Archiv für die Kategorie ‘Lieblinge’

Songs für die Tauben, die Katz und die Ewigkeit

Mirko Schwab am Mittwoch den 15. März 2017

Dear Chop.

Bild: Ilona Ostwind.

Jetzt also machst du zu. Davon haben sie berichtet in der richtigen Zeitung – aber niemand hat sich bedankt.

Da kommen doch Dinge hoch. Zweinullnullirgend hab ich im vom Vater abonnierten Rockheftli geblättert und durfte dann eine herauslesen aus den Neuerscheinungen. Songs For The Deaf. Parental Advisory. Wir nahmen den Bus in die Stadt, weiter zum Waisenhausplatz, dahin, wo heute dieser seltsame Beck ist mit dem noch seltsameren Werbeslogan. Aber damals eben warst du noch da, auf zwei Etagen. Ein Palast im Herbst der Compact Disc. Danach bin ich oft gekommen nach der Schule. Bin an den Probiersäulen abgehangen mit heissen Ohren unter den abgewetzten Kopfhörern etc. Es ist mir, als hätte ich das Alphabet von dir gelernt beim Blättern in den Registern …

Irgendwann wurde ein Keller aus dem Palast. Irgendwann wurde aus einem Rockheftli das Internet. Irgendwann hatte ich Haare am Sack und etwas Sackgeld. Irgendwann wurde die Welt kompliziert. Liess sich nicht mehr spiegeln auf zwölf Zentimeter im Quadrat. Also drehte sie fortan mit 33 Runden in der Minute. Hätte ich mehr Geld gehabt, ich hätte es nur bei dir verjubelt. Jaja, bisschen Pathos muss drinliegen, natürlich hätte ich es auch weiterhin versoffen. Und manchmal bin ich schon fremd gegangen, als es noch eine Handvoll Alternativen gab. Aber die Konkurrenz hast du überlebt. Sie ist vor dir gestorben.

Schnell mal eine rauchen.
Schweigeminute.

Unsere Beziehung war nie kompliziert. Du warst ein feiner Laden und ich brauchte Rundes. Das hat sich gut ergeben. Und was es mir an seelischen Unannehmlichkeiten sonst ins Leben gespült hat, war immer gut zu ertragen dank dir du meinem lieben Plattenladen.

Danke.

Gestern hab ich meine Letzte gekauft bei dir. 30%. Selten hab ich mich weniger gefreut über einen Rabatt.

XOXO
M

Chop Records ist noch bis Ende Monat offen, Ausverkauf.

Wo ist Gaudenz?!

Gisela Feuz am Montag den 13. Februar 2017

Kommendes Wochenende kommen Hörfetischisten auf ihre Kosten: Im Kino Rex wird beim 7. sonOhr Festival Ohrensex Audiokunst geboten. Form und Inhalte der Wettbewerbsbeiträge sind vielfältig. Es gibt Features, Dokumentationen, Reportagen und Klangcollagen in Deutsch, Französisch und Italienisch zu hören, die sich unter anderem um Kühe am Schönheitswettbewerb, den schweren Umgang mit Demenz oder die vermeindliche Mutation von Getreidekörnen drehen. Ausserdem wird mit «Nosferatu reloaded» ein Live-Hörspiel fabriziert und bei den Hörgames «Blowback – Der Auftrag» und «Polder – become a story» kann das Publikum gar selber mittun.

Der Blick ins Programm verrät, dass dieses Jahr einer fehlt. Ein Kurzhörspielmacher, der sonst bei sonOhr immer dabei ist. Einer, der in schönster Do-it-yourself-Manier vom Texten übers Komponieren und Pegeln alles selber übernimmt und dann auch noch gleich alle Rollen einspricht und zwar in unterschiedlichen Dialekten. Einer, dessen Beiträge humortechnisch, nun ja, vielleicht nicht jedermanns Sache sind, der aber andererseits gerade wegen seiner kindlichen Experimentierfreude und dem niederschwelligen «Gott, du bisch ä blöde Siech»-Humor über eine eingefleischte, weltumfassende Fangemeinde verfügt (Matto Kämpf und Frau Feuz). Gaudenz Trüeb, wo bist du? Dir ist doch hoffentlich nichts zugestossen, oder?! Und gell, nächstes Jahr kommt wieder was von dir? Einfach bitte nicht über Raclette. Sonst kann man das dann auch nicht mehr essen.

Das sonOhr Festival findet vom 17. – 19. Februar im Kino Rex statt, mehr zu Gaudenz Trüeb können Sie hier in Erfahrung bringen.

 

Der innere Kilometerzähler

Mirko Schwab am Samstag den 11. Februar 2017

Die beste Popband der Schweiz ist zurück.

Lauener in Bethlehem: «Schatteboxe».

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen: Der Schwab ist ihr treu. Im staubigen CD-Player, den man Ghettoblaster nannte, damals am Ende der Neunziger und auf dem Parkettboden des Vorstadtblocks, der nichts mit Ghetto zu tun hatte, da drehte «Super8» ihre Runden. Auf Replay. Das hörte nie mehr auf und wurde bedingungslos. Schwab zog weiter. Mochte das Laute und Düstere, Exotische und Befremdende mehr und mehr zum Zentrum werden seiner Popfantasie, Kuno und die Boys, sie blieben.

Jetzt also, fünf Jahre sind verstrichen seit der bildhübschen «Göteborg» (Züri West ist immer auch der innere Kilometerzähler, «e Chare wo louft u louft u …»): Zwei neue Songs. Gute Songs. Aber wissen Sie was: Sollen andere rezensieren, der Ane zum Beispiel. Schwab hat sich schon per Einleitung sentimental disqualifiziert dafür. Und ist KulturStattBern aka certified underground culture blog continuum der richtige Ort fürs Heldentum, für die Dinge, auf die sich zu Recht alle einig sind? Nein, die Freaks graben weiter in der Nische, für die Dinge, die sonst vergessen gehen könnten. Aber an diesem beschwingten Samstagnachmittag und kurz vor Frühling: Ein inniger Gruss vom Schwab aus dem Nischenblog. An Kuno und die Boys – und als Verneigung vor der besten Popband der Schweiz.

Die neue Scherbe «Love» kommt auf Frühling, 24.03.17. Tourdaten hier.

Kleinstadt im Weltformat

Mirko Schwab am Samstag den 4. Februar 2017

Vor bald einundzwanzig Jahren hat der Storch uns einen Raben beschert. Einen quengligen, lauten, bunten, manchmal fahrigen, oft beflissenen und immer nötigen Glücksvogel. Alles Drucke zum Geburtstag!

Zum Zwanzigsten haben zwanzig Kulturleute dem Rebellenradio RaBe ein grafisches Kränzchen gewindet. Jetzt ist der alte Störenfried also schon bald einundzwanzig – und die besagten Geburtstagsgrüsse sind in Druckform erhältlich. Für an die Wand oder den Kühlschrank und auch besser, als immer eine Fahne haben … Lasch kommentiert, eine Auswahl der schönsten und wüstesten. (Und wie im Radioprogramm ist es eben auch das schönste, manchmal auf dem falschen Fuss erwischt zu werden. In diesem Sinne: Einmal Mittelfinger an die marktanalysierenden Nichtsnutze vom Hitradio, die das Wasser aus jenem Tümpelchen preisen, in das sie reinpinkeln.)

And now for the good things:

Alles Raben: Erst im Schwarm wird aus schrägen Vögeln eine Idee.

Laut und wüst wie der Reverend himslef: Des Beatmans Entwurf.

In jedem Vogel steckt ein Rabe. Die gelebte kulturelle Vielfalt aufs Plakat gebracht.

Ein echter Claude Kuhn: lakonisch und auf den Punkt. Die Erweiterung der Pupillen beim Einschalten des Radiogeräts.

Mit dem «Unknown Pleasures»-Cover wurde allerhand Blödsinn getrieben in den letzten Jahren – und so mancher Oberschenkel wäre besser dran ohne Joy-Divison-Tattoo «weil einem diese tiefgründigen Texte halt so unter die Haut gehen …» Item, ist jedenfalls eine der sinnvolleren Bemühungen des Motivs. Und RaBe fraglos eine zu unbekannte Freude.

Der weit aufgerissene Schnabel wirft Licht ins Dunkel. Lautstärke ist Licht. Diversität ist Licht. Dilettantismus ist Licht. Ein Schmuckstück in beherzter und einleuchtender Symbolik.

Wer schon immer mal wissen wollte, wie es in diesem herrlichhässlichen Block am Randweg 21 so zugeht: Xsändus Einwurf zeigt die ganze Wahrheit.

Ein eher missglücktes Beispiel zum Schluss. Da sind wir uns vom renommierten Plakatgestalter Stephan Bundi aber höhere Flüge gewohnt. Ein Regenbogen-Arien kotzender Rabe auf weissem Hintergrund … Gut, so besehen machts schon wieder Spass.

Sämtliche Plakate gibts zu fairem Preis als Weltformat, A2 oder in Form einer Postkartenserie. Am besten mal am Randweg 21 vorbeischauen oder ein Mail machen an: rabe(ät)rabe(punkt)ch

Vorbei 1 nicer Sommer

Mirko Schwab am Donnerstag den 1. September 2016

Wie kann man Ihnen und sich selbst, frühmorgens und bei bestem Wetter die Laune vermiesen? Mit einer zünftigen Dosis Endlichkeit. Der Sommer ist vorbei. Anlass, einen fünfundzwanzigjährigen Songtext auf unsere Zeit hin zu befragen.

Symbolbild: Winter kommt.

Symbolbild: Winter kommt. (Lucien Lenoir)

1991 ist schon ein Vierteljahrhundert her. Ich war damals erst ein schüchterner Flirt vor dem ISC. Aus Westnordwest wehte ein rauher Wind über den atlantischen Ozean und aus Ostnordost eine abgeflaute eiserne Bise. Und mein Held Kuno gab seiner Stimme ein bisschen Extraluft: «Dr Summer isch verbii.» Ein lakonisches Résumé über die paar einfachen Dinge, Halt statt Verlangen, ein wenig Demut vor dem Altweibersommer. Das bisschen Weltschmerz, das bisschen Konsum, das bisschen Melancholie und das bisschen Nachsicht mit den Dingen.

Und so schön es ist und stimmig – und bei aller Verehrung für meinen Helden, wundert es mich doch, wo mich dieses Lied hinführen könnte am heutigen Tag im Jahr Zweitausendundsechzehn.

Der Sommer ist vorbei. Es war 1 nicer Sommer. Und es ist viel passiert und viel Scheisse die Facebook-Timeline runtergeflossen und oft hatte das wenig gemeinsam miteinander. Die Welt dreht sich noch immer. Wenn wir uns Ferien verdient haben und die harte Gönnung, und ein Lüftlein geht und etwas Bräunung, dann ist das Leben hier doch gar nicht mal so schlimm. Wenn wir die Welt anschauen würden. Wenn wir die Zeitung lesen würden. Aber so gibts keinen Grund zum grübeln. Solang der Kater noch säuft und #läuft, und es noch grad für die nächste Scheibe reicht, liegts irgendwie, haltkleb noch drin. Solang am Morgen noch ein neuer Tag anfängt. Solang noch Kohle Koma Karma etwa stimmt. Solangs Bilder gibt vom eigenen Gesicht. Solang man alles schluckt und nicht erbricht.

Hätte ich einen Schwanz …

Gisela Feuz am Mittwoch den 10. August 2016

… würde ich jetzt so fest damit wedeln, dass mein Hintern hin- und herschwingen würde. Es ist vollbracht! Der Buch-Welpen ist geboren. Sie, das war dann aber gar nicht so einfach. «Pah, so ein Büchlein machen, kann so schwer ja wohl nicht sein», hat sie in ihrer bodenlosen Naivität gedacht, die olle Feuz. Und weil es ja organisatorisch langweilig wäre, wenn schreibtechnisch nur eine Person involviert wäre, fragt man nicht eine, nicht zwei, nicht drei, nein: 17 Leute an, ob sie vielleicht einen Text beisteuern würden. Sie, den ganzen Seich dann koordinieren. Denen mit Schreibstau und Identitätskrise Luft zufächeln und gut zureden. Denen auf die Finger hauen, welche nicht vorwärts machen. Hermann eine Infusion mit Walliser Weisswein stecken. Meister und Grob das 25. Kind ausreden. Kämpf und Urweider aus der Bar nach Hause schicken. Von Graffenried Nikotinpflaster kaufen. Einen Verlag finden. Einen Layouter finden. Geld auftreiben. Sie, also zwischendurch hab ich ja schon gedacht, läck bobi Feuz, welcher Pitbull hat dich da bloss geritten?!

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Aber jetzt ist es also da, das Fotobüchlein «Montagshunde» und ich bin die stolzeste Mama, welche die Welt je gesehen hat. Vergessen all die Tränen und durchwachten Nächte (was «pathetisch»?!), welche mir das Buch beschert hat. 47 Seiten, 26 Fotos, 18 Texte, Gedichte und Lieder von liebguten und talentierten Menschen, die für wenig Geld im stillen Kämmerchen geackert haben. Hach, Freude! *Tränenderrührungabtupf – in Businessmodusüberschwenk* Und weil Sie, werte KSB-Leserschaft, ihre Weihnachtsgeschenke ja bestimmt noch nicht gekauft haben, bestellen Sie jetzt alle auf der Stelle ein Exemplar, ja?

Angefangen hat alles mit der Fotokolumne «Müder Montagshund», welche bis dato die längste Serie in der KSB-Geschichte ist. Von Januar bis Oktober 2015 erschien jeden Montag ein Bild eines schlafenden Hümpus – die Aufnahmen waren während einer Reise durch Südamerika entstanden – und bald einmal begannen Leser und Leserinnen, Bilder von müden Hunden aus der ganzen Welt zu schicken. Auf den Blog folgt nun das Büchlein, für welches folgende Autoren und Autorinnen Texte beigesteuert haben: Lisa Catena, Michael Fehr, Frau Feuz, Ariane von Graffenried, Stefanie Grob, Rolf Hermann, Olivier Joliat, Matto Kämpf, Sandra Künzi, Pedro Lenz, Gerhard Meister, Grazia Pergoletti, Roland Reichen, Bubi Rufener, Christoph Simon, Michael Stauffer, Raphael Urweider, Suzanne Zahnd. Ihr seid alles Helden und Heldinnen, genauso wie Layouter Philipp Thöni und Menschenversand-Verlagspapa Matthias Burki. DANKE! Getauft wird «Montagshunde» am 1. September im Kairo, wobei insgesamt 13 Autoren und Autorinnen anwesend sein, lesen und ja: auch musizieren werden. Sie kommen auch? Schön!

Von einem Salty Dog

Mirko Schwab am Sonntag den 3. Juli 2016

Heute vor fünfunddreissig Jahren ist der Blueser Chlöisu Friedli unter den Zug gegangen.

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Friedli zieht an einer Zigarette. In der Waldau musste man zum Tabaktrinken offenbar auf Toilette.

Vergessen hat man ihn zum Glück bis heute nicht. Es ist seinen Freunden und dem Verlag Fata Morgana zu verdanken, die seine Lieder und geschriebenen Geschichten letztlich veröffentlicht haben, nicht lang, nachdem er gegangen ist. Auch die Platte Wohäre Geisch?, eine Sammlung berndeutscher Blues und verruchter Jazzereien nach altem Stil. Er war ein Blueser und kein Chansonier, ein rechter Zwölftakt-Motor am verstimmten Honky-Tonk-Klavier. Er hat gesungen und gespielt, wie es aus ihm herauskam und aus einem herauskommt, dem das Leben gäbig Blau beigemischt hat. Er ist aus dem Gäbelbachtal gekommen, hat vom Tscharnergut gesungen, von der kalten Kirche, von Jimmy Yancey und der Waldau, vom Aussteigen.

Der Blues ist Dur und Moll oder weder noch. Im selben Stück schmunzeln wir und müssen merken, dass der Witzereisser ein trauriger und enttäuschter ist.

«Aus het e Guh: ds Chaub schmöckt nach Hormon, ds Rind nach Ragout – u d Mönsche stinke!»

Heute vor fünfunddreissig Jahren ist er unter den Zug gegangen.
Wohäre bisch äch gange, Chlöisu?

Dominikpassion

Mirko Schwab am Freitag den 24. Juni 2016

Dominik Kesseli ist der Lord, Michael Galusser sein Trommler – macht Lord Kesseli & The Drums. Die Veröffentlichung ihres neuen Konzertfilms führt den Schreibenden auf theologische Abwege.

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Der Lord wartet auf Arnold.

Die Konzerte von Lord Kesseli & The Drums riechen nach Weihrauch. Was jetzt klingt, als hätte sich ein Büne Huber etwas fest mit der eigenen Poesie betrunken, ist so: Da räuchelts die ganze Darbietung lang aus dem Schälchen. Es muss erwähnt werden, weil auch im Jahr 2016 lediglich audiovisuelle Sinne per Stream bedient werden können (und bisweilen zum Glück, bei all den anrüchigen Blütteleien in diesem Internet.) Und das in diesem Blog bereits bei der einen oder anderen Gelegenheit mit Lobpreis gewürdigte Duo hat vor ein paar Tagen dem alten Internet mal wieder einen anmutigen Beitrag beschert – mit der Veröffentlichung ihres neuen Konzertfilms. Ein reizvolles Format: Einerseits verdichtet sich darin die ganze Grösse dieser Kleinstformation en scène, als Dreingabe rührts der konzertanten Direktheit aber auch eine Prise Cineastik unter.

Zur Gruppe ein paar Verlautbarungen eines glühenden Anhängers (etwa so, wie wenn Sie diese Tage Ihren metallenen Schlüsselbund in der Mittagssonne vergessen.) Es sind ganz zufällig zehn und Sie sollten sie befolgen.
Wir wechseln folgend ins bibelfeste Du.

  1. Du sollst keine anderen Götter neben mir dem Lord haben. Allein die heimische Szene bietet beste Musiken. Du sollst etwa beim Zürcher Plattenbau Ikarus Records vorbeischauen, dem das Debutalbum zu verdanken ist vom Kesseli und den Trommeln.
  2. Du sollst den Namen Gottes des Lords nicht verunehren. Das wäre den bescheidenen Ostschweizern nicht recht. Du sollst ihn aber rumerzählen – und dir ein Bildnis machen: den nächsten Berntermin sollst du der Fusszeile entnehmen.
  3. Du sollst den Tag Schlag des Herrn heiligen. The Drums Michael Galusser, bekannt als Gitarrist und Produzent, hat für diese Band das Schlagzeugspiel quasi gelernt. Verdammt viel Stil im Spiel hat der Herr.
  4. Du sollst Vater und Mutter Kinder und Muskelprotze ehren. Die Schauspieler im Film tun das ihrige auch sehr ansprechend. (Pastor ab 04:30, Muskelmann ab 07:16 und Unschuldsbuben ab 08:40.)
  5. Du sollst nicht töten. Ist so.
  6. Du sollst nicht ehebrechen mit deinen Vorurteilen. Lord Kesseli & The Drums machen verbotene Dinge salonfähig: Sie spielen über vorproduzierte Tonspuren und mit aus der Mode geratenen Instrumenten (Die kopflose 80er-Jahre-Plastikgitarre des Lords kommt im Video leider nicht vor, davor live umso eindrücklicher.)
  7. Du sollst nicht stehlen. Du sollst dir das Debutalbum der Band käuflich erwerben.
  8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen (mit)singen. Du sollst der Engelsstimme des Lords lauschen.
  9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau eine Zugabe. Halb Performance, halb Konzert, wirds sicher nichts mit Mitklatschanimation, Zugaben und sonstigem Tand aus der Unterhaltungspraxis. Heldenhafte Gitarrenposen liegen drin.
  10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut des Lords Fleischhut. Der schönsten Glatze im Musikbusiness sei das letzte Gebot gewidmet. (Du sollst nicht eitel werden bei Haarausfall.)

Lord Kesseli & The Drums beweihräuchern das Rössli am 18. September 2016.

Kultur allein Zuhause #9: Brüten und Füttern

Saskia Winkelmann am Freitag den 27. Mai 2016

Dieses Buch spielt grösstenteils in Bern: Der kurze, intensive Roman “Der Mauerläufer” der Amerikanerin Nell Zink.

“Der Mauerläufer”, Nell Zinks Erstling, ist ein dünnes dichtes Buch geworden, dessen Inhalt schnell zusammengefasst ist: Nach einem Autounfall ist bei Tiffany und Stephan nichts mehr wie vorher. Sie ist nicht mehr schwanger und er fängt einen Vogel. Ein Mauerläufer wird zum neuen Haustier der jungen Amerikanerin und des Hobbyornithologen, die erst zusammen in der Berner Altstadt, dann in Berlin wohnen.

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Die Autorin Nell Zink kommt aus Virgina und lebt seit Jahren in einer Kleinststadt in Brandenburg, wo sie bis jetzt nur für Freunde und sich selbst geschrieben hat. Nun legt sie mal eben so mit fünfzig ihren ersten Roman hin, den die Feuilletons (zu recht) einstimmig loben.

Es geht darin um die Liebe, um Umweltschutz, um Sex und Heimat – und es geht um Vögel. Mit einem Tempo führt Zink einen an der Seite von Tiff durch Bern, Berlin und den Balkan, durch eine Ehe, eine Affäre, durch Clubs, durch die Pampa in Sachsen-Anhalt, durchs Berner Oberland, durch Vogelsaffaris und Gefühlsachterbahnen. Das ist manchmal anstrengend, aber immer kurzweilig und sicher nie langweilig, auch wenn man sich nicht im geringsten für Vögel und Umweltschutz interessiert.

Menschenfrei Kultur geniessen in den eigenen vier Wänden. Tipps und Tricks von KSB. Diesmal: “Der Mauerläufer” von Nell Zink. Im März bei Rowohlt erschienen, 155 Seiten.

Kultur allein zuhause #7: Unter Leuten

Saskia Winkelmann am Donnerstag den 17. März 2016

In Juli Zehs neuem Roman „Unterleuten“ kämpfen zwölf Menschen für und gegen einen Windpark in ihrem Dorf. Zehs zehntes Buch ist ein Gesellschaftsroman geworden.

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Sie haben es vielleicht mitbekommen: Bestseller-Autorin Juli Zeh hat vor ein paar Tagen einen Gesellschaftsroman veröffentlicht. Um es vorwegzunehmen: Herausgekommen ist ein mehr als gelungener Roman.

Juli Zeh hat Gutes und weniger Gutes geschrieben,
zehn Bücher und ein Theaterstück sind es inzwischen. Als Teenager habe ich „Adler und Engel“ und „Spieltrieb“ geliebt, gerade wegen dem Drama, den Themen, den grossen Metaphern und den Sprachspielen nach dem Motto mehr ist mehr. Später, als ich Autoren wie Markus Werner zu verehren begann, auch gerade wegen der Einfachheit der Sprache und Handlungen, wurde mir von Zehs Sätzen manchmal schlecht wie von zu viel Schwarzwäldertorte – auch wenn Zucker und Fett ja an sich super sind, zu viel davon verursacht einfach Bauchschmerzen. Die Krimis und Dystopien („Schilf“, „Nullzeit“, „Korpus Delicti“) habe ich mir dann gar nicht mehr zu Gemüte geführt. Das Theaterstück „Yellow Line“ war meiner Meinung nach eine Katastrophe (Stephan Schmieding und sein Schauspielteam haben es trotzdem erfolgreich zusammengestrichen und eine tolle Inszenierung letzten Frühling am Konzert Theater Bern gezeigt).
Dann habe ich den Reisebericht, eines ihrer ersten Bücher „Die Stille ist ein Geräusch” entdeckt, das seltsamerweise genau von den Wortspielen lebt, die mir beim Lesen von „Spieltrieb“ inzwischen so auf den Sack gehen würden.

Und jetzt also ein Gesellschaftsroman. Wer einen sich an dieses Genre wagt, will nicht viel weniger als alles. Der Roman will etwas abbilden, das für ein Grösseres steht und er will eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft sein. Ein Wagnis also für Zeh, an das sich wenige Deutsche Autorinnen wagen. Traditionell sind die Meister des Gesellschaftsromans allesamt Amerikaner.

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