Archiv für die Kategorie ‘Tanz & Theater’

The medium is the message

Roland Fischer am Freitag den 14. April 2017

Kalauer alert. Gestern im Schlachthaus, Einblick in den Rechercheprozess des jungen Berner Kollektivs Latinlover. Die Testphase wird in die erste Produktion der Gruppe münden, «Der grosse Mediator» wird Ende September oben im Schlachthaus-Saal Premiere haben. Die neugierige Schar, die sich gestern unten im Keller einfand erlebte schon mal eine ziemlich -hm- meta- oder parapsychologische Performance.

Ein Abend rund um ein sehr -hm- sendungsbewusstes Medium. So spannend wie irritierend, es gab einiges zu diskutieren nachher. Und man dachte: Die Aufklärung hat allerdings ein Imageproblem und Übersinnliches ein -hm- leichtes Spiel, nicht nur auf dieser Bühne.

Mehr Platz für weniger Menschen!

Gisela Feuz am Dienstag den 4. April 2017

Soeben wurde Frau Matt’ullo Stocher in der Berner Innenstadt gesichtet, wo sich die Politikerin offensichtlich über die Wahlplakate einer neuen Berner Partei echauffierte. «Verständnis – Nein!» oder «Mehr Platz für weniger Menschen» steht da auf diesen Plakaten geschrieben, darunter prangt ein Logo mit strahlender Wurst und dem Parteinamen «Sit so guet, s.v.p.»

«Jo näi, will uns da etwa einer die Wurst versenfen?! Sehr is ä problem i häf to solf», soll Frau Matt’ullo Stocher beim Anblick der Plakate laut ausgerufen haben und soll erzünt von dannen gestapft sein. Wir bleiben dran. Beim Teutates.

Hinter dem Parteinamen «Sit so guet, s.v.p.» verbirgt sich ein Musical, bzw. eine SVP-Satire, bei der es darum geht, dass sich die letzten Linken in einem Asterix-Dorf im Jura verschanzt haben. Ausgedacht haben sich den Schabernack die Herren Matto Kämpf, Raphael Urweider, Dennis Schwabenland und Simon Hari, gezeigt wird das Stück ab 22. Juni in der Dampfzentrale zu Bern, sofern einem bis dahin nicht der Himmel auf den Kopf gefallen ist.

Künstlerische Darmentleerung

Milena Krstic am Samstag den 1. April 2017

Der Berner Marco Morelli sezierte gestern im Stück «Clown, Poet und Chaot» die Abgründe des (Schweizer) «Schowbitz». Ein Rekonstruktionsversuch.

Der Hin- und Hergerissene Marco Morelli, hier im Jahr 2011. Es hätte aber auch gestern sein können. Bild: zvg

Er ist seit 40 Jahren als das unterwegs, was sich einer nennt, der Publikum unterhält. Vom Angeklagten bis zum Zauberer zählt er auf seiner Internetseite gleich selbst auf, was er alles kann, ist und macht. Seine Biographie liest sich wie ein bitterböses Manifest auf ein selbstbestimmtes Dasein.

Marco Morelli also.

Er ist immer wieder auf der Bühne, im Tojo dieser Tage gleich fünf Abende hintereinander und er sagt es am gestrigen gleich selbst: «In der Presse ist gestanden, der Marco Morelli käme mit einem neuen Programm auf die Bühne. Settige Seich! I mache sit vierzg Jahr zgliche». Ich habe in der die Presse gelesen hineininterpretiert, dass er seine Shows nicht plane, er «switche» zwischen den Rollen, Privates verschmelze mit Gespieltem. Da gleitet er vom Kellner zum Liedermacher, gibt den Gärtner und dann noch rasch den Marschbläser.

Er, dieser Hin- und Hergerissene, versetzte auch das Publikum in einen solchen Zustand. Ich zum Beispiel hatte während der zweistündigen Show auch schon mal das Bedürfnis, den Saal zu verlassen (dieses «Pornolied» hat mir fast den Rest gegeben), nur, um kurz darauf wieder von Morelli um den Finger gewickelt zu werden, etwa wenn Schosshund Flumer seinen Einsatz hatte.

Am Ende hat er mich doch viel zu sehr angesprochen, der Morelli mit seinem Gram auf die Mechanismen des «Schowbitz», auf die Applausgeilheit und auf das, was Kunstschaffende nebst dem Erschaffen ihrer Kunst sonst noch tun, zum Beispiel ihre «Kreativität» in Sozialprojekte investieren oder am Jubiläum des AKW Mühleberg als «Kellner, Entertainer und Hintersinner» auftreten (so gesehen unter Referenzen).

An einem Punkt, kurz vor Ende der Show, erzählt und inszeniert Marco Morelli seinen eigenen Nahtod, wie er da aus dem Tojo schwebt, die Beine steif und vorab, aus dem grossen Tor heraus bis hin zum Bundeshaus, wo er kurz noch seinen Darm entleert. «Um an Höhe zu gewinnen», wie er sagt.

Marco Morelli gastiert noch heute (20.30 Uhr) und morgen Sonntag (19 Uhr) im Tojo der Reitschule.

Sputnik, das Poschi

Milena Krstic am Freitag den 17. März 2017

Rap-Battles, Funkparties und lange Schlangen, um da überhaupt hereinzukommen: So habe ich den Gaskessel in Erinnerung, dieses schneckenartige Rund, das mir meine ersten schlaflosen Nächte in Bern beschert hat. Das Angebot in Thuns Selveareal wurde immer magerer, also wichen wir auf Bern aus, nahmen erste Züge, um wieder zurückzukommen oder schliefen bei Friends, die bereits in der grossen Stadt wohnten.

Das alles ist gefühlte tausendundein Jahre her, aber gestern war ich wieder mal dort. Von Weitem leuchtete mir «Bestival» entgegen, das ist der Name des Theaterfestivals, das dem Bühnennachwuchs huldigt, und da waren Sofas aufgestellt und zwei Feuerstellen eingerichtet, fläzig gepflegte Atmosphäre und am Rande, königlich, stand Sputnik, das Poschi.

Aus ihm heraus werden krosse Croque Messieurs und Mesdames serviert, frisch belegt mit Randenköstlichkeiten, Ziegenkäse, Honigtröpfli, Avocado und feinen Sprossen, die zwischen zwei Bio-Vollkorntoast-Scheiben geklemmt werden.

Falls Sie sich dieser Tage eh eines der Theaterstücke ansehen wollten: Gehen Sie hungrig hin.

Das Bestival dauert noch bis am Dienstag, solange ist auch Sputnik dort. Volles Programm hier.

Ein unglaublich lustiger Seich!

Gisela Feuz am Donnerstag den 16. März 2017

Möchten sie mal wieder so richtig von Herzen lachen? Dann schauen Sie diese Tage bei Summerhalders in der guten Stube bzw. in der Heiteren Fahne vorbei, denn «Dr Blöffer» ist dort zu Gast. In diesem Schwank in zwei Akten, welcher der Feder des Malers, Musikers und Geschichtenerzählers Timmermahn entsprungen ist, wird dermassen genüsslich geunsinnt, mit Plattitüden und klingenden Mundart-Ausdrücken um sich geworfen, gestritten, geblöfft und kalauert, dass es eine wahre Freude ist.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der stotzrammlige Möchtegern-Macho Blöffer (Dominique Jann), der gerne Dächlikappe auf der Rübe und Fuchsschwanz am Gürtel trägt, verstaucht sich einen Finger. Die Verarztung übernimmt einerseits seine Frau Muriel (Marie Omlin), andererseits das Ehepaar Summerhalder (Jonathan Loosli und Sonja Riesen), wobei Ursula Stäubli als Sohn Walterli den besten Schulaufsatz ever vorliest. Giulin Stäubli schlüpft derweilen in diverse Rollen, kassiert als Ostschweizer Ledermann ein paar zünftige Chläpf a Gring oder verleibt sich als Pfarrer Mosima eine ordentliche Ladung Schädelspalter-Schnaps ein.

Verstauchter Finger, Kopfgeschwulst, Guguuse, Kropf und Fremdohren

Der Schwank, der in einer biederen Schweizer Stube der 60er-Jahre angesiedelt ist, nimmt einerseits genüsslich den Geist einer furchtbar stieren Landbevölkerung aufs Korn, kippt aber andererseits auch mehr und mehr ins Absurde, nämlich ab dem Zeitpunkt, als der Stückautor per Telefon ins Geschehen eingreift und Spiel-Anweisungen erteilt. Plötzlich wachsen da Fremdohren und eine Guguuse (Drittbrust), Ali Baba galoppiert mit seinen 40 Räubern durch die Küche und Blöffer ist halbseitig gelähmt, wobei man schlichtweg nicht anders kann, als Tränen darüber zu lachen, wie politisch unkorrekt hier verfahren wird. Himmelsack ist das ein Seich, den die sechs da auf der Bühne veranstalten. Aber ein ausserordnetlich lustiger und wortgewaltiger Seich!

«Dr Blöffer» wird noch heute Abend und von  18. – 21.3. in der Heiteren Fahne gezeigt. Vorab gibt’s ein währschaftes Blöffer-Znacht, wenn man will, bei dem ein, zwei Schädelspalter natürlich nicht fehlen sollten.

Wildes Treiben

Roland Fischer am Samstag den 4. März 2017

Ja, diese Fasnacht. Wildes Verkehrschaos, wilde Verkleidungen, wilde Musik. Das können imfall nicht nur diese Reitschüler! Ein wenig irritierend war es allerdings schon, dass ein paar Altstadt-Galerien (und das Grand Palais) gerade gestern zum Vernissagen- und Veranstaltungsreigen luden. Aber irgendwie ja auch amüsant, wie da Welten aufeinanderkrachten.

Im Milieu zum Beispiel, wo man sich auch einiger Zivilisationsbürden entledigte, an der Performance von Mala Kline. Draussen kamen immer mal wieder Fasnächtler vorbei, mal fragten sie sehr vernehmlich, was denn da drin bloss los sei, mal spielten sie Flöte und zum Schlussapplaus spielte dann rechtzeitig noch eine Steeldrumband auf. Die resultierende Mischung aus wild entschlossener Flirterei, Verzweiflung und Melancholie, untermalt mit allerlei Stromgitarren und dunklen elektronischen Sounds, brachte die Weltlage dann eigentlich ganz gut auf den Punkt. Zum Lachen, zum Schreien, zum Weinen.

Halbe Sache

Roland Fischer am Freitag den 24. Februar 2017

Es ist immer schwierig mit allzu guten Ideen für die Bühne: Sie drohen sich leicht ein wenig selbständig zu machen und die ganze Show zu okkupieren. Sie sind Diven und nehmen sich viel Raum, wenn man sie lässt. Und Philipp Saire lässt seinem Bühnenbild allen Raum, den es will, es greift sogar auf die Publikumstribüne über. Also ist alles nur hälftig zu sehen, zu erleben, zu bespielen, wobei die Trennwand auf der Bühne zumindest für die Tänzer (und natürlich für allerlei Geräusche) durchlässig ist – was wieder eine schöne Option und gleichzeitig ein Problem darstellt. Geht es nun um dieses Halb-Halb, um diesen Schnitt im Raum, oder geht es um eine autobiographische Geschichte, ein Hier und ein Dort, ein Geborgen- und ein Fremdsein, ein Tanzen und ein Kämpfen? Es geht natürlich um alles das und deshalb leider um nichts so wirklich. So jedenfalls erlebt man das als Zuschauer von Cut, man ist immer gleichzeitig fasziniert und abgelenkt vom komplexen Treiben auf der Bühne. Und hätte wohl lieber ein subtilere Nacherzählung dieses Entzweigeschnittenseins zwischen der Schweiz und Tunesien gesehen.

Derweil draussen im Foyer: Raupenwesen, die sich kringeln und häuten – und sonst aber nicht weiter verstören. Masken, Verpuppungen und viel Schminke. Identitätsfragen auf sehr plakative Art behandelt – war das etwa gemeint mit der angekündigten Ästhetik der Oberflächlichkeit?

Rhythmus wo man mitmuss

Roland Fischer am Sonntag den 19. Februar 2017

Zwei Frauen, zwei Mikrophone, fast kein Licht. Satzfetzen aus dem Dunkel. Man wiederholt sich. Immer wieder. Es geht um Lebensweisheiten, es geht um Banalitäten. Um Innerlich- und Äusserlichkeiten, um Natur und irgendwie Unnatürliches. Irgendwann mehr Licht und mehr Tempo, die Satzfetzen werden zu Loops und die beiden Sprecherinnen zu Tänzerinnen.

Foto: Valerie Giger

Von da an gerät das Geschehen auf der Dampfzentrale-Bühne langsam aber sicher zu einem feinsinnigen Kontrollverlust – oder eben «CTRL-V (LP)», wie es im Titel des Stücks heisst. CTRL-V ist übrigens eine Verlegenheitslösung, weil das eigentlich naheliegende P auf der Tastatur eben nicht wirklich nahe bei C liegt und CTRL-P sowieso schon als Druckbefehl belegt war – aber das nur am Rande. Also CTRL-Verlust, und zwar in der Long Play-Version. Die Loops werden immer kürzer und immer mehr wie Beats, und nehmen Cosima Grand und Milena Keller die Einladung zum Tanz zunächst noch dankend an, wirken sie bald wie von der Tonspur Getriebene. Und dann tanzen nur noch die Muskeln und die Körper eigentlich nicht mehr, ein gespenstisch physisches Marionettentheater. Bis das Schlagzeug als befreiendes Bühnenelement zum Einsatz kommt und Julian Sartorius den Groove wieder lebendiger macht – wenn auch ab Konserve, beziehungsweise aus den grossen Boxen, die vor dem Schlagzeug stehen. Aufnehmen, kopieren, wiedergeben, wieder wieder und wiedergeben. Es ist eine Kunst.

Ode an das Absonderliche

Milena Krstic am Freitag den 10. Februar 2017

Es waren die Pressefotos, die mich auf die Theatervorstellung «Fallen – Believe The Unbelievable» neugierig gemacht haben. So informierte ich mich vor dem Besuch nicht mehr gross über das Stück. Ich hatte vor, mich berieseln zu lassen, schliesslich war das schon eine ziemlich aufregende Kulturwoche, mensch erträgt ja auch nur soviel Spektakel.

Gerieselt hat es dann tatsächlich, weisse Plastikstückchen nämlich, auf die Leiber des Kollektivs Lebensunterhalt, bestehend aus Karisa Lynn Meyer, Ladislaus Löliger und Annina Machaz. Gemeinsam haben sie unter der Regie von Johannes Mager Texte von Daniil Charms in theaterform gebracht.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie Charms auch nicht kennen, drum: Daniil Charms war ein russischer Schriftsteller, geboren 1905, der über Vodka, Kommunalkas und Frauen schrieb. Unter anderem jedenfalls. Die Themen wirken stereotyp, aber, wie Wikipedia mich wissen lässt, seien Charms’ Texte von anderer Qualität gewesen, als all das, was damals in der Sowjetunion gedruckt wurde. Kurzgeschichten und verwirrende Satzstrukturen waren sein Ding, so ganz anders, als die Üppigkeit eines «Krieg und Frieden» etwa. Jedenfalls war Charms ein Verfolgter, seine Texte aufgrund ihrer Undefinierbarkeit verboten, und im Jahr 1942 verhungerte der arme Teufel in politischer Gefangenschaft.

Auf der Bühne des Tojos jedenfalls wirkte die Inszenierung über weite Strecken mühsam, etwa dann, wenn Karisa Lynn Meyer eine ganze Textpassage schreiend rezitiert, oder wenn so ganz Godard-mässig Szenen auf absurde Weise wiederholt wurden. Und was machte eigentlich dieser süsse Hund auf der Bühne? Ich war ratlos.

Am Ende aber gab es aber eine versöhnliche Szene, ich sage nur: Ballett und wieder Plastikschnipsel-Geriesel.

Karisa Lynn Meyer, gestützt von Annina Machaz. Foto: zvg.

Und dann war da die Musik,  dargeboten von Marlon McNeill, der mitten auf der Bühne vom Stehpult aus elektronisches Gedröhne und epische Chöre einspielte. Das war alles irgenwie brutal, sinister poetisch und ab vom Schuss. Falls dieser Charms, dieser mir bis anhin unbekannte russische Autor, so ein absonderlich faszinierender Kerl war, dann war «Fallen» die perfekte Hommage an ihn.

Schauspielerisch gesehen ist das Stück sicher einen Besuch wert, aber nur für Menschen, die mit Verwirrung, Brutalität und dunkler Poesie etwas anfangen können. Den Trailer zum Stück gibts hier.

«Fallen – Believe The Unbelievable» wird noch heute und morgen, 20.30 Uhr, im Tojo gezeigt.

Räume sind Schäume

Roland Fischer am Samstag den 28. Januar 2017

Ist doch kein schlechtes Bild, so an einem Samstag Mittag: Zwischennutzungen sind der Cappucinoschaum auf dem ewig gleichen Milchkaffee. Manchmal hält er etwas länger, manchmal ist er viel zu schnell wieder weg.

Bern ist ja nicht gerade gesegnet mit solchen städtebaulichen Köstlichkeiten – aber für ein kurzes Wochenende gibt es wieder mal so einen Raum-Schaum, in der Nähe der Vidmar. Für drei Wochen konnten sich da in einem ehemaligen Fitnesscenter eine Schar Künstler um Annalena Fröhlich, Merz und Fhun Gao einnisten und an einem gemeinsamen Projekt werken. Was dabei herausgekommen ist kann man sich noch heute abend anschauen – und ein Besuch bei Dreams of Sleep and Wakes of Sound sei hiermit unbedingt empfohlen.

Ein kahler Industrieraum und darin ein paar wenige Möbel, einiges musikalisches Instrumentarium und jede Menge von Yannick Mosimann bespielte Bildschirme, Projektoren und andere leuchtende Gerätschaften – mehr braucht es ja gar nicht für eine tolle Bühne. Während Merz also immer neue Klangschichten in den Raum legt, erproben die beiden Tänzerinnen Werden und Vergehen in mal skurrilen, mal abgründigen Szenen, während da und dort ein zusätzliches Narrativ über die Wände flimmert. Traumversponnen ist das, verdüstert und verloren. Und dann wieder von einer fragilen, bangen Schönheit. Am Schluss brennen sogar die Kleider am Leib – aber auch das irgendwie zaghaft, mit kleinen kalten blauen Flammen, die rasch wieder weggewischt sind. Nichts bleibt. Ausser ein paar wunderbare Eindrücke.