Archiv für die Kategorie ‘Rock & Pop’

Velo oder Schildkröte?

Gisela Feuz am Freitag den 26. Mai 2017

Sommerzeit – Randsportartenzeit! So würden es zumindest die Herren drüben bezeichnen. Tatsächlich gibt es sehr viel nichts Schöneres, als im Sommer das Rad zu satteln, bei Gegenwind Beaufort 12 lauem Lüftchen durch schöne Auenlandschaften zu pedalen, sich perverso die Birne zu verbrennen am wolkenlosen Himmel zu erfreuen und beide Lungenflügel mit verdammten Dreckspollen Mutter Naturs Odem zu füllen. Das führt zu Mordgelüsten inspiriert den Geist und gibt Hornhaut am Arsch ist gut für Leib und Seele! Dieser Ansicht sind offenbar auch Tim & Puma Mimi, wie deren Ode an das Velo verrät.

Kreativer in der Wahl des Fortbewegungsmittels zeigt sich der jüngste Spross aus dem Hause Voodoo Rhythm namens Rolando Bruno. Anstelle eines schnöden Fahrrades besteigt Herr Bruno lieber eine Schildkröte, um der Liebsten zu Hilfe zu eilen. Was Greenpeace dazu sagen würde, sei jetzt mal dahingestellt. Jedenfalls macht die wunderbare Super-Mario-Bros-Ästhetik des Videos richtig Nostalgie-Freude, nicht? Rolando Bruno wird übrigens auch als King of Fuzz Cumbia bezeichnet. Sie wissen nicht, was Cumbia ist, werte Leserschaft? Cumbia ist diejenige Sorte von Musik, die einen als mitteleuropäische Frau mit der Beweglichkeit eines Besenstiels in Schockstarre verfallen lässt. Aber hören sie doch selber. Ich geh derweilen meine Uralt-Nintendo-Playstation im Keller suchen.

Das muss mehr Schub!

Gisela Feuz am Freitag den 12. Mai 2017

Sie hatten am Mittwochabend einen schweren Stand, die vier Herren und die Dame von Esmerine bei bee-flat im Progr, denn draussen sass es sich an diesem warmen Frühlingsabend gut unter den lauschigen Bäumen. Und doch fand sich dann auch eine handliche Anzahl Eingefleischter in der Turnhalle ein, um dem dramatischen und schwermüten Kammer-Doom des Quintetts aus Montreal zu lauschen. Um es gleich vorneweg zu nehmen: Mit dem bandeigenen Mischer wird Frau Feuz nicht Freundin. Zumindest nicht in diesem Leben.

Bei Esmerine sind Mitglieder von Godspeed You! Black Emperor und Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra am Werk, also von Bands, die der innovativen Post-Rock-Szene im kanadischen Montreal entsprungen sind. Will heissen: Rebecca Foon (Cello), Bruce Cawdron (Marimba), Jamie Thompson (Perkussion), Jérémi Roy (Bass) und Multiinstrumentalist Brian Sanderson verstehen ihr Handwerk. Wie das Quintett bittersüss-melancholische Streicherklänge über einen repetitiven und hypnotischen Marimba-Teppich legt, Melodiethemen aufbaut, variert, zu epischer Grösse aufbläst oder zerfledder lässt, ist schlichtweg fantastisch und ergreifend.

Jesus? Nein. Wenn auch musikalisch fast: Multiinstrumentalist Brian Sanderson mit Esmerine.

Was Esmerines Drone-Kammermusik ausmacht, sind einerseits die leisen, nackten Töne und die sphärischen, manchmal bedrohlichen Drone-Klänge, die sich auch bestens als Filmmusik eignen würden. Das Quintett spielt aber auch sehr bewusst mit Dynamik, leise werden mit wuchtigen und zarte mit mächtigen Klängen gepaart, kontrastiert oder gebrochen. In diesen Parts will man Bauch, Bombast, an die Wand gefahren werden! Und genau das vermochte der Mischer in der ersten Konzert-Hälfte überhaupt nicht zu bewerkstelligen. Sobald der Schlagzeuger ordentlich aufs Drum haute, hörte man nur noch Schlagzeug, alles andere soff ab oder rauschte undefiniert im Hintergrund. An die Dezibel-Polizei: Nein, es geht nicht in erster Linie um Lautstärke, sondern um Schub und um ein stimmiges Verhältnis.

Wenn Streicher involviert seien, werde die Mischerei halt sofort ungemein schwieriger, dozierte ein befreundeter Tontechniker während der Pause. Erschwerend komme noch dazu, dass die Band erst zwei Stunden vor Auftritt im Progr eingetroffen sei und ein anständiger Soundcheck nicht mehr drin gelegen habe, ergänzte der Veranstalter. Wenn Frau Feuz mit ihrer trümmligen Punk-Band irgendwo zum Musizeren aufgeboten wird, ist man meistens vier wenn nicht sogar sechs Stunden vorher vor Ort. Das müsste man doch eigentlich auch von einer Band erwarten können, deren Musik auf qualitativ einwandfreien Klang angewiesen ist, nicht? Sie merkens, oder? Aus mir spricht der Frust, denn die Vorfreude auf dieses Konzert war gross gewesen. Zur Verteidigung des Mischers muss allerdings auch gesagt werden, dass die zweite Hälfte dann viel besser, ja eigentlich schon ganz ordentlich klang. Freunde werden wir trotzdem nicht.

#BernNotBrooklyn

Gisela Feuz am Sonntag den 7. Mai 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Zum Beispiel wenn an einem Montagabend im ISC gleich drei stramme Kerle den Merch-Stand bedienen, welcher auf das Fünffache seiner normalen Grösse erweitert wurde, derweilen oben auf der Bühne Deathrite und Deserted Fear die Frage aufkommen lassen, warum Shampoo-Firmen nicht ausschliesslich mit Death Metallern Werbungen machen. Und wenn einem die beiden Herren Mantar mit ihren apokalyptischen doomigen Gewaltsriffs dann auch noch eine veritable Organ- und Weichteilmassage verpassen, dann ist die Welt im beschaulichen Bern extrem in Ordnung. Selbst an einem Montagabend.
 

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es pünktlich zum Katerfrühstück.

Hostettlers Erbe

Mirko Schwab am Donnerstag den 4. Mai 2017

Avec le temps tout s’en va. Und auch die alten Berner Folksongs gehen mit der Zeit – ein Streifzug durch Urs Hostettlers Diskographie auf $$$potify und so.

Es passt irgendwie nicht recht zusammen. Die auf Benutzerfreundlichkeit polierte, spätmoderne Rahmung des schwedischen Streamingdiensts und darin all die alten Platten, Lieder und Tänze, Geschichten von Bauernaufständen, Aufgehenkten und im Wald zverlieren gegangenen. Und dazwischen: die von der Spotify-Frau unerschöpflich gutgelaunt gestellte Frage, ob man sich nicht Premium «holen» wolle für den werbefreien Hörgenuss. Auch das zeitgenössische Verständnis von Autorenschaft – in unheiliger Allianz mit dem Bedürfnis nach effizienter Sortierung – steht dem anarchistischen Zeitgeist der Siebziger- und Achtzigerjahre etwas schief gegenüber: Auf den alten Platten tummeln sich berndeutsche Übersetzungen, historische Fundstücke nebst Hostettlers eigenen Texten. Und natürlich allerhand MitmusikerInnen. Dennoch prangt über der gesammelten Musik in fetten Lettern Hostettlers Name allein. Kanye-style. Dem Liedersucher und Liedermacher ist es dann selbst etwas sauer aufgestossen, dass es im spätmodernen Musikverleih nicht weit her ist mit der sauberen Verdankung. So hat er alle Beteiligten gewissenhaft nachgetragen in seinem persönlichen digitalen Daheim.

Sie kennen Hostettler nicht? Wahrscheinlich liegt irgendwo auf dem Küchentisch ein Spiel von ihm. Tichu vielleicht, das wohl beliebteste, für dessen Nichtbeherrschung einer auch gerne mal aus der lustigen Studentenrunde ausgeschlossen wird – und bleibt, weil das Ding ja nicht zu erlernen sei. Oder Anno Domini, das lange vor der kanonischen Toilettenlektüre «Unnützes Wissen» die schönsten historischen Nebensächlichkeiten versammelt hat. Tausend Dinge hat der promovierte Mathematiker schon angezettelt und ausgeheckt, historisch-literarische Bücher und mysteriöse Stationentheater. Zunächst aber war er ein Musiker und Dichter in den goldenen Schweizer Folkjahren nach 1970. Zusammen mit seinen kongenialen brothers in crime: Der für die technisch versierten und glasklar vorgetragenen Pickings zuständige Tinu Diem einerseits und der beherzt aufspielende Luc Mentha an der Geige andererseits. Mit ihnen hat Hostettler damals einige der bis heute anmutigsten berndeutschen Lieder ersonnen. Und nicht wenige auch ausgegraben, alte Verse und Melodien aus einer vergangenen Zeit, die so gar nichts mit dem Hudigäggeler zu tun haben, der am Bügellift aus dem Billethäuschen dudelt.

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Bizarre Musikgenres Teil 25: Gospel Black Metal

Gisela Feuz am Mittwoch den 26. April 2017

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Gospel Black Metal.

Zurückgerufen hat er dann doch nicht. Aber irgendwie kann man es ihm auch nicht verübeln, diesem Manuel Gangneux, denn der 28-jährige Basler geht mit seinem Unterfangen Zeal & Ardor gerade durch die Decke. Und zwar mit Lichtgeschwindigkeit. Noch bevor der Sohn eines Wallisers und einer Amerikanerin auch nur ein Konzert gespielt, geschweige denn eine Platte herausgegeben hatte, wurde er von der internationalen Presse gefeiert, als wäre er der Retter der Musik. Ist er ja irgendwie auch, weil er nämlich demonstriert hat, dass noch nicht alle musikalischen Pfade ausgetrampelt sind. Gagneux kombiniert bei Zeal & Ardor zwei Genres, welche weiter nicht auseinanderliegen können: Black Metal und Gospel. Wie das klingt? Fantastisch.

Mit Metal habe er sich bereits in seiner Jugend beschäftigt, sagt Gagneux in einem Interview bei Radio Deutschland Kultur und auf die choralen Gesänge der Sklavenbewegung sei er in den öffentlich zugänglichen Archiven des Alan Lomax gestossen. Beides verwurstelt hat Gagneux alleine im stillen Kämmerchen, herausgekommen ist eine rund 25-minütige Platte mit dem klingenden Namen «The Devil is Fine». Vorletztes Wochenende präsentierte Gagneux seine Songs dann zum allerersten Mal live, und zwar in der Kaserene Basel beim Czar of Crickets Festival vor ausverkaufter Hütte.

Während auf der Platte die hymnischen Gospel-Klänge und die Death-Metal-Blast-Beats manchmal klanglich auseinanderklafft, werden die Songs von Zeal & Ardor live dank solider Band und v.a. auch dank zwei stimmgewaltigen Backgroundsängern zum stimmigen, organischen Ganzen. Mit Black Metal hat Zeal & Ardor allerdings höchstens ansatzweise zu tun, dafür ist «The Devil is Fine» mit seinen machmal schon fast poppigen Ansätzen dann doch zu eingängig (nicht dass das schlecht wäre), sonst wäre der Titeltrack wohl kaum kürzlich bei «Germany’s Next Top Model» zu hören gewesen. Herr Gagneux scheint ja selber durchaus über eine poppige Ader zu verfügen, was auch die Tatsache zeigt, dass er bei der Czar of Crickets Aftershow-Party, wo er sich als DJ betätigte, Heuler wie Missy Elliot aus der Plattenkiste klaubte.

Man mag ihm den Hype und die Auftritte bei renommierten Festivals wie Roadburn oder Reading von Herzen gönnen, diesem Manuel Gagneux, und zwar weil da einer eine Platte geschmiedet hat, die richtig Freude bereitet und weil hier endlich mal wieder ein Schweizer das Zeugs dazu hat, international durchzustarten. Gute Reise, Herr Gagneux, may the devil be with you. Lassen sie sich einfach nicht verheizen, gellen Sie.

Frau Patagônia, ins Büro!

Gisela Feuz am Montag den 24. April 2017

Alle, die wir hier bei KulturStattBern mittun, stehen ja selber mit einem Bein im Kulturgrab mitten im kulturellen Geschehen. Allerdings gehen wir mit unseren Outputs, beziehungweise deren Streuung ganz unterschiedlich um. Rockboy Schwab und Chefin Feuz zum Beispiel lassen ja keine Chance aus, KSB schamlos als Distributionskanal für eigenen Unfug zu missbrauchen und lügen dabei gerne auch mal das Blaue vom Himmel herunter. Konfuzius Rihs würde wohl auch lügen wollen, scheitert dann aber an der konzeptuellen Dekonstruktion seiner selbst (auf der Metaebene, versteht sich) und schreibt drum über Schnaps im Denner. Dandy Fischer säuft nach Design- und Kunstvernissagen die stehengelassenen Gläser leer und gleist den Umsturz aller bestehenden Systeme auf, weiss dann aber am nächsten Tag leider nichst mehr davon, weswegen wir hier auch nie darüber lesen.

Die einzig Vernünftige in diesem Saufhaufen ist unsere Frau K. (eigentlich Krstic, aber das schreib ich nie mehr aus, weil Frau K. mir mit Enthauptung gedroht hat, falls ich ihren Namen noch einmal falsch zu Papier bringe.)  Besagte Frau K. ist die Bescheidenheit in Person, trinkt ausschliesslich Gurkenwasser und erwähnt denn auch nur ganz beiläufig im Kleingedruckten irgendeiner E-Mail, dass sie gerade ihr erstes Video herausgegeben habe. Frau K. ins Büro der Chefin, los hopp! Wir üben jetzt mal blöffen. Und Schnaps saufen.

Messer und im Rücken

Urs Rihs am Samstag den 8. April 2017

Es schien kaum angesagt und darum kamen nur die Angesagtesten. Zu Messer, in der Dampfzentrale, am Donnerstag.

Eigentlich schade, denn Messer hätte locker gereicht, um den ganzen Berner Musikpulk zu exorzieren – von rückwärtsgerichteten Rockideen, von verkalkten Posen auf der Bühne und von bildungsbürgerlichen Freiheitsphantasien im Text.

Ich selbst war spät dran, zuvor hatte ein Pflichtspiel gegen die Anstalten Witzwil auf dem Programm gestanden. Fussball im Knast, der legendäre Integratinonsklub RACING Bern, gegen die gesellschaftlich Ausgeschlossenen. Familiäre Stimmung auf dem Rasen hinter Betonmauern, aber das nur am Rand.

Bei der Rückfahrt spürte ich Messer schon im Rücken, mein L5 Wirbel schien Millimeter vor dem Durchbruch – auf den Os sacrum, die Bandscheibe wohl wenig mehr noch, als ein spröder Dichtungsring. Schmerzen, elf, auf der Skala null bis zehn. Beste Voraussetzungen also, für die fünf Münsteraner Abreisser von Messer.
Die wirkten ihrerseits alles andere als brüchig oder ungelenk. Quasi akrobatisch ihre Verrenkungen während dem Schrammeln, vor allem von Frontmensch Hendrik Otremba, der Typ könnte locker bei rhythmischer Gymnastik antanzen, schaut schwer gut aus vom Bühnenrand.

Und obwohl die Truppe auf den ersten Blick etwas geckenhaft wirkt, wird schnell klar, da ist nichts aufgesetzt. Das Geschrei ist echt, das ist rohster körperlicher Ausdruck von Melancholie, Wut und eben – ich fühle mit – von Schmerzen.

Da hallen sie plötzlich wieder, diese Erinnerungen. Im Habdunkel der spartanisch ausgeleuchteten Dampfzentrale – das Licht macht auf «weniger ist mehr» Ernst, schön schick – leuchten Namen vor dem inneren Auge. Sisters of Mercy, Cure, Wire. Die Platten oben links im Gestell, dort muss wohl auch die aktuelle von Messer hin, Jalousie.

Robustester vertonter Neo-Existenzialismus – für den Schwab hier – bei Messer greifen musikalisch subtil feinfühlige, in brutal direkte Schaltkreise über. Leichten Synth-Passagen folgen Verstärkereruptionen, schmalbrüstig zerbrechlichen Gitarrensoli Perkussionskaskaden, gedroschen auf zwei Drums, parallel geschaltet quasi, scheissgut.

Auch textlich dynamisch übrigens, Opakes geht stufenlos über zu Glasklarem. Von verschleiert Romantischem zu politisch Anklagendem, ohne auch nur annähernd mit dem Echoeffekt zu liebäugeln, auch wenns in der Dampfzentrale mal wieder zu kräftig hallte.
Diese Band hat keine Antworten, braucht keine Trivial-Metaphern, will keine Chören von Gleichgetakteten.
Wo sich bei Wanda mediokerste Bierseeligkeit breit macht und sich Vice und Noisey lesendes Pack in den ordinärst-tätowierten Armen liegt, da bevorzugt Messer immer den Zweifel – oder den Gedankenstrich.

Messer bleibt stecken, wos weh tut, in meinem Rücken, und sicherlich im Kopf der leider nur knapp 30 Leuten vom Konzert am Donnerstag. Auf bald – lässt sich da nur hoffen.

Es tat so schrecklich schön weh, MESSER in meinem Rücken und der Dampfentrale Bern, letzten Donnerstag.

 

Stöck, WOODS, Stich

Urs Rihs am Samstag den 1. April 2017

Fünf Trümpfe, drei Sichere obenabe und ein Bock. Matchblatt, zweifelsohne. Jetzt also das Pokerface, gelassen bleiben, keine überschwängliche Euphorie signalisieren. Unaufgeregt und abgeklärt – so spielt man das. Wie die WOODS am Donnerstag ihr Konzert im BadBonn.

Und wärs ein Jass gewesen, gschnuret war bei den WOODS sicherlich gar nichts. Die New Yorker kult Folker präsentierten sich melancholisch einsilbig. Silence is Golden – Zwischen den Stücken kaum Konversation, höchstens mal ein «nice to be here» und «we’re gona bring out a new record» – im Mai übrigens – sonst nur knisterndes Brummen aus den Amps, verlegene Räusperer oder das Stimmen einer Saite.

Als wollten sie sich entschuldigen. Für den Weltenlauf vielleicht, für das politische Desaster in Übersee. Sie, die doch soviel der alten Versprechen, Träume und Hoffnungen der Idee «US of A» in und auf sich tragen. Die Trauer schwingt mit bei ihrer Interpretation von Americana, und etwas Trotz. Etwas «jetzt erst recht» Haltung. Der verwaschene Weisskopfseeadler auf dem ausgebeulten Cord-Blazer, die Roots-Rock Riffs auf dem Griffbrett. Lethargische Gesichtszüge, gepaart mit einem Funkeln in den Augen, trotzdem eben, ein Silberstreifen am Horizont.
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Songs für die Tauben, die Katz und die Ewigkeit

Mirko Schwab am Mittwoch den 15. März 2017

Dear Chop.

Bild: Ilona Ostwind.

Jetzt also machst du zu. Davon haben sie berichtet in der richtigen Zeitung – aber niemand hat sich bedankt.

Da kommen doch Dinge hoch. Zweinullnullirgend hab ich im vom Vater abonnierten Rockheftli geblättert und durfte dann eine herauslesen aus den Neuerscheinungen. Songs For The Deaf. Parental Advisory. Wir nahmen den Bus in die Stadt, weiter zum Waisenhausplatz, dahin, wo heute dieser seltsame Beck ist mit dem noch seltsameren Werbeslogan. Aber damals eben warst du noch da, auf zwei Etagen. Ein Palast im Herbst der Compact Disc. Danach bin ich oft gekommen nach der Schule. Bin an den Probiersäulen abgehangen mit heissen Ohren unter den abgewetzten Kopfhörern etc. Es ist mir, als hätte ich das Alphabet von dir gelernt beim Blättern in den Registern …

Irgendwann wurde ein Keller aus dem Palast. Irgendwann wurde aus einem Rockheftli das Internet. Irgendwann hatte ich Haare am Sack und etwas Sackgeld. Irgendwann wurde die Welt kompliziert. Liess sich nicht mehr spiegeln auf zwölf Zentimeter im Quadrat. Also drehte sie fortan mit 33 Runden in der Minute. Hätte ich mehr Geld gehabt, ich hätte es nur bei dir verjubelt. Jaja, bisschen Pathos muss drinliegen, natürlich hätte ich es auch weiterhin versoffen. Und manchmal bin ich schon fremd gegangen, als es noch eine Handvoll Alternativen gab. Aber die Konkurrenz hast du überlebt. Sie ist vor dir gestorben.

Schnell mal eine rauchen.
Schweigeminute.

Unsere Beziehung war nie kompliziert. Du warst ein feiner Laden und ich brauchte Rundes. Das hat sich gut ergeben. Und was es mir an seelischen Unannehmlichkeiten sonst ins Leben gespült hat, war immer gut zu ertragen dank dir du meinem lieben Plattenladen.

Danke.

Gestern hab ich meine Letzte gekauft bei dir. 30%. Selten hab ich mich weniger gefreut über einen Rabatt.

XOXO
M

Chop Records ist noch bis Ende Monat offen, Ausverkauf.

#BernNotBrooklyn bzw. MelkerNotPorno

Gisela Feuz am Sonntag den 12. März 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Die Ausgangslage ist eine heikle: da ist dieser subversive Tunichtgut mit Jahrgang 1898, der mit seiner Trash-Combo Mani Porno für erinnerungswürdige bierselige Auftritte bestschlechtmöglichster Natur sorgte. Oder besagte Auftritte gar nicht erst antrat, weil ein Bandmitglied sich vor dem Konzert dermassen intensiv mit Rauch-Paraphernalia vergnügt hatte, dass es schlichtweg vergass, dass es noch ein Konzert zu spielen gäbe und nach Hause ging. So zumindest die Urban Legend. Jedenfalls hat sich dieser Tunichtgut nun also mit richtig guten Musikern zum Quartett Melker zusammengetan und frönt nicht mehr dem Lo-Fi-Gitarren-Trash, sondern dem Synthie-Pop und New Wave der 80er-Jahre. Herr Porno, pardon, Gaviões so richtig seriös? Kann das gut gehen?

Anfänglich bangte man ja bei der Plattenaufe von Melker am Freitag im ISC. Nicht wegen der Musiker, die verrichteten vom ersten Ton an einen einwandfreien Job. Fred Bürki amtete als Metronom am Schlagzeug, Marco Loso bediente Gitarre und Bass, derweilen Oli Kuster mit seinem Synthesizer musikalische Nebelschwaden fabrizierte. Und der Herr Gaviões? Der schludderte in Sonnenbrille, USA-Hockeyshirt und Steppjacke über die Bühne und schien irgendwie ein Cornerfähnli im Allerwertesten zu haben. Es half dann auch nicht, dass seine Stimme anfänglich komplett in den Synthiewänden absoff und die Texte so nur Genuschel blieben.

Die Angelegenheit begann dann aber bald einmal Fahrt aufzunehmen, Herr Gaviões schien sich in seiner Rolle von Song zu Song wohler zu fühlen und auch der Herr Mischer drehte an den richtigen Knöpfen, so dass die Inhalte des subversiven Liedguts durchdrangen. Und siehe da: Die Geschichten rund um Damen in Mehrzweckhallen und Sennas aus dem Seeland, alles vorgetragen in gespielt gelangweilter, näselnder Nonchalance, funktionierten einwandfrei – tatsächlich im Melker-Gewand noch besser als im Mani-Porno-Getöse. Gut so, denn zu verstecken braucht sich der Herr Gaviões mit seinen wunderbar skurrilen, absurden und zeitweilig poetischen Alltagsbeobachtungen ja keinesfalls.

Melker ist, wenn auch das Publikum  auf der Bühne wild tun darf.

Darüber hinaus spielte diese Melker-Combo halt einfach auch so richtig schön tight, verleitete mit Depeche-Mode- oder Cure-Anleihen schon fast zum Schattentanzen oder sorgte mit treibenden Grooves für kollektives Abnicken im vollen ISC, wobei selbst ein Stephan Eicher im Publikum munter mittat. Eine richtig schön ausgelassene Sause wurde das schlussendlich, an deren Ende man erleichtert festhalten konnte: Jawohl, Gaviões angeseriöst funkioniert. Und voll wie der Mond kann man ja dann im Anschluss schliesslich trotzdem immer noch sein.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück.