Archiv für die Kategorie ‘Kopf & Kragen’

Was uns bleibt o. how cares

Mirko Schwab am Mittwoch den 31. Mai 2017

Sonnenbrand ist Seelenbrand. Stille ist Lärm. Und am Rand noch ein Konzert.

Fuck me up, it’s okay. (Fotojob: Ilona Steiger x Eva Wolf.)

Von der Pigmentpanne neulich im Weyerli hat Ihnen ja die Feuz bereits berichtet. Allein, dem ersten Sonnenbrand im Jahr wohnt doch ein ritueller Charakter inne. Als hiesse man den Sommer mit nackten Armen willkommen und stöhnte: «Fuck me up, it’s okay.» Mütter fürchten den Sonnenbrand. Sie fürchten ihn mehr als den Jugendrichter oder diesen ominösen Typen, mit dem man nie! nie! nie! mitgehen solle, auch wenn er einem Schokolade anbietet. Sie fürchten ihn mehr als den Tod, den krebsenden Tod, mit dem sie vor dem Sonnenbrand warnen. Und so ist also aus der ganzen gutgemeinten Mutterhysterie heraus, die einen den Nachmittag im schattigen Verliess zubringen liess, während alle draussen einen Geilen haben durften mit stolzer roter Birne, so ist also daraus seit frühester Kindheit eines klar: Sonnenbrand und Rebellion, das gehört irgendwie zusammen.

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Der innere Kilometerzähler

Mirko Schwab am Samstag den 11. Februar 2017

Die beste Popband der Schweiz ist zurück.

Lauener in Bethlehem: «Schatteboxe».

Regelmässige Leser dieses Blogs wissen: Der Schwab ist ihr treu. Im staubigen CD-Player, den man Ghettoblaster nannte, damals am Ende der Neunziger und auf dem Parkettboden des Vorstadtblocks, der nichts mit Ghetto zu tun hatte, da drehte «Super8» ihre Runden. Auf Replay. Das hörte nie mehr auf und wurde bedingungslos. Schwab zog weiter. Mochte das Laute und Düstere, Exotische und Befremdende mehr und mehr zum Zentrum werden seiner Popfantasie, Kuno und die Boys, sie blieben.

Jetzt also, fünf Jahre sind verstrichen seit der bildhübschen «Göteborg» (Züri West ist immer auch der innere Kilometerzähler, «e Chare wo louft u louft u …»): Zwei neue Songs. Gute Songs. Aber wissen Sie was: Sollen andere rezensieren, der Ane zum Beispiel. Schwab hat sich schon per Einleitung sentimental disqualifiziert dafür. Und ist KulturStattBern aka certified underground culture blog continuum der richtige Ort fürs Heldentum, für die Dinge, auf die sich zu Recht alle einig sind? Nein, die Freaks graben weiter in der Nische, für die Dinge, die sonst vergessen gehen könnten. Aber an diesem beschwingten Samstagnachmittag und kurz vor Frühling: Ein inniger Gruss vom Schwab aus dem Nischenblog. An Kuno und die Boys – und als Verneigung vor der besten Popband der Schweiz.

Die neue Scherbe «Love» kommt auf Frühling, 24.03.17. Tourdaten hier.

Die ganze verdammte Welt

Milena Krstic am Donnerstag den 29. September 2016

Unter dem Motto «Neues und Ungehörtes» trat gestern Abend der Akkordeonist Mario Batkovic im Kubus auf. Endo Anaconda kam dann auch noch.

Pünktchen und Anton, Batkovic und Anaconda – im Kubus.

Pünktchen und Anton, Batkovic und Anaconda im Kubus.

Es gab da dieses Portrait im «Bund» damals, in dem Mario Batkovic dem Journalisten erzählt, wie er früher an Apéro-Anlässen gespielt habe und sich mit der Rückenansicht der Anwesenden habe begnügen müssen. Wer findet denn noch die Zeit, sich während dem Cüpli–Stürzen und Blätterteigröhrli-Knabbern um das Hintergrundgedudel zu kümmern? Eben.

Aber der Batkovic, der hat sein Schicksal in die Hand genommen und kurzum sowohl sein Musikerdasein wie auch sein Hauptinstrument, das Akkordeon, revolutioniert. «Das Handörgeli gehört auf eine grosse Bühne», sagte er. Und tat es.

Der Kubus des Konzert Theater Bern jedenfalls war gestern Abend praktisch ausverkauft. In dieser Handorgel, die Batkovic umarmte, steckt tribalistischer Techno, da drin steckt himmelschreiender Gospel, heulender Blues und trunkener Folk. Also eigentlich steckt in diesem raupenartigen Wunderkasten die ganze verdammte Welt. Und vielleicht steckt diese ganze Welt ja in jedem Instrument dieser Erde? Es braucht aber immer jemanden, der obsessiv genug ist, diese da herauszumeisseln, Kitzeln allein wird da nicht genügen. Mario Batkovic hat seine Arbeit getan. Mit kindlichem Wunder im Gesicht präsentierte er sein Instrument: schaut, wie das röhrt und gurrt und knattert, schien er zu denken und spielte doch einfach nur.

Am Ende bat Batkovic das Publikum darum, mit ihm ein Selfie machen zu dürfen, «sonst glaubt mir das ja keiner.» Natürlich dürfen Sie, Mario. Sie dürfen alles.

PS. Da hab ich vor lauter Lobesgesängen fast den Endo vergessen, der sich zu Batkovics Publikums-Premiere am Piano (!) hat begleiten und zu einer, Zitat, «Spoken Word»-Einlage hinreissen lassen.

Und: Mario Batkovic war letzte Woche bei unserer Frau Feuz in der Sendung KultuRadar.

Fontänen und Pissoirs

Miko Hucko am Donnerstag den 11. Februar 2016

Dada-Jubiläum wird ja kräftig gefeiert dieses Jahr, weil, hey, weltbedeutende Kunst, die auch ein bisschen aus der Schweiz stammt gibt’s ja nicht alle Tage. Alle Tage passiert es hingegen, dass Kunstwerke falsch zugeschrieben werden oder sofort einen höheren Wert und andere Einschätzung erhalten, wenn der Künstler (sic) sich zu erkennen gibt: als Mann, als Europäer, undsoweitersiekönnenessichdenken.

So ist es nicht weiter erstaunlich, dass ein Urwerk des Dada, Marcel Duchamps Pissoir, wahrscheinlich eher von einer Frau stammt. Auf einmal hat das vermeintlich Dadaistische dann doch eine Bedeutung, wenn eine Frau ein Pissoir als Readymade hinstellt und mit R. Mutt, einem männlichen Pseudonym, unterschreibt. Item.

Elsa von Freytag-Loringhoven heisst die Dame. Nur damit Sie sie nicht wieder vergessen in all der Feierei und dem Lobgehudele. Und für den Bernbezug: Haben Sie sich nicht auch schon immer gefragt, warum es eigentlich an der Zytglogge, Berns Wahrzeichen ein Pissoir hat? Könnte Dada sein. Oder Kritik am Tourismus und am Weltkulturerbe, dem sandsteingeschützten Denkmal, äh.

Das System hat ein Problem

Miko Hucko am Mittwoch den 27. Januar 2016

So der letzte Satz im Lead von Daniel Di Falcos Kommentar zur aktuellen Lage im KTB. Kurzzusammenfassung der Ereignisse: Die Leiterin der Schauspielssparte wird von einen Tag auf den anderen freigestellt, ohne die Spielzeit beenden zu können, ohne Kommentar.

Ja, das System hat wahrlich ein Problem. Remember the Flaggschiff-Principle, das von Seiten der Abteilung Kulturelles immer wieder als quasi alternativlos hingestellt wird? Grössere Häuser, so die Argumentation, macht bessere Kunst mit grösserer Ausstrahlung. Darum also fusionieren, wo es nur geht, hierarchisieren, durchstrukturieren. Aus der Kunst einen wahren Betrieb machen, Geschäftsleitungen und Intendant_innen in einer Person vereinen, Kuration statt selbstbestimmte Produktion.

Die Freistellung von Gräve ist für mich ein weiterer Beweis, dass solche Leuchttürme uns nirgendwo hinführen als in den Tod aller Kreativität. Ich war ja bekanntlich jetzt kein Fan des Programms, dass sie für diese Spielzeit aufgestellt hat. Aber Kunst, Theater, lebt doch gerade von der Reibung, die stattfinden kann, eine Reibung mit der Stadt, eine Reibung mit der Szene. Damit etwas Neues, Spannendes entstehen kann.

Was wir also brauchen, ist nicht nur eine neue Kulturstrategie, die Grosses verspricht in leeren Worthülsen, sondern ein radikales Umdenken darin, was Kunst in einer Stadt für eine Stadt und ihre Bevölkerung bedeuten kann und soll. Und das heisst, sich über die Notwendigkeit von elitären Leucht- und Elfenbeintürme jeglicher Art Gedanken machen. So richtig.

Vom Scheissen und Scheinen

Saskia Winkelmann am Donnerstag den 7. Januar 2016

An alle verkannten Genies, One-Woman-Bands, Stimmwunder und Schlafzimmermusiker: Scheisst Du noch oder scheinst Du schon?

Irgendwann tut sich für jedes Talent irgendwo ein Türchen auf. Die Frage ist nur, ob es  als solches erkannt und im richtigen Moment die Klinke gedrückt wird. Ist das Deine Tür?

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Fürs Shit&Schein können sich Newcomer bewerben. Es gibt keine Alters- oder Stilbeschränkungen. Die Jury entscheidet darüber, wer am 5. März 2016 in der Dampfzentrale sein Können unter Beweis stellen kann. Go!

Kurze Bewerbung mit musikalischer Kostprobe bis zum 25.Januar 2016 an shitundschein@dampfzentrale.ch oder Dampfzentrale Bern, Shit & Schein, Marzilistrasse 47, 3005 Bern.

Zukünfte: Dezember 2045

Miko Hucko am Dienstag den 8. Dezember 2015

Es ist der erste Stunk Skiok in der neuen Form. Und irgendwie war der vorige auch der letzte überhaupt. Nur der Name ist geblieben.

Über fast 50 Jahre hinweg war der Stunk Skiok alles andere als ein Kunstkiosk, kaufen liess sich nämlich redlich wenig. Vielmehr wurde der Frauenraum der Reitschule für einen ganzen Tag verwandelt in eine von Kunst und Künstlichen durchdrungene Welt, kollektiv von den Teilnehmenden Künstlerinnen* eingerichtet. Richtig – der Stunk Skiok war offen für alle Frauen* zum Mitmachen, und offen für alle Geschlechter zum Besuchen.

Ohne vorgängige Kuration und Hierarchien durchbrechend, wird die Ausstellung zum Begegnungsort, der Dialog und Austausch zwischen den Beteiligten ermöglicht.

Ein kunstvoller Begegnunsort, gemeinsam von Frauen* konzipiert, die sich am morgen erst getroffen hatten. Really nice.

Der Stunk Skiok findet jetzt zum ersten Mal seit 4 Jahren wieder statt. Nach der offiziellen Auflösung der binären Geschlechterrollen und der damit einhergehenden Einführung der Geschlechtervielfalt 2040 herrschte gerade in feministischen Kreisen erst mal eine gründliche Aufräumstimmung mit alten Formaten – neue mussten her, die der gesellschaftlichen Oberflächenstruktur gerecht wurden und doch radikal blieben auf ihre Weise. Schliesslich heisst ein Gesetz noch lange nicht, dass die Realität sich danach verbiegt. Konventionen, wie die Frauen in den 10er Jahren hart lernen mussten, sind einfach stärker. Item. Zurück zum Stunk Skiok:

Dieses Jahr also zum ersten Mal von Anfang offen für alle Geschlechter. Von Anfang an. Nennen Sie mich konservativ, aber ich bin gespannt, ob das gutkommt. Und doch hoffnungsvoll.

Falls Sie sich immer noch Fragen, obwohl wir uns im Jahr 2045 befinden: Das * hinter Mann* weist darauf hin, dass es sich um eine Person handelt, die wir durch Sozialisation bedingt als männlich lesen. That it’s all made up.

Heilanddonner!

Miko Hucko am Donnerstag den 26. November 2015

Und andere Schimpfwörter, die mein Grosi gerne benutzt. Zum Beispiel Heimatland. Diese nicht zu angriffigen, nicht zu kritischen oder wütenden Schimpfwörter passen eigentlich ganz gut zum Schweizer Gemüt, dass halt manchmal die Dinge nicht so gut findet. Und so ein bisschen unzufrieden ist.

Heimatland, der Film, will da andere Geschütze auffahren. Also doch den Heilanddonner, irgendwie: Eine riesige Wolke bedroht die Schweiz, Unwetter Panik Chaos, alles böse, was mensch sich hinter verhaltener Hand diesem absurd töteligen Paradies manchmal wünscht. Dass dem Heimatland mal so richtig der Kopf gewaschen wird.

Das Wasser ist es denn auch, dass das Wasserschloss bedroht. Es fliesst nicht mehr durch Hähnen, sondern bald in Strömen vom Himmel. Aber so richtig durchnässt werde ich als Zuschauerin nicht. Heimatland ist ein solider Schweizer Film. Aber er bleibt eben ein Schweizer Film, obwohl der Zorn der Kunstschaffenden zu spüren ist darin. Das Konzept mit den zehn Regisseur_innen überzeugt nicht durchwegs, aber die schwächeren Geschichten werden durch die Gesamtvielfalt aufgewertet und eingebettet. Einzelne Stränge glänzen dafür – etwa der überkorrekte und latent agressive Migros-Filialleiter oder die Polizistin mit PTSD. Unterhaltungswert hoch, vor allem für mich als Bewohnerin dieses Landes.

Ein must see? Schwer zu sagen. Wenn Sie politisch links von der CVP stehen, werden Sie ein bisschen unterfordert sein. Wenn sie politisch rechts von der CVP stehen, werden Sie den Film wahrscheinlich nicht mögen. Ich verlasse den Kinosaal mit einem mulmigen Gefühl und denke über die Möglichkeiten einer doppelten Staatsbürgerschaft nach. Und bin ein bisschen unzufrieden. Aber eben nur ein bisschen.

spielender Protest

Miko Hucko am Samstag den 31. Oktober 2015

Stell dir vor es ist Demo und keineR geht hin. So fast geschehen heute bei Spiel dich frei. 50 Nasen höchstens waren wir, und davon die Hälfte Kinder, die wir uns kurz nach 13:00 vor dem Kreissaal versammelten. Schade. Ging es doch um ein Thema, das die Stadtberner Gemüter spätestens seit dem Tanz dich frei 2.0 stärkstens erhitzt: Lärm und Raum.

Die Organisierenden sprechen von der Ballenbergisierung von Bern, ich möchte lieber von einer zunehmenden Bürokratisierung in allen Lebensbereichen sprechen. Wir leben in einer Stadt (in einem Land? in einer Zeit?), wo Leben heisst, sich an die unzähligen Regeln und Vorschriften zu halten. Ja nicht aufzufallen oder selber zu denken, Lebendigkeit wird bestraft statt gefördert.  Sonst wäre es mir kaum zu erklären, warum Kinder nicht spielen dürfen oder ein ganzes Quartier in eine Ruhezone verwandelt werden kann.

Leben macht Geräusche. Leben braucht Platz. In Bern aber ist Ruhe die Norm. So sehr, dass auch eine sogenannte Chesslete ziemlich ruhig und in geregelten Bahnen verläuft.

 

 

 

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Die Demo läuft stramm weiter und findet um 15:30 ihren Abschluss bei der Dampfzentrale. Sie können sich wahrscheinlich bei jeder der noch folgenden Stationen anschliessen: 1430 sous-soul Junkerngasse, 1445 Erlacherhof, 1500 Matte Mühleplatz-

Zukünfte: 21. Oktober 2015

Miko Hucko am Mittwoch den 21. Oktober 2015

Als ich Back To The Future zum ersten Mal gesehen habe, also vor etwa 20 Jahren, da war für mich klar: Unsere Zukunft wird grossartig. Aber wie sie dann genau werden wurde, das war für mich natürlich nicht klar. Ich konnte mir einiges vorstellen, aber nicht das, was wir jetzt haben.

Seit die Highways wirklich in den Wolken hängen
ist in den Strassen wieder Platz für Menschenmengen

singen Ja, Panik – und sie haben völlig Recht. Seit 2001, quasi parallel zur Einführung des Euro, der Hoverantrieb für die breite Masse erschwinglich wurde, hat sich unser Stadtbild, ja, das Bild von ganz Europa, massgeblich verändert und mit ihm unser Verständnis von öffentlichem Raum und von Grenzen. Letzere sind zu aufwändig und schwerig erhaltbar geworden, und seit drei Jahren am Zerfallen (oder, haha, Zerfliegen).

Der öffentliche Raum wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts mehr und mehr zu einem Ort des Verkehrs, des Transits, der schnellsmöglichen Verschiebung von A nach B umstrukturiert. Flächen zum sein, hängen, spielen, treffen, tanzen waren wenige da im Verhältnis zu den Strassen, Autobahnen, Bahngeleisen, Fussgängerstreifen, Trottoirs, Parkplätzen, Velostreifen und Kreiseln.

Nach neusten Statistiken hat sich dieses Verhältnis im Laufe der letzten 14 Jahre verkehrt – auch wenn es mir selbst nicht so bewusst aufgefallen ist. Aber klar, wer käme heute noch auf die Idee, mitten durch eine Stadt, die nun mal zum Leben da ist, eine Hauptverkehrsachse zu bauen? Wahnsinn.

Am prägendsten in Erinnerung geblieben ist mir der Tag, als wir in ganz Europa die Autobahnnen schlossen. Ein Freudenfest, manche Partyumzüge dauerten mehrere Tage und einer dauert immer nocht an, quasi. Was eignet sich besser als Partymeile denn die lärmisolierte A1 Bern-Zürich?

Auch interessant ist, wie sich das Verständnis vom öffentlichem und individuellen Verkehr geändert hat. Es gibt einfach Gefährte in verschiedenen Grössen, von Einzeln bis zu Hunderten. Und alle, die einen entsprechenden Verkehrschip haben (und seien wir ehrlich, der ist ja billiger als anno dazual das Halbtax – wer hat schon keinen?), leihen sich ein Gefährt aus oder steigen mit ein. Weil Besitz nur Platz verschwendet.

 

Marty McFly und der Delorean. Kompostbetrieben, wie heute auch.

Heute ist der Tag, an dem Marty MacFly in der Zukunft landet – aus dem Jahr 1989. Die Zukunft ist also fast gleich alt wie ich.