lohnen, sagen solche, die bereits mehr wissen.

Oliver Roth empfiehlt:
Ich war bereits dort, worauf Herr Zellweger hinweist. Und ich sage Ihnen mit allem Nachdruck: Gehen Sie da hin!

Live aus der Dampfzentrale: Die Kunstallmend

Christian Zellweger am Samstag, den 13. September 2014 um 6:15 Uhr

Die Biennale ist in der Stadt. Ein Künstlergruppe hat sich letzten Donnerstag im Kesselhaus in der Dampfzentrale eingenistet, um bis Sonntagabend die Kunstallmend zu gestalten. Die Damen und Herren schreiben uns:

«Im April 2014 kam eine Gruppe Kunstschaffender in der Dampfzentrale zusammen, um ihre Kunst als Allmend, also als Allgemeingut, zu begreifen und als solche zu bewirtschaften. Dafür gaben sie sich Regeln wie «Beiträge sind allgemeine Ressource der Allmend. Namen sind irrelevant». Die Gruppe traf mehrmals zusammen und versuchte ökonomische Strukturen aus künstlerischer Perspektive zu betrachten. Während der Bern Biennale wird die Kunst-Allmend «Dampfzentrale» für drei Tage zur öffentlichen Versuchsanordnung und macht dabei Zuschauende zwangsläufig zu potentiellen Allmendern. Was dabei rauskommt ist ungewiss – das Resultat wird aber mit allen geteilt.»

Wie das so aussieht, können Sie in Ihrem Lieblingsblog live verfolgen. Heute Samstag ab 15.00 und bis 23.00 Uhr, morgen Sonntag ab 12.00 Uhr bis 20.00 Uhr.

weisse Männer in schwarzer Kleidung

Miko Hucko am Freitag, den 12. September 2014 um 11:42 Uhr

Ja, diese Musiker, sie müssen nur auf die Bühne kommen und schon explodiert der Saal in Erwartungsapplaus. Ein Wunder sind wir nicht alle noch aufgestanden um unseren klangvollen Göttern rechtmässig zu huldigen.Vielleicht hat das andere Gründe, jaja. Jedenfalls war der Turbinensaal der Dampfzentrale zum ersten Mal seit langem bis auf den letzten Platz besetzt. Ist das Berner Publikum einfach festivalgeil? Biennale-Eröffnungsabend.

vienn

Nach einem für Vegetarier_innen recht unspannenden Apéro gab's mehr oder weniger schwungvolle Reden, an denen der Abteilung Kulturelles abwechslungsweise gedankt und Vorwürfe gemacht wurden wegen (auch hier!) geplanter Fusion der Biennale mit dem Musikfestival.

Dann die Show: Everyday von Christian Marclay und Ensemble, eine «musikalisch-visuelle Performance» aus dem Jahr 2011. 5 Musiker improvisieren zu zusammengeschnittenen Videoclips aus den unterschiedlichsten Filmen. Die ersten zehn Minuten war ich gebannt, weil immer nur Türklingeln und Gucklöcher und klopfende Menschen zu sehen und die unterschiedlichsten Eröffnungsgeräusche in diese Richtung zu hören waren. Ein assoziatives Prinzip war zu spüren, das sich fortziehen sollte. Ich habe nichts gegen Assoziationen, aber mit der Zeit wurde es extrem repetitiv, anstrengend und unspannend. Inhaltliche Anforderungen fehlten, eine Dramaturgie war nicht zu erkennen.

Ich war (wirklich) kurz davor einzunicken, was auch an meinem ungünstigen Sitzplatz gleich unter der Lüftung gelegen haben mag - und dann kam ein Knaller: Marschmusik! Eine ganze Blasmusiktruppe dreht eine Runde durch den Turbinensaal. Was für ein Höhepunkt, was für ein Abschluss. Aber Show ging noch on und plämperte sanft aus, indem einige Bilder vom Anfang wiederholt wurden.

Der Abend war aber noch nicht vorbei, denn wie heisst es so schön: Nach dem Apero ist vor dem Apero. Im Kesselhaus öffnete die Kunst-Allmend ihre Tore / Türe. Erstaunlich, wie klein dieser Raum wirkt, wenn man ihn mit Arbeitsmaterial füllt. So richtig bin ich in die Allmend noch nicht reingekommen, aber das war ja auch ein Pre-Opening. Ich gehe die Damen und Herren am Samstag Nachmittag mal noch richtig besuchen, sie haben nämlich durchgehend geöffnet.

Fabio, Andreas und Daniel

Christian Zellweger am Freitag, den 12. September 2014 um 5:00 Uhr

Sie wollten schon immer mal wissen, wie das so läuft in dieser Musikindustrie? Also: Da geht der Berner Filmer und Musiker Fabio Friedli als Pablo Nouvelle in die weite Welt hinaus. Die Briten vom Indie-Label Black Butter Records finden das super und veröffentlichen seine Werke.

Dazu veranstalten Sie einen Remix-Wettbewerb. Und wer genau schaffts, «out of hundreds of entries», unter die drei besten Tracks? Na klar, Filewile - aus Bern. So geht das, in der Musikindustrie. Vetterliwirtschaft? In diesem Fall wohl eher einfach gute Arbeit.

They praise it!

Oliver Roth am Donnerstag, den 11. September 2014 um 12:19 Uhr

Die kurze Abwesenheit in Bern und der Arbeitsaufenthalt an der Weichselstrasse in Berlin wurden durch eine kurze Huldigung unterbrochen. Wir konnten nicht davor Halt machen, auf das Medienereignis gebührend einzugehen. Das neuste «Bigger, than bigger» lässt auch unseren Altar erstrahlen. Wie der Rest der Welt, knien wir nieder.

I am groot

Miko Hucko am Donnerstag, den 11. September 2014 um 5:33 Uhr

Ich liebe Science Fiction. Wirklich. Sowohl in Buch- als auch in Film- oder welcher Form auch immer, Theater ist da leider eher selten vertreten. Und so nehme ich ab und zu Kinobesuche in Kauf - war das schon immer so teuer? - von denen ich weiss, dass sie mit Unzulänglichkeiten gespickt sein werden. Ich habe mir also Guardians of the Galaxy angesehen, eine Komödie, die mit allen Mitteln Hollywoods und des Sci-Fi kokettiert. Wie es sich für einen guten lustigen Film gehört, ist auch eine Portion Selbstironie dabei.

Es gab einiges zu lachen, ziemlich viel Action und einen bestandenen Bechdeltest. Nicht schlecht. Andererseits ist mir auch eine gewisse Faulheit auf Seiten der Filmemacher_innen aufgefallen: 1. im Notfall greifen sie auf die zuvor ironisierten Muster zurück und 2. Alle Spezies ausser Groot sind ungemein Humanoid und langweilig. Sie unterscheiden sich vom weissen Mann (der einzige Mensch) höchstens durch andere Hautfarben, Nasen- und Augenstellungen. Was durchaus eine schwierige Aussage in sich birgt, wenn man dies konsequent zu Ende denkt. Sonst ist das Worlbuilding ziemlich dicht und gelungen, was wahrscheinlich daran liegt, dass sich hier auf ein ganzes Marvel-Universum bezogen werden kann.

Und dann das Ende. Wenigstens keine Romantik. Aber nachdem den ganzen Film hindurch der Teambildungsaspekt, das Treffen gemeinsamer Entscheidungen und das Einstehen füreinander im Vordergrund standen, wird Mr. Hauptfigur mit der letzten Einstellung zum Anführer des sympathisch-verliererischen Grüppchens ernannt.

Apropos Comicverfilmungen: Der nächste grosse Wurf gehört dann für einmal wieder DC. Sie wollen im Frühjahr 2016 mit Batman vs. Superman auftrumpfen. Ich freue mich jetzt schon auf dieses wahrscheinliche Desaster.

Destilliertes Morsen

Gisela Feuz am Mittwoch, den 10. September 2014 um 9:27 Uhr

Waren sie früher in der Pfadi und haben da Morsen gelernt? So was lernt man doch in der Pfadi, nicht? Jedenfalls wären genau in diesem Moment Kenntnisse im Bereich kurz-lang-lang-kurz-lang-pause-kurz-kurz (falls ich Sie gerade beschimpft haben sollte, wäre das unabsichtlich geschehen) äusserst hilfreich, um den Beginn des neuen Videos von Destilacija entschlüsseln zu können.  Also nichts wie mit Kugelschreiber und einem Stück Papier vor den Compi gesetzt und Video gestartet. Das Wetter ist eh sch....lecht, aus dem Fenster schauen brauchen Sie also nicht und der Chef guckt bestimmt auch grad nicht. Und sonst behaupten Sie einfach, sie würden sich für den Kriegsfall rüsten. Man weiss ja nie.

Wer als erstes die Morsezeichen am Anfang entschlüsselt, gewinnt das Akkordeon von Mario Batkovic. Das ist ein Witz. Aber ein Destilacija-Album können Sie gewinnen. Video ab:

Kulturbeutel 37/14

Miko Hucko am Montag, den 8. September 2014 um 5:35 Uhr

Miko Hucko empfiehlt:
Eine etwas ruhigere Woche. Dafür kann mensch ab Donnerstag ins Tojo Theater, wo Schiffbruch der  halbberner Autorin Rebecca Höhener gezeigt wird. Ah wart, doch nix mit ruhig: Es ist Zeit für die Biennale Bern! Besonders gespannt bin ich auf Symphony of a missing Room, eine ziemlich spezielle Führung durchs Kunstmuseum. Oder auf Striche durch Rechnungen von Tim Zulauf. Oder ganz allgemein auf all die Zwischen_Räume.

Frau Feuz empfiehlt:
Das Konzert von Forks am Donnerstag im Rössli: Das Waadtländer Vierergespann spielt repetitiven Psych-Space-Rock. Des Weiteren geht am Samstag das ISC Rockout im Ringgenpärkli über die Bühne, wo The New Cool, Blind Butcher, Matto Rules und Pablo Nouvelle mittun werden.

Oliver Roth empfiehlt:
An der schon erwähnten Biennale sollte man sich fast alles anschauen. Und am Samstag sollte man in die Eiger Brasserie Essen gehen und sich dazu das Volca Massaker Orchester anhören.

Fischer empfiehlt:
Wellness-Kunst im Schlachthaus im Rahmen der Biennale. Das Hyperactivity Revival Therapy Center HRTC kuriert - versprechen jedenfalls die Macher Blond & Gilles - Symptome wie Chaos, Übermut, Manie, Überreizung und Realitätsverlust und versucht mittels neu entwickelten Therapien kognitive Dissonanzen ins Gleichgewicht zu bringen - und das alles erst noch gratis. Von Freitag bis Sonntag im Hotel zur fröhlichen Stunde.

Elektronische Siesta im BoGa

Gisela Feuz am Sonntag, den 7. September 2014 um 10:57 Uhr

Er musste eine Weile in sich gehen, bis er ausgerechnet hatte, wie lange es Les Digitales denn nun gebe, einer der Herren Everest Records, seines Zeichens Mitorganisator des Festivals. Und die Sinnierpause ist ja durchaus berechtigt. Denn soll man nun ab Stunde Null, also dem Gründungsmoment von Les Digitales, oder ab der ersten Ausgabe, welche 2005 stattfand, rechnen? Wie auch immer. Im Botanischen Garten zu Bern wurde gestern besagtes Festival, welches sich der elektronischen und experimentellen Musik widmet, zum fünften Mal durchgeführt, schweizweit ist es die neunte Ausgabe – nebst Bern werden ja auch Neuchâtel, Porrentruy, Lausanne, Zürch, Luzern und Paradiso bespielt. Ohne Eintritt bezahlen zu müssen, konnte sich gestern im idyllischen BoGa die geneigte Zuhörerschaft in bequeme Liegestühle fläzen und den Klängen lauschen, die da fabriziert wurden.

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Mit von der Partie waren Künstler und Künstlerinnen aus Nah und Fern: am weitesten gereist war wohl Fernando Lagreca aus Barcelona, das Duo CYLS besteht aus einer Kollaboration zwischen Lausanne und Salzwedel (D), Baumeister stammt aus dem St.Gallischen und Sinner DC und D'Incise beide aus Genf. Daneben gab es aber auch viel einheimisches Schaffen zu hören, so sind Chris Dubflow, Nadja Stoller, Dubokaj und das Volca Massaker Orchester alle in Bern beheimatet. So andersartig die Herkunft, so vielfältig war denn auch die Bandbreite an elektronischer Musik, die da präsentiert wurde. Jeweils eine halbe Stunde durften die Akteuere ran, wobei unterschiedlichste Aspekte, Stimmungen und Rhythmen ausgelotet wurden. So wunderbar unaufgeregt und entspannt war das, dass man sich am liebsten nimmer aus dem Liegestuhl erhoben hätte.

Schutzengel, irre Bulgaren und ein Elefant im Chamäleon-Look

Gisela Feuz am Samstag, den 6. September 2014 um 10:19 Uhr

«Wir erleben, was wir erwarten», so die Theorie des Einen, «es gibt durchaus Geister und Übersinnliches», so der Andere. Gestern Abend stellten Professor Peter Brugger und Schauspieler Yannick Schmuki in einer interaktiven Show rationale Neuropsychologie dem Übersinnlichen und Aberglauben gegenüber. Das Ganze fand im Rahmen der ersten Ausgabe des Mad Scientist Festivals statt, für welches das Naturhistorische Museum in Beschlag genommen wurde. Anhand von Würfelexperimenten, einem live-Anruf bei der Tarot-Sendung «Wir legen Karten», Persönlichkeitshoroskopen, Beispielen aus der Verhaltenstherapie und Zufallsforschung zeigte Peter Brugger auf, dass ein grosser Teil von sogenannt übersinnlichen Phänomenen hausgemachte Hirngespinster sind. Das tat er durchaus schlüssig und trotzdem zeigte die abschliessende Publikumsbefragung, dass viele eben doch der Meinung sind, dass es da auch nicht rational Erklärbares gibt und diesem «Aberglauben» in irgendeiner Form frönen. Sie nicht? Haben Sie etwa keine Glückszahl? Keinen Schutzengel? Und wann haben sie das letzte Mal gesagt «Houz alänge» und es auch getan? Eben.

Der Schutzengel der beiden bulgarischen Chemiker von «Pretty Big Bang», welche im Anschluss im Garten fürwahr ordentliche Knälle fabrizierten, dürfte jeweils alle Hände voll zu tun haben, wenn seine Schützlinge zu Werke schreiten. Wie kleine Buben freuten sie sich ob den chemischen Mischung, die sie da abfackelten und zum Explodieren brachten. Schade bloss, wurden dem Publikum nicht mehr Informationen geliefert, was denn bei der Raucherei und Knallerei chemisch genau ablief. Übrigens war besagter Schutzengel offenbar auch mit den Pretty Big Bangers im Flugzeug gesessen bei der Einreise in die Schweiz. Die Reise hätte nämlich genau so gut im Flughafengefängnis anstatt im Naturhistorischen Museum enden können. Weil das hochgiftige und explosive Phosphor in der Schweiz offenbar sehr schwer zu bekommen ist, haben es die beiden Bulgaren nämlich gleich selber mitgebracht: «No worry. Nobody noticed.» Frau Feuz ist sich nicht sicher, ob «Respekt» hier nun die geeignete Antwort auf diese Leistung ist.

Generell wurde da gestern äusserst vielseitig und vergnüglich Kunst mit Wissenschaft verknüpft im Naturhistorischen Museum. Eine Sound- und Videoinstallation von Andrea Brunner blies Ameisen visuell und akustisch auf Übergrösse auf, wozu Dominique Müller Texte aus dem Ameisenstaat las. Ernestyna Orlowska und Mathias Ringgenberg thematisierten in ihrer amüsanten Performance das Paarungsverhalten von Disco-Tigern und -Katzen und in der Bar der Toten Tiere wurde man gar ein bisschen nostalgisch ob den Einspielungen von «Im Reich der Wilden Tiere», welche Joiz-Moderatorin Gülsha Adiji und Biologe Klaus Amman spontan neu vertonten. Der heimliche Star der Abends war aber ganz klar der Elefant im zweiten Stock, welcher mit bewundernswerter Stoik die 3-D-Visuals über sich ergehen liess und auch im Tiger- oder Chamäleonlook keineswegs an Würde einbüsste.

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