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Züritipp · Das Magazin ·

Archiv für die Kategorie „Nachtleben & Freizeit“

Der König ist eine Königin. Sie ist schwarz.

Milena Krstic am Samstag den 24. Mai 2014

Der Besuch im Broadway Variété Freitagabend hat mich unweigerlich an die hippen T-Shirts des New Yorker Designers Dylan Chenfield erinnert. Das besonders in Rap-Kreisen beliebte Message-Shirt propagiert die Kunde:

Ich habe zwar gestern nicht Gott getroffen, aber dafür den König. Und ja, sie ist schwarz. Und sie hat eine Stimme wie Billie Holliday, oder Whitney Houston oder doch wie Nina Simone? Seit etwa fünf Jahren habe ich jede Broadway-Aufführung gesehen, aber so politisch konkret wie dieses Jahr war das Thema noch nie: «Le Königreich» heisst die diesjährige Show des «original Spiel- und Verzehrthaters», das jeden Sommer mit Wohnwägen durch die Landen zieht und in fünf Schweizer Städten eine temporäre Parallel-Welt kreiert. Während knapp vier Stunden wird das Publikum von Kleinkunst-Cracks unterhalten und showintegriert mit einem exquisiten Vier-Gang-Menu verköstigt. Nein, Zirkus ist das nicht, oder vielleicht ein bisschen, aber dann mit sehr viel Rock’n’Roll. Dieses Jahr sorgte eben genau dieser König, verkörpert von der tätowierten und gepiercten Kanadierin Sarah E. Reid, für eine Extraportion dieser Ingredienz, oft begleitet von einem hendrix’schen Gitarrenspiel des Gilbert Trefzger.

Sarah_E_Reid_Broadway_VariétéHofstaat-Regel Nummer 1: «Die Königin ist ein König», denn sie will als Mann gehandelt werden, damit man sie ernst nimmt. Wie viel Gesellschaftskritik diese Show auslösen will, lässt das Ensemble nicht durchscheinen. Am Ende ist doch alles auf Unterhaltung ausgerichtet. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, was man an dieser Einstellung kritisieren sollte (sagen Sie es mir). Ich fand es schlicht cool, haben sich diese irrsinnig talentierten Freaks zusammengeschlossen, um ein zahlungskräfiges Publikum (ein Abend koststet zu recht CHF 120.-) mit ihrem Können zu unterhalten und dem Ganzen kritisches Gedankengut auf humorvolle Art und Weise beizumengen. Nebenbei verschwindet Artistin Sarah Willemin-Zürrer in einem Klavier oder windet sich um einen gigantischen Triangel. Die verschiedenen Showeinlagen passen nicht immer zusammen, aber das stört hier und an diesem Abend niemanden. Das Ambiente ist illusorisch, unwirklich und alles liebevoll gehandwerkt. Küre hatte sich besonders schick gemacht und zog seinen weissen Dandy-Hut vor dem Ensemble: «Ein Wunder, haben die nicht auch noch das WC-Papier selbst genäht.»

Die letzte Berner Vorstellung heute Abend ist ausverkauft. Ab nächster Woche gastiert das Broadway Variété in Zug. Die KSB-Autorin bereut die späte Berichterstattung.

Schöne Musik & ungeliebter Ramsch

Milena Krstic am Sonntag den 18. Mai 2014
Priya Ragu Buergi's Quest

Eine Stimme wie Seide, Honig und Bitterschokolade: die St. Gallerin Priya Ragu.

Das Heruntergekommene kommt mir gerade recht und das nicht Definierbare übt Faszination auf mich aus. Aber als ich gestern Abend die St. Galler Soulsängerin Priya Ragu begleitet von Müslüms hochkarätiger Live-Band singen hörte, ging mir das Herz auf. Dieser Konzertabend im Musigbistrot war einfach schön und sonst gar nichts. Initiiert wurde der Abend vom Berner Schlagzeuger Fabian Bürgi, der bis jetzt «nur» für andere Musiker - wie den Tequila Boys und eben Müslüm - spielte, und nun auf der Suche nach seinem eigenen, persönlichen Sound ist. Dafür hat er exklusiv für das Musigbistrot eine Konzertreihe namens «Bürgi's Quest» ins Leben gerufen. Natürlich waren gestern Abend Profi-Musiker (Toni Schiavano am Bass, Fabian Müller an den Keys und Raphael Jakob an der Gitarre) am Start und Priyas Stimme klingt wie Honig, Seide und Bitterschokolade. Da möchte man sagen: Klar, dass das dann auch gut tönt. Aber wenn es nebst der Perfektion auch noch berührt ... Ja, dann.

Dislike Magazin Kulturbüro_BE

Einblick in Kulturbüro Berns Schaufenster: Kunst aus ungeliebten Gegenständen.

Am Nachmittag habe ich einen Abstecher in Berns Kulturbüro gemacht, wo das Dislike-Magazin zu Gast ist (noch bis am 24. Mai). Die Magazin-Macherinnen sammelten dort ungeliebte Gegenstände (sprich Ramsch), die das Berner Künstlerinnenduo Rebecca Rebekka zu Werken verarbeitete. Trotzdem hübsch, nicht?

Thun auf LSD

Milena Krstic am Sonntag den 11. Mai 2014

Samstagnacht gab das 31 Kilometer von Bern entfernte Städtchen Thun Material für hübsche Fotosujets her. Zum einen waren da die fluoreszierenden Lichtinszenierungen auf und um den Mühleplatz herum. Zum anderen fand die Freakshow statt, der Cafe-Bar-Mokka-Publikumsmagnet schlechthin. Umgeben von blauen Baumkronen, Menschen in Affenkostümen und neongrünen Perücken dachte ich bei mir: Ja, so könnte es sein in dieser Stadt. Als hätte man sich auf der Zugfahrt von Bern nach Thun LSD eingeworfen.

750_Thun_TrauerweidenDie Trauerweiden auf dem Mühleplatz, getaucht in violettes Licht. Vor 750 Jahren hat Gräfin Elisabeth von Kyburg den Thunern die Stadtrechte verliehen. Die Stadt feiert dies mit Ton- und Lichtinstallationen der Firma Spectaculaires, die auch für die Lichtshows am Bundeshaus verantwortlich ist («Rendez-vous Bundesplatz»). Küre hat mir erzählt, dass man die Trauerweiden wirklich weinen hört und sich eine davon sogar die Nase putzt. Aber das liess sich beim samstagnächtlichen Treiben nicht herausfiltern.

Affe_Banane_FreakshowDa haben sich die Freaks noch etwas überlegt: Affe und Banane, gemeinsam auf Streifzug und kurz vor Eintritt ins Mokka.

Und weils so schön ist:IMG_20140510_234816~2

There is a Vorplatz-Party

Gisela Feuz am Samstag den 3. Mai 2014

Samstagmorgen 4 Uhr, lautstarke Disko auf dem Vorplatz der Reitschule. Wozu die Jugend grad heftig tanzt? Zu sozial- und kapitalismuskritischem Crossover? Zu kopflastigem Polit-Punk? Zu agitatorischem Hardcore? Vergessen Sies. Zu DJ Bobo.

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Mit Tequila ins Bad Bonn

Milena Krstic am Samstag den 5. April 2014

Ein Ausflug nach Düdingen ins Bad Bonn fühlt sich so an, als wäre man auf einem Roadtrip (ich war noch nie auf einem, aber so stelle ich mir das vor) und würde irgendwo in der Pampa anhalten, um auf Toillette zu gehen. Man bleibt dann aber länger, weil in dem Schuppen irgend so eine Band spielt und ein Bier eigentlich genau das ist, was man gerade gebraucht hatte. Dort, wo das Bad Bonn steht, gibt es einen Parkplatz, eine Wiese, einen dunklen, schmalen Weg zum Bahnhof und im Hintergrund beginnt der Wald.

Der Zufall wollte es, dass ich mein Mobiltelefon zuhause liegengelassen hatte und mich im unbarmherzigen Licht des neuen BLS-Doppelstöcker-Agglo-Zuges voll und ganz Kinky Friedmans «Nie wieder Tequila» (gefunden in Küres Büchergestell) widmen konnte:

«Offensichtlich hatte ich mich einige Wochen lang nicht mehr rasiert, und ich würde verdammt sicher nicht damit anfangen, nur weil eine Hausplage zu mir kommen wollte. Schliesslich war er nicht Prinz Charles; er war ein ausgebrannter, paranoider Gitarrenzupfer mit einer finsteren Streptocumulus-Wolke von der Grösse Bangladeschs über dem Kopf. Und er glaubte, dass jemand versuchte ihn umzubringen. Das konnte ein netter Besuch werden.»

Ist Kinky ein Möchtegern-Charles-Bukowski? Ich habe ihn nicht gegoogelt, um unwissend zu bleiben.

Im Bad Bonn angekommen bespielten die Briten Heymoonshaker die Bühne.

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Zwei Typen in Röhrenjeans und der eine davon mit beachtlichem Ausschnitt, aber beiden Männern rutschte das Shirt so hoch, dass man freie Sicht auf Bauchnäbel hatte. Ziemlich stilecht. Der Sänger hatte diese kratzige Fistelstimme und war gleichzeitig der Gitarrenzupfer – um in Kinkys Jargon zu bleiben – und sein Kumpel übernahm als Beatboxer den Part, der eigentlich einem Schlagzeuger zuteil wäre.

Schmutz-Blues funktioniert auch so bestens, und erstaunlicherweise auch dann, wenn der Beatbox-Mann Skrillex-ähnliche Beat-Variationen von sich gab. «Organic Dubstep», meinte Küre.

Und was würde wohl Kinky Friedman dazu schreiben? Vielleicht so etwas wie auf Seite 29:

«Musik ist ein Geschenk», schrie McGovern von der Jukebox (...) zu mir rüber. «Sie bringt die Menschen zusammen. (...) Du bist gesegnet Mann, du bist gesegnet!»

«Yeah», sagte ich. «Vielleicht könnte ich Rhythmusgitarre für den Dalai Lama spielen.»

Schall, Rauch und ein sicher gelandetes Ufo

Milena Krstic am Samstag den 8. März 2014

Die Café Bar Mokka ist ein Planet und dort ist alles ein wenig schöner, als es das auf Planet Erde ist. Dies gilt wohl auch für das gestrige Konzert der Berner Synthesizer-Helden der Stunde, Jeans For Jesus. Noch letzte Woche haben sie dank ihren berndeutschen Pop-Hymnen in einem ausverkauften Dachstock gespielt. Den überschaubaren «Möggu» vermochten sie nicht zu füllen. So bliebt genug Luft zum Atmen und Platz genug, um die fünf schmalen Musiker in den Zoom zu nehmen.

Hineingesetzt in die üppig dekorierte Bühne, den Platz mit ihren Computern und Instrumenten bis in die hinterste Ecke genutzt, beugten sich die jungen Männer wie kosmische Tüftler über ihre Geräte und entlockten ihnen Töne, welche die Schweiz so noch nie gehört hat. An der Front: der elegante Sänger Michael Egger, der im sicheren Hafen seines Stimmumfangs blieb. IMG_20140308_003144Er erklärte: «Wir hätten auch alles ab Büchse spielen können» - und die Band tat genau dies zum Glück nicht. Dazu beigetragen haben Schellenkranz, Ukulele und ganz wichtig: der Schlagzeuger, der die Freude eines Honigkuchenpferds versprühte.

Dieses Konzert war unwiderstehlich cool und doch nicht kalt. «Zu kurz», befanden Stimmen aus dem Publikum. Die Intimität dieses kleinen Lokals am Rande der Alpen, sie schien auch Jeans For Jesus zu behagen. «I gloube, mir bhaute die Grössi so bi», meinte Sänger Egger. Im Mokka jedenfalls ist Jeans For Jesus‘ Ufo sicher gelandet.IMG_20140308_003056

Verknallt in Berns Donnerstagnacht

Milena Krstic am Freitag den 7. März 2014

IMG_20140306_224530Immer am ersten Donnerstag im Monat präsentiert das Hauptsitz-Team ein kulturelles Schmankerl, nennt die Veranstaltung Kultur Blind Date und verrät im Vorfeld bloss die Uhrzeit.
Und ich wusste ja, dass es gut wird, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was passieren würde (Blind Date halt, ne). Aber dass ich mich glatt in den King Pepe verknallen würde, das konnte ich nicht ahnen. Dabei wirkte der King selbst so, als ob ihm sein eigener Auftritt peinlich wäre und er seinen eigenen Liedern misstraue. Ich fragte ihn dann, selig grinsend, ob er die Stücke extra für diesen Abend geschrieben habe. Er sagte «nei, nid würklech», lächelte verlegen und reichte mir mein Bier. Die Kultur-Welt Berns war da gerade so was von in Ordnung.

Da kam der zerzauste King Pepe aka Simon Hari an, mit nichts weiter als einer Gitarre, einem mini Spielzeug-Megaphon und einem Kassettenrekorder. Er rutschte auf dem Klavierstuhl herum, erzählte in einer Bandbreite von liebevoll bis derb Geschichten aus dem Alltag und tanzte so wunderbar ungelenk, dass es einem warm ums Herz wurde. Ein besonderes Amüsement waren diese Trash-Beats, die er vom Kassettenrekorder abspielte. Eine kleine Auswahl seiner Themen: Ein-Ton-Song, eine Nacht in einer afrikanischen Disco und eine Ode an ein Dekolleté.

Irgendwann bin ich an einem dieser «geheimen» Stubenkonzerte gelandet und habe - aus Platzgründen - von weit hinten im Raum dem Bündner Pascal Gamboni gelauscht. Das hingegen war mystisch, düster - und auch sehr schön. UnbenDASannt

Italienischer Gaskessel

Benedikt Sartorius am Montag den 27. Januar 2014

Eben wurde ich via Facebook endlich mal wieder auf eine tolle Seite gelotst: Auf «Memories on a Dancefloor...» sind tote und verfallende italienische Discos abgebildet und mit Worten gewürdigt. Ein Bau erschien überaus familiär, weist doch das Lokal Le Cupole...

cupole

... grosse Ähnlichkeiten mit dem hiesigen Gaskessel auf:
eBund Kultur Kulturlokal

Jedenfalls hoffe ich, dass in der Stadt Bern die Liste der toten Nachtlokale nicht noch mit dem Gaskessel verlängert wird.

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Auch auf Facebook: Die Seite «Der Gaskessel bleibt wo er ist».

La vraie Tour de Lorraine

Miko Hucko am Samstag den 18. Januar 2014

Jawohl, eine geführte Tour, über einenhalb Stunden, manchmal etwas leise gesprochen, in der Kälte. Hat sich trotzdem sehr gelohnt, ich erfuhr von Initiativen der Quartierbewohnenden, Grundbesitzern und eigentümlichen Bauplänen der Stadtverwaltung. Und zum Schluss die Krönung am Centralweg: die Wohnbox.

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Hier baut wirklich das Quartier - hingehen, mitlaufen, mitreden, mitdenken und sich vielleicht zum mitmachen animieren lassen. Tour de Lorraine heute ganztags, diese ganz eigene Führung ab 18:00 beim Lorrainepark.

Kurznotiz: Gaskessel-Klick-Protest

Christian Zellweger am Montag den 14. Oktober 2013

Jugendzentrum Gaskessel

Progonosen sind schwierig. Es darf aber angesichts der aktuellen Diskussion zumindest leise angezweifelt werden, dass der Gaskessel nochmals 40 Jahre erleben wird.
Nachdem es in Sachen Klick-Protest lange ruhig blieb, hat sich letzte Woche nun doch die lang erwartete Facebook-Gruppe formiert. Aktueller Stand: Knapp 2400 Likes. Da ist noch Luft nach oben.