Archiv für die Kategorie ‘Lieblinge’

Sohn des Zweifels

Mirko Schwab am Donnerstag den 11. Mai 2017

Es ist ein Geschenk unserer Zeit, dass wir über DJ-Sets schreiben dürfen in der Erscheinung als kleine Kunstwerke. Zum Beispiel letzthin dank Sképson.

Sképson, Produzent und DJ. Photo: Nicu Strobo (www.nschmid.ch)

Tobias Jakob ist ein stiller Mann und Schaffer. Keiner, der aus unsauberen Motiven hinter dem Pult stehen würde. Wegen den Girls oder den Gratisgetränken. Oder den geckenhaften Moves, mit denen Einfallslosigkeit an den Reglern gerne kompensiert wird: Kopfhörer lässig eingeklemmt zwischen Schulter und Ohr, der tätowierte Arm nach dem einen Potie ausgestreckt, als gälte es, eine Heldenstatue der eigenen Männlichkeit zu werden, bevor mit gymnastischer Verve der Bass gedroppt, gedienstleistet wird, an jener Stelle, da der Saal ihn nach sechzehn Takten verlangt hat, das Controlpad am Glühen, der Scheiss ist lit, schnell wieder hochziehen und sich dann laben in der Dusche verzückten Gekreisches aus der ersten Reihe. Nein, so einer ist er nicht.

Die Rechnung ist eine umgekehrte: Jakobs Bühnen-Ich Sképson steht da in recht unspektakulärer Konzentration. Wenn es einen gäbe, der seine Steuererklärung im Stehen ausfüllte, sähe das vielleicht ganz ähnlich aus. Der Witz kommt aus den Boxen. Verträumte Synthesizergewebe im Donnergrollen. Grollen, das über einen hereinbricht, wenn man sich gerade die Zigarette anzuzünden im Begriff ist. Das Unerwartete und Schelmische reitet immer mit auf Sképsons dringlichem Ritt durch wohlkuratierten Techno und Eigenkompositionen hie und da. Und der Zweifel: Jeder draufgängerischen Wendung scheint auch ein Rest Unsicherheit anzuhaften, die eben dort entsteht, wo die gängigen Regeln der eigenen intuitiven Kraft entgegenlaufen. Kunst halt.

Zuerst war das DJ-Set nicht mehr als die Summe seiner Bestandteile. Im besten Fall gut erlesene Stücke, so aneinandergereiht, dass niemand am Schwofen gehindert ward. Das Set aber als eigene Grösse, in der das Ausgelesene aufgeht in einer selbständigen Geschichte, es ist ein Geschenk unserer Zeit. Und Sképson, der ewige Zweifler, stille Draufgänger; ein wahrer Held derjenigen, die zum Tanzen auch die Ohren spitzen.

Aus dem Rössli, 27. April:

Sképson ist nur einer vom Label «Tiefgang Recordings», das die lebendige Berner Technoszene seit Jahren um eine bittersüsse Note bereichert.

Hostettlers Erbe

Mirko Schwab am Donnerstag den 4. Mai 2017

Avec le temps tout s’en va. Und auch die alten Berner Folksongs gehen mit der Zeit – ein Streifzug durch Urs Hostettlers Diskographie auf $$$potify und so.

Es passt irgendwie nicht recht zusammen. Die auf Benutzerfreundlichkeit polierte, spätmoderne Rahmung des schwedischen Streamingdiensts und darin all die alten Platten, Lieder und Tänze, Geschichten von Bauernaufständen, Aufgehenkten und im Wald zverlieren gegangenen. Und dazwischen: die von der Spotify-Frau unerschöpflich gutgelaunt gestellte Frage, ob man sich nicht Premium «holen» wolle für den werbefreien Hörgenuss. Auch das zeitgenössische Verständnis von Autorenschaft – in unheiliger Allianz mit dem Bedürfnis nach effizienter Sortierung – steht dem anarchistischen Zeitgeist der Siebziger- und Achtzigerjahre etwas schief gegenüber: Auf den alten Platten tummeln sich berndeutsche Übersetzungen, historische Fundstücke nebst Hostettlers eigenen Texten. Und natürlich allerhand MitmusikerInnen. Dennoch prangt über der gesammelten Musik in fetten Lettern Hostettlers Name allein. Kanye-style. Dem Liedersucher und Liedermacher ist es dann selbst etwas sauer aufgestossen, dass es im spätmodernen Musikverleih nicht weit her ist mit der sauberen Verdankung. So hat er alle Beteiligten gewissenhaft nachgetragen in seinem persönlichen digitalen Daheim.

Sie kennen Hostettler nicht? Wahrscheinlich liegt irgendwo auf dem Küchentisch ein Spiel von ihm. Tichu vielleicht, das wohl beliebteste, für dessen Nichtbeherrschung einer auch gerne mal aus der lustigen Studentenrunde ausgeschlossen wird – und bleibt, weil das Ding ja nicht zu erlernen sei. Oder Anno Domini, das lange vor der kanonischen Toilettenlektüre «Unnützes Wissen» die schönsten historischen Nebensächlichkeiten versammelt hat. Tausend Dinge hat der promovierte Mathematiker schon angezettelt und ausgeheckt, historisch-literarische Bücher und mysteriöse Stationentheater. Zunächst aber war er ein Musiker und Dichter in den goldenen Schweizer Folkjahren nach 1970. Zusammen mit seinen kongenialen brothers in crime: Der für die technisch versierten und glasklar vorgetragenen Pickings zuständige Tinu Diem einerseits und der beherzt aufspielende Luc Mentha an der Geige andererseits. Mit ihnen hat Hostettler damals einige der bis heute anmutigsten berndeutschen Lieder ersonnen. Und nicht wenige auch ausgegraben, alte Verse und Melodien aus einer vergangenen Zeit, die so gar nichts mit dem Hudigäggeler zu tun haben, der am Bügellift aus dem Billethäuschen dudelt.

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Hinter Clubtüren schauen

Gisela Feuz am Donnerstag den 13. April 2017

Was ist der Unterschied zwischen einem Club und einem Konzertlokal?
Warum muss die Musik in Diskos so laut sein?
Wie viele Türsteher braucht ein Club?
Was ist eine Produktion?

Antworten auf diese und viele weitere Fragen gibts am 29. April, dann ist nämlich Tag der offenen Clubtür. Berner Clubs öffnen an diesem Samstag tagsüber ihre Pforten und gewähren Neugierigen Einblick. Wenn Sie die Clubs nicht alleine aufsuchen möchten, dann kommen Sie doch mit mir auf eine geführte Clubsafari.

Start: 16 Uhr im Bonsoir (Aarbergergasse 33/35)
Stationen: Bierhübeli, Dead End, ISC, Dachstock der Reitschule

Am 29.4. für einmal auch tagsüber weit geöffnet

Die Tour dauert ca. zwei Stunden, vor Ort geben Clubbetreiber*innen und Angestellte Auskunft über ihre Tätigkeiten und beleuchten unterschiedliche Bereiche von Kulturbetrieben. Die Safari ist gratis und richtet sich explizit auch an ältere Semester und Menschen, die nicht mit der Clubkultur vertraut sind. Nehmen Sie doch diese Gelegenheit war, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Fragen zu stellen. Ich freu mich auf Sie!

Herzlichst,
Ihre Frau Feuz

P.S. Sie haben jetzt schon eine Frage? Dann schreiben Sie mir doch hier eine E-Mail.

Genossen №9: Kuno Lauener

Mirko Schwab am Mittwoch den 29. März 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Kuno Lauener.

Lauener zum Interview vor den Eidgenossen.

Es ist Krise auf der Redaktion.

Kurznachricht vom Urs, dem notorischen Styler: «Rockboy, hab da ne Scherbe ausgegraben, dystopisch-postpostmodernes, windschief neo-existenzialistisches Fricklermeisterwerk, Doppel-10inch in einer Auflage von 66 Stück, am Abgrund von japanischem Wave und Afro-Trash über Samples nie veröffentlichter sowjetischer Propagandastreifen und so. Mach doch was drüber, mal wieder was für den lokalen Untergrund …» Jaja, hörs mir an. Dandy Fischer meint, ich gehe zu wenig ins Museum. Ob Theater auch wieder einmal Thema sei. Und ob ich überhaupt wisse, wie eine Galerie von innen aussieht. Stimmt, aber das Wetter. Vielleicht. Joa. Auch von oben herab ist nichts gutes zu erwarten. Frau Feuz, die selbsternannte Chefin, zitiert mich ins Büro. Dass Doppelspurigkeiten mit dem gedruckten Bund tunlichst zu vermeiden seien, Finger weg von Flückiger, Anliker, Lauener, den Jeans for Jesus neuerdings – dass die ins Feuilleton gehörten, in einer anderen Liga spielten. Champions League, Herr Schwab, oder emel mindestens Super League mit europäischen Ambitionen! Das Blog aber, das könne knapp Alternativliga-Niveau halten. Und das auch nur, weil man aus der Alternativliga nicht absteigen könne. Und dann: «Schwab, überlassen Sie das den echten Journalisten!»

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Songs für die Tauben, die Katz und die Ewigkeit

Mirko Schwab am Mittwoch den 15. März 2017

Dear Chop.

Bild: Ilona Ostwind.

Jetzt also machst du zu. Davon haben sie berichtet in der richtigen Zeitung – aber niemand hat sich bedankt.

Da kommen doch Dinge hoch. Zweinullnullirgend hab ich im vom Vater abonnierten Rockheftli geblättert und durfte dann eine herauslesen aus den Neuerscheinungen. Songs For The Deaf. Parental Advisory. Wir nahmen den Bus in die Stadt, weiter zum Waisenhausplatz, dahin, wo heute dieser seltsame Beck ist mit dem noch seltsameren Werbeslogan. Aber damals eben warst du noch da, auf zwei Etagen. Ein Palast im Herbst der Compact Disc. Danach bin ich oft gekommen nach der Schule. Bin an den Probiersäulen abgehangen mit heissen Ohren unter den abgewetzten Kopfhörern etc. Es ist mir, als hätte ich das Alphabet von dir gelernt beim Blättern in den Registern …

Irgendwann wurde ein Keller aus dem Palast. Irgendwann wurde aus einem Rockheftli das Internet. Irgendwann hatte ich Haare am Sack und etwas Sackgeld. Irgendwann wurde die Welt kompliziert. Liess sich nicht mehr spiegeln auf zwölf Zentimeter im Quadrat. Also drehte sie fortan mit 33 Runden in der Minute. Hätte ich mehr Geld gehabt, ich hätte es nur bei dir verjubelt. Jaja, bisschen Pathos muss drinliegen, natürlich hätte ich es auch weiterhin versoffen. Und manchmal bin ich schon fremd gegangen, als es noch eine Handvoll Alternativen gab. Aber die Konkurrenz hast du überlebt. Sie ist vor dir gestorben.

Schnell mal eine rauchen.
Schweigeminute.

Unsere Beziehung war nie kompliziert. Du warst ein feiner Laden und ich brauchte Rundes. Das hat sich gut ergeben. Und was es mir an seelischen Unannehmlichkeiten sonst ins Leben gespült hat, war immer gut zu ertragen dank dir du meinem lieben Plattenladen.

Danke.

Gestern hab ich meine Letzte gekauft bei dir. 30%. Selten hab ich mich weniger gefreut über einen Rabatt.

XOXO
M

Chop Records ist noch bis Ende Monat offen, Ausverkauf.

Genossen №8: Haiyti aka Robbery

Mirko Schwab am Donnerstag den 9. März 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade … Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Heute: Haiyti, Underground Superstar.

Früher war es nur ein Spiel, jetzt ist es Realplay. Hayiti vor den Eidgenossen.

Das Fumoir riecht nach kaltem Rauch. Nach einem Gestern. Meinen Kaffee mag ich nicht recht austrinken, wozu denn wach bleiben? Und also ist auch die Tasse kalt und nichts ist los. Nicht am Billardtisch, die Kugeln starren sich an in einem ewigen Mexican-Standoff. Nicht an der Jukebox nebendran, der Musik fehlt das Münz und so schweigt sie. Die Aschenbecher sind leer wie die Bänke wie die Gläser wie die Blicke der Vereinzelten, die sich hier eingefunden haben. Sie haben ihr eigenes Gestern die Treppe hinaufgeschleppt, um ihm nachzuhangen. So wie ich.

Im Internet ist das anders.

Haiti. Hayti. H-A-I-T-H-Y. «Meinten Sie: Haiyiti?» Nach einem halben Jahr schüchterner Beobachtung – hab ab und zu verstohlen reingeklickt, wenn grad niemand herum war – brennt die Liebe jetzt heiss und öffentlich und ich kann ihren Namen richtig schreiben. Mit Haiyti kommt man gut durchs Leben. Es scheint, als habe sie sich meinen ganzen Schmerz aufgeladen. Als könne sie in Hauptsätzen erfassen, was sich mir in hypotaktischer Diffusie entzieht. Und bei alldem ist sie unantastbar, unzerstörbar, digital. Haiyiti ist Rapperin.

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Wo ist Gaudenz?!

Gisela Feuz am Montag den 13. Februar 2017

Kommendes Wochenende kommen Hörfetischisten auf ihre Kosten: Im Kino Rex wird beim 7. sonOhr Festival Ohrensex Audiokunst geboten. Form und Inhalte der Wettbewerbsbeiträge sind vielfältig. Es gibt Features, Dokumentationen, Reportagen und Klangcollagen in Deutsch, Französisch und Italienisch zu hören, die sich unter anderem um Kühe am Schönheitswettbewerb, den schweren Umgang mit Demenz oder die vermeindliche Mutation von Getreidekörnen drehen. Ausserdem wird mit «Nosferatu reloaded» ein Live-Hörspiel fabriziert und bei den Hörgames «Blowback – Der Auftrag» und «Polder – become a story» kann das Publikum gar selber mittun.

Der Blick ins Programm verrät, dass dieses Jahr einer fehlt. Ein Kurzhörspielmacher, der sonst bei sonOhr immer dabei ist. Einer, der in schönster Do-it-yourself-Manier vom Texten übers Komponieren und Pegeln alles selber übernimmt und dann auch noch gleich alle Rollen einspricht und zwar in unterschiedlichen Dialekten. Einer, dessen Beiträge humortechnisch, nun ja, vielleicht nicht jedermanns Sache sind, der aber andererseits gerade wegen seiner kindlichen Experimentierfreude und dem niederschwelligen «Gott, du bisch ä blöde Siech»-Humor über eine eingefleischte, weltumfassende Fangemeinde verfügt (Matto Kämpf und Frau Feuz). Gaudenz Trüeb, wo bist du? Dir ist doch hoffentlich nichts zugestossen, oder?! Und gell, nächstes Jahr kommt wieder was von dir? Einfach bitte nicht über Raclette. Sonst kann man das dann auch nicht mehr essen.

Das sonOhr Festival findet vom 17. – 19. Februar im Kino Rex statt, mehr zu Gaudenz Trüeb können Sie hier in Erfahrung bringen.

 

Der innere Kilometerzähler

Mirko Schwab am Samstag den 11. Februar 2017

Die beste Popband der Schweiz ist zurück.

Lauener in Bethlehem: «Schatteboxe».

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen: Der Schwab ist ihr treu. Im staubigen CD-Player, den man Ghettoblaster nannte, damals am Ende der Neunziger und auf dem Parkettboden des Vorstadtblocks, der nichts mit Ghetto zu tun hatte, da drehte «Super8» ihre Runden. Auf Replay. Das hörte nie mehr auf und wurde bedingungslos. Schwab zog weiter. Mochte das Laute und Düstere, Exotische und Befremdende mehr und mehr zum Zentrum werden seiner Popfantasie, Kuno und die Boys, sie blieben.

Jetzt also, fünf Jahre sind verstrichen seit der bildhübschen «Göteborg» (Züri West ist immer auch der innere Kilometerzähler, «e Chare wo louft u louft u …»): Zwei neue Songs. Gute Songs. Aber wissen Sie was: Sollen andere rezensieren, der Ane zum Beispiel. Schwab hat sich schon per Einleitung sentimental disqualifiziert dafür. Und ist KulturStattBern aka certified underground culture blog continuum der richtige Ort fürs Heldentum, für die Dinge, auf die sich zu Recht alle einig sind? Nein, die Freaks graben weiter in der Nische, für die Dinge, die sonst vergessen gehen könnten. Aber an diesem beschwingten Samstagnachmittag und kurz vor Frühling: Ein inniger Gruss vom Schwab aus dem Nischenblog. An Kuno und die Boys – und als Verneigung vor der besten Popband der Schweiz.

Die neue Scherbe «Love» kommt auf Frühling, 24.03.17. Tourdaten hier.

Kleinstadt im Weltformat

Mirko Schwab am Samstag den 4. Februar 2017

Vor bald einundzwanzig Jahren hat der Storch uns einen Raben beschert. Einen quengligen, lauten, bunten, manchmal fahrigen, oft beflissenen und immer nötigen Glücksvogel. Alles Drucke zum Geburtstag!

Zum Zwanzigsten haben zwanzig Kulturleute dem Rebellenradio RaBe ein grafisches Kränzchen gewindet. Jetzt ist der alte Störenfried also schon bald einundzwanzig – und die besagten Geburtstagsgrüsse sind in Druckform erhältlich. Für an die Wand oder den Kühlschrank und auch besser, als immer eine Fahne haben … Lasch kommentiert, eine Auswahl der schönsten und wüstesten. (Und wie im Radioprogramm ist es eben auch das schönste, manchmal auf dem falschen Fuss erwischt zu werden. In diesem Sinne: Einmal Mittelfinger an die marktanalysierenden Nichtsnutze vom Hitradio, die das Wasser aus jenem Tümpelchen preisen, in das sie reinpinkeln.)

And now for the good things:

Alles Raben: Erst im Schwarm wird aus schrägen Vögeln eine Idee.

Laut und wüst wie der Reverend himslef: Des Beatmans Entwurf.

In jedem Vogel steckt ein Rabe. Die gelebte kulturelle Vielfalt aufs Plakat gebracht.

Ein echter Claude Kuhn: lakonisch und auf den Punkt. Die Erweiterung der Pupillen beim Einschalten des Radiogeräts.

Mit dem «Unknown Pleasures»-Cover wurde allerhand Blödsinn getrieben in den letzten Jahren – und so mancher Oberschenkel wäre besser dran ohne Joy-Divison-Tattoo «weil einem diese tiefgründigen Texte halt so unter die Haut gehen …» Item, ist jedenfalls eine der sinnvolleren Bemühungen des Motivs. Und RaBe fraglos eine zu unbekannte Freude.

Der weit aufgerissene Schnabel wirft Licht ins Dunkel. Lautstärke ist Licht. Diversität ist Licht. Dilettantismus ist Licht. Ein Schmuckstück in beherzter und einleuchtender Symbolik.

Wer schon immer mal wissen wollte, wie es in diesem herrlichhässlichen Block am Randweg 21 so zugeht: Xsändus Einwurf zeigt die ganze Wahrheit.

Ein eher missglücktes Beispiel zum Schluss. Da sind wir uns vom renommierten Plakatgestalter Stephan Bundi aber höhere Flüge gewohnt. Ein Regenbogen-Arien kotzender Rabe auf weissem Hintergrund … Gut, so besehen machts schon wieder Spass.

Sämtliche Plakate gibts zu fairem Preis als Weltformat, A2 oder in Form einer Postkartenserie. Am besten mal am Randweg 21 vorbeischauen oder ein Mail machen an: rabe(ät)rabe(punkt)ch

Vorbei 1 nicer Sommer

Mirko Schwab am Donnerstag den 1. September 2016

Wie kann man Ihnen und sich selbst, frühmorgens und bei bestem Wetter die Laune vermiesen? Mit einer zünftigen Dosis Endlichkeit. Der Sommer ist vorbei. Anlass, einen fünfundzwanzigjährigen Songtext auf unsere Zeit hin zu befragen.

Symbolbild: Winter kommt.

Symbolbild: Winter kommt. (Lucien Lenoir)

1991 ist schon ein Vierteljahrhundert her. Ich war damals erst ein schüchterner Flirt vor dem ISC. Aus Westnordwest wehte ein rauher Wind über den atlantischen Ozean und aus Ostnordost eine abgeflaute eiserne Bise. Und mein Held Kuno gab seiner Stimme ein bisschen Extraluft: «Dr Summer isch verbii.» Ein lakonisches Résumé über die paar einfachen Dinge, Halt statt Verlangen, ein wenig Demut vor dem Altweibersommer. Das bisschen Weltschmerz, das bisschen Konsum, das bisschen Melancholie und das bisschen Nachsicht mit den Dingen.

Und so schön es ist und stimmig – und bei aller Verehrung für meinen Helden, wundert es mich doch, wo mich dieses Lied hinführen könnte am heutigen Tag im Jahr Zweitausendundsechzehn.

Der Sommer ist vorbei. Es war 1 nicer Sommer. Und es ist viel passiert und viel Scheisse die Facebook-Timeline runtergeflossen und oft hatte das wenig gemeinsam miteinander. Die Welt dreht sich noch immer. Wenn wir uns Ferien verdient haben und die harte Gönnung, und ein Lüftlein geht und etwas Bräunung, dann ist das Leben hier doch gar nicht mal so schlimm. Wenn wir die Welt anschauen würden. Wenn wir die Zeitung lesen würden. Aber so gibts keinen Grund zum grübeln. Solang der Kater noch säuft und #läuft, und es noch grad für die nächste Scheibe reicht, liegts irgendwie, haltkleb noch drin. Solang am Morgen noch ein neuer Tag anfängt. Solang noch Kohle Koma Karma etwa stimmt. Solangs Bilder gibt vom eigenen Gesicht. Solang man alles schluckt und nicht erbricht.