Archiv für die Kategorie ‘Rock & Pop’

Frau Patagônia, ins Büro!

Gisela Feuz am Montag den 24. April 2017

Alle, die wir hier bei KulturStattBern mittun, stehen ja selber mit einem Bein im Kulturgrab mitten im kulturellen Geschehen. Allerdings gehen wir mit unseren Outputs, beziehungweise deren Streuung ganz unterschiedlich um. Rockboy Schwab und Chefin Feuz zum Beispiel lassen ja keine Chance aus, KSB schamlos als Distributionskanal für eigenen Unfug zu missbrauchen und lügen dabei gerne auch mal das Blaue vom Himmel herunter. Konfuzius Rihs würde wohl auch lügen wollen, scheitert dann aber an der konzeptuellen Dekonstruktion seiner selbst (auf der Metaebene, versteht sich) und schreibt drum über Schnaps im Denner. Dandy Fischer säuft nach Design- und Kunstvernissagen die stehengelassenen Gläser leer und gleist den Umsturz aller bestehenden Systeme auf, weiss dann aber am nächsten Tag leider nichst mehr davon, weswegen wir hier auch nie darüber lesen.

Die einzig Vernünftige in diesem Saufhaufen ist unsere Frau K. (eigentlich Krstic, aber das schreib ich nie mehr aus, weil Frau K. mir mit Enthauptung gedroht hat, falls ich ihren Namen noch einmal falsch zu Papier bringe.)  Besagte Frau K. ist die Bescheidenheit in Person, trinkt ausschliesslich Gurkenwasser und erwähnt denn auch nur ganz beiläufig im Kleingedruckten irgendeiner E-Mail, dass sie gerade ihr erstes Video herausgegeben habe. Frau K. ins Büro der Chefin, los hopp! Wir üben jetzt mal blöffen. Und Schnaps saufen.

Messer und im Rücken

Urs Rihs am Samstag den 8. April 2017

Es schien kaum angesagt und darum kamen nur die Angesagtesten. Zu Messer, in der Dampfzentrale, am Donnerstag.

Eigentlich schade, denn Messer hätte locker gereicht, um den ganzen Berner Musikpulk zu exorzieren – von rückwärtsgerichteten Rockideen, von verkalkten Posen auf der Bühne und von bildungsbürgerlichen Freiheitsphantasien im Text.

Ich selbst war spät dran, zuvor hatte ein Pflichtspiel gegen die Anstalten Witzwil auf dem Programm gestanden. Fussball im Knast, der legendäre Integratinonsklub RACING Bern, gegen die gesellschaftlich Ausgeschlossenen. Familiäre Stimmung auf dem Rasen hinter Betonmauern, aber das nur am Rand.

Bei der Rückfahrt spürte ich Messer schon im Rücken, mein L5 Wirbel schien Millimeter vor dem Durchbruch – auf den Os sacrum, die Bandscheibe wohl wenig mehr noch, als ein spröder Dichtungsring. Schmerzen, elf, auf der Skala null bis zehn. Beste Voraussetzungen also, für die fünf Münsteraner Abreisser von Messer.
Die wirkten ihrerseits alles andere als brüchig oder ungelenk. Quasi akrobatisch ihre Verrenkungen während dem Schrammeln, vor allem von Frontmensch Hendrik Otremba, der Typ könnte locker bei rhythmischer Gymnastik antanzen, schaut schwer gut aus vom Bühnenrand.

Und obwohl die Truppe auf den ersten Blick etwas geckenhaft wirkt, wird schnell klar, da ist nichts aufgesetzt. Das Geschrei ist echt, das ist rohster körperlicher Ausdruck von Melancholie, Wut und eben – ich fühle mit – von Schmerzen.

Da hallen sie plötzlich wieder, diese Erinnerungen. Im Habdunkel der spartanisch ausgeleuchteten Dampfzentrale – das Licht macht auf «weniger ist mehr» Ernst, schön schick – leuchten Namen vor dem inneren Auge. Sisters of Mercy, Cure, Wire. Die Platten oben links im Gestell, dort muss wohl auch die aktuelle von Messer hin, Jalousie.

Robustester vertonter Neo-Existenzialismus – für den Schwab hier – bei Messer greifen musikalisch subtil feinfühlige, in brutal direkte Schaltkreise über. Leichten Synth-Passagen folgen Verstärkereruptionen, schmalbrüstig zerbrechlichen Gitarrensoli Perkussionskaskaden, gedroschen auf zwei Drums, parallel geschaltet quasi, scheissgut.

Auch textlich dynamisch übrigens, Opakes geht stufenlos über zu Glasklarem. Von verschleiert Romantischem zu politisch Anklagendem, ohne auch nur annähernd mit dem Echoeffekt zu liebäugeln, auch wenns in der Dampfzentrale mal wieder zu kräftig hallte.
Diese Band hat keine Antworten, braucht keine Trivial-Metaphern, will keine Chören von Gleichgetakteten.
Wo sich bei Wanda mediokerste Bierseeligkeit breit macht und sich Vice und Noisey lesendes Pack in den ordinärst-tätowierten Armen liegt, da bevorzugt Messer immer den Zweifel – oder den Gedankenstrich.

Messer bleibt stecken, wos weh tut, in meinem Rücken, und sicherlich im Kopf der leider nur knapp 30 Leuten vom Konzert am Donnerstag. Auf bald – lässt sich da nur hoffen.

Es tat so schrecklich schön weh, MESSER in meinem Rücken und der Dampfentrale Bern, letzten Donnerstag.

 

Stöck, WOODS, Stich

Urs Rihs am Samstag den 1. April 2017

Fünf Trümpfe, drei Sichere obenabe und ein Bock. Matchblatt, zweifelsohne. Jetzt also das Pokerface, gelassen bleiben, keine überschwängliche Euphorie signalisieren. Unaufgeregt und abgeklärt – so spielt man das. Wie die WOODS am Donnerstag ihr Konzert im BadBonn.

Und wärs ein Jass gewesen, gschnuret war bei den WOODS sicherlich gar nichts. Die New Yorker kult Folker präsentierten sich melancholisch einsilbig. Silence is Golden – Zwischen den Stücken kaum Konversation, höchstens mal ein «nice to be here» und «we’re gona bring out a new record» – im Mai übrigens – sonst nur knisterndes Brummen aus den Amps, verlegene Räusperer oder das Stimmen einer Saite.

Als wollten sie sich entschuldigen. Für den Weltenlauf vielleicht, für das politische Desaster in Übersee. Sie, die doch soviel der alten Versprechen, Träume und Hoffnungen der Idee «US of A» in und auf sich tragen. Die Trauer schwingt mit bei ihrer Interpretation von Americana, und etwas Trotz. Etwas «jetzt erst recht» Haltung. Der verwaschene Weisskopfseeadler auf dem ausgebeulten Cord-Blazer, die Roots-Rock Riffs auf dem Griffbrett. Lethargische Gesichtszüge, gepaart mit einem Funkeln in den Augen, trotzdem eben, ein Silberstreifen am Horizont.
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Songs für die Tauben, die Katz und die Ewigkeit

Mirko Schwab am Mittwoch den 15. März 2017

Dear Chop.

Bild: Ilona Ostwind.

Jetzt also machst du zu. Davon haben sie berichtet in der richtigen Zeitung – aber niemand hat sich bedankt.

Da kommen doch Dinge hoch. Zweinullnullirgend hab ich im vom Vater abonnierten Rockheftli geblättert und durfte dann eine herauslesen aus den Neuerscheinungen. Songs For The Deaf. Parental Advisory. Wir nahmen den Bus in die Stadt, weiter zum Waisenhausplatz, dahin, wo heute dieser seltsame Beck ist mit dem noch seltsameren Werbeslogan. Aber damals eben warst du noch da, auf zwei Etagen. Ein Palast im Herbst der Compact Disc. Danach bin ich oft gekommen nach der Schule. Bin an den Probiersäulen abgehangen mit heissen Ohren unter den abgewetzten Kopfhörern etc. Es ist mir, als hätte ich das Alphabet von dir gelernt beim Blättern in den Registern …

Irgendwann wurde ein Keller aus dem Palast. Irgendwann wurde aus einem Rockheftli das Internet. Irgendwann hatte ich Haare am Sack und etwas Sackgeld. Irgendwann wurde die Welt kompliziert. Liess sich nicht mehr spiegeln auf zwölf Zentimeter im Quadrat. Also drehte sie fortan mit 33 Runden in der Minute. Hätte ich mehr Geld gehabt, ich hätte es nur bei dir verjubelt. Jaja, bisschen Pathos muss drinliegen, natürlich hätte ich es auch weiterhin versoffen. Und manchmal bin ich schon fremd gegangen, als es noch eine Handvoll Alternativen gab. Aber die Konkurrenz hast du überlebt. Sie ist vor dir gestorben.

Schnell mal eine rauchen.
Schweigeminute.

Unsere Beziehung war nie kompliziert. Du warst ein feiner Laden und ich brauchte Rundes. Das hat sich gut ergeben. Und was es mir an seelischen Unannehmlichkeiten sonst ins Leben gespült hat, war immer gut zu ertragen dank dir du meinem lieben Plattenladen.

Danke.

Gestern hab ich meine Letzte gekauft bei dir. 30%. Selten hab ich mich weniger gefreut über einen Rabatt.

XOXO
M

Chop Records ist noch bis Ende Monat offen, Ausverkauf.

#BernNotBrooklyn bzw. MelkerNotPorno

Gisela Feuz am Sonntag den 12. März 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Die Ausgangslage ist eine heikle: da ist dieser subversive Tunichtgut mit Jahrgang 1898, der mit seiner Trash-Combo Mani Porno für erinnerungswürdige bierselige Auftritte bestschlechtmöglichster Natur sorgte. Oder besagte Auftritte gar nicht erst antrat, weil ein Bandmitglied sich vor dem Konzert dermassen intensiv mit Rauch-Paraphernalia vergnügt hatte, dass es schlichtweg vergass, dass es noch ein Konzert zu spielen gäbe und nach Hause ging. So zumindest die Urban Legend. Jedenfalls hat sich dieser Tunichtgut nun also mit richtig guten Musikern zum Quartett Melker zusammengetan und frönt nicht mehr dem Lo-Fi-Gitarren-Trash, sondern dem Synthie-Pop und New Wave der 80er-Jahre. Herr Porno, pardon, Gaviões so richtig seriös? Kann das gut gehen?

Anfänglich bangte man ja bei der Plattenaufe von Melker am Freitag im ISC. Nicht wegen der Musiker, die verrichteten vom ersten Ton an einen einwandfreien Job. Fred Bürki amtete als Metronom am Schlagzeug, Marco Loso bediente Gitarre und Bass, derweilen Oli Kuster mit seinem Synthesizer musikalische Nebelschwaden fabrizierte. Und der Herr Gaviões? Der schludderte in Sonnenbrille, USA-Hockeyshirt und Steppjacke über die Bühne und schien irgendwie ein Cornerfähnli im Allerwertesten zu haben. Es half dann auch nicht, dass seine Stimme anfänglich komplett in den Synthiewänden absoff und die Texte so nur Genuschel blieben.

Die Angelegenheit begann dann aber bald einmal Fahrt aufzunehmen, Herr Gaviões schien sich in seiner Rolle von Song zu Song wohler zu fühlen und auch der Herr Mischer drehte an den richtigen Knöpfen, so dass die Inhalte des subversiven Liedguts durchdrangen. Und siehe da: Die Geschichten rund um Damen in Mehrzweckhallen und Sennas aus dem Seeland, alles vorgetragen in gespielt gelangweilter, näselnder Nonchalance, funktionierten einwandfrei – tatsächlich im Melker-Gewand noch besser als im Mani-Porno-Getöse. Gut so, denn zu verstecken braucht sich der Herr Gaviões mit seinen wunderbar skurrilen, absurden und zeitweilig poetischen Alltagsbeobachtungen ja keinesfalls.

Melker ist, wenn auch das Publikum  auf der Bühne wild tun darf.

Darüber hinaus spielte diese Melker-Combo halt einfach auch so richtig schön tight, verleitete mit Depeche-Mode- oder Cure-Anleihen schon fast zum Schattentanzen oder sorgte mit treibenden Grooves für kollektives Abnicken im vollen ISC, wobei selbst ein Stephan Eicher im Publikum munter mittat. Eine richtig schön ausgelassene Sause wurde das schlussendlich, an deren Ende man erleichtert festhalten konnte: Jawohl, Gaviões angeseriöst funkioniert. Und voll wie der Mond kann man ja dann im Anschluss schliesslich trotzdem immer noch sein.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück.

Apocalypso now (or soon)

Roland Fischer am Freitag den 3. März 2017

Hmm, fünfzig Jahre her:

Der Mann ist diese Woche ja gerade 90 geworden. Und hat nach wie vor so einiges zu sagen zur Lage der Welt. Was ganz unmittelbar mit seiner etwas seltsamen Rolle als einsamem Botschafter des Calypso zu tun hat, dem meistmissverstandenen Musikgenre weit und breit:

…blieb Calypso ein Kommunikationsmedium, so dass vor über 100 Jahren Nachrichten auf Trinidad meist so verbreitet wurden. Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit debattierten deren Inhalte, und viele der Bewohner sahen die Lieder als zuverlässigste Nachrichtenquelle an. Die Lieder schufen einen Raum für freie Meinungsäußerung, etwa das Aufdecken politischer Korruption. Die britischen Behörden versuchten dies durch Zensurmaßnahmen einzuschränken, was ihnen aber nicht vollständig gelang.

Telepolis hat noch mehr tolle Stories zur Entwicklung des Calypso, unter anderem wie uns ein Trommelverbot die Steel Drum bescherte. Und eine verquere Etymologie. Apropos: vielleicht könnte man ja eine Renaissance als Apocalypso versuchen? Würde doch gut zur Krisenkonjunktur, zu Fake News (auch sehr missverstanden, übrigens) und so weiter und so fort passen.

Und wo wir schon dabei sind: Man darf sich jetzt schon auf die neue Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum freuen, die sich ab November auch mit allerlei Weltenden beschäftigen wird, in einer

attraktiven Mischung von Fantasien, Fakten und Deutungen. Mit dem Ziel, all die Projektionen deutlich zu machen, die hinter den Erzählungen und Prognosen vom Weltuntergang stecken.

Zunächst gibt es heute abend aber noch eine Reise zurück in der Zeit, zu Emil August Göldi und anderen Forschern der Kolonialzeit, in einer Spezialführung mit szenischen Interventionen im Rahmen des Themenmonats Amazonas in Bern.

Ein Kaleidoskop der Euphorie

Urs Rihs am Samstag den 25. Februar 2017

Am Freitag zu Gast im heiligen Bad, mit der frankokanadischen Krautfunk Band Avec le soleil sortant de sa bouche aus Montreal. Constellation Records. Das Konzert erzeugte die Impression einer mit Flakscheinwerfer beleuchteten Riesenspiegelkugel, zertrümmert durch Abrissbirnen. So müsste mehr!

Der Abend begann mit einem relativ krampfhaften Smalltalk bei Randen-Carpaccio und Pilzcremesuppe, der Vorspeise. Spätestens beim Dessert – Mousse au Chocolat mit Meringue – war dann aber klar, diese Montrealer sind mehr als bloss die Summe ihrer Superteile und alles andere als unentspannt. Höchstens was frustriert, ab dem Zu und Her beim südlichen Nachbarn und der fehlenden Strahlkraft alternativer Ideale. Dafür gabs Freundschaft auf Anhieb beim Nachtessen, immerhin.

Constellation Records, ein musikalisches Panoptikum, das Label um Gallionsfigur «Godspeed You! Black Emperor», die Kategorisierung lass ich an dieser Stelle bleiben, das Prinzip gilt jedoch unterstrichen: Pop-Montréal! Die gelebte Utopie einer genreüberschreitenden, nicht kommerziell orientierten, dogmatisch pro-Kunst eingestellten Musikbewegung. Das wärmt einem Herz und Seele.

Avec le soleil sortant de sa bouche stammt aus der Mitte dieses Kuchens, die Mitglieder der Band nebenher in X anderen Projekten aktiv – mensch stelle sich das als Flickteppich von Vollblutmusikern vor. Sowieso – auch was den Sound angeht – scheint Patchwork Trumpf. Hardcore, Post-Art-Rock, Kraut, Funk, hie und da ein Spitzlicht Folk, Eklektizismus pur.

Zugegeben, gestern war sicherlich nicht der geschmeidigste Auftritt der Band, zuvor hatten sie vier Tage Spielpause und zeigten an der einen oder anderen Stelle etwas Tour-Flugrost. Auch waren die Git-Verstärker etwas gar kantig, sodass auf die Zugabe hin dann trotzdem der Griff zu Ohr-Schalldämpfer nötig wurde. Und trotzdem, die Show war spektakulär. Diese Dynamik, sprühender Wahnsinn, Begeisterung in den verzerrten Gesichtern – dieser Groove, diese brachiale Tanzbarkeit, ein verdammter Dammbruch der Glücksgefühle.

Avec le soleil sortant de sa bouche ist ein Lösungsansatz, ein Heilmittel. Nach dem Konzert ruft jemand: «Guys, ce que vous faites, c’est de la médecine!» fuck’n A! Und das Ganze rezeptfrei!
Schön wars mal wieder im Bad Bonn, ein Dank in die Runde und bis zum nächsten.

Jean-Sebastien Truchy, Bassist und Schreier im Element.

White Riot in der grauen Halle

Mirko Schwab am Samstag den 25. Februar 2017

Am heutigen Tag genau vor dreiundreissig Jahren spielten The Clash in der Berner Festhalle.

Vor dreiunddreissig Jahren einunddreissig – und alive: Joe Strummer, der ewige Held.

Und die war schon damals eine angegraute Fingerübung humorloser Hochbauzeichner. Nach dem Krieg gebaut für Volkstümliches, wurde sie in den 1970er und 80er-Jahren immermal wieder von der Pophistorie gestreift. Im müffeligen Zweckbau kehrten die Moody Blues ein, Zappa und Cash, Joan Baez und sogar die Stones gaben hier 1973 ein als schwierigschwierig kolportiertes Doppelkonzert.

Wenig später entbrannte im angloamerikanischen Raum, was dem psychedelischen Kater der frühen Siebziger eine klare Haltung der Ablehnung entgegenbrachte: Punk. (In der Festhalle hörte man derweil Genesis zu …) Und aus dieser Zeit, da sich offenbar jede zweite Feierabendband «nach einem Konzert der Sex Pistols» gegründet hatte, bleibt wenig so nachhaltig in wärmster Erinnerung wie The Clash. Die Londoner verstanden es, dem Rotzigen das Schlitzohrige zu lehren. Und schenkten den berühmten drei Akkorden obendrauf die Coolness und den Groove. Spätestens by 1979 war klar: Strummer, Jones, Simonon und Headon sind die geilste Gang auf dem Planeten.

Von dieser Gang waren 1984 noch Frontmann und Poet Joe Strummer sowie Bassmann und style provider Paul Simonon übrig. Mick Jones und Topper Headon wurden gegangen – der kongeniale Gitarrist Jones konnte sich mit der wiederholten Einstellung Bernie Rhodes’ als Manager nicht arrangieren. Und Schlagzeuger Headon sich nicht mit dem Heroin. Und also waren dem Maul der einst geilsten Gang des Planeten zwei Zähne ausgeschlagen und die Spötter nannten es: The Clash II.

Ich war 1984 noch kaum ein feuchter Traum. Und auch kaum jenen feuchten Traum hatte damals wohl mein Vater, der mit dem Fieber im Bett lag. Da hat man andere Träume. Neben ihm auf dem Nachttisch lag vielleicht dieses nie eingelöste Billet (should I stay or should I go?) –  und so kann er mir nichts davon erzählen. Am darauffolgenden Montag handelte die Berner Zeitung das Konzert jedenfalls mit einem solidlangweiligen Konzertbericht ab, der sich wie der Matchbericht eines torlosen Unentschiedens liest. Und insofern ganz gut zur bis heute gültigen Solitärkompetenz des Blattes passt: Sportjournalismus. Wahrscheinlich war das Konzert ebenso solide und ein bisschen langweilig. Wahrscheinlich verhallten Joe Strummers Schlachtrufe schon etwas müde im halbvollen Geviert. Wahrscheinlich parodierten die angeheurten Tourmusiker in Jones’ Abwesenheit die Projektion der kredibilsten Gang auf dem Planeten, eine Idee, die The Clash in den Jahren davor so unwiderstehlich und allen stilistischen Neugierigkeiten zum Trotz verkörperten. Und wahrscheinlich war der Sound wirklich kacke.

Aber ich war ja nicht da. Es hätte einfach gut zur Festhalle gepasst, die, selbst aus der Zeit gefallen, alles pophistorische Schwemmholz überlebt hat. Und das Schwemmholz ist – auch wenn einst die geilste Gang auf dem Planeten – vor der Altersmorschheit nicht gefeit.

Frederyk und die Ritter des metallenen Ordens

Gisela Feuz am Mittwoch den 22. Februar 2017

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein junger Prinz namens Frederyk. Frederyk lebte im hohen Norden (Basel), wo die Nächte lang und die Gemüter finster sind. Auch Frederyks Gemüt war finster. Sein ganzes Leben hatte er als Gefangener im hohen Turm seiner bösen Schwiegermutter Roche verbringen müssen, weil diese eifersüchtig auf Frederyks goldenes, wallendes Haupthaar war. Roche selber hatte nämlich nur Pilze auf dem Kopf. Dafür leuchteten diese.

Eines Tages ritt ein Trupp fescher Ritter an Frederyks Gefängnis vorbei. «Ja wer seid denn ihr? Seid ihr etwa Grillen?» rief Frederyk aus dem Fenster, denn sein Turm war so hoch, dass die feschen Ritter von oben klein wie Insekten aussahen. «Ich bin euer Zar», schrie Frederyk weiter, er, der aufgrund seiner menschenfernen Erziehung wenig Ahnung von Anstand, geschweige denn von politischen Ämtern hatte, dafür aber für sein Leben gerne schrie. «Nein, wir sind Ritter des metallenen Ordens. Wir sind auf dem Weg zum militärischen Stützpunkt, wo wir am Palmsonntag musizieren wollen. Im Volksmunde werden wir deswegen Palmer genannt», antwortete die Viererschaft. Da ging dem jungen Frederyk das Herz auf. Musizieren! Welch wundersamer Klang dieses Wort schon nur hatte. «Zatokrev aber auch, nehmt mich mit!», schrie er und liess schnell seine wallendes blondes Haupthaar herab. Da erbarmten sich die Ritter dem jungen Frederyk, befreiten ihn aus seinem Turm, nahmen ihn in ihre Gesellschaft auf und nannten ihn fortan liebevoll Zar der Grillen.

Frederyk war überglücklich und den Rittern des metallenen Ordens endlos dankbar für die Befreiung. Zu gerne hätte er sich seinen neuen Freunden gegenüber erkenntlich gezeigt, bloss wie? Als der Tross an einem düsteren Hinterhof vorbeizog, erblickte Frederyk dort Geselle Schwarzbart, der gerade dabei war, wundersames Getier auf eine Kuhhaut zu zeichnen. «Zatokrev aber auch, du bist begabt!», krähte Frederyk, beeindruckt. «Kannst du für meine Ritter ein Zeichen schnitzen, auf dass wir es in Farbe tunken und überall hinterlassen können? Ich will dich auch ordentlich dafür entlöhnen.» «Kann ich wohl», brummte Geselle Schwarzbart und machte sich an die Arbeit.

Ambigram for a bandlogo.

Wie gross war die Freude der Ritter des metallenen Ordens über Frederyks Geschenk! Schilder, Rüstungen, Helme, Pferde …. alles und jedes wurde auf der Stelle bepalmert. Gross war auch die Vorfreude auf das Fest im militärischen Stützpunkt. Als die wackeren Mannen diesen am späten Abend dann endlich erreichten, verflog die Freude allerdings im Nu. Man habe keine Antwort auf die Brieftaube erhalten, hiess es, und deswegen habe man einen anderen Musikanten fürs Palmsonntagsfest aufgeboten. Also strenggenommen sei es eigentlich kein richtiger Musikant. Mehr Kleinkunst. Wasser in Wein und so. Zaubern halt.

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Glossolalie in der Grosstadt

Mirko Schwab am Mittwoch den 15. Februar 2017

Es war kalt, aber sie hatten Rum: Die Ber(li)ner Gruppe 13 Year Cicada dropt mit dem ersten Langspiel ein wunderlich schönes DIY-Video.

Jaja, da gibts terminologisch schon nach der Kopfzeile einiges zu hinterfragen. Und das hat nicht mal mit der Alkoholverherrlichung zu tun. Problem eins: «Ber(li)ner» – müffelt natürlich verdächtig nach zugezogen Friedrichshain Strich ausgewandert Breitenrain. (Raute endlichkreativ.) Problem zwei: «Do It Yourself!» Was bezeichnen wir damit? Ein Verfahren, eine Ästhetik oder eine Haltung? Also schön der Reihe nach.

Sängerin und Querkopf Zooey Agro jedenfalls ist wirklich aus Berlin. Ihre Band auch. Dass aber «Milk», so heisst die Single des eben erschienenen Debuts, jetzt im Freakblog Ihres Vertrauens abgefeiert wird, hat mit der Berner Wohnung der Sängerin zu tun. Frau Agro zieht ihre Kreise zurzeit nämlich in der Sandssteinstadt. Das hiesige Kulturleben dankt und die geografischen Trivialitäten wären geklärt – drum let’s talk video. Dahinter steckt die Filmschaffende Işıl Karataş und ein kleines Team, das sich in einer saukalten  Winternacht aufmachte, den Berliner Strassenverkehr zu lenken.

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