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Archiv für die Kategorie „Nachtleben & Freizeit“

Mit Tequila ins Bad Bonn

Milena Krstic am Samstag den 5. April 2014

Ein Ausflug nach Düdingen ins Bad Bonn fühlt sich so an, als wäre man auf einem Roadtrip (ich war noch nie auf einem, aber so stelle ich mir das vor) und würde irgendwo in der Pampa anhalten, um auf Toillette zu gehen. Man bleibt dann aber länger, weil in dem Schuppen irgend so eine Band spielt und ein Bier eigentlich genau das ist, was man gerade gebraucht hatte. Dort, wo das Bad Bonn steht, gibt es einen Parkplatz, eine Wiese, einen dunklen, schmalen Weg zum Bahnhof und im Hintergrund beginnt der Wald.

Der Zufall wollte es, dass ich mein Mobiltelefon zuhause liegengelassen hatte und mich im unbarmherzigen Licht des neuen BLS-Doppelstöcker-Agglo-Zuges voll und ganz Kinky Friedmans «Nie wieder Tequila» (gefunden in Küres Büchergestell) widmen konnte:

«Offensichtlich hatte ich mich einige Wochen lang nicht mehr rasiert, und ich würde verdammt sicher nicht damit anfangen, nur weil eine Hausplage zu mir kommen wollte. Schliesslich war er nicht Prinz Charles; er war ein ausgebrannter, paranoider Gitarrenzupfer mit einer finsteren Streptocumulus-Wolke von der Grösse Bangladeschs über dem Kopf. Und er glaubte, dass jemand versuchte ihn umzubringen. Das konnte ein netter Besuch werden.»

Ist Kinky ein Möchtegern-Charles-Bukowski? Ich habe ihn nicht gegoogelt, um unwissend zu bleiben.

Im Bad Bonn angekommen bespielten die Briten Heymoonshaker die Bühne.

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Zwei Typen in Röhrenjeans und der eine davon mit beachtlichem Ausschnitt, aber beiden Männern rutschte das Shirt so hoch, dass man freie Sicht auf Bauchnäbel hatte. Ziemlich stilecht. Der Sänger hatte diese kratzige Fistelstimme und war gleichzeitig der Gitarrenzupfer – um in Kinkys Jargon zu bleiben – und sein Kumpel übernahm als Beatboxer den Part, der eigentlich einem Schlagzeuger zuteil wäre.

Schmutz-Blues funktioniert auch so bestens, und erstaunlicherweise auch dann, wenn der Beatbox-Mann Skrillex-ähnliche Beat-Variationen von sich gab. «Organic Dubstep», meinte Küre.

Und was würde wohl Kinky Friedman dazu schreiben? Vielleicht so etwas wie auf Seite 29:

«Musik ist ein Geschenk», schrie McGovern von der Jukebox (...) zu mir rüber. «Sie bringt die Menschen zusammen. (...) Du bist gesegnet Mann, du bist gesegnet!»

«Yeah», sagte ich. «Vielleicht könnte ich Rhythmusgitarre für den Dalai Lama spielen.»

Schall, Rauch und ein sicher gelandetes Ufo

Milena Krstic am Samstag den 8. März 2014

Die Café Bar Mokka ist ein Planet und dort ist alles ein wenig schöner, als es das auf Planet Erde ist. Dies gilt wohl auch für das gestrige Konzert der Berner Synthesizer-Helden der Stunde, Jeans For Jesus. Noch letzte Woche haben sie dank ihren berndeutschen Pop-Hymnen in einem ausverkauften Dachstock gespielt. Den überschaubaren «Möggu» vermochten sie nicht zu füllen. So bliebt genug Luft zum Atmen und Platz genug, um die fünf schmalen Musiker in den Zoom zu nehmen.

Hineingesetzt in die üppig dekorierte Bühne, den Platz mit ihren Computern und Instrumenten bis in die hinterste Ecke genutzt, beugten sich die jungen Männer wie kosmische Tüftler über ihre Geräte und entlockten ihnen Töne, welche die Schweiz so noch nie gehört hat. An der Front: der elegante Sänger Michael Egger, der im sicheren Hafen seines Stimmumfangs blieb. IMG_20140308_003144Er erklärte: «Wir hätten auch alles ab Büchse spielen können» - und die Band tat genau dies zum Glück nicht. Dazu beigetragen haben Schellenkranz, Ukulele und ganz wichtig: der Schlagzeuger, der die Freude eines Honigkuchenpferds versprühte.

Dieses Konzert war unwiderstehlich cool und doch nicht kalt. «Zu kurz», befanden Stimmen aus dem Publikum. Die Intimität dieses kleinen Lokals am Rande der Alpen, sie schien auch Jeans For Jesus zu behagen. «I gloube, mir bhaute die Grössi so bi», meinte Sänger Egger. Im Mokka jedenfalls ist Jeans For Jesus‘ Ufo sicher gelandet.IMG_20140308_003056

Verknallt in Berns Donnerstagnacht

Milena Krstic am Freitag den 7. März 2014

IMG_20140306_224530Immer am ersten Donnerstag im Monat präsentiert das Hauptsitz-Team ein kulturelles Schmankerl, nennt die Veranstaltung Kultur Blind Date und verrät im Vorfeld bloss die Uhrzeit.
Und ich wusste ja, dass es gut wird, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was passieren würde (Blind Date halt, ne). Aber dass ich mich glatt in den King Pepe verknallen würde, das konnte ich nicht ahnen. Dabei wirkte der King selbst so, als ob ihm sein eigener Auftritt peinlich wäre und er seinen eigenen Liedern misstraue. Ich fragte ihn dann, selig grinsend, ob er die Stücke extra für diesen Abend geschrieben habe. Er sagte «nei, nid würklech», lächelte verlegen und reichte mir mein Bier. Die Kultur-Welt Berns war da gerade so was von in Ordnung.

Da kam der zerzauste King Pepe aka Simon Hari an, mit nichts weiter als einer Gitarre, einem mini Spielzeug-Megaphon und einem Kassettenrekorder. Er rutschte auf dem Klavierstuhl herum, erzählte in einer Bandbreite von liebevoll bis derb Geschichten aus dem Alltag und tanzte so wunderbar ungelenk, dass es einem warm ums Herz wurde. Ein besonderes Amüsement waren diese Trash-Beats, die er vom Kassettenrekorder abspielte. Eine kleine Auswahl seiner Themen: Ein-Ton-Song, eine Nacht in einer afrikanischen Disco und eine Ode an ein Dekolleté.

Irgendwann bin ich an einem dieser «geheimen» Stubenkonzerte gelandet und habe - aus Platzgründen - von weit hinten im Raum dem Bündner Pascal Gamboni gelauscht. Das hingegen war mystisch, düster - und auch sehr schön. UnbenDASannt

Italienischer Gaskessel

Benedikt Sartorius am Montag den 27. Januar 2014

Eben wurde ich via Facebook endlich mal wieder auf eine tolle Seite gelotst: Auf «Memories on a Dancefloor...» sind tote und verfallende italienische Discos abgebildet und mit Worten gewürdigt. Ein Bau erschien überaus familiär, weist doch das Lokal Le Cupole...

cupole

... grosse Ähnlichkeiten mit dem hiesigen Gaskessel auf:
eBund Kultur Kulturlokal

Jedenfalls hoffe ich, dass in der Stadt Bern die Liste der toten Nachtlokale nicht noch mit dem Gaskessel verlängert wird.

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Auch auf Facebook: Die Seite «Der Gaskessel bleibt wo er ist».

La vraie Tour de Lorraine

Miko Hucko am Samstag den 18. Januar 2014

Jawohl, eine geführte Tour, über einenhalb Stunden, manchmal etwas leise gesprochen, in der Kälte. Hat sich trotzdem sehr gelohnt, ich erfuhr von Initiativen der Quartierbewohnenden, Grundbesitzern und eigentümlichen Bauplänen der Stadtverwaltung. Und zum Schluss die Krönung am Centralweg: die Wohnbox.

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Hier baut wirklich das Quartier - hingehen, mitlaufen, mitreden, mitdenken und sich vielleicht zum mitmachen animieren lassen. Tour de Lorraine heute ganztags, diese ganz eigene Führung ab 18:00 beim Lorrainepark.

Kurznotiz: Gaskessel-Klick-Protest

Christian Zellweger am Montag den 14. Oktober 2013

Jugendzentrum Gaskessel

Progonosen sind schwierig. Es darf aber angesichts der aktuellen Diskussion zumindest leise angezweifelt werden, dass der Gaskessel nochmals 40 Jahre erleben wird.
Nachdem es in Sachen Klick-Protest lange ruhig blieb, hat sich letzte Woche nun doch die lang erwartete Facebook-Gruppe formiert. Aktueller Stand: Knapp 2400 Likes. Da ist noch Luft nach oben.

Freiraum für alle

Roland Fischer am Samstag den 24. August 2013

Gestern war wieder mal ein ziemliches Durcheinander vor der Reitschule, aber für einmal war es ein so geplantes und für die Ordnungskräfte kaum bedenkliches. Fünf Berner Kulturkollektive hatten sich auf dem Vorplatz breitgemacht zu einem Rendez-Vous der etwas anderen Art. Es sollte ein Statement ebenso sein wie eine Chance zur Vernetzung und überhaupt einfach des Sichzeigens. Und so war es ein kunterbuntes, ziemlich promuiskes Techtelmechtel, mit Konzertbühne, mit einer Schulecke, mit Videospielen und Raclette.

vorplatz

Und der Vorplatz der Reitschule könnte nicht passender sein für ein solches Rendez-Vous. Der grösste Berner Freiraum wird ja schon lange ganz zwanglos okkupiert, und dass das gar nicht immer explizit politisch gemeint ist von den Anwesenden, ist wohl nicht nur verkehrt. Freiheiten muss man sich nehmen, die geschenkten sind für nichts.

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Auf der Suche nach Gotten und Göttis

Christian Zellweger am Dienstag den 13. August 2013

Wer an einem geruhsamen Abend zum letzten Gin Tonic den Kreissaal ansteuert, kreuzte früher die Räumlichkeiten Apps-With-Love-Macher. Die Codezeilen-Tüftler sind schon länger in die Lorraine weitergezogen, in ihrem ehemaligen Domizil an der Grabenpromenade macht sich aber, offenbar mit Beteiligung der alten Hausherren, langsam wieder Leben breit.

«Der Hauptsitz» nennt sich das Projekt, das sich aktuell noch etwas kryptisch gibt. Auf Facebook und Twitter ist aber schon rege Aktivität auszumachen.

Gesucht sind 100 Göttis und Gotten, welchen den Hauptsitz-Betrieb finanzieren. Als Gegenleistung erhalten sie einen Raum zur Nutzung in dem man, neben «arbeiten, warten, lesen, treffen, reden», sein Natel aufladen, Gameboy oder Lego spielen kann.

Losgehen soll es am 20. August. Am 5. September wird die Eröffnung gefeiert, mit dem ersten «Kultur Blind Date», das fortan immer am ersten Donnerstag im Monat stattfinden soll. Ein Anlass, der geheim hält, was auf die Bühne kommt, aber Platz bieten soll für «Kultur, die sonst wenig Platz bekommt im Berner Kulturprogramm.»
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Update: Wie das genau funktioniert und was es kostet, hier auf Facebook

Was gegossen wird, wächst

Miko Hucko am Freitag den 9. August 2013

Das Buskers Bern begleitet mich nun schon seit zehn Jahren auf meinem Lebensweg, ich bin gewachsen vom grölenden Teenager mit Dosenbier zur pöbelnden Mittzwanzigerin mit Flaschenbier. Das Strassenmusikfestival hingegen hat sich vom chaotisch-charmanten Kleinanlass in ein regelrechtes Volksfest verwandelt. Hut ab und rein mit dem Geld!

Geld ausgeben lässt es sich mittlerweile ganz gut auch abseits der Kollekte und des hübschen Bändelis (dieses Jahr in JubiläumsSchwarzGold), nicht nur an den zahlreichen Verpflegungsständen, sondern auch auf dem Bizaar. Am liebsten werfe ich da meine Münzen in die Drama-Jukebox von Projekt 210: Für zwei Fränkli wird einem eine Szene aus einem wählbaren Drama gespielt, gegen einen kleinen Aufpreis (unbedingt machen!) darf eine Improvisation dazu gewünscht werden. Erkennen Sie die Szene auf dem Bild? Kleiner Tipp, die Langeweile ist Programm bei diesem Stück.

Der Regen hat natürlich die hart gesottenen Bernerinnen und Berner nicht wirklich davon abhalten können, das Buskers zu besuchen. Aber wenigstens hat er die Reihen so ausgedünnt, dass ich zum ersten Mal seit Jahren auch mal was sehen konnte, statt nur zu hören! Und was es da zu sehen gab, hat mich schlicht umgehauen. Residual Gurus heissen die vier Mannen, die im Anzug Faxen machen, auf Müllinstrumenten Rhythmen spielen und obendrein was theäterlen, die können sogar eine Wiese entstehen lassen in den Pflastersteinen! Und so sieht das in etwa aus:

Natürlich gibt es noch viel mehr Lautes, Buntes und Spektakuläres zu sehen, wie jedes Jahr, diesmal sogar mit einer Geburtstagstorte. Und natürlich wird ganz Bern hingehen und versuchen, einen Blick zu erhaschen auf die Strassenkünstlerinnen aus aller Welt. Das Buskers hat sich in den wenigen Jahren seit seiner Geburt zu einer Berner Insitution gemausert, die sich nicht mehr vom Sommer wegdenken lässt. Und tritt jetzt in das Teenageralter ein: Wenn das mal kein Spass wird.

Wien schwitzt

Roland Fischer am Mittwoch den 7. August 2013

Es ist heiss in Wien, so heiss dass die Stadt beinahe ein wenig lahmgelegt ist. Die Wiener (und die Stippvisiteure) helfen sich auf ihre Weise: Sie setzen sich in die mit Ventilatoren ausstaffierten Kaffeehäuser und lesen Zeitung. Und da fällt dann folgendes Bild ins Auge, in der New York Times:

Der Zytglogge-Zifferblatt als Symbol der Tag- und Nacht-Zeitläufte! Bern als visueller Nabel der Welt! Wenn das mal keine passende Einstimmung aufs morgen beginnende Buskers ist.

Im Text zum Bild geht es übrigens um Mondphasen und wie sie auf den Schlaf wirken. Ein Zusammenhang ist nun wissenschaftlich erwiesen, und zwar von Basler Forschern. Ob sie wohl das Schweizer Zifferblatt mitgeliefert haben in der Pressemitteilung?

Vor exakt hundert Jahren übrigens mussten es ähnliche, wenn auch nicht ganz so heisse Tage gewesen sein hier: «Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.»
Es sind die ersten Sätze aus Musils Mann ohne Eigenschaften.