Archiv für die Kategorie ‘Klassik & Jazz’

Auf ein neues – Musikfestival!

Roland Fischer am Mittwoch den 14. Juni 2017

Wie viele Musikfestivals hat Bern eigentlich? Die Kilbi mal nicht mitgezählt – Gurten, Jazzfestival, Jazzwerkstatt, und nun auch noch die grandiosen Moments of Music. Und, nomen es omen: das Musikfestival Bern! Das gibt es ab diesem Jahr nämlich auch wieder, und ab jetzt jedes Jahr, nicht mehr abwechselnd mit der Biennale Bern.

Heute ist das Programm raus – es wird gehörig irrlichtern Anfang September. Für neugierige Ohren ist da so einiges dabei zwischen neuer Musik, Jazz, Klassik und Soundkunst. Man darf sich dann zum Beispiel nicht wundern, wenn die Münsterglocken plötzlich ganz anders tönen. Oder wenn sich ungeahnte (und toll tönende) Hohlräume in der Lorrainebrücke auftun. Oder was passiert, when Schubert meets Schlagzeug meets Grosse Halle. Oder wie Endo Anaconda performativ den Durst löscht.

Das ganze Programm gibt’s hier. Man darf sich auch einfach auf das mobile Festivalzentrum «will­-o’­-the­-wisp» freuen, das die verschiedenen Festivallokalitäten kreuz und quer durch die Stadt gastronomisch auffrischt.

Kultur am Sankt-Immerleinstag

Roland Fischer am Donnerstag den 8. Juni 2017

Noch nichts vor am Wochenende? Dann empfiehlt sich ein Ausflug in den (unumstritten Berner!) Jura, nach Saint-Imier. Da geht am Samstag und Sonntag nämlich die HKB an Land, mit einem vielfältigen Kulturprogramm in allen möglichen (Leer)Räumen.

Allein der alte Schlachthof lohnt einen Besuch – so hat man Ende des 19. Jahrhunderts Industrie gebaut. Und so wird da in diesem Moment Kultur aufgebaut:

Es wird Kino fürs Ohr geben, Video-Transformationen, Klassik in der Fleischhalle, Theater Theoriediskurs zu anarchistischen Szenen, eine Begegnung von Microtonality und Jazz, das legendäre Reich-Stück Drumming und ein Musikexperiment mit der Bevölkerung. Und einen sehr charakteristischen Mikrokosmos zwischen Land und Stadt, Politik und Kultur.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Montag den 3. April 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

«Klassik im Dachstock.
Der Fokus mäandriert vom Funkeln der Diskokugel zu Mahler zu Rauchschwaden im Gegenlicht. Das leise Klimpern sorgfältig entsorgten Leerguts. Zwischenrufe aus dem Treppenhaus. Meiner sonntaglichen Stimmung bleibt der Rote und nichts mehr zu wünschen übrig.»

Eine Einsendung von Kea aka Anna-Pierina Godenzi. KSB dankt herzlich; wir wären wohl zu vercrackt gewesen heute. Und ein Sonntag ohne #BnB ist wie ein Montag ohne Beutel: say whaaat?!

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück erst nach Mitternacht.

The Guilty-Goa-Pleasure

Christian Zellweger am Donnerstag den 6. Oktober 2016

piet

Der Techno-Schamane Piet Jan Blauw scheint aus der Zeit gefallen. Abenteurliche Neon-Konstruktionen sind seine Spezialität und auch im Bad Bonn am Mittwoch hat er ein leuchtendes Monster aufgebaut. Daneben steht Julian Sartorius’ präpariertes Schlagzeug, der dritte im Bunde ist Bruno Spoerri, dessen Set-up aus Laptop und Saxophon auf den ersten Blick geradezu spartanisch aussieht.

Wenn die drei zum ersten mal überhaupt gemeinsam auf der Bühne stehen, kommt es schon auch vor, dass Blauw mal eben alles mit seinen Goa-Trance-Bässen und Lichtschwert-gesteuerten Synthies zuballert. Bei Spoerri und Sartorius provoziert das dann ein frustiertes Grinsen. Spass macht es aber trotzdem.

Wirklich interessant aber wirds in den subtileren Momenten. Wenn Spoerri seine Samples im Laptop mit weissen Handschuhen und der Computerkamera oder auch mal einem bewegunssensitiven Ball dirigiert etwa und Sartorius darauf reagieren kann.

Insgesamt ein schöner und kaum enden wollender Abend, irgendwo zwischen Guilty-Goa-Pleasure und richtig guten Improvisations-Momenten.

Die ganze verdammte Welt

Milena Krstic am Donnerstag den 29. September 2016

Unter dem Motto «Neues und Ungehörtes» trat gestern Abend der Akkordeonist Mario Batkovic im Kubus auf. Endo Anaconda kam dann auch noch.

Pünktchen und Anton, Batkovic und Anaconda – im Kubus.

Pünktchen und Anton, Batkovic und Anaconda im Kubus.

Es gab da dieses Portrait im «Bund» damals, in dem Mario Batkovic dem Journalisten erzählt, wie er früher an Apéro-Anlässen gespielt habe und sich mit der Rückenansicht der Anwesenden habe begnügen müssen. Wer findet denn noch die Zeit, sich während dem Cüpli–Stürzen und Blätterteigröhrli-Knabbern um das Hintergrundgedudel zu kümmern? Eben.

Aber der Batkovic, der hat sein Schicksal in die Hand genommen und kurzum sowohl sein Musikerdasein wie auch sein Hauptinstrument, das Akkordeon, revolutioniert. «Das Handörgeli gehört auf eine grosse Bühne», sagte er. Und tat es.

Der Kubus des Konzert Theater Bern jedenfalls war gestern Abend praktisch ausverkauft. In dieser Handorgel, die Batkovic umarmte, steckt tribalistischer Techno, da drin steckt himmelschreiender Gospel, heulender Blues und trunkener Folk. Also eigentlich steckt in diesem raupenartigen Wunderkasten die ganze verdammte Welt. Und vielleicht steckt diese ganze Welt ja in jedem Instrument dieser Erde? Es braucht aber immer jemanden, der obsessiv genug ist, diese da herauszumeisseln, Kitzeln allein wird da nicht genügen. Mario Batkovic hat seine Arbeit getan. Mit kindlichem Wunder im Gesicht präsentierte er sein Instrument: schaut, wie das röhrt und gurrt und knattert, schien er zu denken und spielte doch einfach nur.

Am Ende bat Batkovic das Publikum darum, mit ihm ein Selfie machen zu dürfen, «sonst glaubt mir das ja keiner.» Natürlich dürfen Sie, Mario. Sie dürfen alles.

PS. Da hab ich vor lauter Lobesgesängen fast den Endo vergessen, der sich zu Batkovics Publikums-Premiere am Piano (!) hat begleiten und zu einer, Zitat, «Spoken Word»-Einlage hinreissen lassen.

Und: Mario Batkovic war letzte Woche bei unserer Frau Feuz in der Sendung KultuRadar.

Gegen die Beliebigkeit

Mirko Schwab am Samstag den 6. August 2016

Demonstration vor dem Rathaus: Der Jazz ist nicht tot. Und auch nicht flüchtig. Haudenschilds Trio E:Scape hat gestern sein erstes Extended Play getauft.

MH

Michael Haudenschild zwischen Rhodes und Flügel.

Es tötelet ja immer mal wieder an einschlägigen Jazzfestivals. Entweder geben sich die Programmatoren dann klassizistisch-ignorant und schmeissen ein paar Tributabende für gestorbene Virtuosen. Auf der Bühne nicken sich ältere Herren wissend zu, schütteln die alten Tricks und Gimmicks aus dem Hemdsärmel, während sich ein ebenso altes, gutsituiertes Publikum selbst zunickt. Feeling wie damals in den verrauchten Jazzlöchern der Bopblüte, jetzt halt mit Rauchverbot und nummerierten Plätzen. Oder man gibt sich offen und verwässert den Jazzbegriff mit allerhand ungutem Ethno-World-Eso-Klimbim, um der alten Story verzweifelt so etwas wie Vitalität zu injizieren.

Dabei geht das ganz gelenkig. Und es ist der sensiblen Programmation am BeJazz-Sommer zu verdanken, dass dies Interessierte und Dahergelaufene am Freitagabend zur Hauptsendezeit erfahren dürfen. Nach dem obligatorischen Mikrofontest mit Verweis auf die etwas verwaiste Crêpes-Bude stehen also da: Pianist Michael Haudenschild, Bassist Benjamin Muralt und Paul Amereller am Schlagzeug.
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Songs from a room

Mirko Schwab am Donnerstag den 28. Juli 2016

Musik aus dem Schlafzimmer erobert die Welt. Dieser auf leisen Sohlen wandelnde Beitrag aus einem Kämmerchen in Bern-Weissenbühl vertont auch gleich, wieso sich der Begriff des «bedroom producer» gegen die innenarchitektonische Konkurrenz aus Küche, Bad und Wohnzimmer durchgesetzt haben könnte.

DH

Bei Dimitri Howald ist der Gsteiger’sche Dualismus in der Balance. Der junge Gitarrist könnte uns, wenn er wollte, mit technischer Brillanz aus dem Real Book vorlesen und dazu auf der untersten Saite nach New Orleans laufen. Ein Bewahrer ist er zum Glück nicht. Sein gestern veröffentlichter Wink aus dem Schlafgemach tunkt die Tradition in ein kühles Blau, das mehr Shoegaze ist als Blues. Treten Sie ein (und ziehen Sie die Schuhe aus!)

Computer, Interface, Klampfe: Nie zuvor konnte die Geste des Do-It-Yourself so niederschwellig ausgeführt werden. Aus den Schlafzimmern dieser Welt erreichen uns beflissene Produktionen, die, anders noch als in der ersten Hochblüte des popkulturellen Selbermachens, selten mehr knistern und knattern, rumpeln und rattern, sondern in ihrer produktionstechnischen Klarheit und Ästhetik kaum unterschieden wollen werden vom Klang grosser Studios. Aus den Schlafzimmern dieser Welt lassen sich Grammys gewinnen und Hitparaden erklettern. Das geht Howalds meditative Miniatur nur am Rand was an, deren Weg nicht in die weite Welt führt.

Aber hinein ins Schlafzimmer. Wie ein luzider Träumer scheint Howald barfuss durch die ausgesuchten Noten zu schlendern. Er offenbart damit die zweite Bedeutungsebene der Schlafzimmermusik, die Qualitäten des Intimen, Umnachteten und Flüchtigen anzeigend. Undenkbar, diese wunderbaren knapp vier Minuten in einem Wohnzimmer zu verorten. Salonmusik ists nicht, zu hartnäckig hängt die gesprächige Geselligkeit wie Spinnhumpeln von der Wohnzimmerdecke, zu gesellschaftlich wäre auch die Küche in ihrer funktionalen Überstelltheit. Nur aus dem Schlafzimmer erreicht uns eine solch private Musik.

Dimitri Howald ist Gitarrist und Komponist aus Bern und unterhält verschiedene musikalische Projekte, darunter auch eine eigene Trioformation. Deren Debut erscheint im November auf Unit Records.

Neu auch Menus im Zeppelin (und neue Musik)

Roland Fischer am Samstag den 28. Mai 2016

Der Koch kann zwar nicht so viel, aber was er kann, das kann er gut. Und sowieso: Liegt nicht in der Einfachkeit die wahre Kunst?

zeppelin

Musik gab’s gestern übirgens auch, vom umtriebigen Ensemble Proton. Bach und Neue Musik in der Quartierbar, ja das geht auch. Das geht sogar sehr gut, hat man sich sagen lassen, weil man zu spät war und das Konzert schon vorbei kurz nach neun. Das mit den Anfangszeiten müsste man vielleicht noch ein wenig anpassen, wenn man sich aus den klassischen Konzerthallen herauswagt.

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Heute abend übrigens schon wieder tolle neue Musik im Zeppelin: das Trio Murmur mit Rea Dubach, Laura Schuler und Klas Nevrin.

Kilbi-Flash

Christian Zellweger am Mittwoch den 2. März 2016

Eine kurze Meldung zur Kilbi nur (die Festivalpässe waren auf Starticket auch dieses Jahr innert Minuten ausverkauft, vielleicht gibt es am Nachmittag noch ein Tranche, es wäre nicht das erste Mal).

Schön sind dieses Jahr wiederum die Weirdos und Legenden: Booking-Coups sind zum einen die verrückten Noise-Japaner der Boredoms, zum anderen Manuel Götsching, mit Ash Ra Tempel einer der Godfathers des unsterblichen Krautrocks. Begleitet wird er von Ariel Pink, Oren Ambarchi und Shags Chamberlain.

Auch aus der Legenden-Ecke kommt etwa Techno-Pionier Andrew Weatherall, der ein sechstündiges DJ-Set mit Sean Johnston ankündigt.

Zeitgeistiges gibt es mit den Savages, Julia Holter, Floating Points, Car Seat Headrest und Ty Segall. Auch Saxophonist Kamasi Washington hat es auf zahlreiche Bestenlisten des letzten Jahres geschaftt – nicht nur als Kendrick-Lamar-Kollaborateur, sondern ungewöhnlicherweise auch mit seinem Dreifach-Jazzalbum über fast 180 Minuten.

Technoide Verstörung bahnt sich an bei den dunklen Texturen des Luzerners Samuel Savenberg alias s s s s, wegtanzen lässt sie sich beim unbequemen aber umso besseren Techno des Powell.

Dazu gibt es Weltmusik im besten Sinne etwa von Ogoy Nengo aus Kenia oder der Awesome-Tapes-from-Africa-Entdeckung Ata Kak und seiner Lo-Fi-Disco.

Und natürlich vieles mehr (Programm hier, die Seite sollte jetzt auch wieder funktionerien). Am Puls der Zeit, verstörend oder einzigartig: Kilbi at its best, merci Duex.

Happy Birthday, Hildegard!

Milena Krstic am Dienstag den 20. Oktober 2015

Am Eröffnungswochenende von Bee-Flat haben Hildegard lernt fliegen gespielt. Es war toll.

Das Turnhalle-Publikum gratuliert Hildegard.

Das Turnhalle-Publikum gratuliert Hildegard.

Ja, ja ich weiss, ich komme reichlich spät mit meiner Erkenntnis: Hildegard lernt fliegen ist eine wunderbare Band. Die ganze Stadt weiss es nämlich schon, wie die ausverkaufte Turnhalle am Sonntag bewies. Sowieso sei das ganze Bee-Flat Eröffnungs-Wochenende eine wahre Freude gewesen, wie einer der Veranstalter selig verkündete.

Die sechsköpfige Hildegard, die abenteuerlichste Jazz-Band im Berner Betrieb, sorgte für einen Sonntagabend im Freudentaumel: Andreas Schaerer, der auch an der Hochschule der Künste Bern unterrichtet, ist ein Unterhalter sondergleichen, trumpfte mit Anekdoten aus zehn Jahren Bandgeschichte auf («Damals, als wir in diesem schummrigen Schuppen in Russland gespielt haben …») und singt nicht nur waghalsig, sondern gibt auch schon mal den Frank Sinatra und hat einen Charme wie Queens Freddy. Am Ende hat er noch rasch das Publikum dirigiert, vierstimmig! Fast schon therapeutisch war das. Und alle waren ganz glücklich am Ende dieser Show. Jap. So macht experimenteller Jazz Spass.

Auf mindestens weitere zehn Jahre Hildegard!

Hildegard spielen ein Momentli lang gerade nümme in Bern. Alle anderen Livedaten hier.